t.A.T.u. und ihre Videos - ein Chronologie des russischen Popduos von David Gieselmann
(entstanden Januar 2007, überarbeitet & aktualisiert August 2009 und September 2010)
t.A.T.u. und ihre Karriere ist eine Geschichte, die sich auf zwei Arten erzählen läßt. Zum einen als Geschichte der zwei jungen Russinnen Yulia Volkova und Lena Katina, die der Musik- und Werbeproduzent Ivan Shapovalov für seine Idee eines möglicherweise lesbischen Popduos ausgewählt hat, die daraufhin erst in Russland, später in ganz Europa eine Hysterie auslösen, und schließlich auch in den USA Furore machen. Am Höhepunkt des Erfolges zerstreiten sie sich mit Shapovalov, setzen ihre Karriere aber zwei Jahre später mit einem gelungen trockenen, stilsicheren Popalbum fort. Sie läßt sich aber auch als die Geschichte der stetig transformierten Pop-Images erzählen, denn t.A.T.u. arbeiteten an ihrem äußeren Erscheinungsbild als selbstbewusstes Doppelego: Sie binden jedes ihrer Videos inhaltlich und stilistisch an das vorige an, und eines Tages können sie einen Spielfilm aus allen ihren Clips schneiden. Diese Strategie mag noch teilweise von Shapovalov ersonnen sein, zweifelsohne haben die beiden Mädchen sie sich aber inzwischen zu eigen gemacht und sogar das Zerwürfnis mit ihrem früheren Chef und Erfinder darin erzählerisch verarbeitet.
Das Image
T.A.T.u. haben mit Hilfe ihrer Videos eine Geschichte mit ihren Images als Figuren erzählt. Bevor man sich dieser Geschichte widmet, sollte geklärt sein, was mit dem Begriff Image gemeint ist.
Menschen, die Popstars sind, tun gut daran, diesen Star und sich selber voneinander trennen zu können, um nicht ständig als Privatperson im Rampenlicht zu stehen. Neben dieser Rollenkonstruktion, die ein Popstar darstellt, gibt es häufig temporäre Erscheinungsfiguren von Popinterpreten. Sie erfüllen einerseits auch eine Schutzfunktion, andererseits sind sie bei den heutigen Anforderungen an multimedialer Dauerpräsenz eines Popstars unabdingbar geworden, um sichtbar zu bleiben und erfüllen in diesem Sinne auch eine Marketingfunktion. Diese Erscheinungsfiguren können ein Styling sein, eine Rolle, ein Charakter, eine Message, eine Verhaltensweise alles mögliche. Sie finden ihren Ursprung meist in einem Musikvideo und erstrecken sich eine gewisse Zeitspanne über sämtliche Veröffentlichungen und Auftritte des Popstars. Man kann eine solche Erscheinungsfigur ablegen und sich eine neue aneignen, und schon hat man einen auf den nicht sehr tiefgreifenden Bildflächen des Pop erzählbare und meist auch für erzählenswert gehaltene Verwandlung vollzogen. Im Gegensatz zur Rolle "Popstar" haben diese temporären Erscheinungsfiguren in keinster Weise einen illusorischen Charakter. Ein Beispiel: Wenn man Madonna kurzzeitig überall als Cowboy auftritt, hält man sie deswegen nicht für einen Cowboy. Da Madonna aber ihr ganzes Leben lang als Madonna auftritt, hält man diese Rolle doch zumindest in Maßen für eine Repräsentation ihrer tatsächlichen Person. Manche Fans können zwischen Person und Popstar nicht trennen, was oft ein Zeichen für Wahn sein kann, und auch Stars können sich in dem Spiel um Identitäten verfangen.
Das Image eines Popstars ist das Spannungsfeld zwischen ihm und seiner derzeitigen Erscheinungsfigur. Das Besondere an t.A.T.u. war, dass sie zunächst gar keine Popstars waren, denn zu Beginn ihrer Karriere kannte sie ja niemand. Ihr Image spannte sich somit zwischen ihnen selbst und ihren Figuren auf. Man setzte sie als Popstars zunächst gleich mit den beiden Mädchen, die sich ständig küssen. Ihre Erscheinungsfiguren definierten Yulia und Lena als ihr Verhältnis zu einander, und diese Chance verdankten sie der schlichten Tatsache, dass sie zu zweit waren. Mit einem psychologischen Spannungsfeld als Figur ließ sich nun eine neue Art der Verwandlung auf den Bildflächen des Pop erzählen: Eine Geschichte. T.A.T.u. verkleideten sich nicht als Cowboy und in ihrem nächsten Video als Polizistinnen, sie justierten von Video zu Video das Verhältnis ihrer Figuren zueinander, und die Öffentlichkeit hielt jede dieser Neuerungen für möglicherweise privat, auch als t.A.T.u. längst Popstars waren.
"all the things she said" und der Kuss
Kernstück der t.A.T.u.-Videodramaturgie ist und bleibt natürlich ihr erster Videoclip zum Hit "all the things she said" mit jenem Kuss, der sie so berühmt machte: Das Video (Regie: Ivan Shapovalov) zeigt Yulia und Lena in Schuluniformen in einer Art Innenhof an einem Zaun, hinter dem sie von entsetzt und leer gaffenden Erwachsenen beobachtet werden; auf der einen Seite des Zaunes t.A.T.
auf der anderen die Gesellschaft als solche, eine Gesellschaft, welche seine Jugend nicht mehr begreift. Anfangs wirkt der Clip in einer Einstellung einer an dem Zaun baumelnden Laterne in grünlich schimmernden Regen animiert und gezeichnet; die Ästhetik wird dann realer, filmischer, nur die Fratzen der gaffenden Erwachsenen wirken noch nachcoloriert. Der Regen funktioniert ebenfalls als Stilmittel in dem kurzen Film: Die Gaffer haben Schirme, t.A.T.u. aber werden nass (... die Heldinnen und ihr Wetter). Der dem Rock entlehnte Popgestus, "Wir sind hier, und ihr seid dort!" kulminiert dann schließlich in einem innigen, verregneten Kuss der beiden Sängerinnen, welcher in mehreren Einstellungen und kurzen Zeitsprüngen perspektivisch seziert gezeigt wird.
Das Lied ist ein Liebeslied zweier Teenagerinnen in sexueller Verwirrung aufgrund dieser gegenseitigen Liebe. Die eingängige Melodie und die beiden jungen, kräftigen und doch fernen Stimmen wurden vom Produzenten Trevor Horn (ABC, Frankie goes to Hollywood, Grace Jones) mit dem für ihn so typischen, flach gehaltenem Bombast produziert. Horn arbeitete an der englischen Version des Debut-Albums zu einem Zeitpunkt, da diese Platte sich in Russland bereits über 500 000 Mal verkauft hatte. Er berichtet in der Jubiläumsausgabe der Spex, Yulia und Lena hätten die Texte, ohne englisch zu können, eher lautmalerisch eingesungen. "All the things she said" nun klingt wie frisch aus den 80ern importiert, keine drei Minuten brauchten Yulia, Lena und Trevor für ihren Coup: Intro, Refrain, zwei Strophen, Refrain, Bridge und B- Teil, Refrain: Fertig ist die Laube. Ein einzigartiges Meisterwerk des Bubblegumpops.
Wer im März 2003 den Song zu hören und Clip zu sehen bekam, war überrascht, und man mußte kein Prophet sein, um weissagen zu können, dass dieses Lied und sein Video auffallen würden. Zunächst wurde dem Clip vorgeworfen, Bildmaterial pädophiler Pornografie unreflektiert zu zitieren: Zwei sich küssende Mädchen in Schuluniformen mit kurzen Röcken und nassen, weißen Hemden, eben: Sex sells. Die visuelle Brisanz der tatsächlichen Bilder sind aber, vor allem im Vergleich mit dem sexistischen Standard von Musikvideos, ziemlich harmlos. In Russland war die Band zuvor mit wesentlich rabiateren Methoden berühmt geworden: Fotos von Auftritten in künstlichem Sprühregen muten eher wie Wet-T-shirt-contests auf Mallorca an. Für den internationalen Markt gaben t.A.T.u. sich weniger freizügig und subtiler übrigens auch in ihren Songtexten, die im russischen Original oft von Sex handeln, wenn im Englischen nur von Verwirrung und Liebe die Rede ist.
Performative Postproduktion
Die eigentliche Kunst beim globalen Promoten der Single war, dass es t.A.T.u. gelang, ihr Musikvideo zu "all the thing she said" in ihre öffentlichen Auftritte hinein zu verlängern: Sie wiesen den Zuschauern denselben gaffenden Blick der fahlen Erwachsenen in ihrem Clip zu. Übertrieben formuliert: Sie schnitten und morphten ihr Publikum nachträglich in das Musikvideo hinein. Dies funktionierte dadurch, dass Yulia und Lena, wo immer sie auftauchten, außerordentlich befremdlich waren. Sie wirkten dümmlich und arrogant, versiert und naiv, und sie überraschten durch meist fabelhaften Gesang. Somit passten sie in keine Schublade der Poptheorie, und wer zudem den Clip kannte, der traute den beiden jungen Russinnen auf der Bühne jede Peinlichkeit und jeden Skandal zu. Und t.A.T.u. professionalisierten diese Atmosphäre und konstruierten darüber ihre Identität als Popstars: Wenn wir kommen, kann alles geschehen.
Höhepunkt ihrer performativen Postproduktion des Videos zu "all the things she said" waren ihre Auftritte in der Fernsehshow von Jay Leno und beim Grand Prix de la Chanson (auch wenn sie bei Letzterem ein anderes Lied sangen). Bei Leno war ihnen vertraglich verboten worden, sich erstens zu küssen und sich zweitens zum Einmarsch der Amerikaner im Irak zu äußern. T.A.T.u. erschienen also in weißen T-Shirts, auf denen in kyrillischen Buchstaben "zensiert" stand, und im Instrumentalteil, an der Stelle, an der im Video der Kuss kommt, zeigte die Kamera auf einmal den euphorisierten Gitarristen. Zu Ende des Liedes bedankt sich Leno, aber aus einer Ecke des Studios taucht zum Winken ein anderer Gast aus der Show auf und küsst Jay Leno. Das war großes Fernsehen und riesiger Pop.
Die Gerüchteküche rund um den Grand Prix war zweifelsohne hysterisch. Die so genannte Bildregie bereitete sich darauf vor, notfalls ein schwarzes Bild zu senden. Man befürchtete unter Anderem, Yulia und Lena würden mit Dildos als Mikrofone auftreten und auf der Bühne strippen. All dies geschah nicht, es geschah im Gegenteil rein gar nichts: t.A.T.u. kamen in Jeans und T-Shirt auf die Bühne, hielten Händchen und sangen ihr schönes Lied "don’t believe, don’t fear". Ohne, dass es die Öffentlichkeit wirklich bemerkte, waren t.A.T.u. zu Stars geworden.
Madonna ist beleidigt
Befremden lösten t.A.T.u. nicht nur bei den Hörern von Popmusik aus, sondern auch bei vielen bereits etablierten Popstars. Bei den British Pop Awards (dem englischen Grammy-Äquivalent also) betrat ein sichtlich verwirrter Robbie Williams verspätet die Bühne und entschuldigte sich, zwei hysterische Teenager, die kein Wort englisch sprachen, hätten ihn mit absurden Fragen aufgehalten. Als Yulia und Lena später dann auf die Bühne kamen und mit unbeeindrucktem Understatement "all the things she said" zum Besten gaben, da waren auch die Minen, Blicke und Gedanken der anwesenden Popstars bei dem Video, und damit verbunden lag hier wieder für dreieinhalb Minuten eine merkwürdige Anspannung im Publikum: Was wird als nächstes geschehen? Nun: Es geschah erneut nichts, aber t.A.T.u hatten vor popgeschulten Zuschauern bewiesen, dass ihr Lied längst zum visuellen Ohrwurm geworden war, und erreicht, dass den Anwesenden derselbe unverständlich gaffende Blick zugeteilt worden war, wie den Erwachsenen aus dem Videoclip von t.A.T.u.. Yulia und Lena hatten aufgezeigt, dass auch Popstars manchmal bei Kollegen den Fehler machen, temporäre Erscheinungsfigur mit den tatsächlichen Personen zu verwechseln.
Vielleicht war es diese Degradierung, die Madonna ärgerte, die sie als Demütigung empfand: Auf einem Gebiet, in dem sie nach wie vor als Königin galt, war sie auf einmal nur noch eine Gafferin, die zu alt war, um jüngere Kolleginnen zu verstehen. Auf einmal stand die Queen des Pop vor zwei pubertären Töchtern und verstand deren Welt nicht mehr. Dies konnte und wollte Madonna nicht aus sich beruhen lassen, und sie fasste den Entschluss Yulia und Lena das einzige zu nehmen, das sie bekannt gemacht hatte: Den Kuss. Madonna plante generalstabsmäßig etwas höchst Ungewöhnliches: Die Assimilation einer Erscheinungsfigur. Obgleich die Assimilation die große Kunst von Madonna ist, und sie in diesem Sinne etwas mit den Star Trek-Wesen "Borg" gemeinsam hat, darf es doch als Premiere gelten, eine Erscheinungsfigur zu rauben. Um jeden Preis wollte Madonna die visuelle Wucht des t.A.T.u.-Videos übertreffen, und wie ernst es ihr mit dieser Imageexekution war, konnte man daran ablesen, dass sie zum Küssen gleich zwei Gespielinnen engagierte: Britney Spears und Christina Aguilera. Als Anlass wählte sie das größtmögliche Pseudoereignis im Popgeschehen, die Musicvideo-Awards von MTV. Am 29.08.03 war es dann so weit: Die Band spielte "Like a virgin", Madonnas Hit, mit dem sie 20 Jahre zuvor die allererste MTV-Preisverleihung eröffnet hatte, Christina sang besser, Britney sah im identischen Brautkleid etwas cooler aus, dann hörte man den Hochzeitsmarsch, Madonna entstieg einer riesigen Torte und stimmte ihren inzwischen vergessenen Hit "Hollywood" an, um dann nach dem zweiten Refrain schließlich erst Christina, dann Britney zu küssen.
Die Operation war gelungen. Madonnas Küsse brachten es in jede Sammlung der Bilder des Jahres, und auf den Bildern war zu ihrem Glück nicht zu hören, wie miserabel sie an diesem Abend gesungen hatte.
Das Ungefähre
Flankiert wurde die Phase, die ich hier Postproduktion des Videos nenne, von der bei Popstars üblichen aber von t.A.T.u. virtuos beherrschten Strategie, sich in Interviews ständig anders als am Vortag über Liebe und sexuelle Präferenzen zu äußern. Hieß es hier, die beiden küssen sich stets, weil sie sich lieben, war anderswo geschrieben, der Kuss sei grundsätzlich der Kuss von Kunstfiguren (oder eben Erscheinungsfiguren); wurde dort behauptet Lena und Yulia seien lesbisch, hieß es tags drauf, sie und überhaupt die ganze Welt seien natürlich bisexuell. Yulia und Lena inszenierten Streits vor laufenden Kameras und sprachen im deutschen Fernsehen wasserfallartig russisch, ohne dass ein Übersetzer da war.
Sie kriegen uns nicht
Das Schlußbild von "all the things she said" zeigt Yulia und Lena in weiter Ferne von dem Zaun, Hand in Hand laufen sie dem Horizont entgegen, und hinter dem Zaun gaffen ihnen die Erwachsenen hinterher. Von diesem Bild könnte man ohne weiteres in die ersten Einstellungen des zweiten Videos "not gonna get us" schneiden. In diesem Clip, Regisseur war erneut Ivan Shapovalov, befinden sich t.A.T.u. auf einer nicht weiter definierten Flucht, und auf dieser Flucht gehen sie über Leichen: Ganz zu Anfang sehen wir Fahndungsfotos von Yulia und Lena, beide von vorne und von beiden Seiten. Dann rasen sie in einem riesigen Lastwagen aus einen Tunnel hinaus in eine kalte, graue Schneelandschaft, sie überfahren Zäune, Schilder, Bäume und einen Straßenarbeiter, der das erste Todesopfer in der Videografie von t.A.T.u. ist aber, wie wir noch sehen werden, nicht das Letzte. Zu Ende des kurzen Filmes surfen die beiden Mädchen auf dem Dach des Lastwagens. Zu keiner Sekunde sieht man in dem Video, wer t.A.T.u. verfolgt, aber der titelgebende, fast geschriene Refrain unterstreicht deren Chancenlosigkeit: "They not gonna get us!" - überhaupt: Die visuelle Thematik des Films ist zu 100% identisch mit dem Text des Liedes, und diese Deckungsgleichheit macht dieses Video auch so öde. Der Clip zu "not gonna get us" erfüllte also nichts weiter als den Zweck, die Nachfrage nach neuen bewegten Bildern von t.A.T.u. zu befriedigen, um somit zu verhindern, dass die Formation als One-Hit-Wonder dem Vergessen an Heim fallen könnte.
Wie früh ist es? T.A.T.u. und the Smiths
Die dritte t.A.T.u.-Single war "how soon is now" und bei dem dazu gehörigen Video firmierten Yulia und Lena auch erstmalig als Regisseure. Ihre Regie beschränkte sich auf das Zusammenschneiden archivierten Bildmaterials von sich selber, eigens für den Clip wurde nicht eine Einstellung geschossen. Das Video erzählt also keine Geschichte, es war vielmehr der Versuch, das Leben von Yulia und Lena in der damals noch nicht vertraut und verbraucht wirkenden Ästhetik einer Dokusoap zu zeigen: t.A.T.u. im Probenraum und im Konzert, t.A.T.u. am Strand und im Hotel, t.A.T.u. frühstücken, Yulia putzt sich die Zähne, Lena telefoniert, Yulia springt und Lena singt. Im Bruch zum erzählerischen, fast diskursivem Poplehrbuchstil der ersten beiden Videos zeigte sich hier eine recht unverstellte und starke Sehnsucht Yulias und Lenas nach einem Popstaralltag. In der filmischen Skizze einer Normalität erschien dieser Alltag einerseits als stumpfe Realität und andererseits als trotzige Vision: Der Starstatus versprach zumindest, dass man nicht mehr sie als Personen sondern sie als Popstars mit ihrem lesbischen Image verwechselte. Alltäglicher war der Clip zumindest insofern, als dass "how soon is now" im steten Bilderfluss der Musiksender wesentlich alltäglicher daher kam, als die beiden Vorgängervideos.
Und doch entfachte die Veröffentlichung eine neckische, zeitweise energisch geführte Kontroverse, die zunächst einmal nichts mit Küssen, Teenagern oder Russland zu tun hatte, sondern musikalischer Natur war und von der Frage handelte: Dürfen t.A.T.u. "the Smiths" covern? Zum einen wurden t.A.T.u. als zu bedeutungslos angesehen, als dass man ihnen eine erhellende Coverversion zugetraut hätte, und zum anderen gehören "the Smiths" nicht zum privilegierten Zirkel der Bands, deren Lieder unter dem Schutz eines historischen Rock- und Popkanons stehen, so dass diesen Liedern auch schlechte Versionen nichts mehr anhaben könnten. Jedenfalls sprachen im Falle von t.A.T.u. und ihrem "how soon is now" einige von Frevel, andere von Stilsicherheit. Zu Ersteren gehörte MTV-News-Anchorman Markus Kavka, der sich bei der deutschen Videopremiere in musikalisch-missionarischem Eifer dazu verpflichtet fühlte, die besonders jungen Zuschauer erst einmal darüber aufzuklären, von wem die neue Single von t.A.T.u. im Original war, und vor dem eigentlichen Video zeigte Kavka kurze Statements von Popstars, und was diese von der Coverversion hielten. Smiths-Gitarrist Johnny Marr zeigte sich relaxed und angetan, Placebo-Sänger Brian Molko war sogar richtig euphorisch, und als Kavka ihn aufklärte, dies seien doch die beiden russischen Lesben, sagte Molko lakonisch: "Well, aren’t we all?"
Kavka und allen anderen Kritikern der dritten t.A.T.u.-Single war vielleicht entgangen wie gut der Text von "how soon is now" zu Yulia und Lena passte, und wie sehr sich in ihm eine tatsächliche Parallele zu den Smiths spiegelte: "I am the son / I am the heir / Of a shyness that is criminally vulgar / I am the son and heir / Of nothing in particular / You shut your mouth / How can you say / I go about things the wrong way? / I am human and I need to be loved / Just like everybody else does" und die Parallele hörte man: t.A.T.u. sangen eine wunderbare Version des Liedes.
t.A.T.u. als globaler Lebensstil
Das stärkste Stück des wunderbaren Popalbums "20 000 km on the wrong lane" ist "show me love", und dieser Song kam als vierte Single auf den Markt. Das Video griff wieder die Geschichte auf, die mit den ersten beiden Videos begonnen worden war: Hier entwickeln t.A.T.u. die Vision, ihre inszenierten Images würden sich zum Lebensstil unter jungen Mädchen auf der ganzen Welt etablieren. Man sieht Yulia und Lena in ihrem Schulmädchenoutfits aus "all the things she said" durch Moskau, London, Los Angeles und Tokio ziehen und nach und nach folgen ihnen mehr und mehr t.A.T.u.-Kloninnen, die Erscheinungsfiguren von t.A.T.u. vervielfachen sich, und zu Ende des Clips sind es sicher an die 200 Yulias und Lenas. Ihr ungezügeltes Auftreten an touristisch neuralgischen Punkten erzeugt weltweites Befremden, und erneut wird dem Zuschauer vor dem Bildschirm derselbe Blick auf t.A.T.u. aufgezwungen wie den Menschen, denen in dem Film die Mädchenmassen begegnen. Der Zuschauer des Clips freilich hört darüber hinaus den doch recht eindeutig sexuell gemeinten Text des Liedes: "Show me love, till I’m screaming for more."
Der Clou an diesem 3-Minüter ist, dass er beide bisherigen stilistischen Fäden der t.A.T.u.-Videos weiter verfolgt und miteinander fusioniert; den erzählerischen, visuell aufrührerischen von "all the things she said" und "not gonna get us" sowie den pseudo-dokumentarischen von "how soon is now": Zu Beginn, wenn im Lied noch das russische Telefonat zu hören ist, bei dem Lena mit Yulia Schluß macht, sieht man ein Casting, ein Treffen von t.A.T.u.-Kloninnen, gegen geschnitten mit Dokumentarmaterial der Original-t.A.T.u. bei Auftritten wie Autogrammstunden, oft umringt von Fans. Die Bilder zeigen sowohl t.A.T.u. als auch die Fans beim eigenen Festhalten des jeweiligen Geschehens mit Foto- oder Videokameras, dann konzentriert sich der Clip auf Yulia und Lena und die t.A.T.u.-Kloninnen, und je mehr Yulias und Lenas es gibt, desto unklarer bleibt bei den Bildern, ob sie inszeniert sind oder ein tatsächliches Geschehen zeigen. In jedem Fall entwickelt der entschiedene Gang einer ganzen Schar von Mädchen eine Wucht und Kraft auf den Straßen, ganz gleich in welcher Stadt, und die Reaktionen der Passanten wirken eher tatsächlich verblüfft als für die Kamera gestellt. Zu Ende des Videos sieht man euphorische Japanerinnen und Japaner, die sich in wartenden Menschenmengen gegenseitig küssen, um ihrer Bewunderung für t.A.T.u. Ausdruck zu verleihen, bis dann eine höchst befremdliche, letzte Einstellung den Clip beendet: Auf der Hauswand eines Wolkenkratzers spiegeln sich etliche Mädchen in t.A.T.u.-Outfits, und vor dieser Wand steht ein rauchender, etwas abgerissener Mensch. Er ist aus der Ferne gefilmt und springt schließlich einige Male gegen die Wand, in der sich t.A.T.u. spiegeln. Vereinzelt laufen Passanten an ihm vorüber, dann auch einige t.A.T.u.-Mädchen, und immer wieder springt dieser Kerl gegen die Wand.
"Show me love" ist nicht nur der kraftvollste Song des Debutalbums, es ist auch ihr schönstes Video, es ist ein virtuos selbstreflexiver Bilderreigen, der einerseits die sexuell nicht sonderlich aufgeladene Visualisierung des sexuell drastischen Liedes ist, der aber gleichzeitig die Visualisierung als Medium der Musik von t.A.T.u. im Speziellen und der Popmusik im Allgemeinen thematisiert.
t.A.T.u. sprengen ihr Image
Als letzte Single ihres Debutalbums wurde "30 minutes" ausgewählt, das vielleicht merkwürdigste Lied, das t.A.T.u. je gemacht haben; eine stille, zerbrechliche Ballade, meist weit über die Grenzen des Kitsches und der Peinlichkeit hinaus. Die hohen, gläsernen Stimmen sind hier zu hören, unterstützt von einem Klavier in einem Klang, wie ihn so nur 80er Produzent Trevor Horn mischen kann, flach, leise und fern verhallt einerseits, schneidend und nah am Ohr andererseits. Die Nummer funktioniert eigentlich nur in der russischen Version, in der minimalen Instrumentierung fällt das rein lautmalerische Englisch von Yulia und Lena zu sehr ins Gewicht. Trotzdem bleibt ein Rätsel, warum der Kurzfilm zu diesem Lied nicht auch außerhalb Russlands Diskussionen auslöste. Der Aufruhr dort brachte es bis in die wichtigste Nachrichtensendungen des russischen Fernsehens und war noch weitaus hysterischer als bei "all the things she said". In "30 minutes" sprengt Yulia Lena in die Luft, weil diese einen Mann küßt.
Die erste Einstellung zeigt ein Schulklo gefüllt mit gackernden Schülerinnen, dann hört man in der Ferne eine Schulklingel, und Yulia bleibt in einer der Toilette alleine zurück: Sie verstaut eine Bombe in einem Rucksack und legt den Rucksack zurück auf eine Fensterbank. Der Film springt nun teils zurück in der Zeit und schneidet zu Momenten, in denen Yulia auf der Toilette die Bombe baut einerseits, andererseits zu Lena und einem Mann, die sich in der Mitte eines Karussells küssen neben den beiden besagter Rucksack mit der Bombe. Anfangs tummeln sich um das Karussell noch Menschen, später regnet es dann wieder, und man sieht Yulia auf das Karussell zulaufen, bis dieses schließlich explodiert. Dabei bleibt unklar, ob Yulia sich bewußt mit in die Luft sprengt oder ob sie das Ganze überlebt. Die letzte Einstellung zeigt die Trümmer des Karussells im Regen.
Mit diesem Clip verdichtet sich eine Strategie aller Videos von t.A.T.u.: Sie zitieren einerseits sehr dezidiert und andererseits sehr unpassend, naiv und hybride. Die Entschlossenheit, mit der Yulia an der Bombe baut und das Aussehen dieser Bombe läßt zunächst vermuten, sie plane einen politisch oder religiös motivierten Selbstmordanschlag. Ob sie dies dann tatsächlich selber auch umbringt, bleibt wie gesagt unklar. Zudem hieß es in einem t.A.T.u.-Interview, mit dem "30 minutes"-Film wolle man endlich dem Gerede um die möglicherweise lesbische Beziehung von Yulia und Lena ein Ende bereiten, aber die Handlung des Clips ist ein Eifersuchtsdrama zwischen zwei Mädchen. Der Film heizte zudem die Gerüchteküche um eine mögliche Trennung des Popduos an, und obgleich das Forcieren entsprechender Trennungsgerüchte mittlerweile zum Standardrepertoire einer Popformation gehört, so haben diese im Falle von t.A.T.u. immer auch eine private Fallhöhe. Und es war auch nicht völlig absurd anzunehmen, dass t.A.T.u. sich nun vom Pop verabschieden würden. Sie drohten als erstes One-Image-Wonder der Popgeschichte in Vergessenheit zu geraten.
Perfekter Feind: Zwei Jahre später
Fast zwei Jahre waren t.A.T.u. dann tatsächlich weg vom Fenster, in der Zeitrechnung ihres Genres, dem Bubblegumpop, eine halbe Ewigkeit, und es war nicht wirklich damit zu rechnen, dass sie noch einmal zurück kommen würden. Ende 2005 aber erschien dann ihre neue CD "dangerous & moving", ein überraschend stimmiges, klares und sympathisches Popalbum mit sattem Dancefloor, hysterischen Chören, mit Gitarrenrock und flächigen Balladen, und dies alles klar und systematisch produziert und durchdacht im Sound. Zudem wird mit dieser Platte deutlich, wie gut die beiden Stimmen von Yulia und Lena tatsächlich zueinander passen, und dass sie beide wirklich Pop singen können. Auf „dangeorous & moving“ befindet sich auch das mit Abstand beste Lied von t.A.T.u.: „perfect enemy“ heißt es. Die schnittige Elektropopnummer beginnt mit einem gestockten Auftaktbeat, der in die leicht düstere Grundatmosphäre überführt, eine simpel geschichtete Hook, auf die sich dann recht schnell Lenas Stimme setzt, zurückhaltend und nah gleichzeitig, vier Zeilen lang, und doch sind dann schon eine Minute und 12 Sekunden vergangen, wenn sich die heisere, fast schreiende Yulia auf in den B-Teil macht, der sich schließlich als lapidarer Refrain entpuppt. T.A.T.u. wiederholen das Schema für eine zweiten Strophe, flechten einen kurzen instrumentalen Teil ein, begnügen sich dann mit einer zweifachen Wiederholung des Refrains und beenden den Song mit demselben gestockten Beat, der hier am Ende also in die Stille überführt. Der Song ist also rein pophandwerklich schon einmal perfekt gebaut, und beweist, daß „all the things she said“ nicht der einzige Geniestreich von t.A.T.u. ist. Das eigentliche Element der Größe ist bei „perfect enemy“ übrigens der Gesang: Der leicht verzweifelte Unterton, der russische Akzent, der Klang eines wie geflüsterten Schreiens – all dies ist hier in nahezu perfektem Einklang in das Schema eines Popsongs gebannt, und fügt sich zudem trefflich mit dem Songtext. Das Lied handelt, wie fast alle Lieder von Yulia und Lena, von sexueller Verwirrung, von beendeter Freundschaft oder gar Beziehung, und ebenso wie in vielen anderen Liedern der beiden so ist auch hier unklar, ob die beiden sich gegenseitig ansingen, ob sie sich also zerstritten haben und gegenseitig die perfekten Feinde sind, oder aber ob sie als kollektives „Ich“ t.A.T.u. eine ehemalige Freundin, einen ehemaligen Freund ansingen, für den oder die sie nun der perfekte Feind sind. Eine weitere oft bewußt eingesetzte Doppeldeutigkeit konstruiert sich aus der Mutmaßung der Angesungene, dem hier der Fehdehandschuh hingeworfen wird, könnte der Erfinder und frühere Produzent von t.A.T.u. Ivan Shapovalov sein.
Leben im Griff
Obgleich t.A.T.u., wie wir gleich sehen werden, weiter Geschichten mit ihren Images als Hauptfiguren erzählen, und so sich selbst und ihr Im-Pop-sein thematisieren, und sich gleichzeitig als Privatpersonen unsichtbar machen, berufen sie sich auf eine höchstens auf zweiter Ebene vorhandene Authentizität. In einem Text über das Popduo heißt es zum Comeback auf der deutschen Homepage.: "Diese beiden Mädchen zeichnen sich dadurch aus, dass sie in einer Welt, die sonst von konstruierten und exakt durchkalkulierten Entertainern beherrscht wird, noch immer auf ihre innere Stimme hören können und wollen. T.A.T.u. präsentieren sich, sowohl auf der Bühne als auch in ihren Aufnahmen, genau so, wie sie sich fühlen, wie sie sich sehen: als künstlerisch, intellektuell und sexuell progressiv, als junge Frauen, die ihr Leben im Griff haben und ihm offen gegenüber stehen."
Um sich in Erinnerung zu rufen, setzen sie mit ihrer ersten Single "all about us" ganz und gar auf den akustischen wie visuellen Ohrwurmcharakter von "all the things she said". Das Lied ist ähnlich produziert zwar nicht von Trevor Horn, aber das hört man kaum-, es ist im Titel ähnlich, und der Text beschwört wieder das Zweisein als alternative, der Gesellschaft abgewandte Lebensform, auch wenn es in "all about us" weniger um Liebe als vielmehr um Freundschaft gehen mag. Zunächst singt Lena: "They say / They don't trust / You, me, we, us / So we'll fall / If we must / Cause it's you, me / And it's all about / It's all about us", und dann kommt Yulia mit dieser Strophe "If they hurt you / they hurt me too / so we’ll rise up / and won’t stop / and it’s all about us."
Im dazu gehörigen Kurzfilm (Regie: der überaus quirlige und sympathische James Cox) fahren t.A.T.u. mit einem Cabrio bei einem Imbiss an einem Highway vor, aus den Boxen schallt zu Beginn ein Remix von "all the things she said", dann stellt Lena die Musik ab, und "All about us" beginnt. Während die beiden den Imbiss betreten, wandern ihre Köpfe in die Fotos von Zeitungsausschnitten, in Artikel aus der Zeit des Booms der möglichen Lesben, als wollten sie sagen: Wir waren die beiden, die damals ... ! Sie trinken Kaffee in dem Imbiss, und es kommt zum Streit, Yulia läuft schmollend davon, Lena nimmt das Auto. Yulia, im übrigen mit merkwürdiger Perücke und aufgetakelter Kleidung, läuft einsam durch die Stadt und wird schließlich von einem jungen Mann im Auto mitgenommen. In einem dunklen Loft wird der Mann dann zudringlich, und als Yulia ihn abschüttelt und am Handy mit ihrer Freundin telefoniert, schlägt er sie nieder und will über sie her fallen. Yulia ergreift eine Pistole und erschießt den Mann. Lena rast mit dem Wagen zu dem Haus, sie trifft ein als Yulia über die Feuertreppe auf die Straße klettert. Die beiden lächeln sich an und fahren schließlich im Cabrio davon.
Das Video gibt es in zwei Schnittfassungen: Normal und "uncensored". Das suggeriert natürlich, dass das Video in der normalen Fassung zensiert ist. Der Unterschied besteht in der Darstellungsweise des Schusses: In der Version, die auf den Klingeltonsendern ausgestrahlt wird, liegt der junge Mann, der Yulia vergewaltigen will, auf einmal tot auf dem Boden, nachdem man Yulia irgendwann mit der Waffe sah. In der unzensierten Fassung hört man den Schuss, und man sieht wie Blut auf ein weißes Laken an einer Wäscheleine spritzt. Die Musik stoppt, und die Kamera verharrt kurz auf dem blutigen Laken, ehe nach dieser kurzen Generalpause der dritte Refrain einsetzt. Obgleich diese unzensierte Fassung wie gesagt nicht im Fernsehen gesendet wird, ist sie sowohl im Internet als auch auf der Maxi-CD des Liedes frei zugänglich. Es liegt auf der Hand, dass beide Versionen bewußt geschnitten wurden, um eine unzensiert nennen zu können. Die behauptete Zensur ist ein Marketingtrick.
Freund oder Feind?
Als zweite Single wurde "friend or foe" ausgekoppelt. Der Kurzfilm hierzu hat keinerlei Handlung. T.A.T.u. rasen im gleichen Cabrio in eine Höhle, dort spielen sie vor kleinem aber euphorischem Publikum ihr Lied eine Bandmaschine schneidet mit, zum Schluss werfen sie das fertige Tonband auf die Rückbank ihres Wagens und rauschen davon. Es gibt eine recht nette Stelle, bei der Yulia plötzlich an einem Flügel sitzt und eine respektable Solopiano-Bridge spielt, sonst ist der Clip gänzlich unauffällig. Eine Selbstthematisierung, wie sie für t.A.T.u. so typisch ist, findet bei "friend or foe" nur im Text statt: "We used to love one another / lived for eached other / so now: Are we friend or foe?".
Um so skandalträchtiger das Video zum als dritte Single geplantem Titellied der zweiten CD "dangerous & moving": Man sieht darin Yulia und Lena in einer völlig übersexualisierten Absteige, in der in allen Ecken gesoffen, gestrippt, gekokst und geknutscht wird, und aus dieser Absteige organisieren t.A.T.u. dann den Aufbruch. Man zieht schließlich mit vielen Menschen durch die Häuserschluchten einer Industriebrache, aber irgendwann fallen alle in einen Abgrund. Hinter einer gelb / schwarzen Absperrung, wie man sie auch auf den aktuellen CD-Covern von t.A.T.u. sieht, ist ein Nichts, in das Yulia und Lena und alle ihre Weggefährten durchaus nicht unbewußt hinab stürzen. Dieses Schlußbild erinnert mit Sicherheit absichtlich an die Kinder, die bei "another brick in the wall" in den Fleischwolf plumpsen.
Die russische Dramaturgie
Die drei Clips der zweiten Platte scheint zunächst kein roter Faden zu verbinden, doch hat dies mit der Tatsache zu tun, dass außerhalb Russlands die Singles in einer anderen Reihenfolge erschienen sind, als in t.A.T.u.s Heimatland. Die Label haben möglicherweise die Cleverness der beiden Mädchen und ihres neuen Video-Regisseurs James Cox unterschätzt. In Russland kamen die Singles in dieser Reihenfolge auf den Markt: Erst "dangerous and moving" dann "all about us" und schließlich "friend or foe". Und so gereiht zeigt sich auch bei den Videos wieder eine Dramaturgie: t.A.T.u. Lösen sich aus den Umklammerungen der Sexualisierung durch Shapovalov, sie flüchten in dem Auto, Yulia erschiesst Shapovalov, und danach spielen sie befreit ein Konzert. Es ist die Geschichte von zwei Mädchen, die, aufgrund eines Images zum Star geworden, ihre dieses Image aufspannende Erscheinungsfiguren über Bord werfen, um als Musikerinnen ernst genommen werden zu können. T.A.T.u. verteilen so eine dem Pop nahezu inne wohnende Message auf drei Videos und deren "russische Dramaturgie": Löse dich von Zwängen, zieh dein Ding durch, nimm dein Leben in die Hand. Und so banal dies auch erst einmal klingen mag, darf man nicht vergessen, dass sich die Musik von t.A.T.u. nach wie vor an Teenager wendet. Bezeichnenderweise kam es zum absoluten Split zwischen Shapovalov und t.A.T.u., als dieser Mitte 2005 in einer Talkshow meinte, wieder einen Schritt auf sie zuzugehen, indem er vorschlug, eine Doku-Fernsehshow über die beiden Mädchen zu produzieren: t.A.T.u. 24 Stunden von Kameras verfolgt, wie man das zum Beispiel von "the Osbournes" kennt. Yulia und Lena wiesen die Idee von sich: Ihr Privatleben ginge niemanden etwas an.
Inventar der russischen Boulevardpresse
Das ändert freilich nichts daran, dass ihre temporär auch weltweite Popularität zumindest in Russland ausgereicht hat, dass die dortige Boulevardpresse Yulia und Lena nicht vergessen hat und wohl einstweilen auch nicht vergessen wird: t.A.T.u. gehören in ihrem Heimatland mittlerweile zum Inventar der Boulevardpresse. So wurde ausgiebig berichtet, dass Yulia inzwischen zweifache Mutter geworden ist, mit wem Lena alles zusammen war und so weiter. Musikalisch war von t.A.T.u. in den Jahren 2006 und 2007 nichts Neues zu hören. Es gab mit "gomenasai" noch eine Single des "dangerous & moving"-Albums, dazu einen halbherzigen Animationsfilm, der die Videografie des Popduos nicht eben bereicherte, und ihre internationale Plattenfirma wickelte etwas unwürdig den auslaufenden Vertrag ab, indem man ein Best Of Album heraus brachte, das in einer Limited Edition zwar einige nette DVD-Bonusse zu bieten hatte, auf der CD aber gänzlich ohne neues Lied auskommen mußte. In Russland haben t.A.T.u. aber noch einen Vertrag: Ende 2007 erschien dort ihr Album "Uprawlenije Otbrosami" ("waste management"), dessen Erscheinen hierzulande noch nicht gesichert ist. Das neue Video zur ersten Single "Bely Plaschtschik" ("white robe") hat im Heimatland von t.A.T.u. wieder einmal für Gespräche gesorgt: Nachdem bereits Yulia im Video zu "30 seconds" Lena mit einer Bombe in die Luft gesprengt hatte, rächt sich sozusagen Lena nun an Yulia, in dem sie sie erschiessen läßt: Das Video zeigt im Gegenschnitt einen Tag im Leben der beiden Mädchen, bis sie aufeinander treffen. Während Yulia Insassin in einem Gefängnis ist, handelt es sich bei Lena in diesem Video um eine Soldatin. Sie tritt mit einer Limousine ihren Weg in das Gefängnis an, in dessen Innenhof sie schließlich auf die frisch geduschte Yulia trifft. Auf Anweisung Lenas werden Yulia die Kleider bis auf die Unterwäsche vom Leib gerissen, und die, wie nun zu sehen ist, Hochschwangere wird an einen Pfahl gebunden und schließlich erschossen.
Inhalt / Form - Gefälle
Natürlich ist die von Soldaten durchgeführte Exekution einer Schwangeren kein adäquater Plot für die Form des Musikvideos. Dieses Inhalt / Form - Gefälle erinnert an das Videogesamtwerk von Mylene Farmer und deren langjährigem Regisseur Laurent Boutonnat, die sich zusammen nicht scheuten softpornografische und pseudohistorische Schlachtgemälde sowie abstruse Holocaustparallelen mit 0/8/15-Elektropop zu unterlegen. So ist auch t.A.T.u.s Clip zu "white robe" (Regie erneut: James Cox) ebenso beabsichtigt provokativ wie unfreiwillig komisch und stellt wieder eine für heutige Popverhältnisse virtuose Variation von t.A.T.u.s zentralem Thema im Popgeschehen dar: Das ambivalente Verhältnis zweier Mädchen, welches zwischen Liebe, Haß, Freund- und Feindschaft chargiert, und durch das sich beide außerhalb gesellschaftlicher Konventionen in einer Art inneren Elite wähnen. Es gibt hier jedoch einen kleinen aber, wie ich denke, doch gravierenden Unterschied: Die Trennung zwischen t.A.T.u. auf der einen und der Restgesellschaft auf der anderen Seite ist hier nicht so klar gezogen, wie es in so vielen Videos und Verhaltensweisen von Yulia und Lena getan wurde, denn Lena ist hier Teil des fiktiven gesellschaftlichen Systems, das eine Schwangere exekutiert. Was immer also mit dieser Geschichte erzählt werden soll, so ist die Funktion von Lena in der Geschichte erstmalig kein rein symbolischer Platzhalter für sie, Lena Katina selber, sondern es handelt sich im weitesten Sinne um eine Rolle innerhalb einer Handlung, die sie spielt. Yulia hingegen, die gefangen gehalten und später erschossen wird, nimmt dieses Mal alleine den explizit aus der Gesellschaft ausgeschlossenen Platz ein, und sie tut dies gar unter Einsatz ihres eigenen Körpers, da der Babybauch zum Zeitpunkt der Dreharbeiten durchaus real war.
Der Körper des Popstars
Sicherlich ist spätestens mit dem gleichzeitig fiktivem wie realem Erscheinen von Yulias Babybauch eine formalthematische Linie in der Videografie von t.A.T.u. etabliert, die hier in noch nicht in ausreichender Form Erwähnung fand: Die popvisuelle Funktion des Körpers eines weiblichen Popstars im übergeordnetem und der von Yulia und Lena im besonderem Sinne. In der chronologischen Betrachtung sämtlicher Videos kann man zunächst ein banales erwachsen Werden beobachten: Von jugendlichen Schülerinnen über jüngere, selbstbewußte Frauen bis zur zweiten Schwangerschaft von Yulia ergibt sich eine durchaus emanzipatorische Linie. Verbunden mit der immer noch pubertären Betonung eines unkonventionellen Lebensstils als Alleinstellungsmerkmal in einer in den Videos konstant diffus repressiven Gesellschaft ist den beiden Russinnen zumal in ihrem Heimatland etwas geglückt, das vielen Teeniepopformationen mißlingt: Sie haben mit ihren Fans und Hörern die Pubertät überwunden, und sie haben sich ideologisch wie physisch eine Vorbildfunktion bewahrt.
Der inszenierte Glamour
Gleichzeitig zum in den Videos popvisuell nachvollziehbaren älter Werden der Pubertierenden zu jungen Müttern läßt sich in den öffentlichen Auftritten von Yulia und Lena eine konstante Steigerung im Overdressing, im Styling, im inszenierten Glamour beobachten. Bevorzugten die beiden in der frühen Phase ihrer Karriere neben ihren banalen Schulmädchen-Outfits vor allem normale Kleidung wie Jeans und T- Shirt (so zum Beispiel bei ihrem Grand Prix Autritt) so erscheinen sie heute meist bombastisch aufgebrezelt in silbernen Perücken, Lack- und Lederkostümen oder in übernatürlich eleganter Abendgarderobe. Diese Entwicklung steht in gewissen Sinne im Widerspruch zur Zurschaustellung von Yulias schwangeren Bauch, der nicht nur in erwähntem Video sondern merkwürdiger Weise auch in bestimmten Fotoshootings für russische Zeitschriften statt fand. Betrachtet man diesen scheinbaren Widerspruch jedoch aus dem Blickwinkel der Tatsache, dass es fast schon zur Tradition von t.A.T.u. gehört, gleichzeitig authentisch privat wie überinszeniert in Erscheinung zu treten, so fügen sich die beiden gegenläufigen Bewegungen der Auftritte in Videos bzw. in der Öffentlichkeit nur in das disparate Gesamtbild des russischen Popduos. T.A.T.u. gelingt es auf diese Weise, einerseits hinter ihren teils temporären, teils konstanten Erscheinungsfiguren zu verschwinden, andererseits trotzdem popvisuelle Verfügbarkeit zu suggerieren.
Als die beiden derzeit letzten Musikvideos der nun wohl brachliegenden Formation t.A.T.u. erschienen Ende 2009 in diesem Falle zeitgleich in Russland wie in Resteuropa die unmittelbar chronologisch aufeinanderfolgenden Clips zu „220 / sparks“ und „Snegopady / snowfalls“: Während es sich bei „220“ um ein reines Perfromancevideo handelt, beginnt „snegopady“ mit den letzten Takten aus dieser überkandidelten Performance: Man sieht schliesslich Yulia von der Bühne gehen, sich umziehen, in Motorradkluft ein Motorrad besteigen und schliesslich, wie sie an einer roten Ampel auf Lena wartet. Von nun an bleibt das Video in einer bizarr billig anmutenden, animierten Ästhetik. Yulia und Lena rasen nun über Highways, durch Tunnel und Wüsten, bis sie schliesslich verfolgt werden und an eine Strassensperre geraten. Nun fährt eine der beiden weiter vor, bis Yulia und Lena dann mit ihren Motorrädern aufeinander zu rasen und in einem Blitz verschmelzen und explodieren. Das Video zerbirst nahezu von Selbstzitaten: t.A.T.u. werden verfolgt, sie leben in einem diffus regressiven Verhältnis, sie treten die Flucht nach vorne an und sterben als Doppelego. Leider ist das Selbstzitat hier eine ästhetische Zumutung, denn der Clip wirkt billiger und schlampiger als alles, was die beiden bislang gefilmt haben. Immerhin haben sie sich erneut mit dem inszenierten Tod von den Bildflächen verabschiedet, und das Ende schreit nach einem Sequel, nach Reunion und nach einem neuen Video.
Naiv & intellektuell
Mit ihren drei Alben, mit ihrer Musik und vor allem den Videos haben t.A.T.u. das Spiel um Images und Erscheinungsfiguren von Popstars perfektioniert, ohne dass sie zunächst überhaupt Popstars waren. Sie haben ihre Karriere gleichzeitig erlebt und thematisiert und damit eine Geschichte erzählt, die naiv und intellektuell zu genießen ist. Sie thematisieren ihre Images, sie erzählen von sich als Metapersonen im Pop und bleiben dahinter unsichtbar. Deswegen wird erst recht oft übersehen, dass t.A.T.u.s Musik grandioser Bubblegumpop ist, der auf seine Art und Weise einzigartig ist. T.A.T.u. sind überhaupt einzigartig, der Popticker wäre nicht der Popticker, wenn es t.A.T.u. nicht gäbe.
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