Pop gestern

Welcome to the Tik-Tok California

Der Konsens ist vom Album in den Einzel-Song gewandert

Wir wissen nicht, ob der viel beschworene Tod des Albums jemals eintreten wird, aber abgesehen davon, dass totgesagte ohnehin länger leben und der Playlisten-Boom eventuell schneller abebben könnte, als das den Content-Providern namens Streaming-Diensten jemals lieb sein könnte, gibt es ein Phänomen der Popkultur, das durchaus dahin siecht: Das Konsensalbum. Die Platte also, die alle haben, meist auch unabhängig davon, wieviel sie dann jeweils gehört wurde oder bis heute wird: R-1089760-1191248179Dire Straits’ „Brothers in Arms“, Portisheads „Dummy“, „Peter Frampton comes alive“, der blaue und / oder der rote Beatles-Sampler, Norah Jones’ „Come away with me“ oder Alanis Morrissettes „Jagged Little Pill“ - um nur ein paar zu nennen. Das Album jedenfalls, auf das sich eine gewisse Zeit alle einigen können.

Aber es gibt natürlich eine Sehnsucht nach dem Konsens, in der Popmusik ist sie ja geradezu konstatierend, aber derzeit eben wird diese Sehnsucht vor allem durch einzelne Songs herauf beschwört und oder (zum zweiten Mal in diesem Text, wow) auch befriedigt. In diesen Songs fallen dann oft bestimmte Erscheinungsformen von Popmusik zusammen, wie ja ohnehin die Produkte des Pops Gefässe verschiedenster visueller, sozio-kultureller und natürlich hörbarer Phänomene sind, und bei den Konsens-Songs, die ich meine, kommt noch hinzu, dass es Lieder betrifft, die auf Vinyl ebenso wie auf CD und im Streaming sowie in sozialen Netzen ein Präsenz entwickeln. Auf Tik-Tok beispielsweise und kollateral wahrnehmbar auch auf Instagram spülen derzeit immer wieder Lieder aus der Schnittstelle von Rock und Pop aus der Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er an die Oberfläche. Da gab es den Skater, der Cranberries-Saft trinkt, Elton-john-dua-lipa-cold-heart-pnauund dazu erklang „dreams“ von Fleetwood Mac, es wurde dem Song „Africa“ von Toto gehuldigt, und jeder Gitarrist, der etwas auf sich hält und das in den sozialen Netzwerken zeigen will, spielt die Solis aus „Sultans Of Swing“ und / oder (3x, Hammer) „Hotel California“ nach. Was diese Lieder gemeinsam haben, ist eine gewisse Unschuld, eine harmonische Weltsicht jenseits von Corona und Klimawandel - auch wenn man das über „Hotel California“ sicher nur über die Musik aber nicht über den Text sagen kann.

Mit gleicher Sehnsucht nach Konsens und nach Wohlfühl Pop ohne Schrägen und Kanten lässt sich vermutlich der wahnsinnige Erfolg der Single „Cold Heart“ von Elton John und Dua Lipa erklären. Der Song ist an sich ein Selbst-Cover Johns und heißt im Original „Sacrifice“. In seiner Urform ist das ein klassische Pianopop-Ballade wie sie Bernie Taupin zu dutzend für Elton John geschrieben hat, aber in der nun seit Monaten in den Top-Ten befindlichen Neuaufnahme wird eine Uptempo-Dance-Pop Nummer mit einer Prise britischen RnBs von Dua Lipa draus - anschlussfähig an Justin-Bieber-Hörer:innen ebenso wie für 49-Jährige Popfans. Ich habe den Song auch gekauft.

Der Konsensfaktor von „Cold Heart“ bietet dabei auch die Bestätigung meiner alten These, dass man in der Popmusik das Neue wieder-erkennt - wir kennen das und können uns doch zunicken: „Das ist fresh! Dua Lipa Ey!“ und gleichzeitig denken wir „Jaja damals, der Elton John.“ (Das geht sogar so weit, dass man bei beiden beiden Versionen meint, „Coco-Heart“ zu hören, obgleich die Lyrics nominell„cold cold heart“ lauten.) Wenn Nostalgie früherer, sorgenfreier Popmusik also in heutigen Netzwerken gepflegt wird, bringt das Post-Charts-Hits hervor. Die Frage, ob jemals jemand „Peter Frampton comes alive“ gehört hat, muss aber auch heute unbeantwortet bleiben.


La La La

Vor 20 Jahren erschien Kylies Kampfohrwurm "Can't get you out my head"

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Signature Song nennt man den Song einer Band oder Sänger:in, die unverwechselbar für deren Popentwurf steht und eben diesen vollständig konstatiert und repräsentiert. Gleichwohl diese Signature Songs auch gecovert werden, ist in ihren Variationen immer deren „Herkunft“ eingeschrieben - wer „Can’t get no satisfaction“ nachspielt, spielt sozusagen auch die Stones nach, wer „wonderwall“ trällert, covert auch Oasis als solche.

Vor genau 20 Jahren erschien „Can’t get you out of my head“ von Kylie Minogue, nachdem die eigentliche Schauspielerin in den 80ern vom Produzententrio Stock-Aitken-Waterman als Popsternchen erfunden wurde, und man sie in den 90ern mehr oder minder schon abgeschrieben hatte, und der Song erfand Kylie völlig neu - als postironisch lakonischen Star auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Exakt diese Suche führte sie ironischer Weise eben zu diesem„Can’t get you out of my head“, nachdem den Track bereits „S Club 7“ und Sophie Ellis-Bextor abgelehnt hatten. Das Potential dieses hinreissend banalen Ohrwurms war vielleicht nicht gleich zu erkennen, zumal eine wirkliche Songstruktur nicht existiert. Das Ding beginnt mit einem 4-to-the-Floor-Beat, bei dem ein simpler Synthie-Sound das Riff auf die Und setzt, ein Durchgang dauert genau 15 Sekunden, und so setzt eben nach 15 Sekunden dann auch schon die Hook ein: 15 Sekunden La La La, dann erklingt die Titelzeile, und obgleich noch gar nicht viel passiert ist, befindet man sich mit dieser Titelzeile dann quasi gleichzeitig in Vers und Refrain. Diese merkwürdige Struktur-Verwirrung gepaart mit der entlarvenden Banalität und der straighten Gleichförmigkeit ist der einzigartige Widerspruch, der die mittelmässige Songidee zu einem Meisterwerk macht. 

798480661_1280x720Zu seinem großen Erfolg aber hat natürlich auch das < Video > beigetragen, bei dem Kylie gleich zwei ikonographische Kleider und den weißen Jumpsuit aus der Mitte des Videos trägt, der Jahre später das zentrale Exponat von „Kylie - the Exhibition“ im Victoria & Albert-Museum werden sollten. Und ihr Choreograph erfand zudem emblematische Tanz-Moves - die roboterhaften, scheinbar von den eigenen Händen geführten Kopf-Biegungen zum Beispiel oder das diagonale Arm-Ausfahren zu dessen Linie sich der Kopf wie vor einer Schiene geführt vor und zurück bewegt.

Aber ohne „La La La“ hätte man all dies wohl auch inzwischen vergessen - die unterkomplexe Hook bildet zu Beginn des Nuller-Jahrzehnts den neuen Null-Meridian der Pop-Oberfläche. Der Song schliesst das Kapitel 90er ab und weist auch 20 Jahre später noch nach vorne. Davon zeugen auch die unzähligen Cover-Versionen von Kylie selber, die den Signature-Song ihrer Neuerfindung schon als Samba-, Country-, Bastarpop- oder Jazz-Nummer sang. Man merkt diesen Versionen an, dass Kylie über „Can’t get you out of my head“ zu sich als multiverse, augenzwinkernde Popsängerin fand, die sie bis heute ist - „La La La“, so heißt denn auch ihre vor 10 Jahren erschienene Arbeitsbiografie.

Diesen Song bekommt mana nicht aus dem Kopf.


Kapitänsbinde der Revivalindustrie

Neuester 80er-Trend: Covern

Man fragt sich beim der mindestens vierten Welle des 80er-Revivals allmählich, ob es nicht noch mehr Dekaden gibt, die sich re- oder upcyclen liessen. Aber naja: Die 50er sind dann doch schon zu lang her, die 60er fallen wegen ihrer Unschärferelation im Verhältnis zu den 70ern aus dem Kult-Raster und sind mit zum Beispiel der Rockabilly-Bewegung oder dem nachhaltigem Erfolg der Beatles oder der Stones zudem konstant manifestiert erinnert, die 70er bis zu den 90er sind die großen Poptalgiezugpferde, und alles, was danach kam, ist noch nicht lang genug her, um rückblickenden Konsens darüber zu erzielen, was an den Nullern oder Zehnern so prägend war, dass man es nun aus dem Kühlschrank holen könnte - auch wenn man sich bei der so genannten „Class of 2005“ (Franz Ferdinand, Kaiser Chiefs, Arctic Monkey) allmählich zaghaft an Reissues versucht.

Mist

Zweifelsohne aber tragen die 80er tragen immer noch die Kapitänsbinde der Revivalindustrie, und nun rückt offenbar das gezielte Covern von Hits aus der Zeit von Magnum, Zauberwürfeln und Schulterpolstern in den Fokus der steten Revitalisierung: Gleich drei Konzeptalben aus den letzten Wochen tun dies, und um es gleich vorweg zu sagen: In zwei von diesen drei Fällen ist das Ergebnis entsetzlicher Mist.

Von Alex Christensen und seinem angeblichen Berlin-Orchestra blieb das zu erwarten - diese unselige Verbindung hat bereits auf drei Alben Songs der 90er, in denen der Produzent Christensen musikalisch zuhause ist, in Orchestermusik übersetzt, was überraschender Weise meist kaum zu hören war, denn was an Orchester eigentlich dazu erfunden wurde, hat man dann wiederum durch billige Beats und gestauchten Breisound wieder hinfort produziert, so dass die neuen Versionen der Eurodance-Klassiker kaum anders klingen, als die Originale - Ergebnis also: nervige Lieder werden mit großen Brimborium nicht verbessert. Nun hat sich Herr Christensen also die 80er vorgenommen, und wenigstens hat er jetzt also großartige Lieder, von denen er das Niveau aber nicht halten kann - wer es hinbekommt einen der größten, schönsten, erhabenen Songs der 80er, der Popmusik als solcher gar, „Smalltown Boy“ von Bronski Beat klingen zu lassen wie einen matschigen Möchtegern-Lloyd-Webber-Song, der hat nicht nur Lafeeversagt, der hat sich schuldig gemacht. Und Ronan Keating, der das „singt“, dem gebührt fortan Berufsverbot. Und Alex Christensen sowieso. Das Album „Classical 80s Dance“ bitte canceln.

80er-Hits übersetzt hat auch Ex-Teenpopstar LaFee - und zwar im sprachlichem Sinne: Sie singt Madonna, Nik Kershaw oder Alphaville auf Deutsch. Sinniger Weise heißt das Album, auf dem sie diese Songs versammelt, „Zurück in die Zukunft“. Wobei das „Zurück“ in diesem Falle den Status von Doppeldeutigkeit erlangt, denn ihr 80er-Projekt ist gleichzeitig ihre erste Veröffentlichung von Musik nach zehn Jahren. Nun wissen die meisten Leser meines Bloges sicher nicht, wer das ist, LaFee, und um ganz ehrlich zu sein, der Autor dieses Bloges wußte Olsendas bislang auch nicht, aber damit ihr jetzt nicht googlen müsst, habe ich das mal getan: LaFee war ein Teenpopstar, der im von Viva und der Bravo geebnetem Fahrwasser von 2006 bis 2011 deutschsprachigen Poprock veröffentlichte - ein Image-Entwurf irgendwo zwischen Avril Lavigne und Helene Fischer, auch wenn die beiden in der Hochphase von LaFee noch nicht all zu bekannt waren. Nun schaut sie also in erwähnt doppeltem Sinne 10 bzw. 30 Jahre zurück, und wer macht diesem Ex-Popstar nun für dieses Vorhaben wohl ein Identitätsangebot - klar der Schlager. (Dessen Identitäten anbietende Strategie ich kürzlich < HIER > versucht habe, zu erläutern.) Der Spagat zwischen Schlager und Dekaden-Revival funktioniert überraschend gut - hier greift meine These von Pop, in dem man das Neue wieder-erkennt, vorzüglich, denn wir meinen Eurodance-Schlager zu hören und merken dann: Hoppla, das ist ja Cyndi Lauper („Wenn du fällst, lass dich fallen, ich steh’ hinter Dir / Zeit heilt die Zeit“). Oder man erkennt in den Zeilen „Und wenn der Regen auf uns fällt, wirst du mein Regenbogen sein“ plötzlich Pia Zadora und Jermaine Jackson - Freunde der Nacht, versteht mich nicht falsch, wenn ich sage, dass das Ganze funktioniert, das ist schon auch ziemlich furchtbar, was LaFee hier macht, aber funktionieren tut es.

Wirklich toll aber ist die kleine, feine EP „Aisles“ von Angel Olsen, die fünf 80er-Songs Sphäre, Zuseligkeit und fiebrige Unzufriedenheit abringt - mit 5 Liedern manifestiert sich ein klarer Popentwurf, der erkennen lässt, was Angel Olsen aus dem 80ern interessant findet, und wie sie das ins Heute singt. Ihre Version von Billy Idols "eyes without a face" zum Beispiel, für mich das gelungenste Cover auf dieser schönen Platte, malt in surrealer Einsamkeit eine schöne Pop-Perle auf die 80er-Leinwand. So schau ich gerne zurück.


Happy Hour again

Vor 35 Jahren erschien das Debüt-Album der Housemartins 

„London 0 Hull 4“ - britischer geht es kaum; allein das Video zu „happy hour“, in dem die vier Housemartins in Anzügen aus dem Büro in ein Pub fliehen, plötzlich Harrington-Jacken tragen und biertrinkend Choreografien tanzen - großartig. Und der Song vereint alle Kompetenzen dieser Band: In 2 Minuten und 22 Sekunden hören wir ein Riff, das sich weder für Refrain oder Mini-Bridge variiert -schöne Melodie, zum Tanzen kann man sich schubsen, (nicht zu doll), auf den Punkt, auf die 12, und unpolitisch war in Thatcher-Zeiten nicht einmal ein Lied über die Happy Hour in einem Pub.

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Ironie der Geschichte, dass diese Band, deren Kompetenzen im dreiminütigen Gitarrensongs bestand, ausgerechnet mit dem  A-capella Cover von „Caravan Of Love“ des Folk-Trios „Isley Jasper Isley“ (später die „Isley Brothers“) bekannt wurden - die Housemartins-Version befand sich auf keinem Album, verhalf aber dennoch „London 0 Hull 4“ zum Erfolg. Die Band selber nahm darauf zum Erscheinen der CD Bezug - auf ihr befanden sich 4 Songs mehr als las auf der Vinyl-Version, und die ein Aufkleber verkündete: „16 Songs 17 Hits“.

Der Titel nimmt übrigens Bezug auf die Heimatstadt der Band, Kingston Up Hull, und ist nicht Anderes als das Wunschdenken eines Fussballfans - egal scheint indes, welcher Londoner Verein vier zu null geschlagen wird. An andere Stelle behauptete PD Heaton, Sänger der Housemartins, der Titel gäbe die damalige Anzahl guter Bands der jeweiligen Städte wider - in Hull eben gäbe es immerhin vier.

Das Album ist in seiner entspannten Einfachheit eine Perle britischen Understatements, und die an sich dezent sozialkritischen Texte von Heaton erzeugten wie angedeutet im Thatcher-Empire gar einen Revoluzzer-Geist, der der Musik heute kaum mehr anzuhören ist. Dennoch zünden die kurzen Songs auch 35 Jahre später noch, und Paul Heaton spielt sie bis heute auf seinen Konzerten mit Sängerin Jacqui Abbot. Wenn man „sheep“, „flag day“ oder „get up off your knees“ hört, möchte man ein Bier bestellen und kann zurecht erwarten, ganz einfach glücklich zu sein - happy hour again.


Retro-Techniken für die Nuller

Die No Angels leisten Pionier-Arbeit

Die No Angels, die großen Künstlerinnen des Gewesen-Seins, des No Angels-gewesen-Seins, um genau zu sein, haben einmal wieder den Aggregatzustand des Seins, des No-Angel-Seins, um noch genauer zu sein, angenommen - sie sind zumindest temporär keine Ex-No-Angels mehr. Anlass dieser Schubumkehr raus aus dem Popstar-Ruhestand ist das 20-jährige Jubiläum ihres Debut-Albums „Elle’Ments“, von dem nun eine Celebration-Version erschienen ist. Auf dieser, sinniger Weise „20“ benannten Zusammenstellung finden sich freilich auch Songs jenseits der Elle’mente der Girlformation wieder, weshalb es eigentlich mehr ein Best-Of-Album als eine Wiederauflage des Debüts ist. 

EllemeDie No Angels haben also die entsprechenden Songs noch einmal aufgenommen und / oder remixen lassen: Sie haben die Stimme von Vanessa Petruo heraus gerechnet (denn Petruo arbeitet derzeit als Neurowissenschaftlerin an der University Of Southern California und hat dem No-Angels-Sein und dem Ex-No-Angels quasi auch adieu gesagt), sie haben die Teeniepop-Elemente der Originale ein wenig entschlackt und die Lieder insgesamt ein wenig entzuckert, um sie weniger gealtert erscheinen zu lassen. Sehr viel mehr Ideen hatte man für die Neuversionen nicht, aber die braucht es ja vielleicht auch gar nicht. Das Album ist als Retro-Projekt angelegt und organisiert: Menschen möchten das, was ihnen einst etwas bedeutete, wieder hören, ohne daran erinnert zu werden, selber 20 Jahre älter als 2001 zu sein. Das ist ein normaler Re-und-Upcycling-Prozess des Retro-Industrie-Zweigs der Popkultur.

Man könnte konstatieren, dass der Schwerpunkt des Retro-Hypes sich derzeit in zwei Richtungen wieder raus aus den 90ern bewegt: Die Reise geht zum gefühlt dritten Mal zurück in die 80er, während dem das Album „20“ der No Angels das Retro-Tor in die Nuller aufstösst. In diesem Sinne wird hier vielleicht auch Pionier-Arbeit geleistet, denn die Popkultur hat für die 80er und die 90er bereits Codes, Chiffren, Sounds und Reflexionsmuster heraus gebildet, einen Werkzeugkoffer also für kollektiv-popkulturelle Gedächtnisräume. Aber für die 00er gibt es diese Retro-Techniken noch nicht. In diesem Sinne ist No Angels’ „20“ mehr die Fragestellung, wie man es machen kann, als eine umfassende Blaupause für zukünftige Retro-Produkte des Nuller-Jahrzehnts. 

Album_No_Angels_20_coverNatürlich würde man „Elle’ments“ auch zu viel der guten Popverantwortung aufbürden, wenn es als wegweisendes Album der Nuller bezeichnen und als solches in die Retro-Küche schicken würde. Aber zumindest was Castingshows anbelangt, die zweifelsohne ein prägendes Element der Nuller waren, sind die No Angels im deutschen Raum einzigartig: Keine Castingformation oder irgendein Solokünstler hat besseren oder erfolgreicheren Bubble-Pop zustande gebracht. In Zusammenarbeit mit entsprechenden Produzenten und Hitschreibern (ich habe nachgeschaut, es sind leider nur Männer) wurde hier handwerklich stimmig der von Frauen repräsentierte und gesungene, von männlichen Produzenten geprägte RnB-Pop aus den USA nachgebaut. Und so markiert diese Platte durchaus auch den Beginn des Popjahrzehnts - in die 90er passten und passen die No Angels auch nicht mehr rein.

Dementsprechend wirken die teil-entschlackten Neu-Versionen vor allem dann pfiffig, wenn die Reduktionen nicht die damals schon zitierten Sounds und Beats betreffen. Bei der ein oder anderen Neuversion muss man sich fragen, warum man schon damals zitierte Elemente von „Elle’Ments“ für die Neufassungen weggelassen hat, weil man das Gefühl hat, gerade sie sind für sich schon retro. So klingt denn zum Beispiel die Celebration-Version von „Feel Good Lies“ deutlich muffiger als das Original - die an Timbaland erinnernden Zwischen-Beats, die zusammen-gestauchten, Destinys-Child-artigen Chöre machten die Single damals zu einem der besten No Angels-Songs überhaupt, während die nun erschienene Überschreibung öde und leer klingt.

Aber summa-summarum muss man dem heute erschienenen Jubiläums-Album attestieren, als das, was es sein möchte, zu funktionieren, und vor allem fällt auf, dass die No Angels und ihr Popentwurf selbst aus heutiger Sicht angenehm divers sind. Man kann sich gut vorstellen, dass die vier Sängerinnen im gerade beginnenden Popjahrzehnt ihren Platz finden.


Bravo von Eden

Die iTunes-Album-Charts von Freitag den 26.02.2021

BrvoVermutlich gibt es auch noch die Zeitschrift, aber zumindest meine Kinder wissen nicht mehr, was die „Bravo“ ist. Aber die Hit-Compilation unter diesem Namen ist immer noch sehr erfolgreich: Platz 01 der deutschen iTunes-Album-Charts ist derzeit „Bravo Hits 112“. Und mehr noch als die Frage, wer heute noch die Zeitschrift „Bravo“ kauft, fragt man sich, wer eine Brav-Hits-Compilation als Download kauft. In Zeiten, in denen das NinoKuratieren von Streaming-Playlisten eine neue Pop-Sammel-Kultur heraus gebildet hat, wirkt eine solche Compilation nahezu 90er-retro. Sie zu kaufen ist vielleicht als ökonomischer Pop-Gestus ein ähnlicher Akt wie die Vinyl-Liebe der über 45 Jährigen. Ein Grund könnte freilich auch die schiere Masse an Songs sein: 26 sind es, die man mit „Bravo Hits 112“ sein eigen nennen darf - Kostenpunkt 13,99 €.

Auf Platz 2 und 9 der aktuellen iTunes-Charts befindet sich amerikanischer, hoch komprimierter Dark-Rock mit gepitchten Streichern hoch über düsteren Stimmen, und auf Platz 4 eigentlich auch. Nur sind hier die Texte auf Deutsch und mit Schlager untersetzt: Nino De Angelo, nunmehr Nickmit weißem Ziegenbart und nachdenklichem Blick in die Ferne, will es noch einmal wissen und fühlt sich „Gesegnet & Verflucht“ - so heißt seine neue Platte. Fast scheint es, als meine er damit seinen einstigen Hit „jenseits von Eden“, den er auch auf dieses Album noch einmal drauf packt, in einer dem neuen De-Angelo-Sound angepassten Version, welcher wie gesagt mit dem Mitteln des Rock in den Schlager-Gewässern nach Trübem fischt. 

In unmittelbarer Nähe in der Chartsplatzierung zu einem Lockdown-Album von Nick Cave, der nicht nach Trübem fischen muss, um in scheinbarer Hoffnungslosigkeit Schönheit und Würde zu finden, kann man den auch heute wieder einmal höchst stilvielfältigen Album-Charts Eskapismus attestieren. Als übergreifende Sehnsucht des Pop-Käufers im Jahre 2021.


Let’s Tesselate ...

"... lasst uns ein Mosaik anfertigen": Der Popticker blickt auf ein merkwürdiges Popjahrzehnt zurück und beginnt mit der Liebeserklärung an das für mich schönste Album der Zehner . „an awesome wave“ von „alt-j ∆“

Wave.jpegEigentlich sind ja Breaks, das Wort kommt ja von Pause, das, wo der Beat pausiert und irgendwo anders rein kullert, bevor er dann weiter geht. Thom Green, seines Zeichen Schlagzeuger der Band „alt-j“, macht das irgendwie umgekehrt - manchmal zumindest hat man das Gefühl, dieser Drummer macht an sich immer eine Pause vom Beat und spielt vornehmlich Breaks und Synkopen, hinter denen sich der Beat dann doch trotzdem oder gerade deswegen hin und wieder zeigt. Hinzu kommt, dass Green merkwürdige Glocken, Klangstäbe und Gegenstände betrommelt. Daraus resultiert eine merkwürdig verschrobene Percussion, bei der man das Gefühl hat, die Band sitzt in der Küche und ausser auf der fluffig trockenen Snare wird vor allem auf Geräten und Töpfen geschlagen.

Joe Newman hingegen spielt auf einer E-Gitarre Power-Riffs ohne Distortion und verlangsamt wie ein zupfender Folk-Barde. Von der Akkordfolge, auf den die Songs von alt-j beruhen, scheint er zudem teils schon in der ersten Strophe abzuschweifen, so dass ähnlich wie beim Umgang mit dem Beat, das Lied niemals da anzukommen scheint, wo man es erwartet. Wenn ein Song dann aber doch einmal in einem Refrain einfährt, hat das um so mehr etwas Befreiendes. Als alt-j bei dem ersten Konzert, das ich von ihnen gesehen habe, „Mathilda“ von ihrem Debut-Album gespielt haben, sangen auf einmal 4000 Zuschauerinnen „this is for, this for, this is for Mathilda“, und dieser plötzliche Chor war für mich einer der euphorischsten Pop-Momente in diesem Jahrzehnt - wunderbar, das Musik so etwas kann.

Alt-jÜberhaupt Chöre. An sich ist Joe Newman ein Sänger, über den man auf erster Ebene erst einmal sagen könnte, er könne nicht singen. Er quengelt und näselt sich durch seine verqueren Texte, aber urplötzlich platzt wie aus einer Kirche durch die Küchentür ein Chor herein, und diese an Küchen angrenzenden Kirchen vermögen alt-j auch live herzustellen.

Drei Alben gibt es von dieser ganz und gar merkwürdigen Band, das Debut „an awesome wave“ aber ist das Werk, mit dem und auf dem sie ihren in allen Belangen seltsamen Popentwurf ausformulierten. Die Platte beginnt einem einem Intro, eine Klavier-Akkordfolge vom Keyboarder Gus Unger-Hamilton, auf der sich ein etwas verstörender Soundcluster türmt, ein etwas dadaistischer Text auch, der sich erst mit dem zweiten Track, ein „Interlude“, immer noch kein Song, in eine Geschichte zu fügen scheint - ein poetisches coming-of-age eines surrealen Mädchens in der Natur, oder aber es könnte auch um etwas völlig Anderes gehen - erst Track drei ist der erste Song, erst dieser erste Song bringt scharfe Unklarheit in die Verwirrung: „Bite chunks out of, you’re a shark, and I’m swimming. My heart still thumps as I bleed and all your friends come sniffing. Triangles are my favorite shape. Three points where two lines meet, Toe to toe, back to back, let's go. My love, it's very late. ’Til morning comes … Let’s tessellate.“ - ich habe das Lied bestimmt 50 Mal schon gehört und immer noch nicht verstanden, um was es geht, aber genau das empfinde ich als großartig.

Die Texte, die Joe Newman schreibt, visieren immer an, nichts anzuvisieren - der Weg ist gezielt, das Ziel ist weg, und wo ich eben noch eine sexuelle Anspielung in abstrakter Naturlyrik zu hören glaubte, leuchtet im nächsten Moment eine vollkommen asexuelle Geschichte eines Stierkämpfers auf: „Get high, hit the floor before you go / Matador, estocada, you're my blood sport:“ - wahrscheinlich ist dies das Geheimnis dieser Band, und der Grund, warum ihr verschrobener, vollkommen mainstreamfreie Indie-Folkrock, der in einer Studentenbutze entstanden ist, sogar in Stadiongröße funktioniert: Die Leerstellen in Beat, Struktur und Texten machen das Ganze durchlässig und fluffig, virtuos und wunderschön.

„An Awesome Wave“ ist für mich das großartigste Album dieses zu Ende gehenden Popjahrzehnts.


Musik aus der Postdepression der Musikindustrie

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Selena Gomez „Rare“

In der Ära der Postcharts hat sich ein Streamingpop heraus gebildet, der im Grunde 1000fach reproduzierbar und somit zur Franchise-Musik geworden ist: Wer über diese Popsoul-Teppiche singt, ist im Grunde genommen vollkommen egal. Jetzt hat es Selena Gomez übernommen. 13 Songs hat man sie für sie bereit gestellt, jeder ist von Songwriting-Camps (Rekord sind 13 genannte Songkomponist*innen) bis zum Apostroph und der perfekten Bridge stromlinienförmig eingedampft zu Surrogaten von bombastischer Emotionslosigkeit, und der antiseptische Sound funktioniert auf jedem Handy- oder Bluetooth-Speaker besser als auf High-End-Hifi-Türmen. Nur zwei Lieder auf dieser Platte dauern länger als 3 Minuten und 10 Sekunden, quasi alle beherzigen die magische 15-Sekunden-Song-Modul-Regel, und samt und sonders verschiessen sie sämtliche ihrer Dramaturgie- oder Sound-Effekte in den ersten 30 Sekunden - dann gelten sie auf Spotify als gehört. Was danach in so einem Lied geschieht ist vollkommen egal, es muss jedenfalls nichts sein, das nicht auch schon in der besagten ersten halben Minute drin ist. Musik wie diese wird sich in in ein paar Jahren totgelaufen haben, denn das ist nun wirklich eine unumstössliche Regel von Popmusik: Wenn es von irgendwas zu viel gibt, will’s keiner mehr haben.


Train comes back and we still don’t know it's destination

Eine kurze Geschichte des Poptrios Sugababes anlässlich deren Comebacks (?) in der originalen Besetzung

Die Sugababes kommen wohl zurück. Oder sie gründen sich wieder. Oder sie erfinden sich neu. Man weiß es ja nicht. Da Trio  jedenfalls bringt, nachdem sie vor eineinhalb Jahren in der „Graham Norton Show“ auftraten und ein neues Lied sangen, nun ihr Debut-Album „One Touch“ in verschiedenen 20-Jahre-Jubiläums-Editions auf den Markt. Lanciert und beworben wird der Alben-Geburtstag von Siobhan Donaghy, Keisha Buchanan und Mutya Buena. Aha? Nun - wer sich jetzt ein wenig auskennt, wird erkannt haben, und wer sich nicht auskennt, dem sei gesagt: Diese drei Musikerinnen sind die drei Gründerinnen der Sugababes. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, wenn zur letzten Formation, die unter dem Namen „Sugababes“ 2011 Musik veröffentlichte, kein OverloadGründungsmitglied mehr gehörte. Wie es dazu kommen konnte, das ist auch ein wenig die Geschichte eines Popentwurfs im Wandel schneller Popzeiten, eine übergreifende Idee jenseits der Konkretion, wer sie zu welchem Zeitpunkt verkörperte und nun wieder verkörpert, und das ist wiederum um so verblüffender, als das die ursprüngliche Idee der Sugababes eine Abgrenzung vom Popzirkus war, der Versuch nämlich Bubblegum-Pop für Teenager authentischer und persönlicher auszuformen.

Doch der Reihe nach. Der Signature-Song der Sugababes war natürlich im Jahre 1999 ihr erster Hit, „overload“, jene lakonische Pop-Perle mit den ikonischen Hook-Zeilen „Train comes, I don’t know ist destination. It’s a one-way-ticket to a madman’s situation“. Dieser pfiffige Refrain katapultiert das Lied aus seiner eigentlichen Umlaufbahn der gesungenen Teenager-Probleme in eine übergreifend britisch-kryptische Pophymne. Der Song kommt mit schluffig scharfem Bass-Beat-Gerüst ungeheuer schnell in Fahrt - der Gesang setzt schon nach 15 Sekunden Intro ein und ist damit noch heute streaming-zeitgemäss. Die drei original Sugababes finden eine bewundernswert beiläufige Art, engagiert zu wirken, und der Sound von Synthie, Beat, Samples, rhythmisierten Störplickern und echofreier Gesangsmischung auf durchweg nur zwei Akkorden plufft irgendwo zwischen Hip-Hop und britischer Soul-Musik. Und „Overload“ beinhaltet, das vergisst man oft, ein Gitarren-Solo mittendrin. In dem Video wirkten die drei Sugababes so herrlich entspannt und privat, dass das Lied um so mehr als Abkehr vom überkandideltem ultra-inszeniertem Überpop von Formationen wie Spice Girls oder Take That wirkte, der Ende der 90er die Charts verstopfte. „Overload“ gelang das, was einen Hit auch heute noch im Zeitalter der Postcharts der Popmusik im Wesentlichen ausmacht: Die Balance zwischen Indie- und Mainstream, den großen Popkonsens zu finden - der Song wurde und wird von Schulschwänzerinnen auf Innenstadtbänken ebenso geliebt wie von intellektuellen SPEX-Leser*innen und langbärtigen Hippierockern.

Und was man an dem Song liebte, wurde von Mutya Buena, Siobhan Donaghy und Keisha Buchanan auch verkörpert. Ihre Glamour-Verneinung wirkte glamourös, ihre Uncoolness war cool, und die Tatsache, dass sie ihre Songs selber schrieben, war in einer Popzeit, in der durchgecastete Konzept-Formationen den Teenies den Kopf verdrehten, fast schon eine Unverschämtheit. Hinzu kam ihr souveräner Umgang mit ihren Stimmen mit paritätischer Strophenverteilung und vereinzelter Zeilenverstärkung als auch in gegenläufigen chorischen Harmonien oder paralleler Melodieführung. Während Siobhan Donaghy mit ihrer Stimme und der Art zu singen britisches Understatement und eine Prise Folk einbrachte, zog Keisha Buchanan eine Ebene Soul und RnB unter, und Mutya Buena zentrierte das Ganze mit deepem Poptimbre.

AwdfDennoch versprach „Overload“ auch mehr Konsens als das Debüt-Album „One Touch“ einlösen konnte. Die lakonische Coolness findet sich allenfalls noch in der unterspannten Uptempo-Nummer „Lush Life“, aber dieser Song war nicht mal eine Single. Das Album ist keinesfalls misslungen, aber es beinhaltete keine Hits mehr für Teenager oder Indiellektuelle - geschweige denn einen Zweiten, der beide Hörerschaften ansprach. Und so verlor ihr Plattenlabel „London Records“ das Interesse an den Sugababes. Zeitgleich verliess Siobhan Donaghy das Trio aus privaten Gründen, und die Sängerin Heidi Range nahm ihren Platz ein.

Heidi Range stand von vornherein für einen anderen Popentwurf oder sagen wir lieber einen anderen Berufsethos: Pop als Dienstleistung. Range war einige Monate zuvor schon kurzzeitig Mitglied bei der Formation „Atomic Kitten“, die zeitgleich dann einen deutlich gestyllteren Popentwurf verfolgte. Mit hohem professionellem Anspruch nahm Heidi Range nun aber die ihr zugewiesene Rolle bei den Sugababes ein, und ihr Verzicht auf größere Individualisierungs-Eskapaden an der Seite der mitunter exzentrisch uncoolen Mutya Buena und Keisha Buchanan legten den Grundstein für den kommerziellen Erfolg, ohne dass das Image der lakonischen alternativen Girl-Group Schaden nahm. „Island Records“ roch den Braten und gab dem Trio einen Vertrag über mindestens zwei Alben. Das erste, „Angels With Dirty Faces“, erschien Anfang 2002. Es ist eine höchst unterhaltsame, clever abwechslungsreiche Pop-Platte. Schon die Vorab-Single „Freak Like Me“ schaffte wieder den schweren Spagat zwischen Mainstream-Format-Radio und Futter für Pop-Connaisseure. Der Track ist ein Mash-Up aus zwei Songs: „Are friends electric?" des 80er-Electronic-Pioneers Gary Numan aus dem Jahre 1979 und einem Hip-Hop-Soul Song der Rapperin Adina Howard au dem Jahre 1987, der ebenfalls „Freak like me“ heißt. Mit der Single überführten die Sugababes einen frühen Trend der Musikbearbeitung auf dem Computer in den Mainstream, den so genannten Bastardpop, bei dem zwei oder mehr Hits miteinander fusioniert werden.

Überhaupt enthält dieses zweite Album einige Kabinetts-Stückchen des Bubble-Pop, die sich heute noch brillant anhören: Das getragene, ultracoole „stronger“ mit dem scharfen Schlagzeug-Beat auf einer Ballade, das nach Triphop und „Massive Attack“ klingt, (und ein feministischer Aufruf zu mehr Selbstbewusstsein und Ehrlichkeit ist), oder die Überschreibung von Stings „Shape Shapeof my heart“, die bei den Sugababes einfach nur „Shape“ heißt, eine Ballade, in der der abwechselnde Gesang sich trotz niedrigem Tempo fast rappend rhytmisiert, wodurch eine rätselhafte Schönheit entsteht. Mit dem dazu gehörigen retro-futuristischem Rokoko-Musikvideo, in dem die drei Sugababes Kleider tragen, deren Bustiers aus umherflatternden Schmetterlingen bestehen, wird erstmalig ein Paradigmenwechsel sichtbar. Zwar bleibt die britische Beiläufigkeit noch Bestandteil des Images, aber der Popentwurf wird jetzt glamouröser zelebriert und dahin gehend inszeniert. Auch andere Videos sind nun von großer Opulenz und stylischer Ästhetik. Signifikant für diesen bewussten Twist im Erscheinen des Poptrios ist eine kurze Szene in dem erwähnten Video zu „shape“: Ein gockelgangiger Mann mit Federschmuck versucht Mutya mit dem Radschlag wie ein Pfau zu beeindrucken. Mutya ringt sich darauf allenfalls ein müdes Lächeln mit Augenaufschlag ab.

Die beiden stärksten Lieder des Albums „Shape“ und „Stronger“ führen dann auch zutage, dass die Zurückhaltung von Heidi Range diese gleichzeitig ins stimmliche Zentrum der Chorsätze und des paritätischen Zeilenpingpongs gerückt hat. Ranges professioneller Arbeitsethos wird zum Fundament des Klangbildes der Sugababes. Die hemdsärmelige, eher zufällige Sound-DNA der Sugababes, das saubere Nebeneinander dreier Charaktere und echo- wie tremolofreier Stimmen, das aus dem Hip Hop entlehnte Ineinanderfliessen von Stimmreihung und chorischen Effekten auf flächig breiten Pop-Synthies mit Folk-Gitarren und RnB-Beats wurde mit Heidi Ranges bürohaftem Popfleiss anwendbar und und so zum Rezept eines gelungenen Sugababes-Songs. Diese Sichtbarwerdung einer Art Pop-Formel hat letztlich zur Folge, das die Sugababes jenseits ihrer Sängerinnen auch als Idee einer Formation im Pop-Markt Bestand haben. Zwar wird eben diese Idee, wie wir noch sehen werden, in der Folge auch fortwährend beschädigt, erweist sich aber mit der Übernahme des Namens Sugababes durch die drei Gründungs-Mitglieder im Jahre 2019 letztlich als nachhaltig und stabil.

3Zunächst wird auf dem nächsten Album, dass die Nummer der Studioalben-Zählung im Namen trägt, und also „three“ heißt, die Dominanz von Heidi Range deutlich. Der Hit-Pop wird zum über allem schwebenden Ideal in der Ausrichtung. Die Charts sind noch relevant im Jahre 2003, und das Konstrukt der alternativen Girl-Group, welches ursprünglich Gründungsethos und Alleinstellungsmerkmal des Trios war, wird vom Pop nach Vorschrift abgelöst. Das funktioniert teilweise auch trotzdem noch ganz gut: Der gitarrengriffige Singalong-Hit „Hole In The Head“ holt fast schon Britpop in den Sound, „In The Middle“ ist eine veritabler Synthiepophit, und die Idee „Quand j’ai peur de tout“ von Patricia Kaas für den Film „Love actually“ auf Englisch zu covern, ist auch nicht blöd. Dennoch bleibt „Three“ in der Summe eine Platte ohne Ambitionen, und sie hat auch keine Höhepunkte wie die ersten beiden Alben - die Umbesetzung mit Heidi Range anstelle von Siobhan Donaghy hat zunächst zum künstlerischen Zenith nun aber auch zur beginnenden Erosion der Idee und der Formation Sugababes geführt.

Das vierte Album „taller in more ways“ wird dann das erste des Trios, das man getrost vergessen kann. Gut, einen Ultra-Ohrwurm wie „Push the Button“ muss man auch erst mal hinkriegen, aber das war’s dann auch schon. Die Songs wirken uninspiriert, der souveräne Umgang mit den Stimmen der drei Sängerinnen, sei es in der Abwechslung oder im chorischen Satz, ist verloren gegangen, und weder das britische Understatement noch das zuvor durchaus feministische Selbstbewusstsein finden sich wieder. Das was jenseits der jeweiligen Mitglieder die Sugababes ausmachte, ist nicht gepflegt worden, und Mutya Buena erkennt diese Situation und schmeisst entnervt hin. Die vier der 11 Songs auf Album Nummer Vier, in denen Buena die meisten Solo-Parts sang, werden rasch in der neuen Besetzung neu eingesungen; die Neue im Bunde hieß Amelie Berrabah.

CtMit dem Dreiergespann Buchanan, Range, Berrabah wurden dann neben dem halben Album noch die beiden Platten „Change“ (2008) sowie „Catfights & Spotlights“ (2010) veröffentlicht. Beide Platten überführten den Bandnamen zwar erfolgreich in ein weiteres halbes Jahrzehnt seiner Existenz, aber wirkliche Perlen oder gar Impulse gingen von diesen künstlich am Leben erhaltenen Sugababes nicht mehr aus. Nachdem mit Keisha Buchanan Mitte 2009 das letzte verbliebene Gründungsmitglied das Trio verließ und diese durch Jade Ewen ersetzt wurde, kann man nur noch von einem Verrat an den eigentlich geretteten Bandnamen und seinem dahinter steckenden Popentwurf sprechen. Die auf dem siebten Album veröffentlichen Lieder sind seelenlose Tracks, die den Namen Sugababes verschmutzen. „Get Sexy“ zum Beispiel ist eine Bankrotterklärung von Pop an sich, eine Eurodancenummer, die partout sexy sein will, und nicht einmal mehr die Sporen einer Melodie enthält. An diesem Punkt nun wurde nun der Name Sugababes gerettet, in dem das Projekt 2011 zunächst für beendet erklärt wurde - zum Glück muss man sagen.

S7Bereits 2012 gab es einen halbherzigen Versuch der Gründungsmitglieder einer Reunion unter dem freilich nicht ganz griffigen Namen „Mutya Keisha Siobhan“. Die hatten zu diesem Zeitpunkt schlicht nicht die Rechte an dem Namen „Sugababes“ - aber das scheint sich jetzt geändert zu haben. Zwar ist das in der „Graham Norton Show“ präsentierte Lied "Flowers" auf einer vom britischen „DJ Spoony“ kuratierten Dancefloor-Compilation zu hören und fungiert unter dessen Namen featuting Sugababes. Was wir da aber hören, einen triphoppigen Hybridbeat unter geloopten Streichern, parallele Stimmführung im Refrain und paritätische Aufteilung der Strophen - es scheint durchaus, als wäre diesem DJ Spoony und den neuen alten Sugababes die Zutatenliste eines gutes Sugababes-Liedes bekannt. Zudem scheint weitere Musik in Vorbereitung, denn auf die Frage, ob es die Reunion nur anlässlich dieses Feature gäbe, sagten die drei, Nein, man arbeite derzeit an „etwas“, denn schliesslich werde ihr Debüt-Album 2019 zwanzig Jahre alt; 2019und auf Nortons Frage, woran man denn da arbeite, bestätigten sie dessen Mutmaßung, er handele sich vermutlich nicht um Schokolade oder ein Auto. Man darf also gespannt sein.

Vielleicht wäre es geschickt gewesen für dieses Comeback auch Heidi Range mit an Bord zu holen, die nach Keisha Buchanan die zweitlängste Zeit Mitglied dieses Trios war, das vielleicht auch als Quartett funktionieren würde. Aber dass der Name noch erhalten ist und trotz einiger Kratzer wie gesagt auch jenseits der Tatsache, wer gerade mitsingt, für einen Popentwurf steht, ist die hübsche Geschichte einer Charts-Band, die es nun noch mal in der Ära der Postcharts versuchen will. Der Popticker freut sich darauf.


Kleine Ideengeschichte der Popmusik - Folge 02

Wer gerne noch Vinyl kauft, findet in älteren Platten manchmal noch so genannte Presse-Sheets, auf denen die Musik und ihr Image-Korridor im Popmarkt umrissen ist, damit man auch im Vorhinein weiss, was man zu hören bekommt. An sich wurden hier für mögliche Kritiker in Fachzeitschriften Informationen zum „Produkt“ zusammen gestellt, die Musik-Industrie schuf sich so eine eigene Sprache, um über Popmusik reden zu können. Diese Sprache verselbstständigte sich dann in dem Sinne, als das die Industrie Wirkungsweisen und Sound-Konstrukte sprachlich ersann, bevor es sie zu hören gab. Ähnlich der Konzeptkunst in der Hochkultur kam dann auch die Idee auf, Pop-Acts zu erfinden, die einem Erfolg versprechenden Konzept entsprachen, welches danach erst in die Tat umgesetzt wird. Diese Konzepte können freilich temporäre Erscheinungsfiguren bereits existierender Popstars sein - ebenso aber auch ganzheitliche Pop-Entwürfe, zu deren Realisierung dann MusikerInnen gesucht werden, die das vorformulierte Konzept verkörpern können (die Veröffentlichung dieser Suche hat dann wiederum die Castingshows hervor gebracht). Oder aber MusikerInnen ersinnen sich selber ein Pop-Konzept, das zu Ihnen passt, um es danach selber in die Tat umzusetzen. In einer neuen losen Reihe erinnert der Popticker an Konzept-Pop und Pop-Konzepte dieser Art - eine kleine Ideengeschichte der Popmusik von unserem Gastautoren Dietmar Poppeling.

Folge 01 dieser Reihe findet sich < HIER >

 

NO ANGELS


Was war wann die Idee?
Die Idee war, im Jahre 2000 eine Art regionaleres Konzept der Spice Girls in einer Castingshow zusammen zu casten.

Wer steckte dahinter?
Seitens der Caster natürlich die die damalige „Popstars!“-Jury, die man heute eigentlich nicht mehr kennt, seitens der Gecasteten Nadja Benaissa, Lucy Diakoska, Sandy Mölling, Vanessa Petruo und Jessica Wahls.

NoangelsWie hörte sich das an?
Blubberpop, Bubblepop, Blubber-Bubble-Schnipp-Schnapp-Pop. Für das Debut-Album holte man sich eine Riege nationaler und internationaler Pop-Experten wie Leslie Mandoki (Dschingis Khan, Jeniffer Rush), Torsten Brötzmann (Ace Of Base, Alphaville) oder Peter Plate (noch vor Rosenstolz und Bibi und Tina), insgesamt 5 Männer, die den 5 gecasteten Mädchen ein charttaugliches Track-n-Hook-Gerüst unter die Stimmen produzierten. Wenn man die No-Angels-Hits heute hört, wirkt es nicht trashig, nein, man merkt sogar, wie wenig in den Nullern der europäische Popsound im Gegensatz zu heute von amerikanischem RnB beeinflusst war, dass es den globalen Soulpop eben noch nicht gab. Das ist aus heutiger Sicht im gewissen Sinne ein erfrischender Hör-Effekt. Dem entgegen steht der Eindruck, dass das Ganze schon irre starr und verkrampft daher kommt. Mithin keine förderliche Pop-Nuance.

Wie sah das aus?
Sehr bunt, sehr poppig, sehr erzwungen sexy, sehr regional-Spice-Girl-like, sehr nach: Begabte Sängerinnen tanzen nach Männerpfeifen.

Wer hatte die Idee?
Der Ernährungswissenschaftler „Detlev Dee! Sost“

Hat es funktioniert?
Man erreichte mit den „No Angels“ kommerziell das, was man wollte, ob auch Nadja Benaissa, Lucy Diakoska, Sandy Mölling, Vanessa Petruo und Jessica Wahls das wollten, steht auf einem anderen Papier.

Und was ist draus geworden?
Detlev Dee Soost hat seine Coach-Tätigkeit von der Demütigung popstar-williger Teenies auf die Demütigung von Dicken verlagert. Die fünf Nicht-Engel haben sich alle mehr oder minder aus dem öffentlichen Leben zurück gezogen - Sandy Mölling arbeitet teils als Musical-Darstellerin, Vanessa Petruo studiert, Lucy Diakoska betreibt in Bulgarien ein Café. Das ist natürlich verständlich aber auch ein wenig schade. Alle fünf waren bessere Sängerinnen, als es in dem starren „no angels“-Konzept zur Geltung kam. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Musikindustrie ein wenig Raubbau an den Talenten der Fünf betrieben hat.

 

Matt Bianco


Matt_bianco_9Was war wann die Idee?
In den 80ern wollte man eine Art Jazz-Pop lancieren, den es so auch noch gar nicht gab. Matt Bianco waren durchaus eine Band, aber aus den verschiedensten Umbesetzungen kann man schon heraus lesen, dass der Popentwurf der Band als Konzept mehr Gewicht hatte als die jeweils aktuelle Band-Besetzung.

Wer steckte dahinter?
Im Kern Sänger Mark Reilly, Keyboarder Danny White und Bassist Kito Poncioni - die zunächst als Sängerin neben Reilly engagierte Basia Trzetrzelewska (wie immer man dies aussprechen mag) verliess die Band bereits vor Release des ersten Albums 1984 (kehrte 20 Jahre später dann aber noch mal für eine Tournee zurück).

Wie hörte sich das an?
Jazz-Pop mit Latin-Prisen, New-Wave mit Jazz-Anleihen, Easy-Listening mit Pop-Gewürzen, - und es hört sich bis heute so an, Mark Reilly, der Sänger tritt noch immer unter dem Namen Matt Bianco auf (und hat dafür auch adäquate MusikerInnen).

Wie sah das aus?
In den 80ern sah das ziemlich nach den 80ern aus, heute sieht das so aus, wie man damals wahrscheinlich auch schon aussehen wollte: Bar-Jazz in Anzügen.

Wer hatte die Idee?
Mark Reilly - er hält wie gesagt bis heute an seiner Idee fest.

Hat es funktioniert?
Künstlerisch ist die Rechnung voll aufgegangen, in den 80ern waren „Matt Bianco“ Vorreiter eines Pop-Entwurfs, der in dieser und anderen Dekaden von vielen anderen Bands aufgegriffen, kopiert und verfeinert wurde - man denke nur an Sade oder Curiosity Killed The Cat. Kommerziell war der Band nie ganz der absolute Durchbruch vergönnt. Aber es hat gereicht, um bis heute zu existieren.

Und was ist draus geworden?
Wie gesagt: Mark Reilly nennt sich immer noch Matt Bianco

 

Lordi

 

Was war wann die Idee?
Die Band wurde Anfang der 90er gegründet. Die Idee war die einer Hard-Rock-Band bestehend aus Monstern und Zombies.

Wer steckt dahinter?
Finnische Hard-Rock-Musiker.

Wie hört sich das an?
Wie finnische Hard-Rock-Musik mit englischen Texten.

LordiWie sieht das aus?
Wie Monster und Zombies in einem B-Horror-Streifen.

Wer hatte die Idee?
Der Sänger Tomi „Mr. Lordi“ Putaansuu. Der junge Mann ist Musiker, Make-Up-Artist und ausgebildeter Special-Effect-Künstler. Die Band „Lordi“ war zunächst ein Solo-Projekt, seit 1996 ist es eine Band.

Hat es funktioniert?
Bei Hard-Rock von Monstern ist das Wort Funktionieren vielleicht etwas fehl am Platz. Da Lordi aber 2006 den Eurovision-Songcontest gewannen, kann man schon sagen, dass das Konzept sogar Mainstream-Potential hat.

Und was ist draus geworden?
Die Band ist in der Hard-Rock-Szene nach wie vor sehr erfolgreich.