Naiv hören will gelernt sein: Wider die Retro-Debatte
Seit langem kann man wieder von einer mittelprächtigen Pop-Debatte sprechen, die in einschlägigen Feuilletons, Magazinen, Blogs und gar Büchern geführt wird: Retromanie ist das Stichwort und gleichzeitig der Titel des Buches des britischen Popjournalisten Simon Reynolds, welches wiederum der Debatte bislang am meisten Thesen und Fakten beschert hat. Credo der
Retromanisten ist, dass die Popmusik (und die ganze Popkultur) derzeit hauptsächlich rückwärtsgewandt ist: Stile, die populär waren, werden kopiert, Genres, die totgeglaubt waren, werden re-animiert, Platten, die bahnbrechend waren, werden in aufwendigen Re-Issues gefeiert (Beatles' Gesamtwerk, 20 Jahre Nirvanas „nevermind“, 20 Jahre U2s „Achtung Baby“ und so weiter). Das Ausufernde an dem konstatierten Trend markiert dabei gleichzeitig seine Schwammigkeit: Retro ist überall, wo irgendwas Bekanntes zitiert wird. Und schon kann man fast die gesamte Musik unter diesem Schlagwort aufzählen, denn heutzutage, da alle Popmusik der Geschichte potentiell für alle zugänglich ist, ist Neues im Pop, ohne sich mit oder ohne Absicht auf bereits Gehörtes zu beziehen, kaum mehr möglich. Popmusik definiert sich im Wiedererkennen von Unbekanntem. Die angebliche Retromania ist im Zuge dessen wohl eher eine Paranoia der Pophörer - weniger eine der Pop-Produzenten; oder glaubt tatsächlich jemand, Adele hätte sich zu einem Retro-Sound entschieden? (Die erste Sängerin, die das wirklich getan hat, ist wahrscheinlich Lana Del Rey.) Sicherlich hat auch Adele einmal das Singen in der Dusche angefangen, und unter der Dusche singt man eben die Lieder, die einem gefallen, und sicherlich hört man in ihren Liedern, dass Adele nicht gerade Hardrock oder Freejazz unter der Dusche anstimmte, aber die konkreten Bezüge, die ihrer Musik unterstellt werden, sind eben doch in den Hirnen der Hörer entstanden. Der Trend, alles und jeden unter dem Retro-Siegel zu subsumieren, ist dabei so spassig wie überflüssig und rührt vielleicht auch daher, dass Pop seit je her zu seinen ProtagonistInnen aufschauen lässt und diese nun auf einmal halb so alt sind wie die, die Debatte angetreten haben. Ein fast 40jähriger muss sich zu Adele oder Lena vielleicht erst einmal durchringen, die beide erst 21 sind - zu ihnen schaut man erst einmal nicht gerne auf, wenn sie die eigenen Kinder sein könnten, und da hilft es, sich zu sagen, sie seien retro und zumindest ihr Sound älter als ich. Wenn dem so ist, stellt sich die Frage, warum die Retromanie erst seit kurzem behauptet wird, und auch hier könnte man den Grund in der Altersstruktur suchen: Pop hatte noch nie so viele Hörer über 30 wie heute, und das Heer dieser fast 40jährigen, zu denen auch ich zähle, leidet vielleicht unter dem Minderwertigkeitskomplex, bei unter 30jährigen eine Popversiertheit zu entdecken, die man sich nicht anders erklären kann, als das diese Jungspunde die Plattenregale ihrer Eltern geplündert haben. Es macht aber vielleicht viel mehr Spass, Adele zu hören, wenn man sein eigenes Pop-Archiv einfach mal ausschaltet und sich selbst jene Naiivitätsverlustüberwindung gönnt, die man an Lily Allen, Kate Nash, Lena Meyer-Landrut, Adele, La Roux, Ellie Goulding oder vielen anderen so sehr schätzt.
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