ICH ! WAR ! DA !
Ich möchte mich um Gottes Willen nicht mit dem Dschungelcamp beschäftigen, aber gestern beim Zappen ist mir aufgefallen, dass auch jenseits des Dschungels, ganz allgemein also im B-Mediendschungel, zunehmend von Menschen berichtet wird, weil sie etwas gewesen sind - nicht weil sie etwas sind. Das Gewesene kann hierbei interessanter Weise unabhängig davon, wie lange es zurück liegt, konserviert werden, da die schlichte Tatsache, öffentlich zu sein, genügt, um den Ursprung der Öffentlichkeit entweder präsent zu halten, oder schlicht unwichtig zu machen ganz gleich, ob dieser also Ursprung allgemein bekannt ist oder nicht. Das liegt nun wiederum daran, dass heutige öffentliche Auftritte keinerlei Präsenz erfordern - es genügt, gemäß den Spielregeln und Gepflogenheiten der jeweiligen Fernsehsendung oder des jeweiligen roten Teppichs ein Standardrepertoire von sich selbst in die Kamera zu senden, um die wesentliche Botschaft zu generieren: Ich war da. Der Empfänger der Botschaft kann dann also sagen: Der, der mal das und das war, war auf dem und dem roten Teppich zugegen. Beispiel Thomas M. Stein: Er war einmal DER Popmanager Deutschlands (Leiter der nationalen Sparte von BMG) heute sitzt er allwöchentlich in irgendwelchen Chartshows, in denen er in entsprechenden retrospektiven Floskeln bezeugt, bei der Veröffentlichung von "Smoke on the water" gerade einmal 22 gewesen zu sein. Menschen, die nicht wissen, dass er einmal Manager war, akzeptieren ihn als jemanden, der, weil er offenbar mal irgendwas war, nun auf Couches sitzt und öffentlich genug ist, um zu erzählen, dass er auch einmal 22 war. Damals hörte er „Smoke on the water“ zum ersten mal.
Um den Status des Gewesenen zu überwinden, kommen vielen Gewesene auf die Idee, das, was sie gewesen sind, wieder zu werden. Auf diesem Wege kommen die ständigen Comebacks zustande. (Der Metaschritt ist die Auflösung als Zustandsübergang zur möglichen Reunion, das führte nun aber zu weit.) Nehmen wir als Beispiel doch einmal die „No Angels“, die es nach ihrer eigentlichen Auflösung eine zeitlang wieder gab, währendem sie derzeit sozusagen in medialem Winterschlaf sind, ohne sich offiziell ein zweites mal aufgelöst zu haben. Das Dilemma an der Geschichte mit den „No Angels“ ist nun, dass es Sandy, Lucy, Nadja und Jessica nicht gelingen konnte, den Status, einmal ein „No Angel“ gewesen zu sein, dadurch zu überwinden, wieder die „No Angel“s zu sein, denn, was immer sie tun und lassen werden, sie werden in der Öffentlichkeit immer Ex-No-Angels oder die „No Angels“ sein, die schon einmal die „No Angels“ gewesen sind, und eines Tages werden sie Personen sein, die zwei Mal die No Angels waren - wenn dieser Punkt aufgrund erwähnten Winterschlafes nicht vielleicht sogar schon erreicht ist. (Dass dabei eine Verneinung im Bandnamen drin ist und die Ex-Ex-No-Angels also schon zwei mal gewesene Nicht-Engel waren, ist natürlich nur ein Namenszufall.) Zwei mal etwas gewesen zu sein und trotzdem kein Gewesener zu sein, dieses Kunststück ist in der Popgeschichte vielleicht nur Robbie Williams geglückt, der nach einem Gastspiel bei seinen gewesenen Ex-Kollegen nun erneut Ex-Take-Thatler aber eben auch wieder Robbie Williams ist.
Der Wahn der Öffentlichkeit, sich für Personen zu interessieren, weil sie etwas waren, und nicht, weil sie etwas sind, führt kurioser Weise auch dazu, dass Leute, die ihre Idole sehen wollen, sie nicht sehen wollen, um sie zu sehen, sondern um sie gesehen zu haben. Davon zeugen die allseits gezückten Handykameras auf Konzerten und Promibegegnungen. Es wird fotografiert, um sich hinterher selber zu beweisen, dass man da gewesen ist, obwohl man in Wirklichkeit im Moment der Chance, wirklich da zu sein, schon im Zustand der Beweisführung war und somit hinter seinem Handy den eigentlichen Moment verpasst hat, ohne ihn gegenwärtig zu erleben - ein Vorgang privatisierter Blitzhistorisierung. Es wird sozusagen die eigene unöffentliche Person in den Status des Gewesenen überführt: Man war zu dem Zeitpunkt, als zum Beispiel Lady Gaga aus einem Flugzeug stieg, quasi nicht am Flughafen, wird es aber im Nachhinein zumindest gewesen sein, da man es ja fotografiert hat. Damit hat man etwas bewiesen, was nicht wahr war aber durch seine Beweis wahr geworden sein wird.
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