Eine kurze Debatte ohne Tabelle von David Gieselmann und Dietmar Poppeling zur gestrigen dritten Show von „Unser Star für Baku“
Herr Poppeling, wir haben gestern zusammen „Unser Star für Baku“ gesehen, insofern haben wir schon ein paar Ideen ausgetauscht, aber für unsere Leser müssen wir nun ja irgendwo anfangen - daher also meine ganz banale Frage: Wir hat Ihnen die Show gestern gefallen?
Als Show alles in allem: Gut. Ich habe mich unterhalten gefühlt und einige gute Beiträge gesehen. Aber es muss nach all den Blitztabellendebatten nun auch einmal etwas gesagt
werden, was hier noch gar nicht zur Sprache kam: Das Moderatorenpaar ist unfassbar öde. Steven Gätjen hat eine emotionale Emphase, die einem seine Arbeit verrichtenden Nadeldrucker gleich kommt, und Sandra Ries‘ Begabung, mit den KandidatInnen nach ihren Auftritten auf dem Weg zum Green Room ein spontanes Gespräch in Gang zu bringen, strebt mit wehenden Fahnen gegen Null Komma Null. Das führt dann dazu, dass jeder, der gerade gesungen hat, unfassbar uncharmant heraus komplimentiert wird - nach dem buchstäblich gestern gefallenen Motto: „Ab mit dir in den Green Room!“. So hat das Gätjen gesagt, und bei allem versuchten ironischen Unterton konnte man zwischen und also auch in den Zeilen hören: Der will die Leute, die nebem ihm stehen, möglichst schnell loswerden. Und das beruht dann wohl auf Gegenseitigkeit. Gätjen hat für Pro 7 auch schon oft am roten Teppich von den Oscars berichtet, da rasen dann immer die Hollywoodstars an ihm vorbei wie Formel1-Boliden, weil der so sackdämliche Fragen stellt. Da zeigt sich dann schon, was man an Mathias Opdenhövel hatte, der auch unfassbar ödes Einerlei zum Event hochmoderieren kann. Ich erinnere mich nur an das „Grosse Knall-, Roll- und Fall-Spektakel“, wo alles daneben ging und Opdenhövel ungerührt seine Witze machte.
Wo wir schon bei Themen sind, die von uns beiden bislang vernachlässigt wurden, sollten wir auch ein paar Worte zur der Jury verlieren.
Die gefällt mir eigentlich zunehmend besser. Letzte Woche ging mir Thomas D ein wenig auf die Nerven, der bei diesen Vorfilmen zu jedem Kandidaten immer wieder sagte, wenn die oder der sänge, sei da eine grosse Tiefe. D war gestern differenzierter, man merkt ihm seine emotionale Beteiligung an, und das finde ich gut. Alina Süggeler dann, deren Musik ich wirklich grottig finde, hat sich in ihrer zurückhaltenden aber dennoch klaren Art, Tips zu geben und das Gesehene und Gehörte zu bewerten, als Gewinn für die Show heraus
gestellt, und Stefan Raab macht es auch nach wie vor gut, wenngleich er sich gestern in seinen Ausführungen zu Umut, er möge doch auch mal was Orientalisches und eben Türkisches singen, ein wenig verheddert hat. Wenn er noch 30 Sekunden weiter gequatscht hätte, wäre er womöglich in positivistischem Rassismus geschlingert. Das muss einem Raab, der fast jeden Tag vor der Kamera steht, nicht passieren. Sie, Herr Gieselmann - oder vielmehr David - haben letzte Woche geäussert, sie fänden wechselnde Jurys wir vor zwei Jahren besser?
Das muss ich nach gestern auch eigentlich revidieren, ich finde Sie haben Recht, die Jury hat sozusagen ihre Mitte gefunden und trifft inzwischen einen guten Ton. Insbesondere Alina Süggeler hat sich gestern als geschickt darin heraus gestellt, die jeweiligen Auftritte mit denen vor ein oder zwei Wochen in Beziehung zu setzen - das könnte den KandidatInnen wirklich helfen, was sie so sagt. Dass ihre eigene Musik ziemlich dämlich ist, finde ich im Übrigen auch, aber darum geht es ja nun nicht. Sie macht das gut.
Dann also zu den gestrigen Auftritten.
Hier, muss ich sagen, war ich gestern eher positiv überrascht: Die meisten waren besser als bei ihren jeweils ersten Auftritten - mit Ausnahme der beiden Sängerinnen, Rachel und Leonie, die später dann auch ausgeschieden sind.
Harte Worte, Rachel ist doch eine tolle Sängerin.
Ja, aber Herr Poppeling -
- ihr gestriges Lied war wirklich öde, ohne wirkliche Höhepunkte, der Song von Corinne Bailey Rae “Like a star“ ist so eine Art von Soul-Ballade, die nie die Intro-Farbe verliert und man irgendwann denkt: Wann geht es denn los? Die einzige Entwicklung, die in dem Lied steckt, ist, dass es dann zur zweiten Strophe eine Quart höher geht. Damit ist es dann schwer, als erste Sängerin etwas Erinnerbares auf die Bühne zu singen. Und Leonie Burgmer hat für meinen Geschmack gestern etwas zu sehr auf verrückte Nudel gesetzt. Ihre merkwürdige Art zu singen, hat vor zwei Wochen besser funktioniert. Da hat der Song auch immer wieder so Inseln gesetzt, in denen man dachte, die kann ja irgendwie auch, neben dem, dass sie merkwürdig singt, wirklich singen. Und Alina Süggeler hatte absolut Recht, als sie sagte, diese Verrückte-Nudel-Nummer hätte gestern inszeniert gewirkt.
Komplett einverstanden. Wer hat denn, werter Herr Poppeling, Ihnen gestern gefallen?

Mir ist aufgefallen, dass Sebastian Dey eigentlich der Einzige war, der wirklich einen bestimmten Popentwurf repräsentiert hat. Ich weiss noch nicht so ganz genau, ob der mir auch vorbehaltlos gefällt, aber er hat eben einen eigenen Song gesungen und war dann mit den Heavy Tones in einer Art deutschem Songwriting-Soul-Pop gelandet, der auf seine Art und Weise prächtig funktioniert. Es ist nicht ganz so meine Wiese, aber er hat keinen Karaoke-Auftritt gezeigt, er hat eine Popmusik vertreten, die er imstande ist, in die Tat umzusetzen. Wie fandest Du ihn?
Mir hat das auch gefallen, und in irgendeiner Form ist das dann auch eine deutsche Popmusik, die man so noch nicht gehört hat. Man fragt sich natürlich unweigerlich: Ist das mit Eurovision Songcontest kompatibel? Und soll man sich diese Frage stellen? Tatsache ist, dass er tatsächlich für eine Idee einsteht, wie man Pop machen kann, völlig richtig. In diesem objektiven Sinne war er der Beste.
Am besten gefallen hat mit dennoch Shelly mit „Fuck You“, weil das auch geformt war und sein Understatement hatte und eben schon auch für eine Musik einstand, die man so oder so finden kann. Man könnte höchstens sagen: Der Pop, der sich hier zeigt, ist dem einer Lena Meyer-Landrut nicht so irrsinnig fremd, aber auch hier stellt sich wieder die Frage, ob man diese Frage überhaupt stellen soll, denn ganz sicher macht Shelly nicht auf Lena, und man würde diesem Mädchen zusammen mit Thomas D durchaus mehr Mut zutrauen, nachher eine Platte zu machen, die dann auch ein wenig Ecken und Kanten hat und nicht so durchlässig schimmert wie der funktionale Easy-Listening-Pop von Lenas beiden Platten. Was sagen Sie zu Yana?
Sie hat mit „Roxanne“ sicherlich eine für eine 20-Jährige mutige Song-Wahl getroffen, zumal sie letzte Woche ja etwas völlig anderes gemacht hat - britischer Autorinnen-Blubberpop mit schmissigem Rap-Part; „Roxanne“, ganz nebenbei bemerkt, hat gestern auch zum ersten mal den „Heavy Tones“ deren Grenzen aufgezeigt: Ihr Versuch, Police zu spielen, hatte trotz gestochener Bläser den Charme einer Abi-Band. Diese Tom-Patterns von Stewart Copeland, dieses griffige Riff von Andy Summers mit diesen gegenläufigen Bass-Halb-Slaps von Sting - das kann einfach niemand so groovig wie die Originalbesetzung. Yana aber hat eine coole Rockröhre, sie hat das Lied spitze gesungen, da kann man wenig meckern.
Und Roman? Zu dem muss man wohl sagen: Da sind wir beiden, die Herren Gieseling und Poppelmann, nicht die potentiellen Kunden eines Jungen, der natürlich gut singen kann und wohl süss ist, der aber irgendwie auch gestern mit „Easy“ ein wenig den Rotz und Schmutz vermissen liess. Ich fand ihn öde, aber er muss wohl als Favorit gelten.
Er, Yana und Shelly.
Sie sagen es, Sie sagen es. Und im Übrigen, Herr Poppeling, ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe mich nach einigem Hin und Her dazu entschlossen, das Album von Lana Del Rey heute NICHT zu kaufen.
Ich habe es schon, aber nicht gekauft. Sie brauchen es nicht, Herr Gieselmann, es ist nicht so gut, wie sich viele erhofften.
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Dietmar Poppeling, ehemals Pop-Beauftragter der Bundesregegierung, ist Pop-Produzent und -theoretiker und insbesondere bei Grand-Prix-Fragen gern gesehener Gesprächspartner hier im Popticker. Er ist bei Facebook zu finden und < hier > ist seine Diskografie.
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