Schüchtern tropfen

Eine Entdeckung: Sophie Hallberg

„Rhythm beats don’t touch my soul“, singt Sophie Hallberg, und genau in dem Moment setzt das Schlagzeug ein. Es ist dies nicht die einzige allegorische Rückkopplung zwischen Text und Musik in diesem famosen Song, der „I had it all“ heißt - an anderer Stelle heißt Bildschirmfoto 2023-02-03 um 09.20.44es „Piano chords, they don`t seem much to me at all / Since you’re gone.“ In erster Ordnung scheint hier eine Trennungsgeschichte erzählt zu werden, den die Verlassene singt, aber spätestens mit der zweiten Strophe muss man fest stellen, dass man vielleicht übereilt interpretiert hat und das singende Ich wohl vielmehr ein Fenster der Befreiung aufgestossen hat: „Tasting freedom is like getting high“, heißt es dann nämlich.

Musikalisch ist das Ganze ähnlich vielschichtig. Man könnte sagen, dass hier ein klassischer Popsong mit den Mitteln von Folk und Soul erspielt und jazzig gesungen wird: E-Piano-Akkorde tropfen schüchtern, dann setzt, ich erwähnte es, der fluffige Beat ein, hier und dann umspielen Gitarre und ein Xylophon (oder?) die Melodie, und auf dem Refrain folgt eine vorsichtig in andere Gefilde verweisende Gitarren-Linie. Produziert ist „I had it all“ zurückhaltend und kompakt.

Sophie Hallberg war vor diesem ihrem Debüt als Solokünstlerin 50% des Indiepop-Duos „SweetLemon“, welches musikalisch einen ähnlichen Entwurf verfolgte, und es wäre auch erschreckend, wenn eine solche Pop-Perle wie dies „I had it all“ die erste Veröffentlichung einer Musikerin wäre. Ich bin jedenfalls jetzt schon Fan dieser Musikerin und freue mich auf eine noch für den ersten Teil des Jahres angekündigte EP.

Link: < Video >-Premiere am 03.02.23, 16 Uhr

 


Fun-T-Shirt-Autor:innen

Angebliche Konzerte von Dieter Bohlen, das Ende von DSDS, sexistische Ausfälle - der Popticker rüttelt da mal paar Dinge gerade

Die anstehende Tournee von Dieter Bohlen hat einen sehr bescheidenen Namen: „Das größte Comeback aller Zeiten.“ - die große Suggestionsmaschine Pop, die zweifelsohne oft vom Behaupten der eigenen Angesagtheit lebt, überdreht hier in einen Superlativ, der, wenn er eine ironische Komponente hätte, sympathisch wäre, aber da Dieter Bohlen zu keinem doppelten Boden fähig ist, muss man hier schon von einem Mißbrauch der Marketingmittel von Pop sprechen. Denn Bohlen geht hier ja auf Tournee, er spielt Konzerte, und er behauptet seine Rückkehr als Musiker, was er de facto schon lange nicht mehr ist - er ist Star des Reality-TV. Sein letzter Hit liegt Jahrzehnte zurück, und was eine große Karriere ja tatsächlich ausmacht, den eigenen Sound einerseits zu bewahren und andererseits der Zeit gemäss zu variieren, das kann Bohlen nicht vorweisen: Sein musikalisches Gespür reichte gerade einmal 33794-dieter-bohlen-tour-2023-dresden-800x800für ein Jahrzehnt, als er mit Modern Talking Schlager in einer dem Englisch entlehnten Kunstsprache kreierte. Diesen Schlager wiederum lancierte er zwar mit einem der größten Coups der Popmarketinggeschichte, indem er dasselbe Lied stetig unbenannte und so aus einer mittelmässigen Idee um die 10 Hits heraus quetschte, eine Beständigkeit hat er in seinem Output jedoch nicht. Und alles, was er nach Modern Talking musikalisch erreichte speiste sich der Emotionsaufladung des Casting-Show-Prinzips: „We have a dream“ von den DSDS -all-stars oder „Take me tonight“ von Alexander Klaws oder „Irgendwann“ von Beatrice Egli waren Veröffentlichungen, die das Glücksversprechen von „Deutschland sucht den Superstar“ in musikalischen Produkten rückkoppelten.

Wirklich gespannt darf man sein, ob die Idee, Bohlen als Musiker zu vermarkten, überhaupt noch funktioniert - ob also genug Menschen Tickets für seine Konzerte kaufen. RTL hat ihm immerhin seine angestammte Plattform, DSDS, reumütig zurück gegeben - für die letzte Staffel der Superstarsuche (das Format wird dann eingestellt) hat man ihn noch mal in die Jury berufen, nachdem man ihn letztes Jahr gefeuert hatte. Und ganz in seinem Element hat er dort neben einigen seiner einstudierten Oneliner, die ihm Fun-T-Shirt-Autor:innen als Beleidigungen schreiben, eine Influencerin in einer Art und Weise herabgewürdigt, dass man ihn auch direkt wieder rauswerfen könnte. Samir El Ouassil hat in ihrer gewohnt klugen Gedankenschärfe in dem Podcast mit Holger Klein letzte Woche beschrieben, dass das das Reality-TV-Format in den letzten Zeit eine Wandlung vollzogen hat: Wer rassistisch, sexistisch oder anderweitig diskriminierend auskeilt, muss damit rechnen, aus diesen Shows zu fliegen - nachzuhören < HIER > . Das zwischenzeitliche Kaltstellen von Bohlen im letzten Jahr war bereits dieser Wandlung zuzuschreiben, aber ihn nun aus der laufenden Staffel zu nehmen, ist vermutlich schlicht unmöglich - dazu ist er in der Show einfach zu präsent.

Die Marketingmaschine läuft also, aber ob Menschen, die seine auswendig gelernten Punchlines lustig finden, auch ein Ticket kaufen, um „You’re my heart, you’re my soul“ ohne  Thomas Anders zu sehen und dabei ja auch hören zu müssen, ist zumindest der Frage würdig. Nach dem größten Comeback aller Zeiten jedenfalls ist Schluss mit lustig: DSDS wird dann wie gesagt Geschichte sein, und aus genannten Gründen dürften wir dann in Zukunft auch von Bohlen-Musik verschont bleiben.


Streichholz und Benzinkanister

40 Jahre 99 Ballons

Vor 40 Jahren erschienen „99 Luftballons“ am Pophimmel, die man, wie die meisten noch auswendig wissen werden, für Ufos aus dem All hielt, weshalb man ihnen eine Fliegerstaffel hinterher schickte. Der Rest ist Geschichte - einerseits die im Lied, nach der sich Männer, die sich für Captain Kirk hielten, einen Krieg abhielten, andererseits eine Geschichte des Liedes: Der Antikriegssong schoss an die Spitze der Charts in Deutschland, Schweiz, Japan, Mexiko, Kanada und Australien. (Zu den Kuriositäten des Liedes gehört es, dass die englischsprachige Version, „99 Red Balloons“, in England auf Platz 01 kam, während in den USA die deutsche Version reüssierte und schliesslich und bis auf Platz 2 kletterte.) Unabhängig davon bescherten die fast 100 Ballons Nena eine gigantische Karriere im deutschsprachigem Raum, die bis heute anhält. 

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Single-Cover

Das Lied hat sich im kollektiven Kulturgedächtnis der Bundesrepublik verankert. Seine simple Friedensbotschaft ist gleichsam zeitlos und und zeugt doch von seiner Zeit, vom kalten Krieg, vom Nato-Doppelbeschluss und ganz allgemein von der Angst vor einem Atomkrieg. Aufgrund dieses naiven Pop-Pazifismus ist es eigentlich fragwürdig, „99 Luftballons“ als Prototyp der Neuen Deutschen Welle anzusehen, war diese doch vom Ursprung her der Postpunk der Bundesrepublik. Und auch wenn der später dem Funpop geopfterte Nihilismus dieser Bewegung explizit politisch war, steckt hinter der Geschichte der bombardierten Luftballons eher ein naives Erstaunen über den Zustand der Welt als ein Aufbegehren dagegen oder eine konkrete Protesthaltung. Die Songs der NDW hatten jedoch vor allem zu Anfang Wut und Zynismus, naiv waren sie nie - oder zumindest nicht politisch UND naiv. Im Zuge dessen steht „Ein bisschen Frieden“ den „99 Luftballons“ eigentlich näher als „Da Da Da“ oder „Hurra, die Schule brennt“.

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Screenshot aus dem Video

Musikalisch ist das Ganze natürlich, wir kennen den Song, ein tanzbarer Mix aus Rock und Synthiepop, der in den 80ern populär war, und der sich auch hin und wieder im NDW-Sound wiederfindet. Die Songstruktur ist allerdings ungewöhnlich für Pop: Die „99 Luftballons“ könnte man zwar als Hook durchgehen lassen, aber einen Refrain gibt es nicht - der Song besteht nur aus 5 Strophen mit dazwischen geschalteten Instrumentalstellen, von dem man eine wiederum als Keyboardsolo bezeichnen könnte. Erste und letzte Strophe sind getragen und langsamer als die drei in der Mitte, und diese Kreisbewegung ist ein schöner dramaturgischer Bau. Und vielleicht ist für den immensen Erfolg der „99 Luftballons“ auch die allererste Zeile mit verantwortlich: „Hast Du etwas Zeit für mich? Dann singe ich ein Lied für Dich.“ - eine schöne Idee, mit dieser Frage ein Lied zu beginnen.

Die postapokalyptische Zeile der letzten Strophe wiederum singt Nena schon seit Jahren nicht mehr so, wie sie ursprünglich gedichtet wurde: „Heute zieh’ ich meine Runden, seh’ die Welt noch nicht in Trümmern liegen.“ Die Sehnsucht nach einem Hoffnungsschimmer in dem Lied ist natürlich, insbesondere wenn man es seit 40 Jahren singt, nachvollziehbar und völlig legitim, aber Nena begründete das eingeschleuste „noch nicht“ in einem Interview tiefgreifender: „Es liegt in unserer Hand. Ich glaube an uns Menschen und vertraue darauf, dass wir alle tief in unseren Herzen wissen: Wir gehören zusammen.“ (*) Das steht dann schon in einem gewissen Widerspruch zum Pessimismus des Liedes und zeugt zudem auch von einer gewissen Hybris, zumal es nicht das erste Mal ist, dass Nena ihr Handeln mit dem Glauben an die Menschheit begründet. In einem Instagram-Post zu ihrer Solidarisierung mit einer Demonstration gegen die Coronamaßnahmen stiess sie zum Beispiel in ein ähnliches Horn: „Wir haben nie gelernt, uns an der Andersartigkeit eines Jeden zu erfreuen. Das können wir in diesem Moment ändern und uns genau jetzt für die LIEBE entscheiden. Mögen wir zueinander finden und unser Miteinander als Menschenfamilie neu gestalten.“ (**) Auch der Titel ihres letzten Albums „Licht“ fusst laut Nena auf ihrem Willen, Licht und Liebe unter die Menschen zu bringen, wobei sie hier Licht und Liebe nahezu synonym verwendet - da schwingt dann also gar das Topos einer Erleuchtung mit. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie die Verantwortung für Ihr Handeln an eine diffus erleuchtete Sphäre der Menschenfamilie übereignet, was im Falle einer Umdichtung eines 40 Jahre alten Liedes noch kein Problem darstellen mag, in der Ablehnung von Hygienemaßnahmen aber einer andere Dimension hat. Viel fehlt dann nicht mehr zur These, von Nenascher Liebe und Licht Umwehte seien vor Ansteckungen geschützt.

Carlo
Carlo Karges (1951-2002)

Aber zurück zu „99 Luftballons“; so sehr der Song natürlich mit Nena verwoben ist: Komponiert hat ihn wiederum der damalige Keyboarder der Band Nena, Uwe Fahrenkrog-Petersen, und die Lyrics wurden von Carlo Karges geschrieben, der leider bereits 2002 verstorben ist. Karges war ein guter Songtexter und hat zudem eine längere Musikergeschichte in verschiedensten Bands - unter Anderem war er auch mal Gitarrist bei "Extrabreit" sowie bei der notorisch unerfolgreichen aber als einflussreich geltenden "Bleibtreu Revue" - er konnte aber nach Auflösung der Band „Nena“ nie wieder kommerziell an Erfolge wie den von „99 Luftballons“ oder „irgendwie irgendwo irgendwann“, das auch aus seiner Feder stammt, anknüpfen. Der Legende nach schrieb Carlo Karges den Text von "99 Luftballons" nach einem Rolling-Stones-Konzert, bei dem Mick Jagger in der Nähe der Berliner Mauer Ballons fliegen liess, und Karges machte sich darüber Gedanken, was passieren könnte, wenn die fliegenden Luftballons in Ost-Berlin falsch interpretiert würden. Zwar können wir heute nicht mehr verifizieren, ob diese Geschichte stimmt, aber warum sollte sie es nicht. Sicher ist indes: Ganz gleich wie und aus welchen Gründen Nena den Text an dem Lied ändert, Carlo Karges hat sich mit dem Songtext in die Pop- und Kulturgeschichte eingeschrieben.

(*) - dieses Zitat findet sich in sehr vielen Artikeln zu Nena, die erste Quelle, wo sie dies gesagt hat, ist nicht auszumachen

(**) - dieser Satz stammt aus einem Instagram-Post von Nena


Post-Atemlos

Wo steht Deutschpop? Eine Fragestellung anhand 5 heute erschienener Singles

Wenn man sich erinnert, wie sich die Neue Deutsche Welle in den 80ern selber zu Grabe trug, indem der Markt vollkommen Kometübersättigt wurde und man sich zudem dem Schlager anbiederte, kann man sich heute fragen, ob Deutschpop gerade an selbiger Schwelle steht - kurz davor im eigenen Hype zu ersticken; oder aber: Sich am erweiterten Schlagerentwurf im Post-Helene-Fischer-Atemlos-Zustand gesund zu stossen. Schaut man zum Beispiel auf die heutigen Charts, sieht man auf Platz 02 einen Song von Udo Lindenberg und Apache 207. Der Rocknroller und der Trap-Beat-Rapper finden für „Der Komet“ in der Schlager-Referenz einen gemeinsamen Nenner - auch wenn mich wahrscheinlich beide für diese Analyse erschiessen würden. Aber man kann das Ganze ja auch positiv sehen: Seit Helene Fischer Schlager zu Pop gemacht und Deutschpop sich in Silbereisen-Sphären entgrenzt hat, seit sogar Gangster-Rapper über psychische Gesundheiten sprechsingen, scheinen alle Genregrenzen Makulatur. LeyaUnd der leicht verschleppte Trap-Beat, der sogar Udo und Apache zusammen bringt, ist ein Kleister, der verschiedenste Einflüsse zusammen halten kann.

So auch die neue Single „neu verliebt“ der Newcomerin Leya Valentina (Videopremiere 20.01.23 um 19 Uhr < Hier >) - hier dient der dem Hip-Hop entlehnte Trap als flächiges Fundament für eine Ballade, auf der Valentina einerseits mit tremolofreier, breiter Stimme singt, als ginge es um Soul, während sie anderseits kurze Sprecheinwürfe dazwischen zieht („ist ja völlig klar“) - Aylivaheraus kommt ein Genrehybrid, der sowohl TikTok-affin als auch schlagerparadentauglich ist; und ich meine das durchaus positiv. Auf ähnliche Weise sucht Sängerin oder Rapperin AYLIVA die Schnittstelle zwischen Deutschpop in Schlagernähe und Trap-Rap von ums Eck - ihr Song „Sie weiß“ handelt von einer möglichen Trennung und streckt textlich auch die Hände in Richtung deutschsprachigem Soul. In Letzterem ist die Band „Ketzberg“ zuhause, deren Sänger Paul Köninger beim leider verstorbenen Roger Cicero in die Schule gegangen sein könnte - seine Intonation zumal auf der neuen Single Ketz„wenn ich sie seh“ - findet fast schon Jazz-Anleihen. Auch wenn das Songwriting vielleicht nicht ganz hinterher kommt, ist das ein Popentwurf, den ich sehr spannend finde. Deutlich rockiger geht es bei der Band „KICKER DIBS“ zu, deren Sound nun Dibstatsächlich nicht dem Schlager zuzuordnen ist - da bekomme ich nun selbst mit ganz viele Heribert-Faßbender-Vibes keine Überleitung hin; aber egal: Bei der Single "Son Gefühl" ist Sebastian Madsen zu Gast, und zusammen kommt dabei ein Song irgendwo zwischen Kraftclub und Mark Forster. Er handelt von einer gewissen Reizüberflutung in Zeitalter der sozialen Medien: „Ich hab da keine Meinung, ich bitte um Entschuldigung.“ - Videopremiere 20.01.23 um 18 Uhr < Hier >.

Was ich mit diesem Schnelldurchlauf durch diese samt und sonders heute erschienenen Lieder erzählen will, ist, dass der Deutschpop tatsächlich einerseits einheitlicher, gleicher wird und sich andererseits schon sehr breit aufstellt - an den Rändern passt so einiges noch rein. Und man weiß tatsächlich nicht, ob diese Verbreiterung der Ausweg aus einer Deutschpopkrise ist - oder wir erst an der Schwelle zu dieser stehen, weil der Markt implodieren könnte. Letzteres glaube ich eigentlich nicht, da, um einen Markt zum Implodieren zu bringen, erst einmal ein Markt da sein müsste, aber das ist ja fast nicht der Fall: Nie war es schwerer, als Musiker:in Geld zu verdienen, als heute - zumal wenn man neu hinzukommt. Das ist anders als bei der NDW, da konnte man mit paar Singles reich und berühmt werden.

 


"Cheap highs on marble stone kitchens"

Bildschirmfoto 2023-01-17 um 12.00.46Die EP als Suchhilfe: Gloria Nussbaum

Die erste EP der Sängerin Gloria Nussbaum zeigt, was die EP zu leisten imstande ist, wenn man auf der Suche nach eigener musikalischer Sprache ist: In einzelnen Singles manifestiert sich nicht mithin schon ein Still, und ein Album bedarf anderer Kraftanstrengungen. Da kann die kurze Langspielplatte ein schöner Zwischenweg sein. Gloria Nussbaum jedenfalls zeigt mit ihrer Debüt-EP „Camel Blues“ einen stillen, nachdenklichen Coming-Of-Age-Folk mit tollem Songwriting und schönem Gespür für Reduktion und Klarheit: „Twenty“ schiebt sich leicht elektronisch in die Fläche, „Highest Highs“ ist klassischer Indierock, „Camel Blues“ findet Pop-Euphorie in Pop-Melodien, „Idly“ ist eine zerbrechliche Piano-Ballade, und spätestens wenn sich in dem weirden Akustik-Song „Climax“ plötzlich Autotune reindreht, ist man an „Soccer Mommy“ oder früheren Freak-Folk erinnert - für mich eine unheimliche schöne Referenz. „Camel Blues“ ist ein kleines, feines Album mit fünf tollen Songs. 

Link: < website >


Poltische Lieder

/// Songs zum Sonntag /// 150123 ///

Why_from_hell_cover/// Der orchestrale Popentwurf, der hinter dem Song „Why From Hell To Redemption“ steckt, fände vielleicht auch auf dem ESC seinen Platz, zumal der verbindende Ansatz, mit dem der Song auf die „women life freedom“-Bewegung im Iran aufmerksam machen will, eine ähnliche Hintertür für ein politisches Statement sucht und findet, wie es beim per se ja unpolitischen Eurovision Songcontest oft gemacht wird. Mit 0-8-15-Pop haben wir es hier freilich aber nicht zu tun. Der Song stammt von Michael Mc Cain, ein offenbar bekannter Produzent und Komponist, der nun ein Pseudonym benutzt, und der Sängerin Agneta Ivers. Er beginnt mit der präsenten Stimme dieser: „See their faces watching over me over me“, und darunter brummen merkwürdige, tiefe Blasinstrumente, das orchestrale Klangbild reichert sich dann mit Streichern, Glocken und einem einfachen Beat. ESC war meine erste Assoziation, aber man könnte sich auch in einem Fall befinden, im Abspann einer Netflix-Serie mit Fantasy-Mittelalter und viel Pathos. Wenn sich ein Song zu solch einem Kitsch aufplustert, kann man mal wieder sehen, zu was Tollem Pop in der Lage ist. Bildschirmfoto 2023-01-15 um 13.58.27/// Andere Band, anderer Sound, andere Sprache - fast Alles ist anders bei „ok.danke.tschüss“; dennoch könnte man eine Parallele zwischen deren neuem Song „Soldat“ und dem zuvor thematisierten von Michael Mc Cain  und Agneta Ivers ziehen: Beide sind der Versuch eines politischen Liedes. Während aber „Why From Hell To Redemption“ erwähnte Hintertür sucht und die Lyrics allenfalls über den Umweg einer poetischen Deutung ein politisches Statement setzen, sind „ok.danke.tschüss“ direkter und konkreter: „Soldat“ ist letztlich die Aufforderung zu desertieren: „Soldat, leg die Waffen nieder, Du hast soviel zu verlieren. Soldat, kehr heim, und komm nie wieder, was willst Du Deinen Kopf riskieren. (…) Soldat lass und älter werden und nicht vor unseren Eltern sterben.“ - diese Lyrics der großartigen Songtexterin Eva Sauter dieser wunderbaren Band erinnern fast an politische Liedermacher:innen wie Walter Mossmann oder Wolf Biermann (der tatsächlich auch mal ein Lied namens „Soldat“ geschrieben hat.) Bei „ok.danke.tschüss“ ist diese ernste, pazifistische Note eine neue Dimension, denn in dem bisherigen Songkatalog (sprich: in einigen Singles und ihrem bislang einzigem Album „kaputt weil’s nicht funktioniert“) finden sich keine explizit politischen Songs - mich bewegt das; sehr. Auch wenn ich zugebe, dass mich „ok.danke.tschüss“ auch bewegen würden, wenn sie das Telefonbuch sängen. ///

/// Links /// „Why Hell Before Redemption“ < Video > /// "Soldat" < bandcamp audio > ///


Die Vermittlerin

Bildschirmfoto 2023-01-13 um 13.08.50Miley Cyrus kann sich selber Blumen kaufen

Miley Cyrus hat sich zur großen Brückenbauerin im amerikanischen Popbusiness gemausert, eine Miley Dampf in allen Gassen, zuhause in allen Genres, eine versöhnliche Vermittlerin in einem an sich gespaltenen Land. Die Liste derer, mit denen sie allein in den letzten 18 Monaten auf der Bühne stand, ist beeindruckend: Joan Jett, Metallica, Billy Idol, Dua Lipa, Ariel Pink, Elton John, Mark Ronson, Alicia Keys, Adam Levine. Zu ihrer < Silvesterparty > kamen noch Duette mit Dolly Parton, Sia oder David Byrne dazu. Aber es sind nicht nur Namen, die man hier aufreiht - Cyrus vermag es, mit all diesen Leuten zu singen und große Popmomente hervor zu bringen, sie überbrückt nicht nur Generationen sondern auch Schubladen und jeglichen Verdacht unausgewogener Aneignungen. Da mag eine neue Single vielleicht nur ein relativ kleiner Baustein in dem Gesamtkonstrukt der Erscheinungsformen sein, aber der heute erschienene Song „Flowers“ ist in seiner bestürzenden Banalität und dem gleichzeitigem Engagement, das Cyrus in seine Darbietung legt, dann doch Zeugnis der Mileyschen Popformel: Zu Beginn wohnen wir einem Popsoul-Song bei, der Refrain dreht das Ganze in eine Poprock-Richtung und in der Schaltstelle zwischen Refrain und Strophe bindet sich das ganze mit einem Discobeat ab. < In dem Video > wiederum, in dem sie einsam nach hause kommt, schwimmt, duscht und schliesslich in einem viel zu großem Anzug tanzt, referenziert sie sich auch visuell durch die Popgeschichte - mich würde nicht wundern, wenn David Byrne auch auf ihrem neuen Album auftauchen würde, das dann im März erscheint. Sein Silvester-Auftritt und nun der zu große Anzug - Talking Heads, ick hör Dir trapsen. Gut vielleicht stimmt das auch gar nicht, aber wenn sich auf erwähntem Album, das "Endlos Summer Vacation" heißen wird, nur im Ansatz auf Albumlänge Stränge und Brücken bündeln, die Miley Cyrus in den letzten vier, fünf Jahren geknüpft hat, dann könnten wir es mit einer tollen Platte zu tun bekommen.


Big Sister

„Songs zum Sonntag“-Spezial: Der erste Song von Peter Gabriels neuem Album nach 21 Jahren Pause

Dass Peter Gabriel kein TikTok-affinen Song veröffentlicht, ist jetzt natürlich keine Überraschung - ein Künstler, der sich einst weigerte, seinen Song „Down To Earth“ für den Auftritt bei der Oskar-Verleihung auf drei Minuten zu kürzen, nimmt sich auch bei  PeterGabriel_Panopticom-jpeg-copy-734x734seiner ersten Single für das erste neue Album seit über 20 Jahren die Zeit, die er braucht; aber wenn man das dann hört, merkt man den eigenen Hörgewohnheiten dann schon an, dass ein Song, der ein Intro in drei Teilen hat, und bei dem der Gesang erst nach 50 Sekunden einsetzt, heute eine Ausnahmeerscheinung ist. „Panopticom“ heißt er, und er klingt ohne Zweifel nach Peter Gabriel - wollte man als Sound-Referenz eines seiner Vorgänger-Alben nennen, es wäre wohl sein letztes, „Up“ von 2002: Verschiedenste Song-Teile, die ineinander gleitend Flächen öffnen, trockene Beats in schroffe Sphären schieben, Synthklavier-Töne tropfen lassen und sich in Refrains nach oben öffnen, was der gute Peter so unvergleichlich singen kann; es ist sozusagen Gabriel-Handwerk, und es macht den Fan natürlich glücklich.

„Panopticom“ ist die Vision eines positiven Big Brothers, Big Sister nennt Gabriel es in einem < Video >, in dem er über seine neue Platte spricht; die Idee, dass Ungerechtigkeiten nie und nirgends mehr unsichtbar bleiben. Der Song steht somit in in direktem Zusammenhang mit der von Gabriel mit gegründeten Menschenrechtsorganisation „witness“ (Link < hier >), die Bürger:innen von Unrechtsstaaten Kameras zu Verfügung stellt, um jene Sichtbarkeit zu erreichen, die er nun also in den Song „Panopticom“ besingt. (*) Und diese poetische Naivität als Nebenzweig tatsächlichen Menschenrechtsaktivismus ist offenbar im Allgemeinen der Kosmos, in dem das kommende Album von Peter Gabriel „i/o“ verortet ist. Mithin ein zunächst etwas trocken anmutendes Thema für Musik, aber Peter Gabriel hat auch schon Emotionen aus ein Lamm, dass sich auf dem Broadway ausruht, oder einem Schmiedehammer heraus geholt. Dennoch: Ein Liebeslied wie „In your eyes“ oder ein Smash-Hit wie Sledgehammer werden wir wohl nicht mehr serviert bekommen; ach aber - wer weiß.

Mit jedem Vollmond wissen wir ab sofort mehr, denn mit jedem Vollmond erscheint ab sofort eine neue Single seines vierten 2-Buchstaben-Albums (nach „So, „Us“ und „Up“), und ich werde mich um Neutralität bemühen; und daran scheitern - bin dann zu sehr Fan und hatte Tränen in den Augen als am Freitag „Panopticom“ erschien.

*- Gabriel nennt noch zwei weitere Organisationen, um zu verdeutlichen, was er mit seiner Idee des Panopticoms meint, die beide Daten-Forensik betreiben: "bellingcat" und "forensic architecture" 


Alben & Songs des Jahres

Bildschirmfoto 2022-12-14 um 11.32.02... wie immer unfassbar subjektiv und ebenfalls wie immer habe ich bei den Songs nur solche reingenommen, die nicht auf einem der Alben des Jahres sind. Nicht wie jedes Jahr habe ich in diesem Jahr als jemand, der nicht streamt, deutlich weniger Neues gehört als sonst, wodurch mir bestimmt tolle Musik entgangen ist - wie gesagt: Unfassbar subjektiv halt.

ALBEN

01 Florian Paul & die Kapelle der letzten Hoffnung / auf Sand gebaut < Huldigung >

02 M / Révalité < Link-Tree >

03 Katie Melua & Simon Goff / Aerial Objects < Playlist Youtube >

04 Ariane Roy / Medium Plaisir < Website >

05 Sona Jobarteh / Badinyaa Kumoo < Website >

06 Laura Veirs / Found Light < Bandcamp >

07 Tocotronic / nie wieder Krieg < Narrativer >

08 Tears For Fears / The Tipping Point < Poptickers Lob >

09 Maggie Rogers / Surrender < Website >

10 Nits / Neon < nicht nur Dutch Mountains >

SONGS

01 Camille / Humaine(Herbert Grönemeyer-Cover) < official audio >

02 Ka2 & Gabrielle / i natt < official audio >

03 Lana Del Rey / Did you know that there is a tunnel under Ocean Boulevard < official audio >

04 Herbert Grönemeyer / Deine Hand < video >

05 Fishbach / Masque D’Or < video >

06 S10 / De Diepte < ESC >

07 Camilla Cabello / Bam Bam < echt jetzt? >

08 Les sœurs Boulay / Les lumières dans le ciel

09 Dominique Fils-Aimé / Go Get It < video >

10 Deichkind / in der Natur < video >


/// Songs zum Sonntag /// 111222 ///

Bildschirmfoto 2022-12-10 um 21.37.54/// „Asoziale Medien“ ist, wie man sich denken kann, ein kritischer Track über soziale Medien. „Chill Boomer“ , könnte man sagen, zumal, was der Sänger dieses Liedes, Sören Vogelsang, dann so sagt, ein wenig altbacken daher kommt, als würde die Sendung mit der Maus die Verführungen des Internets erklären - und zwar 2011: „Ich vergeude meine Zeit auf Facebook allein, ich hab’ 4000 Freunde, um einsam zu sein. Scroll durch Storys auf Insta, Doomscrolleffekt, die Leben der Anderen sind alle perfekt.“ - klingt ein wenig, als ob Rolf Zukowski mal nicht über die Weihnachtsbäckerei Bildschirmfoto 2022-12-10 um 21.39.14singen und hip sein möchte. Die Binsenweisheiten über soziale Medien eines Menschen, der eben diese nicht zu nutzen scheint, zeugen von einer derartig unerschütterlich Naivität, das der Song in seinem Acoustic-Folk-Rap irgendwann eine gewisse Eingängigkeit entwickelt. Ich fürchte nur: Von der Gefahr der sozialen Medien wird sich von diesem Lied niemand was erzählen lassen. /// Erstaunlich aber Bildschirmfoto 2022-12-10 um 21.39.35schon, wohin deutscher Rap heute alles klingen kann. Steffen Freund zieht seinen Song „Heimweh“ mit Trap-Beats und Autotune derart in die Breite, dass er mit dem Song problemlos auch im „ZDF“-Fernsehgarten auftreten könnte - wie soll man dieses Genre nun nennen? Schlager-Trap? Komische Zeiten im Deutschpop. /// Andere Wiese: Lana Del Rey hat tatsächlich schon wieder ein Album inpetto. Es wird ihr achtes sein und „Did you know, that there is a tunnel under the Ocean Boulevard?“ heißen. Und ebenso heißt auch ihr neuer Song, und ich muss ja sagen, ich höre mir das auch beim zehnten Album wieder an, obgleich an der Machart fast nichts ändert: Tiefe Klavier-Akkorde tupfen eine Melodie in den Himmel über LA, welche sepiatonal von Del Rey umschlungen wird, und aus der Ferne beschleichen Streicher ein Motel - wundervoll, wie hier immer noch ein Hollywood-Kitsch herauf beschworen wird, dessen Melancholie längst mit erzählt, dass er eine Chimäre ist. /// YoutubeLinks /// < asoziale Medien > /// < Heimweh > /// < did you know that there is a tunnel under the ocean boulevard > ///