Ironie und Lakonik

01 Coverfoto snooze - mille - Foto_Was heute so erscheint /// Die Freitagskolumne /// Vielleicht sollte man nicht jede in Ironie kanalisierte Wut als NDW-Reminiszenz verbuchen, aber es ist ja vielleicht auch eine schöne Erkenntnis, dass dies der gemeinsame Nenner der deutschen 80er-Popsongwelle gewesen sein könnte - und Wut sowie Ironie sind auch Stilmittel derRock-komprimierenden Popentwurfs hinter der neuen Single „Snooze“ von Mille. Der Song ist eine schmissige Anprangerung von Mensplaining und Bevormundung und über daraus resultierendem Selbstbewusstsein - mithin also klassische Rockpopthemen - hier wird nix neu erfunden aber vieles gut gemacht. /// < Video > /// Wer den Namen Sid Vision hört, denkt vielleicht Bildschirmfoto 2024-07-05 um 13.03.22 direkt an Sex Pistols, aber wenn man die neues Single des Künstlers „Sidney Klein“ hört, "kilometerweit geswiped" fühlt man sich eher an Bilderbuch erinnert. Wobei zunächst einmal die Stimme von Sid Vision auf einprägsame Weise verstörend ist - man weiß nicht, ob man sie voll und soulig oder aber schüchtern und fiepsig finden soll. „Ich will noch mal wach sein, wach wie ein Kind sein.“, singt Sid Vision - und man kommt nicht zum Schluss: Wie zur Hölle ist das gemeint? Und ich mag „Wie-zur-Hölle-ist-das-gemeint-Pop“. /// < audio > /// Wer ein Lied „Ich liebe Dich“ nennt, muss diesen Song  entweder übergreifend über die Liebe Bildschirmfoto 2024-07-05 um 13.20.29als solche meinen - oder aber höchst individuell. „Stilbruch“ gehen den zweiten Weg und erzählen in ihrem etwas kitschigen Deutschpopentwurf mit einer Männer- und einer Frauenstimme das Bekenntnis eines Paares zur gegenseitigen Liebe trotz Alltag einer Beziehung. Triefende Streicher und lakonischer Gesang vermitteln das Lied in der Summe sehr klar. /// < YouTube-Kanal > ///


Pop, das trojanische Pferd für Wut und Rock

::: was heute erscheint ::: die Freitagskolumne ::: Bildschirmfoto 2024-06-21 um 09.27.58Es gibt Popmusik, in deren Sound-Kompminierungen die Wut des Rock eingeschrieben ist - meist in Form von elektrischen Gitarren. Die junge Popsängerin „Damona“ macht das auch so, was insofern nicht überrascht, als dass es Songs von ihr gibt, die man ohne Weiteres Indie-Rock nennen würde, aber ihr neuester Streich, die heute erscheinende Single „Woman“, hört sich wie angedeutet wie waschechter Pop an, und die dahinter liegende Wut ist die über sexuelle Übergriffe, die sie mit ihrem Song anprangert. Insofern ist die melodische Verheißung in den Bubble-Pop-Andeutungen Alive - Filo Artworkwie in trojanisches Pferd ihrer so ganz und gar nicht zuckersüßen Botschaft; und in dieser Text-Inhalt-Schere ist der Song eben, ja, Pop par excellence und wirklich klasse. Er erinnert ein wenig an Alice Merton übrigens, die mir persönlich ein wenig zu unwütend ist - naja: Andere Wiese. ::: Link : < Instagram > ::: Aber ein guter Link zu „Filo“, dessen Musik ein wenig mehr Wut auch gut zu Gesicht stünde: Seine neue Single „Alive“ klingt ein Die Jahrewenig wie Deutschpop nur auf Englisch gesungen. Das ist insofern schade, als dass Stimme und Phrasierungen, Melodie und Popentwurf irgendwie mehr versprechen - aber meine Güte: Man muss doch auch suchen dürfen. Immer dieses Geschimpfe - bei „Filo“ bin ich allemal gespannt, was da noch so kommt. ::: Link : < Instagram > ::: „Frollein Smilla“ haben für sich einen erdigen Folk-Sound erfunden, der mit knallenden Bläsersätzen in den Champerpop lunst - eine Musik, die man immer, wenn man sie hört, am Liebsten live hören würde. Womit schon viel gesagt ist: „Die Jahre“, ihr neuer, heute erscheinender Song, lebt vom besagtem Popentwurf und erzählt von Dingen, denen Zeit gut tut in blumigen, phantasievollen Lyrics - klappt prima, gefällt mir sehr. ::: Link : < website > :::


Princess, Pea & Chamber

P&P Cover/// was heute so erscheint - die Freitagskolumne /// Der Hype um die Band „Last Dinner Party“ ist ein wenig abgeklungen, aber der ein oder andere mag die perfekten Melodien der Popband, die das Indie im Genre-Name allenfalls noch im Sound-Sinne tragen - ihr Erfolg ist immens. Die Band ELDA nun, da kann man schon im besten also zweifachem Sinne von Indiepop sprechen, und auch wenn man sich denken kann, dass ELDA eventuell von Vergleichen mit „Last Dinner Party“ genervt sind, so ist das doch nicht ganz von der Hand zu weisen: Die melodische Klarheit mit dem smuddy Arrangement des Rock führt bei beiden Bands dazu, dass man sich ein Cover ihrer pop-perligen Songs gleichermassen von Kylie Minogue und den Pixies vorstellen könnte. Die neuste Single von ELDA, „Princess And Pea“ ist nahezu perfekt, in dem was es sein will: Einstieg mit Bass und Gitarren-Flanken, Strophe staubtrocken und schüchtern, öffnet sich der Song mit Bridge und Refrain in gedämpfter Euphorie und mit höheren Tönen; und all dies in dieser leicht attitüdenhaften Traurigkeit, die eben diese als Hoffnung erscheinen lassen kann - nice. Für mich einer der bislang überzeugendsten Songs des Jahres. ///

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Bildschirmfoto 2024-06-07 um 12.23.05/// „9 Sad Symphonies“ heißt das neue Album von Kate Nash, das am 21. Juni erscheint - sechs Jahre nach ihrem letzten Album, sechs Jahre in denen zwar ein paar Songs und ein EP veröffentlicht hat, aber dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kate Nash ein klein wenig die Ideen ausgegangen sind: Waren ihre erste beiden Alben freistehend Monumente britischen Pops als solchen, auf denen sie aus kleinen Momenten des Alltags brilliante Indie-Pop-Rock-Soul-Song-Perlen schuf, die zum Mitgröhlen und Denken einluden, konnte ich mit dem dritten Werk „Girl Talk“, wo sie ihnen Popentwurf mit Rrrrriot und Punk unterwanderte, nicht mehr so viel anfangen, und die letzte Platte Yesterday Was Forever“ war so bemüht Mainstream, dass man das nicht hören wollte. Von den neun nun angekündigten Symphonien sind nunmehr drei erschienen, und ich muss für mich sagen, dass sich hier das Album des Jahres andeutet: Britischer Chamberpop mit blubbernden Melodien und schierer Orchsterschönheit. Das nun erschienene „Space Odyssey 2001“ erzählt die Geschichte eines Wiedersehens, von großen Emotionen und beiläufigen Gesprächen, von Ängsten und Hoffnungen: Sehr viel mehr kann man in fünf Minuten nicht erzählen. /// 

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Mischmasch, Mischungen und Amalgame - was heute so erscheint -

Bildschirmfoto 2024-05-31 um 09.48.20- die Freitgagskolumne /// Der synthetische Latino-Vibe kombiniert mit der meta-ironischen Kapitalismus-Kritik („Gib mir in High Five wir pfeifen auf den Zeitgeist / Nach ein zwei Mai Tai tanzt jeder seinen Lifestyle“) lässt zwischen deutschem Rap die NDW durchscheinen: Die Rede ist von „Highlife“ der ersten hoch-deutsch getexteten Single der Bayern-Hip-Hopper „dicht & ergreifend“ - das macht Spaß, weil eben die NDW-Anleihen hin und wieder in einen grenzenlosen Zynismus kippen: „In meinem Bunker hängt ein echter DaVinci / denn der Atomschlag ist nur das Hinspiel.“ HerzausGold_Cover/// YouTubeChannel < hier > /// NDW-Referenzen könnte man auch „Kommando Elefant“ unterstellen, auch Kapitalismus kritisieren sie („Du sagst, der Kapitalismus ist ein schlechtes System, aber was will man ändern - ausser zu gehen?“), gleichzeitig aber sucht diese Band ein flächige Tiefe, Bildschirmfoto 2024-05-31 um 09.53.56die irgendwie an urbanen Schlager erinnert - jedenfalls mit ihrer neuen Single „Herz aus Gold“. Daraus dann erwächst ein unfassbar merkwürdiges Synthpop-Amalgam, das in keine Schublade passt aber auch nicht so recht in mein Ohr findet. /// Lyric-Video < hier > /// „Holztechnik Meyer“ ist in dieser Woche der beste Songtitel, der mir begegnet ist. Er stammt von der Band „Figur Lemur“, die hier in Popticker schon das zweite Mal vorkommt, und man kann sich recht sicher sein, dass die bald berühmt werden: Der sozialkritische Indie-Pop 06_credo-scaledmit Punk-Attitüde und Rap-Remiszenzen ist eine so scharfzüngige Mischung - das gefällt mir irre gut. „Holztechnik Meyer“ ist eine Geschichte von epischer Breite, traurig und wütend und hinter dem Tellerrand unfassbar politisch: Toll! /// Video-Premiere heute 18 Uhr < hier > /// Zum Schluss aber noch was Abgefahrenes: "julakim Trio" kommt mit deutschsprachigem Latino-Punk ums Eck - ihre neue Single "CREDO" erscheint heute. Das ist eine so abgefahrene Mixtur, wie sie klingt - sehr wütend, sehr smooth. /// Video-Premiere heute 16 Uhr < hier > ///


Pop universal

Die Pet Shop Boys bleiben souverän

Die Pet Shop Boys sind eine der wenigen Popformationen, deren Musik einerseits genügend Identität mitbringt, um immer wie Pet Shop Boys zu klingen, die aber andererseits auch formbar genug und variabel ist, um die jeweiligen Strömungen an Sounds im Laufe der Jahrzehnte in sich aufzunehmen und also dementsprechend sehr 80s, 90s und so weiter zu klingen. Auf ihrem neuen Album „nonetheless“ haben sie dieses Spiel der amorphen Popidentität im Sinne eines einsetzenden Alterswerk auf die Spitze getrieben, so dass ihre Musik inzwischen so klingt wie eine Art Universalpop - die Songs können im Retroradio laufen, in der Cocktail-Lounge, auf der Tanzfläche und beim Strassenfest; und all dies in Göttingen, in Athen oder San Remo, in Los Angeles, Melbourne und natürlich in ihrer britischen Heimat sowieso.

Erstaunlicher Weise funktioniert dies nicht nur über musikalische Koordinaten, sondern ebenso über die Inhalte ihrer Lieder: Ob sie über sich selber singen, über die Liebe, soziologische Themen, politische gar, ob sie über queere Kultur reflektieren - oder gar wie es auf dem neuen Album geschieht - über deutschen Schlager nachdenken („the schlager hit parade“) - ihre unterkühlte Klugheit, beiläufige und gleichzeitig unheimlich scharfe Bilder zu entwerfen, machen die Songtexte auf gleich-clevere Art universalistisch, dass sie auch jenseits ihrer konkreten thematischen Fokusse funktionieren. 

Psbn


Natürlich bringen diese geschilderten Umstände mit sich, dass die Musik der Pet Shop Boys in erheblichen Masse von den einzelnen Songs abhängt - wenn nicht genug den universalistischen Ansprüchen genügen, wird das Album nix; passiert auch. „nonetheless“ jedoch ist über weite Strecken gelungen, teils brillant: „Feel“ ist klassischer Pet Shop Boys-Synthpop mit plötzlichen Streichern und Captain-Future-Zitaten und ein wundervoll alltäglicher Liebes-Song; „a new bomemia“ ist fast eine 70s-Schmonzette, die mit den Mitteln der späten 80er erzählt wird - und handelt davon, wie schwerer es im Älterwerden wird, gesellschaftliche Identitäten mit Modellcharakter zu finden; „the secret of happiness“ klingt wie ein Chanson aus einem Tanzfilm der 30er-Jahre; und „Bullet For Narcissus“ ist 90s-Dancefloor über Eitelkeit. In der Summe haben wir hier also ein Album, das mit 10 Songs in trockener Gesamtheit die Popmusik als solche vermisst - das können so auch nur Neil Tennant und Chris Lowe.


Meta-Ironien und Sahmise

Bildschirmfoto 2024-05-24 um 13.18.39Was heute so erscheint - die Freitagskolumne /// Nicht ganz so düster wie sein letztes Album „schwarz“ fällt die neue Single seines neuen Albums „Dagobert und die wahre Musik vom südlichen Blütenland“ aus - Dagobert also, konstatiert in diesem neuen Lied "Fremder", er sei ein „Fremder in seinem eigenen Leben“ geworden zu souligen Space-Orgeln und fluffigem Beat findet die Schweizer Kunstfigur, der so gar nicht kunstfigürlich daher kommt, zurück zum Pop. Vielen finden ihn blöd, ich mag ihn sehr gern. /// Minimal produziert mit Trap-Beat und japanischer Shamise (eine drei-saitige Langhalslaute - hier vermutlich vom Computer generiert) klingt die neue Single "Läute die Glocken" von „Diotima & Rafael“ - irgendwo zwischen Hip Hop und Weird-Folk zerfallen die Lyrics auch in Laute: „Aberkannt – Männerhand / Gratulant – Wortgewandt / Denunziant – hierzuland anerkannt / Schlechtes Spiel, gute Miene / Viel Geld, kein Friede / Geld, kein Friede“ - womit sich die Form und der Inhalt irgendwo die Hand geben, ohne Bildschirmfoto 2024-05-24 um 13.21.59dass man so recht durchsteigt, worum es eigentlich geht: Sehr strange, sehr nice /// < Video > /// Noch stranger klingt „CLÅRA“ - was beginnt wie klassischer Deutschpop, mit tiefem, tremolofreiem Gesang, wird irgendwann von 90er-Reminiszenz-Beat unterwandert, und bald hört man eine Popmusik, die man so nicht erwartet hätte, und die es so vielleicht auch noch nicht gab: Trip-Hop-Deutschpop - ich werde damit noch nicht so recht warm, aber es ist doch so aussergewöhnlich, dass Final 1 ich es Euch nicht vorenthalten wollte. /// /// Instagram & Linktree: < Hier > /// Wieder mischen sich die 90er dazwischen in unserem nächsten Song für heute: Karoline Kaminski braucht etwa eine Minute um die mir etwas zu oft lodernden Trap-Beats zu überwinden und aus besagtem Jahrzehnt die zerquetschten Kürbisse etc. zu zitieren - schrammelnde Gitarren sind also, könnte man sagen, so selten geworden, dass sie, wenn sie im Pop auftauchen, für sich schon auf Bildschirmfoto 2024-05-24 um 14.29.51anderen Jahrzehnte verweisen - kurios. Aber Frau Kaminski hat auf jeden Fall genug Rock-Cuzpe , um die eigene Soft-Spot, heutig klingen zu wollen, weg zur rocken: "I want less of you" zitiert sich zu trashig selber zu Boden, dass man die gemässigten Klänge der jeweiligen Strophen gut gebrauchen kann - lässige Sache. /// Bento-Seite < Hier > /// Stilbruch vermischen sich als Streichertrio mit sich als Band, und der Kitt zwischen den Stilen ist Pop und Schlager - leider halten weder Lyrics noch Komposition mit der Originalität dieses Popentwurfs mit - zumindest empfinde ich das bei ihrer neuen Single "mit dem Herzen sehen" so, Mit dem Herzen sehen_Coverdennoch hat der Stilbruch von Stilbruch etwas Lässiges. /// < YouTube-Kanal >  /// Ado Kojo benutzt für sein Stil-Amalgam auch Pop und Schlager - damit verklebt er freilich nicht wie bei Stilbruch Klassik und Rock - sondern HipHop und Soul: Bildschirmfoto 2024-05-24 um 15.13.25"Schmetterlinge" findet so zu einem mir etwas zu deutschpoppigem Popsoul, der in seiner dreisten Ohrwurm-Affinität und Naivität an einen Hit der 90er erinnert: Aymans "Mein Stern" - ich finde das objetikv nicht so gelungen, aber es erreicht schon ein Guilty-Pleasure-Ohr. /// Instagram < Hier > /// Und Vincent Gross singt sich weiter durch die Karte einer normalen Bar. Nach seinem Ouzo-Song ist er nun, das ist kein Witz, angelangt bei Aperol-Spritz. Der Text ist dabei so dämlich, dass man geneigt ist, das Post-Ballermann-Pop zu nennen - dann würde es auf einmal like-bar sein, aber wahrscheinlich meint er es ernst: Bildschirmfoto 2024-05-24 um 13.26.03 „Sommer, Sonne, heißer Sand / Viel zu trockenе Luft am Strand / Ich brauch' keinen Milchkaffee / Und auch keinеn Eistee [Refrain] Ich trink' heut, das ist kein Witz / Aperol, Aperol, Aperol Spritz.“ - ich fürchte, es wird morgen DER Hit auf dem Schlagermove morgen - furchtbar ! /// 


Zweite Instanzen und Breaks

Wenn das verflixte zweite Album so toll ist, muss es eine gute Band sein: Varley

Bildschirmfoto 2024-05-22 um 15.10.32Der Opener ist schon mal verwegen: Im Song „Face To Punch“ folgen auf eine zweimalige Strophen-Struktur mit merkwürdiger Akkordfolge zwei Bridges, von denen die zweite sich als Refrain entpuppt, während der nominelle Refrain Schaltstelle zu Bridge und Refrain zu sein scheint, obgleich noch gar keine zweite Strophe erklungen ist - wer solche Songs bastelt, hat mutmasslich schon mehr zu erzählen, und in dem Album, von dem wir hier sprechen, ist das auch so: „I had a dream that you were dead / Remembered every shitty thing I ever said“ sind die ersten Zeilen besagten Openers und des ganzen nach diesem Opener benannten Albums - es geht also um eingebildete Reue, Angstzustände und Selbstzweifel in dieser Musik, die in Pop-Folk herab regnet und immer mit zweiter Tür, in erster Instanz harmlos aber nie versöhnlich daher kommt. Ständige Breaks, überraschende Harmoniewechsel und schnörkelloser Gesang setzen die erwähnten Themen musikalisch um.

Spätestens im siebten Song, „Hate Myself“, denkt man dann: Die Cardigans sind reinkarniert in dieser Berliner Band „Varley“ - solch menschlichen Abgründe in vordergründig blubbernde Melodien zu verpacken, dass perfekter Pop draus wird, das können nicht viele Bands: Saugut!

LINK: < Bandcamp-Seite >


Was heute erscheint - die Freitagskolumne

Enerjy - انرژی von LirazBildschirmfoto 2024-05-17 um 09.22.25Die iranisch-israelische Schauspielerin und Sängerin sitzt zwischen allen Stühlen und wird aus vielen Richtungen verachtet. Ihre Antwort darauf ist ein Ruf nach Frieden in ihren Heimaten, welche sie in Form von fantastischer Popmusik verbeitet: Heute erscheint ihre neue EP „Enerjy - انرژی“!, auf der sie in 4 Songs mehr Stile und Beats verbaut, als man in der Lage ist, diese zu benennen. Der Titelsong klingt nach Raï und Folk, später hören wir Reggae- und Jazzbeats. Der Opener „Haarf - حرف“ ist voller spaciger Synthsounds mit verschlepptem Afrobeat und verzerrten arabischen Melodielinien, die aus dem Himmel herab zu flibbern scheinen. In dem Song (Liraz sing übrigens aus Farsi, ihrer Muttersprache) geht es um die Aggression der öffentlichen Worte, welche in Gewalt umschlägt und um die Hoffnung auf Verständigung durch Musik. Eine politischere Musik gibt wohl derzeit kaum - eine mitreissendere auch nicht. Auf dem letzten Reeperbahnfestival habe ich Liraz live gesehen, und ich kann Euch nur empfehlen: Geht Anfang Juni zu einem ihrer zwei Konzert in Deutschland (05. Juni Hamburg, 07. Juni Berlin): Live ist diese Musik der Oberwahnsinn zum Ausrasten. 


Ein Lied kann einen Code brechen

Einige Gedanken zum Eurovision Songcontest 2024 - in diesem Jahr nicht in Gesprächsform

Der Eurovision Songcontest ist ein gigantisches Medienspektakel, das sich scheinbar automatisiert zu wiederholen scheint - es gibt Windmaschinen, jedes Jahr größere Bühnen, Trick-Kleider und immer auch Rückblicke auf bisherige Highlights, Fehlgriffe, Kuriositäten und Welthits, und am Ende verlieren die Deutschen. Ein solches Ereignis, das viele Menschen lieben, und das bis in ihren Alltag hinein reicht, erhält sich aber, so ritualisiert es auch erscheinen mag, nicht von selbst. Es gibt Tausende, die die Idee dieses Wettstreits neu denken - sei es, weil sie Fan sind, sei es, weil sie in welcher Form auch immer teilnehmen - und nur durch dieses stete Mitdenken, kann der Eindruck entstehen, dass sich nichts ändert. Das ist wie im Pop selber: Ständig kommen Leute, die denken, es geht alles von vorne los, während dahinter eine Generation nörgelt, das vorgeblich Neue sei ein alter Hut. Daher erkennen wir im Pop neues wieder, ohne dass das einen Widerspruch darstellt. Was die gigantische Show Pop im Allgemeinen und Songcontest im Speziellen voran treibt, sind eben die verschiedensten Leidenschaften, Begeisterungen, Emotionen und Ansprüche, die zum dem scheinbar rituellen, alljährlichen Kompromiss führen, und wenn gar nichts mehr verbindet, so kann man sich im Zweifel aller Zweifel zumindest noch darauf einigen, dass „douze points“ magisch sind. 

Die Hook des Sieger-Titels 2024, Nemos „I Broke The Code, Whoa-Oh-Oh“, lässt in der Rückschau auf einen denkwürdigen Popabend vielerlei mehrdeutige Wortspiele zu, hinter denen das Neue wieder-erkannt wird. Und allein dies auch schon in zweierlei Hinsicht: Einerseits sangen die zugeschalteten Menschen, die die 12 Punkte ihrer jeweiligen Länder verkündeten, „Whoa-Oh-Oh“, wenn ihre douze points in die Schweiz gingen, anderseits benutzen viele Interviewten das Bild des geknackten, gebrochenen Codes. Nemo selber fand noch am Abend des Code-Triumphes eines dieser Sprachbilder: „I had to smuggle my [nonbinary] flag in, cause eurovision said no, and I did it anyway - I hope some other people did that too, but common! That is double standard, as I said: I broke the code, I broke the trophy, the trophy can be fixed, maybe eurovision need some fixing too from time to time.“

Nie zuvor trat bei einem Songcontest deutlicher zutage, dass der merkwürdige Senderzusammenschluss EBU seinen naiven Kodex, der Songcontest müsse unpolitisch sein, mit vielen kleinteiligen Entscheidungen und Regeln verteidigt und nicht merkt, dass ebendiese Entscheidungen und Regeln selber hochpolitisch sind. Im Vorfeld des diesjährigen Wettbewerbs wurde die vorgebliche Politiklosigkeit vor allem in Frage gestellt, da es viele Menschen in ganz Europa nicht für richtig halten, dass Russland aufgrund des Angriffskrieges in der Ukraine nicht teilnehmen darf, Israel aber trotz ihres Vorgehens in Gaza nicht auch suspendiert wird. Ich halte diese Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg, die dem Entscheidungsgefälle, erstens, zugrunde liegt, für überaus richtig. Zweitens würde jeder potentielle Songcontest-Beitrag in dem autokratischen System Russlands, in dem jedes Denken gegen die Regierung als Extremismus eingestuft wird, ein systemkonformer Beitrag sein, während Israels „Hurricane“ von Eden Golan durchaus auch für eine israelische Zivilgesellschaft steht, die ihrerseits derzeit wieder fast täglich gegen die eigene Regierung auf die Strasse geht. Wer also für eine humanere Vorgehensweise Israels eintreten möchte, könnte im Gegenteil gerade deswegen FÜR eine Teilnahme Israels am Songcontest votieren, sollte aber ganz gewiss nicht gegen Eden Golan und vor ihrem Hotel demonstrieren. Unabhängig aber davon ist natürlich jede Argumentation für oder gegen Russland oder Israel natürlich hochgradig politisch, auch wenn die EBU nicht ganz zu Unrecht schon vor einigen Wochen darauf hinwies, dass die Suspendierung Russlands nicht die primäre Entscheidung ist, sondern eine Folge der Aberkennung der Mitgliedschaft in der EBU, und hierbei könnten laut deren Statuten eben durchaus politische Erwägungen eine Rolle spielen.

Dass die EBU dann freilich die „Booohs“ in der Halle während des Auftritts von Eden Golan heraus filterte und also für das Fernsehpublikum unhörbar machte, ist dann aber auch der Frage würdig. Wenn man die Künstlerin selber vor einer feindlichen Energie hätte schützen wollen, könnte man das gut heißen, aber Eden Golan hat ja die buhenden Zuschauer:innen im Gegensatz zum Fernsehpublikum hören können - ja müssen.

Die Suspendierung des holländischen Beitrags wiederum, nachdem gegen den Sänger Joost Klein eine Anzeige vorlag, kann vermutlich durchaus als eine Entscheidung im Rahmen eines Kodex verstanden werden, der nicht per se politische Dimensionen hat: Klein hatte sich in einer Situation, in der er nicht gefilmt werden wollte, zu einer bedrohlichen Geste gegenüber einer Kamerafrau hinreissen lassen, die ihn doch filmte - was genau dann vorgefallen ist, wissen wir ohnehin nicht. Aber natürlich wurden auch hier sofort Parallelen gezogen: Warum darf der Staat Israel in Gaza Menschen töten, ohne dass die Teilnahme am Songwettstreit davon gefährdet ist, während ein holländischer Sänger wegen des Verdachts einer bedrohlichen Geste ausgeschlossen wird. Spätestens in solchen Äusserungen wurde ersichtlich, dass sich nicht nur die EBU selber in ihrem unbedingten Willen, Politik aussen vor zu lassen, vollständig verrennen kann, sondern auch Fans des ESC. Und, tja, die EBU selber tut dies ohnehin, wenn sie die Non-Binär-Flagge in der Halle verbietet, denn diese Flagge steht ja nun gerade nicht für einen politischen Staat oder eine implizit politische Aussage, sondern symbolisiert eben diesen Wertekanon der Gleichheit Aller, den die EBU vorgibt vor politischen Impetus schützen zu müssen.  Man könnte sogar so weit gehen und sagen, die Botschaft, die mit der non-binary-Flagge ausgesendet wird, nämlich das Recht auf und den Wert der eigenen Individualität jenseits von welchen Kategorien auch immer, ist ein konstatierendes Element der Popmusik als solcher - und pophistorisch vielleicht gar das Scharnier zwischen Rock und Pop - aber das führt jetzt vermutlich zu weit. Klar ist indes, dass die EBU mit dem Eurovision Songcontest ein Produkt verwaltet, über das sie die Deutungshoheit längst verloren hat.

Aber natürlich wurde am Samstag auch musiziert - und erfreulicher Weise wurde der schweizer, vermutlich objektiv anspruchsvollste und musikalisch sozusagen gelungenste Beitrag, „The Code“ von Nemo eben, zum Sieger gekürt. Der Song vermischt Pop, synthetischen Orchester-Bombast, Rap und einen Drum-N-Bass-Beat mit Bondsong-Prisen und einem fluffigen Dream-Pop-B-Teil zu einem Amalgam aus Ideen und Stilen und findet doch und ganz anders als viele andere Beiträge an diesem Abend zu einem homogenen Song - flankiert mit der Performance auf einer silbernen Rampen-Drehscheibe, auf der Nemo den Schwerkräften stimmlich und tänzerisch zu trotzen schien: So gewinnt man den ESC. Überraschen konnte auch der deutsche Beitrag, „Always On The Run“ von ISAAK, der mit rauher Stimme und trotzigem Rockpop Zwölfter wurde, was sich nach mehreren Jahren auf dem letzten Platz wie ein Triumph anfühlt. Mit vielen Beiträgen in Landessprache und erfreulich wenig Europop zeigt sich 2024 um so mehr: Wenn man das Format ernst nimmt und einen guten Song im Gepäck hat, kann man Glitzer-Effekten, Feuerfontänen, Ventilatoren, Dekolletés und sogar der EBU entsagen - und eben dennoch oder gerade deswegen Stimmen einheimsen.

Man kann jedenfalls nur hoffen, dass eben diese musikalischen Erkenntnisse schlussendlich die Gräben, die sich aus politischen Debatten und der albernen Weigerung sie als solche zu Kenntnis zu nehmen, aufgetan haben, überwinden können - im meta-Sinn des deutschen Beitrags 1975, „ein Lied kann eine Brücke sein“ - eben dann, wenn das Lied bestimmte Codes bricht. Denn das Ereignis „Eurovision Songcontest“ ist in vielerlei Sinne wertvoll und identitätsstiftend.