So 14.11.10, 17 Uhr
Als gestern am vorletzten Tag (aber schon zur Abschlussparty unseres Festivals) eine Balkan-Brassband aufspielt, hüpfen sofort alle und tanzen. Irgendwie habe ich mir vorgestellt, dieselbe Band würde auf einer Premierenparty in Deutschland aufspielen, ob dann auch alle hüpfen würden, sofort, oder ob erst einmal Skepsis herrschte, ob diese Band denn auch gut ist. Hier gilt es erst mal: Im Zweifelsfall für die Auftretenden, die sind bestimmt grossartig. Sicherlich eine Lebenseinstellung, die gesünder ist. Und an Kolpert kann man das dann schon auch ablesen: Wenn dieses Stück in Deutschland gezeigt wird, versuchen sich einige Verwegenen nach zehn Minuten an einem ersten strategischen Lacher, der, wenn er akzeptiert wird, möglicherweise dazu führen kann, dass man in Erwägung zieht, es könne sich um eine Komödie halten. Das israelische Publikum geht mit der festen Überzeugung in ein solches Stück, es werde nun bestimmt unterhalten werden, und das ist natürlich eine gute Voraussetzung für Komödie. In der Diskussion nach der prima Inszenierung wird der britische Humor mit dem jüdischen verglichen, und einer wirft nach dem Gespräch ein, es könne sich an Sabbat ja eigentlich nicht um jüdischen Humor handeln, er selber halte diese Bemerkung für britisch. Später hebräischer Hip Hop eines völlig Verrückten DJs in einem Bar-Restaurant mit grandiosem Essen, wie hier überhaupt das Essen fantastisch ist.
Heute dann noch mal heisser als in den letzten Tagen, selbst die Tel Aviver stöhnen, und ich habe Sonnencreme gekauft. Hundert bewaffnete Soldaten an einem Einkaufszentrum. Viele rauchen, und die Passanten schimpfen, man käme ja nicht durch. Merkwürdige Freude, als mir eine Kellnerin nicht sofort die englische Speisekarte bringt - sondern die hebräische. Die ich aber schlussendlich auch nicht lesen kann.
Das Goethe-Institut hatte heute für mich einen Besuch in der Löwenstein-Schauspielschule arrangiert. Diese Schule liegt inmitten eines Viertels, in dem vornehmlich Juden aus arabischen Ländern wohnen, Immigranten inmitten eines ärmlichen Viertels und mittendrin eine Schauspielschule, die ihr Umfeld zum Teil ihres Lehrkonzeptes gemacht haben: Die StudentInnen sind dazu angehalten, Theaterprojekte mit den Bewohnern des Viertels zu realisieren, also werden Kindertheatergruppen gegründet, mit Jugendlichen Theater gespielt, oder die StudentInnen schreiben die Lebensgeschichten der Nachbarn auf und versuchen daraus Stücke zu bauen. Die Atmosphäre auf dem kleinen Hof, dem Campus wenn man so will, ist faszinierend familiär, ernst und humorvoll, und die dortigen Begegnungen (vor allem mit dem Gründer und Leiter der Schule, Yoram Loewenstien) gehören ganz sicher zu dem faszinierendstem Erlebnis meiner bisherigen Woche in Israel. Im März wird an dieser Schule „Die Tauben“ zu sehen sein, und das dürfte wohl die mit Abstand ungewöhnlichste Sache sein, die diesem Stück bislang widerfahren ist.
Gestern beschäftigte mich die Frage, ob man, wenn man denn nun schon mal hier ist, vor sich selber die Verpflichtung hat, stetig die Stadt zu erkunden, oder man eben auch mal, wenn zwei Stunden frei sind, im Hotelzimmer sitzen und gar nichts machen kann. Die Antwort, die ich mir auf diese Frage gegeben habe, war zum Glück: Ja, man kann.
< Hier > die Homepage erwähnter Schauspielschule
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