Kylie

La La La

Vor 20 Jahren erschien Kylies Kampfohrwurm "Can't get you out my head"

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Signature Song nennt man den Song einer Band oder Sänger:in, die unverwechselbar für deren Popentwurf steht und eben diesen vollständig konstatiert und repräsentiert. Gleichwohl diese Signature Songs auch gecovert werden, ist in ihren Variationen immer deren „Herkunft“ eingeschrieben - wer „Can’t get no satisfaction“ nachspielt, spielt sozusagen auch die Stones nach, wer „wonderwall“ trällert, covert auch Oasis als solche.

Vor genau 20 Jahren erschien „Can’t get you out of my head“ von Kylie Minogue, nachdem die eigentliche Schauspielerin in den 80ern vom Produzententrio Stock-Aitken-Waterman als Popsternchen erfunden wurde, und man sie in den 90ern mehr oder minder schon abgeschrieben hatte, und der Song erfand Kylie völlig neu - als postironisch lakonischen Star auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Exakt diese Suche führte sie ironischer Weise eben zu diesem„Can’t get you out of my head“, nachdem den Track bereits „S Club 7“ und Sophie Ellis-Bextor abgelehnt hatten. Das Potential dieses hinreissend banalen Ohrwurms war vielleicht nicht gleich zu erkennen, zumal eine wirkliche Songstruktur nicht existiert. Das Ding beginnt mit einem 4-to-the-Floor-Beat, bei dem ein simpler Synthie-Sound das Riff auf die Und setzt, ein Durchgang dauert genau 15 Sekunden, und so setzt eben nach 15 Sekunden dann auch schon die Hook ein: 15 Sekunden La La La, dann erklingt die Titelzeile, und obgleich noch gar nicht viel passiert ist, befindet man sich mit dieser Titelzeile dann quasi gleichzeitig in Vers und Refrain. Diese merkwürdige Struktur-Verwirrung gepaart mit der entlarvenden Banalität und der straighten Gleichförmigkeit ist der einzigartige Widerspruch, der die mittelmässige Songidee zu einem Meisterwerk macht. 

798480661_1280x720Zu seinem großen Erfolg aber hat natürlich auch das < Video > beigetragen, bei dem Kylie gleich zwei ikonographische Kleider und den weißen Jumpsuit aus der Mitte des Videos trägt, der Jahre später das zentrale Exponat von „Kylie - the Exhibition“ im Victoria & Albert-Museum werden sollten. Und ihr Choreograph erfand zudem emblematische Tanz-Moves - die roboterhaften, scheinbar von den eigenen Händen geführten Kopf-Biegungen zum Beispiel oder das diagonale Arm-Ausfahren zu dessen Linie sich der Kopf wie vor einer Schiene geführt vor und zurück bewegt.

Aber ohne „La La La“ hätte man all dies wohl auch inzwischen vergessen - die unterkomplexe Hook bildet zu Beginn des Nuller-Jahrzehnts den neuen Null-Meridian der Pop-Oberfläche. Der Song schliesst das Kapitel 90er ab und weist auch 20 Jahre später noch nach vorne. Davon zeugen auch die unzähligen Cover-Versionen von Kylie selber, die den Signature-Song ihrer Neuerfindung schon als Samba-, Country-, Bastarpop- oder Jazz-Nummer sang. Man merkt diesen Versionen an, dass Kylie über „Can’t get you out of my head“ zu sich als multiverse, augenzwinkernde Popsängerin fand, die sie bis heute ist - „La La La“, so heißt denn auch ihre vor 10 Jahren erschienene Arbeitsbiografie.

Diesen Song bekommt mana nicht aus dem Kopf.


Your Disco needs you

Disco kann Kylie - ihr neues Album ist grandios

Wenn Kylie Minogue ihrem Country-Album mit demselben Konzept wie dem neuen Album den Titel verpasst hätte, hätte es „Country“ geheissen. Die neue Veröffentlichung heißt „Disco“, und wenn man auch niemals the book by it’s cover judgen sollte, so Bildschirmfoto 2020-11-23 um 13.49.24sei im Falle dieser Platte eine Ausnahme gemacht, denn was Kylie mit Titel und Cover verspricht, das hält sie auch: Disco ist ein Disco-Album mit Discomusik und Discohits mit Discobeat und Discosounds. Und wenn man sich das anhört, merkt man erst im Nachhinein, wie mittelmässig ihr letztlich auch halbherziger Country-Versuch war. Anders gesagt: Disco kann Kylie. Da dotzen die Vier zum Boden, das flächt sich der Dancefloor mit glasklaren Strings in die Breite, das geht der Bass straight ahead, und über allem thront die Kylie mit dieser Popstimme. Man weiß auch gar nicht groß, was man da beschreiben soll: Dieses Album kann man gar nicht reflektieren, es macht einfach einen Heidenspaß, und wenn Kylie Minogue neulich im Deutschlandfunk sagte, sie wollte ihren Fans in dieser discofreien Zeit ein wenig Freude und Disco nach hause bringen, dann muss einfach sagen: Mission accomplished. Das Album ist genau das, was es sein sollte, und dass Kylie genau das, was sie erreichen wollte, erreicht, zeigt einmal mehr, was für eine großartige Popkünstlerin sie ist: An „Disco“ ist nichts schlecht. 


Das Prinzip Hoffnung

Selbst mit einem mittelmässigen Song kann Kylie ihren Fans Glück in Aussicht stellen

KyliediscoNach dem Ausflug in die Countryside des Kylieversums besinnt sich Frau Minogue nun auf die Disco - so, heißt ihr kommendes Album, und nein - sie hat bislang kein Album mit dem Titel „Disco“, auch wenn nichts auf der Welt nach kyliesophistischen Überlegungen nahe liegender scheint. Man erinnere sich nur an Kylies erstaunlichen Hit „Your Disco needs you“, welcher zu Zeiten, als es noch Single-CDs gab, für eben diese auch mit der im B-Teil auf deutsch gesprochenen Zeile produziert wurde: „Lass Dein Volk niemals im Stich: Deine Disco braucht Dich!“ Um so erstaunlicher ist dann schon, dass der erste Song, der aus der 2020-Kylie-Disco erschallt, vergleichsweise wenig Disco enthält: „Say something“ ist eine klassische Kylie-Uptempo-Nummer mit trockenem Synthie-Beat, Amanda-Lear-Chören-Bridges und immerhin einem Nile-Rodgers-ähnlichen Gitarrenriff. Gefühlt ist da mehr Disco drin, wenn man das Abba-like Cover und die Differenz zum Country ihrer letzten Platte in Rechnung nimmt, aber man kann sich dennoch nicht des Eindrucks erwehren, dass in dieser kylischen Disco noch Luft nach oben ist. Aber was macht das schon?Diese Single ist Grund genug, zu hoffen, dass Kylie auf dem Disco-Ding wieder eine Las-Vegas-Residence-like Welt-Tour plant, wenn fucking Corona es zulässt, und es gibt nichts, das glücklicher macht als Kylie-Konzerte - und damit das klar ist: Ich meine das völlig im Ernst.


Kitsch und Kairos

Einige Gedanken zum Einsatz von Sequencern bei Pop-Konzerten anlässlich der kürzlich besuchten Auftritte von Laing und Jain

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Jain drückt auf ihre im Ärmel eingebaute Fernbedienung

Jemand hat Jain für ihre Konzerte eine Fernbedienung für ihren Rechner gebaut, mit dem sie ihr Audio-Logic oder welches Programm auch immer sie benutzt, steuern kann. Zwar kehrt sie auf der Bühne immer wieder wie eine MC zum zentralen Pult zurück, aber um Breaks innerhalb ihrer Songs aufzurufen, Übergänge abzuspielen und B-Teile einzuleiten, muss sie eben nicht an den Computer. Mit diesem System ist sie mobil und kann unterwegs mit Fernbedienung und Mikro hüpfen, tanzen, sich euphorisch schütteln und natürlich singen.

Laing hingegen rufen die vorgefertigten Sequenzen, Beats und Loops nicht per Fernbedienung ab, hier erledigt dies der Schlagzeuger - das macht auch Sinn, da er adäquat zu seinem Hauptberuf ohnehin für Rhythmik und Timing zuständig ist und dementsprechend dafür auch Talent hat. Und so haben Nicola Rost und ihre beiden Mitstreiterinnen Platz, Agilität und Freiheit für ein Popkonzert, das aber eben ebenso wie bei Jain einen leicht faden Nebengeschmack hat: Ein Großteil der Musik kommt aus dem Rechner, Sequenzen werden hier abgespielt, letztlich wohnen wir einem Playback-Konzert bei.

Der Grund für die Abwesenheit von Instrumenten ist natürlich ein rein ökonomischer. In Zeiten, in denen die Einnahmenerwartung von Musiker*innen bei Konzerten die vom Plattenverkauf übersteigt, ist der Live-Auftritt eben keine Werbe-Massnahme mehr, sondern zentrale Einnahmequelle im Gefüge des Popmarktes, und je weniger Musiker*innen auf der Bühne ihrem Beruf nachgehen, desto weniger müssen bezahlt werden. Proben muss man auch weniger, wenn man nicht die Instrumental-Spuren der Alben möglichst adäquat live nachbauen muss. Da liegt es nahe, die Sequenzen abzuspielen, die man in mühseliger Kleinarbeit am Computer und im Studio zusammen gefrickelt hat, und Laing und Jain sind hier nur zwei Beispiele von Konzerten, denen ich in den letzten paar Wochen beigewohnt habe, bei denen Playbacks zum Einsatz kamen. (Zwei weitere: die Prog-Folk-Band „the day“ verzichtet auf einen Keyboarder, obgleich in ihrem Popentwurf Synthie-Flächen eine zentrale Rolle spielen, Kylie Minogue spielt mit ihrer Band eine Bastardpop-Version von Kylies Hit „slow“ auf den originären Synthie-Sequenzen von „being boiled“ von Human League).

 

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Ein handelsüblicher Sequencer

In der Theorie führt das natürlich zu einem weniger originären Effekt des „Im-Moment-Seins“, aber letztlich ist es vermutlich ohnehin Kitsch, wenn man sich als Konzertbesucher noch einredet, einem Ereignis beizuwohnen, das ein Maximum an Freiheit und Spontanität die Bühne bietet, auch wenn kein Sequencer zum Einsatz kommt. Umgekehrt kann man von Laing berichten, dass ein Genie und Vollprofi wie Nicola Rost den Live-Auftritt so elegant geniesst, dass ihr wundervoll feingeistiger Chansonpop auch ohne Instrumente lebendig und ausreichend live daher kommt - das Konzert im Hamburger Mojo vom letzten Sonntag war grandios, und abgesehen davon sind hier trotz Sequencer ausser Rost noch zwei Sängerinnen, besagter Schlagzeuger und eine Tänzerin auf der Bühne.

Ein wenig mehr Musizieren hätte man sich im Gegensatz dazu bei Jain durchaus gewünscht (sie habe ich im Dezember in Köln gesehen): Dieses Pop-Jahrhundert-Talent ist zwar durchaus dazu in der Lage, über ihre Fernbedienung nicht nur ihren Rechner sondern auch 600 Zuschauer gleichzeitig zum Break in ihrem Hit „Makeba“ zum Hochhopsen zu animieren, auch schichtet und befüllt sie ihre World-Beats teils live mit Stimmen- und Sound-Loops, aber wenn alles dies jetzt auch noch mit Rhythmus-Sektion und Bläser-Ensemble gespielt würde, dann wäre das wirklich das ultimative Pop-Konzert.