In der Popmusik erkennen wir das Neue wieder.

Von der Erbschaftssteuer absetzen

80er-Erfolg verwalten mit Eros, Billy und Marian

„Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht erlebt.“, hat Falco einst gesagt, und wir hatten hier im Popticker erst kürzlich wieder fest gestellt, dass, diejenigen, die sich heute auf die 80er berufen, nicht unbedingt Menschen sein müssen, die in den 80er schon auf der Welt waren; aber dennoch gibt es natürlich Musiker:innen, die sich zwar vielleicht nicht an die 80er erinnern, die sie aber erlebt haben und auch heute noch leben - schauen wir also heute auf drei solcher Interpreten, ja, es sind alles Männer, die in den 80ern bekannt wurden und alle drei soeben neue Veröffentlichungen auf den Markt geworfen haben: Alphaville, Billy Idol und Eros Ramazzotti.

Bildschirmfoto 2022-09-23 um 17.38.42Billy Idol ist auch 2022 und mit bald schon 70 Jahren auf dem Buckel Billy Idol; oder vielmehr ist William Michael Albert Broad mit der von ihm erschaffenen Kunstfigur Billy Idol immer identischer geworden, und jetzt leben zwei Seelen, ach, in seinem nach unten gezogenen Mundwinkel. Merkwürdiger Weise funktioniert seine Musik auch immer noch gut: Seine soeben erschienen EP „The Cage“ mit vier Songs jedenfalls zeigt das altbewährte Idol-Rezept: Harte Gitarren-Kaskaden von Steve Stevens werden mit den Mitteln des Pop gebändigt zu einem, klar, Poprock, der jederzeit von Messers Schneide in Hardrock oder fluffigen Pop kippen kann. Zwar sind die vier neuen Songs keine Hits wie „Flesh For Fantasy“ oder „Eyes Without A Face“, aber Hits hat er ja schon, und eine solche EP wie diese Neue jetzt ist auch eher da, um nicht einzurosten und an alte Hits zu erinnern statt neue zu liefern.

Bildschirmfoto 2022-09-23 um 17.38.57Selbiges könnte man über Eros Ramazzotti sagen, aber sein neues Album „Battito Infinito“ ist schon um einiges aufwendiger als eine EP auf Rezept. Ramazzotti bindet hier in seinen klassischen Italo-Rock-Sound Latin- und Afro-Beats, dotzenden Pop und symphonische Breite ein. Natürlich ist das alles gefällig und als Restaurant-Hintergrund tauglich, dennoch kann man nicht den Vorwurf erheben, hier ruhe sich jemand auf seinen Lorbeeren aus - mit "Madonna De Guadalupe" ist eine veritable Weltpop-Perle gelungen, und "Filgli Della Terra" ist ein Italo-Ohrwurm im Duett mit Jovanotti, dass man gleich noch einen Wein bestellen möchte: Das Album ist interessant und abwechslungsreich.

Keine wirkliche Idee, wie man 2022 mit dem Erbe einiger Hits in den Bildschirmfoto 2022-09-23 um 17.38.2680ern umgehen könnte, haben Alphaville bislang gehabt - zunächst hat sich die Idee Alphaville durchaus verkürzt auf deren Sänger Marian Gold, der es auch schon im Popmusik-Fernsehen versucht hat und nun als einziges Bandmitglied auf dem neuem Album zu sehen ist - als weiß getünchte Steinfigur, als wäre er ein Denkmal. Man fragt sich schon bei dem Cover, was man sich dabei gedacht hat. Und die Musik auf der Platte sind Orchester-Versionen der Alphavillschen Synthiepophits, und diese ganzen Orchester-Projekte von Pophits haben fast noch nie funktioniert. Nicht mal Sting hat das hinbekommen. Aber bei Alphaville ist das Ganze wirklich vollkommen überflüssig: Das Filmorchester Babelsberg ist so komprimiert zusammen produziert, dass sie wieder wie Synthies klingen, und die Akzentuierungen in den teils ja doch recht filigranen Originalversionen sind daher so abgeschliffen und eingedampft, dass diese Neuaufnahmen flach und langweilig daher kommen. Nirgendwo ist eine Idee zu spüren, worin der Mehrwert dieses Albums sein könnte, ausser eben mehr Wert zu suggerieren.


Britische Prise Poesie

Bess Atwell zoomt mit ihrer Musik aus sich heraus

Zwar könnte, wenn es nach mir ginge, Bess Atwell, auch das Telefonbuch von Brighton singen, und ich würde es mir anhören, weil mir ihre warm-füllende und gleichzeitig zurückhaltende Stimme einfach gefällt, aber die alte Telefonbuch-Metapher würde ja nichts darüber erzählen, was für großartige Songs die britische Folksängerin schreibt. Über das britische Songwriting wird ja oft gesagt, es bestehe in der Kunst, in privaten, subjektiven Beobachtungen, größere, gar gesellschaftliche oder politische Zusammenhänge mithören zu lassen, ohne diese plump in die Welt zu schreien. Bei Bess Atwell kommt noch eine Prise Poesie dazu, die sie nutzt, um Bildschirmfoto 2022-09-20 um 10.33.31innere Zustände zu beschreiben - „time comes in roses“ heißt zum Beispiel einer der schönsten Songs auf ihrem aktuellen Album „Already, Always“: „But time comes in roses, I really love ya / I’m tired of being like my mother / I get excited, I get depressed / I’m never happy with how I'm dressed“ - und ehe man sich in das singende Ich einhört, hat man das Lied bereits auf sich bezogen. 

„Silver Fir“ hat die visuelle Kraft von Filmeinstellungen, als wäre der Song auch ein Drehbuch: „Pink house with the circular / Windows and a silver fir / Peanuts in my sandwiches / On the white bread / In your basement“ - wenig Worte und doch wird viel erzählt, faszinierend. In „How Do You Leave“ fragt sie dann auf einmal, wie man sich trennt - auch dieses Lied scheint nahezu unverschämt privat und gleichzeitig sezierend objektiv.

Für diese großartigen Lieder, und als Bett für ihre Stimme hat Atwell einen Folkentwurf mit Mitteln von Rock-Klängen ersonnen, einen flächigen, geraden Sound mit E-Piano, E-Gitarren und fluffigen Beats, der sanft durch das Ohr trägt. Aber diese Musik ergeht sich nicht in Harmonie, hinter den tragenden Riffs lauern eben Verwerfungen, weil die Themen, über die Atwell singt, keinen Anschluss mit den Mitteln der Harmonie finden. Wer sich je gefragt hat, was britischer Folk eigentlich sein soll, der findet auf diesem Album die Antwort.

Link:

https://www.bessatwell.com/


Vaudeville-Chanson der Liebe und Hoffnung

Die neue Single von Florian Paul und seiner Kapelle

Von „Florian Paul & der Kapelle der letzten Hoffnung“ haben wir hier im Popticker schon öfter geschrieben, auch dem Album „Auf Sand gebaut“ wurde < HIER > schon gehuldigt, aber wenn heute die neue Single „Bar Kalypso“ erscheint, ist es Grund genug, um erneut zu erwähnen, dass es derzeit keine bessere deutschsprachige Popmusik gibt als diese. Erwähnte „Bar Kalypso“ beginnt mit tiefer Saxofonmelodie und getupften Klaviersprenkeln, Forian Paul singt ebenfalls eher tief und zurück gehalten, aber der ganze Anfang, Intro und Strophe tragen die Atmosphäre der Eskalation, der Ruhe vor dem Sturm mit sich, und so ist es dann auch: Vor dem Refrain tankt der Song noch einmal Ruhe, um sich dann in einem Cresendo aufzubauschen und in einen siwngenden B-Teil mit scharfen Bläsersätzen und Einladung zum Lilly-Hop zu eskalieren - spätestens mit dieser Single wird deutlich, dass nicht nur Florian Paul mitreissende Songs schreibt und singt, sondern auch, dass die Kapelle der letzen Hoffnung eine famose Band mit exzellenten Musiker:innen ist.

Und Paul hat sich für die „Bar Kalypso“ auch noch Verstärkung ans Mikrofon geholt, MOLA, eine junge Sängerin aus München, deren eigenen Veröffentlichungen zwischen ironischem Schlager und Indie-Songwriting pendeln - zu Zweit schaukeln sich die beiden in eine hedonistische Eloge ans Leben, in deren Tunneln immer auch irgendeine Hoffnung schimmert: „Trink noch ein letztes Glas auf die Liebe / nimm einen letzten Schluck auf die Lust / ach wenn doch alles für immer so bliebe / Wie schmeckt ein wirklich unsterblicher Kuss? // Erst wenn die letzte Schlacht endlich verloren ist, dann macht das Leben wieder Spass / für einen Augenblick oder die Ewigkeit / wo ist der Anfang, wo der Schluss?“


Das Video zur „Bar Kalypso“ ist dem Film zum Album entnommen, das in voller Länge im Oktober erscheint. Der Film, soweit man ihn nun schon gesehen hat, ist fast die Milieu-Studie einer bizarren, fiktiven Gesellschaft in einem unentrinnbaren Haus. Das ritualisierte Tun und Lassen der dort lebenden Menschen ist ähnlich defätistisch und gleichzeitig hinreissend hoffnungsvoll wie die Musik von Florian Paul und seiner Kapelle der, sie heißen eben nicht zufällig so, letzten Hoffnung. Die Bar Kalypso ist in diesem Haus die Hausbar, und die Menschen dort trinken blaue Drinks - einmal mehr zeigt sich die Musik von Paul und Kapelle, als wäre sie einer bunten Brecht-Inszenierung entnommen. Wunderbar!


A walk out of my masterpiece

Robbie Williams leidet unter seinem Bedeutungsverlust

Moment mal, ein Best-Of-Album von Robbie Williams? Gibt es das nicht längst? Doch schon. Aber zum 25-jährigem Jubiläum des Beginns seiner Solo-Karriere hat er alle seine Hits noch mal mit Orchester eingespielt. He? Gab es das nicht auch schon längst? Eines seiner gefühlt 7 Swingalben wird doch sicher mit seinen Hits gewesen sein. Nein, nein - nichts da Swing: Mit breitwandigen Streichern und Poporchesterpathos, mit wehenden Fahnen und fast schon riefenstahlschem Cover-Foto verkauft Robbie Williams nun seinen Song-Katalog. Der Aufwand, der dabei für dieses „Best-Of“ betrieben wurde, die Art und Weise, wie hier mit den Mitteln der Klang-Komprimierung das Orchester in die Breite gezogen wird, so dass das Ganze auf jeder Boombox noch nach Waldbühne klingt, ist enorm. Die ohnehin schon effekthascherischen Songs, die meisten aus der Feder von Williams’ Haus- und Hofkomponist Guy-Chambers klingen nun noch triefiger, pathetischer und bombastischer. Da waren wirklich Spezialisten am Werk, irgendwelche Soundingenieure, die für Williams diese Breitwand-Klangbetten ausproduziert haben, - und sie dann ihrem Kunden vorgespielt.

XxvAber leider scheint Robbie das Interesse an seinen eigenen Hits verloren zu haben. Mit stoischer Gleichgültigkeit singt er zum soundsovielten Male „Free“, „No Regrets“ und das unkaputtbare „Angels“ sowie noch weitere 26 Lieder. So betreibt die Williams die Selbstmusealisierung als trotziges Kind einer vergangenen Pop-Ära, in der noch CD-Verkäufe und MTV massgebende Kriterien waren, und beim dritten Lied will man dem guten Robbie zurufen: Wenn du so wenig Bock hast auf diese Platte, dann lass es doch vielleicht einfach sein. Aber er hat es natürlich nicht sein lassen, und als würde er sich selber rückversichern, dass er es doch noch kann, so beginnt diese Platte mit dem Queen-Wiedergänger „Let Me Entertain You“. Jaja. Darfst mich ja entertainen, Robbie. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass Williams zum ultimativ letzten Mal diese Bitte äussert, man möge sich von ihm unterhalten lassen; und danach begräbt er dann seinen Song-Katalog in Schmalz und Zucker. Wobei Pathos und Selbstmitleid ausreichen, um gleich die gesamte Popmusik als solche mit in den Abgrund zu reissen - dieses merkwürdige Album mit dem Titel „XXV“ ist ein Requiem auf alles Populäre in der den 90ern vollkommen fremden Ära der Postcharts. Getreu dem Motto: Wenn ich, Robbie fucking Williams, schon kein Popstar mehr bin, soll es auch gar kein Pop mehr geben - nach mir die Sintflut.

Der einzig neue Song auf diesem Abgesang von Album heißt bezeichnender Weise „Lost“, und hier klagt er dann auch, dass er mit diesem Jahrzehnt von Tik Tok, Hyperpop und Viralität statt Chartstauglichkeit so gar nichts anfangen kann: „I lost my place in life / I lost my point of view / I lost what it is to love / When I lost my faith in you / A walk out of my masterpiece / To the nothingness greeting me / Everything smells like sympathy.“ - ach naja. Irgendwo hat er ja auch Recht: Was ist uns denn vom Pop geblieben? Nichts. Aber eben auch alles. Denn von irgendwoher kommt dann auch wieder eine Billie Eilish oder eine Olivia Rodrigo und weist auf, dass Pop ebenso kurzlebig wie ewig ist, und mit ein bisschen Augenzwinkern kann man auch ohne Selbstmitleid noch mitreissende Popmusik machen, wenn man fast 50 ist.


Songs zum Sonntag 180822

Henriette/// Wäre die Welt eine Bessere, wenn die Frauen das Sagen hätten? Diese rhetorische Frage stellt sich die Sängerin und Songwriterin „Henriette“ in Bezug auf Henry VIII, König von England von 1509 bis 1547 - was wäre gewesen, wenn es eine Henriette VIII gegeben hätte? Wir haben es also, da Henriette ja Henriette heißt, mit ihrer Phantasie zu tun, sie selber wäre im 16. Jahrhundert Königin gewesen - das ist doch auch mal ein Thema für einen Song. Von Henrys sechs Frauen pickt sich Henriette als Henriette VIII die vierte Frau, Anna Boleyn, heraus und macht diese wiederum zu einem Mann, Dan Boleyn. Dieses etwas komplizierte Denkmodell also ist nun Quelle für einen country-getränkten Indie-Folksong: „Here’s the story / Of how it would have been / If Henriette VIII / Had dated Dan Boleyn / The queen of heart / Wasn’t all about a son / Just waiting on her Jack / And she only wanted one.“ - die blutig-historischen Realitäten und feministischen, nicht sehr viel unblutigeren Phantasien kommen dabei mit einer Portion Understatement daher - eine Schelmin, die Böses denkt, wenn frau diesen Song zum ersten Mal hört. Es lauern lyrische Abgründe, die sich vielleicht auch ein wenig in der Musik hätten wiederfinden können, um dem Song die Tiefe zu verpassen, die er letztlich für sich beansprucht. Nun, sehr ungewöhnlich in jeden Fall. Finder/// Ein wenig gewöhnlicher vielleicht, aber im Pop ist gewöhnlich ja mitnichten per se negativ, ist der Poprocksong mit schönen Sprachbildern und zerrenden Gitarren des Hannoveraners „Finder“, das dieser am Freitag heraus gebracht hat - „Herz und Kopf“ heißt er. Auch 80er-Anleihen hören wir hier, ein Popentwurf irgendwo zwischen Heinz-Rudolf Kunze und britischem Synthiepop - 40 Jahre, nachdem die 80er begonnen haben, klingen sie vermehrt auch bei Musiker:innen an, die die 40 noch nicht erreicht haben - getreu Falcos Motto, dass wer die 80er erlebt hat, sich nicht an sie erinnern kann, erinnern sich also jetzt die, die sie nicht erlebt haben. Finder singt Sätze, die nicht zusammen geklaubt wirken und eine Ehrlichkeit suchen: „Ich mach die Augen auf / die letzten Strahlen finden mich / es wird langsam kalt / doch ich warte hier auf dich.“ - lyrisch ist Finder vielleicht eine Spur origineller als musikalisch, aber mir ist dieses Lied sehr sympathisch. /// Video-Links: < Henriette VIII > /// < Herz und Kopf > ///


Das Hit-Rezept

Elton John hat eine neue Form der Musealisierung seines Songs-Katalogs erfunden

He did it again - Elton John, der alte Haudegen, hat die Prinzipien seines Konsens-Streichs „Cold Heart“ in ein Rezept übersetzt und nach diesem Rezept dann wieder einen Hit gekocht. Das Rezept lautet hierbei: Nimm einen alten Schmachtfetzen von Elton John, Holdmelass Dir ein Uptempo-Dancebeat drunter legen, engagiere einen weiblichen Popstar als Duettpartner, und nimm eine andere Zeile als Titel - fertig ist die Laube. Statt „sacrifice“ hat Elton nun „tiny dancer“ überschrieben, statt Dua Lipa hat er sich Britney Spears ans Mikrofon geholt, wieder aber ist aus einer Pianoballade ein Killer-Ohrwurm mit 120 Beats per minute geworden, der Dancefloor-Qualitäten hat, aber auch noch als Lounge-Pop zum Martini funktioniert - Titel des Ganzen: „Hold Me Closer“. Aber natürlich sind trotz aller Parallelen die Vorzeichen andere: Während Dua Lipa mit ihrer „Pop als Dienstleistung“-Attitüde im Elton-John-Fahrwasser fluffige Bescheidenheit unter den Überhit hob, ist die blosse Anwesenheit von Britney Spears sechs Jahre nach ihrer letzten Song-Veröffentlichung und ein halbes Jahr nach ihrer Befreiung aus der Vormundschaft ihres Vaters schon eine erfreuliche Sensation. Da kann „Hold Me Closer“ noch so unaufgeregt in die Ohren dotzen - hier hören wir auch pophistorische Meta-Ebenen mit, ob wir wollen oder nicht, und fast ist es so, als hätte Dua Lipa ihren Platz im virtuellen Raum eines Duetts mit Elton John geräumt, um Britney ein entspanntes Comeback zu ermöglichen. Das wirft automatisch die Frage auf: Was kommt als nächstes? „Blue Eyes“ als Uptempo-Ohrwurm im Duett mit Madonna, um diese aus ihrem aufkommenden Wahnsinn zu befreien? „Nikita“ mit Nelly Furtado? Oder „Goodbye Yellow Brick Road“ mit 120 Beat per minute zusammen mit Cindy Lauper? An möglichen Originalsongs aus dem Katalog von Elton und möglichen Partnerinnen für die Überschreibung mangelt es sicher nicht - der Popticker bewirbt sich mit genannten Ideen um einen Platz im Beraterstab von Sir John und wünscht ein schönes Wochenende.

 


Deppen-Noppen

Die CD wird 40

Compact_DiscDie CD war eine Verheißung, ihre Neuheit trug Versprechen der Moderne in sich, eine Moderne, die sich nicht zuletzt durch einen gewissen Kult der Verkleinerung definierte - auch Handys, wir erinnern uns, wurden eine zeitlang kleiner und mithin hipper; und natürlich war sie herrlich klein, die CD - und ist es bis heute. Meine erste Begegnung mit der CD hatte auch mit dieser Verkleinerung zu tun - lange bevor ich ein Abspielgerät für die komischen Scheiben hatte, und es ging um ein sehr tolles Album: „Nothing Like The Sun“ von Sting - im Karstadt in Darmstadt wurde die CD mit Sting und Sting mit CDs beworben, und als der Promotion-Stand dann abgebaut wurde, verschenkten sie die Booklets des Sting-Albums, das ich dann mit nach hause trug, und obgleich ich damals, vor 35 Jahren, noch keine Lesebrille brauchte, konnte ich die Songtexte auf dem Booklet nicht entziffern - man hatte das ganze Ding einfach verkleinert gedruckt, und die Schrift war so albern winzig, dass es eine Lupe brauchte, um Stings Songtexte zu lesen.

Aber nicht nur die Kleinheit der CD war verheißungsvoll, auch ihrer Haltbarkeit eilte der Ruf voraus, die Schallplatte zu toppen. Was für ein Irrtum! Die CD besteht aus Polycarbonat, einer dünnen Metallschicht sowie Schutzlacken und Druckfarben. Alle diese Schichten sind anfällig, und wenn die CD irgendwo beschädigt ist, dann springt sie nicht wie bei Vinyl-Platten und verursacht wie bei diesen vielleicht ein Kratzen, Rauschen oder irgendeine Verzerrung, nein, sie geht unter Umständen gar nicht mehr. Ein Klassiker der CD-Schäden ist, wo wir gerade dabei sind, das Herausbrechen der in der Mitte der Hülle im Kreis angeordneten Noppen, die die CD selber halten sollen, und wenn drei, vier fehlen, hält die CD sie nicht mehr sondern wackelt in der unfassbar hässlichen Plastikhülle bestürzend herum, und sobald also die Hülle hin ist, kann man sicher gehen, dass die Compact Disc dann auch zerkratzt.

5185mK1FE-L._SY498_BO1 204 203 200_Historisch ist die Compact Disc aber natürlich - erstmalig wurde der Schall auf ihr digitalisiert, und der digitale Aggregatzustand, an dessen derzeitigem Ende das Streaming steht, hat den Musikmarkt in einer Weise verändert, wie man sich das in den 90ern nicht vorzustellen vermochte. Die Verkleinerung des Objektes brachte quasi auch die Verkleinerung der Datenmenge mit sich, oder vielmehr wurde durch die Auflösung in Nullen und Einsen Musik erstmalig zu einer Datenmenge und verlor dadurch an Wert. Die Musikindustrie lamentierte in der Folge vom Entwerten der Musik durch das massenhafte Teilen via Napster etc., ohne zu erkennen, dass die Entwertung von Musik als Daten von ihnen erfunden ward.

Für Nutzer:innen des neuen Musikträgers stand das Digitale aber nicht im Vordergrund, der größte, spürbare und emotionale Unterschied zwischen Platte und CD war die Tatsache, dass es nicht mehr zwei Seiten gab, man musste nichts mehr rumdrehen. Das führte auch zu einem viel größeren Gefälle der Abspielhäufigkeit von Tracks: Auf der Seite einer Platte sind im Durchschnitt 5 bis 6 Songs, und wenn man eben eine Seite erst einmal aufgelegt hat, hört man diese 5-5 Songs auch meistens. Auf die CD passen 74 Minuten Musik, und die Lieder, die sonst die letzten beiden auf Seite 2 eines Albums waren, wurden nun zum neunten, zehnten, Song, oft genug, wenn man noch Bonus drauf packt, erklingen die letzten Lieder erst nach mehr als einer Stunde - und also im Schnitt deutlich seltener. Hinzu kam, dass bestimmte dramaturgische Funktionen von Songs innerhalb eines Albums nicht mehr nötig waren - man könnte beispielsweise ein Buch über ideale erste Songs auf B-Seiten von Schallplatten schreiben, aber ein Abhandlung über die gelungensten sechsten Lieder auf einer CD wäre vermutlich öde. Diese Tatsache brachte allerdings auch ein neues Phänomen: Den hidden Track. Einen Song, der auf keiner Liste stand, und der nach 5, 10 Minuten Stille plötzlich in der Küche erklang, das war lustig. Dennoch ist die CD weit hinter Vinyl, Kassetten, Download und Streaming das unsexyste Medium, mit dem Musik hören kann - Happy Birthday.


Songs zum Sonntag

Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.38heute aus Norwegen /// 170722 /// a-ha / I’m in /// Seit einer Doku über die Band „a-ha“ wissen wir, dass die drei Norweger mitnichten drei enge Freunde sind, sondern für ihre Existenz als Band über Missgunst, Skepsis und Genervtheiten hinweg kämpfen müssen. Einmal haben sie sich auch schon aufgelöst und dann wieder zusammen gerauft. Nun erscheint Ende des Jahres eine neues Album, „True North“, und die erste Single ist soeben erschienen Sie heißt „I’m in“ und ist ein klassischer a-ha-Song: orchestraler Pathos, Harkets Falsett-Gesang und getragene Melodie - Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.19immer ganz nah zu Kitsch und Bombast bekommen sie auch hier wieder die Kurve zu nonchalantem Pop. So treu sie sich da also bleiben - brauchen tut man das nicht, aber dass sie das, was sie können, immer noch können, ist schon auch toll. /// Ka2 & Gabrielle / i natt /// Bleiben wir doch einfach mal in Norwegen: „Ka2“ spielen einen herrlichen Synthiepop mit sommerlichem easy-listening, ablenkend gut gelaunt und fluffig. Ihre neue Single mit der ebenfalls norwegischen Sängerin „Gabrielle“ ist in meinem iPhone schon zum Sommerhit geworden: Uptempo-Mittwipp-Beat, flächige Synths und herrliches Norwegisch, das ich so gerne höre - nordischer kann ein Song kaum in die Sonne passen. /// Links /// a-ha / I'm in (video) /// Ka2 & Gabrielle / i natt (audio) ///


Dieter, so nicht

Endlich: Das Ende von DSDS

„Take me tonight“, singt am 08. März 2003 Alexander Klaws im Finale der Show „Deutschland sucht den Superstar“ - und diese Zeile ist natürlich, wie man es dreht und wendet, unfassbarer Blödsinn. Man konnte es also wissen; und vielleicht hätte Anfang 2003 irgendjemand Größe beweisen müssen und dem eigentlichen Superstar dieser Show ins Gesicht sagen sollen: „Dieter, so geht das nicht“. Hat aber niemand. Und so konnte Bohlen dann also die historischen Irrtümer, er sei ein Poptitan und könne Englisch, im Fernsehen verlängern. Was viele vielleicht gar nicht mehr erinnern: An besagtem Abend erklang das „Lied“ „Take Me Tonight“ sogar gleich zweimal: Auch die zweite Finalistin Juliette Schoppmann musste diesen Quatsch singen, Sätze wie - nach bestem Gewissen übersetzt: „Oh Baby, wenn ich in Deine Augen sehe, fühlt es sich mir gut an.“ oder „Sag mir, dass ich dein bin, mach mich nicht blau.“ - und natürlich die Titelzeile: „Nimm mich heut nach, alles ist möglich.“

Immerhin konnte man sich vor 20 Jahren noch einbilden, es ginge um Popmusik, die Verheißung, Deutschland suche tatsächlich nach einem Superstar, konnte man mit einer schönen Portion Naivität noch glauben, und Bohlens letzter Hit war, als „DSDS“ startete, auch nur 16 Jahre her. Tatsächlich aber fand sich im Casten unbekannter Menschen ein emblematisches Schema für Popmusik im Privatfernsehen, und die Show „DSDS“ im Speziellen machte eine Entwicklung durch wie jüngst Streaming-Anbieter „spotify“: Von einer Plattform für Popmusik zum Content-Provider. Und anders als beispielsweise bei „The Voice Of Germany“ fand sich bei DSDS eigentlich kein Gewinner, der irgendeinen nennenswerten musikalischen Impuls gesetzt hätte. Man könnte eventuell Beatrice Egli nennen, deren Sieg im Jahre 2013 die Show für den Schlager öffnete und letztlich dem Schlager-Erfolg-Gatekeeper Florian Silbereisen als Juror den Weg ebnete. Aber die wenigen Teilnehmer:innen, über die man heute noch spricht, waren nicht die die jeweiligen Sieger (sieht man einmal von besagtem Klaws ab, der heute eine überraschend gute Figur als Winnetou in Bad Segeberg abgibt), sondern es waren die, die sich als bunte Vögel vermarkten liessen - ob sie nun wollten oder nicht. Man denke nur an den inzwischen ja leider unter sehr traurigen Umständen verstorbenen Daniel Küblböck, dessen verquerer und queerer Humor und Popentwurf noch heute erfrischend und auf seltsame Weise befreiend wirkt.

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DSDS-Titan Dieter Bohlen

Der Schmierstoff von „DSDS“ waren schon immer Emotionen, oder das, was das Fernsehen dafür hält, und die bekam man reichlich, weil Bohlen in dem gepflegten Irrglauben, er verstehe etwas von Pop, eine Form verbaler Demütigung von Kandidat:innen salonfähig machte, die man stillschweigend hinnahm wie sein verworrenes Englisch. Seine Allegorien, Stimmen zu umschreiben, fanden in einer Zeit, in der der Slogan „Geiz ist geil“ zur emblematischen Werbung wurde, einen substratigen Nährboden. Hätte sich die Show DSDS nicht diesem Botox-betankten Altherrenwitz in Camp-David-Shirts unterworfen, wer weiß, vielleicht hätte sich dann eine schöne Popsendung ergeben können, aber erst für die diesjährige 19. Staffel hat man ihn vor die Tür gesetzt, um nun also anzukündigen, ihn für die vorerst letzte Runde 2023 zurück zu holen.

Die Halbwertzeit der Popmusik, die DSDS hervor gebracht hat, war schon vor 20 Jahren überschaubar, und hat sich bis heute so sehr verkürzt, dass nun noch von Tausendstelwertzeit gesprochen werden kann. Dei Show karikiert sich nur noch selber, und da ist es eben auch kein Wunder, dass man dafür wieder Bohlen selber braucht. Das Aus für „Deutschland suche den Superstar“ ist eine gute Nachricht.


Zuckerreduziert

Die Liebäugeln mit Schlager ist als Kriterium auf der Suche nach Pop-Newcomer:innen angekommen

„Konstanze“, sagt Gordon Kämmerer zu seiner Schwester: „Lass uns doch mal n’ Schlagerhit machen, der dann viral geht.“ - ob er viral gehen wird, wissen wir nicht, aber was wir wissen, ist dass Konstanze Kämmerer sich von „Verhaltenstherapie“, wie sich ihr Bruder nennt, wenn er Popmusik macht, zu dem Schlagerhit hat überreden lassen: VerhaDer Song „Rote Rosen“ erscheint heute am 10. Juni, und sein Popentwurf siedelt irgendwo zwischen Catan, Andreas Dorau und Christian Steiffen - das sehr hübsche Promostichwort hierzu lautet: „New Wave Schlager“.

Ein zuverlässiges Trendbarometer ist nicht nur, wenn ein Untergrund-Phänomen in den Maistream wächst, sondern vor allem auch, wenn im Nachwuchs die Schnittstelle zwischen Indie-Whatever in den Mainstream gezielt gesucht und promoted wird. Und da nimmt es nicht Wunder, wenn auf einmal verschiedentliche Newcomer an den Schlagerrändern fischen, und es dort nicht immer trüb zu geht. „Geschwister“ jedenfalls, wie sich die Geschwister mit ihrem Lied „Rote Rosen“ nennen, unterwandern Euphorie und überbordende Emotionen mit einer gehörigen Portion Understatement. Ihr Schlager-Entwurf, wenn man ihn denn überhaupt so nennen will, findet zu allegorischen Zeilen: „Ist wie ein Strauch roter Rosen, Du stichst mich nieder.“ - nicht nur wechselt das angesungene Individuum von einer Sache zu einem Du, überhaupt spielen sich die Lyrics dieses versucht viralen Schlagerhits im Vagen ab (überhaupt ein Konzept im Pop von „Verhaltenstherapie“). Wenn der Song vorbei ist, bleibt ebenso vage, wohin Konstanze und Gordon damit wollen, und wie man es finden soll, aber in der Summe überwiegen bei mir die Sympathien für diese Fusion aus Nerdismus und Schlager.

FalkMit gänzlich anderer Gewichtung aber auch mit der letztlich irrigen Annahme, Schlager nachzubauen, geht der Sänger FALK seine Suche nach einem Popentwurf an. Er kommt allerdings auch mit einem Bein aus der NDW, wenn er Herbert Grönemeyers ersten Hit „Männer“ zitiert und im Songtitel die Frage stellt: „Wann ist der Mann ein Mann?“ - die Frage ist natürlich gestattet. Seine Idee, Schlager mit Rock zu unterwandern, ist zwar keineswegs neu und mit einem Vertreter wie Ben Zucker auch äusserst erfolgreich, dennoch merkt man der Musik von FALK an, dass er nicht von aussen konzeptioniert wurde, um an Gatekeeper wie Silbereisen vorbei zu kommen, aber dennoch reicht die mit Rock einher gehende Ironisierung von Gefühligkeit nicht aus, um Zeilen wie „Du bist die schönste Frau hier im Pub, lange Bein, Rock viel zu knapp“ eine Pop-Absolution zu erteilen. Wenn man also seine von Herbert übernommene Frage, Dagowann ein Mann ein Mann ist, stellt, so lautet bei dieser Single zumindest meine Antwort: 2022 sollte man als Mann sensibler dichten.

Ein im unterwanderten Schlager alter Hase ist Dagobert - man schaue sich nur noch mal seinen Auftritt im ZDF-Fernsehgarten mit seiner ersten Single überhaupt „zu jung“ an. Das war damals ultra-weird und nimmt sich heute völlig alltäglich aus - man merkt schon, wie aus Poprichtung nach der Schlagerwelt geschielt wird, während Helene Fischer und ihr Fahrwasser den dortigen Mainstream in Richtung Pop entgrenzt haben. Nun hat der schweizer Anzugträger auch schon wieder eine neue Langspielplatte im Rucksack, „Bonn Park“ wird sie heißen, und unabhängig Moritzdavon, dass so auch ein Kollege von mir heißt, und Dagobert sein Album in diesem Sinne auch „David Gieselmann“ hätte nennen können, ist die erste Single „Ich will ne Frau, die mich will“ so etwas wie eine Rückkehr zum Sound von „zu jung“, nachdem die letzte Platte recht darker Synthwave war. Gut, aber im Falle von Dagobert bin ich nicht neutral da Fan.

Der junge Osnabrücker Moritz Ley verortet sich und seinen Popentwurf, dem man freilich schon kaum mehr Schlager unterstellen möchte, dennoch im selben Spannungsfeld des Dabobert, irgendwo zwischen gefühligem Deutsch- und wavigem Synthiepop. Der Song „Bei mir“, letzte Woche erschienen, zeigt dann doch, wie filigran die Trennungslinien zwischen Popmusik und der einst hermetischen Volksmusik, um einmal dieses nicht ganz stimmige Synonym zu bemühen, inzwischen sind: Da muss man ganz schön hinterher musizieren, um die Sache noch in deutschen Soul oder so zu biegen. Dennoch ein ganz interessanter Newcomer - erwähnte Single „Bei mir“ ist die Dritte des Osnabrückers, und der Popticker bleibt dran, wenn Weiteres erscheint ...

/// Links zu den Musikvideos /// Geschwister "Rote Rosen" /// FALK "wann ist ein Mann ein Mann?"  /// Dagobert "ich will ne Frau, die mich will" /// Moritz Ley "bei mir" ///