In der Popmusik erkennen wir das Neue wieder.

/// Songs zum Sonntag /// 220522 ///

Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.26.11/// "BABE" ist eine Band, die fast schon nach IDEAL klingt. Und aus Berlin sind sie auch. Aber eben eine junge Band, ein Duo - schorfige Gitarren, Drauhautrommeln und ein wenig Echo-Effekte in Popräume - drei Singles gibt es bisher, und wie diese heißen, setzt auch ein wenig die thematische Farbe: „Irgendwie egal“, „Keiner kennt Dich“ und „Dagegen“. Um Letzteres Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.24.58„Dagegen“ soll es hier gehen, ein Song wie ein Rant gegen das Alleinsein mit plötzlicher Melodie, wodurch eben wütender Pop entsteht. Wie immer, wenn junge Leute irgendwo gegen sind, fragt man sich irgendwann auch mal, wofür sie denn dann auch sind, aber es is das Privileg der Wut und der jungen Menschen, darauf keine Antwort haben zu müssen. Für einen Song reicht es allemal. Da warte ich gerne auf mehr. /// Bisschen Wut würde der Band „Jante“ vielleicht ganz gut tun - ihre Jack-Johnson-Referenz-Single „Zeit, dass es warm wird“ kommt so relaxed daher, dass man, wenn man nicht gerade im Rosé in der Hand Lachs auf dem Grill wendet, ein wenig ins Zucken gerät: Macht doch mal ein wenig Power Freunde, Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.26.38ihr seid doch eine Band! - aber ein wenig Rosé-Sehnsucht tut doch vielleicht auch ganz gut, und thematisch an Rudi Carrels „Wann wird’s mal endlich wieder Sommer“ zu erinnern, kann man auch nicht wirklich verurteilen. /// Maggie Roggers, deren Home-Made-Dreampop einst einen berühmten Produzenten Tränen in die Augen trieb, ist auch entspannt, aber ihre neue Single "That's where I am" hat auch blumige Tiefe, erzählt in kurzen Momentaufnahmen von New York und ist ein klassische Songwriting-Ballade irgendwo zwischen Folk und Synthpop. Die Art und Weise, wie hier aus recht privaten Zeilen gesellschaftlich Übergreifendes aufscheinen lässt, ist eine Kulturtechnik britischen Pops: „I found a reason to wake up / Coffee in my cup / Start a new day / Wish we could do this forever / And never remember / Mistakes that we made.“ - mich rührt das zutiefst, ein wunderbarer Song. ///

Links zu den Musikvideos:

BABE "dagegen"

Jante "Zeit, dass es warm wird"

Maggie Rogers "That's where I am"


In Jazzpop taumelnd

Julian Adler mit einem wirklich schönen Album

Da Pop ja von populär kommt, ist Popmusik ja irgendwie komisch, wenn sie nicht populär ist - sie muss dann, um durch Rezeptionsmodelle von Pop sichtbar zu werden, einen höheren Popularitätsstatus behaupten - oder weniger kompliziert ausgedrückt: Pop sagt immer auch laut „Seht her, ich bin irgendwie schon cool, oder?“ Aus dem steinigen Weg des Pop-Business wiederum kann dieser Gestus auch ziemlich unsympathisch ausfallen, dann eben, wenn man vermittelt, dass, wer nicht längst GQK6WxPMkapiert hab, dass ich cool bin, vermutlich hinter dem Mond lebt. Das ist zum Glück bei Julian Adler mit seinem nach ihm benannten Album anders. Der ins Jazzpop taumelnde Yacht-Rock mit viel geschichteten Chören aus Adlers Stimme, Rhodes-Orgel und fluffiger Gitarre ist nicht arrogant sondern bescheiden und suchend.

Anrührend ist das schönste Stück auf diesem feinen Album. Es heißt „Auf ein Wort“, und es ist zunächst nur mit Gitarre instrumentiert: „Wir treiben zusammen am Wasser entlang. Nichts muss, alles kann, doch der Puls steigt langsam an. Der hellste Mond, den es gibt, sie spielen warme Musik. Dein Gesicht strahlt im Schein, das hier könnte aus Hollywood sein.“ - und dann geht der Song in eine Bridge, bei der Adlers fast nicht singende Sprechstimme konterkariert wird mit seinem Falsettgesang. Das ganze wird nur crescendiert mit fluffem E-Piano und leicht geboostetem Schnipsen. Als ich diesen Song gehört habe, war ich spätestens an dem Punkt, wo ich dachte: Himmel, das ist schon echt gute Musik.

Ok, es ist vielleicht nicht alles auf diesem Niveau, und hin und wieder denkt man, dem Album fehlen ein wenig die Ausbrüche, ein Quäntchen Wut oder mal eine Nummer, die nicht nur entspannt ist. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der hier nach Pop gefahndet wird, mit der ohne viel Aufhebens softer Soul bis Lofi-Funk aus dem Ärmel geschüttelt wird, wie Adler hier Deutschpop mit Surfgitarren unterwandert- das hat Lässigkeit. Und die Song-Lyrics haben viele dieser geschickten Zeilenüberhänge, so dass sie niemals in’s Liedschema gepresst wirken, und sie sind voll poetischer Skizzen aus einem relaxten Alltag. Ach so, und singen kann der junge Mann eh fantastisch.

Link: https://www.julianadler.de


Kollektive Gefühls-Felder

"Man votet nicht politisch.", sagt der ehemalige Popbeautragte der Bundesregierung, Dietmar Poppeling über den ESC 2022 - unser alljährlicher Eurovision-Talk diesmal mit hübschen Fotos von tollen Verpackungsmaschinen 67611ea3.600x400

POPTICKER Herr Poppeling, wie hat Ihnen der ESC vorgestern gefallen?

POPPELING Gut.

Prima. Dann bis nächstes Jahr.

Musikalisch gut. Vom Visuellen her, nun ja, ein gewisser Overkill, und die Show mitsamt den Moderator:innen so mittel.

Der Mythos, der ESC sei unpolitisch ist, so die allgemeine Einschätzung, ziemlich ins Wanken geraten.

Das ist auch sicherlich nicht völlig verkehrt, aber man muss trotzdem differenzieren, denn die Menschen voten nicht politisch - sie voten in allererster Linie emotional. Dass aus der Entscheidung dann als eine politische Botschaft gelesen wird, wie jetzt mit dem Sieg der Ukraine, ist natürlich dennoch nicht totaler Blödsinn. Der ukrainische Beitrag aber hat es vermocht, die emotionale Konstellation der Solidarität mit einem angegriffenen, im Krieg befindlichen Land aufzunehmen und zu bündeln. Das kann Musik eben. Insofern ist der Sieg des „Kalush Orchestra“ durchaus mit musikalischen Mittel erreicht worden. Das darf man auf keinen Fall klein reden.

Wie gefällt Ihnen der Song „Stefania“ denn persönlich?

Ich kann damit ehrlicher Weise nicht so viel anfangen. Die Hook, die der Chor singt, ist enorm catchy, und  vermag wie gesagt in wenigen Zeilen und Tönen die Geschundenheit aber auch den Stolz des ganzen Landes einzufangen, der Rap ist toll, die Flöte erinnert man auch sofort, und allein dass ein Beitrag ohne eine einzige englische Zeile den ESC gewinnt, finde ich erst einmal prima. Aber persönlich, nein, gefällt mir der Song nicht. Aber ich sehe sofort ein, dass Millionen von Zuschauerinnen das anders sehen.

Mit ihrer These der emotionalen Entscheidung von eben diesen Millionen, die den Sing gewählt haben, lässt sich auch erklären, warum die Jurys der Ukraine deutlich weniger Punkte gegeben haben. Weil die Jurys eben NICHT emotional wählen?

89-1000-1Diese These, werter Herr Gieselmann, ist natürlich Unfug.

Und warum, Herr Poppeling?

Die Jurys voten nicht unemotional - sondern in anderer emotionaler Konstellation; und kommen daher zu anderen Entscheidungen. Allein schon, weil sie nicht die Show sehen - sondern ihre Entscheidung nach einer Probe fällen, wirft sie eher auf sich zurück, als auf bestimmte kollektive Gefühls-Felder -

Oho!

- Gefühls-Felder von Mehrheiten. Der Effekt, das sich ein Raum auf etwas einigt, allein WEIL man in einem Raum ist, und wenn ebendies sich aus der ESC-Halle  mitsendet und dann viele für die Ukraine anrufen, davon ist die Jury, davon sind die Jurys nicht beeinflusst. Aber sie gehen vielleicht schlecht gelaunt in den Tag, und dann erreicht sie ein fröhlicher Titel mehr als eine Liebes-Ballade. Daher sind die Jury-Votes mitnichten professioneller als die der Publika - im Gegenteil, sie sind um Weiten privater.

Nicht zum ersten Mal wurde Kritik laut, nachdem aus jedem Land egal ob von Jury oder TV-Publikum Punkte nur an zehn Länder gehen. Platz 11 bis Platz 25 aus jedem Land bekommen die gleiche Punktzahl - nämlich Null. Auch Peter Urban hat in dieses Horn gestossen; nicht zuletzt, weil Deutschland wieder mal Letzter wurde: „Du kannst 40 Mal im guten Mittelfeld landen und hast immer noch keine Punkte. Insofern ist dieses System ungerecht, das prangern wir schon länger an.“

Holz-verpackung-posch-packfix-967x725Urban sagt auch (Link < HIER >), dass jeder Beitrag Punkte bekommen sollte, und ja, ich finde schon, dass das dann gerechter würde, da hat er Recht. Aber man müsste sich dann eben davon verabschieden, dass die Höchstpunktzahl 12 ist. Mit dem „Our twelve points go to … SWEDEN“ wäre es dann vorbei. Und diese 12-Punkte-Tradition abzuschaffen, das wäre ein Tabubruch. Ich fände das auch grauenhaft, aber es wäre vermutlich eine Punktereform, die den Wettbewerb gerechter und als besser machen würde, und spätestens im dritten Jahr davon, dass jeder Beitrag sagen wir 2 bis 50 Punkte bekäme, hätte man die 12 Points vergessen.

Dann hätte Deutschland auch ein paar Punkte mehr.

Gewiss, aber darum sollte es nun nicht gehen - wenngleich auch ich finde, dass unser Beitrag in diesem Jahr besser war als sein Ruf; aber was willste machen.

Welcher Beitrag hat Ihnen denn am Besten gefallen?

Ganz klar „De Diepte“ aus Holland, eine klassische, unheimlich tolle ESC-Ballade, die sehr clever gebaut ist - ein Harmoniedurchgang für je Strophe, Bridge oder Refrain dauert genau 10 Sekunden, und diese 10-Sekunden-Module sind dramaturgisch toll arrangiert - mit seichter Steigerung zunächst und abklingendem Bombast und großer Bremse hinten raus. So muss man das machen. Toll. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich mochte die gelben Wölfe aus Norwegen, die dem Wolf eine Banane geben wollen, bevor er die Großmutter frisst. Das war herrlicher Quatsch.

Aber Sie waren das nicht? In einer finnischen Zeitung wurde gemutmasst (< HIER > der Link), Sie steckten unter einer der gelben Wolfsmasken.

Doch doch, das war ich.

Wußte ich es doch. Und wen, so frage ich jedes Jahr wieder, sollte Deutschland im nächsten Jahr zum ESC schicken?

Wilhelmine.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Vom Dirigat zur LED-Wand

Die Geschichte der Song-Inszenierung beim ESC

Esc-look-11Der Eurovision Song Contest ist ja, wie immer wieder erinnert wird, an und für sich ein Wettbewerb von Kompositionen gewesen - die Interpret:innen waren sozusagen Teilnehmende in der zweiten Reihe. Sicher wurde dies in der Praxis auch zu Zeiten nicht so wahr genommen, als noch die Song-Komponist:innen ein Orchester dirigierten - Pop, ob man es will oder nicht, steht und fällt mit denen, die singen. Das Orchester ist folglich dem Playback gewichen, live performt nun Frontfrau oder -mann, und diejenigen, die den Song komponiert haben, werden in eingeblendeten Credits erwähnt oder aber mit etwas Glück von den jeweils Kommentierenden erwähnt. Meist sind es heute auch wie im internationalen Popgeschäft üblich ganze Teams von Menschen, die die Songs zusammen geschraubt haben - ich kann die Quelle leider nicht mehr nennen, aber ich habe irgendwo gelesen, dass zum Beispiel im letzten Jahr durchschnittlich 3,75 Komponisten an den Song-Beiträgen gearbeitet haben.

Seit also das Orchester nicht mehr spielt und dirigiert werden muss, zeigt die Kamera nichts anderes mehr, als diejenigen, die den Song performen, oder eben so tun, als ob sie ihn performen. Naturgemäss wuchs der Anspruch daran, wie man eben dies tut, und also begann man die Auftritte zu inszenieren. Diese Inszenierungen haben, wie wir wissen, einige absurde Stilmittel hervor gebracht - Trickleider, Stabhochwackel-Choreographien, hüpfende Delfine, Schlittschuhe auf Kunsteis-Platten und so weiter; und diese Kuriositäten sind vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es für das Live-Inszenieren von einzelnen Songs keine historischen Beispiele gibt. Sicher, es gab in der TV-Geschichte Sendungen wie „Top Of The Pops“, aber hier genügte für den Inszenierungsfaktor der Glamour-Faktor etlich anwesender Stars, beim Songcontest kann sich nicht auf Star-Power verlassen werden, der Song ist es, der inszeniert werden soll. Und mit eben der Inszenierung, spätestens, ist der ESC kein Kompositionswettstreit mehr, sondern ein Popwettbewerb, weil in der Popmusik, wie Dietrich Diederichsen so treffend definiert, Akustisches wie Visuelles „zusammen fällt“.

Bildschirmfoto 2022-05-13 um 22.21.17Das Inszenieren von drei Minuten Musik ist inzwischen völlig entgrenzt - die LED-Leinwände, Feuerkanonen, Nebelmaschinen und Bühnen-Requisiten werden immer raffinierter, mit planbaren Kameraperspektiven lassen sich virtuelle Treppen, Mondlandungen und surreale Landschaften in Echtzeit herauf beschwören. Wer in diesem Jahr das erste Halbfinale geschaut hat, und vermutlich lässt sich das auch über das Zweite sagen, musste allerdings das Gefühl bekommen, dass die technische Entgrenzung an ihrem Zenith angekommen ist - wer wenig inszenierte hatte quasi sein Ticket ins Finale gebucht, und mit wenig ist hier ein Ausmass gemeint, dass noch vor zehn Jahren als Overkill wahrgenommen worden wäre. Ich habe allerdings den Eindruck, dass dies nicht nur daran liegt, dass man diese Sendung inzwischen mit dem Gefühl sieht, meine Augen rebellieren gleich gegen alle Effekte, es hat auch was damit zu tun, dass all der Feuerfontänen-Bombast die Skepsis provoziert, hier wird kein Song mehr inszeniert, hier wird eher vom Song abgelenkt. Es ist halt so: Irgendwas muss man schon meinen, wenn man auftritt. Sicher, ein gewisses Mass an Ironie ist sicher auch nicht hinderlich, aber man muss den ESC vor allem Ernst nehmen, sonst ist man verloren und wird verlieren, das wird auch an diesem Samstag so sein.


Aus dem Zeitgeist gefallen, denn der hat enttäuscht

„auf Sand gebaut“ - so toll kann Deutschpop sein

Mit Florian Paul und seiner Kapelle der letzten Hoffnung“ haben wir uns hier schon einmal zweimal beschäftigt - namentlich mit den Singles „Zeitgeist“ ( < hier >  ) und „Heile Welt“ ( < hier > ) - heute nun erscheint von dieser großartigen Band das zweite 88314318-86d2-544c-90a7-720fb3232d1bAlbum „auf Sand gebaut“ - und es ist wunderbar geworden; mutmasslich die beste Platte mit deutschsprachiger Popmusik mindestens dieses Jahres: Der Orchesterpop mit Vaudeville-Bläsern, Balkanbeats, Zirkus-Pathos, Gypsy-Gitarren, plötzlichen Trompeten-Soli und überhaupt Jazz-Verve trägt auch über Albumlänge, ja, dann wird eine Welt draus, in die man eintauchen, in die man verreisen, zu der man kochen und so manches vorletztes Glas trinken möchte - getreu dem Motto „Erst wenn die letzte Schlacht wirklich verloren ist, dann macht das Leben wieder Spass.“ - diese Musik versetzt Dich in ein Stück von Brecht mit Musik von Eisler, und im nächsten Moment bestellst Du noch einen Schnaps ... stehst aber einsam in Deiner Küche.

Auch stille Stücke kann diese Kapelle der letzten Hoffnung: „Schatten“ ist eine stetig crescendierende Ballade am Morgen, vielleicht, nach einem One-Night-Stand, Champerpop, der sich mit immer mehr Instrumenten gegen den Kitsch auflehnt - und auch hier Zeilen, die man so noch nicht gehört hat: „Schau mich nur einmal so an, als ob da niemand mehr hinter mir steht, als ob da niemand mehr vor Dir geht, der einen Schatten wirft … auf uns.“  Die Stimme von Florian Paul, der auch die Lieder schreibt, trägt dabei mit tremolofernem Pathos durch die Kneipe, ohne sich der Versuchung des trunkenen Schmetterns hinzugeben, und hinter aller melancholischer Skepsis bleibt eine Spur Klarheit und Vernunft, hinter jeder Ecke des Weltuntergangs schaut man auf eine unklare letzte Hoffnung - der Name ist Programm. 

Diese Musik ist auf herrliche Weise aus der Zeit gefallen und passt genau deswegen in die Zeit.

Link: < Website > von Florian Paul und der Kapelle


Kafkas Tomatensaft

„Forian Paul + die Kapelle der letzten Hoffnung“, ihre neue Single "heile Welt" und das Video dazu, das ein Trailer ist

Zeitweise, noch vor der Pandemie, konnte man in den Speisewagen der Deutschen Bahn das Gefühl bekommen, das alkoholfreie Weizenbier sei das Adäquat zum Tomatensaft im Flugzeug geworden - man bestellt es wie selbstverständlich kurz nach Göttingen, obgleich man niemals sonst alkoholfreies Weizenbier trinkt, und am Nebentisch bestellt es dann auch jemand - eben so, wie man Tomatensaft trinkt, wo die Freiheit wohl grenzenlos scheint. Aber einmal bekam ich es nicht, mein Weizen ohne Alkohol.

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Es war im Eurocity nach Prag, auch wenn ich nur nach Berlin fuhr, der Zug geht nach Tschechien, und führt einen tschechischen Speisewagen, das Essen dort ist viel besser, aber Weizenbier haben sie nicht, jedenfalls kein Alkoholfreies. Aber sie sind ein wenig altmodisch eingerichtet, viel schöner als die modernen ICEs oder der hässliche ICE 4 gar, der gar keine Speisewagen-Flair mehr entfachen kann, und ich schaute aus dem Fenster des tschechischen Speisewagen-Flairs mit einem Bier ohne Weizen und ohne ohne Alkohol, und ich denke damals auf einmal: Bin ich hier also in einem Wes Anderson-Film.

„Wie in einem Wes Anderson Film“ ist ein wenig die Allzweckformulierung für farblich abgestimmte Retro-Atmosphäre mit Einsamkeit und schrulligen Menschen geworden, und vielleicht geht einem heutzutage „bisschen wie bei Wes Anderson“ all zu rasch über die Lippen - so wie „kafkaesk“. Wes Anderson steht also im selben Verhältnis zu Kafka wie das alkoholfreie Weizen zum Tomatensaft. Naja. Sicher ist indes: Von meinem tschechischen Bier hätte ich vielleicht gar nicht erzählen sollen, denn um so weniger glaubwürdig habe ich mich dadurch gemacht, wenn ich nun sage: Das neue Musikvideo zu dem Song „Heile Welt“ von „Florian Paul + die Kapelle der letzten Hoffnung“ wirkt ein wenig wie aus einem Film von Wes Anderson Film gegriffen. Ich habe es aber dennoch so eingeleitet, weil ich poetischer darüber schreiben wollte, als über andere Deutschpopmusik.

Heile Welt CoverIn erwähntem Musikvideo jedenfalls wohnen eine Frau und ein Mann in einem Raum, den sie nicht zu verlassen scheinen - weil sie nicht wollen, weil sie nicht können, weil sie nicht dürfen? Wir wissen es nicht. Verpflegt sind sie ausreichend mit Ravioli in Dosen, die ein wenig an Warhols Tomatensuppe erinnern; und das ganze Szenario also ist farblich abgestimmt und schrullig. Manchmal wackelt ein Regal. Ungglücklich scheinen die beiden nicht, aber insbesondere die Frau sehnt sich woanders hin, möchte hinaus, offenbar gibt es noch andere Räume, und an sich wähnen die beiden diese Räume leer. Später werden sie diese anderen Räume erkunden, die Frau wird vorgehen, und sie werden auf andere Leute treffen, eine Bar, eine Party, das sieht man auch hier schon, aber wirklich erzählt wird dies wohl erst in dem gesamten Film, denn dieses Musikvideo ist gleichermassen ein Trailer zu einem Musikfilm, und dieser Film begleitet die neue Platte von „Florian Paul“. Film wie Platte werden „auf Sand gebaut“ heissen - ein ungewöhnliches Vorhaben mit deutscher Popmusik, von dem wir hier im Popticker noch hören werden.

Florian Paul und seine Kapelle haben den Sound ihrer Musik schon in ihrem Band-Namen ein wenig beschrieben: Chamberpop, eine Stimme, eine Kapelle; ein Popentwurf irgendwo zwischen „Element Of Crime“, Hamburger Schule und Max Raabe. Florian Paul singt mit leidenschaftlicher Beiläufigkeit poetische Geschichten, die er als Regisseur seines Musikfilms nun auch visuell erzählt. Die Single „Heile Welt“ ist eine getragene Piano-Ballade, eine skeptisch leise Aussicht auf Besseres: „Mach das Licht aus, schau die Welt geht endlich unter, doch wir haben uns eine neue ausgedacht.“ - mich persönlich berühren Lied wie Musikvideo sehr, weil ich in der Melancholie der Skepsis eine Denkfigur der Hoffnung spüre, die in diesen Zeiten gesund sein dürfte.

Links zu "Florian Paul und die Kapelle der letzten Hoffnung"

< Website >

< Musikvideo "heile Welt" / Trailer "auf Sand gebaut" >

PS - nun ist mir endlich eingefallen, an welche Band mich diese Musik noch erinnert, auch wenn das mit dem "die klingen ja wie ..." immer auch ein wenig blöd ist: The Nits - insbesondere an deren Platte "Adieu, sweet Bahnhof"

 


Tränen in der Timeline

Die TV-Show „Sing meinen Song“

Da sitzen sie nun wieder in Südafrika, so Popstars, die man in Deutschland mehr oder minder kennt, und sie trinken alkoholische Getränke, hin und wieder steht jemand auf, und sie covern gegenseitig ihre Songs, danach fällt man sich traditioneller Weise in die Arme und beteuert, wie großartig diese Cover-Versionen waren. Die Rede ist von der VOX-Popsendung „Sing meinen Song - das Tauschkonzert“. Es ist dies zweifelsohne ein Popmusik-TV-Format, das funktioniert: Der Sampler, der pro Staffel entsteht, führt die Download-Charts an, und die aktuellen Alben oder Best-Ofs der Teilnehmer:innen verkaufen sich ebenso. 

Schlecht ist die Idee dieser Show ja auch nicht. Das Covern von Songs ohnehin zum emblematischen Prinzip in der Darstellung von Pop im Fernsehen geworden, weil im Coversong das Original und zwei Interpret:innen durch Reibungsverhältnisse sichtbar werden, und, wenn uns ein Element vertraut ist, auch schon ein Grundprinzip von Popmusik generiert wird, nach dem wir in ihr Neues wieder erkennen. Das Cover ist dadurch die Tür zum Pop - in Castingshows für unbekannte Sänger:innen, beim Tauschkonzert für Sänger:innen, die auch schon bekannt sein können oder es eben durch diese Sendung werden - siehe Gregor Meyle oder die zweite Karriere von Sarah Connor, die seit der Reise ins Cover-Ressort Südafrika Deutschpop singt. Zudem haben beim Tauschkonzert schon andere Interpret:innen mitgemacht als die üblichen TV-Pop-Nasen wie BossHoss, Mark Forster oder eben Sarah Connor - Wolfgang Niedecken war dabei oder Judith Holofernes, Mary Roos und Samy Deluxe.

An sich könnte das Ganze also eine unterhaltsame Sache sein. Leider potenziert die Show auch ein Phänomen, unter dem ihre beiden Leitmedien, Dokusoap und Deutschpop, auch schon im Einzelnen leiden - das Phänomen der Brechstangen-Emotionalität. Deutschpop funktioniert ja ohnehin schon für sich nach der Mark-Forster-Formel, Trost nicht für Trostbedürftige zu spenden, als vielmehr Menschen, die sich in gewisser Zufriedenheit eingelebt haben, das Gefühl und die Illusion zu geben, Trost gebraucht und dann eben auch schon bekommen zu haben. * Diese Musik füllt sozusagen ein Vakuum, das sie vorher erfolgreich behauptet hat, Sing-meinen-song-bossmit heisser Luft - was um Himmels Willen ja auch völlig okay ist. Aber wenn jetzt auch noch die realfiktionale TV-Dramaturgie hinzu kommt, die wiederum das Ziel hat, möglichst viele Teilnehmer:innen an was auch immer so oft wie irgend möglich zum Weinen zu bringen, dann wird es doch arg zweischneidig. Und am nächsten Tag steht dann in einer Online-Klatschblatt: „Tränen bei Clueso – Nach Lottes Auftritt herrscht andächtige Stille“, nun ja, das riecht schon nach inszenierter Authentizität par excellence.

Permanent heulen sich die Popstars in Südafrika also in die Arme, wenn sie ihre Lieder in anderem Gewand hören, und wenn sie dann erzählen, dass sie diesen oder jenen Song ja eben auch geschrieben hätten, als sie dieser oder jener Schicksalsschlag getroffen habe, auch wenn es sich dabei um ein Lied handelt, welches in Wirklichkeit ein Songwriting-Camp von sieben jungen Männern mit algorithmischen Prinzipien geschrieben hat, damit es auf Spotify funktioniert. Man sieht dann dabei zu und denkt sich: Wo kommen alle diese Gefühle her? Soll ich die jetzt auch haben? Oder man sieht nicht dabei zu und bekommt hin und wieder die Top-Meldungen, wer geweint hat, in die Timelines gespült.

* Selbstzitat: "Die Forster-Formel" < Hier >


/// Songs zum Sonntag /// 240422

/// Aus technischen Gründen erst am Montag Blau-Cover/// Soeben erschienen: Eine neue Single von Julian Adler, der uns an anderer Stelle schon mal beschäftigt hat. Der neue Song heißt „Blau“, eine klassische Farbe in der Popmusik, und Adlers Blau nun ist an sich trockener Funk, der hier so einheitlich kompakt produziert wurde, dass ein wenig die Amplituden und Ecken und Kanten fehlen. Aber gesanglich kann man erneut nicht meckern: Julia Adler singt sich durch die Sehnsucht nach Meer und Freiheit durch eine Bandbreite an Stimmregistern, das macht schon irre Spass. Die letzte Single war mir etwas zu kitschig, „Blau“ ist mir etwas zu smooth geraten, aber Kitsch und zu smoother Funk: Auch an Nörgeleien kann man merken, dass hier ein Musiker auf der Suche nach passendem Popentwurf ist und locker flockig handwerklich in der Lage, in verschiedenen Pop-Regalen danach zu schauen. Hier darf man weiter gespannt sein, wenn sich das mal zu einer EP oder einem Album zusammen findet - langweilig wird das sicherlich nicht werden. Der Popticker bleibt am Ball. /// CoverDie Fragen, ob es überhaupt noch indie gibt, ob das Indie-Siegel zu einer künstlerischen Umschreibung geworden ist, und seinen ökonomischen Charakter aufgegeben hat, oder ob dieser Begriff in Zeiten der Streamings als Gatekeeper zum Mainstream, sich gerade wieder ökonomisch aufgeladen hat, diese Fragen, kann man 2022 immer wieder diskutieren. Zweifelsohne gibt es jedenfalls, wenn man zwischen Nische und Mainstream unterscheiden will, ganz gleich, ob man es nun also indie nennt oder nicht, eine Sehnsucht auf beiden Seiten in Richtung des Anderen. Womit wir, lange Rede, nicht ganz so kurzer Sinn, bei FISCHER wären - ein neues Bandprojekt des nominellen Schlagzeugers Sven Fischer, der nun also auch singt. Die erste Single heißt „für immer“ und ist wahlweise Deutschpop der sich nach Hardrock oder aber Hardrock, der sich nach Deutschpop sehnt: Seicht, folkig, flächig, melodiöse kommen zwei Strophen daher, bevor der Song dann in rockige Tiefen taucht, depressiv und aggressiv nahezu, obgleich es um den Tod geht, kommt das schon überraschend. Ich muss zugeben, dass diese Musik nicht so meine Wiese ist, aber was dieses Lied sein will, ist zu 100% auch authentisch erreicht und irre gut gemacht. Auch hier werde ich verfolgen, was von dieser Band noch kommt. ///

Links:

< Blau >

< für immer >


ikonisch ironisch

Warum distanzierter Schlager überhaupt möglich ist

Commissario Brunetti ermittelt ja mitten in Venedig auf Deutsch - dieses ZDF-Konzept in Popschlager zu übersetzen, auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Ob dieser Popentwurf aus der Brainstormhölle, in der Redaktion von Jan Böhmermann oder bei einer schwer durchzechten Nacht entstanden ist, wir wissen es nicht. Was wir indes wissen, ist dass dieser Entwurf in die Tat umgesetzt wurde und derzeit sogar auf der Spitze der deutschen Albumcharts steht: Auftritt „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ - für diese Formation hat man sich eine fiktive Bandgeschichte erdacht und diese mit reichlich blödsinnigen Daten angereichert - frühen Erfolgen bei einem brasilianischem Schlager-Festival etwa, oder einem Debüt-Album namens „Greatest Hits“, dem Bandzerwürfnis und schliesslich dem Comeback mit dem derzeitigen Album „Mille Grazie“. 

Original

Man muss den deutschsprachigen Italoschlager dieses Longplayers nicht gehört haben, um erkennen zu können, dass wir es hier mit einem ironischen Popkonzept zu tun haben. Um so erstaunlicher ist aber, dass die Kernbotschaft dieser Musik, eine sich hingebende Leidenschaft für Italien, die Liebe und das Leben dennoch ungefiltert durch das ironische Breitband-Antibiotikum der unsinnigen Formation hindurch kommt. Und das bei einem derart antiseptisch unironischen Kern-Genre, dem Schlager. Wie ist das überhaupt möglich? 

Dazu muss man vielleicht erst einmal ein wenig ausholen.

In der Rhetorik ist Ironie bekanntermassen die erkennbare Diskrepanz zwischen Gesagtem und tatsächlicher Intention des Geäusserten. Die Erkennbarkeit erzielt man dabei mit Signalen der Distanzierung - zum Beispiel dadurch, dass man Gesagtes gestisch oder stimmlich markiert. Wenn zwei Menschen sich gut kennen, und unter ihnen die Ironie als Code anerkannt ist, muss Gesagtes nicht kenntlich gemacht werden. In der Kunst wiederum, in der sich Sender und Empfänger von Botschaften nicht unbedingt kennen, kann man sich auf ironische Effekte erst dann verlassen, 0602445062171wenn sie als künstlerisches Stilmittel etabliert sind - das muss man aber eben für jedes Werk, jeden Roman, jedes Skulptur neu tun. Das heißt praktisch nichts Anderes, als dass ich bestimmte Stilmittel bewusst übertreibe oder anderweitig abhebe, so dass sie augenscheinlich werden. In der Popmusik wiederum, bei der das bewusste Übertreiben, Zitieren, Markieren und kenntlich Machen ohnehin zu den konstatierenden Stilmitteln gehört, ist die Ironie also präsent, auch wenn sie als distanzierendes Mittel gar nicht gewollt ist - sie ist jenseits von Inhalten Resultat der Form und bezieht sich auch auf diese.

Diese Art der Formenironie wiederum erzeigt das große Referenz-Potential von Pop. Man kann sich der Inhalte bestimmter Genres nämlich zu eigen machen, in dem man deren Stilmittel übertreibt und anderweitig kenntlich macht. Wenn ich zum Beispiel in einem Folksong Flamenco zitiere, distanziere ich mich nicht von dessen potentiellen Inhalten, sondern lasse diese im Gegenteil bewusst mitschwingen. Womit wir bei der Antwort auf die Frage angekommen wären, warum es ironischen Schlager überhaupt geben kann - im Übrigen sind  „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ natürlich nicht die Ersten, die das versuchen. Dagbobert beispielsweise, der große schweizer Liebes-Skeptiker mit dem tiefen Glauben an das Lied, hat den Schlager bereits philosophisch mit Indiepop unterwandert; Alexander Marcus hat einen Soundtrack für die Fusion von Schlager-Move und Loveparade erfunden, der Musiker Drangsal hat kürzlich erst Postpunk in die Schlagernachhilfe geschickt und dafür sogar vom Feuilleton gute Noten bekommen, und die „Crucci Gang“ hat Klassiker des Deutschpop durch eine italienische Espressomaschine gejagt - schade übrigens, dass es die Spex nicht mehr gibt.

Doch zurück zum Italo-Schlager: Auf Deutschlandfunk wurden die beiden Kernmitglieder von  „Roy Bianco“ & die Abbruzanti Boys“ gerade interviewt (namentlich Herr Roy Bianco und Herr Abbruzanti Boys), und in der Ankündigung zu diesem Beitrag wurde deren Presse-Info zitiert, nach der sie das fiktive Narrativ dieser Band niemals verlassen würden. Leider erwiesen sich die beiden Interviewten dann eher als mittelmässige Darsteller ihrer selbst erschaffenen Kunstfiguren: Ihrem feinsinnig ironisiertem Italo-Pop-Schlager sind sie sozusagen schauspielerisch nicht gewachsen. Dennoch eine bemerkenswerte Veröffentlichung, in der die Kulturgeschichte der Ironie skizziert ist - Konzeptpop von hoher und gleichzeitig unfassbar blödsinniger Schule.


Perpetuum Latinpop

Camilla Cabellos neues Album ist herrlicher Referenz-Eskapismus

Bildschirmfoto 2022-04-14 um 12.01.29Die Musik von Camilla Cabello ist eine Salsa-Essenz im Fahrwasser von Bubblegumpop. Der Signature-Song dieses Entwurfs ist natürlich ihr erschreckend eklektischer Über-Hit „Havana“, der vier Minuten auf dem Ur-Pop-Riff E-moll, C-Dur, B-Dur7 beruht, und mit dessen Video Cabello auch die Signature-Visualisierung ihrer Musik gezeigt hat: < In dem Clip > ist sie sowohl Zuschauerin als auch Schauspielerin einer Soap und deren Spin-Off im Kino, und diese Soap ist in einer Community angesiedelt, die ohne finanzielle oder sonstige Probleme einem Hedonismus nachhängt, in dem Erotik, Leidenschaft, Tanz und Musik die wesentlichen Tugenden sind. Von Cabello gespielte Kunstfiguren träumen sich einerseits in diese Welt hinein und sind anderseits deren wichtigste Repräsentantinnen. Der Eskapismus, der in diesem Konzept steckt, ist also mithin vielschichtig: Die gezeigte Community scheint ihren eigenen Soundtrack einerseits hervor zu bringen, andererseits richtet sich die Musik wiederum an seine fiktiven Urheberinnen. Als würde eine Telenovela sich auch an die Charaktere ihrer eigenen Handlung wenden, und die Charaktere dieser Handlung bringen diese auch hervor, weil sie sie als Zuschauer:innen verfolgen und deuten.

Welch wundervolle Rückkopplungen! Die Musik von Camilla Cabello ist die Referenz an einen Latino-Pop, den es in seinem Aggregat eines fiktiven Soundtracks in Wahrheit eigentlich nicht gibt, der von Cabello nur dadurch, dass sie sich auf ihn bezieht, herauf beschworen wird - ein Popentwurf im Geiste des Perpetuum mobile. Das heißt im Übrigen nichts Anderes, als dass diese Musik brillant ist: Auf ihrer neuen Langspielplatte „Familia“ zelebriert Camilla Cabello diesen, ihren Minimal-Latinpop in bescheidener Virtuosität. Mit wenig Pinselstrichen werden da Beat-Betten aus Reaggeton und Samba mit klassischen Latin-Harmonien besprenkelt („Celia“), synthetische Streicher als Salsa-Bläsersätze arrangiert („la buena vida“) oder fluffiger Synthiepop in psychodelische Hallräume überführt („Psychofreak“ feat. WILLOW) - und von dem Song, den Cabello gemeinsam mit Ed Sheeran gemacht hat, war < hier > schon die Rede.

Cabellos bunt gesprenkelte Zucker-Welt mit antiseptischem Rum und sanfter Tanz-Erotik ist somit visuell wie akustisch eine Scheinwelt, mit der nicht gezeigt werden muss, dass vieles in Wirklichkeit doch komplizierter ist. Mit dieser Strategie kreieren sich aus dem Nichts in banalen Popräumen merkwürdige Meta-Ebenen, und was anderes ist denn Pops Hauptanliegen, wenn nicht unter bestürzend banalen Mitteln ungeahnte Tiefen aufscheinen zu lassen: Wer so wundervoll und offensichtlich lügt, kann auf die Wahrheit verzichten.