80er & 90er--Bezüge

Songs zum Sonntag

Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.38heute aus Norwegen /// 170722 /// a-ha / I’m in /// Seit einer Doku über die Band „a-ha“ wissen wir, dass die drei Norweger mitnichten drei enge Freunde sind, sondern für ihre Existenz als Band über Missgunst, Skepsis und Genervtheiten hinweg kämpfen müssen. Einmal haben sie sich auch schon aufgelöst und dann wieder zusammen gerauft. Nun erscheint Ende des Jahres eine neues Album, „True North“, und die erste Single ist soeben erschienen Sie heißt „I’m in“ und ist ein klassischer a-ha-Song: orchestraler Pathos, Harkets Falsett-Gesang und getragene Melodie - Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.19immer ganz nah zu Kitsch und Bombast bekommen sie auch hier wieder die Kurve zu nonchalantem Pop. So treu sie sich da also bleiben - brauchen tut man das nicht, aber dass sie das, was sie können, immer noch können, ist schon auch toll. /// Ka2 & Gabrielle / i natt /// Bleiben wir doch einfach mal in Norwegen: „Ka2“ spielen einen herrlichen Synthiepop mit sommerlichem easy-listening, ablenkend gut gelaunt und fluffig. Ihre neue Single mit der ebenfalls norwegischen Sängerin „Gabrielle“ ist in meinem iPhone schon zum Sommerhit geworden: Uptempo-Mittwipp-Beat, flächige Synths und herrliches Norwegisch, das ich so gerne höre - nordischer kann ein Song kaum in die Sonne passen. /// Links /// a-ha / I'm in (video) /// Ka2 & Gabrielle / i natt (audio) ///


Schönheit und Anmut

Tears For Fears mit neuem Album nach 18 Jahren Pause

Wenn man sich die Geschichte der Popmusik anschaut, so könnte man als eine ihrer Mechaniken die Sehnsucht vieler Genres nach ihrer eigenen Entgrenzung betrachten - als wären also Genres und Sub-Genres, Kategorien und Schubladen der Popmusik Organismen, die aus sich selber treten möchten, durch Zellteilung, um Bild zu bleiben. Und es braucht gleichermassen Bands und Interpret:innen, die ihr jeweiliges Genre am Leben halten, ausdifferenzieren und es hegen und pflegen, als auch solche, die dem natürlichen Instinkt nach Erneuerung und Entgrenzung nachspüren. 

Wenden wir nun diese Sichtweise auf den Synthiepop der 80er an, so fallen einem sofort für beide Vorgehensweisen Beispiele eine - Bands also, die dem Synthiepop treu blieben und teils bis heute sind - wie a-ha, Depeche Mode, Eurythmics oder die Pet Shop Boys; genauso wie Formationen, die Auswege aus den doch recht starren Popentwürfen des New Wave suchten. Hier wären Talk Talk zu nennen, die zwar schon ihrem eigentlichen Genre  ein paar der elegantesten, und verschachtelsten Hits der 80er überhaupt abrangen, sich aber dann auf den Weg machten, orchestrale und jazzige Elemente in ihre Musik zu ziehen und einen Artpop kreierten, der in seiner düsteren Spleenigkeit bis heute seinesgleichen sucht; oder Spandau Ballet, die den reinen Synthiepop tatsächlich als eine der Ersten ad acta legten, nämlich als dieser noch gar nicht richtig boomte: Ihr 1984 erschienenes, drittes Album “true“ definierte ihren Signature-Sound: Loungepop mit Spuren von Rock, unfassbar weissem Soul und einer gehörigen Prise Barjazz. Oder aber, um die solle es heute gehen, Tears For Fears. Das Duo hatte mit „shout“, „mad world“ oder „everybody wants to rule the world“ veritable Hits und hätte es sich damit bequem machen können. Stattdessen nahmen sie ein riesiges Budget in die Hand, engagierten das Who is Who der damaligen Popmusik als Gaststars und nutzten Beatles’ „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ als Blaupause für eine Flucht aus dem Synthiepop: Drei Jahre Arbeit mündeten 1989 in dem Album „seeds of love“, eine virtuose Melange aus Artpop, Jazz, Blues, Folk und ihrer musikalischen Heimat, dem New Wave. Auf dem Weg zu dem Album feuerten Curt Smith und Roland Orzabal die eigentlich angedachten Produzenten Clive Langer und Alan Winstanley, und Orzabal übernahm den Job dann selbst.

Cover-tippingpoint

Und auch für ihr diesjähriges Comeback feuerten sie Soundtüfteler: Ihr eigentliches Label verordnete ihnen die Hipster-Produzenten Florian Reutter und Sacha Skarbek, aber das hat wohl nicht funktioniert. Wie dem auch sei: 18 Jahre nach ihrer letzten Platte ist im Februar nun „the tipping point“ erschienen, eine erratisches, philosophisches, nachdenkliches Werk, auf dem nicht die Machart, der Stilmix und der Bombast im Vordergrund stehen - sondern Songwriting. Die Lieder handeln vom Alter, vom Tod, von der Welt und der Eigenwahrnehmung, und Tears For Fears ziehen die Register ihrer Soundmittel behutsam und virtuos, um diese ihre Lieder emotional nahe zu bringen - der Opener "no Small thing" klingt nach Folk und 70er, der Titelsong zieht breite Flächen mit dem dem Synthesizer, "my demons" ist stampfender Rock, um nur drei Beispiele zu nennen. Und wie sie sich gesanglich einbringen, paritätisch, ergänzend, chorisch, abwechselnd, widersprechend oder zustimmend, das beherrschen sie nach 30 Jahren Bandgeschichte mittlerweile perfekt - man macht schon gar keine einzelnen Stimmen mehr aus, sondern man verortet den Gesang ganz einfach bei Tears For Fears. Das Duo schöpft aus der eigenen Geschichte und steht sowohl zu seinen 80er-Wurzeln als auch zu den Eskapaden ihrer Befreiung aus den 80ern, und ebendiese Versöhnung mit allen Phasen der Bandgeschichte macht "the tipping point" zu einem Alterswerk und befreit quasi "the seeds of love" von der Last, ein Wendepunkt zu sein. Schönheit und Anmut dieser Musik sind wohl das Ergebnis einer langjährigen Frage, wie Popmusik sein kann.


Kein Rauhbein, kein Riff

Bryan Adams behauptet, ein Album gemacht zu haben

Bildschirmfoto 2022-03-14 um 16.53.35Die neue Platte von Bryan Adams ist mutmasslich als post-corona-Veröffentlichung geplant und gemeint gewesen - sie heißt jedenfalls „So Happy It Hurts“. Irgendwie passt der Titel jetzt nicht mehr so richtig in die europäische Popkulturlandschaft, aber das nur nebenbei - der happy Poprock jedenfalls, den der notorisch heisere Fotograf auf diesem neuen Album zelebriert, ist im Grunde genommen wirklich so happy, dass es wehtut. Aber auch so überraschungslos, dass nichts wehtut. Im Grunde genommen ist das ein Rock-Album ohne Rock, es behauptet Riffs, Rauhbeinigkeit und Rebellion, aber zu keiner Sekunde kommen Riffs, Rauhbeinigkeit und Rebellion irgendwo an. Adams, mittlerweile auch ein veritabler Fotograf, macht Rock wie für ein Fashionmagazin, aber nun  gut: Seit je her gibt es für diese Art Musik durchaus einen Markt. Man fragt sich nur, wie irgendein:e Musiker:in damit zufrieden sein kann, wenn auf einer Platte von immerhin 45 Minuten Länge wirklich nichts in irgendeiner Form originell klingt. Und ich frage mich, warum ich mich damit überhaupt beschäftige.


In der großen Tradition der kleinen Haushaltswaren

Ohren auf Deutschpop werfen - Folge 22

Bildschirmfoto 2022-02-18 um 12.27.00Mangelnde Motivation und Freude daran, sich irgendwie neu zu erfinden, kann man Alexa Feser nicht vorwerfen. Nachdem sie mit Pianopop bekannt wurde und ihren Sound dann in Richtung eines deutschsprachigen Folks aufaddierte, klang sie zuletzt eher nach klassischem Deutschpop mit Band. Nun aber hat sie Trap-Beats unter elektrische Flächen gelegt und singt darauf ihre skeptischen Songtexte. Zwar benutzt sie nicht das trappige Autotune, mit dem man die Stimme umstandslos in das Soundbett einebnet, dennoch wirkt die ganze neue Platte „Liebe 404“ angesichts hoch-eomotionaler Texte, auf verstörende Weise eintönig. Um so merkwürdiger, dass Fesers Themen Optimierungswahn, Konformismus und mangelnder Individualismus sind: „Wir wollen höher, schneller, weiter / Wir wollen immer mehr / Mehr Geld, mehr Zeit, mehr Klicks, mehr Likes / Dem großen Traum hinterher / Wollen höher auf der Leiter / Bis wir den Himmel berühr’n / Das Gewicht unsrer Körper / Zwischen den Sternen verlier’n.“, heißt es im Titelsong. Aber gleichzeitig wirkt die Musik kon- und uniform. Ich bin mir nicht sicher, wie das zusammen passen soll. 

Bildschirmfoto 2022-02-18 um 12.27.32Jemand anders ist sich sicher: Seven. Sein neues Album heißt jedenfalls „ICH BIN MIR SICHER“ - und zwar in Großbuchstaben. Überhaupt ist das Album eine Art Durchhalteparole, als wären alle Lyrics in Großbuchstaben und mit vier Ausrufezeichen nach jeder Zeile gedichtet: „Das geht an jeden hier, ich will, dass ihr's alle wisst / Ich bin hier und du wo immer du auch bist / Verlier den Glauben nicht, ich vertrau auf dich / Ich bin hier und du wo immer du auch bist.“ - stilistisch befinden wir uns, zumindest nominell, auf dem Gebiet des Soul. Bildschirmfoto 2022-02-18 um 12.25.55Aber auch der Popentwurf von dem schweizer Sänger hat beim Umschwenken auf die deutsche Sprache ein wenig Schaden genommen, und aus dem zwar etwas seichten aber doch recht smoothen R & B ist ein etwas indifferenter Empowerment-Popsoul geworden. Aber ach, es ist auch völlig okay, das kann man schon machen.

Was man nicht machen kann oder zumindest nicht sollte, ist „Hotel California“ ins Deutsche übersetzen. Das Schlagerduo „Fantasy“ hat es doch gemacht, für ihre CD „Die Lieder unseres Lebens“, und ich bitte hiermit darum, diese Version unverzüglich zu verbieten: „Willkommen im Hotel California / Hier werden Träume wahr / Die Welt ist wunderbar / Die Sonne scheint immer im Hotel California / Und wer hier einmal war / Der kommt jedes Jahr“ - das ist nun wirklich der letzte Widersinn, das exakte Gegenteil dessen, was eigentlich in dem Lied gesungen wird. Strophe drei dann aber verstösst wirklich gegen alle Sitten - wenn man ein Bild im Museum bekritzelt, wird das doch auch bestraft: „Wir bestellten zwei Cola und blieben noch etwas da / Und dann sahen wir uns den Laden an, wie er wirklich war / Die Tapeten so billig, wie die Mädchen an der Bar / Und wir sagten zu dem Ober mit dem geschniegelten Haar / Dass ihr unter euch seid, ist ja eigentlich gut / Stecken Sie sich ihr Hotel doch heute einfach mal an den Hut / Dieser graue Betonklotz, verschandelt nur diesen Strand / Wir Bildschirmfoto 2022-02-18 um 12.26.34brauchen doch zum Schlafen nur ein Bett weißem Sand.“ - das singen die wirklich. Mir fehlen die Worte.

„Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“, ist vielleicht etwas für NDW-Nerds, aber „Bruttosozialprodukt“  kennen vermutlich die meisten. Nun wird seitens der Band, die dieses Lied spielt, wieder in die Hände gespuckt: „Geier Sturzflug“ sind wieder da. Und zwar mit Cannabis-positivem, deutschsprachigem Ska - tja warum auch nicht: „Jede Generation hat ihren eignen Mist und glaubt, dass ihrer der Bessere ist / aber wir brauchen uns nicht zu verstecken: Die alte Bürste kennt die Ecken.“ - was immer das bedeuten mag. Jedenfalls feierte die Band auch gerade erst ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum, und wer schon immer wissen wollte, wie IXI, Fräulein Menke oder Paso Doble heute aussehen, der schaue sich die Sturzflug-Webseite an, wo diese und andere NDW-Stars gratulieren. Das neue Album heißt „in der großem Tradition der kleinen Haushaltswaren“, und gegen ein Album, das so heißt, kann man schwerlich was sagen.

Links: < Website Alexa Feser > /// https://sevenmusic.de /// < Website Fantasy > /// 40 Jahre Geier Sturzflug


Welcome to the Tik-Tok California

Der Konsens ist vom Album in den Einzel-Song gewandert

Wir wissen nicht, ob der viel beschworene Tod des Albums jemals eintreten wird, aber abgesehen davon, dass totgesagte ohnehin länger leben und der Playlisten-Boom eventuell schneller abebben könnte, als das den Content-Providern namens Streaming-Diensten jemals lieb sein könnte, gibt es ein Phänomen der Popkultur, das durchaus dahin siecht: Das Konsensalbum. Die Platte also, die alle haben, meist auch unabhängig davon, wieviel sie dann jeweils gehört wurde oder bis heute wird: R-1089760-1191248179Dire Straits’ „Brothers in Arms“, Portisheads „Dummy“, „Peter Frampton comes alive“, der blaue und / oder der rote Beatles-Sampler, Norah Jones’ „Come away with me“ oder Alanis Morrissettes „Jagged Little Pill“ - um nur ein paar zu nennen. Das Album jedenfalls, auf das sich eine gewisse Zeit alle einigen können.

Aber es gibt natürlich eine Sehnsucht nach dem Konsens, in der Popmusik ist sie ja geradezu konstatierend, aber derzeit eben wird diese Sehnsucht vor allem durch einzelne Songs herauf beschwört und oder (zum zweiten Mal in diesem Text, wow) auch befriedigt. In diesen Songs fallen dann oft bestimmte Erscheinungsformen von Popmusik zusammen, wie ja ohnehin die Produkte des Pops Gefässe verschiedenster visueller, sozio-kultureller und natürlich hörbarer Phänomene sind, und bei den Konsens-Songs, die ich meine, kommt noch hinzu, dass es Lieder betrifft, die auf Vinyl ebenso wie auf CD und im Streaming sowie in sozialen Netzen ein Präsenz entwickeln. Auf Tik-Tok beispielsweise und kollateral wahrnehmbar auch auf Instagram spülen derzeit immer wieder Lieder aus der Schnittstelle von Rock und Pop aus der Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er an die Oberfläche. Da gab es den Skater, der Cranberries-Saft trinkt, Elton-john-dua-lipa-cold-heart-pnauund dazu erklang „dreams“ von Fleetwood Mac, es wurde dem Song „Africa“ von Toto gehuldigt, und jeder Gitarrist, der etwas auf sich hält und das in den sozialen Netzwerken zeigen will, spielt die Solis aus „Sultans Of Swing“ und / oder (3x, Hammer) „Hotel California“ nach. Was diese Lieder gemeinsam haben, ist eine gewisse Unschuld, eine harmonische Weltsicht jenseits von Corona und Klimawandel - auch wenn man das über „Hotel California“ sicher nur über die Musik aber nicht über den Text sagen kann.

Mit gleicher Sehnsucht nach Konsens und nach Wohlfühl Pop ohne Schrägen und Kanten lässt sich vermutlich der wahnsinnige Erfolg der Single „Cold Heart“ von Elton John und Dua Lipa erklären. Der Song ist an sich ein Selbst-Cover Johns und heißt im Original „Sacrifice“. In seiner Urform ist das ein klassische Pianopop-Ballade wie sie Bernie Taupin zu dutzend für Elton John geschrieben hat, aber in der nun seit Monaten in den Top-Ten befindlichen Neuaufnahme wird eine Uptempo-Dance-Pop Nummer mit einer Prise britischen RnBs von Dua Lipa draus - anschlussfähig an Justin-Bieber-Hörer:innen ebenso wie für 49-Jährige Popfans. Ich habe den Song auch gekauft.

Der Konsensfaktor von „Cold Heart“ bietet dabei auch die Bestätigung meiner alten These, dass man in der Popmusik das Neue wieder-erkennt - wir kennen das und können uns doch zunicken: „Das ist fresh! Dua Lipa Ey!“ und gleichzeitig denken wir „Jaja damals, der Elton John.“ (Das geht sogar so weit, dass man bei beiden beiden Versionen meint, „Coco-Heart“ zu hören, obgleich die Lyrics nominell„cold cold heart“ lauten.) Wenn Nostalgie früherer, sorgenfreier Popmusik also in heutigen Netzwerken gepflegt wird, bringt das Post-Charts-Hits hervor. Die Frage, ob jemals jemand „Peter Frampton comes alive“ gehört hat, muss aber auch heute unbeantwortet bleiben.


La La La

Vor 20 Jahren erschien Kylies Kampfohrwurm "Can't get you out my head"

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Signature Song nennt man den Song einer Band oder Sänger:in, die unverwechselbar für deren Popentwurf steht und eben diesen vollständig konstatiert und repräsentiert. Gleichwohl diese Signature Songs auch gecovert werden, ist in ihren Variationen immer deren „Herkunft“ eingeschrieben - wer „Can’t get no satisfaction“ nachspielt, spielt sozusagen auch die Stones nach, wer „wonderwall“ trällert, covert auch Oasis als solche.

Vor genau 20 Jahren erschien „Can’t get you out of my head“ von Kylie Minogue, nachdem die eigentliche Schauspielerin in den 80ern vom Produzententrio Stock-Aitken-Waterman als Popsternchen erfunden wurde, und man sie in den 90ern mehr oder minder schon abgeschrieben hatte, und der Song erfand Kylie völlig neu - als postironisch lakonischen Star auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Exakt diese Suche führte sie ironischer Weise eben zu diesem„Can’t get you out of my head“, nachdem den Track bereits „S Club 7“ und Sophie Ellis-Bextor abgelehnt hatten. Das Potential dieses hinreissend banalen Ohrwurms war vielleicht nicht gleich zu erkennen, zumal eine wirkliche Songstruktur nicht existiert. Das Ding beginnt mit einem 4-to-the-Floor-Beat, bei dem ein simpler Synthie-Sound das Riff auf die Und setzt, ein Durchgang dauert genau 15 Sekunden, und so setzt eben nach 15 Sekunden dann auch schon die Hook ein: 15 Sekunden La La La, dann erklingt die Titelzeile, und obgleich noch gar nicht viel passiert ist, befindet man sich mit dieser Titelzeile dann quasi gleichzeitig in Vers und Refrain. Diese merkwürdige Struktur-Verwirrung gepaart mit der entlarvenden Banalität und der straighten Gleichförmigkeit ist der einzigartige Widerspruch, der die mittelmässige Songidee zu einem Meisterwerk macht. 

798480661_1280x720Zu seinem großen Erfolg aber hat natürlich auch das < Video > beigetragen, bei dem Kylie gleich zwei ikonographische Kleider und den weißen Jumpsuit aus der Mitte des Videos trägt, der Jahre später das zentrale Exponat von „Kylie - the Exhibition“ im Victoria & Albert-Museum werden sollten. Und ihr Choreograph erfand zudem emblematische Tanz-Moves - die roboterhaften, scheinbar von den eigenen Händen geführten Kopf-Biegungen zum Beispiel oder das diagonale Arm-Ausfahren zu dessen Linie sich der Kopf wie vor einer Schiene geführt vor und zurück bewegt.

Aber ohne „La La La“ hätte man all dies wohl auch inzwischen vergessen - die unterkomplexe Hook bildet zu Beginn des Nuller-Jahrzehnts den neuen Null-Meridian der Pop-Oberfläche. Der Song schliesst das Kapitel 90er ab und weist auch 20 Jahre später noch nach vorne. Davon zeugen auch die unzähligen Cover-Versionen von Kylie selber, die den Signature-Song ihrer Neuerfindung schon als Samba-, Country-, Bastarpop- oder Jazz-Nummer sang. Man merkt diesen Versionen an, dass Kylie über „Can’t get you out of my head“ zu sich als multiverse, augenzwinkernde Popsängerin fand, die sie bis heute ist - „La La La“, so heißt denn auch ihre vor 10 Jahren erschienene Arbeitsbiografie.

Diesen Song bekommt mana nicht aus dem Kopf.


Kapitänsbinde der Revivalindustrie

Neuester 80er-Trend: Covern

Man fragt sich beim der mindestens vierten Welle des 80er-Revivals allmählich, ob es nicht noch mehr Dekaden gibt, die sich re- oder upcyclen liessen. Aber naja: Die 50er sind dann doch schon zu lang her, die 60er fallen wegen ihrer Unschärferelation im Verhältnis zu den 70ern aus dem Kult-Raster und sind mit zum Beispiel der Rockabilly-Bewegung oder dem nachhaltigem Erfolg der Beatles oder der Stones zudem konstant manifestiert erinnert, die 70er bis zu den 90er sind die großen Poptalgiezugpferde, und alles, was danach kam, ist noch nicht lang genug her, um rückblickenden Konsens darüber zu erzielen, was an den Nullern oder Zehnern so prägend war, dass man es nun aus dem Kühlschrank holen könnte - auch wenn man sich bei der so genannten „Class of 2005“ (Franz Ferdinand, Kaiser Chiefs, Arctic Monkey) allmählich zaghaft an Reissues versucht.

Mist

Zweifelsohne aber tragen die 80er tragen immer noch die Kapitänsbinde der Revivalindustrie, und nun rückt offenbar das gezielte Covern von Hits aus der Zeit von Magnum, Zauberwürfeln und Schulterpolstern in den Fokus der steten Revitalisierung: Gleich drei Konzeptalben aus den letzten Wochen tun dies, und um es gleich vorweg zu sagen: In zwei von diesen drei Fällen ist das Ergebnis entsetzlicher Mist.

Von Alex Christensen und seinem angeblichen Berlin-Orchestra blieb das zu erwarten - diese unselige Verbindung hat bereits auf drei Alben Songs der 90er, in denen der Produzent Christensen musikalisch zuhause ist, in Orchestermusik übersetzt, was überraschender Weise meist kaum zu hören war, denn was an Orchester eigentlich dazu erfunden wurde, hat man dann wiederum durch billige Beats und gestauchten Breisound wieder hinfort produziert, so dass die neuen Versionen der Eurodance-Klassiker kaum anders klingen, als die Originale - Ergebnis also: nervige Lieder werden mit großen Brimborium nicht verbessert. Nun hat sich Herr Christensen also die 80er vorgenommen, und wenigstens hat er jetzt also großartige Lieder, von denen er das Niveau aber nicht halten kann - wer es hinbekommt einen der größten, schönsten, erhabenen Songs der 80er, der Popmusik als solcher gar, „Smalltown Boy“ von Bronski Beat klingen zu lassen wie einen matschigen Möchtegern-Lloyd-Webber-Song, der hat nicht nur Lafeeversagt, der hat sich schuldig gemacht. Und Ronan Keating, der das „singt“, dem gebührt fortan Berufsverbot. Und Alex Christensen sowieso. Das Album „Classical 80s Dance“ bitte canceln.

80er-Hits übersetzt hat auch Ex-Teenpopstar LaFee - und zwar im sprachlichem Sinne: Sie singt Madonna, Nik Kershaw oder Alphaville auf Deutsch. Sinniger Weise heißt das Album, auf dem sie diese Songs versammelt, „Zurück in die Zukunft“. Wobei das „Zurück“ in diesem Falle den Status von Doppeldeutigkeit erlangt, denn ihr 80er-Projekt ist gleichzeitig ihre erste Veröffentlichung von Musik nach zehn Jahren. Nun wissen die meisten Leser meines Bloges sicher nicht, wer das ist, LaFee, und um ganz ehrlich zu sein, der Autor dieses Bloges wußte Olsendas bislang auch nicht, aber damit ihr jetzt nicht googlen müsst, habe ich das mal getan: LaFee war ein Teenpopstar, der im von Viva und der Bravo geebnetem Fahrwasser von 2006 bis 2011 deutschsprachigen Poprock veröffentlichte - ein Image-Entwurf irgendwo zwischen Avril Lavigne und Helene Fischer, auch wenn die beiden in der Hochphase von LaFee noch nicht all zu bekannt waren. Nun schaut sie also in erwähnt doppeltem Sinne 10 bzw. 30 Jahre zurück, und wer macht diesem Ex-Popstar nun für dieses Vorhaben wohl ein Identitätsangebot - klar der Schlager. (Dessen Identitäten anbietende Strategie ich kürzlich < HIER > versucht habe, zu erläutern.) Der Spagat zwischen Schlager und Dekaden-Revival funktioniert überraschend gut - hier greift meine These von Pop, in dem man das Neue wieder-erkennt, vorzüglich, denn wir meinen Eurodance-Schlager zu hören und merken dann: Hoppla, das ist ja Cyndi Lauper („Wenn du fällst, lass dich fallen, ich steh’ hinter Dir / Zeit heilt die Zeit“). Oder man erkennt in den Zeilen „Und wenn der Regen auf uns fällt, wirst du mein Regenbogen sein“ plötzlich Pia Zadora und Jermaine Jackson - Freunde der Nacht, versteht mich nicht falsch, wenn ich sage, dass das Ganze funktioniert, das ist schon auch ziemlich furchtbar, was LaFee hier macht, aber funktionieren tut es.

Wirklich toll aber ist die kleine, feine EP „Aisles“ von Angel Olsen, die fünf 80er-Songs Sphäre, Zuseligkeit und fiebrige Unzufriedenheit abringt - mit 5 Liedern manifestiert sich ein klarer Popentwurf, der erkennen lässt, was Angel Olsen aus dem 80ern interessant findet, und wie sie das ins Heute singt. Ihre Version von Billy Idols "eyes without a face" zum Beispiel, für mich das gelungenste Cover auf dieser schönen Platte, malt in surrealer Einsamkeit eine schöne Pop-Perle auf die 80er-Leinwand. So schau ich gerne zurück.


Happy Hour again

Vor 35 Jahren erschien das Debüt-Album der Housemartins 

„London 0 Hull 4“ - britischer geht es kaum; allein das Video zu „happy hour“, in dem die vier Housemartins in Anzügen aus dem Büro in ein Pub fliehen, plötzlich Harrington-Jacken tragen und biertrinkend Choreografien tanzen - großartig. Und der Song vereint alle Kompetenzen dieser Band: In 2 Minuten und 22 Sekunden hören wir ein Riff, das sich weder für Refrain oder Mini-Bridge variiert -schöne Melodie, zum Tanzen kann man sich schubsen, (nicht zu doll), auf den Punkt, auf die 12, und unpolitisch war in Thatcher-Zeiten nicht einmal ein Lied über die Happy Hour in einem Pub.

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Ironie der Geschichte, dass diese Band, deren Kompetenzen im dreiminütigen Gitarrensongs bestand, ausgerechnet mit dem  A-capella Cover von „Caravan Of Love“ des Folk-Trios „Isley Jasper Isley“ (später die „Isley Brothers“) bekannt wurden - die Housemartins-Version befand sich auf keinem Album, verhalf aber dennoch „London 0 Hull 4“ zum Erfolg. Die Band selber nahm darauf zum Erscheinen der CD Bezug - auf ihr befanden sich 4 Songs mehr als las auf der Vinyl-Version, und die ein Aufkleber verkündete: „16 Songs 17 Hits“.

Der Titel nimmt übrigens Bezug auf die Heimatstadt der Band, Kingston Up Hull, und ist nicht Anderes als das Wunschdenken eines Fussballfans - egal scheint indes, welcher Londoner Verein vier zu null geschlagen wird. An andere Stelle behauptete PD Heaton, Sänger der Housemartins, der Titel gäbe die damalige Anzahl guter Bands der jeweiligen Städte wider - in Hull eben gäbe es immerhin vier.

Das Album ist in seiner entspannten Einfachheit eine Perle britischen Understatements, und die an sich dezent sozialkritischen Texte von Heaton erzeugten wie angedeutet im Thatcher-Empire gar einen Revoluzzer-Geist, der der Musik heute kaum mehr anzuhören ist. Dennoch zünden die kurzen Songs auch 35 Jahre später noch, und Paul Heaton spielt sie bis heute auf seinen Konzerten mit Sängerin Jacqui Abbot. Wenn man „sheep“, „flag day“ oder „get up off your knees“ hört, möchte man ein Bier bestellen und kann zurecht erwarten, ganz einfach glücklich zu sein - happy hour again.


Retro-Techniken für die Nuller

Die No Angels leisten Pionier-Arbeit

Die No Angels, die großen Künstlerinnen des Gewesen-Seins, des No Angels-gewesen-Seins, um genau zu sein, haben einmal wieder den Aggregatzustand des Seins, des No-Angel-Seins, um noch genauer zu sein, angenommen - sie sind zumindest temporär keine Ex-No-Angels mehr. Anlass dieser Schubumkehr raus aus dem Popstar-Ruhestand ist das 20-jährige Jubiläum ihres Debut-Albums „Elle’Ments“, von dem nun eine Celebration-Version erschienen ist. Auf dieser, sinniger Weise „20“ benannten Zusammenstellung finden sich freilich auch Songs jenseits der Elle’mente der Girlformation wieder, weshalb es eigentlich mehr ein Best-Of-Album als eine Wiederauflage des Debüts ist. 

EllemeDie No Angels haben also die entsprechenden Songs noch einmal aufgenommen und / oder remixen lassen: Sie haben die Stimme von Vanessa Petruo heraus gerechnet (denn Petruo arbeitet derzeit als Neurowissenschaftlerin an der University Of Southern California und hat dem No-Angels-Sein und dem Ex-No-Angels quasi auch adieu gesagt), sie haben die Teeniepop-Elemente der Originale ein wenig entschlackt und die Lieder insgesamt ein wenig entzuckert, um sie weniger gealtert erscheinen zu lassen. Sehr viel mehr Ideen hatte man für die Neuversionen nicht, aber die braucht es ja vielleicht auch gar nicht. Das Album ist als Retro-Projekt angelegt und organisiert: Menschen möchten das, was ihnen einst etwas bedeutete, wieder hören, ohne daran erinnert zu werden, selber 20 Jahre älter als 2001 zu sein. Das ist ein normaler Re-und-Upcycling-Prozess des Retro-Industrie-Zweigs der Popkultur.

Man könnte konstatieren, dass der Schwerpunkt des Retro-Hypes sich derzeit in zwei Richtungen wieder raus aus den 90ern bewegt: Die Reise geht zum gefühlt dritten Mal zurück in die 80er, während dem das Album „20“ der No Angels das Retro-Tor in die Nuller aufstösst. In diesem Sinne wird hier vielleicht auch Pionier-Arbeit geleistet, denn die Popkultur hat für die 80er und die 90er bereits Codes, Chiffren, Sounds und Reflexionsmuster heraus gebildet, einen Werkzeugkoffer also für kollektiv-popkulturelle Gedächtnisräume. Aber für die 00er gibt es diese Retro-Techniken noch nicht. In diesem Sinne ist No Angels’ „20“ mehr die Fragestellung, wie man es machen kann, als eine umfassende Blaupause für zukünftige Retro-Produkte des Nuller-Jahrzehnts. 

Album_No_Angels_20_coverNatürlich würde man „Elle’ments“ auch zu viel der guten Popverantwortung aufbürden, wenn es als wegweisendes Album der Nuller bezeichnen und als solches in die Retro-Küche schicken würde. Aber zumindest was Castingshows anbelangt, die zweifelsohne ein prägendes Element der Nuller waren, sind die No Angels im deutschen Raum einzigartig: Keine Castingformation oder irgendein Solokünstler hat besseren oder erfolgreicheren Bubble-Pop zustande gebracht. In Zusammenarbeit mit entsprechenden Produzenten und Hitschreibern (ich habe nachgeschaut, es sind leider nur Männer) wurde hier handwerklich stimmig der von Frauen repräsentierte und gesungene, von männlichen Produzenten geprägte RnB-Pop aus den USA nachgebaut. Und so markiert diese Platte durchaus auch den Beginn des Popjahrzehnts - in die 90er passten und passen die No Angels auch nicht mehr rein.

Dementsprechend wirken die teil-entschlackten Neu-Versionen vor allem dann pfiffig, wenn die Reduktionen nicht die damals schon zitierten Sounds und Beats betreffen. Bei der ein oder anderen Neuversion muss man sich fragen, warum man schon damals zitierte Elemente von „Elle’Ments“ für die Neufassungen weggelassen hat, weil man das Gefühl hat, gerade sie sind für sich schon retro. So klingt denn zum Beispiel die Celebration-Version von „Feel Good Lies“ deutlich muffiger als das Original - die an Timbaland erinnernden Zwischen-Beats, die zusammen-gestauchten, Destinys-Child-artigen Chöre machten die Single damals zu einem der besten No Angels-Songs überhaupt, während die nun erschienene Überschreibung öde und leer klingt.

Aber summa-summarum muss man dem heute erschienenen Jubiläums-Album attestieren, als das, was es sein möchte, zu funktionieren, und vor allem fällt auf, dass die No Angels und ihr Popentwurf selbst aus heutiger Sicht angenehm divers sind. Man kann sich gut vorstellen, dass die vier Sängerinnen im gerade beginnenden Popjahrzehnt ihren Platz finden.


Bravo von Eden

Die iTunes-Album-Charts von Freitag den 26.02.2021

BrvoVermutlich gibt es auch noch die Zeitschrift, aber zumindest meine Kinder wissen nicht mehr, was die „Bravo“ ist. Aber die Hit-Compilation unter diesem Namen ist immer noch sehr erfolgreich: Platz 01 der deutschen iTunes-Album-Charts ist derzeit „Bravo Hits 112“. Und mehr noch als die Frage, wer heute noch die Zeitschrift „Bravo“ kauft, fragt man sich, wer eine Brav-Hits-Compilation als Download kauft. In Zeiten, in denen das NinoKuratieren von Streaming-Playlisten eine neue Pop-Sammel-Kultur heraus gebildet hat, wirkt eine solche Compilation nahezu 90er-retro. Sie zu kaufen ist vielleicht als ökonomischer Pop-Gestus ein ähnlicher Akt wie die Vinyl-Liebe der über 45 Jährigen. Ein Grund könnte freilich auch die schiere Masse an Songs sein: 26 sind es, die man mit „Bravo Hits 112“ sein eigen nennen darf - Kostenpunkt 13,99 €.

Auf Platz 2 und 9 der aktuellen iTunes-Charts befindet sich amerikanischer, hoch komprimierter Dark-Rock mit gepitchten Streichern hoch über düsteren Stimmen, und auf Platz 4 eigentlich auch. Nur sind hier die Texte auf Deutsch und mit Schlager untersetzt: Nino De Angelo, nunmehr Nickmit weißem Ziegenbart und nachdenklichem Blick in die Ferne, will es noch einmal wissen und fühlt sich „Gesegnet & Verflucht“ - so heißt seine neue Platte. Fast scheint es, als meine er damit seinen einstigen Hit „jenseits von Eden“, den er auch auf dieses Album noch einmal drauf packt, in einer dem neuen De-Angelo-Sound angepassten Version, welcher wie gesagt mit dem Mitteln des Rock in den Schlager-Gewässern nach Trübem fischt. 

In unmittelbarer Nähe in der Chartsplatzierung zu einem Lockdown-Album von Nick Cave, der nicht nach Trübem fischen muss, um in scheinbarer Hoffnungslosigkeit Schönheit und Würde zu finden, kann man den auch heute wieder einmal höchst stilvielfältigen Album-Charts Eskapismus attestieren. Als übergreifende Sehnsucht des Pop-Käufers im Jahre 2021.