Ein kurzes Telefonat zwischen Dietmar Poppeling und David Gieselmann über die gestrige, vierte Show von „Unser Star für Baku“
Herr Poppeling, Sie haben mir gestern noch eine SMS mit folgendem Inhalt geschickt: „Mir fallen hier gerade die Chips aus dem Mund, ich bestell mir lieber noch einen Kaffee aufs Zimmer: Ist das heute öde!“
Ja, das war schon ein wenig später, weil ich mir „Unser Star für Baku“ gestern hier in Karlsruhe zeitversetzt im Hotel angesehen habe - noch mit Echtzeiteffekten sozusagen, weil ich nicht wusste, wer ausscheiden würde. Das änderte aber nichts daran, dass die gestrige Show ganz eindeutig der Tiefpunkt des Raabschen Eurovision-Vorentscheid-Formats war. Mann, waren die KandidatInnen gestern schwach! Alles Balladen, alles höhepunktslos, selbst unsere FavoritInnen, Shelly und Yana, waren gestern einfach nicht gut, weil sie ungeeignete Songs gewählt haben: „waterfalls“ von TLC ist ein Lied, das sich nur auf einer Ebene verschiebt und seine einzige Variation im Original dadurch erfährt, dass es fantastisch ausproduziert ist - als Karaoke-Song wirklich nur bedingt tauglich, auch für eine ja durchaus versierte Sängerin wie Shelly, die mit einem kurzen „Stand by me“ im Greenroom mehr von ihren Fähigkeiten zeigte, als auf der Bühne. Während Yana ein Song von David Guetta zum Besten gab, und auch wenn es ihr im Guetta-Rahmen einigermassen gelang, den Song zu ihrem eigenen zu machen, sollte man die Grundregel einführen, Guetta bei Castingshows zu verbieten oder aber, noch besser: Ihn zur Gänze zu verbieten. Berufsverbot! Was für ein kreuzdämliches Lied. Hoffentlich trifft diese grossartige Yana nächste Woche eine bessere Wahl. Und sonst waren gestern auf weiter Flur ja nur Balladen.
Bei denen mir auch aufgefallen ist: Die eingeschränkte Zeit, die einem Castingkandidaten zur Verfügung steht, ist teils auch schlicht zu kurz, um einer Ballade die Songdramaturgie abzuringen, die man für einen solchen Auftritt braucht, weil naturgemäss eine Strophe von vier bis sechs Zeilen eben länger dauert als die berühmten 30 Sekunden, welche ja die Grundzeiteinheit eines funktionalen Popsongs ist. Dementsprechend muss man eine Ballade irgendwo kürzen. Da können sich die Leute dann auch einen Ast singen, dieser Lieder hauen dann irgendwie nicht hin. So geschehen gestern mit fast allen anderen: Celine, Ornella, Umut - die haben alle auch uninteressant gesungen, aber sie sind auch an der Tatsache gescheitert, dass eine Ballade eben auch mal vier oder fünf Minuten braucht.
Aber sie waren, Sie haben das, Herr Gieselmann, angedeutet, auch schlecht gestern. Celine beispielsweise hat hübsch gesungen, aber es war zu keiner Sekunde zu spüren, warum sie singt, was sie singt, sie ist hinter dem Lied und ihrem hübschen Gesang verschwunden, und das ist dann irgendwo auch kein Pop mehr. Dasselbe lässt sich über Ornella sagen. Während Katja an blossem, grundehrlichem Rock gescheitert ist - es war ein Trauerspiel gestern. Und Sebastian hat sich zu sehr drauf verlassen, dass ein eigener Song schon wieder funken wird. Der Reggae gestern hat dann auch irgendwo gezeigt, dass das kein Popgenre für perfektionistische Mittelstandsintrumentalisten ist: Die Heavy Tones ham nicht gegrooved. Der Song war aber auch nicht gut. Schade, der Sebastian war interessant, hat sich gestern aber eben unter Wert verkauft.
Umso eindeutiger hat sich Roman gestern als Favorit heraus kristallisiert.
Völlig richtig - er war auch gut, und er wird gewinnen, wenn nicht Shelly oder Yana ihm durch geschicktere Songauswahl noch den Rang ablaufen.
Sie sind etwas in Eile, wie Sie sagten, weil sie ihm ZKM in Karlsruhe, deswegen sind Sie dort, eine Ausstellung vorbereiten, aber ein paar Worte noch zu dem neuen Final-Wahl-Verfahren? Am Montag, wenn die nächste Show ist, sehen wir sie zusammen in Berlin - wiederum in einem Hotelzimmer, dann haben wir ein wenig mehr Zeit.
Das finale Verfahren, bei dem nach und nach die Plätze eins, zwei, drei und so weiter abgesichert werden, verhindert wahrscheinlich, dass FavoritInnen nicht zufällig noch in den letzten Sekunden abstürzen, wie das in der zweiten Show Vera passiert ist. Man könnte sich gut und gerne vorstellen, dass Thomas D das Raab abverlangt hat, der ja hin und wieder zwischen den Zeilen durchblicken liess, dass Raab ihm diesen Blitztabellenwahn kurz vor der ersten Show noch aufgedrückt hat. Es ändert aber nichts daran, dass das ganze Konzept, ob nun Blitztabelle oder nicht, mit den Darbietungen der Leute steht und fällt, gestern ist es gefallen. Und daran war nicht die Blitztabelle schuld - sondern schlechte Lieder, die schlecht gesungen waren. Am Montag kann es dann nur wieder bergauf gehen.
Wollen wir es hoffen: Bis Montag, Herr Poppeling! Und Grüssen Sie Peter Weibel.
Kennen Sie sich?
Nein.
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Dietmar Poppeling bedarf auf diesem Blog fast keine Vorstellung mehr: Er war einmal Bundespopbeauftragter und lebt heute als Pop-Produzent und -theoretiker in Nürnberg. < HIER > findet sich seine Diskografie.
Dieser Meinung kann man natürlich sein, Herr Grobe, aber man darf zumindest Shelly und Yana nicht nur an der Sendung gestern messen - mal sehen, was Sie nächste Woche bringen. Immerhin variieren Sie Ihr Tun, während Roman nun mit der dritten Uptempo-Nummer hintereinander schon eher darauf setzt, was er schon zuvor bewiesen hat, zu beherrschen.
Kommentiert von: Dietmar Poppeling | 03. Februar 12 um 15:35 Uhr
Entschuldigen Sie mal, Herr Poppeling, die Songauswahl ist bei diesen Kandidaten völlig irrelevant, solange nahezu Jeder (einzige Ausnahme: Roman Lob) eine Bühnenpräsenz hat, die maximal
für den Heiligen Abend im Familiekreise im -hoffentlich- kleinen Wohnzimmer ausreicht, und im Falle von etwa Umut oder Céline würde dann vermulich sogar der Tannenbaum einschlafen.
Vielleicht sollte man sich nochmal klar machen, daß hier kein Casting-Sieger für 'ne schnelle
Sommer-Charts-Nr.1 gesucht wird, sondern Jemand, der ein Land beim größten Musikwettbewerb
der Welt vertreten soll.
Also: man täte gut daran, die noch ausstehende Pro7 Sendezeit für dieses Format zu nutzen und ein gescheites Lied für Roman zu suchen. Alle anderen Kandidaten sofort erlösen und für mindestens ein Jahr auf Helgoland wegsperren!
Kommentiert von: Tim Grobe | 03. Februar 12 um 15:20 Uhr