Archiv: Alben 2010-2021

In Jazzpop taumelnd

Julian Adler mit einem wirklich schönen Album

Da Pop ja von populär kommt, ist Popmusik ja irgendwie komisch, wenn sie nicht populär ist - sie muss dann, um durch Rezeptionsmodelle von Pop sichtbar zu werden, einen höheren Popularitätsstatus behaupten - oder weniger kompliziert ausgedrückt: Pop sagt immer auch laut „Seht her, ich bin irgendwie schon cool, oder?“ Aus dem steinigen Weg des Pop-Business wiederum kann dieser Gestus auch ziemlich unsympathisch ausfallen, dann eben, wenn man vermittelt, dass, wer nicht längst GQK6WxPMkapiert hab, dass ich cool bin, vermutlich hinter dem Mond lebt. Das ist zum Glück bei Julian Adler mit seinem nach ihm benannten Album anders. Der ins Jazzpop taumelnde Yacht-Rock mit viel geschichteten Chören aus Adlers Stimme, Rhodes-Orgel und fluffiger Gitarre ist nicht arrogant sondern bescheiden und suchend.

Anrührend ist das schönste Stück auf diesem feinen Album. Es heißt „Auf ein Wort“, und es ist zunächst nur mit Gitarre instrumentiert: „Wir treiben zusammen am Wasser entlang. Nichts muss, alles kann, doch der Puls steigt langsam an. Der hellste Mond, den es gibt, sie spielen warme Musik. Dein Gesicht strahlt im Schein, das hier könnte aus Hollywood sein.“ - und dann geht der Song in eine Bridge, bei der Adlers fast nicht singende Sprechstimme konterkariert wird mit seinem Falsettgesang. Das ganze wird nur crescendiert mit fluffem E-Piano und leicht geboostetem Schnipsen. Als ich diesen Song gehört habe, war ich spätestens an dem Punkt, wo ich dachte: Himmel, das ist schon echt gute Musik.

Ok, es ist vielleicht nicht alles auf diesem Niveau, und hin und wieder denkt man, dem Album fehlen ein wenig die Ausbrüche, ein Quäntchen Wut oder mal eine Nummer, die nicht nur entspannt ist. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der hier nach Pop gefahndet wird, mit der ohne viel Aufhebens softer Soul bis Lofi-Funk aus dem Ärmel geschüttelt wird, wie Adler hier Deutschpop mit Surfgitarren unterwandert- das hat Lässigkeit. Und die Song-Lyrics haben viele dieser geschickten Zeilenüberhänge, so dass sie niemals in’s Liedschema gepresst wirken, und sie sind voll poetischer Skizzen aus einem relaxten Alltag. Ach so, und singen kann der junge Mann eh fantastisch.

Link: https://www.julianadler.de


Der Weg streift viele Ziele

Die tolle EP „VOID!“ von Ann Sophie aus dem Jahre 2019

Der Song "Tornado" der Sängerin Ann Sophie hat eine merkwürdige Struktur: Die Strophe hat das melodisch-euphorische Momentum eines Refrains, die Bridge das Lakonische einer Strophe, und der Refrain dann plötzlich die die Atmosphäre einer Bridge. Wir haben es hier also mit einer gewissen Unterwanderung von Erwartungen zu tun, und das ist schon mal toll. Hinzu kommt die Tatsache, dass Ann VoidSophie in der Lage ist, jedem der genannten Teile eine andere Stimmfigur zuzuordnen, und diese natürlich auch zu singen: Während die ersten Zeilen in souligem Timbre erklingen, fährt sie die Stimme für die Bridge zurück in einen jazzigen Trotz, bevor der Refrain nach 80s-Synthpop klingt. Die Modulierung ihrer Stimme ist ohnehin die Stärke dieser Sängerin - man höre sich nur einmal ihren Auftritt mit „Creep“ bei „The Voice Of Germany“ an, bei dem sie in zwei Minuten, den Radiohead-Song zu einem verschleppt-verschobenen Jazz-Beat mit merkürdigen Gitarrenlicks in verschiedene Stimmfärbungen hinein singt - famos; zumal bei einem Song, der seinerseits quasi ein Cover von Hollies’ „the air that I breathe“ und inzwischen eben auch ein wenig über-covert ist.

Aber Entschuldigung - hier soll es ja um Ann Sophies bereits vor zweieinhalb Jahren erschienene EP „VOID!“ gehen, auf der sich neben erwähntem „Tornado“ vier weitere Songs befinden. Die Stärken dieses Kurzalbums sind im ersten Absatz schon angeklungen: Obgleich der Sound hier an sich klassischer Pop mit Prisen von Soul ist, singt Ann Sophie als Interpretin ihrer eigenen Songs sie als Jazz-Lieder, und auf diesem Weg streift sie Stimmfiguren aus anderen Genres. Das leicht sphärische „Bye Boy“ fliegt so in Elektropop, die klassische Klavierballade „Like You II“ tropft in Tears-For-Fears-artigen Artpop, „Puzzle Pieces“ dann verbleibt im Synthiewave; wenn man bei dieser Stimme überhaupt vom Verbleiben sprechen mag: Diese Frau singt einfach, als gäbe es mehr Gesangsregister als Brust- und Kopf-Stimme, und sie wechselt ihre Modulationen aus dem Nichts und zu den Schaltstellen ihrer Songs. Das ist wirklich faszinierend. Wenn ich mir irgendwas von diesem Popjahr 2022 wünschen kann, (ausser natürlich: endlich wieder Konzerte) dann sind es mehr Songs von dieser aussergewöhnlichen Popsängerin. 


Da sind wir nun, unwissend

Die zweite Platte der wundervollen Lou-Adriane Cassidy

Im siebten Song erst kommen die hinreissenden Streicher, die das erste Album von Lou-Adriane Cassidy so dramatisch und schön gemacht haben. Das soeben erschienene Zweite ist in jeder Hinsicht rauher, ungeschliffener und sucht seinen Chanson-Entwurf nicht im Drama sondern gewissermassen im LouIndierock. Schon die Vorabsingle „J’espère encore que quelque part l’attente s’arrête“ war ein kurzer Wutschrei, ein Riff, eine Melodie, die Hoffnung, dass ein nicht näher erklärtes Warten ein Ende hat, und nach nicht einmal zwei Minuten ist das auch schon wieder vorbei. „Lou-Adriane Cassidy vous dit: Bonsoir“ heißt diese Platte, und sie sagt hier nicht nur guten Abend sondern singt natürlich auch  - von diffusen Ängsten, merkwürdigen Zeiten, besagten Hoffnungen und von Sex. Und natürlich Liebe. In 10 Songs von ingesamt gerade einmal 23 Minuten zieht sie unter ihren jazzigen Pop eine Prise Rock, nimmt einen kurzen Beatlesremiszenz-Umweg, zitiert Plastic Bertrand, findet zu einer zynischen Pianoballade und mixt das ganze zu einem diffusen Chansonschaum auf. Zum Schluss teil sie mit: „L’album est finit, nous voici arrivé á la sortie, vas meme decouder, mais ce n’est pas qu’un au revoir: Bonsoir, Bonsoir, Bonsoir.“ - wunderbar. („Das Album ist zu Ende, da sind wir nun unwissend am Ausgang, aber es ist nicht nur ein Abschied: Guten Abend. Guten Abend. Guten Abend.“) Vielleicht sind diese 23 Minuten was für Fans, ich bin einer, aber wer diese unfassbar großartige Sängerin aus Kanada für sich entdecken will, dem sei hier vielleicht eher ihr Debüt-Album „C’est la fin du monde à tous les jours“ ans Herz gelegt - < HIER > meine Huldigung dazu.


Der Schalk im Nacken des Vergessens

Neue Platten von Maite und Michael-Patrick Kelly

Die Geschwister Maite und Michael-Patrick, einst Mitglied der in den 90ern absurd erfolgreichen Kelly-Family, veröffentlichen heute beide neue Alben. Zwischen diesen Platten zieht sich ein Panoptikum auf, das auf eine gewisse Weise exemplarisch für die deutsche Poplandschaft als solche angesehen werden kann.  Während Michael-Patrick Kelly auf seiner Platte „B.O.A.T.S“ einen sphärischen Folk-Rock sucht und ihn in Form eines kitschigen Well-Made-Pops findet, Maitehat Maite Kelly das Identitäts-Angebot des Schlagers angenommen und präsentiert auf ihrem Album „Hello“ klassischen Helene-Fischer-Franchise. Zwar sind die beiden Kelly-Platten vom Stil also höchst unterschiedlich, dennoch stehen beide für eine Pop-Spielart, die so nur in Deutschland möglich beziehungsweise erfolgreich ist: Beide segeln im Schlager-Fahrwasser, weil sie Hedonismus mit äusserst unhedonistischen Mitteln predigen.

Das ist per se natürlich nicht verwerflich sondern ein völlig legitimes Mittel, um sich der heutigen, mehr als unübersichtlichen Welt zu nähern, beziehungsweise um akustische Angebote der Ablenkung anzubieten. Was beiden Platten aber abgeht, ist das Augenzwinkern hinter den Popentwürfen, der Schalk im Nacken des Vergessens aller Schwierigkeiten. (Wie das funktioniert, dazu muss man sich unter den heutigen Neuerscheinungen nur einmal eine Platte weiter klicken - in die Guest-Edition von Kylie Minogues letzter Platte „DISCO“: Der hier zelebrierte Sound wird mit derartig ironischer Leidenschaft am Rande der Perfektion vorgetragen, dass es eine Freude ist.) Aber offenbar möchten anders als ich die meisten Pophörer:innen diese campe Durchlässigkeit nicht hören, sondern statt dessen eben die Illusion authentischer Emotion.

Irgendwie kommt mir das abwegig vor, aber dann hört man Maite Kelly diese Strophe des Songs „So lange Sehnsucht in mir lebt“ singen: „Ich leb’ im Schatten der Routine, und man sieht es mir nicht an. Ich lenk’ mich nur ab, Paddykämpf mich durch den Tag, denn irgendwann komme ich an.“ - und dann denkt man: Vielleicht ist das tatsächlich ihre Lebenssicht, vielleicht zeigt sich in solchen Zeilen der Versuch einer tiefschürfenden Klarheit und echten Authentizität. „Für Gefühle kann man nichts, zwischen Wahrheit oder Pflicht“, singt Maite an anderer Stelle, und das lässt mich dann denken, dass ironische Brechung hier einerseits völlig fehl am Platz wäre, andererseits aber vielleicht durchaus Teil dieser Popmusik ist, und ich sie nur nicht höre, weil sie anders verbaut wird, als Kylie Minogue das macht. Auch Zeilen wie „You tell me you're okay / But your voice don't match the words you said“ aus Patrick Kellys Song „blurred eyes“ hat nicht die Doppelbödigkeit, die ich an Popsongs liebe, aber was für mich versatzstückhaft klingt, kann man durchaus auch als gradlinige Ehrlichkeit lesen.

Man kann es nicht aufklären, denn es geht hier um Geschmack, klar. Aber man kann durchaus mit offenen Ohren zur Kenntnis nehmen, dass die beiläufige Relativierung des eigenen Popentwurfs nicht das Mass aller Dinge sein muss. In dem Schlager einer Maite Kelly oder dem Folk Pop ihres Bruders steck irrsinnig viel Pathos und Kitsch. Aber irgendwo kommt der her. Und hat seine Berechtigung, auch wenn das nicht gefällt.

nota bene: Maite Kellys Platte ist schon im März erschienen. Heute neu ist eine Bonus-Edition dieses Albums.


Dübel des Kunstlieds

Ohren auf Deutschpop werfen - Folge 19 /// Bildschirmfoto 2021-11-04 um 10.38.55Fernab von allen Ouh-Oh-Verdachtsmomenten und all den Menschen-Leben-Tanzen-Allerwelts-Pop hat die Songschreiberin und Sängerin Lina Maly einen zerbrechlich stillen Popentwurf für ihre sehnsüchtigen Texte gefunden ihres neuen Albums gefunden - Piano, leichte Percussion, Tupfer von Gitarren, hin und wieder eine Synthie-Fläche und darauf gerade so gesungen. Das Ganze ist so zurückhaltend gehalten, dass man immer auch Angst bekommt, gleich könnte, was hieran noch Pop ist, wieder entflattern. Und als wäre das musikalisch eben nicht schon ungreifbar wie eine Seife in der Badewanne, handelt die Single „Wolken“ dann auch noch von Wolken: „Wir wussten beide es ist aus, nur hat es keiner geglaubt / Aber Wolken reißen auf, ob man hin oder weg schaut.“ Man kann das leicht abtun als kitschigen Folkpop, bei dem weder Folk noch Pop gelingt, aber das Unbeständige, das Gefühl, beim Hören könnten diese Songs entschwinden, ist in meinen Augen auch eine große Kunst. Dieses Album, es trägt den Titel „nie zur selben Zeit“, bleibt still und bescheiden und findet Schönheit und Größe durch die Hintertür. /// Bildschirmfoto 2021-11-04 um 10.39.16Wo Lina Maly ihn also weg lässt, den Pathos, sucht Tristan Brusch ihn, indem er so singt, als habe er Jacques Brel übersetzt: „Wenn die Liebe uns verlässt, halten wir uns fest, halten wir uns fest - am Rest.“ Diese Musik fischt gleichzeitig im Mut zu Kitsch als auch im blanken Unsinn, und irgendwo in der Wand dazwischen hält ein Dübel auch noch das Kunstlied fest. Um so merkwürdiger, dass die Popsozialisation des singenden Songschreibers wiederum eher im Deutschrap erfolgte. Aber bei all den genannten Schubladen: Sein neuestes Album, das eben nach dem bereits zitierten Titelsong „am Rest“ benannt ist, sucht den Korridor für deutschsprachigen Chanson, durch den einst Reinhard Mey ins Wohnzimmer lief, einschliesslich vermeintlich hörbarer Vinyl-Kratzer. Aus irgendeinem Grund halte ich diese Lieder nur ganz schwer aus, aber nicht weil sie nichts taugen, im Gegenteil, sie sind nur für das Weghören eine Zumutung; eine Entdeckung, über die ich gerne mehr schreiben würde. /// 


Wenn die Kälte kommt

Über die Tautologie als lyrische Stilfigur im Pop

In dem Video zum Titelsong ihres neuen Albums „wenn die Kälte kommt“ befindet sich die Band Santiano in einer Eiswüste mit Eiszapfen an ihren Bärten, Schnee auf ihren Instrumenten und Dampf aus ihren Mündern. Der ohnehin identitätsstiftende Eskapismus der Formation, der sich aus der Huldigung der mittelalterlichen Seefahrt speist, erfährt in Zeiten, in denen der Klimawandel omnipräsent ist, eine antizyklische Steigerung durch das Heraufbeschwören einer Eiszeit. Unklar bleibt unterdessen, warum diese Eiszeit eintritt, oder für was sie steht, denn Antworten auf die Frage, was denn geschieht, wenn die Kälte kommt, bekommen wir nur sehr spärlich: „Wenn die Kälte kommt / Mit eisiger Hand / Wenn die Kälte kommt / Und dein Herz übermannt / Wenn die Seele friert / Der Atem dir brennt / Dann bin ich bei dir“. Man könnte das Ganze auch so zusammen fassen: Wenn die Kälte kommt, wird es kalt. Diese bestürzend banale Tautologie ist aber im Grunde die wesentliche allegorische 22530179-01Stilfigur, mit denen Santiano ihre Songtexte gestalten und ihre mittelalterliche Seefahrer-Romantik konstruieren: Wenn es auf den Recken regnet, wird er nass, wenn der Met fliesst, trinkt man Alkohol, wenn es stürmt, türmen sich Wellen. Ein anderes Lied auf dem neuen Album heißt „wer kann segeln ohne Wind?“ - Antwort, Spoiler Alert: Niemand. Und in dem Song „solang die Fiddle spielt“, gibt es konsequenter Weise gar keinen Gesang: So lange nämlich die Fiddle spielt, spielt die Fiddle - klar.

Das also etwas unterkomplexe Konstrukt zum Beschreiben einer an sich entrückten, anderen Wirklichkeit mit den Mitteln von Popmusik scheint massgeblich und gewollt - immerhin hat man als Co-Writer für einige der neuen Santiano-Songs Frank Ramond engagiert, der an sich als gewitzt doppelbödiger Songtexter für zum Beispiel Annett Louisan, Yvonne Catterfeld oder den ja leider verstorbenen Roger Cicero bekannt ist. Mit dessen Hilfe hätte man sicherlich auch scharfsinnigere Narrative von Rittern, Seefahrt und Wildschweinen erfinden können, als die Erkenntnis, dass man draussen auf dem Meer in der Ferne vor allem Horizonte sieht - ein weiteres Lied auf der Platte. So weit hergeholt die Welten sein sollen, die hier besungen werden, so überschaubar müssen sie offenbar bleiben, um als Singalongs im Jahre 2021 zugänglich zu bleiben. Letztlich ist das tautologische Rezept für einen Liedtext vielleicht sogar präsenter in der Poplandschaft, als man denken mag. Die neue Platte von Coldplay handelt zum Beispiel von der Raumfahrt, und wenn man sich deren Texte durchliest, erlangt man diese Erkenntnis: Wenn man ins Weltall fliegt, ist man in anderen Sphären. Und Helene Fischer singt zum Beispiel auf ihrem derzeitigen Album das Lied „wenn alles durchdreht“ - einen Nebensatz, den sie für den Refrain gar nicht mehr grammatisch und somit inhaltlich ergänzt: Wenn alles durchdreht … ja was denn jetzt? Naja, dreht eben alles durch.

Man könnte mir nun vorwerfen, dass ich mich durch die Albumcharts klicke und wie jemand, der Schuhe kauft, nur auf Schuhe achtet, jede Liedzeile als tautologische Allegorie im Sinne von Santiano interpretiere, aber für Santiano gilt meiner Meinung nach wie gesagt durchaus, dass die bestürzenden Banalitäten, die hier gesungen werden, so auch gewollt sind - musikalisch ist das nämlich auch souverän so ausgestaltet, wie man klingen möchte: Maskulin-mittelalterlicher Shanty-Poprock. Der eben, das sei noch mal erwähnt, irre erfolgreich ist - vor ihnen in den Charts sind derzeit nur Helene Fischer und Coldplay.


Crème da Marrons auf frischem Baguette

Französischer wird’s in diesem Jahr nicht mehr: Claire Laffut und ihr Debüt-Album „bleu“

Der klassische, französische Chanson ist vielleicht die Lebensversicherung französischen Pops überhaupt, der Kern, auf die sich jede musikalische Liebeserklärung, Erneuerung, Distanzierung verlässt, und vielleicht hängt diese Verlässlichkeit, dass Popmusik irgendwie verankert ist, auch damit zusammen, dass der Chanson keine markante historische Pause gemacht hat - französischer Pop greift bis über 100 Jahre zurück, ohne das veranlassen oder auch nur mitdenken zu müssen. Eventuell ist das auch Blödsinn, aber zweifelsohne ist die Popmusik aus Frankreich so vielfältig, wie man sich unsere manchmal wünschen würde, und der Einfallsreichtum, mit denen Popmusiker:innen auf unterschiedlichste Stile zurück greifen und sich aus dem Sound-, Melodie- und Beat-Archiv bedienen, macht zumindest mir einen Heidenspass.

BleuSo auch bei Claire Laffut, bei der die Suche nach Zugriffen, die Wartezeit auf ein erstes Album deutlich verlängert hat. Mit einer Art Lounge-Chanson, der in die Cocktail-Bar zu Gin-Tonic und Mitwippen einzuladen scheint, hat sie sich in Frankreich einen Namen gemacht, und mit Leichtigkeit hätte sie mit diesem Popentwurf ein Album füllen können - sie liess sich aber eben Zeit und veröffentlichte hier und da Singles und EPs. Nun aber ist das Debüt-Album erschienen, und es wird klar, dass sie noch weitere Ebenen in ihren relaxten Pop unterheben wollte - und das dauert dann eben: „MDMA“, der Opener des Albums „bleu“, klingt nach elektronischem Afrobeat, „Sérité“ ist scharfsinniger Synthiepop, „Vertige“ ist doppebödiger Diskofox - nach drei Songs hat man hier schon fünf, sechs Popstile verbaut, und das zieht sich so durch das Album,  und Songs schreiben kann diese Musikerin ohnehin: Stets verschränkt sie surreale Ebenen mit klassischen Zeilen über Liebe und Alltag, und ehe man sich es versieht, spricht sie nicht mehr über Augen, sondern von Magneten, die, wenn sie sich anziehen, kein Alibi brauchen - und man denkt plötzlich: he?

Und diese relaxte Grundhaltung tut gut in einer Zeit mangelnden Überblicks. Es klingt nach Leichtigkeit und Popschwüle, trockenem Rosé mit Kastanienduft und Eiffelturm, Buttercroissant und ein Café au Lait - französischer wird’s nimmer in diesem Jahr (auch wenn Laffut übrigens Belgierin ist), für mich bislang das betörendste Album des Jahres - das Warten hat sich gelohnt.


Verschiebung

Max

Ohren auf Deutschpop werfen- Folge 18 /// Max Mutzke ist doch eigentlich stimmlich in der Lage, Soul, Blues und Jazz zu singen - ich komme nicht dahinter, warum er auf seinem neuen Album „wunschlos süchtig“ einem Deutschpop-Sound hinterher läuft, der ihm nichts abverlangt. Die Platte klingt einheitlich weg produziert, man spürt nicht mal eine Band, nix Erdiges - und auch die Texte strotzen nicht gerade vor Einfallsreichtum: „einfach machen, Tag planen, sich zurück Maffaylassen, vermissen, was abmachen, eine Nachricht lesen, gleich zurück schreiben, dich abholen, in deine Arme treiben, Wärme fühlen, keine Spiele spielen - weil wir glücklich sind, weil wir wunschlos süchtig sind“ - ja, das ist schon ganz in Ordnung geschrieben, eingefangen, dass für viele Menschen eine gewisse Lockerheit erreichbar wäre, aber es ist schon auch wieder umgekehrt dieser deutschpoppige Suche nach Unzufriedenheit, eine Suche nach Ungeduld, die auf der anderen Seite dann auch weggedudelt wird. Max Mutzke kann mehr. /// Wer also was Erdiges sucht, der könnte bei Peter Maffay fündig werden - sein neues Album „so weit“  ruht in sich, muss niemandem etwas beweisen und ist ein Blues-Album mit Schlagertexten: „Ein Leben läuft nie wie geplant und nicht nur geradeaus / OttMal läuft es rund und manchmal fliegt man aus der Kurve raus / Mal ist ein Weg gesperrt, mal endet er im Nirgendwo / Mal hat man freie Fahrt und manchmal sieht man nur noch Rot“ - man kann das natürlich blöd finden, fair enough, aber ich sag euch mal was: Mir gefällt das. /// Dass der Schlager ein deutlich offeneres Gesellschaftsbild herauf beschwört, als der klassische Deutschpop sich das traut, ist uns in diesem Blog schon öfter aufgefallen - bestes Beispiel: Die offen lesbische Kerstin Ott. Ihr neues Album „nachts sind alle Katzen grau“ knüpft an dem Konzept eines queeren Schlagers an: „Der Lehrer unter seinem Anzug / Versteckt der Tag seine Tattoos / Die Ärztin hat heut was genommen / Was sie sonst verschreiben muss / Sie tauchen einfach in die Menge / Und die Boxen legen los!“- gut dass es das gibt, hören muss ich es nicht. /// MarkMark Forster hat tatsächlich seinen Sound entschlackt, kaum Pomp, fast minimal klingt sein aktuelles Album „Musketiere“ an der ein oder anderen Stelle, und dann wird es scheuer Blues, Gospel fast - richtig gut ist der Song „Leichtsinn“, der er mit dem Produzententeam Kitschkrieg geschrieben und produziert hat. Hier verschiebt Piano eine in sich gestockte Hammond auf einen Beat rüber - und dann reimt er auch noch fern von Versatzstücken: „Ich hat mal sowas wie Flugangst, doch das verflog dann, als du kamst.“ - diese Zeile hört sich an wie Strophe und wird dann aber als Refrain wiederholt. In diesem reduziertem, sich stets lyrisch wie musikalisch verschiebenden Song zeigt sich großer, eindrücklicher Pop. Überhaupt ist das ein Album von überraschend erhabener Popklarheit.


Rotwein im Federkleid

Pop in Startblöcken #01: Isa Jansen und Josua Schwab

Isa Jansens Musik orientiert sich durchaus am Folkpop, wie man ihn auch immer wieder mal mit deutschen Texten hört - klare Arrangements, vornehmlich akustische Instrumente, lyrische Geschichten und Riffs, die nicht behaupten, den Pop neu zu erfinden. IsaAber singen tut sie ihre eigenen Lieder eher wie Jazz, immer wieder mal kippt die Stimme knapp am klaren Ton vorbei und verhindert so, dass sie sich in dem beschriebenen Folk-Bett einkuschelt, und die Texte sind lyrisch-kryptisch verschachtelte Allegorien. Die vier Songs ihrer gerade erschienenen EP „Federkleid“ hievt diese Strategie auch aus einer gewissen Komfortzone der Hörer:in - will sagen: Man kann das nicht so gut durch sich durchdudeln lassen, was wiederum beim Folkpop ja auch ganz angenehm sein kann. Aber die Lieder von Isa Jansen halten dem Anspruch, den sie an sich selber zu stellen scheinen, stand. In dem Song „Junger Kettenhund“ zum Beispiel, der Opener der EP, bleibt auf angenehme Weise unklar, wer dieser Kettenhund ist: „Vernünftig sicher und kontrolliert / Dein Herz in zwei halbiert / Kriegst es einfach nicht sortiert / Der Hund nach seinem Nutzen giert:“ Dieser Song verzichtet im Grunde auf einen Refrain, bleibt bei losem Reimschema bei sieben vierzeiligen Strophen, hält aber dennoch mit erwähnt lyrischen Mitteln die Spannung, und die leicht sich steigernden Bläsersätze helfen dabei. Diese kleine, feine Songsammlung ist vermutlich kein Meisterwerk im Sinne einer Popmusikerin mit letzten Antworten auf die Frage, wie ihre Musik klingen soll, sondern eine Station eben auf der ehrlichen Suche nach einem Popentwurf zwischen Folk und Jazz.

Auch vier Lieder hat der Singer- und Songwriter Josua Schwab heute in Form einer EP veröffentlicht - überhaupt scheint die EP ja Josuadas Format der Stunde. Schwabs’ heißt „Dein Rotwein“, und der titelgebende Wein ist die Erinnerung an eine Frau, die das singende Ich aus nicht genanntem Grund zwei Jahre nicht gesehen hat: „Liebe Grüße aus der Ferne / Ich hab grad an dich gedacht / Hab deinen Wein bei mir gefunden / Und hätte ihn fast aufgemacht“. Der Wein also hat sich mit Erinnerung aufgeladen, und das ist ja auch eine schöne lyrische Allegorie, wenngleich die Texte von Josua Schwab insgesamt mehr realistischer sind, geschichtenhafter (als die von Isa Jansen), und er singt klar strukturierte Dus an. Seine Musik ist dann aber Bandpop mit einer klaren Brise gestauchtem Funks. Dazu passt, dass Schwab seine Stimme anstrengungsfrei ins Falsett ziehen kann und plötzlich klingt wie Justin Timberlake - nice. Vor allem, weil er das auch sozusagen inhaltlich einzusetzen vermag. Zwar zeigt sich der Popentwurf von Josua Schwab in sich geformt und produziert, aber auch hier wird keine Sekunde lang behauptet, man habe die das Poprezept schlechthin, und die vier Lieder bleiben ehrlich in ihrer Suche nach schöner Popmusik. 

Das ist dann vielleicht die Gemeinsamkeit zwischen den beiden Musikerinnen in dieser ersten Folge meiner neuen Rubrik „Pop in Startblöcken“, auch wenn die Musiken unfassbar unterschiedlich sind. Und hier sind die Links zu der Webseite von Isa Jansen und der Instagram-Seite von Josua Schwab.


Pop als Kulturtechnik

Marina findet zu sich mit einem Album des Jahres. Mindestens.

Marina Diamandis, unter ihrem Vornamen bekannt, früher Marina & The Diamonds genannt, schreibt und komponiert Lieder, in denen bereits die Merkmale und Stärken ihres Gesangs, ihrer Stimme, ihr Timbre, ihre Art zu phrasieren mitgedacht sind, ohne dass diese Lieder all zu gedacht wirken. Diese aussergewöhnliche Popsängerin braucht daher keinen Signature-Song, um einen Signature-Sound zu haben. Diese ihre Unverkennbarkeit liegt unter Anderem in der Art, wie sie ohne viel Aufhebens von Brust- zu Kopfstimme und wieder zurück springen kann, wie sie geliehene Akkorde in Melodie-Bögen webt, ohne die Eingängigkeit ihres Popentwurfes zu verlassen, wie sie mit wenigen Tupfern Pop-Lässigkeit in Pathos überführen kann und dabei auch die Disko nie vergisst.

Marina_ancientMag ihre letzte Platte, ein Doppelalbum namens „Love & Fear“, ein wenig ideen-überladen gewesen sein, ihr neuester Streich „Ancient Dreams In A Modern Land“ ist nicht weniger als ein Meisterwerk: Aus Rock, Pop, Jazz, Soul strickt sie einen Zehn-Song-Zirkel, ein feministisches Pop-Pamphlet mit Coolnes an der Klippe zum ironischen Kitsch, ein Empowerment mit fluffiger Popschwüle, eine Selbstermächtigung von und mit Disco und Piano.

All dies wird flankiert von selbstzweifelnd lyrischen Kleinoden, von Songtexten, die plötzliche Tiefen in Bubblegumlieder ziehen, offensive Blödsinnigkeiten in Songs, die von Depression handeln, von scharfer Konfrontation von Traurig- und Fröhlichkeit. Wer schreibt zum Beispiel so eine Strophe: „I’ve escaped many vices / like drugs and alcohol / but I can never escape / the war inside my skull / You know that love’s a gift / but it can also be a curse / always the optimist / dealing with somebody else’s can of worms“. Das Alles für die Pianoballade „Pandoras Box“, die sich auf seichten Akkorden mit Streichern aufbäumt, im Refrain komische Melodie-Kurven nimmt und gerade genug Pathos trinkt, damit man auch beim Hören merkt, dass hier eine Lyrikerin textet.

Dieses Album zeigt Popmusik als menschliche Kulturtechnik - so perfekt, dann man nie Perfektion riecht. Grandios.