Seit Jahren denkt der Popticker über die Funktionsweisen von Popmusik nach, und immer wieder taucht aus dem Nichts ein Hit auf, der, wenn man ihn theoretisieren würde, die Hitformel wäre, die Weltformel des Pop. Diese Formel scheitert nur daran, dass man sie lediglich anhand funktionierender Hits entwickeln kann und man, wenn man diese versucht zu verallgemeinern, doch wieder an dem Punkt landet, an den die Formel nur dieser eine Hit ist - mit anderen Worten: Wenn man einen perfekten Popsong hört und das Video dazu sieht, kann man immer sagen, dass man es im voraus gewusst hätte, dass dieses Ding funktionieren würde, entscheidend aber ist das Gespür es vorher zu wissen. In dieser Woche erinnert der Popticker an diese perfekten Hits des Popjahrzehnts 2001 - 2010, Hits, welche uns vor Augen führten, dass wir es doch immer schon im Nachhinein wussten, was Popmusik ausmacht.
Die perfektesten Hits des Jahrzehnts, Folge 1:
Kylie Minogue „Can‘t get you out of my head“ (2001)
„La La La“, so nannte Kylie Minogue ihre 2002 erschienene Stylebiographie, in der sie sich zusammen mit ihrem Styleberater William Baker an die wichtigsten Dresses ihrer Karriere erinnerte, und abgesehen davon, dass Kylie Minogue eine der wenigen lebenden Menschen sein dürfte, die eine Stylebiographie über sich heraus bringt, fasst der Titel des Buches „La La La“ diese Karriere denn auch ziemlich gut zusammen. Natürlich stammt jenes „La La La“ aus ihrem Monsterhit „Can‘t get you out of my head“ aus dem Jahre 2001, und dieser Hit ist in allen Belangen bemerkenswert: 15 Sekunden müssen wir nach einem Beat-It-ähnlichen Bass mit Synthiepatterns auf jenes „La La La“ warten, ehe dann nach exakt 30 Sekunden die titelgebenden Zeilen das erste mal erklingen. Im gewissen Sinne ist das „La La La“ also die Strophe und der Name des Liedes der Refrain, aber andererseits ist „Can‘t get you out of my head“ auch die Strophe, die sich nicht in einen Refrain ergiesst, sondern in ein erneutes „La La La“ (0:45) und dann in einen B-Teil (1:10), und schon ist die Struktur dieses perfekten Hits beschrieben: Hier wird nicht viel verschoben und in Formen gefasst, hier geht es um Bewahrung eines treibenden Basses, der rhythmisch von einem bestechenden „Bumm Tschack“ erhalten wird, und der auf zweiter Ebene von einer Hammond-Orgel aufgeweicht und gleichzeitig unterstützt wird, hier geht es um einen B-B-Teil („set me free“, 2:18), der doch nur die Variation des Grundthemas- und Beats ist, und welcher die letzen 30 Sekunden einleitet, in der sich die verschiedenen Flächen des Hauptschemas noch einmal kurz alle überlagern. Mit anderen Worten: „Can‘t get you out of my head“ besteht im Wesentlichen aus einer einzigen Idee, und es ist Kylie zu verdanken, an einen Hit zu glauben, der nur eine Idee hat. Seine musikalische Banalität wiederum hat dem Stück eine zweite Karriere als Baustein der Mash-Up-Produzenten beschert: Wohl kaum ein Lied ist sooft mit irgendeinem anderen zu Bastardpop vermixt worden, und Kylie war gleichzeitig auch die erste, die dem an sich Copyright verletzenden Treiben dieser heimischen Pop-Mixer den Segen der Legalität bescherte: Sie autorisierte den Mash-Up aus ihrem Überhit und New Orders "Blue Monday", und "Can't get Blue Monday out of my head" wurde zum Subhit.
Zu dem unfassbaren Erfolg des Songs hat natürlich auch das Video beigetragen, für welches als Regisseur Dawn Shadworth verantworlich zeichnet, dessen wahre visuelle Marke aber William Baker als Designer und Choreograph entwickelt hat: Jenes kleine Weisse, welches von Kylies Kopf baumelt, und das vorne bis zum Bauch ausgeschnitten ist, vor allem aber jener roboterhafte Tanz, dessen zentrale Bewegung ein Kopfschieben parallel zu einer von beiden Armen gezogenen Diagonale ist: Wer dieses Video sieht, weiss nach 20 Sekunden, dass hier ein Hit am Kommen ist, dem man sich nie wieder entziehen wird können.
„Can‘t get you out of my head“ läutete den zweiten Frühling in Kylies Karriere ein, ohne dieses Lied wäre sie auch heute noch die australische Schauspielerin aus der Serie „neighbours“, die mal ein paar Hits mit Stock / Aitken / Waterman hatte, aber durch dieses historische „La La La“ hat Kylie Minogue ihr Popdasein bis heute und vermutlich in die Unsterblichkeit verlängert: Dieser Song ist der vielleicht perfekteste Popsong aller Zeiten, wenn man über visualisierte Konzepthits sprechen will, der Nullmeridian des vom Popticker definierten Popstörquotienten: Hier stört rein gar nichts, Pop in seiner Reinform, gross, grösser, „La La La“!
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