Lyrics-Bedeutungs-Klarheit

Bildschirmfoto 2024-01-26 um 11.55.40::: was so erscheint ::: die Freitagskolumne ::: Samuel Rösch, Gewinner von „The Voice Of Gerrmany“ im Jahre 2018, veröffentlicht heute seinen neuen Song “Da sein, wo ich bin” , „in dem er“ - so die Marketing-Infos dazu -„ das Problem besingt, dass man viel zu oft mit dem Kopf ganz wo anders ist als in dem Moment in dem man sich befindet“. Exakt davon handelt das Lied, und zwar im Grunde genommen ebenso formuliert - oder jedenfalls ohne allegorischen oder symbolischen Umweg: „Statt auf nem Paddelboot mit Family sitz ich schon wieder an ner Melodie.“ - seine musikalischen Bemühungen lenken ihn vom Privatleben ab, und wer schon mal das Gefühl hatte, nach einem Trailer, den entsprechenden Film schon zu kennen, der kann sich vielleicht vorstellen, dass man, wenn man gehört hat, wovon „Da sein, wo ich bin“ handelt, diesen Song schon zu kennen glaubt. Diese Form von Hyper-Klarheit ist einerseits hin und wieder etwas cringe, weil man dann auch denkt: Wozu braucht es einen Song, der sich mit seiner Marketing-Kampagne deckt - und was ist Bildschirmfoto 2024-01-26 um 11.55.07daran die Musik? Aber andererseits ist diese Form, Lyrics zu schreiben wie überhaupt der Popentwurf von Samuel Rösch von christlichem Rock geprägt, und in dieser Unverstelltheit liegt auch ein großer Reiz - als Pfarrerssohn habe ich da vielleicht einen Softspot, wer weiß. ::: Eine Form von Hyper-Klarheit zwischen Lyrics und ihrer Bedeutung könnte man auch dem Song „Ich blute“ von “Fliegende Haie“ unterstellen, denn der Song handelt von der Menstruation. Christ-Rock jedoch ist diesem Track als Quelle der Klarheit sicherlich nicht auszumachen - hier ist die Lyrics-Bedeutung-Einheit eher einer provokativen Ent-Tabuisierung der Menstruation zuzuschreiben: Auf scharfen Elektroklängen und zerstobenenen Technobeats sing-ruft die Sängerin Kristina Paulini Zeilen wie „Jeden Monat dieser Struggle, und ich hasse meinen Körper. / hab’ mehr Blut an meinen Händen als ein Massenmörder.“ - ich muss zugeben, dass das popmässig überhaupt nicht meine Wiese ist, aber der Track ist verschroben, auf prima Weise aggressiv und hämmert mit Popmitteln ein wichtiges Thema in einen Diskurs - auch eine Leistung. ::: Links : Websites ::: < Samuel Rösch > ::: < fliegende Haie > :::


2023 - das Jahr, in dem der Deutschpop starb

Menschen, Leben, Tanzen, Welt:  All das zieht plötzlich nicht mehr - eine Spurensuche

Wir schreiben das Jahr 2017, der Zenith des Deutschpoperfolgs, und beim Echo-Verleih in Berlin singen zur Eröffnung Wincent Weiss, Max Giesinger und Tim Bendzko zusammen  < ein Medley aus drei Hits >: „Feuerwerk“, „Wenn sie tanzt“ und „Maschine“. Die Zusammenstellung ist in sich stimmig, denn alle drei Songs haben ähnliche Harmonien und Tempi, und zudem beschreiben sie Bildschirmfoto 2024-01-25 um 12.07.08ähnliche Gefühlslagen: In Max Giesingers Song vergisst eine Frau ihre 50-Stunden-Woche nur dann, „wenn Sie tanzt“. Im Lied von Tim Bendzko beteuert das singende Ich trotz Hamsterrads des Alltags „doch keine Maschine“ zu sein; während Wincent Weiss sich einst schwor, „nie auf morgen zu warten“, sondern zu „leben wie ein Feuerwerk.“ Die drei Lieder beschreiben also die Sehnsüchte von Singenden oder Besungenen nach Ausbrüchen aus standardisierten Zuständen und stehen damit als geballtes Medley an diesem Abend in Berlin pars pro toto für den Deutschpop an sich. Denn dieses Subgenre lebte und lebt nie davon, Sehnsüchte zu wecken oder sie gar in direkter Weise zu evozieren, nein, die Songs dieses Subgenres kreieren im Allgemeinen Narrative, in denen es Menschen gibt, die sehr viel fühlen und sich sehr doll sehnen. Erzählt wird von diesen Menschen dann so, dass wir ihre Gefühle und Affekte auch gerne hätten. Seitens der Hörer:innen kann man also von Sehnsüchten nach Sehnsüchten sprechen, und diese Sehnsüchte zweiter Ordnung werden immer befriedigt, denn wir sind ja keine Maschinen, wenn wir tanzen und leben wie ein Feuerwerk. Fakt jedenfalls ist: 2017 bevölkerten mehr als 20 Deutschpop-Alben die Top 50 Jahrescharts.

Schaut man < hier > in die Liste der erfolgreichsten Alben des vergangenen Jahres, muss man bis Platz 72 herunter scrollen, um auf einen einsamen Johannes Oerding mit seinem „Plan A“ zu stossen - die 2023 erschienenen Platten von Mark Forster, Tim Bendzko, Lea, Adel Tawil oder Madeline Juno haben es nicht einmal in die Top 100 geschafft; auch das Formatradio hat das Abspielen von Deutschpopsongs massiv reduziert - Deutschpop ist 2023 einen leisen Tod gestorben. Woran könnte das liegen? Mir würden drei Erklärungsansätze einfallen.

Erstens: Wenn es stimmt, dass Deutschpop bei den Hörer:innen Sehnsucht nach Sehnsüchten generiert, dann liegt vielleicht in diesem Emotionskonzept zweiter Ordnung ein sich selbst erfüllendes Rezeptions-Paradox. Denn in den Narrativen der deutschen Songs, in denen sich Menschen nach Leben, nach Tanz und Welt sehnen, steckt natürlich auch immer deren Befriedigung - selten scheitern die Protagonisten all der Giesinger-, Bendzko- oder Lea-Songs, sondern sie finden in irgendeiner Form, was sie begehren. Täten sie es nicht, würde niemand auf Dauer wie sie fühlen wollen. Und daher ist die Sehnsucht nach Sehnsucht im gewissen Sinne auch im Moment ihrer Entstehung befriedigt, und diese sich selbst erfüllende Emotionsschleife funktioniert natürlich nicht ewig. (Oder aber ich müsste jedenfalls hin und wieder irgendwelchen tief-depressiven Gothic hören, um mich danach wieder nach den Sehnsüchten der Frau mit der 50-Stundenwoche sehnen zu können - jaja, wenn die tanzt!)

NDW-1024x708 Der zweite Grund für den Niedergang des Deutschpop ist ein ökonomischer: Ein Überangebot hat den Markt zerstört - immer mehr Interpret:innen veröffentlichen immer mehr Musik, und noch immer kommen von den Popunis und den TikTok-Thinktanks junge Popsänger:innen, die ihren Platz in einem Genre suchen, das ökonomisch ausgequetscht ist - hier kann man also durchaus eine Parallele zur NDW ziehen, welche von der Musikindustrie Mitte der 80er totgeritten wurde (nachdem der eigentlich deutsche Postpunk zuvor inhaltlich mürbe ironisiert wurde.) Das Überangebot und die Unfähigkeit des Deutschpop, sich zu verändern, hat den Markt übersättigt.

Ausserdem ist, drittens, die Sehnsucht zweiter Ordnung schon das Erfolgskonzept eines anderen Pop-Subgenres - nämlich des Schlagers; und hier ist aus der sich selbst erfüllenden Emotionsmaschine im Grunde doch das geworden, was Deutschpop nicht erreicht hat: Das Perpetuum Mobile der Sehnsüchte, Gefühle und Affekte. Das liegt zum Einen daran, dass es im Schlager viel mehr als Vereinbarung gilt, dass die auf der Bühne denen im Publikum etwas von Gefühlen vorsingen. Und zum Anderen daran, dass Schlagerstars ihre Musik viel eher an sich binden und somit zu den Protagonisten der Gefühle werden, deren Sehnsüchte sie wecken wollen. Denn Schlagerstars inszenieren sich mit dem Mittel aus der Trickkiste des Rock: Ich bin für Euch durch die Hölle gegangen (oder tue dies noch): Wenn < Michelle > Michelle _Vienna_2009_(2)bei ihrem gefühlt vierten Comeback nach Krisen, Scheidungen, und Selbstzweifeln vom Kuss in  < Hotel in Saint Germain > singt, glauben wir ihr sowohl den Kuss - als auch die Krisen. Nino De Angelo mag uns nicht sympathisch sein, gelebt hat der Kerl irgendwann, und so ausgedacht die Kunstfigur < Ben Zucker > sein mag: Ihr Protagonist hat auch schon Tiefen durchlebt; machen wir uns nichts vor: Gegenüber den Deutschpopstars erscheint jeder Schlagerstar als Authentizitätsvulkan.

Max Giesinger glauben wir nichts von dem, was andere junge, weisse Männer in Songwritingcamps ihm auf den Leib komponiert haben, und selbst die Ich-Form bei Tim Bendzko reicht nicht aus, um das Gefühl zu vermitteln, er sei tatsächlich Derjenige, der noch die Welt retten müsse, bevor er zu uns käme. Den Sänger:innen der < Menschen-Leben-Tanzen-Welt >-Pop-Ära ist es nicht gelungen, Identitäten und Erscheinungsfiguren hervor zu bringen, welche die ohnehin sehr unscharfen Popentwürfe des Deutschpop an sich binden könnten. Den wirklich unfassbar sympathischen Wincent Weiss zum Beispiel, nimmt man nur als vagen Trabanten um die Musik war, die er eher zu verkörpern vorgibt. Das Verhältnis von Deutschpop-Sänger:innen zu ihrer Musik scheint dem eines Techno-DJs zu seinem zweiten Remix eines bewährten Tracks zu ähneln. Daher hat das Format obgleich über Jahre sehr erfolgreich keine wirklich schillernden Stars hervor gebracht.

Aber vielleicht wird das Ruder ja doch noch rumgerissen, denn ein paar Gegenbeispiele kommen nun doch um die Ecke, einige Popsängerinnen, die Starappeal haben und vor allem aber tolle Musik mitbringen: < Mia Diekow > zum Beispiel hat kürzlich per Crowdfunding ein neues Album finanziert und bereits bewiesen, dass Blues und Folk in deutschen Songs schlummern können. Die sehr junge < Rahel > hat erst wenige Songs veröffentlicht - diese aber lassen aufhorchen. < Antje Schomaker > hat Ende des Jahres mit ihrem Album „Snacks“ bewiesen, dass auch Kraft, Relevanz und Humor im Deutschpop möglich sind - und nächste Woche erscheint mit „Baum! von  < Mine > ein mutmassliches Meisterwerk. Vielleicht sind diese Künstlerinnen ja die Rettung für ein siechendes Genre.


Kunstsprache und Popentwürfe

JjGHXi0owas heute so erscheint ::: die Freitagskolumne ::: 190124 ::: FROHES NEUES JAHR ::: „Der Songtext steht in weiten Teilen für sich. Da gibt es wenig im Dazwischen. Nichts soll unverständlich sein, nichts um die Ecke gedacht“ - dies sagt RAHEL über ihr neues Lied „nicht mal Nihilist“ und unterschätzt damit fast schon die eigenen Lyrics, denn zwar lebt der Songtext ihres neuen Liedes von der Direktheit, die sie anspricht, dennoch aber ist hier eine Stufe von Kunstsprache, die das ganze zu Musik macht, eingewoben, die ich sehr toll finde: »Sie ist so abgefucked, Drinnen so abgefucked, Sie hat das Geldzählen und das Nicht-Satt-Werden so satt. In ihrem Bett da liegen Körper, Sie weiß nicht genau seit wann. Sie hat sie mit heim genommen. Eines feuchten Morgens irgendwann« Für die Musik, die darunter liegt, mischt RAHEL Bandpop der 80er (teils erinnert der Sound an Bildschirmfoto 2024-01-19 um 11.29.55„Cutting Crew“) mit Hamburger Schule der Nuller, hebt Gitarren unter und schaut dann mit ironischer Wut und Wucht auf diesen ihren versierten Stilmix. Und dann taucht aber auch irgendwo Hoffnung auf, denn immerhin: Wer hier besungen wird, sei nicht mal Nihilist geworden. Ein bemerkenswerter Aufschrei von Song, und insbesondere mit Differenz zur relaxten Vorgänger-Single „Schaffner“ darf man auf das Debut-Album von RAHEL gespannt sein, das im März kommt. ::: https://www.youtube.com/@radikalrahel/featured ::: Deutlich elektronischer und textlich ein wenig weniger wütend und also subtiler geht es in dem neuen Song von Yosu "Träume" zu (der auch schon mal bei „The Voice“ auftauchte): „Meine Träume träumen noch“, singt er in dem Lied über die Träume, IMG_6133
die er noch nicht weckt - eine Gedankenwelt also, könnte man sagen, wie in dem Film „Inception“: Die Träume der Geträumten. Die Musik von Yosu ist melodisch, bescheiden, beatig, seicht glitzernd und immer auch ein wenig an der Grenze zum Kitschigen, wo man Ecken und Kanten vermissen würde. Aber es ist eben immer nur am Rande dessen, und Rändernähe ist im Pop eine Tugend - fluffig im Innern dieses Liedes hier grüßt uns leichte Ironie, und alles bleibt ausgewogen. ::: https://yosu.live/ ::: Der zweifelnd funkelnde Dream-Folk  von „Sorin“ mit Elektro-, Chor- und Streicherflächen aus Soundfernen, wie man das aus dem Folktronica auch kennt, steht in gewissen Sinne für einen vollkommen anachronistischen Popentwurf: Die Zeit, die Sorin sich hier für seine musikalische und lyrische Selbstreflexion nimmt, hat man heute selten für das Marketing von PefferPop, der innerhalb von 30 Sekunden zum Punkt kommen muss, um als im ökonomischen Sinne gestreamt zu gelten. Aber natürlich ist das eine lohnende Entschleunigung, wenn man dann beim zweiten, dritten Hören seines neuen Liedes "Let You Know" den fluffig fernen Beat entdeckt, ein Cello ausmacht und sich über den Text freut, der von der Intuition erzählt, welche es exakt braucht, um diesen Pop sich zu erhören. ::: https://www.youtube.com/@sorin4271/featured ::: Wundervolle deutsche Songtexte sind nach wie vor rar gesät - aber Eva Sauter, Sängerin der großartigen „Ok.Danke.Tschüss“, die kann sie schreiben. Ihr neues Lied „Pfeffer“ muss man nur zitieren: „Diese Stadt gehört mir nicht mehr, du hast ihr alles genommen, sogar die Drecksratten. Jetzt sag mir, was krieg ich von Dir - noch nicht mal n labbriges T-Shirt hast Du liegen lassen. Ich find diese Heimat nicht mehr, die ich mal an dieser Stadt fand. Da, dann geb ich jetzt dir und mir diesen gottverdammten Abstand.“ - das ist so schön, Tränen. ::: https://www.okdanketschuess.de/ :::


... und Songs des Jahres

... wie immer kommen in meinen Songs des Jahres keine Titel vor, die auf einem der Alben des Jahres sind - es ist natürlich immanent, dass mir Lieder auf klasse Platten gefallen ...

Bildschirmfoto 2023-12-20 um 12.06.3501 Sophie Hallberg / I had it all < video >

02 Florian Paul / an und für sich < video >

03 Lou-Adriane Cassidy, Ariane Roy & Thierry Larose  / Le Roy, la Rose et le Lou[p] < audio >

04 Les Amazones d'Afrique - Kuma Fo (What They Say) < video >

05 Paula Carolina / schreien - < video >

06 Mina Richman / Nearly To The End < video >

07 Kylie Minogue / Padam Padam < video >

08 Marika Hackmann / no caffeine < video >

09 Björk ft. Rosalía / 0ral < video >

10 Olivia Rodrigo / vampires < video >


Alben des Jahres


01 Peter Gabriel / i/o 

Disc-peter-gabrielio-2-cds1-blu-ray-disc_1482777Fast 20 Jahre frickelte Perfektionist Gabriel an diesem Album, und wie er hier dichteste, komplexeste Arrangements so luftig, schön und nah erfand, wie sie hier klingen, das ist schon in allen Belangen die hohe Kunst des Pop.

02 Antje Shomaker / Snacks

Mit zwei, drei Feinjustierungen an ihrem Popentwurf entwickelt Shomaker hier einen Deutschpop zwischen Indie und Mainstream, der selbst in seinen darkesten Momenten höchst vergnüglich stimmt.

03 Fatoumata Diawara / London Ko

Nie war mehr Pop in ihrem Weltenblues, selten war so viel Wahrheit in Popmusik. ASSET_MMS_128804681

04 Crucchi Gang / Fellini

Die Truppe um höchsten Eisenbahner Francesko Wilking hat einen charmanten Chamber-Italopop erfunden, mit dessen Mitteln an Klassiker des Deutschpop erinnert wird -wahnsinnig schön!

05 Jeanne Balibar / D’ici là tout été

Synthiechanson zwischen bestürzendem Rollenspiel und blankem Ernst - französischer als hier klingt das Jahr 2023 nirgendwo.

06 Lana Del Rey / Don’t you know that there’s a tunnel under the ocean boulevard

Ab67616d0000b27325156a823e825025ca2de859Der pastellene Feminismus in einem depressivem Amerika büßt auch auf dem achten Album nichts von seiner künstlichen Schönheit ein.

07 Deichkind / Neues vom Dauerzustand

Kids in meinem Alter mögen das.

08 Maria Basel / Bloom

Auf ihrem Debüt-Album gelingt der Wuppertalerin Basel eine schwebende Musik zwischen Singer-Songwriting, Indiepop und Neosoul mit schöner Prise bescheidenen Kitschs.

09 Charlotte Brandi / an den Alpraum

Kunstlied meets Pop in einem Zwischenraum merkwürdigster Songtexte.

10 Herbert Grönemeyer / Das ist los

Nachdem Grönemeyer 30 Jahre versicherte, niemals zur NDW gehört zu haben, macht er 2023 auf einmal ein NDW-retro-Album - selten war er selbstironischer, der liebe Herbert.

> morgen: Songs des Jahres ! ! !!


Deutschpop ist keine ICE-Haltestelle mehr

Foto 22.10.23  19 21 08::: Bereits vor ein paar Wochen ist ein neuer Song des in Rumänien geborenen Popmusiker „Sorin“ erschienen: „Shallow Waters“ beginnt als sich verlierende Folk-Ballade und gleitet sanft in Dreampop-Sphären, in denen innere Bilder rauschhaft wirken können. Dieser Art von Spacetrip kann man sich nicht bei jedem Hören überlassen, aber wenn man das Ganze an sich ranlässt, trinkt man mit Bon Iver auf dem Mond einen Rotwein - weird! ::: < VideoLink >::: Pink hat zusammen mit Sting und mit dem DJ und Prodcucer, der einen leeren Farbeimer auf dem Kopf trägt, einen Song von Sting überschrieben - „Fields Of Gold“; nämlich, dessen zentrale Melodie hier nun auch bei "Dreaming" den Refrain stellt - im Dance-Rhytmus der Stadion-Disko. Braucht das Irgendwer? Nein. Richtet es Schaden an? Nein. ::: Die junge Popsängerin „mille“ veröffentlicht heute ihren Song „Heimat“, und das ist astreiner, gut gemachter Deutschpop - Bildschirmfoto 2023-12-15 um 10.52.24eine Klavierballande, die sich mit Stimmeffekten, seichten Beats und Gitarrenriff auflädt und ein wenig einer emotionalen Entladung entgegenstrebt, die dann aber ausbleibt - und dieses Nichteinlösen scheint mir aber absichtlich da klassische Deutschpop-Dramaturgie; das gefällt mir so weit ganz gut, aber ob das wirklich noch funktioniert? Bei aller Sympathie für diese Sängerin, „mille“: Auf diesem Deutschpop-Bahnhof hält seit diesem Jahr kein ICE mehr. ::: < Video-Premiere> Freitag 15.12. um 14 Uhr ::: XYTtGvug "Davon geht die Welt nicht unter", sang einst Zarah Leander, und nun hat der Singer- und Songwriter FALK diese Zeile für sich entdeckt und seinen neuen Song so genannt. Der Song kommt im Deutsch-Rockgewand daher: In den Strophen reiht FALK Ungereimtheisfloskeln des Alltags aneinander, von denen er im Refrain dann subsumiert, die Welt ginge davon nicht unter; was auch stimmt. Auch hier muss man aber konstatieren, dass die Kapelle auf dem sinkenden Schiff Deutschpop weiter Schlager spielt, während andere auf die Rettungsboote klettern - und es kommt immer noch Nachwuchs hinter her. Leicht wird es FALK mit diesem seinen Popentwurf also nicht haben, da helfen auch meine Sympathien wenig. ::: < Song-Visualizer > ::: Die Soul-Popwerpop-Ballade „You Owned Me“ des jungen Popsängers Bildschirmfoto 2023-12-15 um 11.07.20„Battal“ kommt dramatisch daher - und handelt auch von Dramatischem: Sie berichtet von Missbrauch und häuslicher Gewalt durch den Vater des singenden Ichs; aber auch von der Bewältigung dieser entsetzlichen Erfahrungen nicht zuletzt mit eben diesem Song. Mag die Befreiung aus Zwängen und die daraus resultierende Selbstfindung auch ein oft besungener Topos der Popmusik sein - hier wird man mit emotionaler Wucht fast schon überrollt: „When you owned me, / Did you feel powerful? / When you disowned me, / Did you think I care about you / When you owned me, / Did you feel powerful? / Cause now that I own me, / I got the power to let power go.“ - beindruckend ehrlich - Respekt. ::: Battal < Linktree > :::


Viva 2.0

Nostalgia_Werani_3000x3000_small.:: - was heute erscheint - die Kolumne am Freitag - ::. Der Singer- und Songwriter „Werani“ hat seine stylische 80s-Synthpop-Debüt-Single „Nostalgia“ nun noch mal als spärlichen Folksong mit nur zwei Stimmen, einer Gitarre und der legendären Roland C-78 Drumachine heraus gebracht - ein Eigencover sozusagen, das den Song als sehr genre-stabil zeigt: Prima Sache - denn beide Versionen (Synthie-Original < hier > Folk-Version wird < hier > nachgeliefert) sind sehr hörenswert ::: CITM_ArtworkIn eine etwas düstere Variante von 80s-Synthpop begeben wir uns, wenn wir „Could In The Mourning“,  die neue Single von Tamara Quaddoumi hören - irgendwo zwischen Anne Clark, Depeche Mode und Yazoo. Aber ganz kommt man mit diesen Schubladen und Vergleichen auch nicht aus, denn es ist auch eine Menge Welt in dieser Musik, die man also nirgends ganz beheimaten kann - wozu auch; aber es überrascht denn auch nicht, wenn Quaddoumi in einem PR Text “von ihrer kuwaitischen, palästinensischen, libanesischen und schottischen Herkunft“ spricht. Speziell im Libanon ist die Sängerin und Popmusiker auch schon bekannter. Mir gefällt diese Musik außerordentlich gut, denn mit so viel Welt ist selbst darker Pop eine Hoffnung für sich - < hier > ist das zudem sehr schöne Video zu diesem Song, dem bald eine EP folgen soll. ::: Marvin SchmidtDas junge Kölner Popduo „colin“ war hier schon zweimal mit neuen Liedern Thema - auch ihr brandneuer Song „passenger seat“ ist lofi-Folkpop mit prängnanter Stimme, relaxtem Beat und schöner Melodie. Vielleicht ist es dieses mal ein wenig zu gefällig geworden, „passenger seat“ hat so gar keinen Widerhaken oder Bruch im Sound, aber das ändert nichts daran, dass ich jedem neuem Lied dieser unfassbar sympathischen Band mit Freude entgegen sehe. < Hier > der > YouTube-Cahnnel Dees Bildschirmfoto 2023-12-08 um 12.44.11Duos, bei dem bestimmt auch die neue Single bald verfüg sein wird. ::: Fast hätte man denken können, die schon mit zwei Anläufen (ESC und The Voice) in den Pop gesprungene Ann-Sophie, hätte die Popmusik nun diese großartige Sängerin an das Musical verloren, (was ja auch keine Schande wäre), aber ihre heute erscheinende Single „I Love It“ ist glasklarer Bubble-Pop - positiv, offen und tanzbar; und es geht um einen der Grundtopoi der Popmusik als solcher: Der Selbstliebe - wer will das was dagegen sagen? Hyperpop ist das nicht, nein, vielleicht Hypersoulpop? Auf jeden Fall eine Perle: I Love It! - < hier > das Video, das sich anschauen lässt, als hätte Viva nie dicht gemacht; (noch mehr kann man das über Ann-Aophies' letzte Single sagen - schaut < hier > mal rein.  ::.


Songs zum ersten Advent

::: ein paar andere Weihnachtslieder ::: Funky_Christmas4„Die neue Zärtlichkeit“ hat ein Faible für subtiles Zitieren, das sie nun in einen Weihnachtssong übersetzen: Flächiger Sequenzer-Bass, 80s-Plinkern und ein vokalverschüttetes Singen wie uns Herbert Grönemeyer - so klingt der Weihnachtssong „Funky Christmas“ dieser herrlich merkwürdigen Band, und man fragt sich die ganze Zeit, ob der Song per se funky ist oder ob er, wie im Refrain mantrahaft wiederholt wird, davon träumt, funky zu sein - letztlich egal, denn verschroben ist es allemal; vielleicht ist es mithin dann also Indiesynthiefunk. LINK > YouTube-Audio ::: Bildschirmfoto 2023-12-03 um 14.17.39Ähnlich fragen könnte man bei dem Song „Hope For Christmas“ von GABSN, ob er für sich genommen Hoffnung ist und vermitteln will oder aber, ob er nach Hoffnung sucht. Bei dem leicht esoterischen Popentwurf des Grazer Popsängers muss im spirituellen Sinne sagen: Wohl beides. Sein Weihnachtssong jedenfalls löst in der Summer das leicht bittersüsse Momentum dieser Musik in Wohlgefallen auf wie eine Brausetablette. LINK > YouTube-Video ::: Bildschirmfoto 2023-12-03 um 14.20.13Vincent Weiss hat gleich ein ganzes Genre, den klassischen Deutschpop nämlich, in ein ganzes Album übersetzt, das konsequenter Weise „Vincents Weisse Weihnachten“ heisst. Nun da der Deutschpop sich allmählich auch wie ein Braustablette im Schlager auflöst, da er kommerziell nicht mehr zum Bildschirmfoto 2023-12-03 um 14.19.54Mainstream durchdringt und selbst ein Mark-Forster-Album nach einer Woche aus den Charts purzelt, ist eine solche Platte, auf der Vincent Weiss Weihnachten besingt, eine Art letzter Deutschpopstrohhalm. In dem Falle aber muss man sagen: So sympathisch man diesen Vincent finden kann: Dieses Album ist wirklich eher zum Einschlafen geeignet. ::: Die amerikanische Band „The Delines“ hingegen hat ihren Blue-Country-Pop mit erdigem E-Piano und deepem Sprechgesang der wundervollem Sängerin Amy Boone erfolgreich in einen Weihnachtssong übersetzt: „Christmas in Atlantis“ heißt das Ganze und ist wie alles von dieser Band sehr zu empfehlen. LINK > free Bandcamp-stream :::


Auch vier Arten Pferde legen sich auf den Broadway

Das Warten hat ein Ende: Ein neues Album von Peter Gabriel

Ha, natürlich kann Peter Gabriel machen, was er will -  völlige künstlerische Freiheit hat er eh, und sollte ihm seine Plattenfirma reinreden wollen, was er tun oder lassen soll, dann ist das auch er: Real World, wo  „i/ o“sein erstes Studioalbum nach 21 Jahren erscheint, gehört ihm. Man könnte sich aber durchaus vorstellen, dass Gabriel den Humor hat, als Label-Betreiber sich selber anzusprechen, auf seiner neuen Platte brauche es aber wieder einen funky Hit, einen „Sledgehammer“ eben. Dann hat er sich hingesetzt und „Road To Joy“ gemacht, das funky Brett auf „i/o“ mit sattem Beat, Disco-Streichern und fluffigen Synthietupfern - großartig.

IoNatürlich ist das Album „i/o“ brilliant -  gleichermassen höchst privat, handelt von Liebe, Alter und Spaziergängen (der Titelsong), und dennoch ist dieses Album hochpolitisch und utopisch („the court“ und „panopticum“) -und der für mich bislang tollste Song, das herrlich verschleppte „Four Kind OF Horses“, in der Gabriel ein Land, eine Welt skizziert, in dem weder ein gut- noch ein bösartiger Superheroe Fuss fassen könnte, und man steigt nie ganz durch, ob hier von inneren Kämpfen oder politischen Symbolen gesungen wird, von Pferden oder von Menschen und ihrer begrenzten Zeit auf dem Planeten Erde - seit je her ein zentrales Thema von Gabriels Liedern. Die Lyrics von "Four Kind Of Horses" sind ein stetes allegorisches Parallelogramm, wie Gabriel es erstmalig mit „The Lamb Lies Down On Broadway“ geschrieben hat. Dieser Song ist ein Kunstwerk an sich, auf einem Album, dass viele Perlen zu einem Ganzen sammelt.

Der Popsound von „i/o“ ist stets komplex, symphonisch breit, jazzig verspielt, elektronisch hübsch und niemals abgehoben, staubrocken beatig, und man hört wiederum jedem Lied an, dass es am Piano entstanden ist. Die Detailverliebtheit, mit der hier jeder der 12 Songs ausproduziert wurde, wie sich Intros, B-Teile, Bridges und Strophen einerseits klaren Songstrukturen andienen und sie gleichzeitig verschachteln und aushebeln ist von hoher virtuoser Kunst, und gleichzeitig ist eben diese Virtuosität niemals nur Selbstzweck.


10 Jahre "Atemlos": Folge 02

10 Jahre "Atemlos" - das muss gefeiert werden! Der Popticker stellt sich die Frage: Was wäre, wenn Helenes Fischers Signature-Song das Aushängeschild ganz anderer deutschsprachiger Popacts wäre? Folge 01: Wie klängen die Lyrics, wenn "Atemlos" ein Song von PeterLicht wäre?

Atemlos

von PeterLicht

 

Was wir früher Disko nannten, nennt man heute Club

Und da ziehen sie dann hin, die Rentner-Renitenten

mit ihren Doppehaushälftennachbarn im Trupp

und schämen sich für ihre Arschgeweihe der 90er

 

Die wissen nicht, was zwischen ihnen ist,

die, zwischen die ein ganzer Stapel Druckerpapier passt

Und deren Blicke sagen: Eure Zeit ist vorbei

 

Nasenspray-Junkies der Nacht

Sie schlafen bis ein neuer Tag erwacht

Atemlos einfach raus

Das ist nicht unsere Zeit

 

Nasenspray-Junkies der Nacht

Sie schlafen bis ein neuer Tag erwacht

Atemlos einfach raus

Das ist nicht unsere Zeit

 

Die, die in Fonds investieren, halten sich für ewig, Tausende Konten Glücksgefühle

nicht einmal spüren, was sie sind, sie teilen nicht

Das billige Bild des Hamsterrades und die Phillip-Starck-Pfeffermühle

Komm nehmt Eure Hände in die Hand und schleicht Euch

 

Vom höchsten Dach auf der Welt, sieht man Wolken trotzdem noch von unten

und all die Farben ergeben trotzdem keine richtig bunten

Rahmen im Rahmen ihrer Ramen-Restaurants

Wo sie auch keine Fallschirme haben, auch wenn das oft behauptet wird

 

Alles, was ich will, ist da

Große Freiheit verwässert den Genuss

Nein, wir wollen hier nicht weg.

Denn nicht ist hier perfekt

 

Nasenspray-Junkies der Nacht

Sie schlafen bis ein neuer Tag erwacht

Atemlos einfach raus

Das ist nicht unsere Zeit

Bildschirmfoto 2023-11-30 um 13.46.19