In der Popmusik erkennen wir das Neue wieder.

Welcome to the Tik-Tok California

Der Konsens ist vom Album in den Einzel-Song gewandert

Wir wissen nicht, ob der viel beschworene Tod des Albums jemals eintreten wird, aber abgesehen davon, dass totgesagte ohnehin länger leben und der Playlisten-Boom eventuell schneller abebben könnte, als das den Content-Providern namens Streaming-Diensten jemals lieb sein könnte, gibt es ein Phänomen der Popkultur, das durchaus dahin siecht: Das Konsensalbum. Die Platte also, die alle haben, meist auch unabhängig davon, wieviel sie dann jeweils gehört wurde oder bis heute wird: R-1089760-1191248179Dire Straits’ „Brothers in Arms“, Portisheads „Dummy“, „Peter Frampton comes alive“, der blaue und / oder der rote Beatles-Sampler, Norah Jones’ „Come away with me“ oder Alanis Morrissettes „Jagged Little Pill“ - um nur ein paar zu nennen. Das Album jedenfalls, auf das sich eine gewisse Zeit alle einigen können.

Aber es gibt natürlich eine Sehnsucht nach dem Konsens, in der Popmusik ist sie ja geradezu konstatierend, aber derzeit eben wird diese Sehnsucht vor allem durch einzelne Songs herauf beschwört und oder (zum zweiten Mal in diesem Text, wow) auch befriedigt. In diesen Songs fallen dann oft bestimmte Erscheinungsformen von Popmusik zusammen, wie ja ohnehin die Produkte des Pops Gefässe verschiedenster visueller, sozio-kultureller und natürlich hörbarer Phänomene sind, und bei den Konsens-Songs, die ich meine, kommt noch hinzu, dass es Lieder betrifft, die auf Vinyl ebenso wie auf CD und im Streaming sowie in sozialen Netzen ein Präsenz entwickeln. Auf Tik-Tok beispielsweise und kollateral wahrnehmbar auch auf Instagram spülen derzeit immer wieder Lieder aus der Schnittstelle von Rock und Pop aus der Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er an die Oberfläche. Da gab es den Skater, der Cranberries-Saft trinkt, Elton-john-dua-lipa-cold-heart-pnauund dazu erklang „dreams“ von Fleetwood Mac, es wurde dem Song „Africa“ von Toto gehuldigt, und jeder Gitarrist, der etwas auf sich hält und das in den sozialen Netzwerken zeigen will, spielt die Solis aus „Sultans Of Swing“ und / oder (3x, Hammer) „Hotel California“ nach. Was diese Lieder gemeinsam haben, ist eine gewisse Unschuld, eine harmonische Weltsicht jenseits von Corona und Klimawandel - auch wenn man das über „Hotel California“ sicher nur über die Musik aber nicht über den Text sagen kann.

Mit gleicher Sehnsucht nach Konsens und nach Wohlfühl Pop ohne Schrägen und Kanten lässt sich vermutlich der wahnsinnige Erfolg der Single „Cold Heart“ von Elton John und Dua Lipa erklären. Der Song ist an sich ein Selbst-Cover Johns und heißt im Original „Sacrifice“. In seiner Urform ist das ein klassische Pianopop-Ballade wie sie Bernie Taupin zu dutzend für Elton John geschrieben hat, aber in der nun seit Monaten in den Top-Ten befindlichen Neuaufnahme wird eine Uptempo-Dance-Pop Nummer mit einer Prise britischen RnBs von Dua Lipa draus - anschlussfähig an Justin-Bieber-Hörer:innen ebenso wie für 49-Jährige Popfans. Ich habe den Song auch gekauft.

Der Konsensfaktor von „Cold Heart“ bietet dabei auch die Bestätigung meiner alten These, dass man in der Popmusik das Neue wieder-erkennt - wir kennen das und können uns doch zunicken: „Das ist fresh! Dua Lipa Ey!“ und gleichzeitig denken wir „Jaja damals, der Elton John.“ (Das geht sogar so weit, dass man bei beiden beiden Versionen meint, „Coco-Heart“ zu hören, obgleich die Lyrics nominell„cold cold heart“ lauten.) Wenn Nostalgie früherer, sorgenfreier Popmusik also in heutigen Netzwerken gepflegt wird, bringt das Post-Charts-Hits hervor. Die Frage, ob jemals jemand „Peter Frampton comes alive“ gehört hat, muss aber auch heute unbeantwortet bleiben.


Songs & Alben des Jahres

Liebe Leser:innen

  • auch in diesem Jahr gibt es hier die Jahrescharts, wie immer streng subjektiv: Was mir gefallen hat. Bei den Songs habe ich auch wieder die weg gelassen, die auf meinen Alben des Jahres drauf sind, sonst wäre ja alles doppelt.
  • David aka popticker

SONGS

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  1. Lisa LeBLanc / Pourquoi faire aujourd'hui < video >
  2. alt-j / get better < video >
  3. Cœur de Pirate / On s'aimera toujours < video >
  4. Antje Schomaker / Ich muss gar nichts < video >
  5. Greta Van Fleet / Heat Above < video >
  6. Stromae / Santé < video >
  7. Bertrand Burgalat / L’homme idéal < video >
  8. Olga Garland / Over Your Head < video >
  9. Carwyn Ellis & Rio 18 / Olá! < video >
  10. Francoiz Breut / Dérive urbaine dans la ville cannibale < video >

ALBEN

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  1. Claire Laffut / Bleu < channel >  < huldigung >
  2. Lou-Adriane Cassidy vous dit: Bonsoir < bandcamp >  < verbeugung >
  3. Marina / Ancient Dreams In A Modern Land < page >  < lob >
  4. Lorde / Solar Power < page >
  5. Jackson Browne / Downhill From Everywhere < page > 
  6. Tania Saleh / 10 A.D < page > < begeisterung >
  7. Dagobert / Jäger < channel > < einordnung >
  8. Arlo Parks / Collapsed in Sunbeams < bandcamp >
  9. Bess Atwell / Already, Always < page >
  10. Sophia Kennedy / Monsters < label >

/// Songs zum Sonntag /// 051221 ///

Rost/// Nicola Rost ist eine der besten Songwriter:innen, die wir haben. Ihre deutschen Chansons sind urbane Kunstlieder, die sich mit Synthies und Dancebeats zu Pop mausern - mit ihrer Band „Laing“. Nun hat sie aber ihre erste Solo-Single ohne Laing veröffentlicht - „Ministerium für Einsamkeit“ ist weniger elektronisch als Laing, klingt kurioser Weise mehr nach Band als Songs vom Rosts Band, aber summa summarum könnte das vom Text, und vom Sound her auch „Laing“ sein. Im gewissen Sinne funktionieren Rosts Ministeriums-Allegorien auch ohne Pandemie, aber dennoch ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass das Lied auch von Corona handelt. Das empfindet man sicherlich nicht nur dann so, wenn man wie ich vom Ministerium für Einsamkeit zum ersten Mal in Isolation hört: „Es gibt ein Ministerium für Einsamkeit, und alle fragen wofür - im Ministerium für Einsamkeit, die halbe Stadt steht schon schon an der Hintertür. Bitte berühr mich! Bitte berühr mich! Wave Aber fass mich nicht an!“. Ach, wie soll man Quarantäne ohne Nicola Rost aushalten? Muss ich jetzt ja nicht mehr. /// Die Band „The Wave Pictures“ besteht aus drei Songaholics, das Trio hält kaum ein Jahr aus, ohne mindestens zwei Alben zu veröffentlichen. Und fast alle sind toll. Mal mehr Bluesrock, dann kommt Garagenschrammel und ein Parforceritt durch die Rockriffgeschichte, dann wird es wieder folkiger. Nun haben sie ein Doppelalbum aufgenommen, das 2022 erscheinen soll, 'When The Purple Emperor Spreads His Wings’ heißen wird, und dass sich auf vier Vinyl-Seiten den vier Jahreszeiten widmen soll. Die erste Herbst-Single „this heart of mine“ ist ein urig-einfacher Folksong mit Bluesharp, schlichtem Riff und einfacher Melodie - sich auf so viel berufen und dann noch so eigen klingen, das muss man erst einmal hinbekommen - wundervoll. ///

Video-Links:

/// < Ministerium für Einsamkeit > /// < this heart of mine > ///


Irgendwie, irgendwo, irgendwann

- Ohren auf Deutschpop werfen, Folge 20

Lea. Wer ist denn das noch mal? Auf ihrer Website sagt sie uns: „Ich bin Lea. Ich mache Musik. Schön, dass Du da bist.“ - das finde ich schon mal sympathisch. Lea singt auf ihrem aktuellen Album „Fluss“ über Verletzlichkeit der Liebe, über „Küsse wie Gift“, eine „4-Zimmer-Wohnung“ und „dicke Socken“. Viele der erwähnten Dinge und Topoi stehen hier einerseits für sich, und gleichzeitig sind sie Chiffren, Allegorien für zwischenmenschliche Zustände - der „Swimmingpool“ symbolisiert Unbeschwertheit, die Möglichkeit, eigene LeaVerkrampfungen zu lösen, „Parfum“ markiert die Unbegreiflichkeiten einer interessanten Person, und für ein anderes Du geht Lea durch jedes „Gewitter“. Durch den Hagel an Zweideutigkeiten wirken die Songtexte im Ganzen eines Albums fast schon hermetisch. Damit meine ich, dass in der doch sehr eigenen und eigenartigen Poesie die Lieder auf ihre Art persönlich und nahezu intim wirken, ohne dass ich mich aufgerufen fühle, sie als Hörer auf mich zu beziehen. Das ist aber keineswegs negativ gemeint. Die Songtexte haben in der Summe die Charakeristika einer Kunstsprache, bei der es Spass macht, in sie einzutauchen: „Fahrradklingel klau′n / Du fährst los, ich spring auf / Presslufthammer im Regen / Lachen um unser Leben“ - heißt es zum Beispiel in dem schönsten Track des Albums „L & A“, ein Duett mit Antje Schomaker. Die Musik auf dieser Platte ist freilich ein wenig eintönig geraten - oder vielmehr, sie kann mit der Eigenwilligkeit der gesungenen Texte nicht mithalten: Trap-Anleihen, etwas referenzloser Synthiepop und Piano-Arpeggio-Balladen halten sich die Waage - die Fülle und gleichzeitige Zurückhaltung von Leas Stimme, von ihrer Art zu singen, findet hier nicht immer das Sound-Bett das mit oder dagegen liefe. Dennoch ist „Fluss“ in der Summe eine absolut gelungene Platte - vor allem aufgrund der Texte.

„Vier“ heißt das neue Album von Max Giesinger, es ist auch sein Viertes („Fluss“ von Lea ist im Übrigen auch deren vierte Platte). Giesinger macht im Grunde Popmusik für Menschen, die nicht gerade sensibel darin sind, ihre eigenen Unzulänglichkeiten und Probleme zu erkennen. Daher muss diese Musik, um überhaupt emotional sein zu können, erst einmal Fehler im an sich fehlerlosen Selbstoptimierungszeitalter benennen, um diese wieder weg zu singen. Zum Beispiel Prokastination. Im Opener „irgendwann ist jetzt“ besingt Max Giesinger also das Aufschieben von Dingen: Eltern besuchen, Maxauf Land ziehen, Handy ins Meer werfen - und so weiter. Vieles will das hier singende Ich irgendwann anpacken, um sich dann selber dadurch zu motivieren, dass dieses Irgendwann irgendwann auch eintreten solle: „Ich will nicht länger warten, bis was passiert / Hab’ hundertzwanzig Fragen, bin scheiß verwirrt / Doch ich fang' endlich an zu glauben, dass alles, was ich brauche / Schon immer in mir steckt, irgendwann ist jetzt / Irgendwann ist jetzt.“ Wo Lea wie beschrieben durch Andeutungen, Codes und Allegorien irgendwann eine Kunstsprache herauf beschwört, genügt sich diese Sprache darin, banalen Alltag auf einer Weise zu beschreiben, dass auch banale Mittel reichen sollten, um die angeblichen Probleme zu lösen; Probleme, die man aber eigentlich auch schon wieder vergessen hat, wenn sie gelöst sind. Fataler Weise ist die Aussage, „Irgendwann ist jetzt“ ja verkehrt rum, denn die Hoffnung ruht ja darauf, dass jetzt endlich besagtes Irgendwann ist - und eben nicht umgekehrt. „Irgendwo da draussen“ ist im gewissen Sinne das gleiche Lied - das Aufraffen wird hier eben nicht zeitlich ins Irgendwann geschoben - sondern örtlich ins Irgendwo: „Irgendwo da draußen in einer andren Stadt / Gibt’s noch ein andres Leben, das ich hier jеtzt grad verpass’ / Würd alles einmal tauschеn, alles was ich hab’ / Denn irgendwo da draußen, da liegst du jetzt grade wach“, und noch zwei Lieder später stehen „Berge“ dem Aufraffen entgegen, die dann, Spoiler-Alert, im Refrain doch erklommen werden: „Ich zieh' los in die Berge, bis ich klarer seh’ / Kletter’ rauf auf die Gipfel, bis mir ein Licht aufgeht.“ - an diesen Zeilen haben sieben männliche Song-Texter herum geschraubt - warum haben die nicht mal alle Lyrics hintereinander weg gelesen oder eine Lektor:in engagiert? Diese Platte handelt derart monothematisch vom „einfach mal machen“, von besagtem Aufraffen - das hätte doch jemandem auffallen müssen. Und dann dieser bestürzend einfallslose Pop-Sound - immer nur Basslauf, Gitarrenlicks, Synthietupfer und die immer gleichen Melodie-Ideen. Man hat das alles schon vergessen, bevor es Eingängigkeit entfaltet.


Songs zum Sonntag /// 281121 /// heute: Chanson aus Kanada

Lys/// Der französische Chanson treibt gerade auch in Kanada wundervolle Blüten - Lou-Adriane Cassidy (siehe einen Post weiter unten) ist da nicht die Einzige. Die Songschreiberin und Sängerin Lysandre hat einen subtilen Loungepop für sich erfunden, der mit überraschenden Melodien und kompaktem Band-Sound zum Rotwein-Trinken äusserst geeignet erscheint. Als Signature-Song ihrer bisherigen Veröffentlichungen, ein Album soll im Frühjahr 2022 kommen, könnte man den Song „le paon impossible“ bezeichnen: Dotzender ArinaeShuffle-Beat mit fluffigem Snaresound, beiläufig schnippischer Gesang und funky Bassorgel vermengen sich zu einem gut gelaunten Chansonschaum - herrlich. /// Ariane Roy mag vergleichbar beiläufig französisch singen - ihr Popentwurf ist ei anderer. Synthiepop ohne Drumcomputer, Indie könnte man auch sagen. Ihr auch gerade erst erschienener Song „Quand je serai grande“ klingt, als habe sie im letzten Moment entschieden, den Song schneller zu spielen, als sie ihn Fannyeigentlich komponiert hatte. Dadurch entsteht ein kompakter, wohliger, tanzbarer Groove mit nerdigen Synthie-Klängen und schöner Melodie. Wundervoll. /// Und noch einmal Chanson aus Kanada: Fanny Bloom kann auch herrlichen Buublegumpop, aber ihr neuester Song „Revivre“ ist eine zerbrechliche Pianoballade, die fast aus den Lautsprecher verschwinden könnte, ohne gehört zu werden - ein Klavierbett aus einfachen Arpeggi, schleichender Gesang und urplötzliche Holzbläser-Einwürfe - eine Lockdown-Aufnahme mit einer der längsten Generalpausen, die ich je in einem Popsong gehört habe. /// Alle drei Sängerinnen sind auf der ohnehin sehr lohnenswerten Plattform "Bandcamp" vertreten. Hier die Links ihrer Profile dort, wo man auch die jeweils erwähnten Songs findet: < Lysandre > /// < Ariane Roy > /// < Fanny Bloom > /// auf Bandcamp könnt ihr auch mir folgen: < Hier > ///


Da sind wir nun, unwissend

Die zweite Platte der wundervollen Lou-Adriane Cassidy

Im siebten Song erst kommen die hinreissenden Streicher, die das erste Album von Lou-Adriane Cassidy so dramatisch und schön gemacht haben. Das soeben erschienene Zweite ist in jeder Hinsicht rauher, ungeschliffener und sucht seinen Chanson-Entwurf nicht im Drama sondern gewissermassen im LouIndierock. Schon die Vorabsingle „J’espère encore que quelque part l’attente s’arrête“ war ein kurzer Wutschrei, ein Riff, eine Melodie, die Hoffnung, dass ein nicht näher erklärtes Warten ein Ende hat, und nach nicht einmal zwei Minuten ist das auch schon wieder vorbei. „Lou-Adriane Cassidy vous dit: Bonsoir“ heißt diese Platte, und sie sagt hier nicht nur guten Abend sondern singt natürlich auch  - von diffusen Ängsten, merkwürdigen Zeiten, besagten Hoffnungen und von Sex. Und natürlich Liebe. In 10 Songs von ingesamt gerade einmal 23 Minuten zieht sie unter ihren jazzigen Pop eine Prise Rock, nimmt einen kurzen Beatlesremiszenz-Umweg, zitiert Plastic Bertrand, findet zu einer zynischen Pianoballade und mixt das ganze zu einem diffusen Chansonschaum auf. Zum Schluss teil sie mit: „L’album est finit, nous voici arrivé á la sortie, vas meme decouder, mais ce n’est pas qu’un au revoir: Bonsoir, Bonsoir, Bonsoir.“ - wunderbar. („Das Album ist zu Ende, da sind wir nun unwissend am Ausgang, aber es ist nicht nur ein Abschied: Guten Abend. Guten Abend. Guten Abend.“) Vielleicht sind diese 23 Minuten was für Fans, ich bin einer, aber wer diese unfassbar großartige Sängerin aus Kanada für sich entdecken will, dem sei hier vielleicht eher ihr Debüt-Album „C’est la fin du monde à tous les jours“ ans Herz gelegt - < HIER > meine Huldigung dazu.


Emotions-Anleihen

Instant-FOMO: Der Helene Fischer-Ticket-Pre-Sale-Wahnsinn

Der Vorverkauf hat begonnen - wenn der Freedom Day abgefeiert, unsere halbjährliche Impfung Alltag geworden und die Ampel-Koalition 16 Monate im Amt gewesen ist, geht Helene Fischer auf große Tournee - 60 Konzerte plant die Eurodance-Sängerin ab Frühjahr 2023 zu ihrem gerade erschienenen Album „Rausch“; und ein Rausch soll auch das Konzerterlebnis werden. Die Show wird ihr auf den Leib geplant - und zwar von niemand Geringerem als dem Cirque Du Soleil. Auf einem Schwan zur Bühne fliegen, inszeniert von DJ Bobo, war gestern. Der Promotext verspricht, dass "Die Erfolgskünstlerin mit ihrer Vielseitigkeit, Wandlungsfähigkeit und ihrem Wagemut einmal mehr Gesang, Tanz und Artistik zu einem Gesamtkunstwerk von ungeheurer Grandezza und Intensität verbindet.“ - klingt als habe die Sache schon statt gefunden. Hier finden also zwei Phänomene zueinander, die immer wieder mal miteinander flirten: Pop und Zirkus. Was sie verbindet ist die zunächst sinn-entkoppelte Hingabe, die auf anderer Ebene wieder mit Inhalt und Emotion aufgeladen werden kann, eine hingebungsvolle Leerstelle, die leuchtet, weil sich ihr hingegeben wird. Wenn Fischer ihre Entgrenzungslyrik in der Melodie eine Quart höher schraubt, werden Trapezkünstler:innen an Schaukeln über die Köpfe des Publikums schweben. Die Menschen werden mit offenen Mündern in den Veltins- und Mastercard-Hallen stehen, denn das wird alles ganz sicher ziemlich erstaunlich.

Bildschirmfoto 2021-11-23 um 09.28.14

Die volle Live-Überwältigung ist dabei eigentlich die visuelle und logische Konsequenz aus dem antiseptischen Entgrenzungs-Pop von Helene Fischer. Als ich von der kommenden Tour las, war ich allein schon von der Ankündigung so eingenommen, dass ich dachte: Da muss selbst ich hin. Obwohl das Ganze erst in eineinhalb Jahren losgeht, setzte bei mir eine Instant-Fear-Of-Missing-Out ein. Himmel! Selbst die Pre-Sale-Paket-Namen sind von lyrischer Promo-Schönheit. Wer sich jetzt schon ein Ticket sichert, der hat die Wahl zwischen dem „Blitz! Early-Entry-Paket“ (ab 249 Euro), dem „Jetzt-Oder-Nie-Hot-Ticket“ (ab 279 Euro) oder dem „Wir werden Eins - Golden-Circle-Paket“ (ab 299 Euro). Egal für welches Package man sich entscheidet, dazu buchen kann man dann noch das „Helene Fischer Collector Ticket im Design der "Rausch - Live" Tour 2023“ - eine Plastik-Karte mit gestanztem Baumwoll-Band, das sicher auch noch mal 30 Euro oder so kostet. Man hat das Gefühl, hier werden nicht Eintrittskarten verkauft - sondern Emotions-Anleihen auf die Zukunft.

Wer das von aussen betrachtet, der findet das sicher befremdlich, aber man hat auch den Eindruck, dass hier ein Scheitern ausgeschlossen wird - wer heute schon so viel Geld für eine Ereignis ausgibt, dass im März 2023 stattfindet, der wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch begeistert sein, im März 2023. Es ist dies ein Termingeschäft mit Überwältigung, das man mit der Ticketfirma eingeht, und Helene Fischer ist die Erfolgsgarantin für diesen Kaufvertrag. Man wünscht sich fast, dass man dazu gehört und das auch irre finden und über ein Jahr Vorfreude haben könnte.


Infratest Voicemap 2021

Statistiken zu den Blind Auditions bei "The Voice Of Germany 2021" - (Staffel 11)

Die elfte Staffel der Castingshow „The Voice Of Germany“ ist in vollem Gange. Derzeit werden die Folgen der zweiten Runde, der so genannten Battles ausgestrahlt. Diese sind in diesem Jahr, das sei hier nur am Rande erwähnt, unter geänderten Wettbewerbs-Statuten ausgetragen worden, die der Sache stark geschadet haben: War es bislang ein Vabanque-Spiel zwischen Kooperation und Konkurrenz, das bestenfalls tatsächlich Kreativität freisetzte, weil sich zwei Sänger:innen in ein Boot setzten, hat nun die gegenseitige Missgunst das Steuer übernommen, weil die Coaches jeweils eine Teilnehmer:in von Dreien schon vor der eigentlichen Show raus werfen müssen. Das ist unfassbar blöd. Es produziert Dramaturgien des Trash-TVs. Wenn „The Voice“ so ist, ist es keinen Deut besser als DSDS-Bohlen.

Doch heute soll es um die statistische Auswertung der ersten Runde, den Blind Auditions gehen. Ich habe wieder sämtlich dort gesungenen Lieder nach Genre, Jahrzehnt der Veröffentlichung und Tempo erfasst und für diese jeweils errechnet, wie viel durchschnittlich von den Coaches gebuzzert wurde. Die Anzahl der gesamten Coaches also, die für zum Beispiel Lieder der 80er Jahre (22) gebuzzert haben, durch die Anzahl der Lieder aus diesem Jahrzehnt (13) ergibt den Buzzerschnitt für Songs der 80er (Ø = 1,69). Die sich daraus ergebenen Statistiken sind natürlich wunderschön. Man könnte zum Beispiel daraus ableiten, dass bei The Voice die besten Chancen hat, weiter zu kommen, wenn sie / er ultraschnelle Songs der 60er Jahre im Jazzsound singt. Dass man sich dafür als Sänger:in natürlich auch eignen müsste, ist mir auch klar - diese meine Listen sind also ebenso blödsinnig wie wunderbar, weil sie, mir zumindest, unfassbar Spass machen.

Eines kann man in diesem Jahr schon mal erfreulich fest stellen: Konnte ich auch im letzten Jahr meinen Eindruck statistisch untermauern, dass Männer es bei The Volice leichter haben, hat sich das Ganze in diesem Jahr gedreht.

Buzzerschnitt Frauen 2021     Ø 1,76 Vorjahr Ø 1,5

Buzerschnitt  Männer 2021     Ø 1,50 Vorjahr Ø 2,0

Statistischen Staub aufgewirbelt hat bei den Coaches in diesem Jahr Sarah Connor - sie hat die meisten 4er-Buzzer eingeheimst und ihr Team kommt somit auf einen Traumwert von Buzzerschnitt:

Mark Forster     Ø 1,50

Nico Santos      Ø 2,94

Sarah Connor     Ø 3,04

Johannes Oerding Ø 2,42

Hier nun also die drei Balkendiagramme zu Genres, Jahrzehnt und Tempo der gesungenen Songs. (Vorjahreszahlen findet ihr in der Kategorie "Listen Listen Listen")

Buzzerschnitte nach Jahrzehnt der gesungenen Songs.

Balken_jahrzehnt

Buzzerschnitte nach Genres der gesungenen Songs.

Balken_genre

Buzzerschnitte nach Tempi der gesungenen Songs: 1: Ballade / 2: schnellere Ballade / 3: Uptempo  / 4: Uptempo + / 5: Dance, Disco / 06: Dance, Funk, Metal.

Balken_tempi


Infratest Voicemap 2021

Big Data zu den Blind Auditions von "The Voice Of Germany" Staffel 11  - 2021

Folge 01 REINE ZAHLEN

2285173-1024x682Auch in diesem Jahr hat der Popticker die Blind Auditions von Voice Of Germany statistisch analysiert. Kern meiner Analysen ist wie bereits in den letzten Jahren der von mir erfundene Quotient namens Buzzerschnitt. Er benennt den durchschnittlichen Wert an Buzzern, den ein Song oder eine Teilnehmer:innen-Gruppe erzielt - mehr dazu morgen. Heute kommt hier erst einmal das reine Zahlenkonvolut - welche Songs wurden gesungen, bzw. welchem Genre gehörten sie an, aus welchem Jahrzehnt stammen sie, und was für Tempi haben diese Songs. Morgen dann auch aufgeschlüsselt nach denselben Kategorien die jeweiligen Buzzerschnitte. Viel Spass an den Daten wünscht der Popticker.

                           in Runde 2

Teilnehmer:innen      117  75

FRAUEN                050  34

MÄNNER                061  36

DUO / TRIO / MEHR     006  05

 

Songs gesamt          117

davon

Pop                   034

Deutschpop            023

Rock                  014

Soul                  013

Pianoballaden         007

Rap                   005

Traditionals          004

Jazz/Country/Folk   je 03

Latin/Disco/Musical je 02

Metal/Blues/Reagge  je 01

 

Songs aus den

60ern                 005

70ern                 007

80ern                 013

90ern                 002

00ern                 014

10ern                 058

20ern                 015

 

Songtempo

01 Ballade            018

02 schnellere Ballade 030

03 Ballade / Uptempo  030

04 gehobenes Uptempo  021

05 Disco, Dance       014

06 Metal, Funk        004

Auffällig an den diesjährigen Zahlen ist, der noch klarere Trend zu aktuellen Songs. Das mit Abstand meist gespielte Jahrzehnt sind die Zehner. Ich habe in diesem Jahr auch die 20er mit aufgenommen, Songs aus diesem Jahrzehnt gab es immerhin 15 - ein hoher Wert, wenn man bedenkt, dass in diese Kategorie ja nur die Jahre 2020 und 2021 fallen. Die 90er sind der große Verlierer bei den reinen Zahlen - nur 2 Songs stammen aus dem Jahrzehnt von Grunge, Eurodance und Techno.


Songs zum Sonntag /// 141121 ///

Bildschirmfoto 2021-11-14 um 16.17.39/// Den Preis für den besten Reim in einem Popsong bekommt dieses Jahr vermutlich Antje Schomaker für: „Kann doch nicht sein, dass man nur relevant ist / Wenn man Rapper oder 'n alter weißer Mann wie James Blunt ist.“ Es ist dies eine Zeile in dem wunderbaren Rant in Songform über Pop im Allgemeinen, das Musikbusiness im Speziellen, den Anforderungen, die an eine Sängerin gestellt werden, im noch Spezielleren, und was man eben angeblich alles tun muss, um Indiepop zu machen - nämlich gar nichts. „Ich muss gar nichts“ ist jedenfalls Refrain und Titel des Songs, während die Strophen eben unter anderm aufzählen, was man angeblich doch muss. Vorgetragen ist das Ganze in fast in einem Rap auf Synthiepop, und überhaupt mag ich die Synthiepopsongs von Antje Schomaker wahnsinnig gern, und eben diesen Song noch mal im Speziellen wahnsinnig gerne und meine Tochter im noch Spezielleren noch wahnsinniger gerner. Wenn er nicht in der Bildschirmfoto 2021-11-14 um 16.17.25Küche läuft, schallt er aus dem Kinderzimmer, aber naja, er hat meiner Tochter auch eine Antwort auf Aufforderungen geliefert, wenn sie zum Beispiel aufräumen soll. Zumindest, wenn ich diese Aufforderung mit Müssen verknüpfe. Ich: Du musst noch aufräumen. Sie: Ich muss gar nichts. Aber das Ganze ist es mir wert. Der Song ist super. /// Das australische Produzentenduo „flight facilities“ hat sich für sein aktuelles Album einige Sänger:innen eingeladen - darunter „your Smith“, wie sich Carolin Smith nennt, ach, und wenn die schon mal singt, hat man eh schon einiges richtig gemacht. Der Lofi-Disco-Track „heavy“ floatet entspannt durch ein klassisches Akkordschema mit fluffigem Beat und spätem Synthie-Bass, findet seichte Steigerung, und ist eines dieser Lieder, das nicht viel Aufhebens um sich selber macht, nach seinen 3:22 Minuten aber habe zumindest ich immer bessere Laune als vorher, und wie gesagt: „your Smith“ kann von mir aus das Telefonbuch singen. /// Links: Audio YouTube < ich muss gar nichts > Video < heavy >