In der Popmusik erkennen wir das Neue wieder.

Der Schalk im Nacken des Vergessens

Neue Platten von Maite und Michael-Patrick Kelly

Die Geschwister Maite und Michael-Patrick, einst Mitglied der in den 90ern absurd erfolgreichen Kelly-Family, veröffentlichen heute beide neue Alben. Zwischen diesen Platten zieht sich ein Panoptikum auf, das auf eine gewisse Weise exemplarisch für die deutsche Poplandschaft als solche angesehen werden kann.  Während Michael-Patrick Kelly auf seiner Platte „B.O.A.T.S“ einen sphärischen Folk-Rock sucht und ihn in Form eines kitschigen Well-Made-Pops findet, Maitehat Maite Kelly das Identitäts-Angebot des Schlagers angenommen und präsentiert auf ihrem Album „Hello“ klassischen Helene-Fischer-Franchise. Zwar sind die beiden Kelly-Platten vom Stil also höchst unterschiedlich, dennoch stehen beide für eine Pop-Spielart, die so nur in Deutschland möglich beziehungsweise erfolgreich ist: Beide segeln im Schlager-Fahrwasser, weil sie Hedonismus mit äusserst unhedonistischen Mitteln predigen.

Das ist per se natürlich nicht verwerflich sondern ein völlig legitimes Mittel, um sich der heutigen, mehr als unübersichtlichen Welt zu nähern, beziehungsweise um akustische Angebote der Ablenkung anzubieten. Was beiden Platten aber abgeht, ist das Augenzwinkern hinter den Popentwürfen, der Schalk im Nacken des Vergessens aller Schwierigkeiten. (Wie das funktioniert, dazu muss man sich unter den heutigen Neuerscheinungen nur einmal eine Platte weiter klicken - in die Guest-Edition von Kylie Minogues letzter Platte „DISCO“: Der hier zelebrierte Sound wird mit derartig ironischer Leidenschaft am Rande der Perfektion vorgetragen, dass es eine Freude ist.) Aber offenbar möchten anders als ich die meisten Pophörer:innen diese campe Durchlässigkeit nicht hören, sondern statt dessen eben die Illusion authentischer Emotion.

Irgendwie kommt mir das abwegig vor, aber dann hört man Maite Kelly diese Strophe des Songs „So lange Sehnsucht in mir lebt“ singen: „Ich leb’ im Schatten der Routine, und man sieht es mir nicht an. Ich lenk’ mich nur ab, Paddykämpf mich durch den Tag, denn irgendwann komme ich an.“ - und dann denkt man: Vielleicht ist das tatsächlich ihre Lebenssicht, vielleicht zeigt sich in solchen Zeilen der Versuch einer tiefschürfenden Klarheit und echten Authentizität. „Für Gefühle kann man nichts, zwischen Wahrheit oder Pflicht“, singt Maite an anderer Stelle, und das lässt mich dann denken, dass ironische Brechung hier einerseits völlig fehl am Platz wäre, andererseits aber vielleicht durchaus Teil dieser Popmusik ist, und ich sie nur nicht höre, weil sie anders verbaut wird, als Kylie Minogue das macht. Auch Zeilen wie „You tell me you're okay / But your voice don't match the words you said“ aus Patrick Kellys Song „blurred eyes“ hat nicht die Doppelbödigkeit, die ich an Popsongs liebe, aber was für mich versatzstückhaft klingt, kann man durchaus auch als gradlinige Ehrlichkeit lesen.

Man kann es nicht aufklären, denn es geht hier um Geschmack, klar. Aber man kann durchaus mit offenen Ohren zur Kenntnis nehmen, dass die beiläufige Relativierung des eigenen Popentwurfs nicht das Mass aller Dinge sein muss. In dem Schlager einer Maite Kelly oder dem Folk Pop ihres Bruders steck irrsinnig viel Pathos und Kitsch. Aber irgendwo kommt der her. Und hat seine Berechtigung, auch wenn das nicht gefällt.

nota bene: Maite Kellys Platte ist schon im März erschienen. Heute neu ist eine Bonus-Edition dieses Albums.


Weinschwangerer Ernst und 80s-Presets

RauchPop in Startblöcken - Folge 02 /// Bei der noch sehr jungen Band „Herr Rauch“ denkt man zunächst an Austropop - den Spagat zwischen, Witz, Wahnwitz und weinschwangerem Ernst traut man deutschsprachigem Pop höchstens zu, wenn er den Zynismus des Wiener Schmäh intus hat. Und auch wenn man die Musik dieser Band ohne den österreichischen Vergleich beschreiben möchte und zum Beispiel liest, wen die Musiker auf ihrer Website als Einfluss nennen, bleibt man bei der Vokabel Spagat: Rio Reiser, Udo Jürgens, die Ärzte und Hannes Wader - das muss man auch erst einmal in einen Popentwurf zimmern. Bei „Herr Rauch“ kommen zu den von ihnen Genannten schöner Weise schmockig-volkige Bläser dazu, die sie aus der Russendisko geliehen haben könnten. Aus diesem wilden Stilmix und leichtem bayrischem Einschlag des Sängers brauen die vier Musiker einen Kneipen-Singalong-Rock zusammen, dessen Format mutmasslich eher das Konzert als die Langspielplatte ist - wenn man mich fragt, was ich von dieser Band lieber Flykehätte jedenfalls, Tonträger oder Konzert, ich würde Konzert sagen, denn die Musik klingt so, als sei im Probenkeller bei einem Kasten Bier entstanden und als könnte diese Band sich die Finger wund spielen, bis auch in der letzten Reihe angekommen ist, dass Rock nicht tot ist. /// Die 80er-Revival-Wellen kann man inzwischen schon gar nicht mehr zählen. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Techniken, die in den 80ern den Pop in den Zustand versetzten, sich vom Rock emanzipieren, heute auf ein Handy passen. Die Presets, um so zu klingen, wie es in den 80ern neu war, stehen zu Verfügung, und man braucht eigentlich nur ein wenig Know-How, ein gutes Mikrofon und ein paar social-media-Accounts - los geht’s. Man muss aber natürlich auch wissen, wohin man damit will, wenn man Synthiewave musiziert, denn nicht allgemein verfügbar ist mit den Preset-Sounds eine musikalische Identität, eine Dringlichkeit, warum klingen will, wie man klingt. Bei dem Hamburger Musiker Chris Flyke fehlt mir ein wenig die Antwort auf diese Frage: Warum klingt er also nach den 80ern? Handwerklich sind die 15 Songs seines Debüt-Albums „digital bubblegum“ Nicogut gemacht, auch die Songs haben den Mix aus Eingängigkeit und leichter Überraschung, den man für einen Hit braucht, aber man spürt keinerlei leidenschaftliche Verbindung zwischen Flyke und seiner Musik - in der Hinsicht ist da noch Luft nach oben. /// Genau umgekehrt geht mir das bei dem jungen Sänger Nico Benjamin: Sein Synthpop atmet die Dringlichkeit von souligem Mut, hier will sich jemand mitteilen, und er hat das Besteck dazu, das in Songs zu tun - „till the break of dawn“ ist eine Ode an die Nacht, die nur beim ersten Hören aus den üblich verdächtigen Textbausteinen englischer Poplyrics gebaut zu sein scheint - beim zweiten Hören merkt man die persönlichen Nuancen, die hier gesetzt sind. Die Produktion der eigenen Lieder klingt aber doch ein wenig eindimensional und erwartbar - hier ist hier noch Luft nach oben. Aber eben jenes „till the break of dawn“ läutet den Release einer EP ein, und auf diese darf man allemal gespannt sein. /// 

Links zu den Erwähnten: 

< Website Herr Rauch >

< Website Chris Flyke >

< Youtube-Channel Nico Benjamin >

 


Dübel des Kunstlieds

Ohren auf Deutschpop werfen - Folge 19 /// Bildschirmfoto 2021-11-04 um 10.38.55Fernab von allen Ouh-Oh-Verdachtsmomenten und all den Menschen-Leben-Tanzen-Allerwelts-Pop hat die Songschreiberin und Sängerin Lina Maly einen zerbrechlich stillen Popentwurf für ihre sehnsüchtigen Texte gefunden ihres neuen Albums gefunden - Piano, leichte Percussion, Tupfer von Gitarren, hin und wieder eine Synthie-Fläche und darauf gerade so gesungen. Das Ganze ist so zurückhaltend gehalten, dass man immer auch Angst bekommt, gleich könnte, was hieran noch Pop ist, wieder entflattern. Und als wäre das musikalisch eben nicht schon ungreifbar wie eine Seife in der Badewanne, handelt die Single „Wolken“ dann auch noch von Wolken: „Wir wussten beide es ist aus, nur hat es keiner geglaubt / Aber Wolken reißen auf, ob man hin oder weg schaut.“ Man kann das leicht abtun als kitschigen Folkpop, bei dem weder Folk noch Pop gelingt, aber das Unbeständige, das Gefühl, beim Hören könnten diese Songs entschwinden, ist in meinen Augen auch eine große Kunst. Dieses Album, es trägt den Titel „nie zur selben Zeit“, bleibt still und bescheiden und findet Schönheit und Größe durch die Hintertür. /// Bildschirmfoto 2021-11-04 um 10.39.16Wo Lina Maly ihn also weg lässt, den Pathos, sucht Tristan Brusch ihn, indem er so singt, als habe er Jacques Brel übersetzt: „Wenn die Liebe uns verlässt, halten wir uns fest, halten wir uns fest - am Rest.“ Diese Musik fischt gleichzeitig im Mut zu Kitsch als auch im blanken Unsinn, und irgendwo in der Wand dazwischen hält ein Dübel auch noch das Kunstlied fest. Um so merkwürdiger, dass die Popsozialisation des singenden Songschreibers wiederum eher im Deutschrap erfolgte. Aber bei all den genannten Schubladen: Sein neuestes Album, das eben nach dem bereits zitierten Titelsong „am Rest“ benannt ist, sucht den Korridor für deutschsprachigen Chanson, durch den einst Reinhard Mey ins Wohnzimmer lief, einschliesslich vermeintlich hörbarer Vinyl-Kratzer. Aus irgendeinem Grund halte ich diese Lieder nur ganz schwer aus, aber nicht weil sie nichts taugen, im Gegenteil, sie sind nur für das Weghören eine Zumutung; eine Entdeckung, über die ich gerne mehr schreiben würde. /// 


Wenn die Kälte kommt

Über die Tautologie als lyrische Stilfigur im Pop

In dem Video zum Titelsong ihres neuen Albums „wenn die Kälte kommt“ befindet sich die Band Santiano in einer Eiswüste mit Eiszapfen an ihren Bärten, Schnee auf ihren Instrumenten und Dampf aus ihren Mündern. Der ohnehin identitätsstiftende Eskapismus der Formation, der sich aus der Huldigung der mittelalterlichen Seefahrt speist, erfährt in Zeiten, in denen der Klimawandel omnipräsent ist, eine antizyklische Steigerung durch das Heraufbeschwören einer Eiszeit. Unklar bleibt unterdessen, warum diese Eiszeit eintritt, oder für was sie steht, denn Antworten auf die Frage, was denn geschieht, wenn die Kälte kommt, bekommen wir nur sehr spärlich: „Wenn die Kälte kommt / Mit eisiger Hand / Wenn die Kälte kommt / Und dein Herz übermannt / Wenn die Seele friert / Der Atem dir brennt / Dann bin ich bei dir“. Man könnte das Ganze auch so zusammen fassen: Wenn die Kälte kommt, wird es kalt. Diese bestürzend banale Tautologie ist aber im Grunde die wesentliche allegorische 22530179-01Stilfigur, mit denen Santiano ihre Songtexte gestalten und ihre mittelalterliche Seefahrer-Romantik konstruieren: Wenn es auf den Recken regnet, wird er nass, wenn der Met fliesst, trinkt man Alkohol, wenn es stürmt, türmen sich Wellen. Ein anderes Lied auf dem neuen Album heißt „wer kann segeln ohne Wind?“ - Antwort, Spoiler Alert: Niemand. Und in dem Song „solang die Fiddle spielt“, gibt es konsequenter Weise gar keinen Gesang: So lange nämlich die Fiddle spielt, spielt die Fiddle - klar.

Das also etwas unterkomplexe Konstrukt zum Beschreiben einer an sich entrückten, anderen Wirklichkeit mit den Mitteln von Popmusik scheint massgeblich und gewollt - immerhin hat man als Co-Writer für einige der neuen Santiano-Songs Frank Ramond engagiert, der an sich als gewitzt doppelbödiger Songtexter für zum Beispiel Annett Louisan, Yvonne Catterfeld oder den ja leider verstorbenen Roger Cicero bekannt ist. Mit dessen Hilfe hätte man sicherlich auch scharfsinnigere Narrative von Rittern, Seefahrt und Wildschweinen erfinden können, als die Erkenntnis, dass man draussen auf dem Meer in der Ferne vor allem Horizonte sieht - ein weiteres Lied auf der Platte. So weit hergeholt die Welten sein sollen, die hier besungen werden, so überschaubar müssen sie offenbar bleiben, um als Singalongs im Jahre 2021 zugänglich zu bleiben. Letztlich ist das tautologische Rezept für einen Liedtext vielleicht sogar präsenter in der Poplandschaft, als man denken mag. Die neue Platte von Coldplay handelt zum Beispiel von der Raumfahrt, und wenn man sich deren Texte durchliest, erlangt man diese Erkenntnis: Wenn man ins Weltall fliegt, ist man in anderen Sphären. Und Helene Fischer singt zum Beispiel auf ihrem derzeitigen Album das Lied „wenn alles durchdreht“ - einen Nebensatz, den sie für den Refrain gar nicht mehr grammatisch und somit inhaltlich ergänzt: Wenn alles durchdreht … ja was denn jetzt? Naja, dreht eben alles durch.

Man könnte mir nun vorwerfen, dass ich mich durch die Albumcharts klicke und wie jemand, der Schuhe kauft, nur auf Schuhe achtet, jede Liedzeile als tautologische Allegorie im Sinne von Santiano interpretiere, aber für Santiano gilt meiner Meinung nach wie gesagt durchaus, dass die bestürzenden Banalitäten, die hier gesungen werden, so auch gewollt sind - musikalisch ist das nämlich auch souverän so ausgestaltet, wie man klingen möchte: Maskulin-mittelalterlicher Shanty-Poprock. Der eben, das sei noch mal erwähnt, irre erfolgreich ist - vor ihnen in den Charts sind derzeit nur Helene Fischer und Coldplay.


Crème da Marrons auf frischem Baguette

Französischer wird’s in diesem Jahr nicht mehr: Claire Laffut und ihr Debüt-Album „bleu“

Der klassische, französische Chanson ist vielleicht die Lebensversicherung französischen Pops überhaupt, der Kern, auf die sich jede musikalische Liebeserklärung, Erneuerung, Distanzierung verlässt, und vielleicht hängt diese Verlässlichkeit, dass Popmusik irgendwie verankert ist, auch damit zusammen, dass der Chanson keine markante historische Pause gemacht hat - französischer Pop greift bis über 100 Jahre zurück, ohne das veranlassen oder auch nur mitdenken zu müssen. Eventuell ist das auch Blödsinn, aber zweifelsohne ist die Popmusik aus Frankreich so vielfältig, wie man sich unsere manchmal wünschen würde, und der Einfallsreichtum, mit denen Popmusiker:innen auf unterschiedlichste Stile zurück greifen und sich aus dem Sound-, Melodie- und Beat-Archiv bedienen, macht zumindest mir einen Heidenspass.

BleuSo auch bei Claire Laffut, bei der die Suche nach Zugriffen, die Wartezeit auf ein erstes Album deutlich verlängert hat. Mit einer Art Lounge-Chanson, der in die Cocktail-Bar zu Gin-Tonic und Mitwippen einzuladen scheint, hat sie sich in Frankreich einen Namen gemacht, und mit Leichtigkeit hätte sie mit diesem Popentwurf ein Album füllen können - sie liess sich aber eben Zeit und veröffentlichte hier und da Singles und EPs. Nun aber ist das Debüt-Album erschienen, und es wird klar, dass sie noch weitere Ebenen in ihren relaxten Pop unterheben wollte - und das dauert dann eben: „MDMA“, der Opener des Albums „bleu“, klingt nach elektronischem Afrobeat, „Sérité“ ist scharfsinniger Synthiepop, „Vertige“ ist doppebödiger Diskofox - nach drei Songs hat man hier schon fünf, sechs Popstile verbaut, und das zieht sich so durch das Album,  und Songs schreiben kann diese Musikerin ohnehin: Stets verschränkt sie surreale Ebenen mit klassischen Zeilen über Liebe und Alltag, und ehe man sich es versieht, spricht sie nicht mehr über Augen, sondern von Magneten, die, wenn sie sich anziehen, kein Alibi brauchen - und man denkt plötzlich: he?

Und diese relaxte Grundhaltung tut gut in einer Zeit mangelnden Überblicks. Es klingt nach Leichtigkeit und Popschwüle, trockenem Rosé mit Kastanienduft und Eiffelturm, Buttercroissant und ein Café au Lait - französischer wird’s nimmer in diesem Jahr (auch wenn Laffut übrigens Belgierin ist), für mich bislang das betörendste Album des Jahres - das Warten hat sich gelohnt.


Mobilität und Unvernunftsappelle

Der Popticker bricht das Tabu und bespricht bereits jetzt das neue Album von Helene Fischer

Das in knapp drei Wochen erscheinende Album von Helene Fischer wird „Rausch“ heißen - und als Rausch ist es auch angelegt: 24 Songs bietet das neue Popschlager-Flaggschiff aus dem Hause Fischer, und es sucht also seine Strategie auch in der emotionalen Überwältigung durch schiere Masse. Die Song-Titel sind schon bekannt gegeben, und es ist wohl nicht zynisch, wenn man formuliert: Thematisch hat sich nicht viel getan: „Volle Kraft voraus“, „Null auf 100“,  „Engel ohne Flügel“, „Liebe ist ein Tanz“ „Wann wachen wir auf?“ , „Blitz“, „Luftballon“, „Jetzt oder nie“; „Zeit“ - so heißen die Lieder. Die üblichen Topoi also: Mobilität, Unvernunftsappelle, Diskrepanzen zwischen objektiver und subjektiver Zeit, Himmels-Allegorien und radikale Liebe sind die Themen, aus denen sich der Schlager zusammen setzt, und der sich mit den Mitteln des Pop, die keine so beherrscht wie Fischer, vermarkten lässt. Auch für die musikalische Grenzüberschreitung ist gesorgt, wenn Helene in den Latinopop rein schnuppert und mit Luis „Despacito“ Fonsi „Vamos a marte“ trällert. Auch auf Spanisch wird also das Weltall bereist, Luis und Helene wollen gemeinsam zu Mars marschieren - das Wandern ist des Fischers Lust.

RauschDie Konsequenz, mit der hier funktionale Rezepte durch dekliniert und angewandt werden, ist von von stoischer Präzision - das kann man jetzt schon sagen, wo erst zwei der 24 Songs bekannt sind. Stets ist die Rede von Bewegung, Entgrenzung und eben Rausch, nie kommen musikalische Mittel der Bewegung, Entgrenzung  oder des Rausches zur Anwendung - der Fischersche Schlagerpop definiert sich so durch eine gigantische Maschinerie des rasenden Stillstands. Das hört man der Musik auf der neuen Platte quasi schon an, ohne sie hören zu können - Musik jenseitig der Musik also, und somit ist dies mithin eine Form des Triumphes der Popkultur über ihr häufigstes Genre, der Musik. „Was für ein brillanter Schachzug!“, könnte man konstatieren, ein Werk ohne Werk gar, das freilich den Status des Werkes aufgibt, wenn es erscheint. Was für ein Interruptus es doch wäre, wenn Fischer nun diesen „Rausch“ - sagen wir: aus künstlerischen Gründen - zurück zöge. Und es blieben der Welt von diesem Doppelalbum nur die beiden Lieder mit der gekoppelten Aussage: Lass uns mit voller Kraft voraus zum  Mars gehen. Herrlich.

Aber dazu wird es natürlich nicht kommen - mit Erbarmungsloser Entschlossenheit wird am 15. Oktober „Rausch“ erscheinen und sein wundervoll potentielles Nichterscheinen negieren - das gehört nun mal zum Pop dazu, und wir haben es ja nicht mit Konzeptkunst zu tun, oder vielmehr zumindest mit keiner, bei der das Konzept im Vordergrund steht, weil das Werk hinter ihm zurück steht. Die Fans werden überwältigt sein, die, die, damit nichts anfangen können, werden sich verwundert die Augen reiben und auf den so sicher wie das Amen in der Kirche kommenden Ohrwurm schimpfen, („Warum muss ich das kennen? AAAAH!“) - und Helene Fischer wird in die postpandemischen Arenen Deutschlands fliegen und Celine Dion covern - wenn einem also Gutes widerfährt, das ist schon einen „Asbach Uralt“ wert.


Verschiebung

Max

Ohren auf Deutschpop werfen- Folge 18 /// Max Mutzke ist doch eigentlich stimmlich in der Lage, Soul, Blues und Jazz zu singen - ich komme nicht dahinter, warum er auf seinem neuen Album „wunschlos süchtig“ einem Deutschpop-Sound hinterher läuft, der ihm nichts abverlangt. Die Platte klingt einheitlich weg produziert, man spürt nicht mal eine Band, nix Erdiges - und auch die Texte strotzen nicht gerade vor Einfallsreichtum: „einfach machen, Tag planen, sich zurück Maffaylassen, vermissen, was abmachen, eine Nachricht lesen, gleich zurück schreiben, dich abholen, in deine Arme treiben, Wärme fühlen, keine Spiele spielen - weil wir glücklich sind, weil wir wunschlos süchtig sind“ - ja, das ist schon ganz in Ordnung geschrieben, eingefangen, dass für viele Menschen eine gewisse Lockerheit erreichbar wäre, aber es ist schon auch wieder umgekehrt dieser deutschpoppige Suche nach Unzufriedenheit, eine Suche nach Ungeduld, die auf der anderen Seite dann auch weggedudelt wird. Max Mutzke kann mehr. /// Wer also was Erdiges sucht, der könnte bei Peter Maffay fündig werden - sein neues Album „so weit“  ruht in sich, muss niemandem etwas beweisen und ist ein Blues-Album mit Schlagertexten: „Ein Leben läuft nie wie geplant und nicht nur geradeaus / OttMal läuft es rund und manchmal fliegt man aus der Kurve raus / Mal ist ein Weg gesperrt, mal endet er im Nirgendwo / Mal hat man freie Fahrt und manchmal sieht man nur noch Rot“ - man kann das natürlich blöd finden, fair enough, aber ich sag euch mal was: Mir gefällt das. /// Dass der Schlager ein deutlich offeneres Gesellschaftsbild herauf beschwört, als der klassische Deutschpop sich das traut, ist uns in diesem Blog schon öfter aufgefallen - bestes Beispiel: Die offen lesbische Kerstin Ott. Ihr neues Album „nachts sind alle Katzen grau“ knüpft an dem Konzept eines queeren Schlagers an: „Der Lehrer unter seinem Anzug / Versteckt der Tag seine Tattoos / Die Ärztin hat heut was genommen / Was sie sonst verschreiben muss / Sie tauchen einfach in die Menge / Und die Boxen legen los!“- gut dass es das gibt, hören muss ich es nicht. /// MarkMark Forster hat tatsächlich seinen Sound entschlackt, kaum Pomp, fast minimal klingt sein aktuelles Album „Musketiere“ an der ein oder anderen Stelle, und dann wird es scheuer Blues, Gospel fast - richtig gut ist der Song „Leichtsinn“, der er mit dem Produzententeam Kitschkrieg geschrieben und produziert hat. Hier verschiebt Piano eine in sich gestockte Hammond auf einen Beat rüber - und dann reimt er auch noch fern von Versatzstücken: „Ich hat mal sowas wie Flugangst, doch das verflog dann, als du kamst.“ - diese Zeile hört sich an wie Strophe und wird dann aber als Refrain wiederholt. In diesem reduziertem, sich stets lyrisch wie musikalisch verschiebenden Song zeigt sich großer, eindrücklicher Pop. Überhaupt ist das ein Album von überraschend erhabener Popklarheit.


La La La

Vor 20 Jahren erschien Kylies Kampfohrwurm "Can't get you out my head"

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Signature Song nennt man den Song einer Band oder Sänger:in, die unverwechselbar für deren Popentwurf steht und eben diesen vollständig konstatiert und repräsentiert. Gleichwohl diese Signature Songs auch gecovert werden, ist in ihren Variationen immer deren „Herkunft“ eingeschrieben - wer „Can’t get no satisfaction“ nachspielt, spielt sozusagen auch die Stones nach, wer „wonderwall“ trällert, covert auch Oasis als solche.

Vor genau 20 Jahren erschien „Can’t get you out of my head“ von Kylie Minogue, nachdem die eigentliche Schauspielerin in den 80ern vom Produzententrio Stock-Aitken-Waterman als Popsternchen erfunden wurde, und man sie in den 90ern mehr oder minder schon abgeschrieben hatte, und der Song erfand Kylie völlig neu - als postironisch lakonischen Star auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Exakt diese Suche führte sie ironischer Weise eben zu diesem„Can’t get you out of my head“, nachdem den Track bereits „S Club 7“ und Sophie Ellis-Bextor abgelehnt hatten. Das Potential dieses hinreissend banalen Ohrwurms war vielleicht nicht gleich zu erkennen, zumal eine wirkliche Songstruktur nicht existiert. Das Ding beginnt mit einem 4-to-the-Floor-Beat, bei dem ein simpler Synthie-Sound das Riff auf die Und setzt, ein Durchgang dauert genau 15 Sekunden, und so setzt eben nach 15 Sekunden dann auch schon die Hook ein: 15 Sekunden La La La, dann erklingt die Titelzeile, und obgleich noch gar nicht viel passiert ist, befindet man sich mit dieser Titelzeile dann quasi gleichzeitig in Vers und Refrain. Diese merkwürdige Struktur-Verwirrung gepaart mit der entlarvenden Banalität und der straighten Gleichförmigkeit ist der einzigartige Widerspruch, der die mittelmässige Songidee zu einem Meisterwerk macht. 

798480661_1280x720Zu seinem großen Erfolg aber hat natürlich auch das < Video > beigetragen, bei dem Kylie gleich zwei ikonographische Kleider und den weißen Jumpsuit aus der Mitte des Videos trägt, der Jahre später das zentrale Exponat von „Kylie - the Exhibition“ im Victoria & Albert-Museum werden sollten. Und ihr Choreograph erfand zudem emblematische Tanz-Moves - die roboterhaften, scheinbar von den eigenen Händen geführten Kopf-Biegungen zum Beispiel oder das diagonale Arm-Ausfahren zu dessen Linie sich der Kopf wie vor einer Schiene geführt vor und zurück bewegt.

Aber ohne „La La La“ hätte man all dies wohl auch inzwischen vergessen - die unterkomplexe Hook bildet zu Beginn des Nuller-Jahrzehnts den neuen Null-Meridian der Pop-Oberfläche. Der Song schliesst das Kapitel 90er ab und weist auch 20 Jahre später noch nach vorne. Davon zeugen auch die unzähligen Cover-Versionen von Kylie selber, die den Signature-Song ihrer Neuerfindung schon als Samba-, Country-, Bastarpop- oder Jazz-Nummer sang. Man merkt diesen Versionen an, dass Kylie über „Can’t get you out of my head“ zu sich als multiverse, augenzwinkernde Popsängerin fand, die sie bis heute ist - „La La La“, so heißt denn auch ihre vor 10 Jahren erschienene Arbeitsbiografie.

Diesen Song bekommt mana nicht aus dem Kopf.


Kapitänsbinde der Revivalindustrie

Neuester 80er-Trend: Covern

Man fragt sich beim der mindestens vierten Welle des 80er-Revivals allmählich, ob es nicht noch mehr Dekaden gibt, die sich re- oder upcyclen liessen. Aber naja: Die 50er sind dann doch schon zu lang her, die 60er fallen wegen ihrer Unschärferelation im Verhältnis zu den 70ern aus dem Kult-Raster und sind mit zum Beispiel der Rockabilly-Bewegung oder dem nachhaltigem Erfolg der Beatles oder der Stones zudem konstant manifestiert erinnert, die 70er bis zu den 90er sind die großen Poptalgiezugpferde, und alles, was danach kam, ist noch nicht lang genug her, um rückblickenden Konsens darüber zu erzielen, was an den Nullern oder Zehnern so prägend war, dass man es nun aus dem Kühlschrank holen könnte - auch wenn man sich bei der so genannten „Class of 2005“ (Franz Ferdinand, Kaiser Chiefs, Arctic Monkey) allmählich zaghaft an Reissues versucht.

Mist

Zweifelsohne aber tragen die 80er tragen immer noch die Kapitänsbinde der Revivalindustrie, und nun rückt offenbar das gezielte Covern von Hits aus der Zeit von Magnum, Zauberwürfeln und Schulterpolstern in den Fokus der steten Revitalisierung: Gleich drei Konzeptalben aus den letzten Wochen tun dies, und um es gleich vorweg zu sagen: In zwei von diesen drei Fällen ist das Ergebnis entsetzlicher Mist.

Von Alex Christensen und seinem angeblichen Berlin-Orchestra blieb das zu erwarten - diese unselige Verbindung hat bereits auf drei Alben Songs der 90er, in denen der Produzent Christensen musikalisch zuhause ist, in Orchestermusik übersetzt, was überraschender Weise meist kaum zu hören war, denn was an Orchester eigentlich dazu erfunden wurde, hat man dann wiederum durch billige Beats und gestauchten Breisound wieder hinfort produziert, so dass die neuen Versionen der Eurodance-Klassiker kaum anders klingen, als die Originale - Ergebnis also: nervige Lieder werden mit großen Brimborium nicht verbessert. Nun hat sich Herr Christensen also die 80er vorgenommen, und wenigstens hat er jetzt also großartige Lieder, von denen er das Niveau aber nicht halten kann - wer es hinbekommt einen der größten, schönsten, erhabenen Songs der 80er, der Popmusik als solcher gar, „Smalltown Boy“ von Bronski Beat klingen zu lassen wie einen matschigen Möchtegern-Lloyd-Webber-Song, der hat nicht nur Lafeeversagt, der hat sich schuldig gemacht. Und Ronan Keating, der das „singt“, dem gebührt fortan Berufsverbot. Und Alex Christensen sowieso. Das Album „Classical 80s Dance“ bitte canceln.

80er-Hits übersetzt hat auch Ex-Teenpopstar LaFee - und zwar im sprachlichem Sinne: Sie singt Madonna, Nik Kershaw oder Alphaville auf Deutsch. Sinniger Weise heißt das Album, auf dem sie diese Songs versammelt, „Zurück in die Zukunft“. Wobei das „Zurück“ in diesem Falle den Status von Doppeldeutigkeit erlangt, denn ihr 80er-Projekt ist gleichzeitig ihre erste Veröffentlichung von Musik nach zehn Jahren. Nun wissen die meisten Leser meines Bloges sicher nicht, wer das ist, LaFee, und um ganz ehrlich zu sein, der Autor dieses Bloges wußte Olsendas bislang auch nicht, aber damit ihr jetzt nicht googlen müsst, habe ich das mal getan: LaFee war ein Teenpopstar, der im von Viva und der Bravo geebnetem Fahrwasser von 2006 bis 2011 deutschsprachigen Poprock veröffentlichte - ein Image-Entwurf irgendwo zwischen Avril Lavigne und Helene Fischer, auch wenn die beiden in der Hochphase von LaFee noch nicht all zu bekannt waren. Nun schaut sie also in erwähnt doppeltem Sinne 10 bzw. 30 Jahre zurück, und wer macht diesem Ex-Popstar nun für dieses Vorhaben wohl ein Identitätsangebot - klar der Schlager. (Dessen Identitäten anbietende Strategie ich kürzlich < HIER > versucht habe, zu erläutern.) Der Spagat zwischen Schlager und Dekaden-Revival funktioniert überraschend gut - hier greift meine These von Pop, in dem man das Neue wieder-erkennt, vorzüglich, denn wir meinen Eurodance-Schlager zu hören und merken dann: Hoppla, das ist ja Cyndi Lauper („Wenn du fällst, lass dich fallen, ich steh’ hinter Dir / Zeit heilt die Zeit“). Oder man erkennt in den Zeilen „Und wenn der Regen auf uns fällt, wirst du mein Regenbogen sein“ plötzlich Pia Zadora und Jermaine Jackson - Freunde der Nacht, versteht mich nicht falsch, wenn ich sage, dass das Ganze funktioniert, das ist schon auch ziemlich furchtbar, was LaFee hier macht, aber funktionieren tut es.

Wirklich toll aber ist die kleine, feine EP „Aisles“ von Angel Olsen, die fünf 80er-Songs Sphäre, Zuseligkeit und fiebrige Unzufriedenheit abringt - mit 5 Liedern manifestiert sich ein klarer Popentwurf, der erkennen lässt, was Angel Olsen aus dem 80ern interessant findet, und wie sie das ins Heute singt. Ihre Version von Billy Idols "eyes without a face" zum Beispiel, für mich das gelungenste Cover auf dieser schönen Platte, malt in surrealer Einsamkeit eine schöne Pop-Perle auf die 80er-Leinwand. So schau ich gerne zurück.


Rotwein im Federkleid

Pop in Startblöcken #01: Isa Jansen und Josua Schwab

Isa Jansens Musik orientiert sich durchaus am Folkpop, wie man ihn auch immer wieder mal mit deutschen Texten hört - klare Arrangements, vornehmlich akustische Instrumente, lyrische Geschichten und Riffs, die nicht behaupten, den Pop neu zu erfinden. IsaAber singen tut sie ihre eigenen Lieder eher wie Jazz, immer wieder mal kippt die Stimme knapp am klaren Ton vorbei und verhindert so, dass sie sich in dem beschriebenen Folk-Bett einkuschelt, und die Texte sind lyrisch-kryptisch verschachtelte Allegorien. Die vier Songs ihrer gerade erschienenen EP „Federkleid“ hievt diese Strategie auch aus einer gewissen Komfortzone der Hörer:in - will sagen: Man kann das nicht so gut durch sich durchdudeln lassen, was wiederum beim Folkpop ja auch ganz angenehm sein kann. Aber die Lieder von Isa Jansen halten dem Anspruch, den sie an sich selber zu stellen scheinen, stand. In dem Song „Junger Kettenhund“ zum Beispiel, der Opener der EP, bleibt auf angenehme Weise unklar, wer dieser Kettenhund ist: „Vernünftig sicher und kontrolliert / Dein Herz in zwei halbiert / Kriegst es einfach nicht sortiert / Der Hund nach seinem Nutzen giert:“ Dieser Song verzichtet im Grunde auf einen Refrain, bleibt bei losem Reimschema bei sieben vierzeiligen Strophen, hält aber dennoch mit erwähnt lyrischen Mitteln die Spannung, und die leicht sich steigernden Bläsersätze helfen dabei. Diese kleine, feine Songsammlung ist vermutlich kein Meisterwerk im Sinne einer Popmusikerin mit letzten Antworten auf die Frage, wie ihre Musik klingen soll, sondern eine Station eben auf der ehrlichen Suche nach einem Popentwurf zwischen Folk und Jazz.

Auch vier Lieder hat der Singer- und Songwriter Josua Schwab heute in Form einer EP veröffentlicht - überhaupt scheint die EP ja Josuadas Format der Stunde. Schwabs’ heißt „Dein Rotwein“, und der titelgebende Wein ist die Erinnerung an eine Frau, die das singende Ich aus nicht genanntem Grund zwei Jahre nicht gesehen hat: „Liebe Grüße aus der Ferne / Ich hab grad an dich gedacht / Hab deinen Wein bei mir gefunden / Und hätte ihn fast aufgemacht“. Der Wein also hat sich mit Erinnerung aufgeladen, und das ist ja auch eine schöne lyrische Allegorie, wenngleich die Texte von Josua Schwab insgesamt mehr realistischer sind, geschichtenhafter (als die von Isa Jansen), und er singt klar strukturierte Dus an. Seine Musik ist dann aber Bandpop mit einer klaren Brise gestauchtem Funks. Dazu passt, dass Schwab seine Stimme anstrengungsfrei ins Falsett ziehen kann und plötzlich klingt wie Justin Timberlake - nice. Vor allem, weil er das auch sozusagen inhaltlich einzusetzen vermag. Zwar zeigt sich der Popentwurf von Josua Schwab in sich geformt und produziert, aber auch hier wird keine Sekunde lang behauptet, man habe die das Poprezept schlechthin, und die vier Lieder bleiben ehrlich in ihrer Suche nach schöner Popmusik. 

Das ist dann vielleicht die Gemeinsamkeit zwischen den beiden Musikerinnen in dieser ersten Folge meiner neuen Rubrik „Pop in Startblöcken“, auch wenn die Musiken unfassbar unterschiedlich sind. Und hier sind die Links zu der Webseite von Isa Jansen und der Instagram-Seite von Josua Schwab.