Pop mit französischen Texten

Songs zum Sonntag /// 281121 /// heute: Chanson aus Kanada

Lys/// Der französische Chanson treibt gerade auch in Kanada wundervolle Blüten - Lou-Adriane Cassidy (siehe einen Post weiter unten) ist da nicht die Einzige. Die Songschreiberin und Sängerin Lysandre hat einen subtilen Loungepop für sich erfunden, der mit überraschenden Melodien und kompaktem Band-Sound zum Rotwein-Trinken äusserst geeignet erscheint. Als Signature-Song ihrer bisherigen Veröffentlichungen, ein Album soll im Frühjahr 2022 kommen, könnte man den Song „le paon impossible“ bezeichnen: Dotzender ArinaeShuffle-Beat mit fluffigem Snaresound, beiläufig schnippischer Gesang und funky Bassorgel vermengen sich zu einem gut gelaunten Chansonschaum - herrlich. /// Ariane Roy mag vergleichbar beiläufig französisch singen - ihr Popentwurf ist ei anderer. Synthiepop ohne Drumcomputer, Indie könnte man auch sagen. Ihr auch gerade erst erschienener Song „Quand je serai grande“ klingt, als habe sie im letzten Moment entschieden, den Song schneller zu spielen, als sie ihn Fannyeigentlich komponiert hatte. Dadurch entsteht ein kompakter, wohliger, tanzbarer Groove mit nerdigen Synthie-Klängen und schöner Melodie. Wundervoll. /// Und noch einmal Chanson aus Kanada: Fanny Bloom kann auch herrlichen Buublegumpop, aber ihr neuester Song „Revivre“ ist eine zerbrechliche Pianoballade, die fast aus den Lautsprecher verschwinden könnte, ohne gehört zu werden - ein Klavierbett aus einfachen Arpeggi, schleichender Gesang und urplötzliche Holzbläser-Einwürfe - eine Lockdown-Aufnahme mit einer der längsten Generalpausen, die ich je in einem Popsong gehört habe. /// Alle drei Sängerinnen sind auf der ohnehin sehr lohnenswerten Plattform "Bandcamp" vertreten. Hier die Links ihrer Profile dort, wo man auch die jeweils erwähnten Songs findet: < Lysandre > /// < Ariane Roy > /// < Fanny Bloom > /// auf Bandcamp könnt ihr auch mir folgen: < Hier > ///


Da sind wir nun, unwissend

Die zweite Platte der wundervollen Lou-Adriane Cassidy

Im siebten Song erst kommen die hinreissenden Streicher, die das erste Album von Lou-Adriane Cassidy so dramatisch und schön gemacht haben. Das soeben erschienene Zweite ist in jeder Hinsicht rauher, ungeschliffener und sucht seinen Chanson-Entwurf nicht im Drama sondern gewissermassen im LouIndierock. Schon die Vorabsingle „J’espère encore que quelque part l’attente s’arrête“ war ein kurzer Wutschrei, ein Riff, eine Melodie, die Hoffnung, dass ein nicht näher erklärtes Warten ein Ende hat, und nach nicht einmal zwei Minuten ist das auch schon wieder vorbei. „Lou-Adriane Cassidy vous dit: Bonsoir“ heißt diese Platte, und sie sagt hier nicht nur guten Abend sondern singt natürlich auch  - von diffusen Ängsten, merkwürdigen Zeiten, besagten Hoffnungen und von Sex. Und natürlich Liebe. In 10 Songs von ingesamt gerade einmal 23 Minuten zieht sie unter ihren jazzigen Pop eine Prise Rock, nimmt einen kurzen Beatlesremiszenz-Umweg, zitiert Plastic Bertrand, findet zu einer zynischen Pianoballade und mixt das ganze zu einem diffusen Chansonschaum auf. Zum Schluss teil sie mit: „L’album est finit, nous voici arrivé á la sortie, vas meme decouder, mais ce n’est pas qu’un au revoir: Bonsoir, Bonsoir, Bonsoir.“ - wunderbar. („Das Album ist zu Ende, da sind wir nun unwissend am Ausgang, aber es ist nicht nur ein Abschied: Guten Abend. Guten Abend. Guten Abend.“) Vielleicht sind diese 23 Minuten was für Fans, ich bin einer, aber wer diese unfassbar großartige Sängerin aus Kanada für sich entdecken will, dem sei hier vielleicht eher ihr Debüt-Album „C’est la fin du monde à tous les jours“ ans Herz gelegt - < HIER > meine Huldigung dazu.


Crème da Marrons auf frischem Baguette

Französischer wird’s in diesem Jahr nicht mehr: Claire Laffut und ihr Debüt-Album „bleu“

Der klassische, französische Chanson ist vielleicht die Lebensversicherung französischen Pops überhaupt, der Kern, auf die sich jede musikalische Liebeserklärung, Erneuerung, Distanzierung verlässt, und vielleicht hängt diese Verlässlichkeit, dass Popmusik irgendwie verankert ist, auch damit zusammen, dass der Chanson keine markante historische Pause gemacht hat - französischer Pop greift bis über 100 Jahre zurück, ohne das veranlassen oder auch nur mitdenken zu müssen. Eventuell ist das auch Blödsinn, aber zweifelsohne ist die Popmusik aus Frankreich so vielfältig, wie man sich unsere manchmal wünschen würde, und der Einfallsreichtum, mit denen Popmusiker:innen auf unterschiedlichste Stile zurück greifen und sich aus dem Sound-, Melodie- und Beat-Archiv bedienen, macht zumindest mir einen Heidenspass.

BleuSo auch bei Claire Laffut, bei der die Suche nach Zugriffen, die Wartezeit auf ein erstes Album deutlich verlängert hat. Mit einer Art Lounge-Chanson, der in die Cocktail-Bar zu Gin-Tonic und Mitwippen einzuladen scheint, hat sie sich in Frankreich einen Namen gemacht, und mit Leichtigkeit hätte sie mit diesem Popentwurf ein Album füllen können - sie liess sich aber eben Zeit und veröffentlichte hier und da Singles und EPs. Nun aber ist das Debüt-Album erschienen, und es wird klar, dass sie noch weitere Ebenen in ihren relaxten Pop unterheben wollte - und das dauert dann eben: „MDMA“, der Opener des Albums „bleu“, klingt nach elektronischem Afrobeat, „Sérité“ ist scharfsinniger Synthiepop, „Vertige“ ist doppebödiger Diskofox - nach drei Songs hat man hier schon fünf, sechs Popstile verbaut, und das zieht sich so durch das Album,  und Songs schreiben kann diese Musikerin ohnehin: Stets verschränkt sie surreale Ebenen mit klassischen Zeilen über Liebe und Alltag, und ehe man sich es versieht, spricht sie nicht mehr über Augen, sondern von Magneten, die, wenn sie sich anziehen, kein Alibi brauchen - und man denkt plötzlich: he?

Und diese relaxte Grundhaltung tut gut in einer Zeit mangelnden Überblicks. Es klingt nach Leichtigkeit und Popschwüle, trockenem Rosé mit Kastanienduft und Eiffelturm, Buttercroissant und ein Café au Lait - französischer wird’s nimmer in diesem Jahr (auch wenn Laffut übrigens Belgierin ist), für mich bislang das betörendste Album des Jahres - das Warten hat sich gelohnt.


Kontemplative Chimäre

Dietmar Poppeling im Gespräch mit dem Popticker über das Ende des Rock durch Pop, mit der Hook beginnende Lieder und die Wirkungsgewitter in Zeiten von Hygienekonzepten anlässlich des Eurovision Songcontest 2021. Bebildert in diesem Jahr nur mit Stockfotos - aus Gründen

Herr Poppeling, nach eine Jahr Pause konnten wir gestern den Eurovision Songcontest unter pandemischen Bedingungen beiwohnen - wo soll man da bloss anfangen? Klassisch? Mit der Frage, wie Ihnen der Songcontest ingesamt gefallen hat?

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Dietmar Poppeling mit seinem Jet

Oder wir fangen dieses Mal da an, wo wir sonst enden, nämlich mit der Frage, wen wir im nächsten Jahr zum Contest in Italien schicken sollten, denn es braucht kein Corona, um mein Ritual der Antwort zu hinterfragen, die ich immer gebe: Vanessa Petruo. Denn wir wissen nun: Vanessa Petruo wird es nicht machen, sie ist Neurologin in Berkeley und an einer weiteren Karriere in der Popmusik mit oder jenseits der No Angels nicht interessiert, und auch wenn wir beiden Gott und die Welt bewegen würden: Der Zug ist abgefahren. Deswegen gebe ich in diesem Jahr eine diplomatische Antwort: Wen wir schicken, ist vielleicht weniger die Frage, als vielmehr die, wie wir an ein Lied kommen, das dann - von wem auch immer - gesungen werden kann, denn ich denke, das war in diesem Jahr der Knackpunkt: Ein Popsong braucht so vieles, ein ESC-Song braucht auch vieles davon, aber hier hatten wir es mit einem Beitrag zu tun, der eine an sich saugute Hook hatte, aber damit hat man sich leider zufrieden gegeben: „I don’t feel hate“, auf diesem Satz könnte man einen Song aufbauen, aber sonst hat man halt nicht viel komponiert: Keine Strophe, kein Refrain oder eine Bridge, die in die Hook mündend einen Refrain suggeriert, nix, und dann hat man den Rumpf eines Liedes auch noch mit der Hook, den einzigen Trumpf, den man im Ärmel hat, beginnen lassen, und hat halt damit schon seine Pfeile verschossen. Somit hatte man auch keine Dramaturgie drin, keine Geschichte, keine Konklusion. 

Was wäre eine Konklusion?

Nun, dass man irgendeine Situation beschreibt, aus der heraus man Gründe hätte zu hassen, und dann sagt man aber eben: Nee! I don’t feel hate! All dies hat man nicht getan, sondern, man lässt Jendrik direkt singen:

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Jendrik bei seinem Auftritt in Rotterdam

Ich verspüre keinen Hass. Und damit ist diese Hook eben auch schon verschenkt, und eine verschenkte Hook ist keine Hook - sondern eine leere Phrase. „I don’t feel hate“ ist die Folge von etwas. Wenn man es vorweg schickt, folgt daraus nichts. Überhaupt denke ich, dass ein ESC-Song nicht mit dem Refrain beginnen sollte. Ich habe hier keine Statistik, aber ich wage die Behauptung, dass beim Songcontest noch nie oder zumindest selten ein Lied gewonnen hat, das mit dem Refrain beginnt.

An Jendrik lag es also nicht?

Nein. Der hat eine silberne Ukulele, und dass er sie wirft und fängt, ist auch prima, aber der Song war kein Song, und ohne einen geht es halt nicht.

Nun sind wir bereits mittendrin und haben den deutschen Beitrag analysiert, da können wir gleich mit der Tür im Haus bleiben und Sie fragen: Wie finden Sie den italienischen Sieger-Beitrag?

Naja, dass Rock niemals sterben wird, wie der Sänger uns euphorisch unterrichtete, das mag schon als Botschaft einer der Gründe sein, warum so ein Titel gut ankommt, aber natürlich ist die Botschaft auf einer Popveranstaltung wie dem ESC schon irgendwie fehl am Platz, um nicht zu sagen: Der Mummenschanz, die Ironie, mit der Rock hier retro-romantisch und also mit den Mitteln des Pop inszeniert wird, ist natürlich im höchsten Masse kontemplativ und damit vom Gestus her ziemlich wenig Rock. Überspitzt könnte man sagen, die Botschaft, dass Rock nicht sterben könne, kommt in dem Fall aus der Gruft des Rock, womit ich aber nicht gesagt haben will, dass die Band, die gewonnen hat, nicht trotzdem Rock lebt. Die Pressekonferenz von Måneskin war sicher mehr Rock als der Beitrag, der Song „Zitti e Buoni“ es sein kann. Aber das sind natürlich Spitzfindigkeiten, die Spass machen, gedacht zu werden - letztendlich ein verdienter Sieger.

Ihr Favorit war es nicht?

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Go_A aus der Ukraine

Mein Favorit war die Ukraine, ganz klar, weil die es vermocht haben, die neue Art und Weise, wie heute Popsongs gebaut werden, als stetes Crescendo von Einzelpartikeln, die ihrerseits jedes für sich auf TikTok funktionieren würden, in einen Beitrag für den ESC zu übersetzen. Gleichzeitig haben sie Sprache und Harmonien eines folkloristischen Beitrags, wie sie für den Contest typisch sein können, ernst nehmend zu zitieren. Das ganze Ding „shum“ von Go_A war der erste Beitrag zum ESC aus der Streaming-TikTok-Ära der Popmusik. Solche Beiträge werden wir nächstes Jahr mehrere und in zwei Jahren sehr viele zu Gesicht bekommen, und sie werden eher nicht so stark sein, wie dieser dies Jahr der Ukraine - ein Feuerwerk visueller wie akustischer Hooks.

Welche Beiträge waren zudem bemerkenswert?

Frankreich hat es mit einem puren Genre versucht, das kann immer auch funktionieren, obgleich die statistisch meisten Beiträge vermutlich einen Genremix suchen, um in möglichst vielen Publika und Jurys, Stimmen zu gewinnen. Hier hatten wir es mit einem originären Chanson zu tun, der sich zu 100 Prozent auf dessen Wirkungsweisen verlässt. Das fällt eben allein schon deswegen auf, weil wir gesagt viel Beiträge Anschluss in viele Richtungen erhoffen. Hier war es eben von Barbara Pravi auch toll vorgetragen. Im Gegensatz dazu wirkte der Beitrag aus der Schweiz schon fast wie ein Kunstlied, das fiel schon auch auf, und auch hier war der Vortrag seitens „Gijon’s tears“ bemerkenswert gut.

Warum war der maltesische Beitrag so hoch gehandelt und hat es letztlich nur auf den siebenten Platz gebracht?

In dem Fall würde ich sagen, dass „nur“ in Bezug auf den siebenten Platz relativ ist, aber warum es vielleicht nicht in den Ausmass gefunkt hat, in dem das Wettbüros erwartet hätten, hat meines Erachtens damit zu tun, dass die Überwältigungsstrategie, dass Wirkungsgewitter in einem Jahr mit nur 3500 Zuschauer:innen in der Halle nicht automatisch auffallen. In anderen Zusammenhängen hätte dieser Beitrag vielleicht gewinnen können.

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Fans in der Halle

Was für Lehren ziehen wir insgesamt aus diesem Songcontest für die die Kommenden?

Der Rockanteil wird nächstes Jahr stark steigen, aber es wird sicher kein Rock gewinnen. Insgesamt sollte man irgendwann wirklich überdenken, ob die big five wirklich automatisch für das Finale qualifiziert sein müssen, denn man sieht ja, dass man sich damit keinen Gefallen tut. Wenn man das Halbfinale überwinden muss, steigt durch den Wettbewerb die Identifikation mit dem eigenen Beitrag eines Landes, und damit letztlich auch der Wert im nationalen TV als Sende-Ereignis. Die Idee, dass man damit ein Ereignis finanziert, bei dem man dann selber nicht vorkommt, weil man im Halbfinale ausscheidet, ist letztlicht eine Illusion, eine Chimäre, denn man sieht ja an unserem diesjährigen Beitrag: Ohne Lied kann man sich die Teilnahme auch schenken. Schauen Sie sich UK an - vielleicht würde das vereinigte britische Königreich den Wettbewerb nicht verweigern, wenn es für sie einer wäre.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Songs zum Sonntag 09052021

/// Die überaus großartige Songschreiberin, Sängerin, Gitarristin und Banjospielerin Laura Veirs sucht ein wenig eine neue Position im Pop-Gefüge. Seit ein paar Wochen zum PantherBeispiel ist sie jetzt auch auf der Plattform Patreon aktiv, auf der Fans Künstler:innen mit monatlichen Beiträgen unterstützen können, wofür sie direkten Kontakt, priorisierten Zugang zur Kunst oder Musik und Einblicke in die Arbeitsweisen bekommen. Amanda Palmer hat diese Plattform so euphorisch und virtuos für sich entdeckt, dass sie von den dortigen Unterstützungen quasi leben kann. Laura Veirs vielleicht noch nicht, aber ihr neuer Song atmet ein wenig den Geist der Plattform. Er heißt „The Panther“ und ist klassischer Veirs-Folk, Zupfgitarre, schnörkelloser Gesang und immer mit lachendem Auge im melancholischer Grundstimmung. Wenn man ihn auf Bandcamp kauft, bekommt ihn einmal voll arrangiert und produziert und einmal in einer abgespeckten Ukulele-Version. In beiden Fassungen entfaltet der Song eine Hirosorgsame Unruhe. Und ich weiß noch nicht einmal, wovon er handelt. Vermutlich von einem Panther. /// Claire Laffut hat einen höchst unterhaltsamen Weg gefunden, den wunderbaren Kitsch des Chanson zu unterlaufen und gleichzeitig für ihren Popentwurf zu nutzen, indem sie Lounge-Beats und Understatement unterhebt. Daraus entstanden bislang einige wundervoll französische Pop-Perlen. Nun hat sie die erste Single ihres ersten, bald erscheinenden Albums „bleu“ veröffentlicht, und diese ist eine musikalische Paraphrase des Filmes „Hiroshima Mon Amour“, welcher die Geschichte einer Affäre erzählt - in der Kulisse der Stadt, die man vor allem als Ort eines Atombombenabwurfs im Kopf hat. Man versteht, wenn man nicht sooo gut Französisch spricht, nicht alle diese Schichten unter einem Song, der eben auch "Hiroshima" heißt, aber vielleicht muss man das auch nicht. Der Track funktioniert auch so gut: Schluffige Beats, sphärische Refrain-Chöre und tremoloefreier relaxter Gesang - man möchte direkt einen Rosé aufmachen. ///


Le disque de discours

Suzane und ihre Chanson-Discothéque

Bildschirmfoto 2021-03-09 um 11.38.54Der französische Chanson ist schon fast eine Kulturtechnik, ein kulturell tief verwurzelter Code, der stabil bleibt, egal in welche Richtungen er gebeugt wird, oder aber vielmehr, der so beständig ist, weil er ständig erweitert wird, weil sein Kern dabei immer sichtbar bleibt. Die junge Sängerin und Chansonnière Suzanne hat gerade ihr schon nicht mehr ganz junges Debut-Album auch offiziell hierzulande veröffentlicht und präsentiert auf „Toï Toï“ eine Chanson-Variation, die von Dancefloor, Synthpop und Housebeats unterfüttert wird - Clubmusik mit einer Träne Melancholie in der Plattenrille, mit Texten über das heutige Frankreich, gelbe Westen, queere Frauen und Klimawandel. Die Musik von Suzane wird dabei fast Diskurspop und bleibt doch französisch bis ins Baguette-Klischee: Magnifique.


Komm auf den Punkt

Das Reeperbahnfestival 2020

Daði Freyr bringt die Sache auf den Punkt: „I’m going to stage-dive. Like I always do. Be prepared!“ - das sagt er einem Publikum, das maximal zu zweit auf geklebten Punkten mit je 1,5 Meter Abstand steht. Jeder stage-dive wäre Lebensmüdigkeit pur.

Rbf_pDaði Freyr ist der Isländer, der in jedem Parallelkontinuum ohne Corona in diesem Jahr den Eurovision Songcontest gewonnen hat. Sein Song „think about things“ wurde, als der Wettstreit in unserem Raum-Zeit-Gefüge noch nicht abgesagt war, als der Favorit unter Fans und in britischen Wettbüros gehandelt, und sein explizites Coolnes-Understatement gepaart mit einem Gespür für klare Melodien, nice Beats und Retro-Synthiepop-Sounds scheint über diesen Hit hinaus reichen zu können, so dass es ihm durchaus auch mit einem anderen Song zuzutrauen wäre, im nächsten Jahr zu gewinnen. Jetzt aber war er also beim Reeperbahnfestival zu Gast, und wie auch der Erfolg seines Stage-Dive-Scherzes zeigte: Neben allen musikalischen Fragen war dieses Festival sehr mit sich selber und der Tatsache beschäftigt, überhaupt statt zu finden.

Der Aufwand jedenfalls, um die Hygiene-Regeln bei Live-Konzerten einzuhalten, ist enorm: RbfBei jeder Location muss man sich mit QR-Code ein- und auschecken, man bekommt einen festen Stand- oder Sitzplatz zugewiesen und wird dort hin gebracht, Einlasspersonal und Security sowie entsprechender Getränke- und Essensverkauf braucht es eh, und die ganze Logistik der Musiker*innen hinter den Bühnen muss ja auch pandemie-gerecht vonstatten gehen. Das Reeperbahnfestival kann das alles nur leisten, weil es gefördert wird - nur mit dem Kartenverkauf kann man in diesen Zeiten kein Konzert hinbekommen, ganz zu schweigen von einem Festival.

Nachdem man zumindest an den zentralen Tagen Freitag und Samstag teils 1 Stunde in einer Schlange gewartet hat, und man muss Mitarbeiter*innen und Zuschauer*innen wirklich samt und sonders für die stoische Gelassenheit loben, mit der sie die ganzen Prozeduren mitmachen, überwiegt die Freude über die Tatsache, dass etwas stattfindet. Bei der französischen Sängerin Suzane, die im zum Barkeller umgebauten Nochtspeicher ihren Synthie-House-Chansons vorstellt, habe ich bei einer rührigen Ballade dann tatsächlich eine Träne im Auge. Einfach weil da jemand steht und für ein Publikum singt. Gut. Queerer Synthie-Chanson aus Paris ist eben auch ein Genre, das mir wie massgeschneidert gut gefällt. Selbiges könnte man über den Isländer sagen. Auch der soulige Folk-Pop von Drew Sycamore aus Dänemark gefällt mir. Aber dass ein musikalischer Moment so anrührt, hat eben doch damit zu tun, dass man nicht so viele musikalische Live-Momente hatte, in letzter Zeit.

Normaler Weise kriege ich an vier Abenden immer so so zwischen 18 und 24 Uhr je fünf oder sechs Konzerte hin. 2020 schafft man vielleicht drei. Aber die Festival-Leitung hat ebendies sehr transparent angekündigt in ihren Mails vor Beginn des Festivals. Dass sie nicht wüssten, ob es funktionieren wird, und sie verstehen können, wenn man sein Ticket zurück gibt. Ich habe es behalten und es nicht bereut. Aber es ist eben auch sehr deutlich geworden: Bis in der Branche wieder irgendwas normal wird, fliesst noch der ein oder andere Liter Wasser den Rhein runter.


Ausweglos schön

Lou-Adriane Cassidy hat eines der schönsten Pop-Alben des Jahres aufgenommen

Bildschirmfoto 2019-08-26 um 14.29.14Das Debüt-Album der kanadischen „Voice“-Teilnehmerin Lou-Adriane Cassidy zeigt den französischen Chanson in seiner ganzen Klarheit und Schönheit, in seiner Stabilität aber auch, in Nachbarschaften reinzuschnuppern. Schon der Opener, der Album-Titel-Song „La fin du monde à tour les jours“ zeigt mehre solcher Ausflüge - klingt am Anfang noch Jazz durch, atmet die kaltschnäuzige Intonierung eher Popluft, bevor dann schmachtende Streicher das Lied in die französische Breite ziehen - ein B-Teil stürzt das Ganze dann sogar noch in einen Prog-Rock-Garten - was ist hier denn eigentlich los?

„La poussière“, der zweite Song des Albums dann, ist flapsiger Indie-Rock - trocken aufgespielt mit tollem Bass-Lauf und wieder diesen ironischen Streichersätzen, die es auch schon im ersten Stück gab. Das ist so verdammt gut gemacht, immer zwischen zynischer Trockenheit über das Ende der Welt hinüber schlendernd in die trotzige Ausweglosigkeit der Schönheit des Lebens; davon handeln die Texte, es sind lyrische Kleinode über die Notwendigkeit nicht zu verzweifeln, auch wenn sie nur vom Regen („il pleut“) handeln. Cassidy beherrscht die stete Doppeldeutigkeit von Pop-Songs, wenn man im Stück „l’antidote“ (mit der schönen ersten Zeile „küss mich übermütig, mein Gegenmittel“) über weite Strecken nicht weiß, ob sie vom Meer oder einer Person singt, und ein wunderschönes Break in einen plötzlichen Walzer diese Zweischneidigkeit in Emotion überführt. Lou-Adriane Cassidy kann aber auch eine kleine, feine Gitarren-Ballade in jazziger Chanson-Schwebe halten, die, wie sollte es anders sein, von der Liebe handelt („la petite mort“).

„C’est la fin du monde à tous les jours“ ist ein brillantes Pop-Album, das quasi auslotet, wie man Pop überhaupt noch machen könnte, das man aber eben auch einfach nur hören kann.


Kitsch und Kairos

Einige Gedanken zum Einsatz von Sequencern bei Pop-Konzerten anlässlich der kürzlich besuchten Auftritte von Laing und Jain

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Jain drückt auf ihre im Ärmel eingebaute Fernbedienung

Jemand hat Jain für ihre Konzerte eine Fernbedienung für ihren Rechner gebaut, mit dem sie ihr Audio-Logic oder welches Programm auch immer sie benutzt, steuern kann. Zwar kehrt sie auf der Bühne immer wieder wie eine MC zum zentralen Pult zurück, aber um Breaks innerhalb ihrer Songs aufzurufen, Übergänge abzuspielen und B-Teile einzuleiten, muss sie eben nicht an den Computer. Mit diesem System ist sie mobil und kann unterwegs mit Fernbedienung und Mikro hüpfen, tanzen, sich euphorisch schütteln und natürlich singen.

Laing hingegen rufen die vorgefertigten Sequenzen, Beats und Loops nicht per Fernbedienung ab, hier erledigt dies der Schlagzeuger - das macht auch Sinn, da er adäquat zu seinem Hauptberuf ohnehin für Rhythmik und Timing zuständig ist und dementsprechend dafür auch Talent hat. Und so haben Nicola Rost und ihre beiden Mitstreiterinnen Platz, Agilität und Freiheit für ein Popkonzert, das aber eben ebenso wie bei Jain einen leicht faden Nebengeschmack hat: Ein Großteil der Musik kommt aus dem Rechner, Sequenzen werden hier abgespielt, letztlich wohnen wir einem Playback-Konzert bei.

Der Grund für die Abwesenheit von Instrumenten ist natürlich ein rein ökonomischer. In Zeiten, in denen die Einnahmenerwartung von Musiker*innen bei Konzerten die vom Plattenverkauf übersteigt, ist der Live-Auftritt eben keine Werbe-Massnahme mehr, sondern zentrale Einnahmequelle im Gefüge des Popmarktes, und je weniger Musiker*innen auf der Bühne ihrem Beruf nachgehen, desto weniger müssen bezahlt werden. Proben muss man auch weniger, wenn man nicht die Instrumental-Spuren der Alben möglichst adäquat live nachbauen muss. Da liegt es nahe, die Sequenzen abzuspielen, die man in mühseliger Kleinarbeit am Computer und im Studio zusammen gefrickelt hat, und Laing und Jain sind hier nur zwei Beispiele von Konzerten, denen ich in den letzten paar Wochen beigewohnt habe, bei denen Playbacks zum Einsatz kamen. (Zwei weitere: die Prog-Folk-Band „the day“ verzichtet auf einen Keyboarder, obgleich in ihrem Popentwurf Synthie-Flächen eine zentrale Rolle spielen, Kylie Minogue spielt mit ihrer Band eine Bastardpop-Version von Kylies Hit „slow“ auf den originären Synthie-Sequenzen von „being boiled“ von Human League).

 

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Ein handelsüblicher Sequencer

In der Theorie führt das natürlich zu einem weniger originären Effekt des „Im-Moment-Seins“, aber letztlich ist es vermutlich ohnehin Kitsch, wenn man sich als Konzertbesucher noch einredet, einem Ereignis beizuwohnen, das ein Maximum an Freiheit und Spontanität die Bühne bietet, auch wenn kein Sequencer zum Einsatz kommt. Umgekehrt kann man von Laing berichten, dass ein Genie und Vollprofi wie Nicola Rost den Live-Auftritt so elegant geniesst, dass ihr wundervoll feingeistiger Chansonpop auch ohne Instrumente lebendig und ausreichend live daher kommt - das Konzert im Hamburger Mojo vom letzten Sonntag war grandios, und abgesehen davon sind hier trotz Sequencer ausser Rost noch zwei Sängerinnen, besagter Schlagzeuger und eine Tänzerin auf der Bühne.

Ein wenig mehr Musizieren hätte man sich im Gegensatz dazu bei Jain durchaus gewünscht (sie habe ich im Dezember in Köln gesehen): Dieses Pop-Jahrhundert-Talent ist zwar durchaus dazu in der Lage, über ihre Fernbedienung nicht nur ihren Rechner sondern auch 600 Zuschauer gleichzeitig zum Break in ihrem Hit „Makeba“ zum Hochhopsen zu animieren, auch schichtet und befüllt sie ihre World-Beats teils live mit Stimmen- und Sound-Loops, aber wenn alles dies jetzt auch noch mit Rhythmus-Sektion und Bläser-Ensemble gespielt würde, dann wäre das wirklich das ultimative Pop-Konzert.


Neben mir auf dem Sofa

Beglückend: Das neue Album von Vanessa Paradis

Vanessa Paradis hat über die vielen Jahre ihrer Karriere ein Instinkt dafür entwickelt, mit wem sie gut zusammen arbeiten kann - ihre tollste Platte „Divinidylle“ nahm sie 2007 mit Mathieu Chedid („M“) auf, und das nach ihr benannte Summer-Of-Love-Retro- VplsHippie-Album von 1992 erarbeitete sie mit Lenny Kravitz. Nach der eher etwas mauen Veröffentlichung mit dem für ihren Popentwurf nahezu tautologischen Titel „Love Songs“ (2013) ist das neue Album „Les Sources“ gemessen an dem, was es sein will, ein Vanessa Paradis-Album nämlich, brillant, wundervoll: Folk-Chansons mit seicht opulenten Streichern, kleinen Pop-Tupfern in einem sehr unüberarbeitetem Sound, bei dem manchmal denkt, der Schlagzeuger sitzt neben einem auf dem Sofa. Die hoch poetischen merkwürdig unrhythmischen und doch in schönen Melodien singbaren Texte hat ihr frisch angetrauter Ehemann, der Lyriker und Romancier Samuel Benchetrit, geschrieben, für erwähnt handgemachten Klang der Band und Produktion zeichnet der relativ unbekannte Paul Butler der Indiepop-Band „The Bees“ verantwortlich. Die so entstandenen Lieder über die Unzulänglichkeiten des Menschen bei der Liebe und das ungenügende Glücksversprechen eben dieser Liebe sind wie für Vanessa Paradis gemacht, eben weil sie für Vanessa Paradis gemacht sind. Dieses Album wird niemanden, der Vanessa Paradis nicht liebt, bekehren, aber für die, die sie lieben (und ihr ahnt es: Ich gehöre dazu), ist es ein Glücksfall.