Dietmar Poppeling und David Gieselmann plaudern über „Unser Star für Baku“, „Voice of Germany“ und Whitney Houston
Herr Poppeling - nachdem wir nun eine Show von „Unser Star für Baku“ unreflektiert haben geschehen lassen, können wir uns heute den Mund fusselig quatschen: Whitney Houston ist gestorben, die Grammys wurden verliehen, „Voice Of Germany“ ist zu Ende gegangen und last but not least ist eben auch fast der oder die Kandidatin für Baku gefunden worden.
Der Tod von Whitney Houston hat mich tatsächlich unendlich traurig gestimmt. Weil ihr Werk eben auch ein uneingelöstes Versprechen war. Sie war in der Lage, unendlich mittelmässige Lieder zu unfassbarem Schmachtpop hochzusingen, ganz einfach weil sie das konnte wie sonst fast niemand in der Popgeschichte: Singen. Ihre Stimme, und ich habe sie tatsächlich einmal live gehört, so Ende der 80er, Anfang der 90er in London, war zweifelsohne von einzigartiger Grösse und Würde. Ihre ganzen schrecklichen Eskapaden und Drogengeschichten haben sie ausgehöhlt aber auch auf eigenartige Weise menschlich gemacht. Wenn sie jemals wieder zu Stimme und wirklicher Popmusik gefunden hätte, wäre das vielleicht die grossartigste und wunderbarste Musik geworden, die man sich überhaupt vorstellen kann, wenn sie von dem gesungen hätte, was sie erlebt hat. Was nun immer gesagt wird, dass von ihr die Lieder bleiben werden, ist natürlich richtig, aber man hätte dieser Frau gegönnt, sich noch einmal aufzuraffen und etwas ganz anderes zu probieren. Ihr Tod mahnt dabei auch noch mal, dass dieser ganze Pop-Glamour, den wir als Hörer so sehr lieben, eben auch auf einer Struktur von Lügen beruht: Diese antiseptische, hygienische Schönheit, die gerade dieser Spielart des Soulpop, den Whitney Houston erfunden hat, inne wohnt, ist in Wirklichkeit nicht vorhanden oder eben von innen heraus nicht Wirklichkeit. Pop ist ein Business, das kaputt brennen kann, nach wie vor, und es wird nie anders sein. Das sieht man dann auch an dieser Grammy-Zeremonie, dass alle weiter machen und aber aber eben noch daran erinnert worden sind, dass es immer ein Tanz auf dem Vulkan ist, der da vorgeführt wird. Da passt es dann, dass ausgerechnet Adele die grosse Gewinnerin dieses Abends ist, einen Tag nach dem Tod Houstons: Ihre Nonchalance, sich dem Rollenspielen zu verweigern, einfach nur zu singen und gigantische Songs zu schreiben, lässt hoffen, dass hier jemand am Drücker ist, der genug Grösse hat, sich dem ganzen Wahnsinn auch zu entziehen und ein einigermassen normales Leben zu führen.

Dann lassen sie uns doch direkt zu „Unser Star für Baku“ übergehen.
Gerne.
Gestern sind noch mal zwei Kandidatinnen ausgeschieden: Shelly und Yana. Im gewissen Sinne unsere beiden Favoritinnen, wir könnten heute traurig sein.
Ich bin mir seit geraumer Zeit sicher, dass Roman gewinnen wird, und in welcher Reihenfolge die anderen Kandidatinnen ausscheiden, ist in gewissem Sinne dann auch Makulatur. Dass ich also traurig bin, kann ich nicht sagen, obgleich ich glaube, dass Shelly Philips das meiste pop-künstlerische Potential hat - vielleicht aber auch nicht für den Songcontest. Sie ist schon irre eigen und hat gestern den Wettbewerb verlassen mit dem verbleibenden Eindruck, dass sie sich sieben, bzw. sechs Shows lang in vielen Nuancen und Richtungen ausprobiert hat, aber keinen Weg auch wirklich zu ende gegangen ist, dass sie nicht wirklich ihr gesamtes Potential ausgeschöpft hat. Der gestrige, von ihr geschriebene Song war mir dann auch eine Spur zu low, zu naiv, zu unfrech, schwach. Das sind vielleicht harte Worte, ein so persönliches Lied abzukanzeln, aber wer es in einer Fernsehshow so weit bringt, den muss man auch beurteilen dürfen. Sie hätte zudem auch schon am Donnerstag raus sein können, nachdem sie bei „Can‘t take my eyes off of you“ wirklich sehr schief gesungen hatte. Ich würde mich wirklich freuen, von dieser Shelly noch mal was zu hören, aber irgendwo ist sie auch kein Star für Baku. Und was nun Yana anbelangt, so muss man auch sagen, dass hier ein junges Mädchen ausgeschieden ist, das diesem ganze Wahn vielleicht auch noch nicht ganz gewachsen gewesen wäre - nach Baku fahren, sich ständig irgendwo zu irgendwas zu äussern, Pressekonferenzen, Auftritte und schliesslich vor Millionen von Leuten aufzutreten - alles in allem sehe ich diese Yana nicht in diesem Umfeld. Denken Sie nur noch einmal daran, was Lena in den Tagen vor dem Contest in ganz Oslo für einen Glamour verbreitet hat. Dass Yana gestern nun ausgerechnet ausgeschieden ist, nachdem sie in der ersten Runde Adeles „Rolling in the deep“ wirklich gut gesungen hat und damit ihren zweibesten Auftritt hatte, ist ein wenig Ironie des Schicksals- insgesamt wirkte sie gestern aber ein wenig ausgebrannt, müde, sie hatte einen Castingshow-Lagerkoller, und wer will ihr das verübeln?
Wir haben an dieser Stelle fast noch nie eingängiger über Ornella Di Santis gesprochen, das sollten wir nun, da sie im Finale steht, einmal tun.
Mir fällt zu ihr nichts Rechtes ein. Was sagen Sie denn, Herr Gieselmann?
Man kann ihr fast nichts vorwerfen: Sie singt, wie das immer auch von der Jury gesagt wird, fast immer perfekt, aber: Was ist schon perfekt? Und: Was bringt Perfektion im Pop? Nicht viel. Irgendwie ist diese Ornella wie eine Nummer 1 der Weltrangliste im Tennis, ohne dass sie je ein Turnier gewonnen hat, aber sie ist eben auch konstant, sie war nie peinlich, falsch oder lag daneben. Aber ich finde sie langweilig.
Ich bin natürlich gespannt, was sie für sie nun für Lieder haben, wie überhaupt es ja nun im Finale noch mal um ganz andere Dinge geht: Um Lieder. Wie Thomas D gestern erklärt hat, haben sie für jeden der gestrigen vier KandidatInnen schon die drei Lieder ausproduziert, die wir dann am Donnerstag live zu hören bekommen, und die wir dann auch nachts schon auf iTunes kaufen können. Die sechs Songs für Yana und Shelly landen jetzt erst mal auf dem Müll oder in einer Schublade, das würde mich aber trotzdem viel mehr interessieren, was für Songs man für die gehabt hätte, aber nun gut: Der Zug ist jetzt erst
mal abgefahren. Alles in allem scheint Raab mit seiner Brainpool-Firma genug Leute zu kennen, die genug Lieder schreiben, damit man welche für ein solches Finale hat. Jetzt kommt noch Thomas D hinzu. „Satellite“ war ein Glücksgriff, Lena war ein Glücksgriff. Was hat man nun für Roman und Ornella? Das finde ich jetzt schon spannend. Vielleicht sind Songs dabei, mit denen uns Ornella überzeugen wird. Bei Roman muss man nur hoffen, dass es nicht so nickelbackig wird. Immer, wenn er wie Nickelback klingt, ist es furchtbar.
Nickelback IST furchtbar.
Richtig. Überhaupt ist es nicht leicht, ein Song-Genre für Roman zu benennen, weil er weder für einen gradlinigen Rock einsteht - noch für spielerischen Pop oder Soul oder so. Er braucht ein Lied, auf dem er sich sicher fühlt, das catchy ist, auf dem seine Stimme brillieren kann, dann hätte er Format, das auch beim Contest Bestand haben könnte.
Wir sprachen gestern auch noch einmal darüber, dass das Niveau bei „Voice Of Germany“ insgesamt höher war, bessere Leute waren im dortigen Finale.
Das kann man auch nicht so pauschal sagen. Die Gewinnerin Ivy Quainoo ist grossartig, so jemanden gab es tatsächlich nicht bei Raab und Thomas D in diesem Jahr. Aber dass nun alle sagen, wie super diese Show ist, und wie mittelmässsig „Unser Star für Baku“ sei, ist auch wieder blöd. Vergessen wir nicht: Stefan Raab ist auch vor zwei Jahren kritisiert worden, aus allen Richtungen, die meisten selbst ernannten Congcontest-Experten haben Lena nichts und wieder nichts zugetraut - allem voran dieser Feddersen, der mich und Ihren Popticker beflissentlich ignoriert, angeblich wurden in den dortigen Kommentaren auch schon Verlinkungen zu uns gelöscht - und was geschah? Lena gewann! Warten wir ab, was dieses Jahr geschieht. Und zu Voice Of Germany sei auch noch mal gesagt: Xavier Naidoo hat mit seinem Schüler „Paint it black“ gesungen, und die beiden haben nicht einen Funken von dem verstanden, wovon der Song handelt. Sie haben es so gesungen: Oho, Tirili! Wie schön ist die Welt! Dabei geht es dabei ja um eine Depression. Das sind Sachen, die müsste man mal Herrn Naidoo einmal beibringen oder auch diesen Cowboys mit ihrem Genre-Karaoke-Cover-Klimbim. Sei‘s drum. Ich bin jetzt einfach gespannt auf die Songs am Donnerstag und freue mich sehr drauf.
Wir haben in diesem Jahr aber auch viel kritisiert.
Das haben wir, dazu stehen wir auch, keine Frage - aber vielleicht wird es doch wieder alles ganz anders kommen, als wir es dunkel gezeichnet haben. "Unser Star für Baku" ist nicht so schlecht, wie viele, auch wir, gesagt haben, und bei "Voice Of Germany" wird auch nur mit Wasser gekocht. Schaun wer ma. Vielleicht gewinnt Ornella. Der Lutsch ist noch nicht gedroppt.
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