Aufmerksamkeitsmanagement // In Zeiten der Omnipräsenz der Medien ist die Aufmerksamkeit, die eine Person im Fernsehen erzielen kann, ein seltenes Gut, eine Ressource also, die man verwalten, managen kann. Unseliger Weise war es die Musikindustrie, die als erste Verstand, daß man, wenn man die Aufmerksamkeit chronologisch kanalisiert und damit dramaturgisch strukturiert, Kapital daraus schlagen kann, und sie erfanden die Castingshows. Hier wird Aufmerksamkeit, die den jeweiligen Kandidaten zuteil wird, vermarktet, und um sie zu erzielen, ist diesen Kandidaten zunächst einmal jedes Mittel erlaubt: Singen, Sex, Tumbheit - egal. Um dennoch die Illusion hochzuhalten, es ginge um Musik, wurde dem Zuschauer, dessen Aufmerksamkeiten durch die Telekom gemessen wird, ein Kompetenzteam zur Seite gestellt, welches Jury genannt wurde - deren Urteil freilich spielt in den meisten der verschiedensten Reglements nur eine dem anrufenden Zuschauer untergeordnete Rolle. Die Jurys in dem Dilemma durch die Illusion, es ginge um Musik, begründet zu sein, erfanden rationale Kriterien, die einem angeblich Zugang in die Welt des Pops gewähren: Singen können, tanzen können etc. Dabei war und ist Qualität natürlich niemals ein Kriterium von Pop. Unabhängig davon hatte die Musikindustrie mit dem Boom dieser Shows ein ungeahntes Problem: Sie schalteten wochenlange Werbeblöcke für Produkte, die es zum Zeitpunkt dieser Werbung noch gar nicht gab, denn diese Produkte sind die Platten derer, die zur Belohnung für die wochenlangen Strapazen eine machen dürfen. Um diese Platten zu produzieren bleibt dann weniger Zeit, als es zuvor für die Werbung gab, und dieser Umstand hat dazu geführt, daß weltweit noch keine Castingshow in der Lage war, Musik hervorzubringen, die über das Besingen kalt vorproduzierter Hit-Ladenhüter-Tonspuren hinaus geht. Ausnahmen bilden allenfalls Will Young und Lena Meyer-Landrut.
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Der Phrasenschutzwall der Kanzlerin
Wenn man nach einem Wahlabend das tut, was ich eigentlich fast nie tue, nämlich die Perpertum-Mobile-Talk-Schleifen der öffentlich-rechtlichen GEZ-Nutzniesser zu verfolgen, bekommt man unweigerlich das Gefühl, Zeuge eines Talk-Schutzwalls rund um Angela Merkel zu werden. Ehe die Bundeskanzlerin das erste Mal vor die Kamera tritt, hat das das ewige Geschwafel der gestrigen Verlierer-CDU, die Niederlage habe natürlich nichts mit Frau Merkel zu tun, Mantra-artige Auswüchse genommen. Wenn all die Dünnbrettholzbohlen dann um Angie geschichtet sind wie die Schutztürme um die grünen Schweine bei Angry Birds, tritt Merkel derart unbeeindruckt vom Wahlgeschehen vor die Kameras, als lobe sie das Jubiläum eines Provinzbahnhofes. Sie halte natürlich an ihrem Kurs fest, ist dann die Botschaft, und diese nächste Stufe der Rhetorikraketen wird dann ebenso gebetsmühlenartig und artig gezündet, bis man vor lauter Kurs halten selbst als Opposition zur Überzeugung gelangen muss, es müsse wohl auch einen Kurs geben. Ursula von der Leyen enthebt bei Jauch ihre Chefin dann derart jeder Verantwortung, dass man das Gefühl bekommt, sie spräche von einer Art Päpstin mit umfassender Verantwortungsimmunität. In der Jauch-Talkshow wurde dann unentwegt die heutige Plasberg-Talkshow beworben, als wolle sich die ARD schon live entschuldigen, dass die Phrasenverwertungsgesellschaft heute nur Phrasen verwertet und es bei Selbigem vielleicht erst am nächsten Tag mal wieder zu unterhaltsamen Konflikten kommt. Jauchs Gesprächsrunde wirkt so virtuell und wenig virtuos wie die künstlichen Geigen seiner Titel-Melodie.
Während ich mich erinnern kann, in den 80ern noch bis zehn Uhr aufbleiben zu dürfen, weil immer noch nicht fest stand, wer denn eine Wahl gewinnen würden, setzt 2012 bereits Um 18 Uhr und 12 Minuten die Historisierung ein, wenn diese sinnlosen Schalten stattfinden, bei denen völlig überraschender Weise heraus kommt, dass um 18 Uhr bei Verlierern Fassungslosigkeit und bei den Siegern Jubel herrschte. Dann wird nach ersten Reaktionen gefragt, und schon eine halbe Stunde nach der ersten Prognose wird nach Reaktionen auf Reaktionen und Konsequenzen aus den Reaktionen auf die Reaktionen aufgrund des Wahlergebnisses gefragt. Dazu passt dann, dass die behämmerten Piraten inzwischen live aus Talkshows twittern und auf Twitter live talken. Und die Zahlenexperten präsentieren Umfrage-Ergebnisse auf derart spezifische Fragen, die angeblich das Ergebnis erklären, dass man sich nicht wundern würde, wenn plötzlich postuliert würde, dass wer zum Mittagessen Fanta trinke, eher CDU wählt als Die Linken. In dieser RAN-Daten-Politik-Simulation hat es sich Angela Merkel inzwischen so bequem gemacht, dass man fast vergessen könnte, dass sie nicht gesetzt und wähl- bzw. abwählbar wäre. An Merkel hat man sich schon fast so sehr gewöhnt wie anno dazumal an die Birne.
Jauch fragt Ursula von der Leyen, wen sie anrufe, wenn sie eine dringende Frage an die FDP hätte, und man bekommt bei diesem sinnlosen Geschwafel Anarcho-Phantasien und wünscht sich vom ganzen Herzen, Leyen würde mal aus dieser ironiefreien Zone ausbrechen und plötzlich antworten, sie würde, wenn sie eine Frage an die FDP hätte, Joschka Fischer über Oiuja-Brett kontaktieren. Oder Trittin würde aufspringen und Herrn Rösler anpöbeln, er solle mehr Heidegger lesen. Man will einfach, dass irgendwas passiert, dass garantiert nicht passiert. Wie sagte doch aber neulich Angela Merkel: „Mein Leben ändert sich doch jeden Tag. Ich bekomme neue Probleme und werde älter.“
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Wenn man den Aufwand betrachtet, den Thomas Dolby mit Geräten der Nullerjahre betreibt, um seine Musik live zu spielen, begreift man erst, wie sehr seine Musik der 80er seinerzeit seiner Zeit voraus war. Diese Aufnahme hier stammt aus seinem Podcast. Er spielt, ganz alleine, seinen grössten Solo-Chart-Erfolg.
Perlen im Datendschungel 29: Thomas Dolby "She Blinded Me With Science" (live in Chicago, 2006)
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Der Popticker hat sich in den letzten Jahren des öfteren als Skeptiker gegenüber der Urbanisierung der heimischen Kaffeeproduktion vorgetan und die so genannten Kaffeepads (siehe auch -> Pads) in ein kritisches Licht gerückt (Vorschlag für einen Fachbegriff: Padskepsis). Um so absurder mag es anmuten, dass der Popticker nun schon seit genau einem Jahr im Besitz einer Kaffeemaschine ist, die mit eben diesen Kaffeepads betrieben wird: Die WMF1. (Fachbegriffsvorschlag: Padskepsisüberwindung) Eins, das suggeriert natürlich erst einmal, dies sei die an und für sich erste Kaffeemaschine, die diesen Namen auch verdient, und so gibt sie sich auch ein wenig. Eins steht hier aber wohl auch für „eine Tasse“, denn die Maschine ist zur Zubereitung genau einer Tasse, und sie hat zu diesem Zwecke auch nur eine Taste. Man tut also Wasser und einen Pad rein und drückt diese eine Taste und hat nach einer Minute eine Tasse Kaffee. Eine Taste, eine Minute, ein Kaffee. Die WMF1 ist zudem der Triumph des Apple-Designs: Sie sieht aus wie ein iPod, und wenn man die Taste gedrückt hat, und die eine Minute warten muss, pulsiert die Taste weiss wie die Ruhezustandsanzeige eine Macbooks. Es würde demnach auch nicht verwundern, wenn man die WMF1 in den nächsten Jahren auch jeweils leicht überarbeiten, relaunchen würde und die Maschinen auf kurz oder lang mit Internetanschluss und iTunes-Software ausliefern würde. Oder aber man geht den umgekehrten Weg und erklärt die WMF1 für perfekt und lässt sie Jahre, Jahrzehnte gar, wie sie ist. Es kann an dieser Stelle jedenfalls berichtet werden, dass die WMF1 einen guten Maschinenkaffee brüht, dessen letztendliche Qualität allerdings klarer Weise mit der Qualität der Pads steht oder fällt. Ganz unabhängig davon ist und bleibt die WMF1 eines faszinierende Maschine, die von Fetischisten hergestellt zu sein scheint: Das Brühen einer Tasse dauert, wie soeben gestoppt, exakte 60 Sekunden.
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... ist das neue Cool?
Norah Jones gilt als so uncool, dass der Spiegel-Rezensent ihres neuen Albums sich einer List bediente, um die neue Platte gut zu finden, und trotzdem vor sich selber bestehen zu können: Das Album „little broken hearts“ sei in Wirklichkeit eine Danger Mouse-Platte, auf der Norah Jones zu Gast sei. Das ist natürlich purer Selbstbetrug und in seiner dogmatischen Norah-Jones-Ablehnung völlig peinlich - Tatsache ist, dass Danger Mouse als Produzent durchaus seine Spuren in der Musik von Jones hinterlassen hat; aber natürlich ist das ihre Platte, ihre Musik und der recht neue Sound vor allem ihr Werk. In den soften Jazzfolk der unfassbar erfolgreichen Sängerin, Songschreiberin und Keyboarderin mischten sich schon auf den letzten beiden Platten, in deren Verlauf sie auch ihre Band komplett auswechselte, Flowerpower Harmonien und -Effekte, die Danger Mouse nun noch mit einigem elektronischen Spirenzchen, Beats und Gitarren unterstreicht. Zudem schiesst er Jones‘ Stimme hin und wieder durch leicht verfremdende Effekte, wodurch das Album hier und da ein wenig moderner klingt - aber das ist bei allem Respekt für Danger Mouse in Wirklichkeit Pipifax.
„Little Broken Hearts“ lässt den Pop deutlicher durch die Hintertüren, die bei Norah Jones schon immer offen standen, andererseits wirkt die Musik aufgeladener, nachdenklicher, trauriger. Aus diesen beiden scheinbar widersprüchlichen Tendenzen, deren Ursprung im Songwriting zu suchen ist, schichtet sich das Album zu einem sehr homogenen Ganzen, ohne die einzelnen Lieder nur als Teil eines Albums zuzulassen. In den besten Momenten erinnern die Stücke auf ähnliche Weise an trockene Soundtrack-Perlen eines Roadmovies, wie das auch schon bei der Pseduo-Filmmusik und von „Rome“ der Fall war (- auch eine Norah Jones / Danger Mouse -Kollaboration zusammen mit Jack White und Daniele Lupi, bei dessen fiktivem Filmgenre weniger ein Roadmovie denn ein Spaghettiwestern Pate stand). "Little broken hearts" ist eine Norah-Jones-Platte über gebrochene Herzen - nicht mehr und nicht weniger.
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„Unser Star für Baku“ und seine erste Langspielplatte
Roman Lob hat sich im Bezugssystem Casting-Show ziemlich viel Zeit für seine erste Platte gelassen: Zwei Monate hat er den Hype, der ohnehin nicht ganz so riesig war, vor sich hin sprudeln lassen und ausser ein paar Facebookeinblicke in die Studio- Arbeit nicht viel von sich hören lassen. Dann erschien im letzten Monat „Changes“, und es ist dies eine Platte geworden, gegen die man nicht viel sagen kann, für die man aber auch nicht unbedingt eine Eruption an Begeisterungsstürmen empfindet: Thomas D, Lob und einige versierte Studiomusiker bastelten einen Reigen an Songs zusammen, der sanft auf verschiedenen Pop-Stilen surft, um die Möglichkeiten des Lobschen Gesangs auszuloten. Es sind die Powerballaden dabei, mit denen er sich auch in den Castingshow-Auftritten profilierte, es geht mit dem Titelsong „Changes“ ein wenig in Richtung tanzbaren Diskosouls, der auf sympathische Weise an Justin Timberlake erinnert; „Something Stupid“ dotzt wie fröhlicher Folkpop durch die Boxen, und der Song hat einen einprägsamen Refrain - aber irgendwann denkt man dann auch: Mh. Alles ganz nett, aber so richtig zünden, so richtig hängen bleiben will hier nix. Es fehlen wirkliche Ausbrüche in irgendwas Originäres, ein freches Ding, ein plötzlicher Ska-Song, ein überraschender Jazzpop-Einschlag, eine Idee, die mal über versiertes Studiohandwerk anhand von Songs, die verfügbar waren, hinaus geht (und ja: Lena hatte solche Lieder auf ihren Debut - „Not Following“ oder „I just want your Kiss“ beispielsweise). Lobs Album bleibt irgendwann auf halber Strecke in gefälligem Easy-Listening stecken; und trotzdem: Wir haben mit „Standing Still“ den vielleicht besten Song im Eurovision Songcontest, den wir je hatten.
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Startguthaben // Vielleicht ist die Idee des Startguthabens ja tatsächlich ein Indiz für die Tatsache, daß der Mensch einst Sammler und Jäger war, denn obgleich man das Startguthaben eher beim Sammeln zum Einsatz bringt, liegt in ihm die Idee, der Sammelnde möge dieses sein Sammeln als Jagd begreifen. Das Prinzip ist ganz einfach und hinlänglich bekannt: Wer etwas zu sammeln beginnt, dem wird seitens des Anbieters des Sammelgutes gleich zu Beginn ein Kontingent zur Verfügung gestellt, auf daß er nicht bei Null seine Sammlung startet (aktuelles Beispiel: Das Paninisammelalbum zur möglichen EM bekommt man mit 12 Klebebildern). Man kann sich aber zum Beispiel auch bei bei der Bahn zum Sammelprogramm bahn.bonus anmelden (nicht zu verwechseln mit bahn.comfort, auch wenn in beiden unverständlicher Weise ein Binnen-Punkt steckt), und bei bahn.bonus gibt es tatsächliche Prämien, die über das demütigende Anrecht, Nicht-bahn.comfort-Fahrer von bestimmten Sitzplätzen zu vertreiben, hinausgehen - sprich: Sachpreise. Die Bahn also verspricht jedem Neusammler ein, ihr ahnt es, Startguthaben.
Der Boom des Startguthabens begann aber eigentlich in einer leicht variierten Funktion in der Mobilfunkbranche: Dort gibt es nach wie vor meist ein Starguthaben bei den Vorrauszahlungskarten (Prepaid-Karten). Wer vertraglich ungebunden einen im voraus bezahlten Betrag mobil abtelefonieren möchte, dem zahlt der Anbieter meistens den ersten Vorausbetrag selber. Aus dem Startguthaben-System (wäre der Popticker der Spiegel, spräche er sogleich von der "Generation Startguthaben"), ergeben sich ungeahnte Übertragungsformen, welche die dahin siechende deutsche Konjunktur erheblich ankurbeln könnten, dann nämlich wenn sich Banken auch zu Startguthaben durchringen könnten: Wer ein Girokonto eröffnet, dem zahlt die Bank gleich einen Betrag auf dieses Konto. Das würde mit Sicherheit zu Zweit-, Dritt- und Viertgirokonten vieler Bürger führen. Das dadurch frei gesetzte Geld würde die Geiz-ist-geil-Mentalität endlich beenden und automatisch wirtschaftlich zirkulieren. Andererseits ergäben sich neue Arbeitsplätze in den Banken, die die schiere Masse an Girokonten ja irgendwie verwalten müssten. Der Popticker beantragt hiermit sofortigen Patentschutz auf das Girokontostartgutbaben.
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... heisst das Lied des neunten DSDS-Siegers: Is' gebongt.
Popthentizität // Ob zerstörte Ehen, von denen der Hörer weiss, oder street credibility: Pop braucht Ehrlichkeit; und Pop und Authentizität, das ist erst einmal ein Gegensatzpaar. Die Künstlichkeit von Popmusik, jenes ganz und gar irreal oberflächliche Medium, ist so evident, dass man die InterpretIn ja eben gerade als Popstar verehren will - unabgelenkt ob deren störender Privatheit. Trotzdem versucht der Popinterpret als Künstler, sich in irgendeiner Form in der Musik wieder zu finden, und der Hörer verlangt nach einem irgendwie gearteten Konzept, dass dies geschieht - rein maschinierte Musik, wie im Techno teils versucht, hat sich als Irrweg erwiesen. Da sie also zunächst ein Widerspruch zu sein scheint, liegt es nahe, der Authentizität im Pop einen eigenen Begriff zuzuweisen. Hier ist er: Die Popthentizität.
Die Popthentizität ist ein relativ zentraler Bestandteil der heutigen Popmusik. In Zeiten, in denen die Popkultur sich durch uniformierte Träger definiert, deren Inhalte den Träger individualisieren (Klingeltöne auf Handys, mp3s auf iPods, Handyschmuck an Handys), bedarf es einer Absicherung, dass ein Popstar als solcher auch noch eine private Identität hat. So leben Castigshows ja gerade aufgrund des Reizes, dass die Kandidaten zu Beginn der Behauptung, sie könnten es zum Popstar schaffen, es eben nicht sind, und dass sie ein Teil dieser Verheissung im Normalen in ihr Popstardasein mitnehmen - wie das zum Beispiel allen Unkenrufen, sie sei überheblich geworden, zum Trotz, Lena Meyer-Landrut gelungen ist. Andere Stars wie zum Beispiel Robbie Williams leben unter auch davon, dass man weiss, dass der da oben stellvertretend für mich und Millionen anderer durch Himmel und Hölle gegangen ist und nun - unabhängig von der Banalität seines Singmaterials - davon berichten kann. Dem popthentischen Popstar steht einerseits das Heer gänzlich virtueller Klingeltonperformer wie dem bekloppten Frosch, Schnuffel oder dem ruppigen Schaf entgegen - und andererseits anonymisierte US-Popstars, die sich in reiner und realitätsferner Lifestyle-Inszenierung ergehen (beispielsweise Lil Wayne oder Rihanna). Die Popthentizität erscheint hierbei als Definitionsrahmen zweier völlig gegenläufiger Tendenzen im Pop: Ihr vollständiges Verschwinden und ihr Triumph. Der Moment, wo sich diese beide Kulturen von Pop diametral gegenüberstanden war im Mai 2005, als der bekloppte Frosch Coldplay von der Spitze der britischen Charts vertrieb. Die nach Popthentizität sehnsüchtigen Hörer verstanden die Welt nicht mehr.
Dass man für heutigen Pop ein Mass an Popthentizität benötigt, beweist nicht zuletzt das Scheitern des aktuellen Madonna Albums: Die auf den Oberflächen des Pop inszenierte Super-Woman ohne Alter und mit erotischer Verheissung nervt selbst Hardcorefans - hätte Madonna doch als berühmteste Frau des Planeten und alleinerziehende Mutter sicherlich Interessanteres zu erzählen als von Teenagerinnen, die sich vornehmen, crazy durch die Nacht zu tanzen.
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David Gieselmann, popticker@piximail.de
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