Dietmar Poppeling weilt in Lissabon - der Popticker muss heute ohne eine Gespräch die gestrige, zweite Show von „Unser Star für Baku“ reflektieren
Vielleicht muss man in Bezug auf die Tatsache, dass das von Stefan Raab ersonnene Casting-Format „Unser Star für …!“ schon in seiner ersten Staffel das Maximum dessen, was es erreichen könnte, erreicht hat, dankbar sein, dass das Warten auf eine neue Lena-Meyer Landrut nun ein Ende hat, dass nun alle KandidatInnen bekannt sind und diese sich auf das konzentrieren können, was sie jenseits der grossen Fussstapfen, in die sie auf dem symbolischen Weg von Oslo nach Baku treten, sein sollen - nämlich mehr als in anderen Casting-Formaten das, was sie, so unmöglich dies öffentlich zu sein, sein mag, wirklich sind. Da kann dann eine Yana (weiter gekommen) rum meckern, dass sie die Blitztabelle behämmert findet und ein Pädagogikstudent (ausgeschieden) die Einschätzungen von Alina Süggeler, er würde beim Singen im esoterischen Sinne etwas empfangen, für richtig befinden: Now it‘s time for the freaks!
Es wird der Hysterisierung der Show gut tun, dass in der nächsten Runde nur zwei KandidatInnen ausscheiden, weil sich nun, da man die TeilnehmerInnen kennt, hoffentlich wieder Platz entwickelt, die Musik ernst zu nehmen, die sie machen, und dass nun die Sängerinnen und Sänger wieder zu den Stars werden, von denen eine oder einer nach Baku fährt - und sich nicht das von Stefan Raab ersonnene Radikal-Voting weiter in den Vordergrund drängt, das gestern sein erstes temporär-prominentes Opfer forderte: Die Schwäbin Vera hatte sich mit recht fettem und gesanglich variantenreichem Soulpop in eine FavoritInnenrolle gesungen - schied aber in den letzten Sekunden aus, nachdem die Fans anderer KandidatInnen in temporärer Hysterie ihre FavoritInnen auf den letzten Metern noch aus den Abstiegsplätzen hoch voteten. Das Echtzeit-Voting mit der um 20 bis 30 Sekunden verzögerten Blitztabelle bildet erstmalig in der Geschichte der Castingshow nicht nur ab, wie viele ZuschauerInnen für wen stimmen - sondern eben auch, wann sie es tun. Der auch in Raabs Aftershowparty „TV total“ ausgesprochene Eindruck, besagte Vera hätte unter normalen Votingbedingungen auf jeden Fall die nächste Runde erreicht, bleibt dabei trotzdem reine Hypothese, denn auch in der Pre-Blitztabellen-Ära konnte man ja voten, wann immer man wollte.
Zehn weitere SängerInnen wurden gestern publik, und wieder bestätigte sich das, was sich auch schon in der ersten Show zeigte: Totale Vollpfosten, die dabei sind, um sie als Vollpfosten hinzustellen, sind nicht dabei. Thomas D. hat eine offenbar repräsentative, viele Popstile präsentierende Auswahl getroffen, bei der nur ein Schubladen-Ausreisser fehlt: Es ist kein Teilnehmer höheren Alters dabei gewesen - der Älteste war 32 (vielen Dank für den diesbezüglichen Hinweis an Max in den Kommentaren) Warum eigentlich nicht mal einen Castingshowteilnehmer jenseits der 40? Vielleicht hat sich tatsächlich keiner beworben, der das Zeug zum Star für Baku hätte, aber angesichts der Tatsache, dass der durchschnittliche Pophörer immer älter wird, und dass der Raabsche, deutsche Eurovision-Vorentscheid auch Fans jenseits der 40 hat, wäre es erfrischend, mal jemanden singen zu hören, der auch bezüglich der Lebensjahre, die er auf dem Buckel hat, was zu erzählen hat. Denn, dass man was zu erzählen hat, natürlich immer im Bezugssystem Castingshow, ist eine Anforderung, die sowohl Jury als auch Publikum, an ihren Star für Baku zu stellen scheinen. Wenn zum Beispiel ein 20-Jähriger den Synthiepop-Onehitwonder-Hit „Straight Up“ von Paula Abdul als gefühlige Ballade singt, wird dies allein schon aufgrund dieser Umdeutung goutiert. Und tonale Sicherheit wird nicht unbedingt als primäres Kriterium gewertet, wenn etwas anderes überzeugt.
Trotzdem vermochte das Teilnehmerfeld von gestern irgendwie nicht so richtig zünden - auch bei denen, die überzeugten, hat man das Gefühl, das Potential, das sie haben, ist noch nicht voll ausgeschöpft - was ja von Vorteil sein kann. Eine Ausnahme bildete erwähnte Yana, die britischen AutorInnenpop zum besten gab, die aber, auch wenn das eine Pop-Genre ist, mit dem auch Lena vor zwei Jahren schon auftrumpfte, ihre Eigenheiten und erstaunliche handwerkliche Versiertheit zeigen konnte - das Mädchen konnte adäquat rappen und singen und gehört für mich neben den in der ersten Show qualifizierten Shelly und Roman nun zum Dreierkreis der FavoritInnen. Wenngleich also mit Vera eine Kandidatin ausgeschieden ist, die das Zeug zum Sieg gehabt hätte, hat man trotz rücksichtslosen Kampf-Echtzeit-Voting das Gefühl, dass die Suche nach eine Star für Baku, eine würdige Siegerin oder einen würdigen Sieger hervorbringen könnte.
Hallo Herr Gieselmann,
Sie sollten sich vielleicht einmal etwas mehr Gedanken über die Blitztabelle machen (der bessere Name wäre "table of doom").
Das neue Votingsystem ist ein sich selbst hochschaukelndes System, dass nur in einer Katastrophe enden kann.
Durch positives und negatives "echtzeit" Feedback wird das Anrufverhalten komplett geändert und die entscheidenden Plätze komplett nivelliert.
Bei diesem Verfahren kann das Finale nur 50,1% zu 49,9% ausgehen, egal wer beliebter oder "besser" ist.
Der Schlussgong oder besser gesagt der Zufall entscheidet, wer verliert.
Kommentiert von: Sokrates | 20. Januar 12 um 17:39 Uhr
Zumindest einer der Kandidaten ist 32, siehe:
http://www.unser-star-fuer-baku.tv/kandidaten/sebastian-dey/
vielleicht korrigierst du ja deinen Fehler
Kommentiert von: Max | 20. Januar 12 um 17:17 Uhr