David Gieselmann und Dietmar Poppeling über die erste Show von „Unser Star für Baku“
Als gegen viertel vor Elf der Gewinner des Autos, „Fritz Blitz, Schmitzenhausen“ eingeblendet wurde, war eine Variante von Fernseh-Anarchie erreicht, die wahrscheinlich nicht einmal Stefan Raab sich hätte träumen lassen: Kurz zuvor hatten die Jury-Mitglieder wild durcheinander geschrien, wer der 10 KandidatInnen auf keinen Fall vergessen werden dürfte, und sobald ein Name gefallen war, wurden wieder andere geschrien. Was war geschehen? Stefan Raab hat ein neues Telefonvoting ersonnen, das der wahre Star für Baku zu werden scheint: Die Zwischenstände werden permanent, sogar in der letzten Werbepause eingeblendet. Die Blitztabelle verschob sich im Sekundentakt, was die Jurymitglieder von sich gaben, schien wenige Momente später Einfluss auf das Voten gehabt zu haben, und ganz zum Ende fielen sogar die FavoritInnen auf Plätze zurück, auf denen sie ausgeschieden gewesen wären, wenn das Voting zu diesem Zeitpunkt zu Ende gewesen wäre.
Raab dankte Thomas D für die Unterstützung. D. war jedoch der Meinung, Raab habe ihn unterstützt.
Doch der Reihe nach: Gestern begann also die neue Show-Reihe „Unser Star für Baku“, die zweite Staffel des neuen Raabschen nationalen Eurovision Songcontest-Vorentscheids, wenn man so will, weil im letzten Jahr ja durch die Titelverteidigungsidee seitens Lena Meyer-Landrut nur ein Song gewählt werden musste; jene Lena natürlich, die die erste Staffel für sich entscheiden konnte. Während sich Bühne und Anzahl der FinalistInnen kaum bis gar nicht verändert haben, gibt es nun neben einer festen Jury und neuen ModeratorInnen eben das Live-Voting, das mit einer Kurzvorstellung der KandidatInnen gestartet wurde und sogleich die Reihenfolge der Live-Auftritte festlegte: Wer in der Zwischentabelle hinten lag, musste als erster ran. Das führte dann dazu, dass, wer wie die meisten einigermassen singen konnte, sich vom letzten Platz auf die vorderen Plätze performen konnte, und wer noch nicht aufgetreten war, in den Tabellenkeller durch gereicht wurde. So sehr es ein wenig nervte, das Stefan Raab diese seine Idee ständig selber lobte und dabei ein ums andere mal Alina Süggeler unterbrach, so sehr muss man diesem Fernsehfuchs zugestehen, dass die Dramaturgie einer Casting-Show durch diese Vorgehensweise tatsächlich revolutioniert wird: Es wird unfassbar spannend dadurch. Darüber und über andere Details von „Unser Star für Baku“ unterhielt sich der Popticker personifiziert durch mich, David Gieselmann, mit dem Popexperten und ehemaligen Popbeauftragten der rot-grünen Bundesregierung Dietmar Poppeling.
Herr Poppeling, „Unser Star für Baku“ ist nach dem gestrigen Abend wohl das Live-Voting. Sehen Sie das ähnlich?
Der Voting-Wahn gerade zu Ende der Show hat alles, was sonst an diesem Fernsehabend geschehen ist, mit wehenden Fahnen in den Schatten gestellt - das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber ich fand alles in allem auch das KandidatInnen-Feld ziemlich gut, und wenn das nicht der Fall gewesen wäre, wäre mir wohl auch das neue Voting-System an meinen vier Buchstaben vorbei gegangen.
Dann legen Sie doch gleich mal los: Wer hat Ihnen denn gut gefallen?
Bevor ich Namen nenne, möchte ich erst einmal eine Beobachtung äussern, die ich insgesamt gemacht habe: Mit stumpfen Karaoke scheint man bei Raab und seinem Publikum wirklich nicht mehr durch zu kommen. Honoriert werden hier durchaus interpretatorische Schärfe und, wenn man so will, einen kleinen bis mittleren Hang zur Exzentrik. Es gab einige SängerInnen, die tatsächlich in keiner anderen Castingshow weltweit irgendwo eine Chance gehabt hätten, die eben tatsächlich mehr von sich in die Waagschale werfen, als von dem Song und den Versuch, ihn möglichst originalgetreu über die Bühne zu singen. In diesem Sinne hat am meisten das Ausscheiden der Kandidatin Jil Rock verblüfft: Ihr Vortrag von „Moves Like Jagger“ war technisch brilliant, stimmlich war sie die beste, aber wie die Jury ihr auch unmissverständlich klar gemacht hat: Es fehlte ein Fünkchen Jil und ein Tick Rock. Offenbar heisst sie ja wirklich so.
Der sich von der ersten Vorstellungsrunde an als Favorit entwickelte Roman ist aber nun nicht gerade ein Feuerwerk der Exzentrik.
Nein, aber es gibt es auch nicht so viele tätowierte Industriemechaniker, die so gut singen können und dabei so bescheiden bleiben. Ausserdem hat er ein randseitiges Lied gesungen, was in den sonstigen Kanon gehobenen Soul-Pops, welcher die Song-Auswahl insgesamt prägte, nicht gerade passte. Also nein, das stimmt so auch nicht, sein Lied war auch Soul-Pop, aber es war kein Mittelschichten-Hit á la Amy Whinehouse, von der wir zwei Titel zu Gehör bekamen, oder eben Adele, deren Lieder sicher noch kommen werden.
Wer war denn nun Ihr Favorit?

Mein Favorit oder meine Favoritin ist vielleicht noch gar nicht aufgetreten, nächste Woche kommen ja noch zehn, am meisten gepackt hat mich gestern Shelly - wenngleich ich finde, dass Ihre Version von „Valerie“ nicht ganz so gut funktioniert wie die deutlich schnellere Originalversion, hatte das irgendwie schnoddrige Gelassenheit und Understatement. Fast besser war der kurz eingeblendete Auftritt in der Castingbox, wo sie LaRoux‘ „Bulletproof“ als Gitarrensong spielte. Prima war auch Leonie, bei deren kurzem Castingbox-Ausschnitt man noch mehr das Gefühl hatte, die hat sie nicht alle, im Guten, als bei ihrer Fassung von „Stronger then me“ auf der Bühne gestern. Aber wer hat Ihnen denn gefallen?
Ich fand letztlich auch schade, dass Jil Rock ausgeschieden ist, weil die technisch wirklich exzellent war. Wer so grossartig singen kann, muss nicht bei der ersten Show eines solchen Formates gleich seine ganze Persönlichkeit veröffentlichen. Ansonsten kann ich nur zustimmen: Leonie und Shelly waren gestern die beiden, die mir am meisten gefallen haben. Shellys Uptempo-Version von „Valerie“ hätte vielleicht tatsächlich noch in das Tempo des Originals kippen können, aber das Lied so jazzig zu halten, zeugt auch von Selbstbewusstsein. Ich fand insgesamt die Songauswahl ein wenig zu kanon-mässig. Die ganz merkwürdigen Dinger haben gefehlt, das waren alles Lieder, die man, wesentlich braver natürlich, auch bei DSDS hören könnte. Das angenehme Anti-Castingshow-Teilnehmer-Feld hat sich durch eine etwas risikolose Lied-Auswahl doch wieder dem Karaoke angenähert. Wem prophezeien Sie denn einen Finaleinzug?
Roman Lob wird weit kommen, Shelly könnte an ihrer bewundernswerten Lockerheit scheitern, sonst kommt auch sie weit. Wir haben den Gewinner oder die Gewinnerin aber noch nicht gesehen.
Dann wird nächsten Freitag darüber zu reden sein.
Definitiv.
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