Anlässlich des Erscheinens der neuen Platte "Ilo Veyou" von Camille am 17.10.11 reaktiviert der Popticker seine Mission, die Welt - oder zumindest seine Leser - davon zu überzeugen, dass eben diese Camille die beste Popsängerin der Welt ist: Hier sind geballt (fast) alle Texte, die ich über Camille geschrieben habe:
Der Popticker hat sich in diese Platte verliebt
Camille - le fil (2005)
Hierzulande völlig unbeachtet hat die heute 27jährige Camille 2002 ein gewissermaßen traditionelle Chansonplatte veröffentlicht, "le sac des filles", die stilsicher auf unausgetretenen, ziemlich französischen Pfaden wanderte, und auf der in manchen Momenten die dreiste Genialität dieser ganz und gar großartigen Sängerin hervor blitzt etwa wenn sie ein Lied "Paris" nennt, und es singt, als wäre es das erste Lied über die französische Hauptstadt, das je geschrieben wurde. Daß ihrem neuen Album "le fil" nun auch hier mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, liegt nicht nur an dem Boom der französischen Popmusik als solcher, wahlweise "le pop" oder "la nouvelle chansons" genannt, es liegt auch an dem überraschenden Erfolg einer Band, die sich "nouvel vague" nennt, und die auf ihrem gleichnamigen Album Wave- und Synthiepopklassiker der 80er Jahre als Easy Listening Songs coverten, und Camille singt eben bei nouvel vague. Eine nette Platte, aber gegen "le fil" verblasst sie.
"le fil" ("der Faden") ist die schönste und souveränste Platte des letzten Jahre, in diesem Jahrtausend ist bislang keine bessere erschienen. Der rote Faden der Platte, die "Faden" heißt, ist ein Moll Dreiklang mit Obertönen, geschichtet einzig und allein aus Camilles Stimme, und dieser Akkord bildet die Basis sämtlicher 13 Songs, von denen sich einer in drei Teilen auf der Platte verteilt. Überhaupt ist das Klangmaterial, aus dem Camille ihre Musik baut, vornehmlich ihre Stimme, hin und wieder also erinnert "le fil" an das
reine Vokalalbum "Medulla" von Björk, (das sie, ich muß das auch als Björkfan so sagen, aber locker in die Tasche steckt), aber anders als die Isländerin nimmt Camille die Sache nicht so dogmatisch und benutzt ebenso Instrumente: Bass, Orgel, Gitarre, Klavier, Percussion. Ihre Stimme aber formt ebenso Melodielinien wie kleine Solos, geloopt geschichtet oft auch den Beat der Lieder, - manches grroovt so relaxed daher, daß man mitwippt ("la douleur") und Camille formt mehrstimmige Chöre, deren Sätze allerlei augenzwinkernde Zitate bilden, Chöre, die die verschiedensten Funktionen innerhalb der Lieder einnehmen mal hört man die Beach Boys, dann wird es afrikanisch, plötzlich arabisch, mal türmen sich Stimmen wie in einer Oper, dann bleibt es trocken wie bei den Pet Shop Boys.
Daß Camille aus Genannten eine derartig große Platte gemacht hat, liegt nun aber vor allem auch daran, daß sie eine phantastische Produzentin der eigenen Musik ist. Sie variiert innerhalb eines Liedes nicht nur Instrumentierung und Chorsatz, auch den Sound, die räumlichen Effekte. In "assise" beispielsweise braucht sie nichts weiter als eine Strophe, eine hinreißend schöne Melodie ohne Refrain, die sie zweistimmig und fern klingen läßt, während rechts vorne ein dreister, leiser Beat vor sich hin dotzt, in der dritten Strophe klingt ihre Stimme auf einmal warm und nah, zu ihr gesellt sich ein Kontrabass, und ihre Intonation passt sich der temporären Jazzatmosphäre an, bevor das Ganze dann wieder explodiert und in meines Erachtens sieben Stimmen gen Ende strebt Generalpause, Schlußakkord: 2 Minuten und 16 Sekunden braucht sie für dieses Meisterwerk. In "au port" erklingt auf einmal für genau eine Bridge eine Steeldrum, völlig absurd, passt da gar nicht hin, muß da aber genau sein, im selben Stück groovt mit mal ein entspannter Bläsersatz gibt es vorher nicht, muß da aber hin.
Das Große, das Kühne an dieser Platte ist, daß sie gedacht ist, es ist keine Ansammlung von Liedern, sondern man merkt: So wie diese Platte ist, wie sie klingt, wie sie gebaut ist, so wollte Camille sie, sie hatte sie im Blick, im Ohr, im Herz, und sie hatte die Mittel, sie so klingen zu lassen. Nach 32 Minuten kommt es zu einer derrtig sympathisch kitschigen Explosion ins ironisch sphärisch Ungefähre, daß einem Angst und bange wird, nach 35 Minuten, und ich habe selten solch aufregende 35 Minuten am Stück gehört, läßt sie das Album ausklingen, läßt den Dreiklang, den roten Faden stehen, um uns nach genau derselben Zeit, nach 35 Minuten mit einem recht unversteckten hidden track zu beschenken was für ein Glück! Was für eine Platte! Mehr als die Platte des Jahres, eine der besten Popplatten überhaupt.
Die Sirene
Camilles „Live au trianon“ (2006)
Musiker, die ihrem Beruf nicht nur im Tonstudio nachgehen und auch Konzerte geben, die ihr Schaffen aber schon in einem Rhythmus von Alben organisieren, können nach jedem ihrer Alben vor der Frage stehen, ob es von der entsprechenden Tour auch eine Live- Veröffentlichung geben soll – eine CD oder DVD eben. Im Falle der Konzerttournee von Camille zu ihrem Meisterwerk „le fil“ wird es diese Frage vermutlich irgendwann nicht mehr gegeben haben, denn diese ihre Konzertreihe war künstlerisch wie kommerziell ein gigantischer Erfolg. Nun ist ohne große Vorankündigung und also recht plötzlich „Camille –live au trianon“ erschienen, und es ist, wie der Leser des Poptickers unschwer erraten wird, eine CD, die ihn –den Popticker- höchst glücklich stimmt.
Obgleich die Aufnahmen für die CD von zwei verschiedenen Konzerten stammen, ist das Material, das es hier zu hören gibt höchst unverstellt und in keinster Weise nachbearbeitet –will heißen: Sämtliche Lieder sind so zu hören, wie sie an einem der beide Abende des 17. und 18. Oktober in Paris musiziert wurden. Das gibt Einblick in eine Formation von höchst virtuosen Musikern, die sich ständig gegenseitig überraschen und aus dem Konzept bringen, das heißt, daß manches Lied auch im Chaos oder schlicht im Lachen endet, das heißt aber auch, daß man einer Musik lauscht, die einzigartig ist, und deren Einzigartigkeit vom 17. und 18. Oktober auf eine Weise die Einzigartigkeit repräsentiert, die Camille für mich in Köln undfür viele andere auf anderen Konterten ausstrahlte. Das führt wiederum zu der Tatsache,daß, wer Camille und insbesondere „le fil“ nicht kennt, „live au trianon“ befremden wird, daß, wer Camille kennt aber sie nicht live gesehen hat, überrascht sein wird, und wer sie gut kennt und im Konzert gesehen hat, den wird diese CD zu Tränen rühren, so schön ist sie. Anders gesagt: Das ist keine CD für Camille-Einsteiger, das ist schon eher eine CD für Camille-Liebhaber, also für jeden, der einmal „le fil“ gehört hat.
Camille ist zu allen möglichen Gelegenheiten in verschiedensten Formationen aufgetreten, das Konzert „au trianon“ wurde von ihrer kompletten Band bestritten: MaJiker am präparierten wie unpräparierten Klavier, am Akkordeon und im Chor, Martin Gamet spielt Bass und Percussion und singt ebenso, und Sly „The Mic Buddah“ als einer der besten Human Beat Boxer der Welt ist auch mit von der Partie. Der Sound ist somit ein wenig erdiger als die Studioaufnahmen von „le fil“, jazziger, nicht ganz so vokallastig und versponnen. Da sämtliche auf der Bühne Musizierende Multiinsttrumentalisten sind, können sie sich den Luxus erlauben, für fast jedes Lied wieder ein anderes Detail erklingen zu lassen, die vier sind albern, versponnen, chaotisch und beherrscht virtuos zugleich. Höhepunkt der CD sind für mich die letzten beiden Stücke, das elegisch abwartende „elle s’en va“ und ihr großer Nummer 1-Hit Frankreichs „ta douleur“ als Zugabe.
Huch! Ein Instrument!
zwei Lieder der neuen Camille-Platte „Music hole“ (VÖ 09.04.08) gewähren Einblick in ein mutmaßliches Meisterwerk der französischen Sängerin, der der Popticker verfallen ist (2008)
Camilles dritte Platte ist in gewissem Sinne ihre Zweite; dann wenn man sagt: Die zweite Platte ist immer die Schwerste. Denn die Schwerste Platte ist für Camille die im April erscheinende Dritte. Weil die Erwartungshaltungen an sie so groß sein werden, wie nach einem gigantisch erfolgreichen Debüt. Gigantisch erfolgreich war nämlich Camilles zweite
Platte, jenes Meisterwerk „le fil“, das, ich wiederhole das immer wieder gerne, für mich zu den besten Popalben aller Zeiten zählt. Die erste Platte, das entspannte, fast klassische Chansonsalbum „Les sacs des filles“ war in Frankreich nicht mehr als ein Achtungserfolg, es wurde noch ein wenig mehr gekauft, als Camille bei dem Coverprojekt „Nouvelle Vague“ als Sängerin auftrat. Dann aber erschien das Konzeptalbum „le fil“, und Frankreich wie der Popticker lagen Camille zu Füssen: Die auf einem Grundton basierende Musik, die sich Camille erfunden hatte, variierte sich in knapp 40 Minuten in 13 Lieder aus, deren virtuose Ausformung hauptsächlich durch Stimmen geschah, der Einsatz von Instrumenten ist recht spärlich aber präzise. Ein musikalisches Konzeptalbum, das Camille kongenial live umzusetzen imstande war: Unterstützt von einigen Multiinstrumentalisten und Vokalakrobaten sowie einem Sampler, der es ihr erlaubte Chöre und Beats live aus der eigenen Stimme zu schichten, tourte sie unaufhörlich durch Frankreich und ganz Europa. Die Konzerte waren ein musikalisches Wunder, davon zeugt auch die Live-Platte „Camille live au trianon“:
Nun lassen also zwei neue Lieder, außerhalb Frankreichs immerhin auf iTunes zu erwerben, Einblick in ihr neues Album zu: Die Single „gospel without a lord“ ist ein stimmlicher Parforceritt eines camilleschen Gospel, der Extratrack „money note“ ist eine vokalakrobatische Auslotung über den Zustand des amerikanischen RnB einschließlich einer kurzen Mariah Carey-Parodie. Von zwei Dingen hat sich Camille also verabschiedet: Von ihrem Grundton, auf dem bei „le fil“ noch alle Lieder beruhten, sowie von der französischen Sprache - sie singt nunmehr ein babyonisches Camilleisch, einen Mix aus Französisch und Englisch. Und wenn man „le fil“ noch als eine Variation des französischen Chansons interpretieren könnte, so widmet sich Camille mit ihrem Frenglisch oder Englösisch nun auch anderen Musikgenres, die sie mit ihrem Vokalstil assimiliert und in ihr musikalische Welt überführt: Hip Hop, Gospel, Soul, Jazz, Indierock lassen sich als Referenzen bereits in erwähnten zwei Liedern anführen. Von entsprechenden Einflüssen zeugt dann auch die Gästeliste auf „Music hole“: Den Vokalartisten Majiker, die Rapper der Saian Supa Crew oder Jamie Cullum - um nur einige zu nennen.
„Gospel without a lord“ jedenfalls, groovt relaxed und verschachtelt in die Gehörgänge, und Camille zieht einige ihrer virtuos wie panischen Stimmregister. Es ist sicher falsch, von zwei Lieder auf ein ganzes Album zu schliessen, aber objektiv kann man schon jetzt sagen: Camille ist musikalisch frei wie kaum ein anderer Popkünstler auf der Welt, sie schert sich um nichts, als um die Musik, die sie machen will, und diese ihre Musik ist ein großer Glücksfall für die Welt.
Die Taucherin
Camille springt in Hamburg in ihr mitgebrachtes Musikloch - ihre Tour ist ein magischer Moment der Popgeschichte (2009)
Zum Ende des Konzertes, ihre Rhythmussektion hält Beat und Bass des auslaufenden Liedes, kündigt Camille an, sie werde nun stagediven; und zum Diven, Tauchen braucht sie natürlich einen Taucheranzug. Mit Hilfe ihrer Backgroundsängerinnen quetscht sie sich in einen hinein, legt sich ins Publikum, lässt sich zum anderen Ende der Halle tragen, wo sie die Empore erklimmt und ihre Musiker zu sich ruft. Von Oben, auf dem Balkon gegenüber der Bühne singt sie das letzte Lied des Abends, unplugged in jedem Sinne: Kein Licht, kein Verstärker, mehrstimmiger Chorgesang. Im Dunklen winkt sie.
Dies war der spontane Abschluss eines Abends, der kein besseres Ende hätte finden können, denn schon auf der Bühne, dort natürlich beleuchtet und durchaus verstärkt, präsentierte Camille ihre Lieder meist ohne Instrumente. Nur ein Flügel steht auf der Bühne, sonst ist sie übersät von sichtbaren und unsichtbaren Mikrofonen, die von überall her Geräusche aufnehmen, welche in der Summe einen satten, facettenreichen Klang ergeben, ein differenziertes Gebilde aus Bässen, Höhen, Tiefen, und doch hört man ausschliesslich Stimme und Bodypercussion, besser gesagt: Man sieht das. Camille und ihrer Mitstreiter haben einen Höllenspass daran, wie mehrere synchronisierte Uhrwerke in de Luft zu hüpfen und das Stampfen zu einem Beat zu bauen, sich auf die Brust zu hauen und in die Hände zu schlagen, auf komplizierteste „unds“, und optisch wie akustisch ist man nahezu gezwungen auch zu tanzen. An diesem Abend wird klar: Camilles aktuelles Album „Music Hole“ ist ein Meisterwerk ohne Gleichen, es ist aber Musik, die noch mehr wirkt, wenn man die Musizierenden dabei sieht. Diese Musik ist performativ und darin unwiderstehlich.
Camille baut auch Lieder ihrer beiden vorigen Alben ein, „Le fil“ aus dem Jahre 2005, eine der besten Popalben aller Zeiten, es sei auch hier noch einmal erwähnt, ist vielfach vertreten, auch von dem vergleichsweise kommerzielleren „les sacs des filles“ findet sich das ein oder andere Lied, und Camille spielt sogar einen Song, den sie für das Coverprojekt „Nouvelles Vague“ eingesungen hat: „Too drunk to fuck“, im Original von den Dead Kennedys, gerät mit Bodypercussion und Vokalakrobatik zu einer exzessiven Jamsession, bei dem man das Gefühl hat, die Musiker sind von ihrem eigenen Klängen besessen. Zu diesem Zeitpunkt hat sie das Hamburger Publikum längst in die Tasche gesteckt. Mich erfasste bereits im dritten Lied „home is where it hurts“ die komplette Euphorie, als der getanzte Stampfbeat die anfängliche Ballade in ein zitiertes Meisterwerk des Afropos überführt - zudem: die schönste Melodie, die man seit Langem in einem Popsong gehört hat. Camille selber ist irgendwann beseelt, und man sieht ihr das Glück an, welches ihr die eigene Musik bereitet.
Man muss wirklich kein Fan sein, um zur Meinung zu gelangen: Was Camille mit diesen unfassbaren Mitmusikern bereits zum Beginn ihrer Tournee erreicht hat, ist einzigartig, es negiert jegliche Abgebrühtheit von Rock und Pop, es ist von ironiefreier aber nicht humorloser Erhabenheit, ihre Präsenz und Virtuosität macht sie zu einer der grössten lebenden Entertainerinnen, und es ist eine Schande, dass Musikpresse und Feuilleton sie hierzulande ignoriert: Camille ist objektiv grossartig und für mich die Größte.
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