Der Phrasenschutzwall der Kanzlerin
Wenn man nach einem Wahlabend das tut, was ich eigentlich fast nie tue, nämlich die Perpertum-Mobile-Talk-Schleifen der öffentlich-rechtlichen GEZ-Nutzniesser zu verfolgen, bekommt man unweigerlich das Gefühl, Zeuge eines Talk-Schutzwalls rund um Angela Merkel zu werden. Ehe die Bundeskanzlerin das erste Mal vor die Kamera tritt, hat das das ewige Geschwafel der gestrigen Verlierer-CDU, die Niederlage habe natürlich nichts mit Frau Merkel zu tun, Mantra-artige Auswüchse genommen. Wenn all die Dünnbrettholzbohlen dann um Angie geschichtet sind wie die Schutztürme um die grünen Schweine bei Angry Birds, tritt Merkel derart unbeeindruckt vom Wahlgeschehen vor die Kameras, als lobe sie das Jubiläum eines Provinzbahnhofes. Sie halte natürlich an ihrem Kurs fest, ist dann die Botschaft, und diese nächste Stufe der Rhetorikraketen wird dann ebenso gebetsmühlenartig und artig gezündet, bis man vor lauter Kurs halten selbst als Opposition zur Überzeugung gelangen muss, es müsse wohl auch einen Kurs geben. Ursula von der Leyen enthebt bei Jauch ihre Chefin dann derart jeder Verantwortung, dass man das Gefühl bekommt, sie spräche von einer Art Päpstin mit umfassender Verantwortungsimmunität. In der Jauch-Talkshow wurde dann unentwegt die heutige Plasberg-Talkshow beworben, als wolle sich die ARD schon live entschuldigen, dass die Phrasenverwertungsgesellschaft heute nur Phrasen verwertet und es bei Selbigem vielleicht erst am nächsten Tag mal wieder zu unterhaltsamen Konflikten kommt. Jauchs Gesprächsrunde wirkt so virtuell und wenig virtuos wie die künstlichen Geigen seiner Titel-Melodie.
Während ich mich erinnern kann, in den 80ern noch bis zehn Uhr aufbleiben zu dürfen, weil immer noch nicht fest stand, wer denn eine Wahl gewinnen würden, setzt 2012 bereits Um 18 Uhr und 12 Minuten die Historisierung ein, wenn diese sinnlosen Schalten stattfinden, bei denen völlig überraschender Weise heraus kommt, dass um 18 Uhr bei Verlierern Fassungslosigkeit und bei den Siegern Jubel herrschte. Dann wird nach ersten Reaktionen gefragt, und schon eine halbe Stunde nach der ersten Prognose wird nach Reaktionen auf Reaktionen und Konsequenzen aus den Reaktionen auf die Reaktionen aufgrund des Wahlergebnisses gefragt. Dazu passt dann, dass die behämmerten Piraten inzwischen live aus Talkshows twittern und auf Twitter live talken. Und die Zahlenexperten präsentieren Umfrage-Ergebnisse auf derart spezifische Fragen, die angeblich das Ergebnis erklären, dass man sich nicht wundern würde, wenn plötzlich postuliert würde, dass wer zum Mittagessen Fanta trinke, eher CDU wählt als Die Linken. In dieser RAN-Daten-Politik-Simulation hat es sich Angela Merkel inzwischen so bequem gemacht, dass man fast vergessen könnte, dass sie nicht gesetzt und wähl- bzw. abwählbar wäre. An Merkel hat man sich schon fast so sehr gewöhnt wie anno dazumal an die Birne.
Jauch fragt Ursula von der Leyen, wen sie anrufe, wenn sie eine dringende Frage an die FDP hätte, und man bekommt bei diesem sinnlosen Geschwafel Anarcho-Phantasien und wünscht sich vom ganzen Herzen, Leyen würde mal aus dieser ironiefreien Zone ausbrechen und plötzlich antworten, sie würde, wenn sie eine Frage an die FDP hätte, Joschka Fischer über Oiuja-Brett kontaktieren. Oder Trittin würde aufspringen und Herrn Rösler anpöbeln, er solle mehr Heidegger lesen. Man will einfach, dass irgendwas passiert, dass garantiert nicht passiert. Wie sagte doch aber neulich Angela Merkel: „Mein Leben ändert sich doch jeden Tag. Ich bekomme neue Probleme und werde älter.“
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