Perpetuum Latinpop
/// Songs zum Sonntag /// 240422

ikonisch ironisch

Warum distanzierter Schlager überhaupt möglich ist

Commissario Brunetti ermittelt ja mitten in Venedig auf Deutsch - dieses ZDF-Konzept in Popschlager zu übersetzen, auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Ob dieser Popentwurf aus der Brainstormhölle, in der Redaktion von Jan Böhmermann oder bei einer schwer durchzechten Nacht entstanden ist, wir wissen es nicht. Was wir indes wissen, ist dass dieser Entwurf in die Tat umgesetzt wurde und derzeit sogar auf der Spitze der deutschen Albumcharts steht: Auftritt „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ - für diese Formation hat man sich eine fiktive Bandgeschichte erdacht und diese mit reichlich blödsinnigen Daten angereichert - frühen Erfolgen bei einem brasilianischem Schlager-Festival etwa, oder einem Debüt-Album namens „Greatest Hits“, dem Bandzerwürfnis und schliesslich dem Comeback mit dem derzeitigen Album „Mille Grazie“. 

Original

Man muss den deutschsprachigen Italoschlager dieses Longplayers nicht gehört haben, um erkennen zu können, dass wir es hier mit einem ironischen Popkonzept zu tun haben. Um so erstaunlicher ist aber, dass die Kernbotschaft dieser Musik, eine sich hingebende Leidenschaft für Italien, die Liebe und das Leben dennoch ungefiltert durch das ironische Breitband-Antibiotikum der unsinnigen Formation hindurch kommt. Und das bei einem derart antiseptisch unironischen Kern-Genre, dem Schlager. Wie ist das überhaupt möglich? 

Dazu muss man vielleicht erst einmal ein wenig ausholen.

In der Rhetorik ist Ironie bekanntermassen die erkennbare Diskrepanz zwischen Gesagtem und tatsächlicher Intention des Geäusserten. Die Erkennbarkeit erzielt man dabei mit Signalen der Distanzierung - zum Beispiel dadurch, dass man Gesagtes gestisch oder stimmlich markiert. Wenn zwei Menschen sich gut kennen, und unter ihnen die Ironie als Code anerkannt ist, muss Gesagtes nicht kenntlich gemacht werden. In der Kunst wiederum, in der sich Sender und Empfänger von Botschaften nicht unbedingt kennen, kann man sich auf ironische Effekte erst dann verlassen, 0602445062171wenn sie als künstlerisches Stilmittel etabliert sind - das muss man aber eben für jedes Werk, jeden Roman, jedes Skulptur neu tun. Das heißt praktisch nichts Anderes, als dass ich bestimmte Stilmittel bewusst übertreibe oder anderweitig abhebe, so dass sie augenscheinlich werden. In der Popmusik wiederum, bei der das bewusste Übertreiben, Zitieren, Markieren und kenntlich Machen ohnehin zu den konstatierenden Stilmitteln gehört, ist die Ironie also präsent, auch wenn sie als distanzierendes Mittel gar nicht gewollt ist - sie ist jenseits von Inhalten Resultat der Form und bezieht sich auch auf diese.

Diese Art der Formenironie wiederum erzeigt das große Referenz-Potential von Pop. Man kann sich der Inhalte bestimmter Genres nämlich zu eigen machen, in dem man deren Stilmittel übertreibt und anderweitig kenntlich macht. Wenn ich zum Beispiel in einem Folksong Flamenco zitiere, distanziere ich mich nicht von dessen potentiellen Inhalten, sondern lasse diese im Gegenteil bewusst mitschwingen. Womit wir bei der Antwort auf die Frage angekommen wären, warum es ironischen Schlager überhaupt geben kann - im Übrigen sind  „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ natürlich nicht die Ersten, die das versuchen. Dagbobert beispielsweise, der große schweizer Liebes-Skeptiker mit dem tiefen Glauben an das Lied, hat den Schlager bereits philosophisch mit Indiepop unterwandert; Alexander Marcus hat einen Soundtrack für die Fusion von Schlager-Move und Loveparade erfunden, der Musiker Drangsal hat kürzlich erst Postpunk in die Schlagernachhilfe geschickt und dafür sogar vom Feuilleton gute Noten bekommen, und die „Crucci Gang“ hat Klassiker des Deutschpop durch eine italienische Espressomaschine gejagt - schade übrigens, dass es die Spex nicht mehr gibt.

Doch zurück zum Italo-Schlager: Auf Deutschlandfunk wurden die beiden Kernmitglieder von  „Roy Bianco“ & die Abbruzanti Boys“ gerade interviewt (namentlich Herr Roy Bianco und Herr Abbruzanti Boys), und in der Ankündigung zu diesem Beitrag wurde deren Presse-Info zitiert, nach der sie das fiktive Narrativ dieser Band niemals verlassen würden. Leider erwiesen sich die beiden Interviewten dann eher als mittelmässige Darsteller ihrer selbst erschaffenen Kunstfiguren: Ihrem feinsinnig ironisiertem Italo-Pop-Schlager sind sie sozusagen schauspielerisch nicht gewachsen. Dennoch eine bemerkenswerte Veröffentlichung, in der die Kulturgeschichte der Ironie skizziert ist - Konzeptpop von hoher und gleichzeitig unfassbar blödsinniger Schule.

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