Alexander Marcus wirft immer gnadenloser die Frage auf, ob man ihn aushält
Kürzlich hatten wir es hier von Pop, der sich dem Schlager nähert, und nun zündet ein Künstler die nächste Stufe seiner Mission, sich vom Schlager kommend dem Pop zu nähern - und landet dabei inmitten im Sumpf von einem Film, dessen dilettantische Kraft an das Frühwerk von Christoph Schlingensief erinnert. Die Rede ist von Alexander Marcus - jener Kunstfigur also, die vielleicht gar keine ist, die vielleicht gerade deswegen so ernsthaft zwischen Ironie und Ernst flirren kann, weil sie nicht erfunden und also keine Kunstfigur ist. In jedem Falle mischt dieser Alexander Marcus recht satte Electro- und Dancefloorbeats mit den Melodien und Texten von Schlagern, und heraus kommen merkwürdige Ohrwurmzwitter, deren theoretische Reize darin bestehen, dass man nie weiss, wie sie gemeint sind, und deren praktische Reize es sind, dass sie, wie immer sie gemeint sind, funktionieren. Das erste Lied dieser Kunst- oder Nichtkunstfigur aus dem Jahr 2008 hiess "Papaya", der Text geht so: „Die Fische hams am Feuer erzählt, da gibt‘s ein Land, in dem die Liebe regiert: Komm mit mir nach Papaya!“, darunter, unter diesen Zeilen, wummert‘s und flibbert‘s, als wäre man in der Housedisse. Wenn man das hört, denkt man erst mal: „HÄ?“ - wenn man dann weiter hört, denkt man als nächstes: „HÄÄÄ?“, um im nächsten Moment „HÄÄÄÄÄÄÄ?“ zu denken. Und ganz zum Schluss will man das Lied noch mal hören.

Andere Lieder der ersten Platte „Electrolore“ von Alexander Marcus heissen „Ciao Bella“, „Spiel, Satz und Sieg“ oder „1,2,3“, dessen Text so geht: „Heute hauen wir richtig auf die Pauke, und der ganze Ärger bleibt zu haus. Wir wandern von der Oder bis zum Rhein, es ist angezapft, komm schenk was ein! Hussassa, Hussassa, Heia! Heute brennt die Hütte, die ganze Nacht von Flensburg bis nach Garmisch und zurück, singen wir zusammen unser Lied! Wir singen eins, zwei, drei - oh, du wunderschöne Loreley, endlich geht‘s nach vorne, schwarz, rot, gold, das sind unsere Farben, der Wagen rollt!“. Wem da die Nackenhaare hoch gehen, sei auf die Videos verwiesen, in denen das Gesungene ins komplett Lächerliche gezogen wird: Alexander Marcus taucht in allen seinen Videos als dümmlich lächelnde Lichtgestalt auf, dessen blosse auratische Anwesenheit Wunder bewirken kann. So bringt er im Video zu eben jenem „1, 2, 3“ mit Frack und rosa Hose durch blosses Handauflegen ein stehen gebliebenes Auto wieder zum Fahren, in „Spiel, Satz und Sieg“ taucht er in einer völlig surrealen Handlung in einem Café auf, und schnappt dem Barista die Blondine weg, während er im Film zu „Papaya“ behangen mit Plastikmeerestieren und in gleicher rosa Hose, die sein Markenzeichen ist, an einer Insel angeschwemmt wird, was sich später als Traum entpuppt. Alle Videos haben gemeinsam, dass Alexander Marcus in recht gekonnte, teils moonwalkartige Tanzschritte fällt. Mit den ironisierenden Videos kann man also gar singen, dass Schwarz, Rot, Gold unsere Farben wären, und in dieser Rückkopplung zwischen Visuellem und Musik spiegelt sich nur ein Effekt, der genauso ohne die Videos in der reinen Musik eintritt: In ihr ist quasi antizipiert, dass sie entsetzlich ist. Und in diesem Sinne kann man Alexander Marcus nur mögen, wenn man ihn vorher schrecklich fand. Adäquat zum Prinzip der Pre-Taste-Music von Gonzales, dessen Wirkungsweise darin besteht, zu funktionieren, bevor man seinen Geschmack befragt, handelt es sich bei Alexander Marcus also um Post-Taste-Music, die sich nur dann entfaltet, wenn man seinen Geschmack bereits befragt hat, aber dann eben auch dazu bereit ist, ihn komplett abzuschalten.
Von diesem Post-Taste-Prinzip zeugt auch der die Internet-Adresse der Nicht-Kunstfigur bekenndich.de, weil sie das Gefühlt vermittelt, dass, wer Alexander Marcus mag, pop-sozial geächtet erscheinen könnte. Wer sich eben bekennt und in den Kreis derer vordringt, die ihren Geschmack über Bord geworfen haben, wird sehen, wie schön es ist, dazu zu gehören. Und eben jenem Kreis der Eingeweihten widmet Alexander Marcus nun einen Kinofilm, der wie die neue Platte „Glanz und Gloria“ heisst, und der im Trailer so überdreht und overacted daher kommt, dass die Bereitschaft, sich auf diesen Kosmos einzulassen, über alle Massen strapaziert wird. Im Laufe des Filmes scheint die Kunstfigur im Gefängnis und im Krankenhaus zu landen, sich mit dem Militär anzulegen und den Ausweg aus dem künstlichen Schlamassel in der Bibel zu finden. Auf einer Skala des Fremdschämens überholt und -rollt Alexander Marcus die Serienfigur Stromberg um Längen: Bei dem Trailer weiss man schon nach 20 Sekunden nicht mehr, ob man es aushält noch auf den Bildschirm zu schauen. Wenn der Film so funktioniert wie dieser Trailer, dann wird man sich im Kino immer auf den Moment freuen, in dem Beats einsetzen und Alexander Marcus tanzt und singt und nicht eine Sprech-Szene verunspielt. Die Frage, die der Popmusik immer wieder zugrunde liegt, hat hier also ein ganzes filmisches Universum gefüllt - die Frage nämlich: Wie zur Hölle ist das gemeint?
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