Dietmar Poppeling

Kontemplative Chimäre

Dietmar Poppeling im Gespräch mit dem Popticker über das Ende des Rock durch Pop, mit der Hook beginnende Lieder und die Wirkungsgewitter in Zeiten von Hygienekonzepten anlässlich des Eurovision Songcontest 2021. Bebildert in diesem Jahr nur mit Stockfotos - aus Gründen

Herr Poppeling, nach eine Jahr Pause konnten wir gestern den Eurovision Songcontest unter pandemischen Bedingungen beiwohnen - wo soll man da bloss anfangen? Klassisch? Mit der Frage, wie Ihnen der Songcontest ingesamt gefallen hat?

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Dietmar Poppeling mit seinem Jet

Oder wir fangen dieses Mal da an, wo wir sonst enden, nämlich mit der Frage, wen wir im nächsten Jahr zum Contest in Italien schicken sollten, denn es braucht kein Corona, um mein Ritual der Antwort zu hinterfragen, die ich immer gebe: Vanessa Petruo. Denn wir wissen nun: Vanessa Petruo wird es nicht machen, sie ist Neurologin in Berkeley und an einer weiteren Karriere in der Popmusik mit oder jenseits der No Angels nicht interessiert, und auch wenn wir beiden Gott und die Welt bewegen würden: Der Zug ist abgefahren. Deswegen gebe ich in diesem Jahr eine diplomatische Antwort: Wen wir schicken, ist vielleicht weniger die Frage, als vielmehr die, wie wir an ein Lied kommen, das dann - von wem auch immer - gesungen werden kann, denn ich denke, das war in diesem Jahr der Knackpunkt: Ein Popsong braucht so vieles, ein ESC-Song braucht auch vieles davon, aber hier hatten wir es mit einem Beitrag zu tun, der eine an sich saugute Hook hatte, aber damit hat man sich leider zufrieden gegeben: „I don’t feel hate“, auf diesem Satz könnte man einen Song aufbauen, aber sonst hat man halt nicht viel komponiert: Keine Strophe, kein Refrain oder eine Bridge, die in die Hook mündend einen Refrain suggeriert, nix, und dann hat man den Rumpf eines Liedes auch noch mit der Hook, den einzigen Trumpf, den man im Ärmel hat, beginnen lassen, und hat halt damit schon seine Pfeile verschossen. Somit hatte man auch keine Dramaturgie drin, keine Geschichte, keine Konklusion. 

Was wäre eine Konklusion?

Nun, dass man irgendeine Situation beschreibt, aus der heraus man Gründe hätte zu hassen, und dann sagt man aber eben: Nee! I don’t feel hate! All dies hat man nicht getan, sondern, man lässt Jendrik direkt singen:

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Jendrik bei seinem Auftritt in Rotterdam

Ich verspüre keinen Hass. Und damit ist diese Hook eben auch schon verschenkt, und eine verschenkte Hook ist keine Hook - sondern eine leere Phrase. „I don’t feel hate“ ist die Folge von etwas. Wenn man es vorweg schickt, folgt daraus nichts. Überhaupt denke ich, dass ein ESC-Song nicht mit dem Refrain beginnen sollte. Ich habe hier keine Statistik, aber ich wage die Behauptung, dass beim Songcontest noch nie oder zumindest selten ein Lied gewonnen hat, das mit dem Refrain beginnt.

An Jendrik lag es also nicht?

Nein. Der hat eine silberne Ukulele, und dass er sie wirft und fängt, ist auch prima, aber der Song war kein Song, und ohne einen geht es halt nicht.

Nun sind wir bereits mittendrin und haben den deutschen Beitrag analysiert, da können wir gleich mit der Tür im Haus bleiben und Sie fragen: Wie finden Sie den italienischen Sieger-Beitrag?

Naja, dass Rock niemals sterben wird, wie der Sänger uns euphorisch unterrichtete, das mag schon als Botschaft einer der Gründe sein, warum so ein Titel gut ankommt, aber natürlich ist die Botschaft auf einer Popveranstaltung wie dem ESC schon irgendwie fehl am Platz, um nicht zu sagen: Der Mummenschanz, die Ironie, mit der Rock hier retro-romantisch und also mit den Mitteln des Pop inszeniert wird, ist natürlich im höchsten Masse kontemplativ und damit vom Gestus her ziemlich wenig Rock. Überspitzt könnte man sagen, die Botschaft, dass Rock nicht sterben könne, kommt in dem Fall aus der Gruft des Rock, womit ich aber nicht gesagt haben will, dass die Band, die gewonnen hat, nicht trotzdem Rock lebt. Die Pressekonferenz von Måneskin war sicher mehr Rock als der Beitrag, der Song „Zitti e Buoni“ es sein kann. Aber das sind natürlich Spitzfindigkeiten, die Spass machen, gedacht zu werden - letztendlich ein verdienter Sieger.

Ihr Favorit war es nicht?

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Go_A aus der Ukraine

Mein Favorit war die Ukraine, ganz klar, weil die es vermocht haben, die neue Art und Weise, wie heute Popsongs gebaut werden, als stetes Crescendo von Einzelpartikeln, die ihrerseits jedes für sich auf TikTok funktionieren würden, in einen Beitrag für den ESC zu übersetzen. Gleichzeitig haben sie Sprache und Harmonien eines folkloristischen Beitrags, wie sie für den Contest typisch sein können, ernst nehmend zu zitieren. Das ganze Ding „shum“ von Go_A war der erste Beitrag zum ESC aus der Streaming-TikTok-Ära der Popmusik. Solche Beiträge werden wir nächstes Jahr mehrere und in zwei Jahren sehr viele zu Gesicht bekommen, und sie werden eher nicht so stark sein, wie dieser dies Jahr der Ukraine - ein Feuerwerk visueller wie akustischer Hooks.

Welche Beiträge waren zudem bemerkenswert?

Frankreich hat es mit einem puren Genre versucht, das kann immer auch funktionieren, obgleich die statistisch meisten Beiträge vermutlich einen Genremix suchen, um in möglichst vielen Publika und Jurys, Stimmen zu gewinnen. Hier hatten wir es mit einem originären Chanson zu tun, der sich zu 100 Prozent auf dessen Wirkungsweisen verlässt. Das fällt eben allein schon deswegen auf, weil wir gesagt viel Beiträge Anschluss in viele Richtungen erhoffen. Hier war es eben von Barbara Pravi auch toll vorgetragen. Im Gegensatz dazu wirkte der Beitrag aus der Schweiz schon fast wie ein Kunstlied, das fiel schon auch auf, und auch hier war der Vortrag seitens „Gijon’s tears“ bemerkenswert gut.

Warum war der maltesische Beitrag so hoch gehandelt und hat es letztlich nur auf den siebenten Platz gebracht?

In dem Fall würde ich sagen, dass „nur“ in Bezug auf den siebenten Platz relativ ist, aber warum es vielleicht nicht in den Ausmass gefunkt hat, in dem das Wettbüros erwartet hätten, hat meines Erachtens damit zu tun, dass die Überwältigungsstrategie, dass Wirkungsgewitter in einem Jahr mit nur 3500 Zuschauer:innen in der Halle nicht automatisch auffallen. In anderen Zusammenhängen hätte dieser Beitrag vielleicht gewinnen können.

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Fans in der Halle

Was für Lehren ziehen wir insgesamt aus diesem Songcontest für die die Kommenden?

Der Rockanteil wird nächstes Jahr stark steigen, aber es wird sicher kein Rock gewinnen. Insgesamt sollte man irgendwann wirklich überdenken, ob die big five wirklich automatisch für das Finale qualifiziert sein müssen, denn man sieht ja, dass man sich damit keinen Gefallen tut. Wenn man das Halbfinale überwinden muss, steigt durch den Wettbewerb die Identifikation mit dem eigenen Beitrag eines Landes, und damit letztlich auch der Wert im nationalen TV als Sende-Ereignis. Die Idee, dass man damit ein Ereignis finanziert, bei dem man dann selber nicht vorkommt, weil man im Halbfinale ausscheidet, ist letztlicht eine Illusion, eine Chimäre, denn man sieht ja an unserem diesjährigen Beitrag: Ohne Lied kann man sich die Teilnahme auch schenken. Schauen Sie sich UK an - vielleicht würde das vereinigte britische Königreich den Wettbewerb nicht verweigern, wenn es für sie einer wäre.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Kollektive Gefühls-Felder

"Man votet nicht politisch.", sagt der ehemalige Popbeautragte der Bundesregierung, Dietmar Poppeling über den ESC 2022 - unser alljährlicher Eurovision-Talk diesmal mit hübschen Fotos von tollen Verpackungsmaschinen 67611ea3.600x400

POPTICKER Herr Poppeling, wie hat Ihnen der ESC vorgestern gefallen?

POPPELING Gut.

Prima. Dann bis nächstes Jahr.

Musikalisch gut. Vom Visuellen her, nun ja, ein gewisser Overkill, und die Show mitsamt den Moderator:innen so mittel.

Der Mythos, der ESC sei unpolitisch ist, so die allgemeine Einschätzung, ziemlich ins Wanken geraten.

Das ist auch sicherlich nicht völlig verkehrt, aber man muss trotzdem differenzieren, denn die Menschen voten nicht politisch - sie voten in allererster Linie emotional. Dass aus der Entscheidung dann als eine politische Botschaft gelesen wird, wie jetzt mit dem Sieg der Ukraine, ist natürlich dennoch nicht totaler Blödsinn. Der ukrainische Beitrag aber hat es vermocht, die emotionale Konstellation der Solidarität mit einem angegriffenen, im Krieg befindlichen Land aufzunehmen und zu bündeln. Das kann Musik eben. Insofern ist der Sieg des „Kalush Orchestra“ durchaus mit musikalischen Mittel erreicht worden. Das darf man auf keinen Fall klein reden.

Wie gefällt Ihnen der Song „Stefania“ denn persönlich?

Ich kann damit ehrlicher Weise nicht so viel anfangen. Die Hook, die der Chor singt, ist enorm catchy, und  vermag wie gesagt in wenigen Zeilen und Tönen die Geschundenheit aber auch den Stolz des ganzen Landes einzufangen, der Rap ist toll, die Flöte erinnert man auch sofort, und allein dass ein Beitrag ohne eine einzige englische Zeile den ESC gewinnt, finde ich erst einmal prima. Aber persönlich, nein, gefällt mir der Song nicht. Aber ich sehe sofort ein, dass Millionen von Zuschauerinnen das anders sehen.

Mit ihrer These der emotionalen Entscheidung von eben diesen Millionen, die den Sing gewählt haben, lässt sich auch erklären, warum die Jurys der Ukraine deutlich weniger Punkte gegeben haben. Weil die Jurys eben NICHT emotional wählen?

89-1000-1Diese These, werter Herr Gieselmann, ist natürlich Unfug.

Und warum, Herr Poppeling?

Die Jurys voten nicht unemotional - sondern in anderer emotionaler Konstellation; und kommen daher zu anderen Entscheidungen. Allein schon, weil sie nicht die Show sehen - sondern ihre Entscheidung nach einer Probe fällen, wirft sie eher auf sich zurück, als auf bestimmte kollektive Gefühls-Felder -

Oho!

- Gefühls-Felder von Mehrheiten. Der Effekt, das sich ein Raum auf etwas einigt, allein WEIL man in einem Raum ist, und wenn ebendies sich aus der ESC-Halle  mitsendet und dann viele für die Ukraine anrufen, davon ist die Jury, davon sind die Jurys nicht beeinflusst. Aber sie gehen vielleicht schlecht gelaunt in den Tag, und dann erreicht sie ein fröhlicher Titel mehr als eine Liebes-Ballade. Daher sind die Jury-Votes mitnichten professioneller als die der Publika - im Gegenteil, sie sind um Weiten privater.

Nicht zum ersten Mal wurde Kritik laut, nachdem aus jedem Land egal ob von Jury oder TV-Publikum Punkte nur an zehn Länder gehen. Platz 11 bis Platz 25 aus jedem Land bekommen die gleiche Punktzahl - nämlich Null. Auch Peter Urban hat in dieses Horn gestossen; nicht zuletzt, weil Deutschland wieder mal Letzter wurde: „Du kannst 40 Mal im guten Mittelfeld landen und hast immer noch keine Punkte. Insofern ist dieses System ungerecht, das prangern wir schon länger an.“

Holz-verpackung-posch-packfix-967x725Urban sagt auch (Link < HIER >), dass jeder Beitrag Punkte bekommen sollte, und ja, ich finde schon, dass das dann gerechter würde, da hat er Recht. Aber man müsste sich dann eben davon verabschieden, dass die Höchstpunktzahl 12 ist. Mit dem „Our twelve points go to … SWEDEN“ wäre es dann vorbei. Und diese 12-Punkte-Tradition abzuschaffen, das wäre ein Tabubruch. Ich fände das auch grauenhaft, aber es wäre vermutlich eine Punktereform, die den Wettbewerb gerechter und als besser machen würde, und spätestens im dritten Jahr davon, dass jeder Beitrag sagen wir 2 bis 50 Punkte bekäme, hätte man die 12 Points vergessen.

Dann hätte Deutschland auch ein paar Punkte mehr.

Gewiss, aber darum sollte es nun nicht gehen - wenngleich auch ich finde, dass unser Beitrag in diesem Jahr besser war als sein Ruf; aber was willste machen.

Welcher Beitrag hat Ihnen denn am Besten gefallen?

Ganz klar „De Diepte“ aus Holland, eine klassische, unheimlich tolle ESC-Ballade, die sehr clever gebaut ist - ein Harmoniedurchgang für je Strophe, Bridge oder Refrain dauert genau 10 Sekunden, und diese 10-Sekunden-Module sind dramaturgisch toll arrangiert - mit seichter Steigerung zunächst und abklingendem Bombast und großer Bremse hinten raus. So muss man das machen. Toll. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich mochte die gelben Wölfe aus Norwegen, die dem Wolf eine Banane geben wollen, bevor er die Großmutter frisst. Das war herrlicher Quatsch.

Aber Sie waren das nicht? In einer finnischen Zeitung wurde gemutmasst (< HIER > der Link), Sie steckten unter einer der gelben Wolfsmasken.

Doch doch, das war ich.

Wußte ich es doch. Und wen, so frage ich jedes Jahr wieder, sollte Deutschland im nächsten Jahr zum ESC schicken?

Wilhelmine.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Vom Dirigat zur LED-Wand

Die Geschichte der Song-Inszenierung beim ESC

Esc-look-11Der Eurovision Song Contest ist ja, wie immer wieder erinnert wird, an und für sich ein Wettbewerb von Kompositionen gewesen - die Interpret:innen waren sozusagen Teilnehmende in der zweiten Reihe. Sicher wurde dies in der Praxis auch zu Zeiten nicht so wahr genommen, als noch die Song-Komponist:innen ein Orchester dirigierten - Pop, ob man es will oder nicht, steht und fällt mit denen, die singen. Das Orchester ist folglich dem Playback gewichen, live performt nun Frontfrau oder -mann, und diejenigen, die den Song komponiert haben, werden in eingeblendeten Credits erwähnt oder aber mit etwas Glück von den jeweils Kommentierenden erwähnt. Meist sind es heute auch wie im internationalen Popgeschäft üblich ganze Teams von Menschen, die die Songs zusammen geschraubt haben - ich kann die Quelle leider nicht mehr nennen, aber ich habe irgendwo gelesen, dass zum Beispiel im letzten Jahr durchschnittlich 3,75 Komponisten an den Song-Beiträgen gearbeitet haben.

Seit also das Orchester nicht mehr spielt und dirigiert werden muss, zeigt die Kamera nichts anderes mehr, als diejenigen, die den Song performen, oder eben so tun, als ob sie ihn performen. Naturgemäss wuchs der Anspruch daran, wie man eben dies tut, und also begann man die Auftritte zu inszenieren. Diese Inszenierungen haben, wie wir wissen, einige absurde Stilmittel hervor gebracht - Trickleider, Stabhochwackel-Choreographien, hüpfende Delfine, Schlittschuhe auf Kunsteis-Platten und so weiter; und diese Kuriositäten sind vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es für das Live-Inszenieren von einzelnen Songs keine historischen Beispiele gibt. Sicher, es gab in der TV-Geschichte Sendungen wie „Top Of The Pops“, aber hier genügte für den Inszenierungsfaktor der Glamour-Faktor etlich anwesender Stars, beim Songcontest kann sich nicht auf Star-Power verlassen werden, der Song ist es, der inszeniert werden soll. Und mit eben der Inszenierung, spätestens, ist der ESC kein Kompositionswettstreit mehr, sondern ein Popwettbewerb, weil in der Popmusik, wie Dietrich Diederichsen so treffend definiert, Akustisches wie Visuelles „zusammen fällt“.

Bildschirmfoto 2022-05-13 um 22.21.17Das Inszenieren von drei Minuten Musik ist inzwischen völlig entgrenzt - die LED-Leinwände, Feuerkanonen, Nebelmaschinen und Bühnen-Requisiten werden immer raffinierter, mit planbaren Kameraperspektiven lassen sich virtuelle Treppen, Mondlandungen und surreale Landschaften in Echtzeit herauf beschwören. Wer in diesem Jahr das erste Halbfinale geschaut hat, und vermutlich lässt sich das auch über das Zweite sagen, musste allerdings das Gefühl bekommen, dass die technische Entgrenzung an ihrem Zenith angekommen ist - wer wenig inszenierte hatte quasi sein Ticket ins Finale gebucht, und mit wenig ist hier ein Ausmass gemeint, dass noch vor zehn Jahren als Overkill wahrgenommen worden wäre. Ich habe allerdings den Eindruck, dass dies nicht nur daran liegt, dass man diese Sendung inzwischen mit dem Gefühl sieht, meine Augen rebellieren gleich gegen alle Effekte, es hat auch was damit zu tun, dass all der Feuerfontänen-Bombast die Skepsis provoziert, hier wird kein Song mehr inszeniert, hier wird eher vom Song abgelenkt. Es ist halt so: Irgendwas muss man schon meinen, wenn man auftritt. Sicher, ein gewisses Mass an Ironie ist sicher auch nicht hinderlich, aber man muss den ESC vor allem Ernst nehmen, sonst ist man verloren und wird verlieren, das wird auch an diesem Samstag so sein.


Du kannst jederzeit zu uns kommen!

Der Schlager macht Popstars zunehmend Identitätsangebote

Vielleicht ist es eine Momentaufnahme und noch kein Trend, aber derzeit scheint das, was man im Allgemeinen Deutschpop nennt, zurück gedrängt: Waren noch vor gut ein, zwei Jahren die Charts von deutsch-sprachigem Pop durchdrungen, herrscht heute in diesem Genre-Segment ziemliche Leere. Fast könnte man eine Parallele zur Neuen Deutschen Welle, zur NDW in den

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Ausverkauf NDW

80er ziehen: Die Aufbruchsstimmung verkam zum ideenfreien Franchise, und die Folge war eine Inflation, bis der Markt schließlich kollabierte. Inzwischen haben wir auch eine Szene mit etlichen Menschen, die unter ihrem Vornamen mit Ouh-Oh-Chorischen Flächenpop den Markt überschwemmen, und schon jetzt muss man befürchten, dass von diesem Heer an Musiker:innen nur die Erfolgreichsten bleiben werden - Mark Forster würde dann, was Nena zur NDW war, während einer so großartigen Songschreiberin wie Antje Schomaker das Schicksal von Ina Deter droht?

So weit ist es sicher noch nicht, und die Situationen sind auch nur zum Teil vergleichbar. Das, was wir heute NDW nennen jedenfalls, war im gewissen Sinne auch der Postpunk der BRD, eine Subversion, welche die Popkultur und den Schlager mit Unsinn und Widerstands-Geist unterwanderte. Daraus entstanden so groteske Situationen wie die, als Dieter-Thomas Heck sich weigerte, eine harmlose Band wie „Geier Sturzflug“ und ihre zweite Single „Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“ anzusagen, weil ihm das zu frech war. (Wirklich politische Bands oder gar Punks wie Fehlfarben, Hansa-A-Plast oder Extrabreit schafften es freilich gar nicht erst in die ZDF-Hitparade.) Dementsprechend aufrührerisch und aus heutiger Sicht historisch wirkte es dann, wenn Trio ihren Dada-Punk-Pop in eben dieser Sendung aufführten. Während also vor 40 Jahren Pop im Geiste des Punk Schlager enterte, fehlt dem Deutschpop dieses beginnenden Jahrzehnts jeglicher aggressive Gestus, um sich der umgekehrten Unterwanderung des Schlagers zu erwehren. Der Schlager hat sich geöffnet, und Pop war darauf nicht vorbereitet.

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Relevanter Rant

Dass der deutschen Popmusik der Schlager auf die Pelle gerückt ist, daran ist diese Popmusik letztlich selber schuld. Sie hat, wie Jan Böhmermann in seinem bis heute relevanten Rant und dem damit verbundenen Song „Menschen Leben Tanzen Welt“ gezeigt hat, einen Setzkasten an musikalischen und lyrischen Stilmitteln heraus gebildet, der der Gleichförmigkeit des immanenten Konservatismus im Schlager in nichts mehr nach steht. (Was wiederum doch auch wieder eine Parallele zur NDW sein mag, die erodiert ist, nachdem ihr ursprüngliches Kapital, die Phantasie, zur Regelsammlung verkam.) Die Nähe zwischen zwei Genres, deren Trennschärfe eigentlich der Pop kultivieren sollte, gibt dem Schlager wiederum die Möglichkeit, nicht ausreichend erfolgreichen Interpret:innen der Popmusik Identitätsangebote mit seinem Spielregeln zu machen.

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Angebot angenommen:
Ben Zucker

Und es gibt diese Angebote, und zwar sowohl an Sänger:innen, die neu sind und noch keinen Popentwurf heraus gebildet haben, ebenso an Intererpret:innen, die im Pop schon mal erfolgreich waren oder sogar noch sind. Für die erste Kategorie gibt es das Beispiel Ben Zucker, dessen neues Album „jetzt erst recht“ gerade recht erfolgreich ist - Zucker ist in seiner Rockattitüde eigentlich prädestiniert dafür, Deutschpop im besten Sinne zu singen, aber irgendwie reicht es dafür nicht, und so biegt er seinen Popentwurf in Richtung Schlager, welcher ihm aufgrund dieses Zugeständnis eben einen Platz in seinem Kreis anbietet: Seien Sie doch bitte, Herr Zucker, ein wenig wie Hans-Hartz, aber nehmen Sie auch Gitarren rein, denn die weißen Tauben sind noch lange nicht müde. Zucker singt also mit schlagerschem Emotions-Tremolo und Whisky in der Stimme eine Art rück-authentifizierten Schlagerpoprock, und als hätte Böhmermann nie statistisch die Häufigkeit der Begriffe Menschen, Leben, Tanzen und Welt in der Deutschpoplyrik konstatiert, so heißen denn die ersten drei Lieder auf erwähnten Zucker-Album: „Guten Morgen Welt“, „Bist Du der Mensch“ und „Das ist nicht das Ende der Welt“.

Ähnliche Identitäts-Angebote für Interpretinnen macht der Schlager in Falle von zwei Comeback-Versuchen ehemaliger Popstars: Da sind zum Einem die No Angels, welche die Neuauflage ihres ersten Hits „Daylight in your eyes“ kürzlich in der TV-Show
„Schlagerchampions - Das große Fest der Besten“ zum Besten gaben. (Am Bühnenrand tanzte Ross Anthony, der wie die No Angels einst als Popstar durch die Sendung „Popstars“ Erfolg hatte, und und sich heute als Schlagersänger verdingt. Ebenso wie Giovanni Zarrella, sein ehemaliger Bandkollege bei „Bro’sis“, der derzeit in den Charts mit einer bi-lingualen

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Blümchen in Gold

Songsammlung  instant-italienisches Lebensgefühl in Musikform verkauft.) Da ist zum Anderen Jasmin Wagner, die einst in den 90ern als Blümchen bekannt war. Nach ihrem ersten Comeback-Versuch 2006, mit an sich ganz charmanten deutschsprachigen Chansons, die sie mit Bernd Begemann schrieb, erscheint nun in Kürze ein Schlager-Album, dessen Titelsong „Gold“ bereits die Richtung vorgibt: Eurodance mit viel goldener Haut und einem, mit Verlaub, selten dämlichen Text: „Gold! Ein Herz aus Gold / hab’ ich immer schon gewollt.“ - nun ja.

Man könnte also sagen, dass der Schlager denjenigen, die aufgrund der Deutschpop-Inflation hinten runter zu fallen drohen, Ablösesummen bietet und mit Handgeldern wedelt. Vom Gestus her ist das sektengleich: Du kannst jederzeit zu uns kommen. Bei manchen schlagen diese Angebote dann voll durch, siehe die bisher genannten Interpret:innen, wieder bei Anderen bleiben Hintertüren im Popentwurf - man höre sich einmal das aktuelle Album von Sarah Lombardi an. Es heißt „im Augenblick“ und hat somit schon einen klassischen Topos des Schlagers UND des Deutschpops im Titel (Kairos und Ewigkeit), und es klingt in seiner synthetischen Beiläufigkeit anschlussfähig an beide Genres, mit denen wir uns heute beschäftigen. Man höre dazu dann einmal im Vergleich

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Augenblick mal

die aktuelle Single von Mark Forster und Lea, den Song „Drei Uhr Nachts“, in dem die titelgebende, nächtliche Uhrzeit symbolisch für die Einsamkeit  der oder des Singenden steht. Bösartig gesagt ist dieser Song ein Paraphrase auf den Signature-Hit von Helene Fischer. Zumindest ist der Topos Nacht ähnlich eindimensional verwendet wie im Schlager. Die Charakteristika, mit denen sich Lombardi, Forster und Lea noch vom Schlager abheben, sind Nuancen. Wer sich einmal durch den Sampler „Ich find Schlager toll 2021“ klickt, der merkt wie entgrenzt sich dieses traditionell eigentlich verharrend und bewahrende Genre geriert: Rockgitarren, pseudonordische Mystik, queere Thematiken, Mittelalter, Klimaschutz und Techno - eine bunte Wiese der Möglichkeiten, und doch klingt alles recht einheitlich.

Wer Pop auf Deutsch singt, der muss sich also was einfallen lassen, um die verlockenden Angebote aus dem Nachbar-Genre auszuschlagen. Geschieht dies zu wenig, droht dem Deutschpop der Kollaps wie einst der NDW.


Kleine Ideengeschichte der Popmusik - Folge 02

Wer gerne noch Vinyl kauft, findet in älteren Platten manchmal noch so genannte Presse-Sheets, auf denen die Musik und ihr Image-Korridor im Popmarkt umrissen ist, damit man auch im Vorhinein weiss, was man zu hören bekommt. An sich wurden hier für mögliche Kritiker in Fachzeitschriften Informationen zum „Produkt“ zusammen gestellt, die Musik-Industrie schuf sich so eine eigene Sprache, um über Popmusik reden zu können. Diese Sprache verselbstständigte sich dann in dem Sinne, als das die Industrie Wirkungsweisen und Sound-Konstrukte sprachlich ersann, bevor es sie zu hören gab. Ähnlich der Konzeptkunst in der Hochkultur kam dann auch die Idee auf, Pop-Acts zu erfinden, die einem Erfolg versprechenden Konzept entsprachen, welches danach erst in die Tat umgesetzt wird. Diese Konzepte können freilich temporäre Erscheinungsfiguren bereits existierender Popstars sein - ebenso aber auch ganzheitliche Pop-Entwürfe, zu deren Realisierung dann MusikerInnen gesucht werden, die das vorformulierte Konzept verkörpern können (die Veröffentlichung dieser Suche hat dann wiederum die Castingshows hervor gebracht). Oder aber MusikerInnen ersinnen sich selber ein Pop-Konzept, das zu Ihnen passt, um es danach selber in die Tat umzusetzen. In einer neuen losen Reihe erinnert der Popticker an Konzept-Pop und Pop-Konzepte dieser Art - eine kleine Ideengeschichte der Popmusik von unserem Gastautoren Dietmar Poppeling.

Folge 01 dieser Reihe findet sich < HIER >

 

NO ANGELS


Was war wann die Idee?
Die Idee war, im Jahre 2000 eine Art regionaleres Konzept der Spice Girls in einer Castingshow zusammen zu casten.

Wer steckte dahinter?
Seitens der Caster natürlich die die damalige „Popstars!“-Jury, die man heute eigentlich nicht mehr kennt, seitens der Gecasteten Nadja Benaissa, Lucy Diakoska, Sandy Mölling, Vanessa Petruo und Jessica Wahls.

NoangelsWie hörte sich das an?
Blubberpop, Bubblepop, Blubber-Bubble-Schnipp-Schnapp-Pop. Für das Debut-Album holte man sich eine Riege nationaler und internationaler Pop-Experten wie Leslie Mandoki (Dschingis Khan, Jeniffer Rush), Torsten Brötzmann (Ace Of Base, Alphaville) oder Peter Plate (noch vor Rosenstolz und Bibi und Tina), insgesamt 5 Männer, die den 5 gecasteten Mädchen ein charttaugliches Track-n-Hook-Gerüst unter die Stimmen produzierten. Wenn man die No-Angels-Hits heute hört, wirkt es nicht trashig, nein, man merkt sogar, wie wenig in den Nullern der europäische Popsound im Gegensatz zu heute von amerikanischem RnB beeinflusst war, dass es den globalen Soulpop eben noch nicht gab. Das ist aus heutiger Sicht im gewissen Sinne ein erfrischender Hör-Effekt. Dem entgegen steht der Eindruck, dass das Ganze schon irre starr und verkrampft daher kommt. Mithin keine förderliche Pop-Nuance.

Wie sah das aus?
Sehr bunt, sehr poppig, sehr erzwungen sexy, sehr regional-Spice-Girl-like, sehr nach: Begabte Sängerinnen tanzen nach Männerpfeifen.

Wer hatte die Idee?
Der Ernährungswissenschaftler „Detlev Dee! Sost“

Hat es funktioniert?
Man erreichte mit den „No Angels“ kommerziell das, was man wollte, ob auch Nadja Benaissa, Lucy Diakoska, Sandy Mölling, Vanessa Petruo und Jessica Wahls das wollten, steht auf einem anderen Papier.

Und was ist draus geworden?
Detlev Dee Soost hat seine Coach-Tätigkeit von der Demütigung popstar-williger Teenies auf die Demütigung von Dicken verlagert. Die fünf Nicht-Engel haben sich alle mehr oder minder aus dem öffentlichen Leben zurück gezogen - Sandy Mölling arbeitet teils als Musical-Darstellerin, Vanessa Petruo studiert, Lucy Diakoska betreibt in Bulgarien ein Café. Das ist natürlich verständlich aber auch ein wenig schade. Alle fünf waren bessere Sängerinnen, als es in dem starren „no angels“-Konzept zur Geltung kam. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Musikindustrie ein wenig Raubbau an den Talenten der Fünf betrieben hat.

 

Matt Bianco


Matt_bianco_9Was war wann die Idee?
In den 80ern wollte man eine Art Jazz-Pop lancieren, den es so auch noch gar nicht gab. Matt Bianco waren durchaus eine Band, aber aus den verschiedensten Umbesetzungen kann man schon heraus lesen, dass der Popentwurf der Band als Konzept mehr Gewicht hatte als die jeweils aktuelle Band-Besetzung.

Wer steckte dahinter?
Im Kern Sänger Mark Reilly, Keyboarder Danny White und Bassist Kito Poncioni - die zunächst als Sängerin neben Reilly engagierte Basia Trzetrzelewska (wie immer man dies aussprechen mag) verliess die Band bereits vor Release des ersten Albums 1984 (kehrte 20 Jahre später dann aber noch mal für eine Tournee zurück).

Wie hörte sich das an?
Jazz-Pop mit Latin-Prisen, New-Wave mit Jazz-Anleihen, Easy-Listening mit Pop-Gewürzen, - und es hört sich bis heute so an, Mark Reilly, der Sänger tritt noch immer unter dem Namen Matt Bianco auf (und hat dafür auch adäquate MusikerInnen).

Wie sah das aus?
In den 80ern sah das ziemlich nach den 80ern aus, heute sieht das so aus, wie man damals wahrscheinlich auch schon aussehen wollte: Bar-Jazz in Anzügen.

Wer hatte die Idee?
Mark Reilly - er hält wie gesagt bis heute an seiner Idee fest.

Hat es funktioniert?
Künstlerisch ist die Rechnung voll aufgegangen, in den 80ern waren „Matt Bianco“ Vorreiter eines Pop-Entwurfs, der in dieser und anderen Dekaden von vielen anderen Bands aufgegriffen, kopiert und verfeinert wurde - man denke nur an Sade oder Curiosity Killed The Cat. Kommerziell war der Band nie ganz der absolute Durchbruch vergönnt. Aber es hat gereicht, um bis heute zu existieren.

Und was ist draus geworden?
Wie gesagt: Mark Reilly nennt sich immer noch Matt Bianco

 

Lordi

 

Was war wann die Idee?
Die Band wurde Anfang der 90er gegründet. Die Idee war die einer Hard-Rock-Band bestehend aus Monstern und Zombies.

Wer steckt dahinter?
Finnische Hard-Rock-Musiker.

Wie hört sich das an?
Wie finnische Hard-Rock-Musik mit englischen Texten.

LordiWie sieht das aus?
Wie Monster und Zombies in einem B-Horror-Streifen.

Wer hatte die Idee?
Der Sänger Tomi „Mr. Lordi“ Putaansuu. Der junge Mann ist Musiker, Make-Up-Artist und ausgebildeter Special-Effect-Künstler. Die Band „Lordi“ war zunächst ein Solo-Projekt, seit 1996 ist es eine Band.

Hat es funktioniert?
Bei Hard-Rock von Monstern ist das Wort Funktionieren vielleicht etwas fehl am Platz. Da Lordi aber 2006 den Eurovision-Songcontest gewannen, kann man schon sagen, dass das Konzept sogar Mainstream-Potential hat.

Und was ist draus geworden?
Die Band ist in der Hard-Rock-Szene nach wie vor sehr erfolgreich.


Welthiphop

Meilensteine meines Musikgeschmacks - Perlen im Plattenregal 01:

ME PHI ME  / ONE  

„Me Phi Me“ ist das Projekt des Rappers und Songwriters La-Ron K. Wilburn, und es gibt nur ein Album von ihm unter dem merkwürdigen Bandnamen: „One“ aus dem Jahre 1992. Hierauf zeigt sich der heute 45-Jährige als ein Genie der Popmusik, das Album zieht derartig viele Register, dass es fast schon zu gut ist, und mit dieser Platte ist musikalisch derart viel erzählt und gesagt, dass hierin vielleicht der Grund liegt, dass es nie ein zweites Album dieses Menschen gegeben hat. „One“ ist die vollendete Fusion von Folk, Gospel, Jazz, Afro und Blues mit den Mitteln der Rapmusik, die damals 1992, noch in den Kinderschuhen steckte - zumindest, was den Flirt mit anderen Pop-Stilen anbelangte. Eine Musik wie diese hatte man damals, als sie erschien, noch nicht gehört, und gemacht wurde sie danach auch nie wieder - zumindest nicht in der Form dieser Virtuosität.

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Das Album beruht auf einer Art Philososphie, einem Credo, welches Wilburn zu Beginn, nach einen chorischen Bodypercussion-Intro rappt: „I believe that you can be what you wanna be“ - es handelt sich um einen leicht religiös anmutenden Aufruf zur Individualität und gegenseitigen Akzeptanz. Was als Credo und Intro zunächst ein wenig naiv und esoterisch daher kommt, ist auf Albumlänge gelebte und gerappte Philosophie, und was immer hier gesungen oder gerappt wird, die Texte sind durchdrungen von friedfertiger Skepsis gegen jede Art und Rassismus, Ausgrenzung oder sonstiger Machtstrukturen. Und die Texte, in denen diese Lebenshaltung ausgebreitet wird, ruhen auf einem weltmusikalisch radikal schönem Bett aus Zitaten und Versatzstücken traditionellerer, verschiedenster Musiken - wie oben schon genannt. Exemplarisch sei hier der Blues mit Zupf-Gitarre und Blues-Harp „Not my brotha“ genannt, der derart entspannt groovt, und die Melancholie und den Trotz des Blues in den Hiphop entführt, und der auf diese Art und Weise nie wie ein Mackertuhm oder chauvistisch wirkt. Das vorletzte Stück „where are you going“ rhythmisiert sich einzig durch die akustische Gitarre und einer wunderbaren Singalong-Melodie, die in verschiedenen Zwischenspielen schon zuvor auf der Album vorweg genommen wird.

„Me Phi Me“s „One“ ist ein Gesamtkunstwerk vollendeter Schön- und Erhabenheit, wie es sie selten im Hiphop gibt, wie es selten ein Album überhaupt gibt.


Verrückt genug

Wird Joachim Gauck Bundespräsident, weil Dietmar Poppeling nicht wollte? Arbeitet der nämlich am Debut-Album von Roman Lob?

ptka Nachdem die Nation immer noch darüber rätselt, was bei Angela Merkel und der CDU / CSU-Fraktion gestern Abend zum Umdenken und also zur Zustimmung zu Joachim Gauck als Bundespräsident geführt haben könnte, hat der Popticker nun vielleicht den entscheidenden Hinweis erhalten: Demnach hat Angela Merkel offenbar bis gestern gegen 19:30 für einen Bundespräsidenten Dietmar Poppeling geworben. Kurz vor der Krisensitzung von Merkel und Bildschirmfoto 2012-02-20 um 14.48.59 der Opposition hat Merkel dann wohl mit dem ehemaligen Popbeauftragten der Bundesregierung telefoniert. Poppeling signalisierte Bundeskanzlerin Merkel daraufhin, für das Amt des Bundespräsidenten nicht zur Verfügung zu stehen. Ohne das Poppeling-Ass im Ärmel gab Merkel zwischen 20 Uhr und 21 Uhr dann ihren Wiederstand gegen Gauck  auf. Poppeling wäre für die SPD sowie die Grünen nur schwer abzulehnen gewesen, da er als insgesamt links-liberaler Sozialist gilt, dessen Denken über Pop und Kunst hinaus geht und "eindeutig politisch zu nennen ist", wie Merkel einmal über Poppeling sagte. Poppeling war heute morgen für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, bestätigte jedoch nur kurz an seinem privaten Mobiltelefon, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert zu haben. Poppelings mutmassliche Absage befeuerte wiederum Gerüchte, der Poptheoretiker und -produzent befände sich derzeit in Köln, um den Gewinner von „Unser Star für Baku“ Roman Lob und dessen Mentor Thomas D bei deren Arbeit an Lobs erstem Album zu beraten oder es gar zu  produzieren. Poppeling soll zumindest gestern Abend in der Kölner Kneipe Halmackenreuther mit Thomas D gesehen worden sein. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte am Rande einer Messe in Frankfurt / Main, Poppeling sei "verrückt genug, lieber zum Songcontest zu fahren als Bundespräsident zu werden". Auf Poppelings Facebookseite war heute zu lesen: „Köln. Da war ich aber gestern noch nicht.“


Ich werde da gewesen sein

Take That live im Wembley-Stadium

von unserem Gast-Autoren Dietmar Poppeling, der sich heute ziemlich kurz gefasst hat

Am Tag, an dem in der Heimat über mein Comeback als bundespolitischer Popbeauftragter spekuliert wurde, also gestern, bin ich ins Wembley-Stadium hier in London gegangen, um Take That zu sehen. Ein Verkaufsrekord: Die Ex-Boyband spielt hier acht Abende in Folge, und niemand Geringeres als die Pet Shop Boys sind die Vorband in diesem Generalstabsequenzer, der sich Konzert nennt. Die Pet Shop Boys spulen einen für eine Vorband überragenden Hit-Medley in einem für die Pet Shop Boys unüberragenden Vorbandambiente ab, bevor Take That die Geschichte ihrer Wiedervereinigung mit Robbie Williams konzert-dramaturgisch nachahmen: Sie spielen erst ohne Robbie, dann ohne Take That - und schliesslich alle fünf zusammen. Während Robbie in seinem Soloset den Badguy gibt, tanzt er danach brav Dee!-artige Choreos zu einer Band, die Stuart Price auch nicht besser hätte programmieren können, und die Damen im Wembley simulieren ihre Kindheit, indem sie noch immer oder wieder auszuflippen scheinen. Alles in allem erleben wir hier Take-that-progress durchkalkulierten, risikolosen, Hedge-Fonds-Pop. Selbst aus Hunderten Metern Entfernung greift das merkwürdige Phänomen, das Menschen, die da sind, sich lieber im Nachhinein beweisen wollen, da gewesen zu sein, als zu geniessen, da zu sein, und Tausende schiessen Fotos und Videos von den Punkten da vorne oder der Leinwand, auf der die einzelnen Ex-Ex-Take-Thatler zu erkennen sind. Die Londoner Mittelschicht trägt die neuesten Funshirts zur Schau, und an meinem Comeback als Popbeauftragter ist nichts dran, vorläufig komme ich noch nicht mal nach Deutschland back - sondern schaue mir heute Abend noch beim iTunes-Festival Adele an.

Aufgrund der grossen Nachfrage < HIER > noch mal der Link zum Rücktritt Dietmar Poppelings als Popbeautragter im Jahre 2004


Lenasche Post-Popwettbewerbs-Phase

Nun war auch Dietmar Poppeling auf dem Konzert von Lena Meyer-Landrut - in München. Der Popticker hat mit ihm darüber gesprochen. Die Bilder stammen aus Poppelings Handy. Einen Fotowettbewerb wird er damit wohl nicht gewinnen.

Herr Poppeling, guten Morgen, schön Sie zu sehen - länger in Hamburg?

Nein, leider nicht, ich fahre heute noch nach Bremen - bin aber auf der Rückfahrt noch mal einen Tag hier.

Bild0259 Kommen wir gleich zur Sache, Sie waren gestern beim Lena-Konzert in München und kommen eben aus dem Flieger: Wie fanden Sie‘s?

Ich muss ja immer ein wenig vorsichtig sein mit meinen Formulierungen bei Frau Meyer-Landrut, denn sie könnte rechnerisch, na ja, meine Enkelin sein, und der der ein oder andere hat gestern wohl auch gedacht, der alte Knacker ist wohl mit seiner Tochter oder eben Enkelin hier. Ich habe in meinem Freundeskreis auch tatsächlich niemanden gefunden, der mit mir dahin wollte. Vielleicht merkt man auch daran, dass man älter wird: Die Freunde mit Faible für Teeniepopkonzerte werden rarer, aber ich habe ja immer noch Sie, Herr Gieselmann.

Also raus mit der Sprache: Wie hat Ihnen das Konzert gefallen?

Ich muss schon sagen, vom Hocker gehauen hat es mich nicht, aber um es mal objektiv zu formulieren: Es war sicherlich das Maximum dessen, was an Lena Meyer-Landrut-Konzert-Potential vorhanden ist. Diese Frau hat den Rahmen ihrer Möglichkeiten abgesteckt und sich für diese Tour weder zuviel noch zu wenig vorgenommen und eben genau das erreicht, WAS sie sich vorgenommen hat. Die eigenen Grenzen und Stärken so genau zu kennen, ist Zeichen von künstlerischer Reife, was nach wie vor einfach unfassbar ist für eine Neunzehnjährige. Es geht in der Popmusik sicherlich nicht nicht immer um Können oder Begabung und so weiter, aber es geht, wenn man in Hallen dieser Grösse auftreten will, schon darum, das eigene Können so einzuschätzen, dass es nicht grössenwahnsinnig oder zu bescheiden wird. Und diesen Spagat hat sie gewagt. Mission bestanden. Dieses junge Mädchen hat es allen Spöttern gezeigt. Mal wieder. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass uns diese Lena noch ein ums andere mal überraschen wird. In bisschen mehr als zwei Wochen ist der Grand Prix. Dann beginnt für Lena, egal wie sie abschneiden wird, die Post-Popwettbewerbsphase ihrer bislang vom Popwettbewerb geprägten Karriere, und es spricht momentan alles dafür, dass sie diesen Wandel ihres Werdegangs bewältigen wird.

Haben Ihnen bestimmte Lieder besser als auf CD gefallen? Und fanden Sie umgekehrt irgendwelche Songs live nicht so gelungen?

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Einige Lieder waren in der Setlist dieses Abends sozusagen besser aufgehoben als in der Reihenfolge auf der CD. „I Like You“ ist mir persönlich zum Beispiel nie so sehr aufgefallen, während es in der Zugabe gestern wirklich absolut hinreissend war. Ein wenig abgefallen sind meiner Ansicht nach hingegen die etwas fetzigeren Lieder wie „Mama told me“ oder auch „I Like to band my head“, wo ich jetzt nicht weiss, ob das Tagesform war, oder insgesamt so ist. Das sind jetzt aber schon Punkte, bei denen ich auch sofort wieder einen Rückzieher mache, denn in der Summe, wie gesagt, fand‘ ich es klasse und bemerkenswert. Und zudem bin ich ja nun auch nicht unbedingt die Zielgruppe. Ich weiss nur, dass ich einige Fans beobachtet habe, die unfassbar glücklich und selig wirkten. Was soll man nun also herum kritisieren?

Wir werden in Kürze wieder viel miteinander sprechen, wenn es auf den Songcontest in Düsseldorf zugeht: haben Sie denn schon andere Lieder aus anderen Ländern gehört?

Nein, das mache ich grundsätzlich nicht, ich werde die Songs am Abend selber, in den Halbfinalen und dem Finale zum ersten mal hören, wenn sie mir nicht durch Zufall über den Weg laufen, und ich werde auch nicht in der Halle sein sondern mir den Grand Prix, Düsseldorf hin oder her, im Fernsehen ansehen und freue mich schon auf die Gespräche mit Ihnen.

Ich auch, Herr Poppeling, bis dann denn, nicht?

Bis dann, ja. Ich wollte Ihnen aber noch auf den Weg geben: Geben Sie acht, dass Sie nicht zu wertkonservativ werden.

Aha, na denn.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Lena und der Wolf

Absolute Mehrheit für Olaf und „Taken by a stranger“

 Am Abend des Triumphes von King Olaf Scholz, dessen Trockenheit die Tagesschausprecherin Caren Miosga mit der eines britischen Butlers verglich, diskutierte Anne Will nach Tatort und Sonder-Tagesthemen den möglichen Plagiatsgehalt der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg. Als sie unmittelbar nachdem Martin Wuttke alias Kommissar Keppler doch nicht nach Wiesbaden wechselte, bereits kurz ihre Gäste vorstellte, fragte man sich schon, was um Alles in der Welt Dieter Wedel und Alice Schwarzer zu diesem Thema zu sagen hätten, und als als dann das Gespräch losging - kurz nach den Schalten in die Hamburger Parteizentralen, bei denen völlig überraschend berichtet wurde, dass die Stimmung bei der SPD prächtig und bei der CDU sehr schlecht war - da verstärkte sich also der Eindruck, dass Polittalkshows inzwischen ihre Gästelisten nach einem google-ähnlichen Algorithmus austüfteln, um sich dann einige Stunden vor der Sendung für ein Thema zu entscheiden. Alice Schwarzer und Dieter Wedel jedenfalls befanden zunächst, es gäbe doch sicherlich Wichtigeres als die Doktorarbeit von zu Guttenberg, und schienen völlig vergessen zu haben, einer Einladung, über genau dieses Thema Bild 1 zu reden, gefolgt zu sein. Schwarzer war zudem erschreckend unvorbereitet und kannte nicht einmal ansatzweise den Stand der Dinge, während Sich Anne Will staatstragend bemühte, stets einen in der Sendung neu entstandenen Stand der Dinge vorzutäuschen. So nahm man lethargisch zur Kenntnis, dass es nicht möglich ist, einen Doktortitel ruhen zu lassen, und zum Glück liessen wir dann auch Anne Will und ihr Suggestionsgeplauder einstweilen ruhen.

Sicherlich hätte man Schwarzer und Wedel auch dazu befragen könne, was sie denn von Lena-Meyer Landrut und ihrem Lied für Düsseldorf hielten, und keiner der beiden hätte bemerkt, dass das Thema gewechselt hat. Und so hoffe auch ich, das nun niemand merkt, dass ich das Thema gewechselt habe: „Written by a stranger“ - so heisst die Doktorarbeit zu Karl-Theodor von Guttenberg. Es ist eine für Lena / Raab-Gebrauchspop-Verhältnisse fast schon psychedelische Elektropopnummer mit einem merkwürdig verfliessenden Beat und hochgradig merkwürdiger Melodie, und was immer man nun also vom Raabschen Liedercasting halten mag, so muss man ihm und dem Wahlvolk doch zu Gute halten, dass Olaf Scholz der beste Song ist, der auf Lenas Album zu finden ist. Ob „Taken by a stranger“ auch der beste aller möglichen Grand Prix-Titel von Lena ist, sei ebenso dahin gestellt, aber Stefan Raab ist sich seiner Sache da ziemlich sicher, und er hat nun wahrlich schon mehrfach bewiesen, dass er den europäischen Sängerwettstreit wie kaum ein anderer durchdrungen hat.

Die Show vom Freitag selber, die ich nicht zusammen mit Dietmar Poppeling Revue passieren lassen kann, weil der sich am Freitag im Nürnberger Stadion befand und das Spiel gegen Eintracht Frankfurt live verfolgte und sich zudem seither weigert, Lenas Auftritte im Internet anzusehen, war geprägt von einer schieren Überkompensation des nicht vorhandenen Personenwettstreits: Mit dem Finale von sechs aus zwölf Songs war es nicht getan, es mussten erst noch zwei Lieder in ein Finale im Finale gewählt werden, welche dann von Lena noch mal gesungen wurden, und erst dann wurde die Wahl getroffen, die bis dahin jeder erwartet hatte: „Taken by a stranger“ wird Lena in Düsseldorf zum Besten geben, ich hatte das angedeutet. Stefan Raab beschrieb das Lied als eine „Peter und der Wolf“ der Popmusik, weil es einen epischen Charakter hat, und in der Tat ist es ein Song, der Lenas Bühnenpräsenz am Ehesten Raum lässt, weil sie hier eine Geschichte erzählen kann, wie es für Popmusik an sich und beim Grand Prix im Speziellen doch recht ungewöhnlich sein dürfte. Dieser Eindruck wird durch die Tatsache verstärkt, dass das Lied in seinen vorgeschriebenen 3 Minuten deutlich länger aber auch beim dritten Hören an einem Abend nicht langweiliger wirkt. Zudem hat die Nummer etwas ungehört Neues und gleichzeitig einen Wiedererkennungsfaktor, und dieser Widerspruch in sich ist ja das, was der Popticker als wichtigsten Effekt von Popmusik immer wieder zu betonen versucht. Bei mir stellte sich nebenbei bemerkt nur eine Liedassoziation ein: „Blue Night Shadow“, eine 80erjazzpoptypische Nummer, deren Interpreten mir auch drei Tage ohne Google nicht eingefallen sind. Natürlich kann man nun auch weiterhin die Diskussion führen, ob es für die Karriere von Lena wirklich sinnvoll ist, sie den Eurovision-Titel verteidigen zu lassen, und auch ich finde wie gesagt, dass bei der Auswahl des Liedes zumindest die letzte Runde, das Stechen zwischen „Taken by a stranger“ und „ Push Forward“ eine Runde zu viel war, aber bemerkenswert ist dennoch, dass das eindeutig beste Lied gewonnen  hat, und es kann gut sein, dass Raab mal wieder alles richtig gemacht hat, so sehr man auch im Vorfeld über ihn meckern mag. Der Song erhielt im Stechen jedenfalls eine absolute Mehrheit von 79%, die nicht einmal Olaf Scholz erreicht hat. Die restlichen 21% Prozent befanden die Doktorarbeit für ein Plagiat.


Unser Star für Düssello: Das grosse Lena-Spezial

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Liebe Freunde des Poptickers,

aus aktuellem Anlass (baldiger Beginn der Songwahl zur Titelverteidigung von Lena beim Eurovision Songcontest 2011, sowie das in den letzten Tagen grosse Interesse an Lena in meinem Blog) habe ich nun einmal sämtliche Lena-Texte von der alten Homepage www.popticker.de auf der Blogseite hier eingepflegt, um sie durch Suche und Kategorie zugänglich zu machen. Dieses Spezial geht chronologisch vor, das heisst, es beginnt mit der zweiten USFO-Show (Asche auf mein Haupt, die erste verpasst zu haben) und geht bis zu Lenas Triumph in Oslo. Allen, die die Texte noch nicht kennen, oder die sie mit Abstand gar noch einmal lesen wollen, wünsche ich viel Spass, allen, die den Namen Lena nicht mehr hören können (habe diesbezüglich schon entnervte Lesermails erhalten), bleibt mir nur zu warnen, dieses Spezial nicht zu lesen.
 
Gruss David Gieselmann

 

zur dritten Ausscheidungsshow vom 16.02.2010 (Hinweis: Die ersten beiden, eine davon mit Lena Meyer-Landrut, hat der Popticker nicht behandelt)

Meet el Presidente

Die Geschichte der Binnenironie in der Popmusik anhand der Reibungskräfte zwischen Stefan Raab und dem Grand Prix sowie die grandiose Lena Meyer-Landrut

Stefan Raab und der Grand Prix ist inzwischen ein Buch mit einigen Kapiteln. Einst als Underdog mit der ironischen Brechstange „Wadde hadde Dudde da“ das damalige Procedere einer an sich ernst gemeinten Suche nach einem Titel, der Deutschland beim Songcontest vertreten könnte, erfolgreich durchlaufen, komponierte er dann dem Master of the „Wie ist das gemeint?“-Ceremony Guildo Horn die international verständliche Zwischenstufe der Parodie auf dem Weg zum Ernst „Guildo hat Euch lieb“, um sich dann selber auf die Suche zu machen und den gefundenen Max Mutzke wiederum als reine Formsache durch den ARD Vorentscheid zu schleusen, hat Stefan Raab nun selber und alleine dass Zepter in der Hand und sucht mit Spass am Ernst „Unseren Star für Oslo“ in einer Castingshow, die derzeit noch auf PRO 7 läuft, deren Halbfinale und Finale dann aber auf der ARD gesendet werden. Gestern waren noch die castingshow-magischen Zehn übrig, von denen zwei rausflogen, in der ARD übernächste Woche werden es dann noch sechs sein.

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Stefan Raab, von seinen Moderatoren als El Presidente der Jury bezeichnet, gibt sich sichtlich Mühe mit professioneller Euphorie den KandidatInnen Tips zu geben, ohne sie zu lobhudeln oder zu demütigen, er nennt sie in offenbar abgesprochener Sprachregelung Künstler und lässt ihnen freie Hand in der Songwahl, bis dann am Ende im Finale nicht nur der Star für Oslo vom Publikum gewählt wird, sondern auch das Lied, das die Siegerin oder der Sieger in Oslo für Deutschland singen wird. Seine zehn gestrigen KandidatInnen hoben sich grösstenteils schon deutlich vom Karaoke-Einheitsbrei sonstiger Castingformate ab, dennoch geht es auch hier um Leistungsprinzipien, welche Videospiele á la Rockguitar World und Castingshows inzwischen in der Popmusik etabliert haben. Tonsicherheit ist beispielsweise ein Leistung, ebenso wie Timing, Spontanität und Präsenz. Der Versuch einer Objektivierung etwas so Subjektiven wie Popmusik funktioniert natürlich auch nur über solche Prämissen, und so sehr es den meisten Teilnehmern gestern auch gelang, eigenständige Versionen mehr oder minder bekannter Lieder mit der versierten Band auf die Beine zu stellen, so sehr waren selbst die Sympathischsten unter ihnen der Versuchung erlegen, genannten Prämissen zu genügen, anstatt sich auf sich selber zu verlassen. 

Mit einer Ausnahme: Lena Meyer-Landrut hatte am Morgen noch Abiklausur geschrieben und trat mit zwei nachtmittäglichen Bandproben auf. Sie sang ein rhythmisches Ungetüm vom Popsong, das sperrige, teils elektropopigge, teils an  an die Sixties erinnernde „Diamond Dave“, für das andere wohl schon drei bis vier Tage hätten proben müssen. Das Lied stammt von der Formation „the bird and the bee“, die mit ihrem Entwurf von Popmusik sozusagen ein eigenes Genre des „60s Electro-Pop“ erfunden haben. Hinter der Band stecken die Sängerin Inara George und der Multi-Instrumentalist Greg Kurstin. Letzterer ist auch Produzent des letzten Lily Allen Albums und einiger Chartshits, und „the bird and the bee“ ist sozusagen seine intellektuelle Popspielwiese mit einer Musik, die vor Verweisen und Zitaten nur so strotzt und trotzdem locker-flockig durch die Boxen tropft. Lena Meyer-Landrut nun sang sich derart charmant durch das zunächst vollkommen uneinheitlich erscheinende „Diamond Dave“, dass sie es schaffte den Song mit ihrer Interpretation und ihrem Lena-Sein zu binden. Stefan Raab sagte: „Hin und wieder ist mal ein falscher Ton dabei, der aber von mir so eingeschätzt wird, dass er zur Interpretation gehört.“ - dem kam man sich nur anschliessen. Die 18-Jährige war damit die einzige Kandidatin, die in keinster Weise irgendetwas kopierte und nur ein wenig pastete, sie sang als die, die sie ist, und sie ist die erste Kandidatin einer Castingshow überhaupt, von der man mit einigem Grund annehmen könnte, dass sie einmal Popstar wird: Chapeau. Der Popticker ist Fan.

 

auch zur dritten Ausscheidungsshow vom 16.02.2010

Poppelings Pop-Potential

Der Popticker im Interview mit dem ehemaligen Popbeauftragten der rot-grünen Bundesregierung und inoffiziellen Grand Prix-Experten Dietmar Poppeling über die Show „Unser Star für Oslo“ und seine Favoritin Lena Meyer-Landrut

Herr Poppeling, Sie verfolgen auch die Shows „Unser Star für Oslo“ - Sie als alter Grand Prix-Hase: Wer von den KandidatInnen hätte denn Ihrer Ansicht nach in Oslo eine Chance?

Diese Frage muss man wohl leider mit „Keiner“ beantworten. Ich sehe in dem Teilnehmerfeld niemanden, dem ich eine Chance ganz vorne einräumen würde, aber diese Fragestellung ist vielleicht schon verkehrt. Man muss sich nicht fragen, wer eine Chance hat, sonder man muss sich fragen, wen man da hin schicken will, wen man als deutschen Beitrag nicht peinlich fände. Wir haben genug von irgendwelchen Oskars, die angeblich singen und Ciceros, die angeblich swingen, wir wollen jemanden beim Grand Prix haben, den wir irgendwie mögen, und da sehe ich schon eher eine Chance, dass Stefan Raab das gelingen könnte.

Wen fänden Sie in Oslo nicht peinlich?

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Lena, ganz klar, Ihr Auftritt vom vergangenen Dienstag war ein grosser Popmoment 2010, Ihre Interpretation dieses Elektrosixties-Songs hat das ursprünglich von Bird and the Bee entwickelte Genre zum Leuchten gebracht. Es war ein ganz und gar unironisches, augenzwinkerndes Wirken vom Pop, Stefan Raab kann sich schon jetzt auf die Schulter klopfen, der Idee eines Popcastings einen solchen Moment abgerungen zu haben. Es war schlicht und von charmanter Grösse, es war kein Karaoke sondern ein tatsächliches Cover eines Popsongs, und diese Lena, ob sie nun gewinnen wird oder nicht, wird, da schliess ich mich dem Popticker an, vielleicht wirklich ein Popstar. Man kann nur hoffen, dass sie nun nicht gesagt bekommt, sie solle an sich glauben und diesen ganzen Popsermon, den all die Bohlens und Dee!s erfunden haben.

Wären nicht Sie ein guter Berater oder Manager für jemanden wie Lena Meyer-Landrut?

Dazu bin ich mittlerweile zu alt, sicher habe ich noch meine Kontakte, aber das müsste jemand anders machen. Ich kann aus der Ferne nur so viel sagen: Lena Meyer-Landrut braucht einen wirklich versierten Songschreiber, wenn sie das nicht sogar selber kann, was ich allerdings nicht glaube. Sie bräuchte jemanden, der ihr Songs schreiben könnte, für die sie sich so begeistern kann, wie für die, die sie sich bislang selber ausgesucht hat. Jemanden mit Fingerspitzengefühl für Ihre Art zu singen und nicht zu singen.

Wer könnte das sein?

Mir fallen eigentlich nur zwei ein: Guy Chambers, der könnte das. Er hat Robbie Williams und Kylie Minogue erfunden oder neu erfunden, und er würde ihr sicher tolle Lieder schreiben. Wie gesagt: Wenn sie es nicht sogar selber könnte, früher oder später. Und es gäbe noch Linda Perry, die für sich selber eigentlich nur ein tolles Lied geschrieben hat, „What‘s up?“, die aber für andere immer wieder super Songs erfindet, Celine Dion, Pink, Christina Aguilera, Gwen Stefani - und so weiter. Die wäre auch richtig.

Halten Sie das für realistisch?

Wenn man es schaffen könnte, dass Guy oder Linda sich dieses Video ansehen könnten, wie Lena „Diamond Dave“ singt, warum nicht?

Und wie schafft man das?

Ich habe Guy Chambers längst den Link geschickt.

Wir hören dann spätestens am Tag nach dem Grand Prix von Ihnen hier im Popticker? Im traditionellen Songcontest-Interview?

Aber sicher doch. Vielleicht auch schon nach dem USFO-Finale am 12. März.

 

zur vierten Ausscheidungsshow vom 23.02.2010

Der verschwundene oder überwundene Naivitätsverlust

Dietmar Poppeling und David Gieselmann plaudern bei Chardonnay und Käsekuchen über die gestrige Show „Unser Star für Oslo“

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Herr Gieselmann, es ist ja nun kein Geheimnis: Wir beide sind Fans von Lena Meyer-Landrut - wie fanden Sie sie gestern?

Herr Poppeling, Sie wissen doch, wir duzen uns.

Ach ja?

So weit ich mich erinnere.

Wie fandest Du also Lena?

Was soll man schon sagen: Sie war bezaubernd, sie war wieder mit Abstand die Beste. Nun mag schon der ein oder andere einwenden: Kate Nash mit ihrer Art zu singen ist jetzt nicht so abwegig und, und so war das in einem Lena Meyer-Landrut-System eine relativ sichere Bank.

Warum sind wir eigentlich nicht auf Kate Nash gekommen? Dass Sie das singen sollte.

Das ist eine gute Frage.

Ich muss aber schon widersprechen: Diesen Auftritt eine sichere Bank zu nennen, geht mir zu weit, denn es ist wieder so gewesen, dass sie das Lied in seiner scheinbaren Popuntauglichkeit wieder zu ihrem gemacht, und dass sie dabei dieselbe Strategie hatte wie Kate Nash selber, lasse ich als Einschränkung nicht gelten.

Ich auch nicht.

Meine Befürchtung für diese Sendung war eher, dass wir Zeugen eines Naivitätsverlust hätten werden können, weil Lena so oft gehört hat, dass sie einzigartig sei, dass sie es jetzt nicht gewesen wäre. Eingetreten ist das genaue Gegenteil: Sie setzt, was sie kann, offenbar schon bewusster ein, als vorher, oder sie tat es schon immer bewusster, als uns bewusst war, aber jedenfalls hat es ihrer lockeren Art nicht geschadet, im Gegenteil.

Das ist auch mein Eindruck, Dietmar: Sie weiss, was sie kann, und vielleicht haben wir sie alle für naiver gehalten, als sie ist, und so konnten wir auch gar nicht Zeugen eines Naivitätsverlustes werden, oder sie hat nach dem Naivitätsverlust auch schon dessen Überwindung gemeistert - also die Naivitätsverlustsüberwindung.

Kann Lena Meyer-Landrut gut singen?

Dietmar, Sie wissen so gut wie ich, dass das nicht wirklich ein Kriterium ist. Lena nähert sich den Liedern, die sie singt, eher über den Text als über die musikalischen Prämissen. Das macht sie zur einzigen Kandidatin, bei der man das Gefühl hat, sie weiss, was sie da singt, weil sie weiss, warum sie die Lieder liebt, die sie singt. Und ihr Englisch ist ja fast so toll wie das von Kate Nash. Das hat auch Stefan Raab gesagt, dem man erneut anmerkte, dass Lena auch seine Favoritin ist.

Um Himmels Willen, Herr Gieselmann, wir sind ja totale Fans.

Ganz klar.

Wir fandest du die anderen?

Das Ausscheiden von Cyril war überraschend aber doch angemessen: Wer U2 singt, muss gehen. Hätte er Bryan Adams gesungen oder Bon Jovi - wie von Sasha vorgeschlagen-, hätte das Gleiche gegolten. Wie fanden Sie die andere ausgeschiedene Kandidatin, Kathrin?

Kathrin ist eigentlich durch das fette Brot König Boris und seine Aussage der letzten Woche, er wolle von ihr mal Arschbombe sehen, aus dem Wettbewerb gekickt worden: Sie hat der Arschbombe nicht stand gehalten. Wir mochten beide Kerstin nicht so gern, was ist zu ihr zu sagen?

Sie war, das müssen wir beide zugeben, Dietmar, wirklich gut dieses Mal, sie ist zurecht weiter.

Ja, absolut. Alanis Morrisette mag man für ein wenig anachronistisch halten, aber das Lied ist schwer zu singen, und sie hat es gut gemacht.

Wer kommt ins Finale?

Lena und Durstewitz.

Dursti, ja. Sein Lied war schon Versatzstückpop, aber er kann singen, und wieder hatte König Boris Recht, als er letzte Woche sagte: „Wenn ich denke, sonne Flitzpiepe wie Du fährt für uns nach Oslo, da wird mir persönlich warm um‘s Herz!“ Wer gewinnt?

Lena, ganz klar. Alles andere wäre absurd.

Du hast Recht, Poppeling, sie MUSS gewinnen.

 

zur fünften Ausscheidungsshow vom 02.003.2010

Der Rockpopspagat mit Durst und Witz

Dietmar Poppeling sprechen bei Mohnkuchen und Shiraz über „Unser Star für Oslo“

Herr Gieselmann, ich habe mit Bestürzung fest gestellt, daß Sie die Woche über nichts in Ihrem Popticker geschrieben haben. Was ist da los?

Das ist derzeit ein rein zeitliches Problem.

Sie wissen ja, daß an Ihrem Popblog Arbeitsplätze hängen.

Das ist sicherlich übertrieben. Ich habe übrigens fest gestellt, daß Sie nun auf Facebook aktiv sind.

Fraglos. Ihr Blog ist jetzt also kein Popticker mehr sondern ein „Unser Star für Oslo“-Ticker oder auch ein Lena Meyer-Landrut-Ticker.

Christian-durstewitz-4446 Kann man derzeit so sagen, aber das ist ja nicht das Schlimmste. Lassen Sie uns heute mit aber Christan Durstewitz beginnen.

Gerne.

Er sang gestern Mando Diaos „Dance with somebody“.

Das war eine gute Wahl, auch wenn ich Mando Diaos Rockgehabe nicht leiden kann, wo sie in in Wirklichkeit astreinen, glasklaren, Bubblegumpop machen wollen. Man könnte sagen, Christian Durstewitz ist in diesem Rockpopspagat authentischer als Mando Diao selber.

Er hat einen sympathischen, global-provinziellen Rockrotz, und er war der einzige gestern, bei dem ich nicht ein Sekunde zweifelte, daß er weiter kommen würde.

Bei Lena waren Sie sich unsicher, Herr Gieselmann?

Nun, wer sie nicht schon grossartig fand, gestern, dem ist sie vielleicht gar nicht sooo positiv aufgefallen. Sie hat am Ehesten gesungen - und zwar das das bislang normalste Lied, seit sie dabei ist, und ihr Charme kam nicht so uneingeschränkt zur Geltung wie sonst.

Trotzdem war an Ihrem Weiterkommen nicht zu zweifeln, es war vielleicht ihr schwächster Auftritt, ja, aber sie war trotzdem die Beste, was nicht gerade für die anderen spricht. Sie haben sicher die zweite Linie in Lenas Songasuwahl erkannt - neben der Tatsache, daß sie die Lieder, die sie singt, liebt?

Soll das jetzt ein Quiz werden, Herr Poppeling?

Nennen Sie es, wie Sie wollen, aber das muss man schon wissen.

Es waren bislang alles britische Popsongs, danke Herr Poppeling. Wobei ich sagen muss, daß ich weder ihr gestriges Lied, „New Shoes“, noch dessen Originalinterpreten, Paolo Nutini, kannte, es war Lena erstes Lied, das mir nicht bekannt war.

Nutini muss man nicht kennen, wenngleich ich ihn kenne, persönlich. Und Sie hören „Bird and the Bee“?

Ja, und ich muss jetzt schon mal sagen: Daß Stefan Raab das nicht kennt und offenbar auch nicht Regina Spector, das spricht nach vielem, was für ihn spricht, nun wirklich gegen ihn.

Da gebe ich Ihnen recht.

Wie fanden Sie Kerstin, die gestern Regina Spector sang?

Ich fand gestern alle schwach, ausser Lena und Durstewitz. Kerstin hatte nicht die Interpretationskraft, einen so zerklüfteten Spector-Song wie „Better“ in eine Form zu bringen, Leon hat sich keinen Gefallen getan, Clapton zu singen, Jeniffer blieb in „Ain‘t nobody“ stecken, und Sharyhans eigener Song, der angeblich von London handelte, war textlich und melodisch eine Katastrophe. Was ihr zumindest, was den Text anbelangt, zum Glück auch Joy Denalane unter die Nase rieb. Alles in allem sind alle schwächer geworden, während Lena und Dursti konstant blieben, die beiden, wir haben das auch letzte Woche schon gesagt, müssen ins Finale. Geben Sie uns auch einen kurzen Überblick über die restlichen Kandidaten?

Ich schliesse mich da an, ich fand Sharyhan eines Viertelfinales nicht würdig, Jeniffer Braun war unter ihren Möglichkeiten, Leon war irgendwie fade, bei Kerstin habe ich inzwischen schon meine Meinung ein wenig revidiert, aber sie blieb mit dem Lied gestern nicht hängen, das ist absolut richtig.

Muss man Lena wünschen, daß sie gewinnt, oder daß sie Zweite wird?

Sie wird gewinnen, und das muss man ihr auch wünschen und gönnen.

Ich tippe eher auf Durstewitz.

 

Unser Star für Oslo - der Popticker gibt einen Überblick über die HalbfinalistInnen

Das Casting von Stefan Raab, „Unser Star für Oslo“, geht auf die Zielgrade: Heute ist das Halbfinale, bei dem von den vier verbleibenden KandidatInnen noch zwei ausscheiden, am kommenden Freitag dann das Finale, bei dem nicht nur der Sieger gekürt sondern auch das Lied gewählt wird, welches die Siegerin oder Dursti in Oslo zum Besten geben werden. Der Popticker, als bekennender Grand-Prix-Fan einerseits und als ebenso bekennender Lena Meyer-Landrut-Fan andererseits, gibt heute noch mal einen Überblick über die vier restlichen KandidatInnen - für Einsteiger eine Einstiegshilfe, für Profis ein Backup.

Kerstin Freking

… ist die engels- oder elfengleiche Kandidatin - zumindest wird sie so häufig beschrieben. Stefan Raab begeistert sich vor allem für ihre vibratofreie Tonsicherheit: Ihre tatsächlich glasklare Stimme geht direkt auf die Töne, ohne um sie herum zu schwingen und vibrieren. Ihre Songauswahl ist einerseits relativ eigenwillig und andererseits ein wenig eintönig: Getragene Lieder mit leichtem Pathos, ein rechter Kracher war bislang nicht dabei - und würde für sie auch nicht passen. Ihre Interpretationspotential aus den Songs etwas eigenes zu formen, ist in den Augen des Poptickers nicht all zu hoch einzuschätzen. Kerstin hat ihre Fans, und mit ihrem bislang bestem Song, „thank you“ von Alanis Morrisette hat sie durchaus eine gewisse Grösse bewiesen. Trotzdem lautet die Prognose des Poptickers, daß sie heute eher ausscheiden wird.

Christian Durstewitz

… der Hahn im Korb. Die von fettem Brot König Boris titulierte Flitzpiepe ist ein astrein hessischer Regionalrocker, ein Original aus einem Kaff in Hessen. Stefan Raab schätzt seine „Abgewichstheit“ und meint damit, er könnte auch der uneheliche Sohn von Lenny Kravitz sein. Dursti präsentierte bislang meist tanzbare Gassenhauer und zwei getragenere Songs von sich selbst. Dursti hat sicherlich genug Fans und genügend Flitzpiepenprofessionalität, um ins Finale einzuziehen.

Lena Meyer-Landrut

… gilt als Favoritin, und ist auch die absolute Favoritin des Poptickers. Ihre Version von „Diamond Dave“ war für Dietmar Poppeling bereits ein grosser Popmoment 2010. Ein paar wesentliche Punkte haben Lena so weit gebracht und werden sie vielleicht auch nach Oslo bringen: Ihr unbestreitbarer Charme, auf der Bühne immer wieder über sich selber zu lächeln und die Zuschauer dazu zu bringen, mit zu lächeln; ihr eigenwilliger, höchst britischer Musikgeschmack und ihr perfektes britisches Englisch; ihre Interpretationskraft, aus den Songs etwas eigenes zu formen; ihre Sicherheit in der ersten Strophe, ein nicht unwesentlicher Punkt: Gerade in den ersten Zeilen schwächelten viele von Raabs KandidatInnen wegen Aufregung, Lena ist immer gleich auf dem Punkt und ihre Unsicherheit kommt eher später, was man dann der Songdramaturgie zuordnen kann.

Jeniffer Braun

… die Jüngste, ist Sängerin einer Coverband, und das ist ihr grosser Vor- wie Nachteil. Einerseits verfügt sie über die Kraft, sich mit der Band von Songs treiben zu lassen, andererseits sind ihre Darbietungen dann auch immer die einer Coverband: Sie reproduziert Lieder adäquat, ohne ihnen etwas wirklich Eigenes abzuringen. Sie sang bislang schmissige Rocksongs, den sie stimmlich eigentlich schon gewachsen ist, aber so richtig kommt sie auch nicht aus sich heraus, und der Popticker schätzt eher, daß Jeniffer heute ausscheiden wird.

 

zur siebten Ausscheidungsshow (Halbfinale) vom 09.03.2010

Sportive Züge

Dietmar Poppeling und David Gieselmann machen bei Prosecco und Lemon-Basilikum-Tarte ein paar Andeutungen zum Halbfinale von „Unser Star für Oslo“

Herr Gieselmann, gestern, zweite Runde hätten wir uns nicht beschweren können, wenn Lena rausgeflogen wäre, sehen Sie das ähnlich?

Ein Paukenschlag, ich sehe das ähnlich: Lenas „Love Cats“ waren ziemlich nervös, und Durstewitz hat sich mit Verve und Professionalität nach dem Rumgestehe und dem Ausscheiden von Kerstin in die zweite Runde geworfen: Sein „In your hands“ dann war super und sein bislang bester Auftritt, das hatte Schmiss und Dreck, Rock-Virtuosisät, die Band hatte Spass, und die Harp kam klasse. Daß es ihn dann erwischte war dann der Paukenschlag, ich hab das angedeutet.

Ja sind Sie jetzt Sportschaumoderator und behaupten jetzt Dinge, angedeutet zu haben, die Sie …

Lena hatte dann eben genug Credits aus den früheren Shows und vor allem durch ihren grossen Auftritt in der ersten Runde.

Da haben Sie Recht, Sie haben das angedeutet.

Eine Ballade von Lena, sie hat Ihnen auch gefallen?

Absolut, ich glaube, das hat vielleicht die letzten Zweifler auch überzeugt, daß Lena Meyer-Landrut wirklich ein riesiges Talent, Poplieder zu singen, auch traurige.

Sie sagen es, wie gefiel Ihnen Jeniffer Braun gestern?

Die Show hatte ja dann wirklich sportive Züge, und in Runde zwei ist es Dursti und eben auch Jeniffer deutlich leichter gefallen, wieder zum Singen überzugehen: Frau Braun hat sich für die letzten Meter berappelt, und ihr Aguilera-Song …

Jeniffer03

„Hurt“!

… „Hurt“, sicher, Sie haben das, Herr Gieselmann, angedeutet, war wirklich gut.

Zurecht im Finale?

Ich hätte gerne das Finale Lena / Dursti gesehen, aber wer Dursti schlägt, kann auch Lena schlagen, deswegen sehe ich die Chancen nun bei 50 zu 50. Zumal man nicht weiss, mit was für Liedern Raab nun am Freitag ankommen wird, und ob die auch auf Lena passen. Jeniffer kann schon auch eher ein Lied singen, das nicht für sie passt, was ja auch eine Stärke ist.

Was für Lieder erwarten Sie denn?

Raab wird eine Bandbreite an Liedern haben, drei Songs, wenn ich das richtig verstanden habe, und man kann nur hoffen, daß es ein wenig über den Jazzfolk hinaus geht, den er bislang für Stefanie Heinzmann und Max Mutzke geschrieben hat, denn dieser Stil passt weder für Jeniffer noch für Lena. Was erwarten denn Sie, oder hatten Sie schon Andeutungen gemacht?

Bislang ist völlig offen, was uns für Songs erwarten, aber es ich gebe Ihnen Recht, daß wahrscheinlich, wie Sie das angedeutet haben, verschiedene Song-Genres abgedeckt werden sollen, und daß es durchaus Lieder sein werden, die jetzt nicht völlig Lena und Jeniffer entgegen stehen.

Wer wird gewinnen, sehen Sie es auch bei 50 zu 50?

Wie Sie andeuteten? Nein, ich sehe schon noch kleine Vorteile bei Lena, ich würde sagen, ich hab das angedeutet, zirka 63 zu 37. Klasse Tarte übrigens, vielleicht ein wenig früh für Basilikum.

 

zum Tag des Finales am 12.03.2010

Heavy Tones‘ Arrangement-Kanon

Zum heutigen Finale von „Unser Star für Oslo“ ein kleines Resumee des Poptickers

Die Heavy Tones haben sechs arbeitsreiche Woche hinter sich. Die Band, die normalerweise in „TV total“ ihren Arbeitsalltag verrichtet, hat in sieben Shows von „Unser Star für Oslo“ mit anfangs 20 KandidatInnen, von denen nun noch 10% übrig sind, insgesamt 61 Songs einstudiert, für die sie teils eine Woche, teils drei Tage proben konnten. Für eigentlich alle 61 ist ihnen ein Arrangement geglückt, das den jeweiligen Song für den jeweiligen Kandidaten griffig machte und ihn in ein musiziertes Bett übersetzte, das sich mit wenigen Ausnahmen von dem sonst in Castingshows üblichem Karaoke-Playback abhob und sich an den interpretatorischen Ansätzen der SängerInnen, so vorhanden, orientierte. Anders als bei der Jury hörte man in den Bemühungen der Band nicht im Unterton heraus, ob ihnen der Kandidat nun wirklich zusagte oder nicht, und wenngleich der Stil der Heavy Tones insgesamt den Arrangement-Kanon einer Live-Pop-Band repräsentieren mag, so muss man doch ein ungeheures Lob zollen, sich in allen Stilen der Popmusik virtuos bewegt zu haben und so manchem Lied überraschende Akzentuierungen abgerungen zu haben - vor allem durch die Tatsache, für die Bläser immer ein Nische in den Arrangements zu finden, wenn man sie in den eigentlichen Songs auch nicht vermutet hätte.

Heavytones_komplett


Überhaupt hat Stefan Raab mit seiner Suche relativ viel richtig und relativ wenig falsch gemacht, und er wird heute Abend mit Sicherheit eine Sängerin als Gewinnerin haben, für die man sich in Oslo nicht schämen wird. Es hat sich allerdings, selbst wenn man Fan ist, eine gewisse Überdosis eingestellt, die man nicht zuletzt an der Anzahl der 61 einstudierten Lieder ablesen kann. Zwei bis drei Shows weniger hätten es sicher auch getan, und eine Jury, die hin und wieder einmal wirkliche Kritik gewagt hätte, wäre pfiffiger gewesen. Das etwas überambitionierte Procedere und die angenehme Übereinkunft, die KandidatInnen als KünsterInnen anzusehen und anzusprechen, stand manches Mal in krassem Gegensatz zur Lobhudelei des Jury-Vorsitzenden Raab mit seinen wechselnd professionellen Mitstreitern, von denen sich Sasha und Jan Delay durch qualifizierte und angebrachte Kritikpunkte hervor hoben. Es ist Raab allerdings hoch anzurechnen, daß er sämtliche BewerberInnen vor dem Boulevard schützte und sie ausschliesslich als MusikerInnen auftreten liess - eine Vorgehensweise, die vielleicht gar den grössten Unterschied zu Bohlens Castingevergreen DSDS ausmacht, wo nicht nur niemals ein Superstar gefunden wird, sondern in Wirklichkeit nach Boulevard-Frischfleisch und C-Promi Nachschub gefahndet wird.

Der teils ein wenig undurchsichtige Ablauf der jeweiligen Shows, bei denen jedes Mal vorher erklärt werden musste, wie viele nach welchen Durchlauf heraus fliegen, findet heute seinen dezent bizarren aber vielleicht auch hoch interessanten Höhepunkt, wenn die verbleibenden Jennifer und Lena zunächst zwei identische Songs singen werden, von denen dann durch die Zuschauer der für die Sängerin passendere gewählt wird - es könnte freilich für beide auch derselbe sein. Erst im zweiten Wahlgang, wenn der potentielle Song für Lena oder Jennifer in Oslo gewählt und noch mal gesungen ist, wird darüber abgestimmt, wer letztlich als Siegerin von der Bühne gehen und eben am 29. Mai in Oslo für Deutschland beim Grand Prix antreten wird. Bislang ist nicht bekannt, wer die beiden Songs geschrieben hat, vermutlich Raab selber, und inwiefern sie für die beiden KandidatInnen passend gewählt oder gar komponiert sind. Interessant könnte es eben dann werden, wenn sich die Lieder dazu eignen, den Stil der beiden doch höchst unterschiedlichen Sängerinnen sichtbar zu machen, und wenn sich die Band vielleicht sogar unterschiedliche Arrangements für die beiden erdacht hat. Während Jennifer mit furioser Stimme einen recht bodenständigen Rock repräsentiert, der sich uneigen an viele Lieder andocken kann, steht Lena im gewissen Sinne für eine Art von verspieltem, britischem Autorinnenpop, obgleich sie bislang kein Lied geschrieben hat oder zumindest noch keines in einer der Shows darbot. Angenehmer Weise ist bislang selten thematisiert worden, wer denn beim Grand Prix, der seine eigenen Gesetze hat, wohl mehr Chancen hätte. Aber wenn man denn doch einen Ausblick wagen will, so möchte man Lena, von der der Popticker bekanntermassen Fan ist, eher wünschen, sie möge vielleicht sogar mit den Heavy Tones die Chance bekommen, ihren Popentwurf mit eigenen Liedern umzusetzen, als in Oslo gut abzuschneiden, während Jennifer eher diejenige ist, die den Strapazen, mit zunächst einmal nur einem Song im Gepäck für und beim Grand Prix Furore zu machen, musikalisch eher gewachsen ist.

 

zum Finale vom 12.03.2010

Das hört überhaupt nicht mehr auf, alter Finne

Dietmar Poppeling und David Gieselmann plaudern bei Grauburgunder und Süsskartoffelchips mit Ingwerdipp an Zitronencarpaccio über das gestrige Finale von „Unser Star für Oslo“

Herr Gieselmann, dann fange ich heute mal mit einer Frage an: Wie lautet gut 24 Stunden nach dem Finale zum diesjährigen Deutschen Grand Prix-Vorentscheid, zum ersten Male in der Hand von Stefan Raab, zum ersten Mal organisiert von ARD und PRO7 ihr mittelfristiges Fazit.

Ich muss schon sagen, daß ich ein wenig ernüchtert bin, und das hat, wie man sich denken kann, sicher nicht mit dem Ausgang des Finales zu tun, denn Lena war die beste, wenngleich sie auf der Zielgeraden manches Mal Nerven gezeigt hat, nein, meine Ernüchterung hat mit den Liedern zu tun, die wir gestern zu hören bekamen. Da bewerben sich fast 5000 Leute, da machen zwei der grössten deutschen TV-Sender insgesamt acht Shows, da hat man eine wirklich tolle Band zur Verfügung und findet mit Hilfe des Publikums und einer wechselnd besetzen Jury ein so grosses Popmusiktalent wie Lena Meyer-Landrut, und dann stehen keine besseren Lieder zur Verfügung als diese vier Söngchen da gestern? Das ist traurig.

Sie haben vollkommen Recht, Herr Gieselmann, das ist tragisch. Also das Lied „Bee“ hatte ich schon vergessen, da lief es noch, „Satellite“, was jetzt ja der Beitrag sein wird, war bei Jeniffer eine Seifenblase von Lied, die nach 35 Sekunden zerplatzt, und bei Lena stand es ihr, na ja, zumindest nicht im Weg charmant zu sein, und wenn wir mit „I care for you“ zum Grand Prix getingelt wären, hätte man auch gleich einen europäischen Rundbrief schicken können: Hallo, wir hier in Deutschland hätten nach dem Hegemann-Skandal in der Literatur jetzt dann bitte mal eine Plagiatsdebatte mit einem Popsong, Kläger bitte vortreten, und es hätte sich sicher irgendjemand gefunden, der gesagt hätte: Könnt ihr haben, das Lied ist von mir.

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Was erzählt uns das über die Popmusik im Allgemeinen und die in Deutschland oder für den Grand Prix im Speziellen?

Erst einmal natürlich erzählt es ganz banal: Man braucht neben vielen Dingen eben auch und vor allem einen guten Song. Ohne den geht‘s nicht. Stefan Raab hat ja gesagt, daß sie einen Pool von etwa 100 Songs zur Verfügung gehabt hätten, und das erzählt natürlich auch, daß es in den Musikverlagen, bei den Plattenlabels, bei den Songschreibern Datenbanken von fertigen Songs gibt, daß in diesen Datenbanken Songs lagern, bei denen man, wenn man 100 raus nimmt, nicht einen findet, der im Ansatz die Grösse und Chuzpe von einem Lied von Kate Nash, von Lily Allen oder Paolo Nutini hat. Oder zumindest in den Songdatenbanken nicht, zu denen Stefan Raab Zugang hat. Und wenn man jetzt einfach mal die genannten drei InterpretInnen zum Masstab nimmt, dann muss man sagen, daß das ja alles drei Künstler sind, die für sich selber Songs schreiben, und die auch sonst schreiben, bloggen, dichten und so weiter. Und das bestätigt Sie, Herr Gieselmann, in Ihrem Ausdruck des Autorinnenpop, da kann man, damit Nutini da auch mitzählt, das „I“ einfach mal gross schreiben. Jedenfalls kann man von auf musikalischem Wege mit Versatztexten heute keinen Staat mehr machen, keine Melodie mehr finden, die es nicht so oder anders schon mal gegeben hat. Das Schreiben von Songs muss mit dem Schreiben beginnen, der Text führt in seiner Eigenart eher zu Unerhörtem oder Ungehörtem als eine Melodie, die mir ohne Text einfällt. Die Melodien waren alle da, der Käse ist gegessen, die Sprache ist unendlich.

War das zu der Zeit, als Sie noch als Produzent aktiv waren, auch so, Herr Poppeling?

Mit diesen Datenbanken? Aber sicher. Ich kann mich zum Beispiel erinnern, daß uns damals für ZVS „torn“ angeboten wurde, den wir nicht wollten. Den wollte irgendwie niemand, und dann hat man den einem Model gegeben, das nicht singen kann, und siehe da: Das war ein Welthit, Natalie Imbruglia.

Nun stehen wir also mit einer tollen Sängerin und einem lumpigen Lied da. Unsere Chancen beim Grand Prix sind nicht gerade hoch, oder?

Das weiss man nie so genau, und darum geht es auch nicht, es geht vor allem darum, weil Raab ja so viel Gutes gemacht hat, daß man nun genau benennt, was er nicht gut gemacht hat, und das haben Sie ja eben schon gesagt: Wenn ich unter 5000 KandidatInnen eine tolle Sängerin finde aber unter 100 Songs keinen, der wirklich kickt, dann brauche ich eben eine Datenbank mit 5000 Songs, und das ist dann wohl eher keine Datenbank - sondern ein Songschreiber. Vielleicht kann Stefan Raab ja Dursti halten so wie Max Mutzke, und vielleicht kann er noch andere Leute gewinnen, wenn die sehen, wen er da in Lena gefunden hat, ich weiss es auch nicht, aber es braucht eben bessere Lieder.

Lena war natürlich hinreissend, ihre Schlussperformance, wo sie schrie „Das hört ja überhaupt nicht mehr auf!“ und „Alter Finne!“ hat auch noch mal gezeigt, daß sie, wie wir das im Theater immer sagen, auch das Telefonbuch singen könnte: Sie war so geflasht, daß das Lied dann auch keine Rolle mehr spielte. Wenn sie so durchlässig und nicht nur nur lenalässig in Oslo aufschlägt, können wir beide, Dietmar, unsere Kritik auch vergessen, denn das ist der Song fast egal. Er funktioniert ja auch, ich habe „Satellite“ heute um die sechs mal gehört, ich mag ihn allmählich.

Du hast ihn gekauft? Du hast ihn dir schön gehört.

Mag schon sein, aber Tatsache ist: Lena ist die mit Abstand beste Interpretin, die wir in den letzten Jahren beim Grand Prix hatten.

Ohne jeden Zweifel.

 

zur Debutplatte von Lena, erschienen am 07.05 .2010

Autorinnenpopfräuleinnotonlyonehitwunder

Gebrauchsmusik und Schubladenhüter von Hit-Think-Tanks: Das Debut-Album von Lena Meyer-Landrut deutet durchaus Potential für einen längerfristigen Popentwurf an

Lena_cassette

Vielleicht erzählt das Album von Lena Meyer-Landrut auch noch eine ganz andere Geschichte als den Triumphzug der 18jährigen Abiturientin durch ein Casting-Verfahren zum Eurovision Songcontest 2010: Die Platte ist ja auch für Stefan Raab ein Siegeszug, der nun nicht nur mit einem Stück Chartsgeschichte nach Oslo reist - sondern auch mit einer Kandidatin, deren Chancen ganz Europa zu begeistern, nicht gerade klein sind: In den britischen Wettbüros ist sie gar die Favoritin. Die Platte konnte auch deswegen so schnell fertig werden, weil sich Raab und seine Firma Brainpool Zugang zu einer Bibliothek von etwa 100 unveröffentlichten Liedern verschafft haben. Zum Finale von „Unser Star für Oslo“ suchte man bereits 5 Lieder für die beiden Finalistinnen aus, und nun speist sich teils auch Lenas erster Longplayer aus diesem Songarchiv. Es scheint also, als hätte Brainpool inzwischen eine derart funktionierende Vernetzung im Musikbusiness, daß man eben auch Zugang zu einigen Hit-Think-Tanks hat. Daß dabei wohl auch Lieder vorlagen, die zu den Schubladenhütern einiger Hitschreiber gehören mögen, stand dabei nicht im Weg, ein derart funktionierenden Gebrauchspop in wenigen Wochen zum Album zu schmieden. Zum einen schrieben Raab und Lena selber einige Lieder, zum anderen bekam man auch vom neusten Brit-Autorinnenpopfräuleinwunder Ellie Goulding das wunderbare „not following“ geschrieben, welches am meisten das Potential von Lena Meyer-Landrut, auch im Tonstudio zu überzeugen, ausschöpft.

Natürlich folgt die Platte schon zuallererst einer ökonomischen Logik, die darin besteht, den Hype um Lena nicht nur mit der Erinnerung an ihre grossartigen Auftritte im Casting, zwei Nebenliedern und ihrem tatsächlichen Grand-Prix-Hit „Satellite“ weiter anzuheizen. Aber einem Popalbum vorzuwerfen, es folge einer ökonomischen Logik, ist in etwa so sinnvoll, wie einem Film vorzuwerfen, über bewegte Bilder zu funktionieren. Die Frage, die den künstlerischen Wert eines solchen Gebrauchspops tatsächlich auslotet, ist also schlicht und ergreifend, ob man diese Platte anhört, und hier lautet meine Antwort: Ja, ich höre diese Platte seit Freitag rauf und runter und singe inzwischen selbst die mittelmässigen Lieder beim Kochen mit.

„My Cassette Player“ kann naturgemäss nicht an die Euphorie der Momente der Castingshow direkt ankoppeln, - wer zum Beispiel die Studioversion von Paolo Nutinis „New Shoes“ hört, muss zugeben, daß ihr Liveauftritt mit eben diesem Lied kaum zu toppen ist - aber der Grundsound der Platte klingt eben schon angenehm musiziert, - nicht popüberproduziert - und es gelingt in einigen Songs durchaus, einen Popentwurf anzudeuten, der mit Lena Meyer-Landrut über den derzeitigen Hype hinaus funktionieren könnte. „I like to bang my head“ besticht durch einen satten Bass und Lenas merkwürdigen Sprechstil, der hier fast Rap ist, „Caterpillar in the rain“ schmachtet sich mit seicht jazzfolkigem Augenzwinkern ins Herz und gefällt spätestens, wenn aus der Raupe eine „Kate Arpillor“ wird, was immer das sein mag, Jason Mraz‘ „Mr Curiosity“ ist selbst in der Studioversion so poprührend, daß man die ein oder andere Träne verdrückt, und der plötzliche Ska von erwähntem „Not following“ stolpert so selbstverständlich und frech durch die Boxen, so schmal und glattpopig, das allein durch diese dreieinhalb Minuten das Album seinen Preis wert ist. Alles in allem muss man Raab und Landrut also bescheinigen, in atemberaubenden Tempo ein akzeptable Platte abgeliefert zu haben, die knapp drei Wochen vor dem Grand Prix genau die Funktion zu erfüllen weiss, die ihr die Dramaturgie des Lenahypes zuweist.

 

Einschätzung ca. eine Woche vorm Songcontest in Oslo

Got some new Shoegaze

Was Sie kann, kann nur Popmusik: Lena Meyer-Landrut und das Prinzip des sportiven Charmes

Vielleicht war es auch ein Glück für Lena Meyer-Landrut, dass sie bei der Auswahl der Reihenfolge für die erste Folge des Stefan Raabschen Castings „Unser Star für Oslo“ als Letzte auftrat: Den ohnehin sympathischen Gesamteindruck setzte sie die Krone auf - durch eine interpretatorisch untermauerte Mitsingversion von „my same“ der wunderbaren Adele. Hier blitzte alles durch, was Lena auch später auszeichnen würde: Die spontane Euphorie in der Dramaturgie eines Liedes, die merkwürdige Art, gut nicht singen zu können, um damit überraschen zu können, singen zu können, und den merkwürdigen Tanz, den Anke Engelke so bemerkenswert fand, weil sie mit dem Publikum flirtend rückwärts geht - eine Art Lenashoegazing. Zwei Wochen später zähmte sie das eher sperrige „Diamond Dave“, wieder eine Woche danach kam „New Shoes“ von Paolo Nutini, mein Lena-Favorit, und sie unterstrich mit diesen so wie in der Folge zwei Songs von Kate Nash ihr Faible für versierten, britischen Pop. Und in den folgenden Wochen gelang ihr etwas, das man dem Format der Castingshow nicht zugetraut hätte: Sie wurde unter den der Musik eigentlich nicht zuträglichen Wettbewerbsbedingungen immer normaler auf der Bühne und trat dem Hype mit dem von Anke Engelke definierten Rückschritt entgegen. Ihr Sieg wurde so immer unvermeidlicher, und ihre unbekümmerte Art, vor der Kamera souverän zu sein, ohne eine Angriffs- oder Projektionsfläche für den Boulevard zu sein, half ihr, Abi zu machen. Zwei Tage vor dem Auftritt in Oslo steht, ob sie nun gewinnt oder nicht, fest: Was Lena Meyer-Landrut kann, kann nur Popmusik. Das in allen visuellen Zusammenfassungen ihrer Blitzkarriere eingebaute Zitat von Marius Müller-Westernhagen „Du hast Star-Appeal. Die Leute werden dich lieben“ war zwar ziemlich unsympathisch aufgesagt aber dadurch nicht weniger wahr: Lena Meyer-Landrut sang irgendwie so, dass Intellektuelle, Teenager, Popverliebte und Popstars, mittlerweile KollegInnen, sich auf sie einigen konnten.

Der Versuch eines Blitzalbums gelang funktional und dem Anlass entsprechend - konnte aber zu keiner Sekunde das euphorische Moment, den Popkairos ihrer Castingauftritte erreichen. Als sie fast das gesamte Album in einer Woche „TV total“ live vortrug, wurde die Gefahr des Lenaschen Popentwurfs überdeutlich: Unter familiären Bedingungen mit Raab und seiner Haus- und Hofband „Heavy Tones“ erreichte Lena eine Entspanntheit auf der Bühne, die leider zeitweise arg desinteressiert daher kam. Die Abwesenheit des Wettbewerbs machte sie zur Protagonistin ihrer selbst, und darin ist sie noch immer nicht all zu versiert. Sei‘s drum: Kein Mensch wird am Samstag nach dem Album und ihren TV-Auftritten fragen, und wenn es nur der Aufgabe diente, Lena jenseits von „Satellite“ im Gespräch zu bewahren, ohne ihr Privatleben auszubeuten, ist ein mediokres Album allemal besser als dumme Schlagzeilen in der menschenverachtenden BILD.

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Vorgestern trug sie mal wieder „Satellite“ vor, wieder bei Raab, der samt Sendung und kleiner Bandbesetzung eine Woche aus Oslo sendet, und unterstützt wurde sie dabei von Songcontestvorjahressieger Alexander Rybak an der Geige, und hier wie auch in den im Internet einsehbaren Aufnahmen bei den Proben in Oslo konnte man sehen, dass Lena wieder mit dem Singen spielt und sogar dem immer wieder kritisierten Lied „Satellite“ noch neue Facetten und Lenasche Phrasierungen abringen kann. Kombiniert mit der Tatsache, dass auch Samstag wahrlich wieder Wettbewerb herscht, könnte das, was einige britische Wettbüros immer noch glauben, eintreten: Sie könnte gewinnen. Nicht gerade unwichtig für dieses Vorhaben ist die Frage, ob mit Türkei, Holland und Schweiz hoffentlich heute Abend drei Punktgaranten für deutsche Beiträge ins Finale einziehen, die nur dann auch stimmberechtigt sind. Bei Türkei muss man sich da keine Sorgen machen, aber Holland und Schweiz haben leider Beiträge im Wettbewerb, die man kamikazehaft bezeichnen muss.

 

Gesetzesbinsen oder von der Kunst, vergessen werden zu können ohne zu scheitern

Das erste Halbfinale des Eurovision Songcontest 2010 am 25.05.2010

Es ist eine Binsenweisheit, dass der Eurovision Songcontest - für viele noch immer der „Grand Prix“ - seine eigenen Gesetze hat. Adäquat etwa zum DFB-Pokal beim Fussball, von dem man dasselbe sagt und, bei dem man somit auch oft Sätze bemühen muss wie: „So ist das eben beim DFB-Pokal!“. Der eurovisionäre Liederwettstreit ist ist in diesem Sinne denn auch gleich doppelbinsig, denn seine Mischung aus Pop, Liedern, Performance und Europameisterschaft ist ja einzigartig, und etwas Einzigartiges hat natürlich seine eigenen Gesetze. Selbst ausgewiesene Experten können schwer voraus sagen, wer gewinnen wird, oder wer wie gestern beim ersten Halbfinale 2010 eben ins Finale einzieht, und so wagt auch Jan Feddersen in seinem neustem Buch „Wunder gibt es immer Wieder“ auch nicht, eine Formel für den Erfolg aufzustellen, er benennt gerade einmal ein paar wenige statistische Wahrscheinlichkeiten wie zum Beispiel die, dass es durchaus von Vorteil sein kann, wenn das teilnehmende Lied eine internationale, lautmalerische Qualität hat und zum Beispiel „La La La“, „Ring a Ding Dong“ heisst - oder wie in diesem Jahr das Lied aus Aserbeidschan „Drip Drop“, dem nicht zuletzt deswegen Chancen auf den Gesamtsieg eingeräumt werden; oder das gestern ins Finale eingezogene „OPA!“, dessen griechischer Sänger schon einmal einen Song für Griechenland komponierte, der nicht „OPA!“ hiess - sondern „OPA! OPA!“ - also nicht „Auf geht‘s, Jungs!“ sondern „ Auf geht‘s, Jungs! Auf geht‘s, Jungs!“. Das sind dann eben solche eigenen Gesetze.

Gestern war dann also zu beobachten, dass Lieder, die nicht wehtaten, weil sie weder gut noch schlecht waren, den Einzug ins Finale schafften, obwohl man doch eigentlich sagen müsste, dass, wer nicht auffällt, damit schon den schwersten Fehler begangen haben mag. Und so finden sich also nun Lieder im Finale wieder, die man bis Samstag schon wieder vergessen haben wird, die man eigentlich zum Schnelldurchlauf schon wieder vergessen hatte, und vielleicht ist dann das auch schon wieder ein eigenes Gesetz, dass man es mit Liedern schaffen kann, an die man sich nur erinnert, weil man im Schnelldurchlauf noch mal daran erinnert wird: Die Kunst, vergessen werden zu können, ohne zu scheitern. Klassisch im Gedächtnis blieb mir persönlich der belgische Beitrag eines Sängers mit Gitarre: Tim Dice mit dem dem Anlass entsprechend funktionalem „Me and my guitar“ - wir sehen diesen fast amerikanisch anmutenden Folk am Samstag wieder - sowie der Beitrag aus Estland, der den wie immer versierten deutschen Sprecher Peter Urban zurecht an Human League erinnerte: Ein Sänger, der sich Malcolm Lincoln nennt, und der mit dem Minimalpopsong „Siren“ leider ausschied. Natürlich gab es daneben einige Songcontestkonstanten zu bestaunen - bizarre Kostüme wie den weissrussischen Backgroundchor mit elektrisch ferngesteuerten Schmetterlingsflügeln (im Finale) oder slowakische Tänzer, die sich als Bäume verkleideten (ausgeschieden) und zudem gab es wenig überraschend so manche Geige zu bestaunen, weil im letzten Jahr Alexander Rybak mit einer Geige gewonnen hatte.

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Zu den eigenen Gesetzen des Songcontest gehört sicherlich auch, dass es schwierig ist, den Überblick über die Modalitäten zu bewahren. Tatsache ist, dass über das Weiterkommen gestern und morgen in den Halbfinalen sowie über den Gesamtsieg am Samstag zum zweiten Mal nach 2009 eine Mischstimmform entscheidet: Zu 50 % Telefonvoting, zu 50 % eine Jury in jedem Land. Bei den Halbfinalen kommt komplizierend hinzu, dass neben den jeweils teilnehmenden Ländern, die sich nicht selbst wählen dürfen, auch die fünf bereits qualifizierten Länder - als Gastgeber Norwegen und die Hauptgeldgeber Deutschland, Spanien, England und Frankreich - je einmal mitwählen dürfen. Nach welchem Schlüssel die Halbfinale aufgeteilt wurden sowie nach welchen Kriterien entschieden wird, welches bereits qualifizierte Land zu welchem Halbfinale mitwählen darf, wurde gestern nicht mitgeteilt. Tatsache ist, dass der Halbfinalmodus natürlich auch wieder Verschwörungstheoretikern und Neidern Raum bietet. So war im Vorfeld auch zu hören, dass sämtliche Halbfinalnationen dazu aufgerufen hätten, keinem Land Punkte zu geben, dass als Geld- oder Gastgeber bereits für das Finale qualifiziert ist. Dazu ist zu sagen, dass es vielleicht eher ein Vorteil ist, sich dem sportivem Charakter des Songcontest bereits in einem Halbfinale zu unterziehen und die eigene Performance schon mal unter Livebedingungen vorzutragen. Tatsache ist jedenfalls, dass seit der Einführung der Halbfinale niemals ein Land gewonnen hat, das direkt zum Finale qualifiziert war. Das kann sich natürlich in diesem Jahr ändern, wenn mit Spanien und Deutschland am Samstag die zwei einzigen Ohrwürmer an den Start gehen.

 

Griechischer Ski und spänische Wand

Zum zweiten Halbfinale des Eurovision Songcontest 2010 am 27.05.2010

Nach dem veröffentlichten Fahrplan zur Grand Prix-Woche hatte ich mir vorgenommen, heute morgen die Aufzeichnung des zweiten Halbfinales anzuschauen, um dann gegen 11 oder 12 einen Text darüber geschrieben zu haben. Nun aber hat sich heraus gestellt, daß diese Vorgehensweise nicht funktioniert. Und zwar aus folgendem Grund: Sprach ich vorgestern zum ersten Halbfinale von der Kunst nicht aufzufallen, ohne zu scheitern, so ist das Durchzappen durch die Beiträge, 30 Sekunden etwa für jedes Land, ein dem Songcontest nicht gerade zuträgliches Unterfangen, denn die Beiträge, die so gar nicht auffallen, sind bei 30 Sekunden schon nach vier Sekunden zu vernachlässigen, und so hat man dann, wenn die FinalistInnen bekannt gegeben werden, nicht nur keinerlei emotionalen Bezug zu den Verkündungen, sondern man hat schlechterdings keine Ahnung, wovon die da gerade reden. Dementsprechend ist man auf die Bilder aus dem Green-Room angewiesen, der in diesen Jahr sehr blau gehalten ist, wo man dann irgendwelche Formationen im Freudentaumel sieht, woran sich möglicherweise eine vage Erinnerung knüpft, welches Lied die gerade Genannten wohl gesungen haben mögen. Wenige Sekunden vorher hätte man die jeweilige Formation nahezu jedem x-beliebigen Land zuordnen können, und nun stellt sich also die etwas peinliche Frage: Was hat der Popticker zu einem Halbfinale zu sagen, bei dem die einzigen Titel, die er erinnert, ausgeschieden sind?

So geschehen mit dem holländischen Beitrag, bei dem im Sinne einer ganzheitlich theatralischen Darstellung die musikalisch begleitende Drehorgel von Tänzern zum Leben erweckt wurde. Die von dieser Idee betroffenen Tänzer mussten also im Green Room als Drehorgelfiguren auf die Nachricht warten, ob sie im Finale sind, und man bedauerte gleich noch die serbischen Bäume von vorgestern mit, denen dasselbe Schicksal geblüht hatte: Im Baumkostüm harrten sie der der ebenso traurigen wie unvermeidlichen Nachricht, nicht im Finale zu sein. So geschah es auch drei Grazien aus Kroatien, die vor 5 Jahren schon einmal für Serbien angetreten waren, die sich Feminnem nannten oder immer noch nennen, und die einigermassen nackt im grünem Raum sassen, wobei man für die drei nur hoffen konnte, daß es im grünem Raum nicht so kalt wie blau ist.

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Immerhin konnte man im Ergänzung zum ersten Halbfinale ein paar statistische Stilerhebungen bestätigt sehen: Der Eurodance, vor zwei Jahren noch die europäische Allzweckwaffe, ist stark auf dem Rückmarsch, und dabei spielt es keinerlei Rolle, ob das Bumm Bumm hier von regionalfreiem Ethnobeats aufgepeppt und gepopt wird - oder nicht. Bulgarien versuchte sich an dem Genre ohne Ethno, die serbischen Bäumen mit Ethno, lediglich Island schaffte es mit technoidem Mitschunkelbeat ins Finale, und es bleibt ein isländisches Geheimnis, warum ein Lied auf englisch einen französischen Refrain und Titel hat, und ein europäisches Geheimnis, warum dieses Lied ins Finale gevotet wurde. Weiterhin im Trend bleiben hingegen Trickkleider. Zwar sah man beim zweiten Halbfinale keine Bäume oder weissrussische Schmetterlinge - dafür aber fünf Litauer, die plötzlich in Glitzerunterhosen dastanden, nachdem sie sich der vom norwegischen Curlingteam entliehenen Hosen mit einer Art Reissleine entledigt hatten. Das bodypercussive Lied geriet dabei in Vergessenheit, und das ist schade, denn das Lied war garantiert besser als die Unterhosen. Ebenfalls keine bahnbrechende Neuerung ist die leicht transparente Wand, die zwischen den beiden Beteiligten eines Duos steht, und die dann im Laufe des Songs natürlich weg geschoben wird. Dieser spanischen Wand bediente sich die dänische Formation, von der das Gerücht geht, sie hätten beim Wandverschieben auch ein Lied gesungen. Das muss man dann am Samstag noch mal prüfen: Die dänisch-spanische Wand ist im Finale.

So bleibt uns zu guter Letzt natürlich nur ein Ausblick auf eben dieses Finale. Der Favoritenkreis hat sich sicherlich einerseits gelichtet, andererseits erweitert, denn Favoriten, die ausgeschieden sind, können nicht mehr gewinnen - wie zum Beispiel die schwedische Lena, welche einen Auftritt hatte, der bereits wie ein Sieg aussah; und Beiträge, denen prophezeit wurde, keine Chance zu haben, und die sich nun im Finale wieder finden, können aufgrund dieser Konstellation plötzlich als FavoritInnen gelten. Dazu gehört das griechische „OPA!“, eine Art Aprés-Ski-Hit auf Ouzo, ebenso wie erwähnter französischer Titel aus Island. Der ebenso schlichte wie grandprixtypische Schmachtfetzen aus Israel könnte ebenso das Rennen machen wie der spanische Walzer „Algo Pequenito“ des Angelo Branduardi-Lookalikes Daniel Diges, und last but not least könnte sich auf einmal und nach langem bisschen Frieden Deutschland auf dem Siegertreppchen einfinden. Wir wissen es nicht: Der eurovisionäre Liederwettstreit hat, ich habe das angedeutet, seine eigenen Gesetze.

 

Der diskrete Charme der Popgeoisie

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Dietmar Poppeling und David Gieselmann versuchen bei Kaffee und Kuchen, nicht NUR über Lena zu sprechen - sondern auch über den ESC am 29.05.2010 als solchen

Herr Poppeling, versuchen wir einmal Lenas historischen Triumph …

Wo waren Sie, als Lena Meyer-Landrut den Eurovision Songcontest gewann?

… ja, bei Seite zu lassen und mit der Frage anzufangen: …

Wo waren Sie, als Lena Meyer-Landrut den Eurovision Songcontest gewann?

Wie hat Ihnen der Grand Prix 2010 gefallen?

Herr Gieselmann, sollen wir nun wirklich über den rumänischen Beitrag reden oder wie sich die türkische Robocoptänzerin den Arm absägte? Und warum das auf Platz zwei kam?

Das waren alles nicht meine Fragen

Wie es mir gefallen hat? Gut! Verdammt noch eins, es war grandios, es war schön, es war ernüchternd, ich bin jetzt noch verkatert - aber wissen Sie, was tatsächlich das Schönste war?

Dass Lena gewonnen hat.

Eben nicht. Für mich war das Schönste der Moment der Votings, die Schalte in die Hauptstädte, als noch nicht klar war, dass sie gewinnen wird, sondern als klar wurde, dass sie gewinnen könnte. Diese Prozedur am Fernseher zu erleben im Wissen, Deutschland läuft nicht unter „ferner liefen“, das war für mich zumindest das Allerschönste.

Ab wann haben Sie an Lenas Sieg geglaubt?

Eigentlich ab da, wo Sie, Herr Gieselmann, aufgesprungen sind, unmittelbar nach Lenas Auftritt, und gerufen haben: Sie kann das gewinnen, mit diesem Auftritt gewinnt sie! Da hatten Sie Recht, das war prophetisch. Woran haben Sie erkannt, dass sie gewinnen könnte?

Das hatte in dieser Sekunde für mich einen ganz einfachen Grund: Das war war der 22. Auftritt, und es war schlicht und ergreifend der bis dahin beste. Wer immer sich diese ganz und gar schlanke Performance ausgedacht hat, zum grossen Teilen waren das wohl auch Raab und sie selber, der war ein gewiefter Taktiker, ein Mourinho des Songcontest eigentlich, denn, um beim Fussball zu bleiben, es war musikalisch wie performerisch brilliant, dass sie die Viererkette Backgroundchor im Rücken hatte, die sicherten ihr die Tongenauigkeit ab, so dass sie sich vorne tänzerisch und musikalisch frei bewegen konnte, das war also eine Viererkette mit Lena als klassischem Libero, wenn man so will. Das war eine super Idee.

Lena-Meyer-Landrut-Oslo-2010

Sie sagen es, David Gieselmann, aber der Auftritt war auch ein Tabubruch, das Tabu nämlich, dass man nicht kompletten Schrott zum Congcontest schicken muss, weil das eben so ist. Alexander Rybak hat an diesem ungeschriebenen Gesetz im letzten Jahr gerüttelt, und Lena hat es jetzt zum Einsturz gebracht. Wobei man natürlich nach wie vor sagen muss: „Satellite“ ist nicht der Hammersong, er war dem Anlass angemessen funktional, aber Stefan Raab hat schon Recht, wenn er sagt, Lena hätte wahrscheinlich mit jedem anderen Song auch gewonnen. Es ist ein Songcontest, den meistens eine Performance gewinnt, und in diesem Jahr hat eine Person gewonnen: Lena Meyer-Landrut. Und mit ihr ein gewisses Undestatement, das nun wirklich nichts aber auch so gar nichts mehr mit Schlager zu tun hat. Es handelt sich inzwischen ganz klar, um einen Popwettbewerb. Mit Lena hat ein Entwurf von Pop gewonnen, von dem man noch nicht genau weiss, wo der hinführt, der aber zumindest jetzt erst einmal seinen Höhepunkt erlebt.

Was genau unterscheidet Lenas / Raabs Entwurf denn den von anderen Ländern?

Was immer die Länder zum Songcontest schicken, es erzählt ja schon immer etwas über das Land, aus dem der Beitrag stammt, oder zumindest über die dortige Entscheidungsstruktur innerhalb eines Medienmarksegments, wen man zum Grand Prix schickt. Nur so ist zu erklären, warum England seit einigen Jahren immer diesen Kotzbrockenpop schickt, wenn man mal vom Andrew Loyd-Webber im letzten Jahr absieht. Oder warum Rumänien ein gläsernes Doppelklavier bauen lässt, das brennen kann. Was wir hier in diesem Jahr vor allem gesehen haben, waren durchgeplante 3 Minuten-Performances, wo sich irgendwelche schlauen Geister jeden Blick von jeder TänzerIn im voraus überlegt haben. Es gibt ja in vielen Ländern, wie wir beide gerade in Jan Feddersens Grand Prix-Buch gelesen haben, Consulting-Firmen, die einem einen Grand Prix Auftritt planen, für 300 000 Euro. Das haben wir in diesem Jahr eben auch viel zu viel gehabt: Serbische Bäume, Schmetterlinge, Treppen von Beyoncés Choreografen und dieser ganze Mist. Das ist alles Consulting-Pop, von Firmen erdacht und beraten, und was man dabei auch gesehen hat, ist, dass nahezu ausnahmslos alle SängerInnen komplett nervös und verkrampft waren. Sie wollten um Gottes Willen bloss alle Tips beherzigen, die sie für ihre 300 000 Euro bekommen haben, und wenn man verkrampft, hat man natürlich schon verloren. Man muss eben auch so sagen: 2009 und 2010 haben mit Alexander Rybak und Lena Meyer-Landrut die jeweiligen beiden gewonnen, die am wenigsten nervös waren.

Wie macht das ein 19jähriges Mädchen?

Ich glaube, sie hatte bislang auch viel zu wenig Zeit, um nervös zu werden. Sie hat ja nun wirklich vor drei Monaten noch unter der Dusche gesungen.

Herr Poppeling, schenken Sie doch unseren Lesern noch ein paar Sätze zu ein paar anderen Beiträgen: Was war denn noch gut oder noch besonders dumm?

Der schlimmste Beitrag kam ganz klar aus England. Das war wirklich, als ob man Stock, Aitken & Waterman in den 80ern eingefroren und jetzt zum Grand Prix wieder aufgetaut hätte. Spanien war natürlich nicht schlecht, und es gab meines Wissens zum ersten Mal in der Geschichte diesen Flitzer, der zwar nicht nackt, aber eben schon mit ziemlich blöder Mütze die Choreografie störte. Ich denke nur, man hat Daniel Diges keinen Gefallen getan, ihn noch mal singen zu lassen, denn seine Reaktion auf den Eindringling war so lässig, dass man beim zweiten Auftritt eher negativ merkte: Himmel, der macht ja haargenau dasselbe wie vorhin.

Und wie jedes Jahr zu guter letzt die Frage: Wen soll Deutschland 2011 zum Grand Prix im eigenen Land antreten lassen?

Christian Durstewitz.

 

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