/// Popticker-Top-3-Ticker /// Fatoumata Diawara feat. Damon Albarn "Nsera" /// Herbert Grönemeyer "Deine Hand" /// Saguro "shake" ///

Wer fragt denn das?

(ein Text aus dem Jahre 2019) Eine vergleichende Analyse der Songtexte von „Wer sagt denn das?“ und „Wer sagt das?“ 

Wie es der Zufall will, sind im letzten Monat zwei Platten erschienen, die fast identisch betitelt sind: „Wer sagt das?“ und „Wer sagt denn das?“. Die beiden Alben stammen von zwei deutschsprachigen Pop-Acts, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Deichkind und Ben Zucker. Dem geneigten Leser dieses Blogs mag eher bekannt sein, wer Deichkind ist, aber Ben Zucker?

Bzwsd?Den Namen muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Aus ihm spricht die Konzeptionskunst des deutschen Schlagerbooms, ein Erfolgsretorten-Baby im Helene-Fischer-Fahrwasser, der Achim Reichel unserer Zeit: Raue Stimme, weicher Kern. Ben Zucker könnte man in diesem Sinne als Vorgruppe sowohl von Boss Hoss als auch von Helene Fischer im Stadion spielen lassen, inzwischen aber mit dem zweiten Album „Wer sagt das?“ füllt er Stadien auch ohne Helene Hoss.

Stadien füllen auch Deichkind, deren Wurzeln im Hip Hop liegen mögen, die aber inzwischen im Grunde genommen Musik für Stadien machen, nämlich ironischen Slogan-Dancefloor. Dennoch kommen Zucker wie Deichkind eben bei nahezu demselben Albumtitel an. Während Zucker noch traditionelle Texte dichtet und Sätze ausschreibt, damit sie im grammatischen wie auch erzählerischen Zusammenhang Sinn produzieren, haben Deichkind ein Copy-&-Paste-Songschreibkonzept entwickelt, bei dem aktuelle On- wie Offline-Sprache rhythmisiert und damit eben ironisch tanzbar gemacht wird. Um so gegenläufiger, dass der um ein „denn“ kürzere Album-Titel nicht von ihnen - sondern eben von Ben Zucker stammt: „Wer sagt das?“.

Deichkind(1)_z1Sein Schlager-Rock stellt im Titel-Lied nicht nur dieselbe Frage, sie hat auch die gleiche Perspektive: Frei schwebende Konsens-Aussagen heutiger Diskurse werden hinterfragt, indem man sich erkundigt, wer sie eigentlich zu Sprache gebracht hat: „Wer sagt, es ist falsch, auf sein Glück zu vertrauen? Wer sagt, man kann nicht auf Hoffnung bauen? Wer sagt, was gut und richtig ist?“ - während Zucker freilich nur von diesen drei Konsensen den Urheber wissen will, ist der Songtext von Deichkind eine schier endlose Aneinanderreihung von insgesamt fast 30 Urhebererkundigungen: „Wer sagt denn, dass dieses Graffiti hier von Banksy ist? Wer sagt denn, dass nicht Oma dich betrügt beim Enkeltrick? Wer sagt denn, dass Jugendliche keine Zeitung lesen? Und das mit dem Kontrabass wären drei Chinesen?". Der Unterschied liegt aber nicht nur in der Verzehnfachung und damit Inflationierung der Frage, er liegt auch darin, dass Deichkind ihr „Wer sagt denn das?“ sowohl jeder Strophenzeile voran stellen als auch den Refrain sein lassen, da bleibt der Satz dann alleine. Zudem geben sie der Frage, wer das wohl sagt, eine Antwort oder machen vielmehr im Prechorus einige Vorschläge, wer es gewesen sein könnte: „Die Schilder, die Regeln, die Presse, der Blog / Die Päpste, die Jedi, der Hater, der Bot / Wetter.de und die Neue vom Chef / Sie hat's von Lena und die aus'm Netz.“ Aus diesen Antwortoptionen schält sich das Thema von Fake-News oder zumindest News-Hypes und Blitzwissen.

Ben Zucker hingegen konstruiert aus der unbeantworteten Frage, wer das gesagt hat, die klassische Grenze zwischen Aussenwelt und Liebespaar, wie sie ein Poptopoi seit Jahrzehnten ist: Wir beiden in Liebe vereint gegen den Rest der Welt stellen die Dogmen eben dieser Außen-Welt in Zweifel, indem man hinterfragt, wer sie denn gesagt hat. Damit verankert sich die strukturell gleiche Frage in einem klassischen Schlagertext-Zusammenhang, und um der ganzen Sache jetzt mal den Zynismus zu nehmen: Ben Zucker macht das durchaus geschickt und mit entsprechendem Engagement. Das ist in keiner Weise meine Musik, aber doch Musik, die in dem, was sie will, ihre Berechtigung hat.

Deichkind und Ben Zucker stellen dieselbe Frage, und so fern sind sich ihre Lieder auch gar nicht. Sie machen nur Zugeständnisse an die Nutzbarkeit innerhalb ihres Genres. Es wäre interessant, wenn die beiden ihre Songs einmal tauschen würden. Es würde sich die Frage stellen: Wer singt denn das?


Bedroom and Stadium

Die sehr schöne Debüt-EP von Saguru

Spricht man eigentlich noch von Bedroom-Pop? Ich weiß es nicht, und ich nutze ja nebenbei auch kein Spotify, wo am gestrigen ersten Dezember wie jedes Jahr zusammen gefasst wurde, was man alles so hört und Subsubgenres an die Oberfläche spülen, von denen man meist wirklich nur am ersten Dezember hört, und vermutlich splittet sich also der mutmassliche Bedroom-Pop in zig Unterstile. Für den Münchner Musiker Saguru bin ich geneigt, auch einen zu erfinden, jedenfalls könnte man hier eventuell von COVER_In Bloom (EP)Bedroom-Pop sprechen; wer damit aber spleenigen Aufnahme-Dilettantismus meint, der ist hier an der falschen Adresse, denn die Musik von Chris Rappel, wie Saguru mit „bürgerlichem“ Namen heißt, sucht den Breitwandpop, die weite Fläche und tiefe Räume - Sound-Elemente also, die man eher mit aufwendigem Studio-Equipment verbindet. Von diesem Widerspruch zwischen leiser, bescheidener, inniger Musik, die aber im Sound nach Bon-Iver und Coldplay schielt, lebt die heute erscheinende Debut-EP „In Bloom“.

Man kann an den vier Songs (und einem Interlude) recht gut ablesen, warum die EP, das kurze Album also, die Darreichungsform der Stunde ist. Es eignet sich zum Ausloten des eigenen Stils über mehrere Songs, muss aber noch nicht die Klarheit darüber vermitteln, was es alles sein und nicht sein will, die ein Album irgendwo braucht. Auf „In Bloom“ hören wir also einen Musiker auf der Suche nach einem Popentwurf: Was für Lieder eignen sich für diesen Stadion-Bedroom-Pop? Wie viel Hall kann ich auf meine E-Gitarre geben, damit sie nicht doch schon nach U2 klingt? Wieviel Synthies und E-Drums verträgt ein Lied, das auch Folk bleiben könnte? Und wie oft kann ich von Brust- in die Kopfstimme wechseln, ohne dass es zu viel wird?

Also ich weiß jetzt nicht, ob das wirklich Fragen sind, die sich Saguru stellt - könnt ich ihn mal fragen, seine Mail-Adresse habe ich - aber es sei hier einmal gesagt, was hoffentlich schon durchgeklungen ist: Das ist wirklich tolle Musik von einem interessanten Musiker und vor allem auch tollen Sänger. Hört Euch das mal an und sagt mir - zum Beispiel in den Kommentaren - gerne, ob ihr das auch so schön findet wie ich ... - Link: < saguruofficial.com > 


Zerrissen

Bildschirmfoto 2022-11-29 um 09.14.48- vor 25 Jahren erschien „Torn“ von Natalie Imbruglia

Er hat noch nicht kapiert, dass es zu spät ist: Sie ist bereits zerrissen. Die Gespräche sind verstummt, ihr ist kalt, sie schämt sich, sie fühlt sich so verlassen, als läge sie nackt auf dem Boden. Da hilft es auch nichts, dass er einst die Hoffnung in ihr weckte, er könne DER Mann sein: Würdevoll, warmherzig, zuvorkommend - heute sind davon eben nichts als Lügen übrig geblieben.

Bildschirmfoto 2022-11-29 um 08.48.37Diese Geschichte klingt vielleicht ein wenig nach Groschenroman, aber sie ist der Stoff einer der meist gespieltesten Songs der Radio- und einer der größten Hits der Popgeschichte überhaupt: „Torn“ von Natalie Imbruglia. Die Radiotauglichkeit dieses Liedes, seine bestürzende Harmlosigkeit, ist dabei natürlich ein Teil seines Geheimnisses: Hinter der funkelnden Oberfläche der schönen Akkordfolge und dem beiläufigen Gesang enthüllt sich das Zerwürfnis einer ehemals verheissungsvollen Beziehung - so funktionieren Hits. Hinzu kommen die Genre-Prisen Rock, Folk, Pop und ein leichter Off-Beat aus tanzbareren Stilen - dieser Song ist alles und nichts.

Vor Natalie Imbruglia hatten sich schon andere Sängerinnen und Bands an „Torn“ versucht, die Version der australischen Soap-Darstellerin war bereits die sechste, aber alle vor ihr waren keine Genre-Hybriden sonder verfolgten eine klare Stil-Linie, und daher waren alle diese torns nicht in sich selber so homogen zerrissen wie das Welthit-Cover von Natalie Imbruglia. Hinzu kam etwas, das in der Popwelt vor 25 Jahren  elementar war - das Musikvideo: Die Zerrissenheit des singenden Ichs wurde hier durch die offen gelegte Dreharbeit an einer kurzen, romantischen Szene umgesetzt, die nie so richtig gezeigt da inszeniert wird; bis schliesslich im Hintergrund die Kulissen abgebaut werden. Der Gegensatz von glitzernder Fassade hinter der der Abgrund der traurigen Geschichte lauert, fand hier seine visuelle Entsprechung. (Ich fand das Video vor 25 Jahren natürlich auch toll, weil Natalie Imbruglia darin so hübsch war - zugegeben.)

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Vier Minuten dauert „Torn“, 12 Sekunden dauert es, bis Imbruglia zu singen beginnt. Liesse man das Intro weg kürzte den Song auf drei Minuten, er wäre auch heute Spotify- und TikTook-affin genug, um ein Hit zu werden - so sehr hat sich dann die Popmusik auch nicht verändert, nur ein wenig die äusseren Umstände, unter denen Akustik und Visuelles zusammen fallen, um in diesen Umständen Pop zu werden. Und gegebenenfalls Hits.


Songs zum Sonntag /// 271122

Bildschirmfoto 2022-11-27 um 12.57.28/// „Flattern deine Haare wie die Fahnen schon im Wind? / Schau rauf zu den Sternen und wo Wildgänse sind / Enthebe dich der Schwere heb uns senke deine Brust / werde nicht viel größer als du sein mußt.“ - für diese Zeilen bekommt Charlotte Brandi wohl den Preis für den merkwürdigsten Songtext des Jahres, und ich kann euch versprechen: Der soeben erschienene Song „FRAU“, der mit diesen Zeilen beginnt, geht so kryptisch weiter. Er ist von der Musikerin Charlotte Brandi, die, nachdem sie nicht mehr Englisch sondern Deutsch singt, mit einer EP und zwei Singles ihres bald erscheinenden Albums eine Kunstsprache für Lieder erfunden, deren Mehrbödigkeit stetig zwischen Kitsch und Quatsch taumelt. „FRAU“ singt sie zudem in einer virtuosen Hilflosigkeit gleichzeitig kindlich zerbrechlich wie selbstbewusst und entrückt, das man Popmusik am wenigsten erwartet, ehe man konsterniert fest stellt, dass eben diesen, Popmusik, gerade hört. Vielleicht geht es also ums Gefallen, mit rationalen Mustern kann man dieses Lied und alles bisherigen deutschsprachigen Lieder von Charlotte Brandi nicht fassen, und ich kann nur sagen: Mit gefällt es wahnsinnig gut. Hört (und seht) Euch das mal an - < hier > ist der Link zum Video.  Meela/// Gemächlich lässt es die Münchnerin MEELA angehen. Ihr ebenfalls am Freitag veröffentlichter Song „Late Night Strolls“ erzählt von Einsamkeit und leiser Hoffnung: „My mind is alone with me /The darkness fulfills / All the shatters no one can see.“, aber die Gedanken an jemanden, an ein Du sind der titelgebende Strohhalm, an den sich das singende Ich klammert. Marketingtechnisch ist diese Veröffentlichung quasi ein Debakel: Wer Aufmerksamkeit auf sich lenken will und dabei ein Lied darüber singt, jenseits jeder Aufmerksamkeit mit seinen Gedanken allein zu sein, und dies in derart zerbrechlicher Zurückhaltung und Bescheidenheit tut, der macht nach heutigen Massstäben vermutlich viel falsch; aber vielleicht auch alles richtig, denn der Song schert sich nicht um Marketing - er ist vielmehr eine kleine, stille Indie-Folk-Perle mit zerstäubter Melodie und minimalem Arrangement - wunderschön. < hier > könnt ihr euch selber ein Bild machen///


Reiche Range

Als nächstes gerne ein Album: Die Debut-EP von David Gramberg

GrambergVon David Gramberg war hier hier im Popticker schon zweimal die Rede - < hier > und < hier >. Seine letzten vier Singles bündelt er nun zu einer EP, die unter dem Titel eines fünften Songs, „Where Have You Gone“ erscheint. Gut, so generiert man eben Aufmerksamkeit heutzutage, vier Singles und dann eine EP bieten eben fünfmal Anlass, um gestreamt zu werden und oder in Playlisten Einzug halten. Das ist eine Veröffentlichungs-Dramaturgie, die für mich ein wenig bizarr anmutet - aber nun denn: OK Eigenboomer. Und Schwamm drüber, denn das ändert natürlich nichts daran, dass die Musik dieses Ausnahmepopsängers wunderbaren Soul sucht und findet - diese Art Pop subsumiert Stile unter seiner Fittiche, bei denen mitten in einem Gospel-Zitat auf einmal eine Ukulele reinschneit, fröhliche Chöre „Dabababadabda“ singen und wir zuhören, wie Gramberg problemlos durch die reiche Range seiner Stimme surft - diese Musik hat es verdient, ein Album zu füllen. Wer darauf nicht warten kann, dem sei diese EP wärmstens ans Herz gelegt.

Link: < www.davidgramberg.com >


Keine Angst vorm Scheitern: Happy Birthday Miley Cyrus

Diese Frau, braucht eigentlich nichts so Profanes wie einen Geburtstag, um 30 zu werden -

- denn ihr Lebensalter wird von popkulturellen Ereignissen markiert. Lebensjahre? Überkommene Vereinbarung von Boomern: Miley Cyrus war Hanna Montana, als sie 14 war, ein Disney-Teenie-Star in der fiktionalen Doku-Soap mit dem gleichen Namen, in dem eben jene Hanna Montana ein Doppelleben führte: Einerseits als tollpatschiger Teenie in der Highschool, als Teenie-Popstar zum Anderen. MileyDie Serie wurde so zur selbsterfüllenden Prophezeiung; denn dann hat Miley Hanna und Disney über Bord geworfen und sich mit lancierten Skandalen, einigen Alben und einer Abrissbirne ins Sein eines wirklichen Popstars katapultiert. Ihre vermeintlich zarte Popstimme chiffriert sie in alle Stile: Country, Synthpop, Prog und Rock - im Grunde ist ihr Popentwurf eine Subsumierung von sämtlichen Subgenres des Pop überhaupt und der Gesamtheit von sich, Miley Cyrus selber. Die große Kraft, die von ihrer Musik ausgeht, ist somit die völlige Abwesenheit jeglicher Angst, sie könne Scheitern. Und da Pop in erster Instanz vom Gelingen oder zumindest dessen Behauptung lebt, ist die Angst zu Scheitern dort eigentlich weit verbreitet. Ohne sie hat Miley das Ausprobieren zur Kunstform erhoben - zuletzt veröffentlichte sie einen Haufen Cover - von Billy Idol über Metallica bis Blondie. Dann denkt die Popwelt: Wer zur Hölle braucht die 432ste Version von „Nothing Else Matters“, aber es ist ihr egal. Und nackt ist sie auch ständig, und das ist ihr auch egal. Da kann man als Popticker nur Eines: Gratulieren.


Der Onkel vom Kumpel vom Klaus

Tokio Hotel und ihre neue Platte „2001“

Wäre das Album „2001“ nicht von „Tokio Hotel“ sondern von irgendwelchen 30-Jährigen Typen, würde man denken: Das ist von irgendwelchen 30-Jährigen Typen; von Typen, die zu viel Geld haben und sich von dem Geld  Equipment zu Aufnehmen von Musik Bildschirmfoto 2022-11-22 um 10.46.37gekauft haben, und der Onkel vom Kumpel vom Klaus, der arbeitet bei „Epic Records“, die würden das sogar veröffentlichen, wenn wir mit dem Kram echt und wirklich eine Platte aufnähmen. Und ehe man es sich versieht und das mit den Typen gedacht hat, die nicht „Tokio Hotel“ wären, denkt man: Die Story stimmt irgendwie ja doch, obwohl das Tokio Hotel sind. Das sind Typen, die zu viel Geld haben, und die Equipment besitzen, mit dem man eine Platte aufnehmen kann, und sie kennen andere Typen, die das dann sogar veröffentlichen. Fair enough. Man würde, wenn es nicht Tokio Hotel wären, vielleicht denken: Warum zur Hölle heißt das erste Lied auf diesem Album „Durch den Monsun 2022“, mussten die schon mal durch einen Monsun? Und warum ist dieses Stück das einzig Deutschsprachige auf diesem Album, und alles Andere ist auf Englisch? Aber auch hier gilt wieder: Das fragt man sich alles auch bei Tokio Hotel. Ansonsten, wenn man mal nichts fragt, hört man auf „2001“ Pop aus der Petrischale, Synthie-Bombast aus den Nullern halt; so klingt David Guetta, wenn er selber sänge. Nicht einmal der wunderbare Daði Freyr, mit denen Tokio Hotel ein Lied aufgenommen haben, bringt Seele, Humor oder einen Funken Ironie in diese traurige Platte.


Songs zum Sonntag /// 191122

Bildschirmfoto 2022-11-19 um 17.47.01/// Wolf Biermann sang einst „Keiner tut gern das, was er tun darf - was verboten ist, das macht uns gerade scharf“ - im gewissen Sinne singt die Berlinerin Gloria Nussbaum, mit ihrer neuen, dritten Single Camel Blues“ über Ähnliches: Was offenkundig falsch ist, kann sich im Kairos des Momentes richtig anfühlen - ein klassisches Pop-Topos eigentlich. Der Soundentwurf der Berlinerin, die zwischenzeitlich in Los Angeles wohnte und heute in London zuhause ist, scheint auch eben diese beiläufige Weltläufigkeit widerzuspiegeln: Kitchen-Folk könnte man das nennen, bedroom-pop sagen manche, aber Küche passt hier, finde ich, besser, und die Küche könnte eben in Los Angeles, Berlin und London sein - die Betonung liegt auf und, die Küche ist allen drei Metropolen. Bildschirmfoto 2022-11-19 um 17.49.32Darin verschleppt sich der leicht träge Gesang in vermeintlich etwas müder Fröhlichkeit, aber hinter der Cafétiere werfen Selbstzweifel ein paar Schatten. Ich mag sowas, für mich klingt das ein wenig nach der derzeit recht gehypten Maya Hawke - aus Los Angeles. /// Leicht psychedelischer Easy-Listening-Pop hat in Frankreich immer mal wieder Konjunktur, und die 70er sind dort derzeit ohnehin sehr präsent im Klangspektrum des Popchansons. Da kommt die neue Single von Laure Briard gerade recht: Ciel Mer Azur“ kommt lakonisch elegant und gleichzeitig orchestral pompös daher. Wenn ich das höre bestelle ich einen zweite Ricard, obwohl ich gerade alleine in der Küche sitze. Will sagen: Gefällt mir wahnsinnig gut. /// Aber zwei Singles haben mich diese Woch zu Tränen gerührt: Bildschirmfoto 2022-11-19 um 17.47.50Herbert Grönemeyer hat uns Hoffnung und fast schon einen Gospel geschenkt: Sein neuer Bildschirmfoto 2022-11-19 um 17.48.30Song "Deine Hand" gehört in der Kategorisierung der Herbert-Texte in Ich-, Du- und Wir-Lieder in alle drei, weil ein Ich ein Du findet, und in der Findung liegt ein Wir: „Deine Hand gibt mir / den Halt den ich so dringend brauch/ um nicht zu brechen halt sie fest / und wir und wir / könnten uns noch retten.“ - Fingerschnippen und Pianotupfer steigert sich zu leichtem Bombast - wunderbar. Danke Herbert. /// Aus kaum einen anderen Land kommt beständig so wunderschöne Musik wie aus Mali - Wüstenblues, Afropop, Folk, Rock - und Fatoumata Diawara kann das alles. Für ihren neuen Song "Nsera" hat sie auch noch Synthies untergehoben; und Damon Albarn. Heraus gekommen ist eine herrliche Afro-Synthie-Pop-Welt mit Hoffnung, Leben, Tanz und Liebe und voller Schönheit - und einem tollen Video. /// Links auf den Titeln der Songs ///


Es blubbert und chort

Das schöne Debüt-Album von Marley Wildthing

Die aus Niederösterreich stammende und in Prag lebende Sängerin „Marley Wildthing“ veröffentlicht heute ihr Debüt-Album, aus Bildschirmfoto 2022-11-19 um 17.21.23dem uns hier im Popticker schon die Single „Flow Wild“ beschäftigt hat - nachzulesen < hier >. Die Musikerin selbst nennt ihren Popentwurf „organic Indiepop“, und das trifft es auch irgendwie - aus akustischen und elektrischen Instrumenten, aus sehr warmer, naher Stimmaufnahme schichtet sich ein Folkpop, der immer wieder Eingängigkeit an den Tag legt, die man der Musik Momente zuvor noch nicht zugetraut hätte. Hinzu kommen percussive Elemente, die manchmal an das Schlagzeugspiel vom Thom Green von alt-j erinnern, von denen auch der ein oder andere chorische Effekt inspiriert sein könnte - in dem für mich schönsten Song „Hard To Find“ zum Beispiel; da ziehen sich auf einmal auch wunderschöne Streicher ein, blubbert und chort es eben, während die „Hauptstimme“ unaufgeregt präsent nach vorne gemisch bleibt - großartig. Nicht alle Songs auf diesem Album „Glasshouse“ heißt es, sind so toll wie dieser, aber Obgleich es sich aus so vielen verschiedenen Richtungen speist, wirkt die Platte in der Tat organisch, indie und abwechslungsreich - ein famoses Debüt. 

Link: Marley Wildthings  < YouTube-Kanal >


Subschublade mit Bass als Bett

Der Songwriter Davidson, der für einen Band-Trend steht

In der Corona-Krise wurden sehr viel Instrumente verkauft, und wenn man sich derzeit so durch Tik Tok oder Instragram klickt, bekommt man den Eindruck, dass die Menschen auch geübt haben: Allerorten spielen sie Pink-Floyd- oder Dire-Straits-Gitarrensolos nach, Mandoline scheint im Kommen, Drum-Tutorials hier und dort, und auf Tik Tok ergänzen sich Menschen zu Funk-Bands im virtuellen Raum, sie remixen, überblenden und ergänzen sich, und ein sehr kompakt trockener Funk-Soul-Sound scheint total in. Ich bekomme zudem zunehmend den Eindruck, dass auch aller-offline-orten Bands aus dem Boden spriessen - diese präsentieren sich in online-Medien, in Clubs und Probenkellern, und auch beim Reeperbahnfestival in diesem Jahr schien mir der Trend angekommen, wo deutlich mehr Bands die Clubs fluteten als in den Jahren während und vor Corona.

Womit wir bei beim Sänger, Gitarristen und Songschreiber Davidson wären, der zwar den Namen eines Solo-Künstlers trägt, aber dennoch für den Sound einer, seiner Band steht - deutschsprachigen Songwriting-Funk könnte man das Schubladenfach nennen, wenn man es denn benennen will: Versierte Musiker:innen spielen Popsongs mit E-Piano und staubtrockener Snare, bettigem Bass und prima Texten aus un-songigen Zeilen: „Selbstironie will ich nicht mehr verstehen / Dürfte ich dich nicht mehr sehen / Es ist Utopie, dass du Nichts von dir erzählst / Nur deinen Namen, Josephine.“, hier formuliert jemand Unsicherheiten einer Generation, von denen ich als 50-Jähriger nicht viel weiß. Popmusik erzählt nun davon.

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Davidson hat soeben zwei live aber mit Studiobedingungen eingespielte EPs zu einem Vinyl-Album zusammen gefasst, und der sessionhafte Bandsound passt großartig zu den suchenden Lyrics und zeigt gleichzeitig eine Band, die sich schon gefunden hat - trocken schnuppert sie in zig Genres hinein, verbleibt nirgendwo länger und ist gerade dadurch ziemlich da. Gute Texte, toller Sound - einzig in den Kompositionen ist noch Luft nach oben: Die Melodien gehen oft den nächst gelegenen Weg und folgen den Pfaden der Lyrics, wie man sie spräche, Überraschungen bleiben da ein wenig selten, obgleich wie erwähnt Zeilen nicht klassischen Song-Paradigmen folgen. Ach naja, wenn alles perfekt wäre, wäre es ja aber vielleicht auch wieder öde. Diese „Utopie“ ist wirklich tolle Popmusik, hört doch mal rein - auf dem YouTube-Kanal  von Davidson findet man sehr schöne Videos zu dem Doppel-EP-Album:

https://www.youtube.com/channel/UCTgQNH6W20HotWBgoX-nEew


Pop-Dienst nach Vorschrift

Der Mainstream-Deutschpop ist einfach wirklich gähnend langweilig

Bertolt Brecht war es, der in seinem „Lied von der Unzulänglichkeit“ zwar dazu aufrief, zwei Pläne zu machen, gehen täten sie jedoch beide nicht. Nun wollen wir sicherlich nicht Brecht mit Johannes Oerding vergleichen, da zöge jenseits von Äpfel und Birnen der heutige Popsänger sicherlich den Kürzeren, aber dennoch musste ich an die beiden Pläne aus der „Dreigroschenoper“ denken, als ich mir nun den Titelsong von Johannes Oerdings neuem Album „Plan A“ anhörte, denn was Pläne anbelangt zeigt sich Oerding deutlich weniger skeptisch: „Vielleicht ′n andrer Plan, ey / Was, wenn wir keinen hab’n? / Denn die Idee von Plan B Ist, dass Plan A funktioniert.“ - so erklärt sich also quasi, warum die Platte nicht „Plan B“ heißt, und ergänzt wird noch: „Wenn man nur einen Versuch hat, ist Plan B halt gar nichts wert.“ Okay, so weit so gut, aber diese Theorie des Plan A wird in eben diesem Lied so breit durch dekliniert, dass die ganze Geschichte sich irgendwann in die Tautologie mäandert. Nach 3 Minuten und 23 Sekunden will man laut rufen: Ja Johannes, ich hab’s kapiert.

Bildschirmfoto 2022-11-14 um 20.26.07Aber Deutschpop-Songs sind oft tautologische Mantras. Schon der Opener „Kaleidoskop“ nutzt DEN lyrischen Topos des Deutschpop schlechthin: Irgendwann. (Max Giesinger macht das noch penetranter, gefühlt jedes zweite Lied handelt von einem Irgendwo oder eben einem Irgendwann.) Und bei Oerding klingt das dann so: „Doch irgendwann, irgendwann / Fängt es an, sich zu verändern / Sommer im Dezember / Ja, dann, irgendwann.“  (Das dann auch noch gesungen auf die Melodie von „You’re my heart, you’re my soul“) Mit dem Irgendwann lässt sich eben sehr gut operieren, weil es noch nahe des Jetzt, nahe der Realität ist, aber Veränderung verheisst, Ausbruch aus dem Jetzt, aus der Realität, zu einem Zeitpunkt, den man nicht benennen muss - eben irgendwann. „Ha“, denkt man, „Und Kaleidoskop steht dann bestimmt allegorisch für DIE Veränderung, es ist die visuelle Übersetzung des Irgendwanns“, und wir ahnen dies, sehen es kommen, bevor Oerding es uns dann trotzdem noch mal erklärt: „Aus kalt und weiß wird heiß und rot / Und nichts bleibt gleich, Kaleidoskop“. Das ist alles so unfassbar eindeutig, dass man sich fragt, warum Oerding für solche Binsenweisheiten nicht mal seinen Steputat aufschlägt und stattdessen „Plan“ auf „hab’n“ oder eben „rot“ auf „Kaleidoskop“ reimt. Möglicherweise sind diese Stilblüten ja sogar Absicht - wenn es auch noch eindeutig gereimt wäre, würde uns die gähnende Abwesenheit jeglicher Doppeldeutigkeit noch beflissentlicher einlullen. Diese Lieder geben sich noch nicht einmal Mühe, so zu tun, als hätten sie interessante sprachlichen Bilder, alles verliert sich in der ersten Bedeutung, im Plan A einer Formulierung, im Plan A einer Melodie, im Plan A eines Arrangements.

Lediglich das dreisprachige Duett mit Zeynep Avci, „the Voice“-Teinehmerin aus Oerdings Team im Jahr 2021, zeigt, dass es auch anders ginge: „Stärker“ ist eine kitschig-triefende Synthieballade über den Schmerz einer zerbrochenen Beziehung; mit einem Text, der Pathos und Zweideutigkeiten zulässt und sich eben nicht in diesen lakonischen Null-Probleme-Texten suhlt, wo man immer denkt: Irgendwann ist dieses Album vorbei, und ich werde mich an nichts erinnern.