Ein kurzes Streitgespräch zwischen David Gieselmann und Dietmar Poppeling über die Blitztabelle bei „Unser Star für Baku“
Herr Poppeling, Sie haben inzwischen auch die zweite Show von „Unser Star für Baku“ gesehen und sind offenbar deutlich kritischer - insbesondere, was sie Blitztabelle angeht.
Ich finde schon, dass Sie das alles in allem ein wenig zu unkritisch schildern. Schon, dass man anrufen kann, noch bevor ein Ton gesungen ist, macht das ganze doch ein wenig fragwürdig. Hinzu kommt, dass durch das ständige Einblenden der Tabelle keine Mensch darauf achtet, was gerade gesungen wird. Das ist doch gerade bei einer Show, die vieles, was in Castingshows behämmert ist, besser machen will, reichlich merkwürdig.
Aber eben das, Herr Poppeling, ist doch der springende Punkt: Das ist eine Fernsehshow, das ist eine Castingshow. Wir sprechen hier nicht über ein Innovationsformat auf Viva 2, welches den Indie-Pop fördern will oder so. Und man kann den Erfolg von Raab beim Eurovision Songcontest nicht hoch genug einschätzen, aber trotzdem wurde hier nichts hervor gebracht, das den Pop irgendwie voran gebracht hätte. Das war auch mit Lena nicht so, machen wir uns doch nichts vor. Lena Meyer-Landrut hat dem kulturellen Format Popmusik nichts hinzugefügt, was es in diesem Format nicht vorher schon gab- ausser sich selber, ausser Lena Meyer-Landrut. Ich finde sie nach wie vor grossartig und würde mich als Fan bezeichnen, aber Musik gibt es nun wirklich bessere. Und das wird auch bei „Unser Star für Baku“ nicht anders sein, da kann Raab noch fünf Thomas Ds zum Präsidenten ernennen. Wenn es jetzt also heisst, Raab mache mit „Unser Star für Baku“ alles falsch, was er vorher richtig gemacht hat, wird da auch was verklärt. Wir haben es mit einer Karaoke-Show zu tun, bei der die KandidatInnen nicht vor allen deswegen mitmachen, damit auch welche dabei sind, die überhaupt nicht singen können, aber wirkliche musikalische Impulse gehen vom Karaoke-Gesang nicht aus, gehen von Lena Meyer-Landrut nicht aus und werden auch nicht und niemals von Stefan Raab ausgehen. Raab ist in allererster Linie Fernsehmacher, und die Blitztabelle hat er nicht erfunden, damit die Popmusik besser wird, sondern damit die Show spannender wird. Und das hat er eindeutig erreicht.
Das klingt ja ganz schön abgeklärt, was Sie da sagen.
Aber Herr Poppeling, das muss doch auch Ihre Meinung sein. In einer Zeit, in der sich die Popmusik zum ersten mal eigentlich in ihrer Geschichte mehr auf eben diese Geschichte beruft als auf ihren Zeitgeist und auf ihren Anspruch diesem irgendwie gerecht zu werden, in dieser Zeit gehen Impulse auf die Popmusik doch nicht von Teenagern und Twentysomethings aus, die sich bei „Unser Star für Baku“ bewerben. Man muss sich doch einfach darüber im Klaren sein, dass Stefan Raab, so sehr er seine KandidatInnen auch ernst nimmt, ganz sicher kein Pop-Innovator ist - ganz gleich ob mit oder ohne Blitztabelle. Ich finde die Blitztabelle im Gegenteil deswegen so konsequent, weil sie das Angerufe aufgrund von Popmusik noch transparenter macht, weil man nun nicht nur weiss, wie viele für wen anrufen, sondern nun eben auch noch, wann sie es tun.
Aber das produziert dann eben Ungerechtigkeiten. Ich nenne nur mal das Ausscheiden von Vera. Das sind dann eben doch Zufälligkeiten, die diese Blitztabelle produziert, dass sich die Anrufer von derzeit Führenden sicher fühlen und daher nicht mehr oder weniger anrufen und von den anderen wieder eingeholt werden können.
Das ist doch auch Firlefanz. Wer weiss schon, wie die Votings jeweils verlaufen sind in den unzähligen Castingshows ohne Blitztabelle, wie oft sich kurz vor Schluss noch die Tabelle verschoben hat: Das weiss doch kein Mensch, das ist doch reine Hypothese. Was die Blitztabelle ansonsten angeht: Jetzt wissen wir doch, wie wir damit umgehen sollten. Wenn unser Favorit kurz vor Ende der Votingzeit auf Platz 1 bis 5 liegt sollten wir eher noch mal für ihn anrufen, wenn er uns die Telefongebühr wert ist. Ich gebe Ihnen aber in einem Punkt recht, Herr Poppeling: Die Blitztabelle sollte, während gesungen wird, nicht eingeblendet werden.
Ausnahmsweise, Herr Gieselmann, sind Sie deutlich zynischer und desillusionierter als ich.
@ Sokrates & dilbert // Vielen Dank für Eure Einschätzungen zur Blitz-Tabelle, die zugebener Massen fundierter sind als meine - der Link von dilbert erklärt das alles auch sehr gut. Ich werde mich bemühen, auf Eure Kommentare noch mal explizit einzugehen --- Gruss David
Kommentiert von: David Gieselmann | 27. Januar 12 um 13:44 Uhr
Ich kann Sokrates nur zustimmen. Das blitzvoting ist ein reines glücksspiel.
Die wahrscheinlichkeit das bei verdecktem voting 6..8 kandidaten bis auf wenige 0.1% gleich liegen dürfte in der grössenordnung eines 6er im lotto liegen.
Hier übrigen mal eine durchaus fundierte analyse was beim blitzvoting passiert: http://www.quotenmeter.de/cms/?p1=n&p2=54569&p3=
Neu war für mich nur die erkenntniss das in der schlussphase die jury durchaus das zünglein an der waage spielt. Eine sache die Herr Raab vielleicht sogar letztlich in die hände spielt.
Leider hat Herr Raab mit der blitztabelle das eigentlich format ruiniert. Merkwürdig nur das er selber das entweder nicht erfasst oder erfassen will.
Ich wage mal die kühne prognose das eine Lena Meyer-Landrut beim blizvoting wahrscheinlich nicht gewonnen hätte.
Für USfB wage ich vorauszusehen das der sieger wahrscheinlich mit einem erdrutschsieg von 50,001% zu 49,999% gewählt wird, wer immer es dann auch sein wird.
Kommentiert von: dilbert | 27. Januar 12 um 13:00 Uhr
Ich fände es schön wenn man als Blogger nicht unbedingt versucht seinen gesamten Weltschmerz und seine gesamte Enttäuschung über die Welt im allgemeinen versucht an einer einzigen Fernsehsendung abzuarbeiten. Okay, die Tabelle ist nervig aber was hat das damit zu tun dass in der Popmusik mittlerweile alles schon mal da gewesen ist? Die eigene Favoritin ist jetzt schon ausgeschieden, das ist traurig. Aber am Ende kann sowieso nur einer zum ESC fahren.
Ich rechne dieses Übermaß an Zynismus mal einer Winterdepression zu.
Kommentiert von: Kurt | 23. Januar 12 um 15:29 Uhr
Man sollte nicht vergessen, dass USFB nicht nur eine der vielen Castingshows ist, sondern die einzige zweckgebundene Show. Es soll jemand für den ESC gefunden werden, mit der/dem Deutschland mitfiebert.
Durch das Blitztabellenvoting könnten die Teilnehmer alternativ auch Strohhalme ziehen, die Ergebnisse des "transparenten" Votings sind mit dem Schlussgong rein zufällig.
Da andere Castingsshows nach dem Final die Platzierungen veröffentlichen, kennt man Ergebnisse von verdeckten Votings zu Genüge. Niemals liegen die vorderen Plätze dermassen nivelliert wie bei USFB zusammen. Das ist keine reine Hypothese, sondern auch durch einen Blick in die Spieltheorie belegbar.
Kommentiert von: Sokrates | 23. Januar 12 um 12:07 Uhr