In der Popmusik erkennen wir das Neue wieder.

Pop in den Startblöcken meets Songs zum Sonntag

Bildschirmfoto 2022-02-13 um 12.06.38/// Der Song, der wie ein Bond-Song klingt, ist ja im Grunde eine Genre für sich, da der Bond-Song als solcher ja nur James-Bond-Songs vorenthalten ist. Die neue Single der Sängerin, Songschreiberin und Produzentin Carla Lina, „higher“, ist nicht ganz, ein Song, der wie ein Bond-Song klingt, der aber wie ein Bond-Song beginnt: Klavier-Akkorde, tiefe Stimme, Harmonie-Anlage - aber dann hebt das Ganze ab und flaniert in einen Eurodance-Snythiepop-Hit, öffnet sich und fliegt weg. Das ist versiert gemacht: Als Produzentin kennt Carla Lina die effektive Dramaturgie der Pop-Euphorie und als Sängerin setzt sie diese auch um - mit tiefem Soul-Timbre, das sie ansatzlos auch in Höhen schrauben kann. Lina versteht ihr Handwerk. Das Songwriting ist vielleicht noch nicht der Weisheit letzter Schluss, „you make feel higher“ ist eine Hook-Line aus dem Werkzeugkasten der Popgeschichte, aber Carla Lina sucht nach einem originären Popentwurf, und Suchen bringt mit sich, dass nicht jedes Element der Weisheit letzter Schluss ist. Bildschirmfoto 2022-02-13 um 12.08.40/// Mit Referenzen ist das ja so eine Sache - manches Mal können Sätze wie „diese Band klingt wie…“ an ebendiesen Bands kleben bleiben, und daher sollte man nicht leichtfertig irgendwas in der Richtung in den Raum werfen. Die Promotion für die Band „Jacob Fortyhands“ nennt als Referenzbands „The 1975“ und „Coldplay“, und das muss man nicht eigentlich fast nicht nennen, weil es schon sehr stimmt: Die wie Carla Simons oben erwähntes Lied ebenfalls vorgestern, am 11.02. erschienene, neue Single der Band, „feels like forever“, hat den Breiwand-Gestus einer Coldplay-Single, der entsteht, wenn eine nominelle Rockband Pop spielt: Keyboard und Gitarre legen ein Bett, auf dem es sich der Sänger Lukas Heitmann mit schönster Melodie bequem macht, untendrunter tummelt sich ein angenehmer Uptempo-Beat, und für Bridge und Refrain macht sich der Himmel auf. Diese Band ist nahezu erschreckend versiert in dem was sie tut, und als dritten Referenzpunkt würde ich der Promotion noch „Vampire Weekend“ hinterher rufen - der Drummer versteckt Afrobeat-Anleihen ähnlich geschickt wie die artpoppigen Wochenend-Vampire. „Jacob Fortyhands“ ist eine echte Entdeckung. /// Links: der YouTube-Kanal von Carla Lina und Die Website von Jacob Fortyhands ///


Der Weg streift viele Ziele

Die tolle EP „VOID!“ von Ann Sophie aus dem Jahre 2019

Der Song "Tornado" der Sängerin Ann Sophie hat eine merkwürdige Struktur: Die Strophe hat das melodisch-euphorische Momentum eines Refrains, die Bridge das Lakonische einer Strophe, und der Refrain dann plötzlich die die Atmosphäre einer Bridge. Wir haben es hier also mit einer gewissen Unterwanderung von Erwartungen zu tun, und das ist schon mal toll. Hinzu kommt die Tatsache, dass Ann VoidSophie in der Lage ist, jedem der genannten Teile eine andere Stimmfigur zuzuordnen, und diese natürlich auch zu singen: Während die ersten Zeilen in souligem Timbre erklingen, fährt sie die Stimme für die Bridge zurück in einen jazzigen Trotz, bevor der Refrain nach 80s-Synthpop klingt. Die Modulierung ihrer Stimme ist ohnehin die Stärke dieser Sängerin - man höre sich nur einmal ihren Auftritt mit „Creep“ bei „The Voice Of Germany“ an, bei dem sie in zwei Minuten, den Radiohead-Song zu einem verschleppt-verschobenen Jazz-Beat mit merkürdigen Gitarrenlicks in verschiedene Stimmfärbungen hinein singt - famos; zumal bei einem Song, der seinerseits quasi ein Cover von Hollies’ „the air that I breathe“ und inzwischen eben auch ein wenig über-covert ist.

Aber Entschuldigung - hier soll es ja um Ann Sophies bereits vor zweieinhalb Jahren erschienene EP „VOID!“ gehen, auf der sich neben erwähntem „Tornado“ vier weitere Songs befinden. Die Stärken dieses Kurzalbums sind im ersten Absatz schon angeklungen: Obgleich der Sound hier an sich klassischer Pop mit Prisen von Soul ist, singt Ann Sophie als Interpretin ihrer eigenen Songs sie als Jazz-Lieder, und auf diesem Weg streift sie Stimmfiguren aus anderen Genres. Das leicht sphärische „Bye Boy“ fliegt so in Elektropop, die klassische Klavierballade „Like You II“ tropft in Tears-For-Fears-artigen Artpop, „Puzzle Pieces“ dann verbleibt im Synthiewave; wenn man bei dieser Stimme überhaupt vom Verbleiben sprechen mag: Diese Frau singt einfach, als gäbe es mehr Gesangsregister als Brust- und Kopf-Stimme, und sie wechselt ihre Modulationen aus dem Nichts und zu den Schaltstellen ihrer Songs. Das ist wirklich faszinierend. Wenn ich mir irgendwas von diesem Popjahr 2022 wünschen kann, (ausser natürlich: endlich wieder Konzerte) dann sind es mehr Songs von dieser aussergewöhnlichen Popsängerin. 


/// Songs zum Sonntag /// 060222 ///

Bildschirmfoto 2022-02-06 um 12.44.57/// Blubbernde Percussion, französische Strophe, englischer Refrain, geschichtete Chöre und lakonischer Gesang - in zwei Minuten und 20 Sekunden skizziert die in Montreal lebende Dominique Fils-Aimé mit ihrem neuen Song „go get it“ einen weltpoppigen Chanson mit entspannter Virtuosität. Diese Musik gibt nichts vor sondern ist nur das, was sie sie ist - wunderschön. Bildschirmfoto 2022-02-06 um 12.45.11/// Auch Fishbachs Musik könnte man noch Chanson nennen, aber es steckt mehr Pop-Inszenierung und vor allem 80er-Synthie-Wave drin. Ihr neuer Song „Masque D’Or“ , schon der dritte eines mutmasslich zweiten Albums, klingt, als wären Human League ins Paris von heute gezogen. Oder wie die frühen Spandau Ballet. In der Summe ist das sehr selbstverständlich und gleichzeitig ziemlich merkwürdig.
/// Der zerfallende Song „intouchable et immortel“ von Fanny Bloom, ebenfalls aus Montréal, kommt in seinen seichten Piano-Tupfern zunächst weniger seltsam daher, schwingt sich aber mit orchestraler Untermalung und jazzigen Trompetensolo auch in andere Sphären Bildschirmfoto 2022-02-06 um 12.45.27als Pop oder Chanson alleine. Das Album, von dem der Song stammt, „Rêve encore“, ist ebenso vielseitig und bringt Elektropop mit Jazz, Chanson, Indierock und Synthiepop in Einklang. /// Alle drei genannten Sänger:innen sind auf Bandcamp präsent, eine Streaming- aber vor allem Shop-Plattform für 
Indie-Künstler:innen  - sehr empfehlenswert, sich dort mal ein wenig umzusehen. Hier die drei Links für heute: /// < Dominique Fils-Aimé > /// < Fishbach > /// < Fanny Bloom > ///


Kräuter der Provence

Sound und Parolen sind heute narrativer: Die neue Platte von Tocotronic

Drei Menschen wünschen sich „nie wieder Krieg“ in dem Lied „nie wieder Krieg“ von Tocotronic: Ein Mann auf einer Raststätte, eine Frau auf einem Balkon und ein vom Mond und von Dir beobachtetes Kind. Wie diese spezifischen Skizzen von Situationen, in denen die geschrieene, auf behauchtes Fenster und an eine Wand geschriebene, jeweils sehr subjektive Sehnsucht, es möge nie wieder Krieg geben, eine klassische Tocotronic-Parole in eine Geschichte dreht, steht ein wenig für die Dramaturgie der Band Tocotronic im Allgemeinen: Ihre Anti-Floskeln sind heute Narrative.

Bildschirmfoto 2022-02-03 um 09.15.09Daran kann man wiederum auch, noch allgemeiner dann eigentlich, ablesen, wie schwer es ist, den Kern von so etwas wie einer Band, immer wieder funkeln zu lassen: Popmusik ist so sehr in der Zeit verwurzelt und somit auch in der Alters-DNA der Mitglieder einer Band eingeschrieben, dass der Weg dahin, so zu klingen, wie man eben klingt, immer völlig anders sein kann, auch wenn man dann im Ergebnis hört: Ah, klassisches Tocotronic-Album. Bei „nie wieder Krieg“ wird dennoch deutlich, dass sich nicht nur die Floskeln zu Narrativen gemausert haben, auch der Klang der Band ist sozusagen in den Lücken fülliger geworden, der Sound ist auch narrativer, wenn man so will: Streicher, Gitarren-Arpeggi oder die Sängerin Soap & Sink ziehen die klassischen Toco-Riffs in die Breite, in dem sie sich in die Lücken setzen. Einmal singt Dirk, der noch immer nicht in Seattle ist, fas t schon über diese Vorgehensweise, wenn er eine Pizza aufpeppen will: „Mit Kräutern der Provence / hab’ ich keine Chance“.

Gleichzeitig wird auch die alte Technik, mit einer Zeile der Lyrics die vorangehende in einen anderen Bedeutungszusammenhang zu drehen, perfektioniert: „Ich geh unter / ferner liefen / in die Geschichte ein /das muss dir klar sein / wenn du dich mit mir triffst / die Welt verändert sich / ohne mich“, singt Dirk von Lowtzow in dem Lied „Ich geh unter“, und damit nicht genug, treiben Tocotronic die Sinndrehung über das Zeilenende hinaus auch über Liedergrenzen hinweg, wenn auf der Platte diesem Song „Ich geh unter“ das Stück „Ich tauche auf“ folgt, obgleich, wie wir eben gehört haben, das Untertauchen gar nicht vom Wasser handelt. Und auch der schon erwähnte Titelsong „nie wieder Krieg“ dreht die Parole auf der Rückseite seines Narrativs wieder in die Parole, indem Song und Album mit dem Refrain beginnen.

Vielleicht ist diese Sprachkunst auch überwundener Naivitätsverlust von von Lowtzow, der früher Zeilen schrieb, die partout in kein Lied passten und gerade dadurch ihre Reize entfalteten. Will sagen: Die Nerdigkeit und Weigerung ist dem Formwillen gewichen, und dies stellt sich als sehr würdevolle Art der Alterung einer Band heraus. Ich habe allerdings nie viel Tocotronic gehört, aber dieses Album ist wirklich großartig.


Breitwandpop und Kleinkunstrap

Ohren auf Deutschpop werfen, Folge 21: Madeleine Juno, Maeckes und Nico Suave

Bildschirmfoto 2022-01-27 um 10.32.33Madeline Juno will nie wieder nach Neukölln. Warum eigentlich nicht? Dort zu sein, erinnert sie an Gefühle, die sie nicht mehr fühlen will, lieber würde sie sich „ihr Herz mit Teer auffüllen“ lassen, „denn wenn es kalt wird, ist es endlich still“. Man kann es nicht anders sagen: Als Opener eines Albums ist der Song „Neukölln“ ein wenig depressiv und insofern dramaturgisch ungewöhnlich. Anders gesagt: Dass die Popmusik tiefgründiger wird und nicht nur sporadisch an der Oberfläche blinken möchte, ist ein Trend, der sich mittlerweile auf die verschiedensten Sub-Genres ausweitet. Da bleibt eben auch der Deutschpop nicht aussen vor, und schon gar nicht im Falle von Madeline Juno, deren Hinwendung zur deutschen Sprache, früher sang sie Englisch, mutmasslich schon auf der Suche nach tolleren, tieferen, näher gehenden Popsongs erfolgte. Gleich im zweiten Lied auf ihrer neuen Platte „Besser kann ich es nicht erklären“ erzählt sie von einer Beziehung, die nicht zuletzt im Gespräch mit ihrem Therapeuten inzwischen „obsolet“ geworden ist. Die Texte, die Juno schreibt, operieren nicht mit den typisch deutschpop-lyrischen Versatzstücken. Zumal sie es zum Beispiel in besagtem Song „obsolet“ hinbekommt, die Zeilen im Sinn immer hängen zu lassen, über das Ende der Sätze bestehen zu lassen, so dass der Inhalt sich im natürlichen Sprachrhythmus nicht dem Versschema des Liedes unterordnet. Das ist eine große Kunst, die beim Song-Schreiben wenige beherrschen: „Noch immer find ich in Jackentaschen / Ein paar deiner Sachen / Hast du sie dagelassen / Damit sie mich kaputtmachen? / Mein Therapeut sagt, ich soll mich glücklich schätzen.“ Ich finde nur leider die Musik hält nicht mit den Texten mit. Die Melodien, der Sing-Duktus, die Refrain-Verschiebungen, alles das kennt man aus dem ABC des Deutschpops, und auch die Arrangements folgen klassischen Schemata mit räumlich aufgeputschtem, aber an sich klassischem Akkustikpop mit der ein oder anderen Synthie-Prise - alles recht hübsch gemacht, aber nirgends so aufregend, wie Madeline Juno Lieder schreiben kann. Ändert trotzdem nichts daran, dass dieses Album aus dem Deutschpopeinerlei heraus ragt - in der Summe äusserst hörenswert.

Bildschirmfoto 2022-01-27 um 10.31.25Nico Suave hat sich auf dem Deutschpop aus Richtung des Raps zugewandt - es scheint, dass adäquat, zum Schlager, welcher Deutschsingenden verlockende Identitätsangebote macht, der Deutschpop seinerseits Interpret:innen, die sich in ihrem angestammten Genre unsicher fühlen, Versprechen macht: Wenn sie sich im Deutschpop heimatlich einrichten, bekommen sie eine Art Karriere-Franchise-Vertrag. Suave jedenfalls hat nicht die Sprache seiner Musik gewechselt, sondern er hat dem Rappen entsagt und singt auf seinem neuen Album "Gute Neuigkeiten" also nun. Naturgemäss finden sich in seinem Popentwurf nun Spuren aus ohnehin schon übersetzten Partikeln von amerikanischem RnB, HipHop-Beats und Deutschrap. Daraus mischt sich ein merkwürdig indifferenter Breitwandpop mit viel Hall, Aaaahs, Ooooohs und Uuuuuhs und merkwürdig alltags- und alters-skeptischen Texten: „Wir tauchen ab und gehn auf Road über Felder und Schleichwege, keine Business-Calls keine Zeitpläne, kein GPS, keiner Bildschirmfoto 2022-02-01 um 08.56.48kann uns orten und findet uns hier, angenommen verbotene Dinge passieren, we disappear“ - naja, das sind schon, wie er es singt und dichtet, noch Ideen des Rappens drin, aber es wird nichts recht Neues draus, die Umorientierung bleibt diffus, was manches Mal auch ganz sympathisch ist.

Ebenso irgendwo zwischen Deutschpop- und -rap tummelt sich Maeckes, der zuweilen auch schauspielert und Hip Hop in einen intellektuell konsumkritischen Kleinkunstpop übersetzt. Wenn man seine neue Platte „POOL refill“ anhört, bekommt man eins ums andere Mal das Gefühl, man hört einem jungen Stadttheaterschauspieler zu, der bei einem Liederabend rappen soll, und der hippe Theatermusiker probiert auch einmal Autotune fürs Abonnement aus: „Alle Menschen sind gleich / EASY / aber Amazon prime gehört halt Jezz Bezos allein / GANZ EINFACH / wir alle haben die gleich Chance / EASY / wie dumm, dass da einige die scheiss Jobs freiwillig machen / der Wohnungsmakrt wird geregelt vom kapitalistischen Prinzip / EASY / und mit bestimmten Nachnamen gibt’s halt kein Besichtigungstermin“ - mehr Wokeness bekommt man wohl nicht in vier, fünf Zeilen. Dieser Art Rap ist so antiseptisch aufgeweckt, dass man erschreckt einschläft.


Welcome to the Tik-Tok California

Der Konsens ist vom Album in den Einzel-Song gewandert

Wir wissen nicht, ob der viel beschworene Tod des Albums jemals eintreten wird, aber abgesehen davon, dass totgesagte ohnehin länger leben und der Playlisten-Boom eventuell schneller abebben könnte, als das den Content-Providern namens Streaming-Diensten jemals lieb sein könnte, gibt es ein Phänomen der Popkultur, das durchaus dahin siecht: Das Konsensalbum. Die Platte also, die alle haben, meist auch unabhängig davon, wieviel sie dann jeweils gehört wurde oder bis heute wird: R-1089760-1191248179Dire Straits’ „Brothers in Arms“, Portisheads „Dummy“, „Peter Frampton comes alive“, der blaue und / oder der rote Beatles-Sampler, Norah Jones’ „Come away with me“ oder Alanis Morrissettes „Jagged Little Pill“ - um nur ein paar zu nennen. Das Album jedenfalls, auf das sich eine gewisse Zeit alle einigen können.

Aber es gibt natürlich eine Sehnsucht nach dem Konsens, in der Popmusik ist sie ja geradezu konstatierend, aber derzeit eben wird diese Sehnsucht vor allem durch einzelne Songs herauf beschwört und oder (zum zweiten Mal in diesem Text, wow) auch befriedigt. In diesen Songs fallen dann oft bestimmte Erscheinungsformen von Popmusik zusammen, wie ja ohnehin die Produkte des Pops Gefässe verschiedenster visueller, sozio-kultureller und natürlich hörbarer Phänomene sind, und bei den Konsens-Songs, die ich meine, kommt noch hinzu, dass es Lieder betrifft, die auf Vinyl ebenso wie auf CD und im Streaming sowie in sozialen Netzen ein Präsenz entwickeln. Auf Tik-Tok beispielsweise und kollateral wahrnehmbar auch auf Instagram spülen derzeit immer wieder Lieder aus der Schnittstelle von Rock und Pop aus der Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er an die Oberfläche. Da gab es den Skater, der Cranberries-Saft trinkt, Elton-john-dua-lipa-cold-heart-pnauund dazu erklang „dreams“ von Fleetwood Mac, es wurde dem Song „Africa“ von Toto gehuldigt, und jeder Gitarrist, der etwas auf sich hält und das in den sozialen Netzwerken zeigen will, spielt die Solis aus „Sultans Of Swing“ und / oder (3x, Hammer) „Hotel California“ nach. Was diese Lieder gemeinsam haben, ist eine gewisse Unschuld, eine harmonische Weltsicht jenseits von Corona und Klimawandel - auch wenn man das über „Hotel California“ sicher nur über die Musik aber nicht über den Text sagen kann.

Mit gleicher Sehnsucht nach Konsens und nach Wohlfühl Pop ohne Schrägen und Kanten lässt sich vermutlich der wahnsinnige Erfolg der Single „Cold Heart“ von Elton John und Dua Lipa erklären. Der Song ist an sich ein Selbst-Cover Johns und heißt im Original „Sacrifice“. In seiner Urform ist das ein klassische Pianopop-Ballade wie sie Bernie Taupin zu dutzend für Elton John geschrieben hat, aber in der nun seit Monaten in den Top-Ten befindlichen Neuaufnahme wird eine Uptempo-Dance-Pop Nummer mit einer Prise britischen RnBs von Dua Lipa draus - anschlussfähig an Justin-Bieber-Hörer:innen ebenso wie für 49-Jährige Popfans. Ich habe den Song auch gekauft.

Der Konsensfaktor von „Cold Heart“ bietet dabei auch die Bestätigung meiner alten These, dass man in der Popmusik das Neue wieder-erkennt - wir kennen das und können uns doch zunicken: „Das ist fresh! Dua Lipa Ey!“ und gleichzeitig denken wir „Jaja damals, der Elton John.“ (Das geht sogar so weit, dass man bei beiden beiden Versionen meint, „Coco-Heart“ zu hören, obgleich die Lyrics nominell„cold cold heart“ lauten.) Wenn Nostalgie früherer, sorgenfreier Popmusik also in heutigen Netzwerken gepflegt wird, bringt das Post-Charts-Hits hervor. Die Frage, ob jemals jemand „Peter Frampton comes alive“ gehört hat, muss aber auch heute unbeantwortet bleiben.


Songs & Alben des Jahres

Liebe Leser:innen

  • auch in diesem Jahr gibt es hier die Jahrescharts, wie immer streng subjektiv: Was mir gefallen hat. Bei den Songs habe ich auch wieder die weg gelassen, die auf meinen Alben des Jahres drauf sind, sonst wäre ja alles doppelt.
  • David aka popticker

SONGS

Banner_01

  1. Lisa LeBLanc / Pourquoi faire aujourd'hui < video >
  2. alt-j / get better < video >
  3. Cœur de Pirate / On s'aimera toujours < video >
  4. Antje Schomaker / Ich muss gar nichts < video >
  5. Greta Van Fleet / Heat Above < video >
  6. Stromae / Santé < video >
  7. Bertrand Burgalat / L’homme idéal < video >
  8. Olga Garland / Over Your Head < video >
  9. Carwyn Ellis & Rio 18 / Olá! < video >
  10. Francoiz Breut / Dérive urbaine dans la ville cannibale < video >

ALBEN

Banner_02

  1. Claire Laffut / Bleu < channel >  < huldigung >
  2. Lou-Adriane Cassidy vous dit: Bonsoir < bandcamp >  < verbeugung >
  3. Marina / Ancient Dreams In A Modern Land < page >  < lob >
  4. Lorde / Solar Power < page >
  5. Jackson Browne / Downhill From Everywhere < page > 
  6. Tania Saleh / 10 A.D < page > < begeisterung >
  7. Dagobert / Jäger < channel > < einordnung >
  8. Arlo Parks / Collapsed in Sunbeams < bandcamp >
  9. Bess Atwell / Already, Always < page >
  10. Sophia Kennedy / Monsters < label >

/// Songs zum Sonntag /// 051221 ///

Rost/// Nicola Rost ist eine der besten Songwriter:innen, die wir haben. Ihre deutschen Chansons sind urbane Kunstlieder, die sich mit Synthies und Dancebeats zu Pop mausern - mit ihrer Band „Laing“. Nun hat sie aber ihre erste Solo-Single ohne Laing veröffentlicht - „Ministerium für Einsamkeit“ ist weniger elektronisch als Laing, klingt kurioser Weise mehr nach Band als Songs vom Rosts Band, aber summa summarum könnte das vom Text, und vom Sound her auch „Laing“ sein. Im gewissen Sinne funktionieren Rosts Ministeriums-Allegorien auch ohne Pandemie, aber dennoch ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass das Lied auch von Corona handelt. Das empfindet man sicherlich nicht nur dann so, wenn man wie ich vom Ministerium für Einsamkeit zum ersten Mal in Isolation hört: „Es gibt ein Ministerium für Einsamkeit, und alle fragen wofür - im Ministerium für Einsamkeit, die halbe Stadt steht schon schon an der Hintertür. Bitte berühr mich! Bitte berühr mich! Wave Aber fass mich nicht an!“. Ach, wie soll man Quarantäne ohne Nicola Rost aushalten? Muss ich jetzt ja nicht mehr. /// Die Band „The Wave Pictures“ besteht aus drei Songaholics, das Trio hält kaum ein Jahr aus, ohne mindestens zwei Alben zu veröffentlichen. Und fast alle sind toll. Mal mehr Bluesrock, dann kommt Garagenschrammel und ein Parforceritt durch die Rockriffgeschichte, dann wird es wieder folkiger. Nun haben sie ein Doppelalbum aufgenommen, das 2022 erscheinen soll, 'When The Purple Emperor Spreads His Wings’ heißen wird, und dass sich auf vier Vinyl-Seiten den vier Jahreszeiten widmen soll. Die erste Herbst-Single „this heart of mine“ ist ein urig-einfacher Folksong mit Bluesharp, schlichtem Riff und einfacher Melodie - sich auf so viel berufen und dann noch so eigen klingen, das muss man erst einmal hinbekommen - wundervoll. ///

Video-Links:

/// < Ministerium für Einsamkeit > /// < this heart of mine > ///


Irgendwie, irgendwo, irgendwann

- Ohren auf Deutschpop werfen, Folge 20

Lea. Wer ist denn das noch mal? Auf ihrer Website sagt sie uns: „Ich bin Lea. Ich mache Musik. Schön, dass Du da bist.“ - das finde ich schon mal sympathisch. Lea singt auf ihrem aktuellen Album „Fluss“ über Verletzlichkeit der Liebe, über „Küsse wie Gift“, eine „4-Zimmer-Wohnung“ und „dicke Socken“. Viele der erwähnten Dinge und Topoi stehen hier einerseits für sich, und gleichzeitig sind sie Chiffren, Allegorien für zwischenmenschliche Zustände - der „Swimmingpool“ symbolisiert Unbeschwertheit, die Möglichkeit, eigene LeaVerkrampfungen zu lösen, „Parfum“ markiert die Unbegreiflichkeiten einer interessanten Person, und für ein anderes Du geht Lea durch jedes „Gewitter“. Durch den Hagel an Zweideutigkeiten wirken die Songtexte im Ganzen eines Albums fast schon hermetisch. Damit meine ich, dass in der doch sehr eigenen und eigenartigen Poesie die Lieder auf ihre Art persönlich und nahezu intim wirken, ohne dass ich mich aufgerufen fühle, sie als Hörer auf mich zu beziehen. Das ist aber keineswegs negativ gemeint. Die Songtexte haben in der Summe die Charakeristika einer Kunstsprache, bei der es Spass macht, in sie einzutauchen: „Fahrradklingel klau′n / Du fährst los, ich spring auf / Presslufthammer im Regen / Lachen um unser Leben“ - heißt es zum Beispiel in dem schönsten Track des Albums „L & A“, ein Duett mit Antje Schomaker. Die Musik auf dieser Platte ist freilich ein wenig eintönig geraten - oder vielmehr, sie kann mit der Eigenwilligkeit der gesungenen Texte nicht mithalten: Trap-Anleihen, etwas referenzloser Synthiepop und Piano-Arpeggio-Balladen halten sich die Waage - die Fülle und gleichzeitige Zurückhaltung von Leas Stimme, von ihrer Art zu singen, findet hier nicht immer das Sound-Bett das mit oder dagegen liefe. Dennoch ist „Fluss“ in der Summe eine absolut gelungene Platte - vor allem aufgrund der Texte.

„Vier“ heißt das neue Album von Max Giesinger, es ist auch sein Viertes („Fluss“ von Lea ist im Übrigen auch deren vierte Platte). Giesinger macht im Grunde Popmusik für Menschen, die nicht gerade sensibel darin sind, ihre eigenen Unzulänglichkeiten und Probleme zu erkennen. Daher muss diese Musik, um überhaupt emotional sein zu können, erst einmal Fehler im an sich fehlerlosen Selbstoptimierungszeitalter benennen, um diese wieder weg zu singen. Zum Beispiel Prokastination. Im Opener „irgendwann ist jetzt“ besingt Max Giesinger also das Aufschieben von Dingen: Eltern besuchen, Maxauf Land ziehen, Handy ins Meer werfen - und so weiter. Vieles will das hier singende Ich irgendwann anpacken, um sich dann selber dadurch zu motivieren, dass dieses Irgendwann irgendwann auch eintreten solle: „Ich will nicht länger warten, bis was passiert / Hab’ hundertzwanzig Fragen, bin scheiß verwirrt / Doch ich fang' endlich an zu glauben, dass alles, was ich brauche / Schon immer in mir steckt, irgendwann ist jetzt / Irgendwann ist jetzt.“ Wo Lea wie beschrieben durch Andeutungen, Codes und Allegorien irgendwann eine Kunstsprache herauf beschwört, genügt sich diese Sprache darin, banalen Alltag auf einer Weise zu beschreiben, dass auch banale Mittel reichen sollten, um die angeblichen Probleme zu lösen; Probleme, die man aber eigentlich auch schon wieder vergessen hat, wenn sie gelöst sind. Fataler Weise ist die Aussage, „Irgendwann ist jetzt“ ja verkehrt rum, denn die Hoffnung ruht ja darauf, dass jetzt endlich besagtes Irgendwann ist - und eben nicht umgekehrt. „Irgendwo da draussen“ ist im gewissen Sinne das gleiche Lied - das Aufraffen wird hier eben nicht zeitlich ins Irgendwann geschoben - sondern örtlich ins Irgendwo: „Irgendwo da draußen in einer andren Stadt / Gibt’s noch ein andres Leben, das ich hier jеtzt grad verpass’ / Würd alles einmal tauschеn, alles was ich hab’ / Denn irgendwo da draußen, da liegst du jetzt grade wach“, und noch zwei Lieder später stehen „Berge“ dem Aufraffen entgegen, die dann, Spoiler-Alert, im Refrain doch erklommen werden: „Ich zieh' los in die Berge, bis ich klarer seh’ / Kletter’ rauf auf die Gipfel, bis mir ein Licht aufgeht.“ - an diesen Zeilen haben sieben männliche Song-Texter herum geschraubt - warum haben die nicht mal alle Lyrics hintereinander weg gelesen oder eine Lektor:in engagiert? Diese Platte handelt derart monothematisch vom „einfach mal machen“, von besagtem Aufraffen - das hätte doch jemandem auffallen müssen. Und dann dieser bestürzend einfallslose Pop-Sound - immer nur Basslauf, Gitarrenlicks, Synthietupfer und die immer gleichen Melodie-Ideen. Man hat das alles schon vergessen, bevor es Eingängigkeit entfaltet.


Songs zum Sonntag /// 281121 /// heute: Chanson aus Kanada

Lys/// Der französische Chanson treibt gerade auch in Kanada wundervolle Blüten - Lou-Adriane Cassidy (siehe einen Post weiter unten) ist da nicht die Einzige. Die Songschreiberin und Sängerin Lysandre hat einen subtilen Loungepop für sich erfunden, der mit überraschenden Melodien und kompaktem Band-Sound zum Rotwein-Trinken äusserst geeignet erscheint. Als Signature-Song ihrer bisherigen Veröffentlichungen, ein Album soll im Frühjahr 2022 kommen, könnte man den Song „le paon impossible“ bezeichnen: Dotzender ArinaeShuffle-Beat mit fluffigem Snaresound, beiläufig schnippischer Gesang und funky Bassorgel vermengen sich zu einem gut gelaunten Chansonschaum - herrlich. /// Ariane Roy mag vergleichbar beiläufig französisch singen - ihr Popentwurf ist ei anderer. Synthiepop ohne Drumcomputer, Indie könnte man auch sagen. Ihr auch gerade erst erschienener Song „Quand je serai grande“ klingt, als habe sie im letzten Moment entschieden, den Song schneller zu spielen, als sie ihn Fannyeigentlich komponiert hatte. Dadurch entsteht ein kompakter, wohliger, tanzbarer Groove mit nerdigen Synthie-Klängen und schöner Melodie. Wundervoll. /// Und noch einmal Chanson aus Kanada: Fanny Bloom kann auch herrlichen Buublegumpop, aber ihr neuester Song „Revivre“ ist eine zerbrechliche Pianoballade, die fast aus den Lautsprecher verschwinden könnte, ohne gehört zu werden - ein Klavierbett aus einfachen Arpeggi, schleichender Gesang und urplötzliche Holzbläser-Einwürfe - eine Lockdown-Aufnahme mit einer der längsten Generalpausen, die ich je in einem Popsong gehört habe. /// Alle drei Sängerinnen sind auf der ohnehin sehr lohnenswerten Plattform "Bandcamp" vertreten. Hier die Links ihrer Profile dort, wo man auch die jeweils erwähnten Songs findet: < Lysandre > /// < Ariane Roy > /// < Fanny Bloom > /// auf Bandcamp könnt ihr auch mir folgen: < Hier > ///