Esperanza Spalding versöhnt zwei Stile, die sonst nicht oft zueinander finden
Irgendwie haben Pop und Jazz Probleme miteinander. Es gibt zwar den Genrebegriff des Jazzpop, aber es dürfte mehr Menschen geben, die diese Bezeichnung eher als Beleidigung ansehen - als einen ernstzunehmenden Musikstil. Selbst der begnadete Pianist und Entertainer Jamie Cullum hat Probleme von Jazz-Puristen anerkannt zu werden, (und die wahrscheinlich als Verrat ansehen dürften, wenn Cullums Komposition „Standing Still“ nun mit Roman Lob als Interpreten zum Eurovision Songcontest antritt), und Norah Jones, die, das sei des thematischen Doppel-Links wegen erwähnt, gestern einen recht lustigen Auftritt bei Stefan Raabs „TV total“ hatte, diese Norah also gilt unter Pop-Fans wie Jazzern eher als Warmduscherin - auch wenn sie 30 Millionen Platten verkauft hat.
Nun hat die Komponistin, Vokalistin und Bassistin Esperanza Spalding ein Album eingespielt, das mit seinem programmatischen Titel „Radio Music Society“ fast schon als Vermittlungsausschuss zwischen Pop und Jazz in Albumform gelten kann und auch Hörer aus beiden Lagern finden dürfte. Man könnte fast sagen, Spalding benutzt die musikalischen Strukturen des Jazz, um auf den Oberflächen eines funktionalen Popsongs subtile Komplexität zu erzeugen. Ihre Lieder gleiten zunächst widerstandslos durch die Boxen, evozieren dann aber immer wieder den Effekt der staunenden Nachfrage, wie um alles in der Welt sie singt, um im selben Moment auf dem Bass komplett gegenläufige Rhythmen und Melodien zu zupfen - ihre Musik spielt sie offenbar grundsätzlich so ein, dass sie Bass und Stimme in einem Take aufnimmt. (Ein ähnlichen Effekt habe ich übrigens, wenn ich Lianne La Havas höre, die freilich nicht Bass spielt - sondern Gitarre) - in jedem Falle erzeugen Esperanza Spaldings neue Lieder einen inneren Sog der Unwiderstehlichkeit, den sie im gewissen Sinne im Fast-Titel-Lied „Radio Song“ selber besingt: „This song‘s the one - even though you never heard it you keep singing it along“ beschreibt den Pop-Effekt des Wieder-Erkennens vom etwas, das man noch gar nicht kennt fast schon wortwörtlich. Der Song stolpert mit seinem verschleppten Pattern-Beat durch zwei B-Teile, dezent variierten Refrains und Strophen, und erzeugt einen Lächeln auf des Hörers Lippen - worauf auch das Video beruht, das man neben 11 weiteren Kurzfilmen mit der Deluxe-Version dieses Album auf DVD bekommen kann.
Die Stilsicherheit des Spaldingschen Soul-Jazz-Pop-Funks ist unerreicht, ihr Bass-Spiel ist von zieseliger Virtuosität, ihre Stimme ist von drängender Wärme und Schönheit, bekannte Songstrukturen treffen auf plötzliche 7/4-Takte, merkwürdige Posaunen-Soli oder treffsichere Hammond-Flächen - das Album ist ein Glücksfall, und es adelt den Musikgeschmack des amerikanischen Präsidenten: Barack Obama ist wie ich Fan von dieser Dame mit der gigantischen Kugel-Frisur.
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Auf Esperaza Spaldings Website kann man in das aktuelle Album mehr als reinhören, Lianne La Havas hingegen verschenkt derzeit eine Live-EP (Link via tonspion)
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