Das Castingformat „Unser Star für Baku“ ergeht sich in Ritualen
Als die fünf deutschen verbliebenen KandidatInnen für den Eurovision Songcontest bei der Aftershowparty-Dauerfernsehsendung „TV total“ oder „Unser Star für Baku - das Magazin“ einlaufen, offenbart sich noch einmal die Kühnheit einer Lena Meyer-Landrut: Die hatte auf jeden hohlen Spruch von Stefan Raab eine Pointe und in ihrer Gegenwart lief dann auch der Gastgeber immer wieder zur Hochform auf, die er, so weit ich „TV total“ verfolge, eigentlich noch nie ohne Lena erreicht hat - weder vor noch nach ihrer Entdeckung. Die fünf jetzt mögen teils sogar versiertere SängerInnen sein, handwerklich gesehen, aber diese schiere TV-Präsenz einer Lena Meyer-Landrut, sorry, dieses Format hat keine Ornella, keine Katja, kein Roman, keine Shelly und auch keine Yana. Die fünf sitzen dann brav da und lachen über Raab. Und in der Show vorher, wo die fünf gesungen haben, sagen sie immer wieder zum Publikum oder zur Jury das standardisierte „Vielen Dank, Danke schön“ - und bei all dieser Bravheit schrie der heute plötzlich verhinderte Dietmar Poppeling gestern in meinem Hotelzimmer laut auf: „Verdammte Axt, einmal muss es gesagt werden: Die sind alle nicht gut genug.“
Thomas D betonte noch einmal, wie unglaublich wichtig die Songauswahl ist, aber auch hier, wenn man einmal im Vergleichen ist, kommt man auch nicht mehr heraus, muss man sagen: Niemand in diesem Jahr noch in der Showreihe „Unser Star für Oslo“ hat eine derartig aussergewöhnliche Songauswahl getroffen wie Lena Meyer-Landrut, die vor zwei Jahren mit meist britischem Autorinnenpop erkennen liess, dass sie ihr Pop-Entwurfs-Potential griffbereit hat und es für sich und in das Casting-Format so grandios übersetzen und danach sogar in den an sich mediokren Song „Satellite“ hinein retten konnte. Da mag also die 18-Jährige Yana von Haus aus mit der besseren Stimme beschenkt sein, aber das ist eben nicht alles in der Popmusik, es geht auch um andere Dinge, und „Unser Star für Baku“ ist spätestens mit der gestrigen fünften Show im Allerlei seiner Ritualisierung angelangt: Die KandidatInnen singen, die Jury lobt, die KandidatInnen sagen artig „Danke schön“, und die beiden Moderatoren schielen auf die Blitztabelle, um das Loch, das sie mit ihrer mangelnden Emotionali- und Spontanität hinterlassen, zu füllen. Erstmals wird auch klar, warum Raab Lena im letzten Jahr ihren Titel in Düsseldorf verteidigen liess: Die Fussstapfen wären einfach zu gross gewesen; und wenn man ehrlich ist: In diesem Jahr sind sie das noch immer.
Der inzwischen wohl als Sieger nahezu fest stehende Roman hat seine fünfte Uptempo- Rpcknummer in Folge gesungen, und die Versicherung der Jury, er würde sich stetig steigern, kann nicht wirklich bestätigt werden. Yana sang gestern einen auch von Raab nahezu melodiefrei genannten Song von Rihanna und konnte bislang nicht an ihren ersten Auftritt mit Bombenstimme und coolem Rap-Part anschliessen. Katja dudelt sich mit Folk-Rock der genügsamen Art unter die letzten Fünf, Ornella trällert versiert ins Niemandsland der Pop-Langeweile, während Shelly noch kein Ventil gefunden hat, um ihre rotzige Frechheit auch mal wirklich, wirklich, wirklich über die Bühne sprudeln zu lassen. Es kann nach wie vor nicht ausgeschlossen werden, dass einer der Fünf noch wirklich explo- oder implodiert, aber nach Show vier und fünf muss konstatiert werden: „Unser Star für ...“ scheint in diesem Jahr keinen für Baku und darüber hinaus zu finden.
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