In der Popmusik erkennen wir das Neue wieder.

Tränen in der Timeline

Die TV-Show „Sing meinen Song“

Da sitzen sie nun wieder in Südafrika, so Popstars, die man in Deutschland mehr oder minder kennt, und sie trinken alkoholische Getränke, hin und wieder steht jemand auf, und sie covern gegenseitig ihre Songs, danach fällt man sich traditioneller Weise in die Arme und beteuert, wie großartig diese Cover-Versionen waren. Die Rede ist von der VOX-Popsendung „Sing meinen Song - das Tauschkonzert“. Es ist dies zweifelsohne ein Popmusik-TV-Format, das funktioniert: Der Sampler, der pro Staffel entsteht, führt die Download-Charts an, und die aktuellen Alben oder Best-Ofs der Teilnehmer:innen verkaufen sich ebenso. 

Schlecht ist die Idee dieser Show ja auch nicht. Das Covern von Songs ohnehin zum emblematischen Prinzip in der Darstellung von Pop im Fernsehen geworden, weil im Coversong das Original und zwei Interpret:innen durch Reibungsverhältnisse sichtbar werden, und, wenn uns ein Element vertraut ist, auch schon ein Grundprinzip von Popmusik generiert wird, nach dem wir in ihr Neues wieder erkennen. Das Cover ist dadurch die Tür zum Pop - in Castingshows für unbekannte Sänger:innen, beim Tauschkonzert für Sänger:innen, die auch schon bekannt sein können oder es eben durch diese Sendung werden - siehe Gregor Meyle oder die zweite Karriere von Sarah Connor, die seit der Reise ins Cover-Ressort Südafrika Deutschpop singt. Zudem haben beim Tauschkonzert schon andere Interpret:innen mitgemacht als die üblichen TV-Pop-Nasen wie BossHoss, Mark Forster oder eben Sarah Connor - Wolfgang Niedecken war dabei oder Judith Holofernes, Mary Roos und Samy Deluxe.

An sich könnte das Ganze also eine unterhaltsame Sache sein. Leider potenziert die Show auch ein Phänomen, unter dem ihre beiden Leitmedien, Dokusoap und Deutschpop, auch schon im Einzelnen leiden - das Phänomen der Brechstangen-Emotionalität. Deutschpop funktioniert ja ohnehin schon für sich nach der Mark-Forster-Formel, Trost nicht für Trostbedürftige zu spenden, als vielmehr Menschen, die sich in gewisser Zufriedenheit eingelebt haben, das Gefühl und die Illusion zu geben, Trost gebraucht und dann eben auch schon bekommen zu haben. * Diese Musik füllt sozusagen ein Vakuum, das sie vorher erfolgreich behauptet hat, Sing-meinen-song-bossmit heisser Luft - was um Himmels Willen ja auch völlig okay ist. Aber wenn jetzt auch noch die realfiktionale TV-Dramaturgie hinzu kommt, die wiederum das Ziel hat, möglichst viele Teilnehmer:innen an was auch immer so oft wie irgend möglich zum Weinen zu bringen, dann wird es doch arg zweischneidig. Und am nächsten Tag steht dann in einer Online-Klatschblatt: „Tränen bei Clueso – Nach Lottes Auftritt herrscht andächtige Stille“, nun ja, das riecht schon nach inszenierter Authentizität par excellence.

Permanent heulen sich die Popstars in Südafrika also in die Arme, wenn sie ihre Lieder in anderem Gewand hören, und wenn sie dann erzählen, dass sie diesen oder jenen Song ja eben auch geschrieben hätten, als sie dieser oder jener Schicksalsschlag getroffen habe, auch wenn es sich dabei um ein Lied handelt, welches in Wirklichkeit ein Songwriting-Camp von sieben jungen Männern mit algorithmischen Prinzipien geschrieben hat, damit es auf Spotify funktioniert. Man sieht dann dabei zu und denkt sich: Wo kommen alle diese Gefühle her? Soll ich die jetzt auch haben? Oder man sieht nicht dabei zu und bekommt hin und wieder die Top-Meldungen, wer geweint hat, in die Timelines gespült.

* Selbstzitat: "Die Forster-Formel" < Hier >


/// Songs zum Sonntag /// 240422

/// Aus technischen Gründen erst am Montag Blau-Cover/// Soeben erschienen: Eine neue Single von Julian Adler, der uns an anderer Stelle schon mal beschäftigt hat. Der neue Song heißt „Blau“, eine klassische Farbe in der Popmusik, und Adlers Blau nun ist an sich trockener Funk, der hier so einheitlich kompakt produziert wurde, dass ein wenig die Amplituden und Ecken und Kanten fehlen. Aber gesanglich kann man erneut nicht meckern: Julia Adler singt sich durch die Sehnsucht nach Meer und Freiheit durch eine Bandbreite an Stimmregistern, das macht schon irre Spass. Die letzte Single war mir etwas zu kitschig, „Blau“ ist mir etwas zu smooth geraten, aber Kitsch und zu smoother Funk: Auch an Nörgeleien kann man merken, dass hier ein Musiker auf der Suche nach passendem Popentwurf ist und locker flockig handwerklich in der Lage, in verschiedenen Pop-Regalen danach zu schauen. Hier darf man weiter gespannt sein, wenn sich das mal zu einer EP oder einem Album zusammen findet - langweilig wird das sicherlich nicht werden. Der Popticker bleibt am Ball. /// CoverDie Fragen, ob es überhaupt noch indie gibt, ob das Indie-Siegel zu einer künstlerischen Umschreibung geworden ist, und seinen ökonomischen Charakter aufgegeben hat, oder ob dieser Begriff in Zeiten der Streamings als Gatekeeper zum Mainstream, sich gerade wieder ökonomisch aufgeladen hat, diese Fragen, kann man 2022 immer wieder diskutieren. Zweifelsohne gibt es jedenfalls, wenn man zwischen Nische und Mainstream unterscheiden will, ganz gleich, ob man es nun also indie nennt oder nicht, eine Sehnsucht auf beiden Seiten in Richtung des Anderen. Womit wir, lange Rede, nicht ganz so kurzer Sinn, bei FISCHER wären - ein neues Bandprojekt des nominellen Schlagzeugers Sven Fischer, der nun also auch singt. Die erste Single heißt „für immer“ und ist wahlweise Deutschpop der sich nach Hardrock oder aber Hardrock, der sich nach Deutschpop sehnt: Seicht, folkig, flächig, melodiöse kommen zwei Strophen daher, bevor der Song dann in rockige Tiefen taucht, depressiv und aggressiv nahezu, obgleich es um den Tod geht, kommt das schon überraschend. Ich muss zugeben, dass diese Musik nicht so meine Wiese ist, aber was dieses Lied sein will, ist zu 100% auch authentisch erreicht und irre gut gemacht. Auch hier werde ich verfolgen, was von dieser Band noch kommt. ///

Links:

< Blau >

< für immer >


ikonisch ironisch

Warum distanzierter Schlager überhaupt möglich ist

Commissario Brunetti ermittelt ja mitten in Venedig auf Deutsch - dieses ZDF-Konzept in Popschlager zu übersetzen, auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Ob dieser Popentwurf aus der Brainstormhölle, in der Redaktion von Jan Böhmermann oder bei einer schwer durchzechten Nacht entstanden ist, wir wissen es nicht. Was wir indes wissen, ist dass dieser Entwurf in die Tat umgesetzt wurde und derzeit sogar auf der Spitze der deutschen Albumcharts steht: Auftritt „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ - für diese Formation hat man sich eine fiktive Bandgeschichte erdacht und diese mit reichlich blödsinnigen Daten angereichert - frühen Erfolgen bei einem brasilianischem Schlager-Festival etwa, oder einem Debüt-Album namens „Greatest Hits“, dem Bandzerwürfnis und schliesslich dem Comeback mit dem derzeitigen Album „Mille Grazie“. 

Original

Man muss den deutschsprachigen Italoschlager dieses Longplayers nicht gehört haben, um erkennen zu können, dass wir es hier mit einem ironischen Popkonzept zu tun haben. Um so erstaunlicher ist aber, dass die Kernbotschaft dieser Musik, eine sich hingebende Leidenschaft für Italien, die Liebe und das Leben dennoch ungefiltert durch das ironische Breitband-Antibiotikum der unsinnigen Formation hindurch kommt. Und das bei einem derart antiseptisch unironischen Kern-Genre, dem Schlager. Wie ist das überhaupt möglich? 

Dazu muss man vielleicht erst einmal ein wenig ausholen.

In der Rhetorik ist Ironie bekanntermassen die erkennbare Diskrepanz zwischen Gesagtem und tatsächlicher Intention des Geäusserten. Die Erkennbarkeit erzielt man dabei mit Signalen der Distanzierung - zum Beispiel dadurch, dass man Gesagtes gestisch oder stimmlich markiert. Wenn zwei Menschen sich gut kennen, und unter ihnen die Ironie als Code anerkannt ist, muss Gesagtes nicht kenntlich gemacht werden. In der Kunst wiederum, in der sich Sender und Empfänger von Botschaften nicht unbedingt kennen, kann man sich auf ironische Effekte erst dann verlassen, 0602445062171wenn sie als künstlerisches Stilmittel etabliert sind - das muss man aber eben für jedes Werk, jeden Roman, jedes Skulptur neu tun. Das heißt praktisch nichts Anderes, als dass ich bestimmte Stilmittel bewusst übertreibe oder anderweitig abhebe, so dass sie augenscheinlich werden. In der Popmusik wiederum, bei der das bewusste Übertreiben, Zitieren, Markieren und kenntlich Machen ohnehin zu den konstatierenden Stilmitteln gehört, ist die Ironie also präsent, auch wenn sie als distanzierendes Mittel gar nicht gewollt ist - sie ist jenseits von Inhalten Resultat der Form und bezieht sich auch auf diese.

Diese Art der Formenironie wiederum erzeigt das große Referenz-Potential von Pop. Man kann sich der Inhalte bestimmter Genres nämlich zu eigen machen, in dem man deren Stilmittel übertreibt und anderweitig kenntlich macht. Wenn ich zum Beispiel in einem Folksong Flamenco zitiere, distanziere ich mich nicht von dessen potentiellen Inhalten, sondern lasse diese im Gegenteil bewusst mitschwingen. Womit wir bei der Antwort auf die Frage angekommen wären, warum es ironischen Schlager überhaupt geben kann - im Übrigen sind  „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ natürlich nicht die Ersten, die das versuchen. Dagbobert beispielsweise, der große schweizer Liebes-Skeptiker mit dem tiefen Glauben an das Lied, hat den Schlager bereits philosophisch mit Indiepop unterwandert; Alexander Marcus hat einen Soundtrack für die Fusion von Schlager-Move und Loveparade erfunden, der Musiker Drangsal hat kürzlich erst Postpunk in die Schlagernachhilfe geschickt und dafür sogar vom Feuilleton gute Noten bekommen, und die „Crucci Gang“ hat Klassiker des Deutschpop durch eine italienische Espressomaschine gejagt - schade übrigens, dass es die Spex nicht mehr gibt.

Doch zurück zum Italo-Schlager: Auf Deutschlandfunk wurden die beiden Kernmitglieder von  „Roy Bianco“ & die Abbruzanti Boys“ gerade interviewt (namentlich Herr Roy Bianco und Herr Abbruzanti Boys), und in der Ankündigung zu diesem Beitrag wurde deren Presse-Info zitiert, nach der sie das fiktive Narrativ dieser Band niemals verlassen würden. Leider erwiesen sich die beiden Interviewten dann eher als mittelmässige Darsteller ihrer selbst erschaffenen Kunstfiguren: Ihrem feinsinnig ironisiertem Italo-Pop-Schlager sind sie sozusagen schauspielerisch nicht gewachsen. Dennoch eine bemerkenswerte Veröffentlichung, in der die Kulturgeschichte der Ironie skizziert ist - Konzeptpop von hoher und gleichzeitig unfassbar blödsinniger Schule.


Perpetuum Latinpop

Camilla Cabellos neues Album ist herrlicher Referenz-Eskapismus

Bildschirmfoto 2022-04-14 um 12.01.29Die Musik von Camilla Cabello ist eine Salsa-Essenz im Fahrwasser von Bubblegumpop. Der Signature-Song dieses Entwurfs ist natürlich ihr erschreckend eklektischer Über-Hit „Havana“, der vier Minuten auf dem Ur-Pop-Riff E-moll, C-Dur, B-Dur7 beruht, und mit dessen Video Cabello auch die Signature-Visualisierung ihrer Musik gezeigt hat: < In dem Clip > ist sie sowohl Zuschauerin als auch Schauspielerin einer Soap und deren Spin-Off im Kino, und diese Soap ist in einer Community angesiedelt, die ohne finanzielle oder sonstige Probleme einem Hedonismus nachhängt, in dem Erotik, Leidenschaft, Tanz und Musik die wesentlichen Tugenden sind. Von Cabello gespielte Kunstfiguren träumen sich einerseits in diese Welt hinein und sind anderseits deren wichtigste Repräsentantinnen. Der Eskapismus, der in diesem Konzept steckt, ist also mithin vielschichtig: Die gezeigte Community scheint ihren eigenen Soundtrack einerseits hervor zu bringen, andererseits richtet sich die Musik wiederum an seine fiktiven Urheberinnen. Als würde eine Telenovela sich auch an die Charaktere ihrer eigenen Handlung wenden, und die Charaktere dieser Handlung bringen diese auch hervor, weil sie sie als Zuschauer:innen verfolgen und deuten.

Welch wundervolle Rückkopplungen! Die Musik von Camilla Cabello ist die Referenz an einen Latino-Pop, den es in seinem Aggregat eines fiktiven Soundtracks in Wahrheit eigentlich nicht gibt, der von Cabello nur dadurch, dass sie sich auf ihn bezieht, herauf beschworen wird - ein Popentwurf im Geiste des Perpetuum mobile. Das heißt im Übrigen nichts Anderes, als dass diese Musik brillant ist: Auf ihrer neuen Langspielplatte „Familia“ zelebriert Camilla Cabello diesen, ihren Minimal-Latinpop in bescheidener Virtuosität. Mit wenig Pinselstrichen werden da Beat-Betten aus Reaggeton und Samba mit klassischen Latin-Harmonien besprenkelt („Celia“), synthetische Streicher als Salsa-Bläsersätze arrangiert („la buena vida“) oder fluffiger Synthiepop in psychodelische Hallräume überführt („Psychofreak“ feat. WILLOW) - und von dem Song, den Cabello gemeinsam mit Ed Sheeran gemacht hat, war < hier > schon die Rede.

Cabellos bunt gesprenkelte Zucker-Welt mit antiseptischem Rum und sanfter Tanz-Erotik ist somit visuell wie akustisch eine Scheinwelt, mit der nicht gezeigt werden muss, dass vieles in Wirklichkeit doch komplizierter ist. Mit dieser Strategie kreieren sich aus dem Nichts in banalen Popräumen merkwürdige Meta-Ebenen, und was anderes ist denn Pops Hauptanliegen, wenn nicht unter bestürzend banalen Mitteln ungeahnte Tiefen aufscheinen zu lassen: Wer so wundervoll und offensichtlich lügt, kann auf die Wahrheit verzichten.


Schönheit und Anmut

Tears For Fears mit neuem Album nach 18 Jahren Pause

Wenn man sich die Geschichte der Popmusik anschaut, so könnte man als eine ihrer Mechaniken die Sehnsucht vieler Genres nach ihrer eigenen Entgrenzung betrachten - als wären also Genres und Sub-Genres, Kategorien und Schubladen der Popmusik Organismen, die aus sich selber treten möchten, durch Zellteilung, um Bild zu bleiben. Und es braucht gleichermassen Bands und Interpret:innen, die ihr jeweiliges Genre am Leben halten, ausdifferenzieren und es hegen und pflegen, als auch solche, die dem natürlichen Instinkt nach Erneuerung und Entgrenzung nachspüren. 

Wenden wir nun diese Sichtweise auf den Synthiepop der 80er an, so fallen einem sofort für beide Vorgehensweisen Beispiele eine - Bands also, die dem Synthiepop treu blieben und teils bis heute sind - wie a-ha, Depeche Mode, Eurythmics oder die Pet Shop Boys; genauso wie Formationen, die Auswege aus den doch recht starren Popentwürfen des New Wave suchten. Hier wären Talk Talk zu nennen, die zwar schon ihrem eigentlichen Genre  ein paar der elegantesten, und verschachtelsten Hits der 80er überhaupt abrangen, sich aber dann auf den Weg machten, orchestrale und jazzige Elemente in ihre Musik zu ziehen und einen Artpop kreierten, der in seiner düsteren Spleenigkeit bis heute seinesgleichen sucht; oder Spandau Ballet, die den reinen Synthiepop tatsächlich als eine der Ersten ad acta legten, nämlich als dieser noch gar nicht richtig boomte: Ihr 1984 erschienenes, drittes Album “true“ definierte ihren Signature-Sound: Loungepop mit Spuren von Rock, unfassbar weissem Soul und einer gehörigen Prise Barjazz. Oder aber, um die solle es heute gehen, Tears For Fears. Das Duo hatte mit „shout“, „mad world“ oder „everybody wants to rule the world“ veritable Hits und hätte es sich damit bequem machen können. Stattdessen nahmen sie ein riesiges Budget in die Hand, engagierten das Who is Who der damaligen Popmusik als Gaststars und nutzten Beatles’ „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ als Blaupause für eine Flucht aus dem Synthiepop: Drei Jahre Arbeit mündeten 1989 in dem Album „seeds of love“, eine virtuose Melange aus Artpop, Jazz, Blues, Folk und ihrer musikalischen Heimat, dem New Wave. Auf dem Weg zu dem Album feuerten Curt Smith und Roland Orzabal die eigentlich angedachten Produzenten Clive Langer und Alan Winstanley, und Orzabal übernahm den Job dann selbst.

Cover-tippingpoint

Und auch für ihr diesjähriges Comeback feuerten sie Soundtüfteler: Ihr eigentliches Label verordnete ihnen die Hipster-Produzenten Florian Reutter und Sacha Skarbek, aber das hat wohl nicht funktioniert. Wie dem auch sei: 18 Jahre nach ihrer letzten Platte ist im Februar nun „the tipping point“ erschienen, eine erratisches, philosophisches, nachdenkliches Werk, auf dem nicht die Machart, der Stilmix und der Bombast im Vordergrund stehen - sondern Songwriting. Die Lieder handeln vom Alter, vom Tod, von der Welt und der Eigenwahrnehmung, und Tears For Fears ziehen die Register ihrer Soundmittel behutsam und virtuos, um diese ihre Lieder emotional nahe zu bringen - der Opener "no Small thing" klingt nach Folk und 70er, der Titelsong zieht breite Flächen mit dem dem Synthesizer, "my demons" ist stampfender Rock, um nur drei Beispiele zu nennen. Und wie sie sich gesanglich einbringen, paritätisch, ergänzend, chorisch, abwechselnd, widersprechend oder zustimmend, das beherrschen sie nach 30 Jahren Bandgeschichte mittlerweile perfekt - man macht schon gar keine einzelnen Stimmen mehr aus, sondern man verortet den Gesang ganz einfach bei Tears For Fears. Das Duo schöpft aus der eigenen Geschichte und steht sowohl zu seinen 80er-Wurzeln als auch zu den Eskapaden ihrer Befreiung aus den 80ern, und ebendiese Versöhnung mit allen Phasen der Bandgeschichte macht "the tipping point" zu einem Alterswerk und befreit quasi "the seeds of love" von der Last, ein Wendepunkt zu sein. Schönheit und Anmut dieser Musik sind wohl das Ergebnis einer langjährigen Frage, wie Popmusik sein kann.


Gestus und Realität

Zweimal Pop in Startblöcken: FALK und Julita

Ein Gestus von Pop als Solchem ist ja immer auch das Behaupten der eigenen Angesagtheit, und naturgemäss wirkt dieser Gestus immer dann merkwürdig, wenn, wer von sich behauptet, angesagt zu sein, gar nicht angesagt ist. Insofern hat man, wenn   frau nicht all zu bekannt ist, die Wahl, entweder auf erwähnten Gestus zu verzichten, wodurch man dann halt auch auf ein Merkmal von FALK_ALLESMITDIR_CoverPopmusik verzichtet, oder aber, es wird vorgeprescht und man riskiert, dass die Leute erkennen, dass zwischen Gestus und Wahrheit eine große Lücke klafft. Möglicherweise ist genau in diesem Dilemma der Grund dafür zu suchen, warum Karrieren im Pop auch heute Zeit brauchen - Gestus und Realität müssen erst in irgendeinem Einklang münden, bevor man eine stimmiges Image als Popstar repräsentiert - auf social media, in Videos, in allen Erscheinungsmedien. Und wer sich über all diese Dinge Gedanken macht, hat noch lange nicht musiziert.

Das sind Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, seit mir zunehmend Promo-Firmen Interpreten, Songs und Alben von noch nicht all zu bekannten Acts schicken, um darüber zu schreiben (siehe Rubrik „neuer Pop in alten Schläuchen“. Fast alle dieser Interpret:innen singen deutsch, allesamt sind sie noch nicht all zu bekannt oder etabliert, völlig am Anfang stehen aber auch die Wenigsten.

So auch FALK, der soeben die dritte von fünf geplanten Singles mit deutschen Texten veröffentlicht hat. Der Song heißt „Alles mit Dir“ und begegnet oben erwähntem Dilemma mit dem eigenen Verschwinden hinter Lied und Video, in dem man verschiedene Paare beim Flirten und Schmusen zusieht. Der Song wiederum kaschiert die Tatsache, dass er eine Ballade ist, mit verschleppter Blues- CoverRhytmik in Intro und Refrain, und lässt sich nur in den Strophen auf tragende Flächen samt „Ooohs“ und Uuuhs“ ein - klassischer Deutschpop könnte man sagen. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Sänger, der seine eigenen Lieder schreibt, ein wenig mehr kann, und sich vielleicht mehr in Rock trauen könnte - oder eben, womit wir bei oben erwähnten Behaupten der eigenen Angesagtheit wären: Der könnte ein wenig forscher auftreten, dieser FALK. „Alles mit Dir“ traut sich nicht ganz nach vorne.

Die Ballade lässt Julita zu: Ihre Single „heimlich Weinen“ zerfliesst fast schon an den wenigen Klavier-Akkorden, aber dann hält das Ganze ein trappiger Beat zusammen, und ehe man sich es versieht, bekommt auch noch ein Gast-Rapper ein paar Zeilen. Wo andere auf die Mechanik einer Kunstfigur vertrauen, setzt Julita auf ein die Authentizitäts-Karte, eine Frau, die sich zum Weinen zurück zieht, damit man sie nicht leiden sieht. Mithin als Gestus auch denkbar ungeeignet, um die eigene Angesagtheit zu behaupten, aber genau das kann man der jungen Sängerin auch zugute halten: Ihre Piano-Trap-Ballade klingt im Abgang schon sehr ohrwurmig und auf Höhe der Zeit. Ich muss allerdings auch sagen, dass das so gar nicht meine Wiese ist, aber viele Wiesen, die nicht mir gehören, sind dennoch Wiesen, und „heimlich weinen“ ist sicherlich auch gute Popmusik.

Videos:

< heimlich weinen >

< alles mit dir >

 


Posthyperpop

CRASH - das neue Manifest von Charli XCX

Mutmasslich das erste Sub-Genre der Popmusik, welches massgeblich durch TikTok geprägt wurde, dürfte der Hyperpop sein - ein, wie der Name schon sagt, Konzentrat von Pop, Pop also auf die Spitze getrieben, zentrifugiert, eingekocht und emulgiert. Hyperpop ist für normalen Pop das, was Tomatenmark für frische Tomaten ist. Dieser Vergleich ist übrigens vielleicht auch Unsinn - klingt aber gut. Dem Hyperpop voraus ging die von Katy Perry eingeleitete Hookokratie, die Dominanz also des Refrains, der Hook über das gesamte andere Song-Geschehen: I kissed a girl. Dieser Pre-Hyperpophit war nach strengsten 15-Sekunden-Baustein-Prinzipien konstruiert: Strophe, Bridge, Refrain und B-Teil - alles dauert bei diesem Song exakt 15 Sekunden, und in diesem Sinne ist „I kissed a girl“ mit seiner auf die 100-stel Sekunde stoppbaren Dauer von 3 Minuten auch der Prototyp des ESC-Songs als solchem.

Aber der Hyperpop eben machte aus den 15-sekündigen Bauteilen 5-Sekünder, aus der Hookokratie einen Partikelpop, bei der letztlich jedes freie Radikal eine Hook ist - kurz: Hyperpop klebte Hyper an Pop. Mit ihrer frei-radikalisierten Partikel-Single „… ready for it“ nahm Taylor Swift schon 2017 einige Hyper-Ideen vorweg, während letztes Jahr Olivia Rodrigo dem ultra-beschleunigten Bildschirmfoto 2022-03-23 um 15.33.35Hyperpop mit „drivers license“ eine Ballade abrang, aus der weltweite Songwriting-Camps wiederum den Versuch ableiteten, Lieder zu schreiben, die jenseits vom Strophe-Refrain-Prinzip seicht-stetes Crescendo suchen - vielleicht ist die Musik von Rodrigo also im gewissen Sinne Posthyperpop. 

Selbiges (Posthyperpop sei hiermit konstatiert) könnte man über das neue Album von Charli XCX sagen. Die Engländerin ist eigentlich bislang ein Hyperpopstar, aber mit dem Tracks auf „CRASH“ übt sie sich nun in Retrotechniken: Sie klingen nach Kylie in den Nullern, Technopop der 90er und Eurodance der 80er. Wer als Boomer diese Musik hört, würde erst einmal denken, alles sei hier beschleunigt und übertrieben, aber wer frühere Tracks von Charli XCX kennt, muss aus dieser Perspektive wohl eingestehen, dass ihre neue Platte eher eine Entschlackung darstellt. Summa Summarum leidet dieses Album aber letztlich doch noch an einer Kinderkrankheit des Hyperpop: Das Konzept ist stärker als das Ergebnis. Man merkt dieser Musik immer die Idee an, bevor die Effekte dieser Idee zünden. Das Ganze ist also nicht nur Posthyperpop - sondern erzählt auch von einem Posthyperpophype. Und insofern ist dieser Text hier ein Posthyperpophypepost.


Schaltstellen zwischen Traum und Realität

Bildschirmfoto 2022-03-20 um 09.49.48/// Songs zum Sonntag 200322 /// Arcade Fire, diese wunderbaren Musiker:innen, sind eigentlich gar nicht sonderlich originell im Songwriting, im musikalischem Sinne - großartige Texte haben sie. Aber sie sind nicht dafür bekannt geworden, Riffs und Melodien zu finden, die man noch nie gehört hat. Ihre Stärken liegen seit je her in den Schaltstellen, in den plötzlichen Umschwüngen, in Dramaturgien. Gerade bei ihren letzten beiden Alben „Reflektor“ und „Everything now, auf denen sie sich in Disco-Richtungen tummelten, hörte man euphorische Shifts, in denen man beim Tanzen seine Arme wegschleudert, in gehörte Räumlichkeiten hinein, wodurch man sich allein beim Hören (man muss dazu nicht einmal tanzen, aber es hilft) irgendwo anders hinfühlen kann. Was soll Pop mehr erreichen? Da nimmt es jedenfalls nicht wunder, dass die neue Single des kommenden Albums aus zwei Liedern besteht: Während „The Lightning I“ mit seicht verstimmten Klavier Bildschirmfoto 2022-03-20 um 09.49.23und den beiden Stimmen von Régine Chassagne und Win Butler an den Space-Folk ihres ersten Albums „Funeral“ erinnert, ist „The Lightning II“ dann eine the-who-artige Rock-Nummer, der man anhört, dass Arcade Fire zuletzt auf Tanzflächen schielten - und wer schielt denn nicht auf Tanzflächen. Das Geheimnis liegt in der Schaltstelle zwischen den Songs, < das Video > hier beinhaltet beide. Große Vorfreude also auf das Album „WE“, das im Mai erscheint. /// Im Juni dann kommt auch eine neue Platte von „M“, der in Frankreich nach wie vor eine der größten Nummern ist. Sein Chanson-Funk mit Rock-Gitarre ist aber auch unwiderstehlich - jetzt eben wieder: Titelsong seines nächsten Albums „Rêvalité“ ist soeben erschienen. Hier bringt er das Kunststück fertig, unter erwähnten Funkrock noch kitschige Streichersätze zu mischen. Das kann so auch nur er. Und seine Schwester übrigens. „Rêvalité“ ist eine Wortschöpfung aus den französischen Begriffen für Traum und Realität, und so braust das Lied fort: < VROMMM! > ///


Viele As

Camila Cabello und ihr neues Lied „Bam Bam“

Der Refrain des ersten Solohits der Kubanerin Camila Cabello ging so: „Havana, ouh nana“. Der Chorus ihres neuen Songs lautet nun: „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam.“ - man könnte also leicht konstatieren: Latino-Riff und -beats und ein Refrain mit vielen „A“s - fertig ist die Laube - respektive ein Camila Cabello-Song. Und natürlich stehen diese Lieder für bestürzende Banalität und Bildschirmfoto 2022-03-18 um 23.00.28sind gleichzeitig Zeugnis einer postdepressiven Musikindustrie, die im Streaming endlich die Antwort auf die Raubkopie als solche gefunden hat. Aber man darf es sich auch nicht zu einfach machen. Wenn in dem Song „Bam Bam“ in der zweiten Strophe plötzlich Ed Sheeran seinen Popentwurf über den Latinosong stülpt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir es hier mit einem globalisierten Naivitätskonzept zu tun haben, eigentlich dem besten Pop der Welt, eine Ablenkung von allem, die Einbildung, wir könnten es letztlich mit einer Welt zu tun haben, die ohne nennenswerte Probleme dahin grooved. Das ist dann in der Tat auch die Botschaft des Songtextes: Lass dich nicht von Kleinigkeiten unterkriegen, „Lebbe geht weider“ - würde der Hesse sagen, und Camila Cabello sagt halt: „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam“. Das mag in Zeiten von Corona und Krieg auch eine Ohrfeige sein, aber die Unverfrorenheit, mit der die nass gewordene Cabello dann halbnackt durch einen Waschsalon tanzt und „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam“ singt, hat auch etwas Tröstendes. Wie man es dreht und wendet: Beknackter und besser kann Popmusik kaum sein.


Truth, Chaos, 8 Milliarden

Neuer Wein in Popschläuchen: Nico Bejamin und Julian Adler

Bildschirmfoto 2022-03-17 um 13.38.29Über Nico Benjamin habe ich an selber Stelle vor ein paar Wochen geschrieben, „Die Produktion der eigenen Lieder klingt aber noch ein wenig eindimensional und erwartbar“ - hier sei noch Luft nach oben.  Siehe da: Seine neue EP „truth from chaos“ nun blubbert, wie ich finde, durch und durch amtlicher, runder, versierter. Uptempo-Beats flanieren, Synthie-Tupfer mit tarierten Echos suchen räumliche Tiefe, und die gute alte 80s-Cowbell findet sich auch wieder. Hier braut sich ein trockener Synthie-Soul zusammen, und die zuweilen sympathisch schüchterne, sich ins Soulige tastende Stimme von Benjamin findet in den Tracks ein perfektes Sound-Bett. „Wer sich an die 80er erinnern kann, der hat sie nicht erlebt“, könnte man passender Weise mal wieder zitieren, denn ich denke, dieser junge Popmusiker hat sie in der Tat nicht erlebt, wie überhaupt eine sehr jung Generation von Musiker:innen sich mal wieder auf die 80er bezieht, dies aber derart eigen und fluffig tut, dass man es auch, wenn man schon älter ist, gerne wieder hört. Doch zurück zu Nico Benjamin: Das Songwriting der vier Lieder ist ein wenig aus dem privaten Raum heraus gewandert, das merkt man schon an den Songtiteln: „A new horizon“, Bildschirmfoto 2022-03-17 um 13.38.53 „Truth from Chaos“ oder „The world works in mysterious ways“ - ganz gewappnet vor Lyric-Bausteinen sind die Texte hier noch nicht, und hin und wieder kam mir Gedanke, dass diese Lieder mit deutschen Texten besser klingen könnten, aber es kann auch sein, dass ich mich irre. In jedem Fall ein Musiker, den es sich lohnt weiter zu verfolgen - bereits im April kommt eine weitere EP, wie er mir heute schrieb, und zum Ende des Jahres dann ein Album - wer den Popticker liest, wird davon hören.

Auch Julian Adler sucht eine Art von Soul - dies jedoch weniger in 80er-Schläuchen als auf akustischeren Pfaden und mit deutschen Texten. Woran man schon sehen kann, dass, diese beiden Popsänger in einen Beitrag zu werfen, natürlich legitim ist, wir es aber dennoch mit höchst unterschiedlichen Popentwürfen zu tun haben. Adler jedenfalls hat gerade eine Single veröffentlicht: „8 Milliarden“ ist ein Duett mit der Sängerin Ornella Tobar, und man könnte diese pathetische Pianoballade schnell kitschig abtun, aber ich bin derzeit zu haben für Kitsch - und ich stehe dazu. Die Lyrics dieses Liedes beziehen sich auf die Menschen, von denen es bald eben 8 Milliarden gibt, die aber dennoch nicht zusammen rücken - so kurz und knapp könnte man das zusammen fassen: Ein Friedenslied, dessen Einnahmen an Viva Con Acqua gehen. Ich sage Euch: Das ist musikalisch überhaupt nicht meine Wiese. Aber er gefällt mit sehr gut.

Links:

< Website Nico Benjamin > 

< Video "8 Milliarden" >