Dietmar Poppeling spricht über sein Schweigen und David Gieselmann über das DJing
Herr Poppeling, ursprünglich haben wir uns heute getroffen, weil Sie sich nur hier und nirgendwo sonst zu den Gerüchten äussern wollten, Sie würden erneut bundespolitischer Popbeauftragter - nun aber haben Sie mir vor 5 Minuten zu verstehen gegeben, dass Sie sich exakt zu diesem Thema nicht äussern wollen; so gerne ich also mit Ihnen plaudere, fällt mir dieses mal nichts Rechtes ein, das unsere Leser interessieren könnte, die alle darauf brennen, zu wissen, ob Sie nun mit Angela Merkel und Guido Westerwelle in Bundespop machen.
Ich kann Ihre Enttäuschung verstehen, aber als ich heute morgen im Flugzeug aus London sass, wurde mir klar, wie toll diese Gerüchte sind, und wie sehr es mir Freude macht, dass sie in der Welt sind; ich habe also beschlossen, dass ich alles tun möchte, um diese Gerüchte am Leben zu erhalten: nun könnte ich sie also dementieren, was mir längerfristig vielleicht den Weg verstellt, sollten die Gerüchte sich späterzus bewahrheiten, weil zum Beispiel Angela Merkel durch diese Gerüchte auf die Idee kommt, mich zu fragen; und ein Dementi würde mir wohl niemand glauben. Oder aber ich könnte alles bestätigen und erzählen, ich würde gerade mit Schwarzgelb verhandeln, dann würde aber möglicherweise, wenn es möglicherweise gar nicht stimmt, herauskommen, dass ich etwas dementiere, das nur ein Gerücht ist, und ich wäre weg vom Fenster, falls ich als Lügner da stehe. Aber wenn ich zu den Gerüchten aktiv schweige, wird das die Gerüchte am Ehesten im Umlauf halten, ohne dass es eine Rolle spielt, was an ihnen dran ist. Schweigen ist allerdings nur dann zu vernehmen, wenn man gehört wird, und gehört wird nur, wer ankündigt, etwas Interessantes zu sagen, und so habe ich also gesagt, dass ich etwas sagen werde, um nun nichts zu sagen.
Aber führt die Erläuterung dieser Strategie sie nicht ad absurdum?
Nicht unbedingt, man merkt dann eben nur, dass ich, Dietmar Poppeling eine Strategie verfolge und ein Ziel habe, welches sicherlich noch nicht ausgesprochen ist, so sehr ich auch erläutere, warum ich nun schweige, indem ich hier die ganze Zeit brabbele. Und wenn nun über dieses im vielen Gebrabbel doch noch nicht ausgesprochene Ziel spekuliert wird, habe ich die Gerüchte um eine Ebene erweitert und sozusagen den Status der Metagerüchteküche erreicht. Das ist ein wenig wie in „Inception“: Statt eines Traumes im Traum nun also das Gerücht im Gerücht.
In „Inception“ geht man aber noch zwei Schritte weiter.
Das ist dann die nächste Frage, ob ich innerhalb der Metagerüchte noch eine dritte Spekulationsebene kreieren kann - in Sinne des von ihnen genannten Filmes, aber damit müssen wir uns hier und heute nicht beschäftigen. Sie hingegen haben am Samstag mit Laptop aufgelegt und es irgendwie dumm gefunden.
Das war ein sehr schönes Fest, aber das mit dem Laptop, ja, das ist Unsinn.
Warum?
Dazu muss man vielleicht erst einmal sagen, was daran vorteilhaft ist: Man kann natürlich deutlich mehr Musik mitnehmen und muss fast nichts schleppen. Zudem habe ich zum Beispiel mein iTunes so gut organisiert, dass alles schnell und gut auffindbar ist, obgleich ich über 5000 Titel drin hab: Ich habe Playlisten mit chronologischen Stilen und mit zeitübergreifenden Stilen, ich habe Listen, die nach einer gewissen Partydramaturgie organisiert sind, die heissen „sprechen“, „wippen“ und „tanzen“, und ich habe sogar eine wo ich die Musik nach Bandgrösse sortiert habe.
Wie sieht denn das aus?
Ganz einfach eine Liste nur mit Duos, eine Liste mit Trios, eine mit klassischer Quartett-Bandbesetzung und eine mit Bands, in denen fünf, sechs oder sehr viele Mitglieder drin sind.
Das ist ganz interessant, haben Sie schon ein übergreifendes Merkmal von Musik von Bands in grosser Besetzung ausgemacht?
Ausser, dass sie viel Instrumente hat, nicht, nein, aber ich denke, da werde ich vielleicht noch fündig.
Aber Sie haben nun die jeweils passende Musik, obwohl sie so gut organisiert sind, nicht gefunden?
Exakt so ist es. Die Abfolge, wenn man auflegt, scheint sich eben noch einmal nach gänzlich anderen Prinzipien zu gestalten, die man nicht voraus sehen kann, eine innere Bindung zwischen zwei Titeln, die sich vielleicht auch nur in diesem einen Moment ergibt, und letztlich muss jeder DJ dann eben schon die Behauptung aufstellen, diesen unsichtbaren und sehr kurzen Zusammenhängen auf der Spur zu sein, und ohne Platten geht mir diese Behauptung flöten. Das liegt vielleicht auch daran, dass man viel zu viel Musik dabei hat. Eines der besten Sets vielleicht, die ich je hinbekommen habe, war in Rotterdam, wo ich hingeflogen war und fast keine Platten mitnehmen konnte - 30 Stück nur. Dann musste ich strikt nur solche mitnehmen, von denen ich mindestens zwei Titel potentiell spielen würde - also Sampler und in anderen Reflektionszusammenhängen völlig dumme Best Ofs. Ein Beispiel noch mal vom Samstag: Ich konnte dann zum Beispiel auch Lena spielen, davon träume ich schon, seit ich Fan von Lena bin, sie auflegen zu können, und die Reaktionen waren grossartig, aber dann hatte ich einfach keine Idee, was danach kommen könnte, alles Brittige - Kate Nash, Lily Allen oder auch Robyn oder so - schien mir zu naheliegend, und dann habe ich eine völlig bescheuerte Entscheidung getroffen: Ich habe zu „I like to bang my head“ ein Beat-per-Minute-Adäquat gesucht und in den Track von Lena reingemischt. Das hat super geklappt, aber null gepasst. Da ist mir auch noch mal klar geworden, dass das Mischen beim Auflegen völlig überbewertet wird. Ich zum Beispiel finde einen Songanfang total wichtig, dieser Moment des Wiedererkennens löst oft eine Euphoriewelle aus, die sich bei bestimmten Titeln auch niemals abnutzt: Der Anfangsbeat von „Billy Jean“, den erkennt wirklich jeder, der Funkchord zu Beginn zu Prince‘ „Kiss“, das Sitar-Riff von „Mundian to bach Che“, diese Synthiestreicher am Beginn von „toxic“, das sind alles Anfänge, die ich hören will, wenn ich tanze, und die ich dementsprechend spielen will, wenn ich auflege. Die will ich nicht weg mischen.
Lena gibt es überhaupt nicht auf Vinyl?
Soweit ich weiss nicht, nein. Aber noch was vom Samstag, was, glaube ich, wo wir jetzt eh nicht über Angela Merkel reden, einiges erzählt, wie ich das Auflegen verstehe: Da kam also einer, der sich später als wahnsinnig nett heraus stellte, zu mir als DJ und sagte, ich solle mal was zum Tanzen spielen. Da habe ich gesagt, ob er das vielleicht etwas präzisieren könne, und dann sagte er: „Etwas zum Tanzen, das jeder kennt, was Du aber nicht unbedingt magst.“, und wie gesagt: Der war sehr nett und sympathisch, aber das war schon so ziemlich der merkwürdigste Wunsch, den je jemand an mich gerichtet hat, denn, was immer man nun zum Tanzen findet, so ist meine Überzeugung schon die, dass, wer auf der Tanzfläche ist, merkt, dass der DJ die Musik, die er da auflegt, mag und irgendeinen Bezug zu ihr hat. Abgesehen davon habe ich natürlich auch nichts auf meinem Computer, was ich nicht gerne höre. Hinzu kam dann noch, dass er zu dem Song, der lief, sagte, den kenne doch kein Mensch, und das war „Empire State of Mind“ von Jay Z, und da muss ich schon sagen: Jemand, der sich etwas wünscht, das jeder kennt, hat in meinen Augen das Recht auf diesen Wunsch verwirkt, wenn er "Empire State Of Mind" nicht kennt.
Das ist eine Auffassung, bei der ich nicht widersprechen kann.
Was ist denn nun dran an den Gerüchten, Herr Poppeling, Sie würde wieder Popbeauftragter?
Ich kann das weder demenstätigen noch bestieren.
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Dietmar Poppeling war von 2002 bis 2004 Popbeauftragter der rotgrünen Bundesregierung und ist ein oft und gern gesehener Gast hier im Popticker. Wer mehr über ihn lesen will, kann rechts auf die Kategorie mit seinem Namen klicken oder seine Facebookseite besuchen, wozu man nicht selber auf Facebook sein muss - dort zu finden Vita und Diskografie. Das DJ-alte Ego des Poptickers ist DJ Hatari, der auch auf Facebook zu finden ist.
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