Pop gestern: Alben 2010-2020

Coming-Of-Age-Trap-Pop

Das Ohr auf Pop mit deutschen Texten werfen - Folge 15 mit "Bruni die Band", "Lostboi Loni" und "Charlotte Brandi"

Brudi/// Wenn Bands einen Popentwurf suchen, ist diese Suche ja meistens schön. Das Feld von Pop ist eben inzwischen so weitläufig bestellt, dass man viel suchen kann, ohne dass es frustrierend wird, wenn man nichts findet, und der Weg das Ungezielte bleiben darf. Die Band „Brudi die Band“ sucht zudem in pandemischen Zeiten (was bleibt auch Anderes übrig?) und verarbeitet im gewissen Sinne ihre Befürchtung, sie könnten mit dem inzwischen durchaus eigenem Genre des Corona-Songs gleichgesetzt werden; als ob den drei jungen Saarbrückern schwant, dass Corona ihren Popentwurf zu sehr prägen könnte: „Ich will leben und draussen Zeit mit Freunden verbringen, nicht meine besten Jahre Lieder über Einsamkeit singen.“, so heißt es in der kurz nach Weihnachten erschienenen, zweiten Single „1,5 Meter“ - hier das < Video >. Die Musik der Brudi-Band ist eine Art Coming-Of-Age-Trap-Pop mit fluffigen Wohnzimmerbeats und melodisch-flüssigem Autotune, Musik, über die man mit Fug und Recht und im Guten wie im Schlechten sagen kann, dass sie jeder hinbekommen könnte, mit dem feinen Unterschied, dass diese Drei sie nicht nur hinbekommen können sondern eben hinbekommen haben. Zudem schreiben sie grundehrliche Texte jenseits von deutschpoppigen Lyrikbaukästen - summa summarum übrigens Songs, die sich tendenziell eher an meine Kinder wenden, als an mich als über 40-Jährigem Loni(meinem Sohne gefällt’s jedenfalls) Wohin das Ganze gehen könnte, weiß man noch nicht, vielleicht könnte man in dem manchmal etwas einlullend wirkenden, Spotify-kompatiblen Sound hin und wieder das ein oder andere Instrument betonen. Bei momentan zwei Singles reicht wie gesagt allemal das schöne Suchen. Lockere Band auf jeden Fall, von der man bestimmt noch hören wird. /// Kurioser Weise klingt der Grundsound von „Lostboi Lino“ irgendwie ähnlich, firmieren tut das Ganze auf iTunes aber freilich als HipHop und Rap, was es eigentlich ebenso wenig ist, wie die Musik von „Brudi die Band“. (Das ist man auf Spotify schon ein wenig weiter - auf der Streamingplattform kreiert der Playlistenwahn inzwischen Subsubsubgenres, die oft nur darin bestehen, dass einige Lieder sich zusammen in einer Liste finden. Um für diese algorithmischen Parallelen dann die Behauptung zu kreieren, sie seien sorgsam herbei kuratiert und dadurch sichtbar, erfindet Spotify neuerdings Genre-Namen für diese sich in Playlisten spiegelnden Klang-Ähnlichkeiten. Dieses Phänomen spülte zum Jahreswechsel plötzliches Rätselraten in die sozialen Medien, weil selbstbewusste Hörer*innen plötzlich erfuhren, dass sie von ihren meist gehörten Popgenres noch nie gehört hatten - beispielsweise „escape-room-pop“ - what the hell ist das?) Wo war jetzt der Faden? War er rot? Ach ja: „Lostboi Loni“ und „Brudi die Band“ - die könnte man locker in eine Liste packen, und der Sound würde sich dann als Genre „Coming of Autotune“ nennen: Flächig, melancholisch, suchend. Das blubbert, fluffert so durch, von dem verlorenen Loni gibt es eine EP („ich bin da“), die aber auch ein wenig amplitudenfrei dahin plätschert: „Man kann immer irgendwie alles besser machen, und ich glaub sogar, dass man sich auch ändern kann.“ Brandi/// Die EP ist ja urplötzlich die Pop-Darreichungsform der Corona-Stunde - eine Sammlung Lieder, die nicht genug sind, eine LP zu sein, aber mehr als nur ein paar Singles; die Playlist quasi, die sich selber nicht als Album überfordert. Was jetzt wiederum nicht zu Charlotte Brandi und ihrer EP „an das Angstland“ passt, Überleitung missglückt, denn der Popentwurf, der hier zugrunde liegt, ist eine Zumutung für Popmusik, eine bewusste Überforderung, die doch ein Album sein könnte. Wohin will das? Echokammerfolkpop mit reigenartigen Gitarrenlinien und naiven Melodien, die mit Kinderliedern flirten, Indiepop, der mit diesen ganzen Effekten ein lyrisches Dystopia heraufbeschwört. Hier bricht sich auch die Sehnsucht nach Naturlyrik Bahn: „Oh dass ich doch nur eine Pflanze werde und dass mir dieser enge Stängel verholzt. Kein teckerndes Lachen, keine Gebärde, kein Bein mehr, kein Stolz. Meine Finger wären Blätter aus Leder Richtung Fensterscheibe gestreckt.“, dichtet Brandi in „WIND“, ein Song, in dem plötzlich auch Dirk von Lowtzow auftaucht. Die vier Lieder, die sich „an das Angstland“ richten, oder aber dieses beschreiben bis überwinden, heißen in Großbuchstaben „WIND“, „FRIEDEN“, „FRIST“ und „WUT“, sie fühlen sich an wie Theatermusik, wie Eisler zu schiefer Lyrik und entfalten in ihrer Sonderbarheit einen geigenartigen Sog. ///


Die besten Alben & Songs 2020

ALBEN

01 ok.danke.tschüss / kaputt weil’s nicht funktioniert

02 Haim / women in music part III

03 Hayley Williams / Petals For Armor

04 Lianne La Havas / Lianne La Havas

05 Halsey / Manic

06 The Chicks / Gaslighter

07 Austra / Hirudin

08 Kylie / Disco

09 Sophie Hunger / Halluzinationen

10 Soccer Mommy / color theory

 

Alben

 

SONGS (wie immer ohne welche, die auf den Alben drauf sind, weil die sind natürlich auch gut)

01 Billie Eilish / My Future

02 Pet Shop Boys / Monkey Business

03 Suzane / Le potin

04 Khruangbin & Leon Bridges / C-Side

05 Porridge Radio / Give / Take

06 Pomplamoose / prioritise mois

07 Christine & The Queens / people, I’ve been sad

08 Dua Lipa / Future Nostalgia

09 Claire Laffut / Étrange Mélange

10 Billie Eilish / no time to die

 

Singles

2020 war auch ein Jahr der EP, des kurzen Albums - in den nächsten Tagen kommt noch was zu den schönsten EPs des Jahres.


Der alte Hase Album

Miley Cyrus spielt Igel

Miley Cyrus hat in den vergangenen Wochen recht rockige Song-Cover lanciert, „Heart Of Glass“ als melodischen Punkrock, „Zombie“ (von den Cranberries) leicht schneller und mit Power-Riff, sie präsentierte zudem einen neuen Look, der man mit Punkrock und Power-Riff beschreiben könnte, und dann streute sich auch noch Gerüchte, sie plane, demnächst ein Album zu machen auf dem sie Metallica-Lieder nachsingt. Es macht schon großen Spaß, Miley Cyrus bei derartigen Selbstkonzeptionierungen zuzusehen. Sie denkt sich neue Erscheinungsfiguren aus, zwischen denen und ihrem öffentlichen Bild der Person Miley PlasticHsich dann ein Image aufspannt. Solcherlei Imagekampagnen sind an und für sich nichts Neues, vielmehr sind sie inzwischen steter Bestandteil des Popgeschehens, spätestens seit es Musikvideos gibt. Aber was Miley Cyrus sich patentieren lassen könnte, ist die allmähliche Verfertigung des Images beim Inszenieren Desselbigen. Sie geht dann einen Schritt in eine Richtung, prüft, wie sich diese Richtung anfühlt, und korrigiert sie entsprechend. Mancher dieser Schritte sind spontan, manche sind inszeniert. Und genau diese Abwechslung zwischen authentischen und geplanten Popmoves sind äusserst unterhaltsam. Nachteilig wirkt sich freilich aus, dass diese Strategie marketing-technisch wie die Geschichte von Hase und Igel wirkt: Immer, wenn sie irgendwo ankommt, wie jetzt mit einem deutlich rock-orientierten Album, denkt man: Da ist sie ja schon. Und der alte Hase Album-Release zieht dann weiter - und wo immer es ihn auch hinzieht, wird auch wieder Igel Cyrus sitzen und wieder sagen: Ich bin doch schon da. Und wo sie zuvor war, das bricht zusammen. Kein Wunder eigentlich, dass der Signature-Song der Post-Hanna-Montana-Cyrus „Abrissbirne“ heißt.

„Plastic Heart“ also heißt das neue Album, und es ist gedacht als Peak der rockistischen Unterwanderung des gesamten Popiversums Cyrus, so eben, wie sich das andeutete in besagtem Pop-Moves mit Rock-Grooves und Punk-Riffs, aber „Plastic Hearts“ jetzt eben leidet auch ein wenig darunter, dass man das Gefühl hat, sie ist quasi schon wieder weg, und das Album ist, so wie wir es uns nach „Monster“ und „Heart Of Glas“ vorgestellt haben, viel besser, als es nun in der Realität geworden ist. In dem Album-Hase schreit der Igel Miley: Ich bin doch schon da. Und der Hase antwortet: Und ich bin schon wieder weg. Man könnte auch sagen: Ein Album ist zu langsam für Miley Cyrus.


Mehr als zwei Stühle

Eine bemerkenswerte Sammlung von Duetten mit Peter Maffay

Wer die Liste der beteiligten Sänger:innen auf dem Album „Und …“ liest (Mandawuy Yunupingu, Keb’ Mo’, Laith Al Deen, Cesária Evora oder Lokua Kanza - um nur einige zu nennen), wird dahinter vielleicht eher eine Worldmusik-Compilation oder ein Tribute-Album vermuten, und im gewissen Sinne stimmt auch beides. Dass es aber in Wirklichkeit eine Sammlung von Duetten von Peter Und...Maffay ist, erstaunt dann doch, denn zumindest das landläufige Bild des deutsch-rumänischen Wahlmallorcinas ist zwischen den Stühlen Rock und Schlager verharrt. Und das ist halt Unsinn. Der kosmopolitische Popentwurf, der sich hier offenbart, ist vielleicht nicht das maffaysche Leitmotiv, aber eben doch ein wesentliches Element seines musikalischen Schaffens - man höre sich nur einmal das bereits 1998 erschienene Album „Begegnungen“ an. Von diesen Begegnungen finden sich drei auf dem soeben erschienenen Album „und …“; darunter der straighte Southern-Blues-Rock „am I wrong?“ mit Keb’ Mo’ und der flächige Synthiepopsong mit dem zairischen Sänger Lokua Kanza. Höhepunkt der Zusammenstellung ist das hinreissende „Sodade“ mit der leider 2011 verstorbenen Cesária Évora aus Kap Verde - ein salsahafter Fado, bei dem Évora kapverdisches Kreol und Maffay Portugiesisch singt.

Platten wie diese sind Anlass genug, hin und wieder die eigenen Pop-Vorurteile zu hinterfragen.


Nachfrage inkludiert

Rea Garveys Pop glänzt durch Dinge, die nicht da sind

Wenn Popstars als Castingshow-Juror*innen arbeiten und im zeitlichen Umfeld ihrer jeweiligen Staffeln neue Platten veröffentlichen, wird oft darüber gespottet, ihre TV-Präsenz sei ja reine Promotion. Was natürlich irgendwie Blödsinn ist, denn was soll TV-Präsenz denn sonst sein? Oder anders gefragt: Welche öffentliche Entäusserung eines Popstars wäre denn keine Promotion? Dritte Variante derselben Frage: Gibt es überhaupt ein authentisches Motiv, Juror in einer Castingshow zu sein?

GarveybrasilRea Garvey jedenfalls ist derzeit mal wieder bei The Voice als Coach zu sehen, und: ja, es gibt auch ein neues Album von dem irischen Sänger; und so sehr ich keinerlei Vorwürfe erheben würde, wenn Garvey Talente coacht, um mehr Musik zu verkaufen: Es gibt doch einen Widerspruch darin, wie sich der Wahlberliner im Fernsehen als Rock-Musiker inszeniert. Denn auf dem neuen Album „Hy Brasil“ gibt es schlicht keinen Rock (und auch kein Brasilien, aber das ist ein andere Sache) - diese Platte ist ein Füllhorn lupenreiner Popmusik voller Synthiesounds, Sequencerbässen, Drum-Machine-Beats und zuckerstaubigen Stimm-Effekten. Was ja um Himmels Willen völlig in Ordnung ist. Nur irgendwann ist das eben passiert, dass aus der Softrock-Band „Reamon“ der Solorocksänger Rea Garvey und schliesslich der Synthiepopper geworden ist, als der er jetzt Lieder singt, und entweder hat er es selber nicht gemerkt, oder aber, und das ist die wahrscheinlichere Variante, er kehrt es nicht all zu sehr nach aussen, um noch durch etwaige Hintertüren davon zu profitieren, als Rockmusiker zu gelten.

Was wiederum auch völlig In Ordnung ist.

Im gewissen Sinne gibt es in diesem Themenbereich auch kein denkbares Paralleluniversum, denn das Image, das es jemandem wie Rea Garvey erlauben würde, als 47-jähriger Synthiepop zu singen, das gibt es schlicht nicht, oder besser gesagt, das gibt es vielleicht schon, aber es steht Garvey nicht zur Verfügung. Wem Synthiepop als junger Mensch zur Verfügung stand, der ist heute entweder 10 Jahre älter als Garvey und hat in den 80ern schon musiziert (zum Beispiel die „Pet Shop Boys“), oder aber 10 Jahre jünger als Garvey und damit jung genug, um den Synthiewave der 80er in erster Ableitung zu zitieren (zum Beispiel das Popduo „Hurts“). Garvey aber wäre nicht die öffentliche Figur, die er in Deutschland ist, wenn er nicht einmal in Rock gemacht hätte. Als dieser Sänger einst noch in Irland anfing, Musik zu machen, gab es die Art von Pop auch noch nicht, die er jetzt auf dem neuen Album veröffentlicht hat - Popmusik, in der sich Rock nahezu rückstandsfrei aufgelöst hat, und die nur deshalb als Musik von ihm, Rea Garvey, wahrgenommen werden kann, weil sich der Rock in seinem Image wiederum subkonträr NICHT rückstandsfrei aufgelöst hat. Wenn er sich nicht noch mit Gitarren identifizieren würde, wenn nicht als Primärimage immer noch bekannt wäre, „Dieser Rae, das ist doch ein Rocker!“, wäre seine Musik eventuell unsichtbar.

Rea
Wo ist Rock?

Das ist heute im gewissen Sinne anders - wer in dieser Popzeit als junge Musiker:in einen passenden Popentwurf sucht, kann diesen melancholischen Synthpop, in dem sich Spuren von Rock wiederfinden könnten, leicht ins Auge fassen. Alles, was frau dazu braucht, ist ein Computer, und Computer haben Musiker:innen heutzutage meist früher als Probenkeller. Ok, natürlich hört sich die auf anderen Wegen und denkbare und möglich gewordene Musik eines 47-jährigen Rocksängers anders an, als die einer jungen Musiker:in, die sich gerade einen Apple gekauft hat, und auch anders als Pop von den Pet Shop Boys. Kurioserweise ist aber eben der Pop von Rea Garvey in einigen seiner Wirkungsweisen dem Deutschpop recht nahe - bzw. ist dies ja gar nicht so kurios, denn Rea Garvey ist ja mittlerweile in der deutschen Medien- und Musik-Landschaft sozialisiert - in seiner Heimat Irland oder auch in sonstigen englischsprachigen Ländern spielt seine Musik keine Rolle. Man könnte „Hy Brasil“ gar attestieren, Deutschpop mit englischen Texten zu sein: Uptemponummern mit fluffigen Beats, guten Melodien, Ouh- und Oh-Chören, Unplugged-Reminiszenzen und elektrischen Effekten - human, life, dancing, world, Menschen, Leben, Tanzen, Welt. So wie in dieser Musik der Rock in Abwesenheit glänzt, funkelt die deutsche Sprache durch, ohne zu erklingen.

Über Musik wie diese wird oft gespottet, es sei Musik für Leute, die nicht viel Musik hören, aber das kann man ja immer auch als Qualität werten; beziehungsweise: Es ist ja eigentlich ein Element von Popmusik als solcher, dass sie ihre eigene Nachfrage generiert und beinhaltet. Lange Rede kurzer Sinn: Das Album von Rea Garvey ist völlig ok.


Let’s Tesselate ...

"... lasst uns ein Mosaik anfertigen": Der Popticker blickt auf ein merkwürdiges Popjahrzehnt zurück und beginnt mit der Liebeserklärung an das für mich schönste Album der Zehner . „an awesome wave“ von „alt-j ∆“

Wave.jpegEigentlich sind ja Breaks, das Wort kommt ja von Pause, das, wo der Beat pausiert und irgendwo anders rein kullert, bevor er dann weiter geht. Thom Green, seines Zeichen Schlagzeuger der Band „alt-j“, macht das irgendwie umgekehrt - manchmal zumindest hat man das Gefühl, dieser Drummer macht an sich immer eine Pause vom Beat und spielt vornehmlich Breaks und Synkopen, hinter denen sich der Beat dann doch trotzdem oder gerade deswegen hin und wieder zeigt. Hinzu kommt, dass Green merkwürdige Glocken, Klangstäbe und Gegenstände betrommelt. Daraus resultiert eine merkwürdig verschrobene Percussion, bei der man das Gefühl hat, die Band sitzt in der Küche und ausser auf der fluffig trockenen Snare wird vor allem auf Geräten und Töpfen geschlagen.

Joe Newman hingegen spielt auf einer E-Gitarre Power-Riffs ohne Distortion und verlangsamt wie ein zupfender Folk-Barde. Von der Akkordfolge, auf den die Songs von alt-j beruhen, scheint er zudem teils schon in der ersten Strophe abzuschweifen, so dass ähnlich wie beim Umgang mit dem Beat, das Lied niemals da anzukommen scheint, wo man es erwartet. Wenn ein Song dann aber doch einmal in einem Refrain einfährt, hat das um so mehr etwas Befreiendes. Als alt-j bei dem ersten Konzert, das ich von ihnen gesehen habe, „Mathilda“ von ihrem Debut-Album gespielt haben, sangen auf einmal 4000 Zuschauerinnen „this is for, this for, this is for Mathilda“, und dieser plötzliche Chor war für mich einer der euphorischsten Pop-Momente in diesem Jahrzehnt - wunderbar, das Musik so etwas kann.

Alt-jÜberhaupt Chöre. An sich ist Joe Newman ein Sänger, über den man auf erster Ebene erst einmal sagen könnte, er könne nicht singen. Er quengelt und näselt sich durch seine verqueren Texte, aber urplötzlich platzt wie aus einer Kirche durch die Küchentür ein Chor herein, und diese an Küchen angrenzenden Kirchen vermögen alt-j auch live herzustellen.

Drei Alben gibt es von dieser ganz und gar merkwürdigen Band, das Debut „an awesome wave“ aber ist das Werk, mit dem und auf dem sie ihren in allen Belangen seltsamen Popentwurf ausformulierten. Die Platte beginnt einem einem Intro, eine Klavier-Akkordfolge vom Keyboarder Gus Unger-Hamilton, auf der sich ein etwas verstörender Soundcluster türmt, ein etwas dadaistischer Text auch, der sich erst mit dem zweiten Track, ein „Interlude“, immer noch kein Song, in eine Geschichte zu fügen scheint - ein poetisches coming-of-age eines surrealen Mädchens in der Natur, oder aber es könnte auch um etwas völlig Anderes gehen - erst Track drei ist der erste Song, erst dieser erste Song bringt scharfe Unklarheit in die Verwirrung: „Bite chunks out of, you’re a shark, and I’m swimming. My heart still thumps as I bleed and all your friends come sniffing. Triangles are my favorite shape. Three points where two lines meet, Toe to toe, back to back, let's go. My love, it's very late. ’Til morning comes … Let’s tessellate.“ - ich habe das Lied bestimmt 50 Mal schon gehört und immer noch nicht verstanden, um was es geht, aber genau das empfinde ich als großartig.

Die Texte, die Joe Newman schreibt, visieren immer an, nichts anzuvisieren - der Weg ist gezielt, das Ziel ist weg, und wo ich eben noch eine sexuelle Anspielung in abstrakter Naturlyrik zu hören glaubte, leuchtet im nächsten Moment eine vollkommen asexuelle Geschichte eines Stierkämpfers auf: „Get high, hit the floor before you go / Matador, estocada, you're my blood sport:“ - wahrscheinlich ist dies das Geheimnis dieser Band, und der Grund, warum ihr verschrobener, vollkommen mainstreamfreie Indie-Folkrock, der in einer Studentenbutze entstanden ist, sogar in Stadiongröße funktioniert: Die Leerstellen in Beat, Struktur und Texten machen das Ganze durchlässig und fluffig, virtuos und wunderschön.

„An Awesome Wave“ ist für mich das großartigste Album dieses zu Ende gehenden Popjahrzehnts.


Anders ist gut

Michelle unterwandert den Schlager

Wenn ein Schlager-Album „anders ist gut“ heißt, dokumentiert sich im Grunde schon darin das Dilemma, in dem der Schlager steckt: Er kann durch seinen konstituierenden Bewahrungsanspruch nie all zu anders sein. Im gewissen Sinne hat Helene Fischer hier Pionierarbeit geleistet, indem sie den von Eurodance aufgesüssten Schlagersound als Blaupause für einen Popentwurf definierte, mit dem sich dann auch Pop und Rock covern liess, bzw. entsprechende Sounds und Effekte in den Schlager integrieren liessen. Was immer man also von Fischer halten mag, sie hat eben doch die Quadratur des Kreises vollbracht, den strengen Rahmen des Schlagers zu entgrenzen und so neue Hörer*innenkreise erschlossen. (Wie sie das genau gemacht hat, das hat Jens Balzer in seinem Buch „Pop“ exzellent analysiert) - aber hier soll es um jemand Anderen gehen: Michelle.

MichelleDeren neues Album, das am 23.10. erscheint, heißt wie zitiert „anders ist gut“, und wenn man sich das gleichnamige Titellied anhört, dann kann man schon sagen: Michelle profitiert vom entgrenzten Schlager nach der Rezeptur von Helene Fischer. Der Song ist jedenfalls eine Hymne an die Diversität. ein Bekenntnis zur Offenheit, und auch wenn diese Musik, so entgrenzt sie wie beschrieben sein mag, so gar nicht meine Wiese ist, so muss man doch anerkennen, dass dies hier ungewöhnliche Zeilen sind, wenn sie bei Silbereisen in der ARD zu hören sind: „Und bist du anders,Anders als die Anderen, Und all die Anderen, Sind anders als du, Denn wir sind anders, Anders als die Anderen, Jeder ist anders, Und anders ist gut Und anders braucht Mut“.

Wenn man fest stellen muss, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt auch jenseits von Corona als gefährdet beschrieben wird, da sich ein offenes, empathisches, soziales Miteinander und ein geschlossenes, abgegrenztes Gesellschaftsmodell unversöhnlich gegenüber stehen, dann sollte man die Wirkungsweise, wenn Michelle Offenheit besingt, als größer einschätzen, als wenn sagen wir Wolfgang Niedeckens BAP ein neues Album veröffentlicht. Das Video zu dem Lied ist dann zwar auch für meinen Geschmack unfassbar kitschig, aber ich bin auch nicht Adressat dieser Musik - sie erklingt in einer anderen Bubble.

Michelle hat nach Zusammenbruch, Privatinsolvenz und längerer Pause 2009 ein Comeback gewagt und danach das Zurückkommen ein wenig inflationär als Marketing-Instrument benutzt, aber wenn sie nun plötzlich andere Bubbles und Echokammern mit einem Bekenntnis zu Diversität und Gleichberechtigung beschallt, sei ihr das verziehen.


Aufgeflächt im zweiten Stock

„Licht“ - das neue Album von Nena

Wer Nena kürzlich bereits zur Aluhüterin abschrieb, hat vielleicht doch ein wenig zu schnell gehandelt - ihr merkwürdiges Instagram-Statement, das die Gerüchteküche anheizte, enthielt zwar vielerlei Andeutungen, die man als Elemente einer Verschwörungserzählung lesen könnte, letztlich war es aber nicht mehr als esoterisch und religiös aufgeladene Promotion-Lyrik für ein neues, ebenfalls esoterisch und religiös aufgeladenes Album namens „Licht“. Und nachdem die Wetteinsätze für den nächsten Nervenzusammenbruch eines Promis ohnehin schon warm liefen und Nena zu den gesetzten Sänger*innen gehörte, war der Empörungs-Automatismus nicht mehr aufzuhalten - die Kirche im Dorf lassend habe ich mal „Licht“ angehört.

LichtNena schreibt schon immer im klassischen Pop-Lyrik-Dreieck von „Ich“, „Du“ und „Wir“, und mit diesen singenden Ichs und Adressaten laviert sie zwischen Zeit- und Schicksal-Allegorien durch die Popwelt und geschickte Melodien. Ihr Popentwurf ist von einer gewissen angeborenen Euphorie und chronischen Optimismus geprägt, und manchmal fundiert er in Geschichten oder Liebesliedern, immer aber ist die Rede von Wundern, Natur, Luftballons und Träumen, Wasser und Bäumen. Da passt Licht, und Licht, das Eintreten in es, ist hier auch im wenig versteckt religiösem Sinne. Das ist natürlich mehr als Ordnung, aber man kann das natürlich auch getrost ablehnen - verschwörerisch ist es wie gesagt in keiner Weise.

Merkwürdiger Weise fehlt dem neuen Album ein wenig der Sound-Pathos, ein Klangbett, das dem ganzen Nenaschen Kratzen an der Grenze zum Wahn eine musikalische Hand reicht. Die Platte ist voll von lakonischem Synthiepop, der sich aber nie mit elektrischen oder realen Streichern vollklebt und auch kaum Ausbrecher in Rock unternimmt. Eher schon hört man, ohne dass ich nun weiß, wer das Album produziert hat, dass Nena kürzlich auf dem Album des Produzenten-Trios „Kitschkrieg“ zu hören war - bröckelnde Beats, die im zweiten Stock aufgeflächt werden wie im Song „Zimmer“, oder Post-Punkt-Remember-Drums mit leicht scharfem Synthie-Riffs wie bei „Zurück in die Zukunft“.

Durch die fehlende Handreichung zwischen Nena-Euphorie und Produktion gehen der Platte in der Summe ein wenig die Hits ab, der leicht ironische Klang mit den ganz und gar uninronischen Texten verfangen sich auch nirgendwo in Ohrwürmern oder Rätseln, die man noch einmal hören möchte - oder kürzer: in der Summe recht mittelmässig.


So ist das Leben

Britischer Lofifolk, der wunderschön ist, von Emma Kupa

Bildschirmfoto 2020-10-09 um 14.56.33Dass das Leben nicht leicht ist, darüber müsste man keine Lieder mehr schreiben, und weil man es nicht müsste, ist es um so schöner, dass viele es immer noch tun. Zum Beispiel Emma Kupa. Die Songwriterin hat einen britischen Lofi-Folk für sich ersonnen, der ihre Kleinode an Liedern unverblümt strahlen lässt wie an eine See in Michigan - Gitarre, Mandoline, Xylophon, herrlich wie hier geschrammelt wird, während man nicht merkt, wie filigran arrangiert wurde, und mit welchem Understatement hier nie gesagt wird: Schaut mal, wie schön das gemacht ist. Dabei ist es unheimlich schön gemacht. Mein Lieblingslied auf ihrer EP „Home Cinema“ ist „there will come a day“, das so anfängt: „There will come a day when you will go. Early one morning I’ll receive a phonecall and I’ll scream louder than I ever have and everyone will know just what I’ve lost.“ - es sind solche lakonischen Zeilen, in dem sich die britische Song-Gewitzheit zeigt, im Kleinen, Privaten Tore in gesellschaftliche Dimension zu finden, ohne sie vorher gesucht zu haben. Die Musik von Emma Kupa ist behauptet nie, irgendwas zu sein, sie begnügt sich damit, so zu sein. Wundervoll.


/// Songs zum Sonntag /// 27092020

Bildschirmfoto 2020-09-27 um 13.01.17/// Die Sängerin Ruuth stammt von der Insel Föhr, und ihr luftig-nordischer Dreampop ist fluffig wie ein Federkissen. „Pillow“ heißt dann auch ihre neue Single, und sie klingt blubbernd und schwülstig wie ein Sonntagsfrühtsück mit Sekt. Immer wieder nimmt der Song auch leicht beatige Fahrt auf, um sich dann wieder ins Uptempo mit brüchigem Elektrobeat zu ergiessen. Das ist wirklich sehr hübsch gemacht, vielleicht ein wenig zu versöhnlich - Lana Del Rey mit einem Schuss Nordsee und deutlich höher gesungen. Also abschliessend: Schon ganz interessant. /// Bildschirmfoto 2020-09-27 um 13.09.10Bleiben wir im Norden, und kommen wir zu Holländerin Eefje De Visser - ihr E-Folk ist noch eine Spur flächiger und flibbriger, sind singt meistens auf Niederländisch, was den Lieder eine merkwürdige Melodiefarbe verleiht, wenn man vor allem immer wieder denkt, sie sänge deutsch. Ihre letzte Single „Stilstand“ scheint auf einem Akkord zu verharren, und dass der Stillstand hier nicht mit Stillstand erzählt wird, liegt an den merkwürdig geschichteten Chören aus De Vissers Stimme, und zudem an den leichten Kippmomenten in Synthie-Rhytmen und pulsierend elektrischem Flibbern. Das ist ziemlich abgefahren. ///