Lena

Pop kuratieren - oder auch nicht

Mega-Sampler oder EPs - und was Future Trance mit Lena zu tun hat

Bildschirmfoto 2021-05-28 um 15.51.11

Klammheimlich hat sich in einschlägigen Album-Charts ein neues Darreichungsmodell von Popmusik ökonomisch etabliert: Der Mega-Sampler mit der Überwältigung durch Masse. In den aktuellen Top 20 finden sich gleich sechs Song-Sammlungen mit über 40 Titeln: Der Sampler zum Eurovision Songcontest zum Beispiel umfasst alle teilnehmenden Songs (okay, das sind „nur“ 39), auf den „Bravo-Hits“ waren ehedem schon immer viele Lieder, aber auf der neuen Ausgabe Bildschirmfoto 2021-05-28 um 15.50.20„Volume 113“ finden sich gleich 49 brandaktuelle Hits. Auf dem Sampler zur Fernseh-Show „Sing meinen Song“ finden sich 50 Cover, und den Rekord bricht „Udopodium“, der Tribute-Sampler zu Lindenbergs 75. Geburtstag mit sinniger Weise 75 Liedern. Und dann gibt es noch zwei neue Trance-Techno-Sampler mit jeweils 50 bzw. 61 Tracks. 

Die ökonomische Idee, die dahinter steckt, liegt auf der Hand: In Zeiten, in denen potentiell die gesamte Musik-Geschichte  für einen Abopreis per Stream einen Weg in die Ohren finden kann, muss mit Hörer:innen gerechnet werden, die nicht einsehen, für 10 Euro gerade mal 10 Lieder zu bekommen. 75 Udo-Lindenberg-Lieder kauft vielleicht auch, wer an sich nicht mehr Musik mehr kauft. Aber auf Sampler und Best-Of-Boxen mehr und mehr Songs zu packen ist wohl auch eine Entwicklung, die mit 75 Liedern auch schon an  ihrem Endpunkt angelangt sein mag. Hundert wären eventuell noch drin. Aber da müssen es dann schon die Stones sein. Oder Bowie oder Dylan. Noch mehr als 100 wäre dann spätestens irgendjemandes Gesamtwerk.

Bildschirmfoto 2021-05-28 um 15.50.45Eine Liste mit 60 Trance-Tracks wiederum, oder eine Bravo-Compilation mit 50 Hits sind Sampler gewordene Algorithmen, Spotify-Playlists die man für 9,99 € kauft - in gewisser Weise manifestiert sich hier eine neue Form des Popmusik-Sammelns - wer „Future-Trance 95“ hat und die 96 kauft, braucht nicht alle anderen 94 Folgen, um das Gefühl zu bekommen, die Mehrheit aktueller Future-Trance-Musik zu besitzen, denn 120 Tracks hat er ja schon. 

Bildschirmfoto 2021-05-28 um 15.51.25

Die umgekehrte Hoffnung hegt indes wohl Lena Meyer-Landrut: Dass nämlich Hörer:innen, die ihre Musik schon besitzen, vielleicht auch einmal streamen. Lena hat jedenfalls ihren Back-Katalog unter drei thematischen Aspekten zu Playlisten kuratieren lassen - „confidence“, „kind“ und „optimism“. Das Ganze ist ein recht hübsches Unterfangen, war aber mit der Löschung ihres gesamten Instagram-Bestands und dem Veröffentlichen eines Trailers zu „optimism“ vielleicht ein wenig over-promoted: Die Sängerin schürte damit natürlich die Hoffnung auf neue Musik, die dann aber eben enttäuscht wurde. Grundsätzlich ist die Idee des Kuratierens von Playlisten aber eine schön Strategie, dem Überangebot und der schieren Masse an Popmusik überschaubar scheinen zu lassen und eben nicht 75 Lindenberg-Songs auf einmal auf den Markt zu werfen. (Ich mache das mit meiner eigenen Musik auch und erstelle mir selber Playlisten zu „Bäumen“, „das Meer“ und tatsächlich auch „Optimismus“.) 

Selbst in die Veröffentlichung neuer Musik findet dieses Kuratieren als Gestus Einzug: Ein Gewinner der Corona-Krise ist als Pop-Release indes nämlich die EP, also das kurze Album, bei dem Künstler:innen zum Beispiel im Lockdown entstandene Popentwürfe rasch in die Tat umsetzen - als würde man eben zu einer Idee, Songs auswählen, ohne ein ganzes Album denken, machen und promoten zu müssen. (Zum Boom der EP schreibe ich nächste Woche etwas) - der Kurator als Kraft, welche künstlerische Energie in Bahnen lenkt und in einen Zusammenhang rückt. Tendenziell - wie gesagt - finde ich das eine schönere Strategie als Marktverstopfung mit Mega-Samplern. Ich weiß auch gar nicht, was Future-Trance ist.


Kontemplative Chimäre

Dietmar Poppeling im Gespräch mit dem Popticker über das Ende des Rock durch Pop, mit der Hook beginnende Lieder und die Wirkungsgewitter in Zeiten von Hygienekonzepten anlässlich des Eurovision Songcontest 2021. Bebildert in diesem Jahr nur mit Stockfotos - aus Gründen

Herr Poppeling, nach eine Jahr Pause konnten wir gestern den Eurovision Songcontest unter pandemischen Bedingungen beiwohnen - wo soll man da bloss anfangen? Klassisch? Mit der Frage, wie Ihnen der Songcontest ingesamt gefallen hat?

Stocka
Dietmar Poppeling mit seinem Jet

Oder wir fangen dieses Mal da an, wo wir sonst enden, nämlich mit der Frage, wen wir im nächsten Jahr zum Contest in Italien schicken sollten, denn es braucht kein Corona, um mein Ritual der Antwort zu hinterfragen, die ich immer gebe: Vanessa Petruo. Denn wir wissen nun: Vanessa Petruo wird es nicht machen, sie ist Neurologin in Berkeley und an einer weiteren Karriere in der Popmusik mit oder jenseits der No Angels nicht interessiert, und auch wenn wir beiden Gott und die Welt bewegen würden: Der Zug ist abgefahren. Deswegen gebe ich in diesem Jahr eine diplomatische Antwort: Wen wir schicken, ist vielleicht weniger die Frage, als vielmehr die, wie wir an ein Lied kommen, das dann - von wem auch immer - gesungen werden kann, denn ich denke, das war in diesem Jahr der Knackpunkt: Ein Popsong braucht so vieles, ein ESC-Song braucht auch vieles davon, aber hier hatten wir es mit einem Beitrag zu tun, der eine an sich saugute Hook hatte, aber damit hat man sich leider zufrieden gegeben: „I don’t feel hate“, auf diesem Satz könnte man einen Song aufbauen, aber sonst hat man halt nicht viel komponiert: Keine Strophe, kein Refrain oder eine Bridge, die in die Hook mündend einen Refrain suggeriert, nix, und dann hat man den Rumpf eines Liedes auch noch mit der Hook, den einzigen Trumpf, den man im Ärmel hat, beginnen lassen, und hat halt damit schon seine Pfeile verschossen. Somit hatte man auch keine Dramaturgie drin, keine Geschichte, keine Konklusion. 

Was wäre eine Konklusion?

Nun, dass man irgendeine Situation beschreibt, aus der heraus man Gründe hätte zu hassen, und dann sagt man aber eben: Nee! I don’t feel hate! All dies hat man nicht getan, sondern, man lässt Jendrik direkt singen:

Stockb
Jendrik bei seinem Auftritt in Rotterdam

Ich verspüre keinen Hass. Und damit ist diese Hook eben auch schon verschenkt, und eine verschenkte Hook ist keine Hook - sondern eine leere Phrase. „I don’t feel hate“ ist die Folge von etwas. Wenn man es vorweg schickt, folgt daraus nichts. Überhaupt denke ich, dass ein ESC-Song nicht mit dem Refrain beginnen sollte. Ich habe hier keine Statistik, aber ich wage die Behauptung, dass beim Songcontest noch nie oder zumindest selten ein Lied gewonnen hat, das mit dem Refrain beginnt.

An Jendrik lag es also nicht?

Nein. Der hat eine silberne Ukulele, und dass er sie wirft und fängt, ist auch prima, aber der Song war kein Song, und ohne einen geht es halt nicht.

Nun sind wir bereits mittendrin und haben den deutschen Beitrag analysiert, da können wir gleich mit der Tür im Haus bleiben und Sie fragen: Wie finden Sie den italienischen Sieger-Beitrag?

Naja, dass Rock niemals sterben wird, wie der Sänger uns euphorisch unterrichtete, das mag schon als Botschaft einer der Gründe sein, warum so ein Titel gut ankommt, aber natürlich ist die Botschaft auf einer Popveranstaltung wie dem ESC schon irgendwie fehl am Platz, um nicht zu sagen: Der Mummenschanz, die Ironie, mit der Rock hier retro-romantisch und also mit den Mitteln des Pop inszeniert wird, ist natürlich im höchsten Masse kontemplativ und damit vom Gestus her ziemlich wenig Rock. Überspitzt könnte man sagen, die Botschaft, dass Rock nicht sterben könne, kommt in dem Fall aus der Gruft des Rock, womit ich aber nicht gesagt haben will, dass die Band, die gewonnen hat, nicht trotzdem Rock lebt. Die Pressekonferenz von Måneskin war sicher mehr Rock als der Beitrag, der Song „Zitti e Buoni“ es sein kann. Aber das sind natürlich Spitzfindigkeiten, die Spass machen, gedacht zu werden - letztendlich ein verdienter Sieger.

Ihr Favorit war es nicht?

Stockc
Go_A aus der Ukraine

Mein Favorit war die Ukraine, ganz klar, weil die es vermocht haben, die neue Art und Weise, wie heute Popsongs gebaut werden, als stetes Crescendo von Einzelpartikeln, die ihrerseits jedes für sich auf TikTok funktionieren würden, in einen Beitrag für den ESC zu übersetzen. Gleichzeitig haben sie Sprache und Harmonien eines folkloristischen Beitrags, wie sie für den Contest typisch sein können, ernst nehmend zu zitieren. Das ganze Ding „shum“ von Go_A war der erste Beitrag zum ESC aus der Streaming-TikTok-Ära der Popmusik. Solche Beiträge werden wir nächstes Jahr mehrere und in zwei Jahren sehr viele zu Gesicht bekommen, und sie werden eher nicht so stark sein, wie dieser dies Jahr der Ukraine - ein Feuerwerk visueller wie akustischer Hooks.

Welche Beiträge waren zudem bemerkenswert?

Frankreich hat es mit einem puren Genre versucht, das kann immer auch funktionieren, obgleich die statistisch meisten Beiträge vermutlich einen Genremix suchen, um in möglichst vielen Publika und Jurys, Stimmen zu gewinnen. Hier hatten wir es mit einem originären Chanson zu tun, der sich zu 100 Prozent auf dessen Wirkungsweisen verlässt. Das fällt eben allein schon deswegen auf, weil wir gesagt viel Beiträge Anschluss in viele Richtungen erhoffen. Hier war es eben von Barbara Pravi auch toll vorgetragen. Im Gegensatz dazu wirkte der Beitrag aus der Schweiz schon fast wie ein Kunstlied, das fiel schon auch auf, und auch hier war der Vortrag seitens „Gijon’s tears“ bemerkenswert gut.

Warum war der maltesische Beitrag so hoch gehandelt und hat es letztlich nur auf den siebenten Platz gebracht?

In dem Fall würde ich sagen, dass „nur“ in Bezug auf den siebenten Platz relativ ist, aber warum es vielleicht nicht in den Ausmass gefunkt hat, in dem das Wettbüros erwartet hätten, hat meines Erachtens damit zu tun, dass die Überwältigungsstrategie, dass Wirkungsgewitter in einem Jahr mit nur 3500 Zuschauer:innen in der Halle nicht automatisch auffallen. In anderen Zusammenhängen hätte dieser Beitrag vielleicht gewinnen können.

Stockd
Fans in der Halle

Was für Lehren ziehen wir insgesamt aus diesem Songcontest für die die Kommenden?

Der Rockanteil wird nächstes Jahr stark steigen, aber es wird sicher kein Rock gewinnen. Insgesamt sollte man irgendwann wirklich überdenken, ob die big five wirklich automatisch für das Finale qualifiziert sein müssen, denn man sieht ja, dass man sich damit keinen Gefallen tut. Wenn man das Halbfinale überwinden muss, steigt durch den Wettbewerb die Identifikation mit dem eigenen Beitrag eines Landes, und damit letztlich auch der Wert im nationalen TV als Sende-Ereignis. Die Idee, dass man damit ein Ereignis finanziert, bei dem man dann selber nicht vorkommt, weil man im Halbfinale ausscheidet, ist letztlicht eine Illusion, eine Chimäre, denn man sieht ja an unserem diesjährigen Beitrag: Ohne Lied kann man sich die Teilnahme auch schenken. Schauen Sie sich UK an - vielleicht würde das vereinigte britische Königreich den Wettbewerb nicht verweigern, wenn es für sie einer wäre.

______________________________________________________________

Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Die Zeitreisende

Lenas fast-Konzept-Album „Only Love, L“

Es gehört zu den Mythen der Popkultur, dass, wer durch die Zeit reist, sich aus der Geschichte heraus halten sollte, da sonst, wenn die Vergangenheit zur vorläufigen Zukunft des Zeitreisenden wird, die Vergangenheit dahin gehend verändert wird, dass die entsprechende Einmischung aufgrund dieser Einmischung gar nicht erfolgt wäre, wodurch man natürlich in einer Art Nichtzeitschleífe gerät. Nun hat Lena Meyer-Landrut natürlich keine Zeitreise gemacht, aber sie hat an sich selber in der Vergangenheit einen Brief in Form eines Songs geschrieben, und wenn dieser Brief bei ihrem früheren Ich angekommen wäre, hätte sie dieses Lied vielleicht gar nicht geschrieben.

onlyloveDas wäre sehr schade, denn „Dear L“ ist ein grandioser Popsong, der zwischen bestürzend klarem Selbstbezug und fluffiger Pop-Leichtigkeit einen Mittelweg findet, von dem man vorher nicht geahnt hätte, dass es ihn gibt: Auf dem Riff einer leicht verzerrten E-Gitarre warnt sich Lena selber vor Rückschlägen, rät auf die Mutter und die eigene Intuition zu hören und überführt die fluffige Soulpopnummer in einen regelrechten Blues - schöner hätte ein neues Lena-Album kaum beginnen können. In Kombination mit dem dann folgenden „Thank You“, eine Anklagegesang gegen Hatespeech, Mobbing und Shitstorms im Internet, ist der Weg für ein durchweg fantastisches Pop-Album geebnet.

Verblüffend an der Souveränität, mit der hier in 13 Songs irgendwie jeder mitgenommen wird, der einen Bezug zu Lena hat, ist vor allem, dass sie an genau diesen Marktanforderungen des Popbetriebes gescheitert war, und die Arbeit an dem Album mit dem Arbeitstitel „Gemini“ einstellte. In dem sehr schönen Podcast der Reihe „Und was machst Du so?“ (auf Bento, Link < HIER >) schildert Lena Meyer-Landrut den Moment, an dem sie den Glauben an diese Platte verloren hatte - während einer Autofahrt: „Warum mache ich dieses Album? Ich hab’ gar keinen Grund, ich mach das nächste Album, um das nächste Album zu machen - das fühlt sich so kacke an.“ „Only Love“ nimmt die jungen Menschen mit, für die Lena auch eine Influencerin ist, ESC-Exegeten finden sich hier wieder, sie denkt an ihre LGBT-Fans, und auch die Indiepophörer jenseits der 40 (so wie ich) finden hier Songs, die sie prima finden. Das Album spaziert immer oben erwähnten Mittelweg zwischen banaler Oberfläche und überraschender Tiefe entlang, es nimmt und zitiert sich aus vielen Richtungen aktueller Popmusik ein paar Zutaten zusammen, wirkt aber nie kopistischj, abgeschmackt oder kalkuliert. Dass diese Musik generationsübergreifenden Zusammenhalt generiert, kann man allein daran ablesen, dass sie auch allen meinen drei Kindern und meiner Frau gefällt - das ist sonst noch niemandem geglückt. Ach doch: Billie Eilish.

Meine persönlichen Lieblingssongs sind der erwähnte Brief „Dear L“, das herrlich schwülstige und gleichzeitig leicht ironische „private thoughts“ sowie das trappig-hüpfende „sex in the morning“ - alles drei auch Lieder mit schönen Themen. Eine wunderbare Platte, ohne jeden Zweifel Lenas bislang Beste.


Songs zum Sonntag 03 /// 171118

171118 /// DidoDido fängt ihr neues Lied, die erste Single ihres erst im März nächsten Jahres erscheinenden Albums, wie einen Folksong an - gezupfte E-Gitarre, tiefe Stimme, seichte Zurückhaltung. Dreampop, wie man es von ihr kennt, wird „Hurricanes“ erst nach zwei Minuten, nach einer Strophe und einem frühen B-Teil beflächen Synthies und ein merkwürdiger Marsch-Beat diesen Song, und es dauert dann eine weitere Minute, bis Dido wieder singt - fast scheint es, als würde er, der Song, hier schon auslaufen, aber dann crescendiert es doch noch mal auf eine Generalpause zu, wir hören einen A-cappella-Part, und flibbernde Electronica lassen das Ganze nach 5 Minuten dann doch enden - ein höchst ungewöhnlicher Song, erst recht als Single, und wer dieser Popsängerin noch irgendwann einmal vorwerfen sollte, mainstreamkompatiblen Seichtpop für Menschen ohne Geschmack zu machen, der beschäftige sich bitte einmal eingehender damit - „hurricanes“ ist wirklich ein tolles Stück Pop. /// LenaOb Lena (Meyer-Landrut) jemals den Popticker gelesen hat, wissen wir natürlich nicht, aber sie könnte sich bei ihrer neuen Single „Thank You“ durchaus an meine Regelsammlung für den eigenen Soulpop-Hit gehalten haben - Synthie-Blubbs auf der „Und“, Ed-Sheeran-Shape-Of-You-Beat, Mischmasch aus Handmade- und Electronic-Sounds - und vor allem eine funktionale Akkordfolge ( D - A - b7- A ) über die gesamte Liedlänge - das kann man nun wahlweise als wenig einfallsreich oder als Königsdisziplin bezeichnen. Zweifelsohne klingt der Song jedenfalls sehr nach dem derzeit allseits präsenten Soulpop, und er könnte auch von Rita Ora oder Julia Michaels sein; aber nach drei, vier, fünf Mal Hören hatte ich das Ding im Ohr und bin nach anfänglicher Skepsis doch ziemlich begeistert. Das liegt vielleicht auch an dem Text: „Thank you for knocking me down“, singt Lena, sie berichtet davon, dass der Hass, der einem als prominenter Mensch, der sie ist, entgegen schlägt, zwar nicht an ihr abprallt, aber eben stärker macht - mithin ein ebenso wie die musikalische Machart Ellierecht häufiger Poptopos - man denke nur an „Fighter“ von Christina Auguilera oder „stronger“ von wahlweise Britney oder den Sugababes, aber in der Kombination eines sehr persönlichen Themas mit der mainstream-tauglichen Konstruktion ist das ein Lied, das tief gehend und konsumerabel zur gleichen Zeit ist. Und so muss Pop doch sein, oder ? /// Was für ein schöner Link: Lena auch schon mal ein Lied von Ellie Goulding gesungen, „Not following“ heisst es, und Ellie Goulding hat bereits vor etwas Längerem auch ein wundervolles Cover von einem wundervollen Song von Don McLean veröffentlicht - „Vincent (starry starry nights)“. Hier hat sie ganz auf alle Soundverheissungen des Pop verzichtet und zu reinen Akkustik-Gitarre dieses Lied gesungen - wundervoll ist dies.


Kristallin funkelt der Sound

Lenas viertes Album „Crystal Sky“

Der erste Song des vierten Albums von Lena gibt tatsächlich im klassischen Sinne eines Album-Openers die Richtung vor: Ausgepuderter, ausproduzierter, kompressierter Synthie(power)pop mit vielen Effekten und Sound-Summen-Bombast, der jeder 12,99€-USB-Box kurzzeitig der Illusion überlässt, sie sei eine Konzert-PA für Stadion-Beschallung. Was immer von diesem Konzept halten mag, ist es schon erst einmal überraschend, stand doch Lena an und für sich erst einmal für ein gewisses Authentizitäts-Konzept und im Popstil eher für britische Nonchalance und Direktheit. Nun aber wird sogar die Stimme durch verschiedene Sound-Booster geschossen, so dass sie als Schmiermittel im Klanghimmel eher auch als Klang-Element denn als Stimme funktioniert. Die Musik auf dieser Platte glänzt und funkelt und blendet im akustischen Sinne, und ich kann es drehen und wenden, wie ich will - ich habe es seit Mai immer wieder versucht mit diesem Album - aber mir gefällt es ganz und gar nicht. Immer wieder fühlen sich Hörer an Ellie Goulding erinnert, und leider stimmt das auch in dem Sinne, als dass hier mit elektronischen Sound-Effekten jede Subtilität in Grund und Boden produziert wird, wie es bei Ellie Gouldings letzten und wohl leider offenbar auch bei ihrem bald kommenden Album gemacht wurde.

Lena-Crystal-Sky-2015

Komisch. Und auch schade. Zeitgleich begeistern mich derzeit zum Beispiel zwei grossartige Synthiepop-Alben, die es trotz ähnlichem Sound-Ansprüchen trotzdem schaffen, dem Gesang Platz und Trockenheit zu bewahren: „MS Mr“s „How Does It Feel“ und Christine & The Queens „Chaleur Humaine“ (Ausführlicheres zu diesen beiden Platten einige Posts weiter unten in diesem Blog …) - und auch auf „Crystal Sky“ finden sich durchaus Beispiele, in denen das Ganze ausgewogener wirkt: Das Titel-Lied bleibt zurückhaltend und bei schön trockenem Beat mit klarer, wunderbarer Melodie ganz einem deutlich unwegefreieren Popentwurf verpflichtet, der Lena, wie ich finde, besser liegt; und „4 sleeps“ findet mit durchaus grossem Soundspirenzchen-Aufwand einen angenehm klaren Kitsch - im positiven Sinne.

Stellt sich natürlich die Frage, ob das was ausmacht. Antwort: Nö. Lena verzeihe ich gerne auch mal ein Album, das mir persönlich jetzt nicht so gefällt, denn bei allem Brimborium hat man trotzdem nicht das Gefühl, dass das jetzt auf ewig ihr Pop bleiben wird, und Lena ist und bleibt halt eine Suchende. Hatte sie sich auf der letzten Platte verstärkt auch als Songschreiberin versucht, probiert sich jetzt eben in internationalem Mainstream-Standards angemessenen Powerpop - gerne. Sie tut es eben in aller ihr eigenen Konsequenz, und das bleibt trotz persönlichen Missfallen bewundernswert.


Croft meines Amtes

DOOSH!

Bildschirmfoto 2013-07-30 um 09.02.55

Aufgebrachte, nun gut, ich übertreibe, interessierte Leser, sagen wir es so, haben mir verschiedentlich die Frage gemailt, warum ich denn noch nichts über den Duschkopf von Stefan Raab geschrieben habe. Dem könnte man die Gegenfrage voraus schicken: Was hat ein Duschkopf mit Pop zu tun und dementsprechend in einem Pop-Blog verloren? Dies freilich kann nur fragen, wer sich im Internet nur wenig bzw. in den sozialen Netzwerken gar nicht bewegt, denn der Raabsche Duschkopf namens Doosh, so könnte auch ein Lied von Scooter heissen, wurde viralst ausgiebigst beworbenst. Minus zwei mal st: Der Gegenfrage um das Wissen, was für ein Duschkopf das ist, ging wiederum die Prequelfrage voraus: Um was geht es denn hier? Der viralsten Kampagnste vorweg geschickt wurde die duschende, oder soll man, wenn man bei Schreibweisenwortwitzen ist sagen bzw. schreiben, die dooshende Lena Meyer-Landrut, die unter der Dooshe als Lara Croft verkleidet war - blieben wir dem Stil dieses noch jungen Textes treu, würde man parallel zur Namensverwirrung um Puff Daddy nach dessen Hochzeit mit Jeniffer Lopez, bei der sich zwei Namensänderer vermählten, und sich also etliche Doppelkombinationen ergaben (Jenny Combs, Puff Lopez, Puff Lo, Jenny Daddy, Jenny Diddy, Pee Lo, Puffy Low, Jennifer Daddy, Jennifer Diddy, Pee Lopez, Pee Daddy, J Daddy, J Diddy, J Combs, Pee Lopez etc.), dass man schon froh war, dass Puffy nicht unsere Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger geheiratet hat,wo war ich in der Satzkonstruktion stehen geblieben, ach ja, parallel also zur Puffy-Jaylo-Hochzeit verschiedene Namen für Stefan Raabs Pop-Satelliten Lena erfinden können, ohne die kritische Frage zu stellen, ob Raab die Nutzungsrechte an Lara Croft eingeholt hatte: Lena Croft, Lena Crofter-Landrut, Lara Meyer-Landcroft, Clara Creyer-Croftland und so weiter - zum Glück erinnerte ihre Schminke nicht noch an Lana Del Rey, da wäre  man dann wirklich in Teufels Küche gekommen, wo bekanntlich nicht abgewaschen ist. Die dooshende Lana Del Croft jedenfalls wurde mit einem ACDC-Song-Rip-Off untermalt, welches von keinem Geringerem als Max Mutzke besungen ward - ebenfalls ein Raabscher Pop-Satellit, auch wenn er ein Song gleichen Namens niemals gesungen hat. Der Doosh wurde dann mit einem Tusch als Duschkopf mit Raab als Kopf hinter der Dusche vorgestellt. Er sieht aus wie ein Boomerang und erste Versuche von entnervten Doosh-Nutzern, den Kopf fort zu werfen erwiesen sich als kopflos: Der Doosh kam zurück. Unbestätigten Gerüchten zufolge entwirft Raab derzeit eine Gewürzmühle mit dem Arbeitstitel „Zpyz“, zu deren Viralst-Kampagne noch unbestätigteren Gerüchten zufolge die Spice-Girls wiederbelebt werden sollen, wobei Posh Spice und Sporty Spice hierbei durch Stefanie Heinzmann und Lena Del Croft ersetzt werden sollen. Die unbestätigsten Gerüchte aller Zeiten wiederum vermelden, dass Puff Daddy tatsächlich eine Affäre mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger habe - nach der geplanten Hochzeit hiesse er demnach zum Beispiel Sean Puffheusser-Schnarrenberger-Diddle-Maus-Combs.


LISTEN! LISTEN! LISTEN! (15): Castingshowgewinnerdebutalbumarbeitszeiten

Der Hype von Castingshows hat ein Problem beim Aufrechthalten der Euphorie geschaffen: Das Album der jeweiligen SiegerIn muss möglichst rasch nach der finalen TV-Show erscheinen - sonst ist der Wahn abgeklungen, und die entsprechende Platte wird nicht mehr gekauft. Durch das Vorproduzieren von Musik, die dann nur noch besungen werden muss, wurde versucht, die Wartezeiten auf die Alben nach den finalen Shows deutlich zu verkürzen - man musste dafür allerdings oft genug zwei oder mehr Alben für zwei oder mehr FinalistInnen vorproduzieren, die dann im Falle der Unterlegenen teils gar nicht mehr vollendet und veröffentlicht wurden. (Zumindest bei "The Voice Of Germany" ist man dann doch wieder einen anderen Weg gegangen und hat den DebutantInnen Zeit, Studio-Kapazitäten und MusikerInnen zur Verfügung gestellt.) Hier eine Liste der Castingshow-Gewinner-Debutalben-Arbeitszeiten, die letzte Spalte ist mithin also die, um die es geht: Es sind die Tage, die jeweils zwischen Finalshow und Erscheinen des Debutalbums vergangen waren. (Zu der Serie "Popstars!" gab es schon mal die Liste, wie lange die jeweiligen Formationen existiert haben. < HIER > der Link.)

Interpret          Album              Show, Jahr               Tage

David Pfeffer      I Mind             X-Factor 2011               3

Ramon Roselly      Herzenssache       DSDS 2020                   5

 

Beatrice Egli      Pure Lebensfreude  DSDS 2013                   6

Michael Hirte...mit der Mundharmonika Das Supertalent 2008        7

Some & Any         First Shot         Popstars 2009              08

LaVive             No Sleep           Popstars 2010              08

Prince Damien      Glücksmomente      DSDS 2016                  09

Overground         It‘s Done          Popstars 2003              14

Monrose            Temptation         Popstars 2006              16

Severino Seeger    Severino           DSDS 2015                  19

Pietro Lombardi    Jackpot            DSDS 2011                  20

Luca Hänni         My Name Is Luca    DSDS 2012                  20

Aneta Sablik       The One            DSDS 2014                  20

Aplhonso Williams  Mr. Bling Bling    DSDS 2017                  20

Marie Wegener      Königlich          DSDS 2018                  20

Preluders          Everyday Girl      Popstars 2003              21

Freddy Sahin-Scholl Carpe Diem        Das Supertalent 2010       21

Ivy Quainoo        Ivy                Voice Of Germany 2011      21

Nu Pagadi          Your Dark Side     Popstars 2004              25

Mrs Greenbird      Mrs Greenbird     X-Factor 2012               26

Marie Wegner       Königlich          DSDS 2018                  27

Ricardo Marinello  The Beginning      Das Supertalent 2007       28

Martin Kesici      Em Kay             Star Search 2003           35

Room2012           Elevator           Popstars 2007              36

Florence Joy       Hope               Star Search 2004           40

Tobias Regner      Straight           DSDS 2006                  41

Mark Medlock       Now Or Never       DSDS 2007                  41

Daniel Schuhmacher The Album          DSDS 2009                  41

Leo Rojas          Spirit Of The Hawk Das Supertalent 2011       41

Nick Howard        Stay Who You Are   Voice Of Germany 2012      42

Thomas Godoj       Plan A             DSDS 2008                  48

Alexander Klaws    Take Your Chance   DSDS 2003                  50

Mehrzad Marashi    New Life           DSDS 2010                  55

Lena               My Cassette Player Unser Star für Oslo 2010   56

Roman Lob          Changes            Unser Star für Baku 2012   57

Bro‘Sis            Never Forget       Popstars 2001              71

Ann Sophie         Silver Into Gold   Unser Song für Wien 2015   78

Levina             Unexpected         Unser Song für Kiew 2017   78

Charley Ann        To Your Bones      Voice Of Germany 2014      98

Andreas Kümmert    Here I Am          Voice Of Germany 2013     105

No Angels          Elle‘ments         Popstars 2000             114

Jamie Lee-Kriewitz Berlin             Voice Of Germany 2015     133

Edita Abdieski     One                X-Factor 2010             143

Elli Erl           Shout it Out       DSDS 2004                 232

Melouria           keine Album VÖ     Popstars 2011

Leandah            keine Album-VÖ     Popstars 2015

Tay Schmedtmann    keine Album-VÖ     Voice Of Germany 2016

Natia Todua        keine Album-VÖ     Voice Of Germany 2017

Samuel Rösch       keine Album-VÖ     Voice Of Germany 2018

Claudia Santoso    keine Album-VÖ     Voice Of Germany 2019

Paula Della Corte  bislang kein Album Voice Of Germany 2020

David Herbrüggen   keine Album-Vö     DSDS 2019

Interpret          Album              Show, Jahr               Tage

 

Alle Daten habe ich aus dem Internet - die meisten von Wikipedia. Man korrigiere mich gerne, wenn ich mich irgendwo irre. Teils ist dies schon geschehen, hierbei Dank an die aufmerksamen Leser. Diese Liste wurde bereits 6 mal aktualisiert, zuletzt im Januar 2018.

An dieser Stelle sei auch auf eine andere Liste verwiesen: Die der Bestandsdauer der bei Popstars entstandenen Formationen, welche sich < HIER > findet.


Popticker-Lexikon: Aufmerksamkeitsmanagement

Aufmerksamkeitsmanagement // In Zeiten der Omnipräsenz der Medien ist die Aufmerksamkeit, die eine Person im Fernsehen erzielen kann, ein seltenes Gut, eine Ressource also, die man verwalten, managen kann. Unseliger Weise war es die Musikindustrie, die als erste Verstand, daß man, wenn man die Aufmerksamkeit chronologisch kanalisiert und damit dramaturgisch strukturiert, Kapital daraus schlagen kann, und sie erfanden die Castingshows. Hier wird Aufmerksamkeit, die den jeweiligen Kandidaten zuteil wird, vermarktet, und um sie zu erzielen, ist diesen Kandidaten zunächst einmal jedes Mittel erlaubt: Singen, Sex, Tumbheit - ­egal. Um dennoch die Illusion hochzuhalten, es ginge um Musik, wurde dem Zuschauer, dessen Aufmerksamkeiten durch die Telekom gemessen wird, ein Kompetenzteam zur Seite gestellt, welches Jury genannt wurde - deren Urteil freilich spielt in den meisten der verschiedensten Reglements nur eine dem anrufenden Zuschauer untergeordnete Rolle. Die Jurys in dem Dilemma durch die Illusion, es ginge um Musik, begründet zu sein, erfanden rationale Kriterien, die einem angeblich Zugang in die Welt des Pops gewähren: Singen können, tanzen können etc. Dabei war und ist Qualität natürlich niemals ein Kriterium von Pop. Unabhängig davon hatte die Musikindustrie mit dem Boom dieser Shows ein ungeahntes Problem: Sie schalteten wochenlange Werbeblöcke für Produkte, die es zum Zeitpunkt dieser Werbung noch gar nicht gab, denn diese Produkte sind die Platten derer, die zur Belohnung für die wochenlangen Strapazen eine machen dürfen. Um diese Platten zu produzieren bleibt dann weniger Zeit, als es zuvor für die Werbung gab, und dieser Umstand hat dazu geführt, daß weltweit noch keine Castingshow in der Lage war, Musik hervorzubringen, die über das Besingen kalt vorproduzierter Hit-Ladenhüter-Tonspuren hinaus geht. Ausnahmen bilden allenfalls Will Young und Lena Meyer-Landrut.


In diesem Jahr dezent fatal

Einige Gedanken zum Authentizitätskonzept von Lena Meyer-Landrut

Kaum ein Text über Lena Meyer-Landrut kommt ohne den Verweis auf ihre Natürlichkeit und Authentizität aus; ihre unverstellte Art, öffentlich zu sein, ist also im wahrsten Sinne des Wortes das Geheimnis ihres Erfolges - Geheimnis deswegen, weil es unmöglich oder zumindest schwer ist, ihre Natürlichkeit zu theoretisieren. Drei Fragen sind, um doch darüber zu sprechen, zu klären: Was ist Authentizität? Wie kann man in der per se nicht gerade authentischen Kunstform Pop authentisch sein? Und was macht schliesslich das spezifisch Authentische von Lena Meyer-Landrut aus?

Im Onlinelexikon Wikipedia ist Authentizität in einem sehr ausführlich Artikel zunächst so beschrieben: „Authentizität bezeichnet eine kritische Qualität von Wahrnehmungsinhalten (Gegenständen oder Menschen, Ereignissen oder menschliches Handeln), die den Gegensatz von Schein und Sein als Möglichkeit zu Täuschung und Fälschung voraussetzt. Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden. Die Scheidung des Authentischen vom vermeintlich Echten oder Gefälschten kann als spezifisch menschliche Form der Welt- und Selbsterkenntnis gelten. Zur Bewährung von Authentizität sind sehr weitreichende Kulturtechniken entwickelt worden, die die Kriterien von Authentizität für einen bestimmten Gegenstandsbereich normativ zu (re-)konstruieren versuchen.“  Wenn hier also von Kulturtechniken die Rede ist, so muss man zunächst wohl konstatieren, dass Popmusik und -kultur zwar diesen Techniken zuzurechnen ist, nicht aber zu den spezifisch authentischen. Im Pop geht es vielmehr immer um die Schaffung von Oberflächen, auf denen sich bestenfalls überraschende Inhalte wieder finden. Zu diesem Zweck werden gerade in der Popmusik temporäre Erscheinungsfiguren erfunden, die den Transport der Musik dienlich sind - in dem Sinne, dass in diesen Erscheinungsfiguren Visuelles und Musik zusammenfallen. Zwischen dem vermeintlich privaten Popstar und seinen temporären Erscheinungsfiguren spannt sich sein jeweiliges, dementsprechend auch vorüber gehendes Image auf: Wenn zum Beispiel Madonna für eine Zeitlang als Cowgirl Madonna-Songs präsentiert, nimmt natürlich keiner an, dass Madonna nun ein authentisches Cowgirl ist, die sich neben den Kühen um Lieder kümmert. Der Cowgirlstyle ist das visuelle Vehikel, hinter der sich Madonna gleichermassen verschanzt wie auch sichtbar macht. In diesem Gefüge bleibt naturgemäss kaum Platz für die im zitierten Wikipedia-Ausschnitt beschriebene Übereinstimmung zwischen unmittelbarem Schein und eigentlichem Sein. Der Popfan akzeptiert den Popstar als Projektionsfläche für viele verschiedene Figuren möglichen eigentlichen Seins.

Verzichtet der Popstar nun auf die Etablierung temporärer Erscheinungsfiguren, nehmen um so mehr Projektionen seiner vermeintlichen Privatheit diese Leerstelle ein. Es ist allerdings nicht weniger absurd anzunehmen, die Person, die hinter einem Popstar steckt, sei tatsächlich so, wie ich sie mir vorstelle, als bei Madonna anzunehmen, sie kümmere sich um Kühe. Ein grossen Popphänomen der Nullerjahre, nämlich t.A.T.u., nutzte die Schwäche von Popfans, Popstars ohne Erscheinungsfiguren wahrzunehmen aus, um selbst bei Madonna die Frage aufzuwerfen, ob sie wirklich lesbisch seien, obwohl sie sich nur in einem Musikvideo küssten. Bei Madonna löste dies bekanntermassen den von mir so genannten Borgreiz aus: Sie fühlte sich von t.A.T.u. übergangen und wollte zur Assimilation des Poptopos‘ „vielleicht lesbischer Kuss“ auch öffentlich eine Frau küssen und küsste dann auf MTV Britney und Christina Aguilera. (mehr zu dieser Causa < HIER > im Popticker). Übertragen auf Lena Meyer-Landrut heisst das: Alles, was wir an ihr als authentisch einschätzen, dürfte dennoch ihrem Gespür, öffentlich und somit inszeniert zu sein, geschuldet sein.

Lena Meyer-Landrut wurde ja sozusagen von der ersten Sekunde ihrer Karriere an, als sie mit jenem „Ei Ei Ei“ aus Adeles Song „my same“ zu ihrem ersten USFO-Auftritt auf die Bühne kam, als Popstar wahrgenommen. Da sie zu diesem Zeitpunkt noch keine ersichtliche Erscheinungsfigur hatte, nahm man von vornherein ihre öffentliche Wirkung mit ihrem tatsächlichen Sein als identisch an. Sowohl sie selber als auch Stefan Raab erkannten in diesem Authentizitätsparadox eine grosse Chance und, man muss das auch einmal so unromantisch formulieren, eine grosse Popmarktlücke in Zeiten von hyperkünstlichen Lady Gaga-Popstars. Schon mit ihrem Erfolg in Oslo traten die Spötter aus den Plan, ihre unverstellte Art werde mehr und mehr zu einer Rolle, die sie spiele, aber dieser Vorwurf ist in etwa so leer wie die Annahme, Lena Meyer-Landrut sei 24 Stunden am Tag so, wie man sie öffentlich erlebt. Trotzdem gibt es natürlich Verhaltensweisen von Lena, die man sich gut und gern auch bei ihr vorstellen könnte, wenn sie mit zwei Freundinnen ins Kino geht - ihre Schlagfertigkeit beispielsweise ist unerreicht, und es ist kaum vorstellbar, dass sie nur öffentlich über sie verfügt. Gestern erst wieder trat sie in der in dieser Woche täglichen Show „Countdown für Lena“ um 18:50 Uhr in der ARD auf, und den von allen deutschen Moderatoren nach Fritz Egner für diese Show am zweitungeeignetsten Frank Elsner liess sie zu keiner Sekunde auflaufen, obgleich er ihr eine Menge Gelegenheiten dazu bot. Ihre Einfachheit war wieder entwaffnend, während sich Elners 70er-Jahre-Humor deutlich als Auslaufmodell präsentierte.

StrangerInzwischen benutzt auch Lena temporäre Erscheinungsfiguren als Vehikel für ihre Musik. In dem Video zu ihrem diesjährigen Songcontestbeitrag „Taken by a stranger“ tritt sie nicht als authentische Lena Meyer-Landrut auf. Die hier singende Figur ist leicht in Richtung einer Femme Fatale inszeniert, und in dieser doch noch recht dezenten Figur tritt sie auch am Samstag auf die Bühne - in zwar schlichtem Kleid aber auf 14 cm hohen Absätzen. Die Ganzkörperkondomtänzerinnen werden sich auf den gigantischen LED-Bildschirmen vervielfachen und schliesslich wie die Spiegel in dem Videoclip zerbrechen. Andere Länder werden hingegen vermutlich gerade den im letzen Jahr schlichten, letztlich pseudo-authentischen Stil vom Vorjahr kopieren, und es steht zu vermuten, dass das Mass an Inszeniertem von Lena wiederum den Nerv dieses Jahres trifft, denn Authentizität im Pop gibt es nicht, und kopierte Authentizität ist einfach noch dämlicher.


Lenasche Post-Popwettbewerbs-Phase

Nun war auch Dietmar Poppeling auf dem Konzert von Lena Meyer-Landrut - in München. Der Popticker hat mit ihm darüber gesprochen. Die Bilder stammen aus Poppelings Handy. Einen Fotowettbewerb wird er damit wohl nicht gewinnen.

Herr Poppeling, guten Morgen, schön Sie zu sehen - länger in Hamburg?

Nein, leider nicht, ich fahre heute noch nach Bremen - bin aber auf der Rückfahrt noch mal einen Tag hier.

Bild0259 Kommen wir gleich zur Sache, Sie waren gestern beim Lena-Konzert in München und kommen eben aus dem Flieger: Wie fanden Sie‘s?

Ich muss ja immer ein wenig vorsichtig sein mit meinen Formulierungen bei Frau Meyer-Landrut, denn sie könnte rechnerisch, na ja, meine Enkelin sein, und der der ein oder andere hat gestern wohl auch gedacht, der alte Knacker ist wohl mit seiner Tochter oder eben Enkelin hier. Ich habe in meinem Freundeskreis auch tatsächlich niemanden gefunden, der mit mir dahin wollte. Vielleicht merkt man auch daran, dass man älter wird: Die Freunde mit Faible für Teeniepopkonzerte werden rarer, aber ich habe ja immer noch Sie, Herr Gieselmann.

Also raus mit der Sprache: Wie hat Ihnen das Konzert gefallen?

Ich muss schon sagen, vom Hocker gehauen hat es mich nicht, aber um es mal objektiv zu formulieren: Es war sicherlich das Maximum dessen, was an Lena Meyer-Landrut-Konzert-Potential vorhanden ist. Diese Frau hat den Rahmen ihrer Möglichkeiten abgesteckt und sich für diese Tour weder zuviel noch zu wenig vorgenommen und eben genau das erreicht, WAS sie sich vorgenommen hat. Die eigenen Grenzen und Stärken so genau zu kennen, ist Zeichen von künstlerischer Reife, was nach wie vor einfach unfassbar ist für eine Neunzehnjährige. Es geht in der Popmusik sicherlich nicht nicht immer um Können oder Begabung und so weiter, aber es geht, wenn man in Hallen dieser Grösse auftreten will, schon darum, das eigene Können so einzuschätzen, dass es nicht grössenwahnsinnig oder zu bescheiden wird. Und diesen Spagat hat sie gewagt. Mission bestanden. Dieses junge Mädchen hat es allen Spöttern gezeigt. Mal wieder. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass uns diese Lena noch ein ums andere mal überraschen wird. In bisschen mehr als zwei Wochen ist der Grand Prix. Dann beginnt für Lena, egal wie sie abschneiden wird, die Post-Popwettbewerbsphase ihrer bislang vom Popwettbewerb geprägten Karriere, und es spricht momentan alles dafür, dass sie diesen Wandel ihres Werdegangs bewältigen wird.

Haben Ihnen bestimmte Lieder besser als auf CD gefallen? Und fanden Sie umgekehrt irgendwelche Songs live nicht so gelungen?

Bild0260

Einige Lieder waren in der Setlist dieses Abends sozusagen besser aufgehoben als in der Reihenfolge auf der CD. „I Like You“ ist mir persönlich zum Beispiel nie so sehr aufgefallen, während es in der Zugabe gestern wirklich absolut hinreissend war. Ein wenig abgefallen sind meiner Ansicht nach hingegen die etwas fetzigeren Lieder wie „Mama told me“ oder auch „I Like to band my head“, wo ich jetzt nicht weiss, ob das Tagesform war, oder insgesamt so ist. Das sind jetzt aber schon Punkte, bei denen ich auch sofort wieder einen Rückzieher mache, denn in der Summe, wie gesagt, fand‘ ich es klasse und bemerkenswert. Und zudem bin ich ja nun auch nicht unbedingt die Zielgruppe. Ich weiss nur, dass ich einige Fans beobachtet habe, die unfassbar glücklich und selig wirkten. Was soll man nun also herum kritisieren?

Wir werden in Kürze wieder viel miteinander sprechen, wenn es auf den Songcontest in Düsseldorf zugeht: haben Sie denn schon andere Lieder aus anderen Ländern gehört?

Nein, das mache ich grundsätzlich nicht, ich werde die Songs am Abend selber, in den Halbfinalen und dem Finale zum ersten mal hören, wenn sie mir nicht durch Zufall über den Weg laufen, und ich werde auch nicht in der Halle sein sondern mir den Grand Prix, Düsseldorf hin oder her, im Fernsehen ansehen und freue mich schon auf die Gespräche mit Ihnen.

Ich auch, Herr Poppeling, bis dann denn, nicht?

Bis dann, ja. Ich wollte Ihnen aber noch auf den Weg geben: Geben Sie acht, dass Sie nicht zu wertkonservativ werden.

Aha, na denn.

______________________________________________________________

Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.