Wenn es je in der Reihe der perfektesten Hits der Nullerjahre einen Song gegeben hat, bei dem man von faktisch objektiven Parametern für seine Perfektion sprechen kann, so ist es wohl „Satellite“ von Lena: Der Song gewann zwei Popwettbewerbe und behauptete sich so in einem nationalem und einem internationalem Stresstest. Während er bei „Unser Star für Oslo“ nach einmaligem Hören als der Beste für Lena von damals drei Liedern gewählt wurde, gewann er sodann den Eurovision Songcontest - per Definition ja ein Liederwettstreit. Die Frage, ob das diesem Lied auch ohne Lena oder Lena ohne dieses Lied hätte gelingen können, ist dabei natürlich völlig überflüssig. Pop ist doch gerade das Zusammenfallen von akustisch wie optischen Erscheinungsformen zu einem performativen Akt der Selbstdarstellung. Das Interessante ist ja gerade, dass das Lied zuvor Lena zugewählt wurde, dass also die Mischung, erwähntes Zusammenfallen von Lena und diesem Lied erst für passend erachtet wurde, um dann bei „Unser Star für Oslo“ und später beim Songcontest zum Sieger gewählt zu werden. Und durch diesen pophistorischen Umstand wird „Satellite“ wohl auf ewig an Lena kleben bleiben - es gibt störendere Pop-Bürden.
Der zweite objektive Parameter der Funktionalität des Liedes liegt in seiner strikten 3-Minuten-Struktur, die sich ja einerseits als popfunktional heraus gestellt hat und andererseits im Fall des Songcontests sogar eine Regel ist. Die Grundstruktur des 3-Minüters (perfekt nachmessen kann man das bei „I kissed a girl“ von Katy Perry) ist das Schema in 6 Teilen á 30 Sekunden: Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, B-Teil, Refrain - bei „Satellite“ verschiebt sich das Ganze um 10 Sekunden Intro, worauf jeweils 20 Sekunden Strophe und 25 Sekunden Refrain folgen ein, 20 Sekunden B-Teil und dann eine in der Instrumentierung variierte Kurzstrophe, um mit einem Doppelrefrain zu enden. Das darunter liegende Grundriff kursiert im Internet in zwei verschieden komplizierten Akkordfolgen - die schwierigere Version kam im Vorfeld des Grand Prix zum Einsatz, wenn Stefan Raab an der Gitarre mit Lena kurz im Flur oder auf einem Ausflugsschiff „Satellite“ zum Besten gab, während YouTube voll ist mit privaten Coverversionen, bei denen die einfachere Akkordfolge (C / F / G) gespielt wird. Diese subtil-musikalische Komplexität erzählt vielleicht auch etwas über die Funktionsweise eines Popsongs, der mehr Geheimnisse bürgt, als er bei seinem effektivem ersten Höreindruck preis gibt. (Der Wikipedia-Beitrag zu "Satellite" beschreibt das musiktheoretisch besser, als ich es kann.)
Subjektiv hat das Lied, so wie man es von Lena kennt, ein Melodie / Rhytmus-Gerüst, auf diese spezifisch lenabritische Sprech-Sing-Mischung ihr Charme voll entfalten kann, was zu dem Umstand führt, dass man sich einfach sehr freut, den Song zu hören. Dieser Effekt nutzt sich auch irgendwie nicht ab - jedes Lied kann man sich überhören, klar, aber „Satellite“ hat eben auch diese Wiedererkennungswert ohne als Ohrwurm tödlich zu nerven. Der Song chargiert ständig zwischen funktionalem Allerwelts- und anspruchsvolleren Autorinnen-Pop, man kann sich von ihm wahlweise überraschen lassen, wie banal er ist, anderseits wie fein-komplex er dann eben doch gebaut ist - man kommt der Sache nicht ganz mit Worten bei; vielleicht macht ihn das so besonders perfekt.

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