Songs zum Sonntag /// 281121 /// heute: Chanson aus Kanada
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Irgendwie, irgendwo, irgendwann

- Ohren auf Deutschpop werfen, Folge 20

Lea. Wer ist denn das noch mal? Auf ihrer Website sagt sie uns: „Ich bin Lea. Ich mache Musik. Schön, dass Du da bist.“ - das finde ich schon mal sympathisch. Lea singt auf ihrem aktuellen Album „Fluss“ über Verletzlichkeit der Liebe, über „Küsse wie Gift“, eine „4-Zimmer-Wohnung“ und „dicke Socken“. Viele der erwähnten Dinge und Topoi stehen hier einerseits für sich, und gleichzeitig sind sie Chiffren, Allegorien für zwischenmenschliche Zustände - der „Swimmingpool“ symbolisiert Unbeschwertheit, die Möglichkeit, eigene LeaVerkrampfungen zu lösen, „Parfum“ markiert die Unbegreiflichkeiten einer interessanten Person, und für ein anderes Du geht Lea durch jedes „Gewitter“. Durch den Hagel an Zweideutigkeiten wirken die Songtexte im Ganzen eines Albums fast schon hermetisch. Damit meine ich, dass in der doch sehr eigenen und eigenartigen Poesie die Lieder auf ihre Art persönlich und nahezu intim wirken, ohne dass ich mich aufgerufen fühle, sie als Hörer auf mich zu beziehen. Das ist aber keineswegs negativ gemeint. Die Songtexte haben in der Summe die Charakeristika einer Kunstsprache, bei der es Spass macht, in sie einzutauchen: „Fahrradklingel klau′n / Du fährst los, ich spring auf / Presslufthammer im Regen / Lachen um unser Leben“ - heißt es zum Beispiel in dem schönsten Track des Albums „L & A“, ein Duett mit Antje Schomaker. Die Musik auf dieser Platte ist freilich ein wenig eintönig geraten - oder vielmehr, sie kann mit der Eigenwilligkeit der gesungenen Texte nicht mithalten: Trap-Anleihen, etwas referenzloser Synthiepop und Piano-Arpeggio-Balladen halten sich die Waage - die Fülle und gleichzeitige Zurückhaltung von Leas Stimme, von ihrer Art zu singen, findet hier nicht immer das Sound-Bett das mit oder dagegen liefe. Dennoch ist „Fluss“ in der Summe eine absolut gelungene Platte - vor allem aufgrund der Texte.

„Vier“ heißt das neue Album von Max Giesinger, es ist auch sein Viertes („Fluss“ von Lea ist im Übrigen auch deren vierte Platte). Giesinger macht im Grunde Popmusik für Menschen, die nicht gerade sensibel darin sind, ihre eigenen Unzulänglichkeiten und Probleme zu erkennen. Daher muss diese Musik, um überhaupt emotional sein zu können, erst einmal Fehler im an sich fehlerlosen Selbstoptimierungszeitalter benennen, um diese wieder weg zu singen. Zum Beispiel Prokastination. Im Opener „irgendwann ist jetzt“ besingt Max Giesinger also das Aufschieben von Dingen: Eltern besuchen, Maxauf Land ziehen, Handy ins Meer werfen - und so weiter. Vieles will das hier singende Ich irgendwann anpacken, um sich dann selber dadurch zu motivieren, dass dieses Irgendwann irgendwann auch eintreten solle: „Ich will nicht länger warten, bis was passiert / Hab’ hundertzwanzig Fragen, bin scheiß verwirrt / Doch ich fang' endlich an zu glauben, dass alles, was ich brauche / Schon immer in mir steckt, irgendwann ist jetzt / Irgendwann ist jetzt.“ Wo Lea wie beschrieben durch Andeutungen, Codes und Allegorien irgendwann eine Kunstsprache herauf beschwört, genügt sich diese Sprache darin, banalen Alltag auf einer Weise zu beschreiben, dass auch banale Mittel reichen sollten, um die angeblichen Probleme zu lösen; Probleme, die man aber eigentlich auch schon wieder vergessen hat, wenn sie gelöst sind. Fataler Weise ist die Aussage, „Irgendwann ist jetzt“ ja verkehrt rum, denn die Hoffnung ruht ja darauf, dass jetzt endlich besagtes Irgendwann ist - und eben nicht umgekehrt. „Irgendwo da draussen“ ist im gewissen Sinne das gleiche Lied - das Aufraffen wird hier eben nicht zeitlich ins Irgendwann geschoben - sondern örtlich ins Irgendwo: „Irgendwo da draußen in einer andren Stadt / Gibt’s noch ein andres Leben, das ich hier jеtzt grad verpass’ / Würd alles einmal tauschеn, alles was ich hab’ / Denn irgendwo da draußen, da liegst du jetzt grade wach“, und noch zwei Lieder später stehen „Berge“ dem Aufraffen entgegen, die dann, Spoiler-Alert, im Refrain doch erklommen werden: „Ich zieh' los in die Berge, bis ich klarer seh’ / Kletter’ rauf auf die Gipfel, bis mir ein Licht aufgeht.“ - an diesen Zeilen haben sieben männliche Song-Texter herum geschraubt - warum haben die nicht mal alle Lyrics hintereinander weg gelesen oder eine Lektor:in engagiert? Diese Platte handelt derart monothematisch vom „einfach mal machen“, von besagtem Aufraffen - das hätte doch jemandem auffallen müssen. Und dann dieser bestürzend einfallslose Pop-Sound - immer nur Basslauf, Gitarrenlicks, Synthietupfer und die immer gleichen Melodie-Ideen. Man hat das alles schon vergessen, bevor es Eingängigkeit entfaltet.

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