Berlin // Die Geschwindigkeit der Geschichte Berlins insbesondere nach dem Fall der Mauer- hat längst sämtliche anderen Lebensbereiche dieser Stadt vereinnahmt: Architektur, Restaurants, Mode und so weiter. Vor allem aber hat sich die stete Veränderung im Alltag niedergeschlagen: Zumeist sieht man den jeweils aktuellen Zustand Berlins ausschließlich in der Differenz zu dem Berlin der Zeit, als man zugezogen oder aber zum ersten Mal glücklich dort war. Zusätzlich zu der objektiv historischen Geschwindigkeit der Stadt ist sie also in höherem Maße als andere Städte einer subjektiven Historisierung unterworfen. Kurioser Weise ist dieses private, subjektive Phänomen auch im Stadtbild zu beobachten: Die Verwestlichung des urbanen Raumes, welche sich wie Jahresringe eines Baumes in Halbkreisen in den Osten ausdehnt, hat dazu geführt, daß das aktuelle Berlin, das so aussieht wie zu der Zeit, als man in diese Stadt kam, sich immer weiter in den Osten verschiebt. Dieser Prozess ist weitgehend abgeschlossen, hat aber eine Zeit lang zu dem Satz "das ist nicht mehr mein Berlin" in vielerlei Ableitungen geführt, zum Glück aber hat auch diese berlinisch- sprachliche Erscheinung das zeitliche gesegnet und ist insofern kaum mehr Teil irgendeines Berlins.
Popticker-Autor David Gieselmann im "White Trash & Fast Food" an seiner schon historischen, alten Stätte - in der Torstrasse
Die Masse individueller Dispositionen zu Berlin hat zur Folge, daß sich ein objektives Erscheinungsbild einzelner Kieze gar nicht mehr herausbilden kann; sprich: Es sieht inzwischen sowohl objektiv als auch subjektiv überall gleich aus. Gut möglich aber, daß demnächst irgendwann Leute nach Berlin ziehen werden, die die meisten der neuen Häuser als das ansehen werden, was sie sind: häßlich. Denn wenn man heute an einem häßlichen Haus vorbei geht, kann man immer noch denken, daß dies eben nicht mehr mein Berlin ist, auch wenn sich niemand mehr traut diesen Satz auch auszusprechen. Die ersten Exemplare dieser Berlin- häßlich- Finder gab es bereits, die Tatsache aber, daß sie aus diesem Hass zugleich ein Buch machen, entlarvte die Haltung als letztlich berlinische Attitüde und als kläglichen Versuch eines Manövers, um möglichst rasch dazuzugehören. Berlin hat diese ersten Berlinhassprediger kaltschnäuzig absorbiert.

Letzte Kommentare