Pop mit Konzept

Emotions-Anleihen

Instant-FOMO: Der Helene Fischer-Ticket-Pre-Sale-Wahnsinn

Der Vorverkauf hat begonnen - wenn der Freedom Day abgefeiert, unsere halbjährliche Impfung Alltag geworden und die Ampel-Koalition 16 Monate im Amt gewesen ist, geht Helene Fischer auf große Tournee - 60 Konzerte plant die Eurodance-Sängerin ab Frühjahr 2023 zu ihrem gerade erschienenen Album „Rausch“; und ein Rausch soll auch das Konzerterlebnis werden. Die Show wird ihr auf den Leib geplant - und zwar von niemand Geringerem als dem Cirque Du Soleil. Auf einem Schwan zur Bühne fliegen, inszeniert von DJ Bobo, war gestern. Der Promotext verspricht, dass "Die Erfolgskünstlerin mit ihrer Vielseitigkeit, Wandlungsfähigkeit und ihrem Wagemut einmal mehr Gesang, Tanz und Artistik zu einem Gesamtkunstwerk von ungeheurer Grandezza und Intensität verbindet.“ - klingt als habe die Sache schon statt gefunden. Hier finden also zwei Phänomene zueinander, die immer wieder mal miteinander flirten: Pop und Zirkus. Was sie verbindet ist die zunächst sinn-entkoppelte Hingabe, die auf anderer Ebene wieder mit Inhalt und Emotion aufgeladen werden kann, eine hingebungsvolle Leerstelle, die leuchtet, weil sich ihr hingegeben wird. Wenn Fischer ihre Entgrenzungslyrik in der Melodie eine Quart höher schraubt, werden Trapezkünstler:innen an Schaukeln über die Köpfe des Publikums schweben. Die Menschen werden mit offenen Mündern in den Veltins- und Mastercard-Hallen stehen, denn das wird alles ganz sicher ziemlich erstaunlich.

Bildschirmfoto 2021-11-23 um 09.28.14

Die volle Live-Überwältigung ist dabei eigentlich die visuelle und logische Konsequenz aus dem antiseptischen Entgrenzungs-Pop von Helene Fischer. Als ich von der kommenden Tour las, war ich allein schon von der Ankündigung so eingenommen, dass ich dachte: Da muss selbst ich hin. Obwohl das Ganze erst in eineinhalb Jahren losgeht, setzte bei mir eine Instant-Fear-Of-Missing-Out ein. Himmel! Selbst die Pre-Sale-Paket-Namen sind von lyrischer Promo-Schönheit. Wer sich jetzt schon ein Ticket sichert, der hat die Wahl zwischen dem „Blitz! Early-Entry-Paket“ (ab 249 Euro), dem „Jetzt-Oder-Nie-Hot-Ticket“ (ab 279 Euro) oder dem „Wir werden Eins - Golden-Circle-Paket“ (ab 299 Euro). Egal für welches Package man sich entscheidet, dazu buchen kann man dann noch das „Helene Fischer Collector Ticket im Design der "Rausch - Live" Tour 2023“ - eine Plastik-Karte mit gestanztem Baumwoll-Band, das sicher auch noch mal 30 Euro oder so kostet. Man hat das Gefühl, hier werden nicht Eintrittskarten verkauft - sondern Emotions-Anleihen auf die Zukunft.

Wer das von aussen betrachtet, der findet das sicher befremdlich, aber man hat auch den Eindruck, dass hier ein Scheitern ausgeschlossen wird - wer heute schon so viel Geld für eine Ereignis ausgibt, dass im März 2023 stattfindet, der wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch begeistert sein, im März 2023. Es ist dies ein Termingeschäft mit Überwältigung, das man mit der Ticketfirma eingeht, und Helene Fischer ist die Erfolgsgarantin für diesen Kaufvertrag. Man wünscht sich fast, dass man dazu gehört und das auch irre finden und über ein Jahr Vorfreude haben könnte.


Der Schalk im Nacken des Vergessens

Neue Platten von Maite und Michael-Patrick Kelly

Die Geschwister Maite und Michael-Patrick, einst Mitglied der in den 90ern absurd erfolgreichen Kelly-Family, veröffentlichen heute beide neue Alben. Zwischen diesen Platten zieht sich ein Panoptikum auf, das auf eine gewisse Weise exemplarisch für die deutsche Poplandschaft als solche angesehen werden kann.  Während Michael-Patrick Kelly auf seiner Platte „B.O.A.T.S“ einen sphärischen Folk-Rock sucht und ihn in Form eines kitschigen Well-Made-Pops findet, Maitehat Maite Kelly das Identitäts-Angebot des Schlagers angenommen und präsentiert auf ihrem Album „Hello“ klassischen Helene-Fischer-Franchise. Zwar sind die beiden Kelly-Platten vom Stil also höchst unterschiedlich, dennoch stehen beide für eine Pop-Spielart, die so nur in Deutschland möglich beziehungsweise erfolgreich ist: Beide segeln im Schlager-Fahrwasser, weil sie Hedonismus mit äusserst unhedonistischen Mitteln predigen.

Das ist per se natürlich nicht verwerflich sondern ein völlig legitimes Mittel, um sich der heutigen, mehr als unübersichtlichen Welt zu nähern, beziehungsweise um akustische Angebote der Ablenkung anzubieten. Was beiden Platten aber abgeht, ist das Augenzwinkern hinter den Popentwürfen, der Schalk im Nacken des Vergessens aller Schwierigkeiten. (Wie das funktioniert, dazu muss man sich unter den heutigen Neuerscheinungen nur einmal eine Platte weiter klicken - in die Guest-Edition von Kylie Minogues letzter Platte „DISCO“: Der hier zelebrierte Sound wird mit derartig ironischer Leidenschaft am Rande der Perfektion vorgetragen, dass es eine Freude ist.) Aber offenbar möchten anders als ich die meisten Pophörer:innen diese campe Durchlässigkeit nicht hören, sondern statt dessen eben die Illusion authentischer Emotion.

Irgendwie kommt mir das abwegig vor, aber dann hört man Maite Kelly diese Strophe des Songs „So lange Sehnsucht in mir lebt“ singen: „Ich leb’ im Schatten der Routine, und man sieht es mir nicht an. Ich lenk’ mich nur ab, Paddykämpf mich durch den Tag, denn irgendwann komme ich an.“ - und dann denkt man: Vielleicht ist das tatsächlich ihre Lebenssicht, vielleicht zeigt sich in solchen Zeilen der Versuch einer tiefschürfenden Klarheit und echten Authentizität. „Für Gefühle kann man nichts, zwischen Wahrheit oder Pflicht“, singt Maite an anderer Stelle, und das lässt mich dann denken, dass ironische Brechung hier einerseits völlig fehl am Platz wäre, andererseits aber vielleicht durchaus Teil dieser Popmusik ist, und ich sie nur nicht höre, weil sie anders verbaut wird, als Kylie Minogue das macht. Auch Zeilen wie „You tell me you're okay / But your voice don't match the words you said“ aus Patrick Kellys Song „blurred eyes“ hat nicht die Doppelbödigkeit, die ich an Popsongs liebe, aber was für mich versatzstückhaft klingt, kann man durchaus auch als gradlinige Ehrlichkeit lesen.

Man kann es nicht aufklären, denn es geht hier um Geschmack, klar. Aber man kann durchaus mit offenen Ohren zur Kenntnis nehmen, dass die beiläufige Relativierung des eigenen Popentwurfs nicht das Mass aller Dinge sein muss. In dem Schlager einer Maite Kelly oder dem Folk Pop ihres Bruders steck irrsinnig viel Pathos und Kitsch. Aber irgendwo kommt der her. Und hat seine Berechtigung, auch wenn das nicht gefällt.

nota bene: Maite Kellys Platte ist schon im März erschienen. Heute neu ist eine Bonus-Edition dieses Albums.


Weinschwangerer Ernst und 80s-Presets

RauchPop in Startblöcken - Folge 02 /// Bei der noch sehr jungen Band „Herr Rauch“ denkt man zunächst an Austropop - den Spagat zwischen, Witz, Wahnwitz und weinschwangerem Ernst traut man deutschsprachigem Pop höchstens zu, wenn er den Zynismus des Wiener Schmäh intus hat. Und auch wenn man die Musik dieser Band ohne den österreichischen Vergleich beschreiben möchte und zum Beispiel liest, wen die Musiker auf ihrer Website als Einfluss nennen, bleibt man bei der Vokabel Spagat: Rio Reiser, Udo Jürgens, die Ärzte und Hannes Wader - das muss man auch erst einmal in einen Popentwurf zimmern. Bei „Herr Rauch“ kommen zu den von ihnen Genannten schöner Weise schmockig-volkige Bläser dazu, die sie aus der Russendisko geliehen haben könnten. Aus diesem wilden Stilmix und leichtem bayrischem Einschlag des Sängers brauen die vier Musiker einen Kneipen-Singalong-Rock zusammen, dessen Format mutmasslich eher das Konzert als die Langspielplatte ist - wenn man mich fragt, was ich von dieser Band lieber Flykehätte jedenfalls, Tonträger oder Konzert, ich würde Konzert sagen, denn die Musik klingt so, als sei im Probenkeller bei einem Kasten Bier entstanden und als könnte diese Band sich die Finger wund spielen, bis auch in der letzten Reihe angekommen ist, dass Rock nicht tot ist. /// Die 80er-Revival-Wellen kann man inzwischen schon gar nicht mehr zählen. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Techniken, die in den 80ern den Pop in den Zustand versetzten, sich vom Rock emanzipieren, heute auf ein Handy passen. Die Presets, um so zu klingen, wie es in den 80ern neu war, stehen zu Verfügung, und man braucht eigentlich nur ein wenig Know-How, ein gutes Mikrofon und ein paar social-media-Accounts - los geht’s. Man muss aber natürlich auch wissen, wohin man damit will, wenn man Synthiewave musiziert, denn nicht allgemein verfügbar ist mit den Preset-Sounds eine musikalische Identität, eine Dringlichkeit, warum klingen will, wie man klingt. Bei dem Hamburger Musiker Chris Flyke fehlt mir ein wenig die Antwort auf diese Frage: Warum klingt er also nach den 80ern? Handwerklich sind die 15 Songs seines Debüt-Albums „digital bubblegum“ Nicogut gemacht, auch die Songs haben den Mix aus Eingängigkeit und leichter Überraschung, den man für einen Hit braucht, aber man spürt keinerlei leidenschaftliche Verbindung zwischen Flyke und seiner Musik - in der Hinsicht ist da noch Luft nach oben. /// Genau umgekehrt geht mir das bei dem jungen Sänger Nico Benjamin: Sein Synthpop atmet die Dringlichkeit von souligem Mut, hier will sich jemand mitteilen, und er hat das Besteck dazu, das in Songs zu tun - „till the break of dawn“ ist eine Ode an die Nacht, die nur beim ersten Hören aus den üblich verdächtigen Textbausteinen englischer Poplyrics gebaut zu sein scheint - beim zweiten Hören merkt man die persönlichen Nuancen, die hier gesetzt sind. Die Produktion der eigenen Lieder klingt aber doch ein wenig eindimensional und erwartbar - hier ist hier noch Luft nach oben. Aber eben jenes „till the break of dawn“ läutet den Release einer EP ein, und auf diese darf man allemal gespannt sein. /// 

Links zu den Erwähnten: 

< Website Herr Rauch >

< Website Chris Flyke >

< Youtube-Channel Nico Benjamin >

 


Wenn die Kälte kommt

Über die Tautologie als lyrische Stilfigur im Pop

In dem Video zum Titelsong ihres neuen Albums „wenn die Kälte kommt“ befindet sich die Band Santiano in einer Eiswüste mit Eiszapfen an ihren Bärten, Schnee auf ihren Instrumenten und Dampf aus ihren Mündern. Der ohnehin identitätsstiftende Eskapismus der Formation, der sich aus der Huldigung der mittelalterlichen Seefahrt speist, erfährt in Zeiten, in denen der Klimawandel omnipräsent ist, eine antizyklische Steigerung durch das Heraufbeschwören einer Eiszeit. Unklar bleibt unterdessen, warum diese Eiszeit eintritt, oder für was sie steht, denn Antworten auf die Frage, was denn geschieht, wenn die Kälte kommt, bekommen wir nur sehr spärlich: „Wenn die Kälte kommt / Mit eisiger Hand / Wenn die Kälte kommt / Und dein Herz übermannt / Wenn die Seele friert / Der Atem dir brennt / Dann bin ich bei dir“. Man könnte das Ganze auch so zusammen fassen: Wenn die Kälte kommt, wird es kalt. Diese bestürzend banale Tautologie ist aber im Grunde die wesentliche allegorische 22530179-01Stilfigur, mit denen Santiano ihre Songtexte gestalten und ihre mittelalterliche Seefahrer-Romantik konstruieren: Wenn es auf den Recken regnet, wird er nass, wenn der Met fliesst, trinkt man Alkohol, wenn es stürmt, türmen sich Wellen. Ein anderes Lied auf dem neuen Album heißt „wer kann segeln ohne Wind?“ - Antwort, Spoiler Alert: Niemand. Und in dem Song „solang die Fiddle spielt“, gibt es konsequenter Weise gar keinen Gesang: So lange nämlich die Fiddle spielt, spielt die Fiddle - klar.

Das also etwas unterkomplexe Konstrukt zum Beschreiben einer an sich entrückten, anderen Wirklichkeit mit den Mitteln von Popmusik scheint massgeblich und gewollt - immerhin hat man als Co-Writer für einige der neuen Santiano-Songs Frank Ramond engagiert, der an sich als gewitzt doppelbödiger Songtexter für zum Beispiel Annett Louisan, Yvonne Catterfeld oder den ja leider verstorbenen Roger Cicero bekannt ist. Mit dessen Hilfe hätte man sicherlich auch scharfsinnigere Narrative von Rittern, Seefahrt und Wildschweinen erfinden können, als die Erkenntnis, dass man draussen auf dem Meer in der Ferne vor allem Horizonte sieht - ein weiteres Lied auf der Platte. So weit hergeholt die Welten sein sollen, die hier besungen werden, so überschaubar müssen sie offenbar bleiben, um als Singalongs im Jahre 2021 zugänglich zu bleiben. Letztlich ist das tautologische Rezept für einen Liedtext vielleicht sogar präsenter in der Poplandschaft, als man denken mag. Die neue Platte von Coldplay handelt zum Beispiel von der Raumfahrt, und wenn man sich deren Texte durchliest, erlangt man diese Erkenntnis: Wenn man ins Weltall fliegt, ist man in anderen Sphären. Und Helene Fischer singt zum Beispiel auf ihrem derzeitigen Album das Lied „wenn alles durchdreht“ - einen Nebensatz, den sie für den Refrain gar nicht mehr grammatisch und somit inhaltlich ergänzt: Wenn alles durchdreht … ja was denn jetzt? Naja, dreht eben alles durch.

Man könnte mir nun vorwerfen, dass ich mich durch die Albumcharts klicke und wie jemand, der Schuhe kauft, nur auf Schuhe achtet, jede Liedzeile als tautologische Allegorie im Sinne von Santiano interpretiere, aber für Santiano gilt meiner Meinung nach wie gesagt durchaus, dass die bestürzenden Banalitäten, die hier gesungen werden, so auch gewollt sind - musikalisch ist das nämlich auch souverän so ausgestaltet, wie man klingen möchte: Maskulin-mittelalterlicher Shanty-Poprock. Der eben, das sei noch mal erwähnt, irre erfolgreich ist - vor ihnen in den Charts sind derzeit nur Helene Fischer und Coldplay.


Mobilität und Unvernunftsappelle

Der Popticker bricht das Tabu und bespricht bereits jetzt das neue Album von Helene Fischer

Das in knapp drei Wochen erscheinende Album von Helene Fischer wird „Rausch“ heißen - und als Rausch ist es auch angelegt: 24 Songs bietet das neue Popschlager-Flaggschiff aus dem Hause Fischer, und es sucht also seine Strategie auch in der emotionalen Überwältigung durch schiere Masse. Die Song-Titel sind schon bekannt gegeben, und es ist wohl nicht zynisch, wenn man formuliert: Thematisch hat sich nicht viel getan: „Volle Kraft voraus“, „Null auf 100“,  „Engel ohne Flügel“, „Liebe ist ein Tanz“ „Wann wachen wir auf?“ , „Blitz“, „Luftballon“, „Jetzt oder nie“; „Zeit“ - so heißen die Lieder. Die üblichen Topoi also: Mobilität, Unvernunftsappelle, Diskrepanzen zwischen objektiver und subjektiver Zeit, Himmels-Allegorien und radikale Liebe sind die Themen, aus denen sich der Schlager zusammen setzt, und der sich mit den Mitteln des Pop, die keine so beherrscht wie Fischer, vermarkten lässt. Auch für die musikalische Grenzüberschreitung ist gesorgt, wenn Helene in den Latinopop rein schnuppert und mit Luis „Despacito“ Fonsi „Vamos a marte“ trällert. Auch auf Spanisch wird also das Weltall bereist, Luis und Helene wollen gemeinsam zu Mars marschieren - das Wandern ist des Fischers Lust.

RauschDie Konsequenz, mit der hier funktionale Rezepte durch dekliniert und angewandt werden, ist von von stoischer Präzision - das kann man jetzt schon sagen, wo erst zwei der 24 Songs bekannt sind. Stets ist die Rede von Bewegung, Entgrenzung und eben Rausch, nie kommen musikalische Mittel der Bewegung, Entgrenzung  oder des Rausches zur Anwendung - der Fischersche Schlagerpop definiert sich so durch eine gigantische Maschinerie des rasenden Stillstands. Das hört man der Musik auf der neuen Platte quasi schon an, ohne sie hören zu können - Musik jenseitig der Musik also, und somit ist dies mithin eine Form des Triumphes der Popkultur über ihr häufigstes Genre, der Musik. „Was für ein brillanter Schachzug!“, könnte man konstatieren, ein Werk ohne Werk gar, das freilich den Status des Werkes aufgibt, wenn es erscheint. Was für ein Interruptus es doch wäre, wenn Fischer nun diesen „Rausch“ - sagen wir: aus künstlerischen Gründen - zurück zöge. Und es blieben der Welt von diesem Doppelalbum nur die beiden Lieder mit der gekoppelten Aussage: Lass uns mit voller Kraft voraus zum  Mars gehen. Herrlich.

Aber dazu wird es natürlich nicht kommen - mit Erbarmungsloser Entschlossenheit wird am 15. Oktober „Rausch“ erscheinen und sein wundervoll potentielles Nichterscheinen negieren - das gehört nun mal zum Pop dazu, und wir haben es ja nicht mit Konzeptkunst zu tun, oder vielmehr zumindest mit keiner, bei der das Konzept im Vordergrund steht, weil das Werk hinter ihm zurück steht. Die Fans werden überwältigt sein, die, die, damit nichts anfangen können, werden sich verwundert die Augen reiben und auf den so sicher wie das Amen in der Kirche kommenden Ohrwurm schimpfen, („Warum muss ich das kennen? AAAAH!“) - und Helene Fischer wird in die postpandemischen Arenen Deutschlands fliegen und Celine Dion covern - wenn einem also Gutes widerfährt, das ist schon einen „Asbach Uralt“ wert.


Kapitänsbinde der Revivalindustrie

Neuester 80er-Trend: Covern

Man fragt sich beim der mindestens vierten Welle des 80er-Revivals allmählich, ob es nicht noch mehr Dekaden gibt, die sich re- oder upcyclen liessen. Aber naja: Die 50er sind dann doch schon zu lang her, die 60er fallen wegen ihrer Unschärferelation im Verhältnis zu den 70ern aus dem Kult-Raster und sind mit zum Beispiel der Rockabilly-Bewegung oder dem nachhaltigem Erfolg der Beatles oder der Stones zudem konstant manifestiert erinnert, die 70er bis zu den 90er sind die großen Poptalgiezugpferde, und alles, was danach kam, ist noch nicht lang genug her, um rückblickenden Konsens darüber zu erzielen, was an den Nullern oder Zehnern so prägend war, dass man es nun aus dem Kühlschrank holen könnte - auch wenn man sich bei der so genannten „Class of 2005“ (Franz Ferdinand, Kaiser Chiefs, Arctic Monkey) allmählich zaghaft an Reissues versucht.

Mist

Zweifelsohne aber tragen die 80er tragen immer noch die Kapitänsbinde der Revivalindustrie, und nun rückt offenbar das gezielte Covern von Hits aus der Zeit von Magnum, Zauberwürfeln und Schulterpolstern in den Fokus der steten Revitalisierung: Gleich drei Konzeptalben aus den letzten Wochen tun dies, und um es gleich vorweg zu sagen: In zwei von diesen drei Fällen ist das Ergebnis entsetzlicher Mist.

Von Alex Christensen und seinem angeblichen Berlin-Orchestra blieb das zu erwarten - diese unselige Verbindung hat bereits auf drei Alben Songs der 90er, in denen der Produzent Christensen musikalisch zuhause ist, in Orchestermusik übersetzt, was überraschender Weise meist kaum zu hören war, denn was an Orchester eigentlich dazu erfunden wurde, hat man dann wiederum durch billige Beats und gestauchten Breisound wieder hinfort produziert, so dass die neuen Versionen der Eurodance-Klassiker kaum anders klingen, als die Originale - Ergebnis also: nervige Lieder werden mit großen Brimborium nicht verbessert. Nun hat sich Herr Christensen also die 80er vorgenommen, und wenigstens hat er jetzt also großartige Lieder, von denen er das Niveau aber nicht halten kann - wer es hinbekommt einen der größten, schönsten, erhabenen Songs der 80er, der Popmusik als solcher gar, „Smalltown Boy“ von Bronski Beat klingen zu lassen wie einen matschigen Möchtegern-Lloyd-Webber-Song, der hat nicht nur Lafeeversagt, der hat sich schuldig gemacht. Und Ronan Keating, der das „singt“, dem gebührt fortan Berufsverbot. Und Alex Christensen sowieso. Das Album „Classical 80s Dance“ bitte canceln.

80er-Hits übersetzt hat auch Ex-Teenpopstar LaFee - und zwar im sprachlichem Sinne: Sie singt Madonna, Nik Kershaw oder Alphaville auf Deutsch. Sinniger Weise heißt das Album, auf dem sie diese Songs versammelt, „Zurück in die Zukunft“. Wobei das „Zurück“ in diesem Falle den Status von Doppeldeutigkeit erlangt, denn ihr 80er-Projekt ist gleichzeitig ihre erste Veröffentlichung von Musik nach zehn Jahren. Nun wissen die meisten Leser meines Bloges sicher nicht, wer das ist, LaFee, und um ganz ehrlich zu sein, der Autor dieses Bloges wußte Olsendas bislang auch nicht, aber damit ihr jetzt nicht googlen müsst, habe ich das mal getan: LaFee war ein Teenpopstar, der im von Viva und der Bravo geebnetem Fahrwasser von 2006 bis 2011 deutschsprachigen Poprock veröffentlichte - ein Image-Entwurf irgendwo zwischen Avril Lavigne und Helene Fischer, auch wenn die beiden in der Hochphase von LaFee noch nicht all zu bekannt waren. Nun schaut sie also in erwähnt doppeltem Sinne 10 bzw. 30 Jahre zurück, und wer macht diesem Ex-Popstar nun für dieses Vorhaben wohl ein Identitätsangebot - klar der Schlager. (Dessen Identitäten anbietende Strategie ich kürzlich < HIER > versucht habe, zu erläutern.) Der Spagat zwischen Schlager und Dekaden-Revival funktioniert überraschend gut - hier greift meine These von Pop, in dem man das Neue wieder-erkennt, vorzüglich, denn wir meinen Eurodance-Schlager zu hören und merken dann: Hoppla, das ist ja Cyndi Lauper („Wenn du fällst, lass dich fallen, ich steh’ hinter Dir / Zeit heilt die Zeit“). Oder man erkennt in den Zeilen „Und wenn der Regen auf uns fällt, wirst du mein Regenbogen sein“ plötzlich Pia Zadora und Jermaine Jackson - Freunde der Nacht, versteht mich nicht falsch, wenn ich sage, dass das Ganze funktioniert, das ist schon auch ziemlich furchtbar, was LaFee hier macht, aber funktionieren tut es.

Wirklich toll aber ist die kleine, feine EP „Aisles“ von Angel Olsen, die fünf 80er-Songs Sphäre, Zuseligkeit und fiebrige Unzufriedenheit abringt - mit 5 Liedern manifestiert sich ein klarer Popentwurf, der erkennen lässt, was Angel Olsen aus dem 80ern interessant findet, und wie sie das ins Heute singt. Ihre Version von Billy Idols "eyes without a face" zum Beispiel, für mich das gelungenste Cover auf dieser schönen Platte, malt in surrealer Einsamkeit eine schöne Pop-Perle auf die 80er-Leinwand. So schau ich gerne zurück.


Du kannst jederzeit zu uns kommen!

Der Schlager macht Popstars zunehmend Identitätsangebote

Vielleicht ist es eine Momentaufnahme und noch kein Trend, aber derzeit scheint das, was man im Allgemeinen Deutschpop nennt, zurück gedrängt: Waren noch vor gut ein, zwei Jahren die Charts von deutsch-sprachigem Pop durchdrungen, herrscht heute in diesem Genre-Segment ziemliche Leere. Fast könnte man eine Parallele zur Neuen Deutschen Welle, zur NDW in den

S-l300
Ausverkauf NDW

80er ziehen: Die Aufbruchsstimmung verkam zum ideenfreien Franchise, und die Folge war eine Inflation, bis der Markt schließlich kollabierte. Inzwischen haben wir auch eine Szene mit etlichen Menschen, die unter ihrem Vornamen mit Ouh-Oh-Chorischen Flächenpop den Markt überschwemmen, und schon jetzt muss man befürchten, dass von diesem Heer an Musiker:innen nur die Erfolgreichsten bleiben werden - Mark Forster würde dann, was Nena zur NDW war, während einer so großartigen Songschreiberin wie Antje Schomaker das Schicksal von Ina Deter droht?

So weit ist es sicher noch nicht, und die Situationen sind auch nur zum Teil vergleichbar. Das, was wir heute NDW nennen jedenfalls, war im gewissen Sinne auch der Postpunk der BRD, eine Subversion, welche die Popkultur und den Schlager mit Unsinn und Widerstands-Geist unterwanderte. Daraus entstanden so groteske Situationen wie die, als Dieter-Thomas Heck sich weigerte, eine harmlose Band wie „Geier Sturzflug“ und ihre zweite Single „Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“ anzusagen, weil ihm das zu frech war. (Wirklich politische Bands oder gar Punks wie Fehlfarben, Hansa-A-Plast oder Extrabreit schafften es freilich gar nicht erst in die ZDF-Hitparade.) Dementsprechend aufrührerisch und aus heutiger Sicht historisch wirkte es dann, wenn Trio ihren Dada-Punk-Pop in eben dieser Sendung aufführten. Während also vor 40 Jahren Pop im Geiste des Punk Schlager enterte, fehlt dem Deutschpop dieses beginnenden Jahrzehnts jeglicher aggressive Gestus, um sich der umgekehrten Unterwanderung des Schlagers zu erwehren. Der Schlager hat sich geöffnet, und Pop war darauf nicht vorbereitet.

517EXC1J7qL._SS500
Relevanter Rant

Dass der deutschen Popmusik der Schlager auf die Pelle gerückt ist, daran ist diese Popmusik letztlich selber schuld. Sie hat, wie Jan Böhmermann in seinem bis heute relevanten Rant und dem damit verbundenen Song „Menschen Leben Tanzen Welt“ gezeigt hat, einen Setzkasten an musikalischen und lyrischen Stilmitteln heraus gebildet, der der Gleichförmigkeit des immanenten Konservatismus im Schlager in nichts mehr nach steht. (Was wiederum doch auch wieder eine Parallele zur NDW sein mag, die erodiert ist, nachdem ihr ursprüngliches Kapital, die Phantasie, zur Regelsammlung verkam.) Die Nähe zwischen zwei Genres, deren Trennschärfe eigentlich der Pop kultivieren sollte, gibt dem Schlager wiederum die Möglichkeit, nicht ausreichend erfolgreichen Interpret:innen der Popmusik Identitätsangebote mit seinem Spielregeln zu machen.

Article_portrait-caca746d09b843979c963c204f456987
Angebot angenommen:
Ben Zucker

Und es gibt diese Angebote, und zwar sowohl an Sänger:innen, die neu sind und noch keinen Popentwurf heraus gebildet haben, ebenso an Intererpret:innen, die im Pop schon mal erfolgreich waren oder sogar noch sind. Für die erste Kategorie gibt es das Beispiel Ben Zucker, dessen neues Album „jetzt erst recht“ gerade recht erfolgreich ist - Zucker ist in seiner Rockattitüde eigentlich prädestiniert dafür, Deutschpop im besten Sinne zu singen, aber irgendwie reicht es dafür nicht, und so biegt er seinen Popentwurf in Richtung Schlager, welcher ihm aufgrund dieses Zugeständnis eben einen Platz in seinem Kreis anbietet: Seien Sie doch bitte, Herr Zucker, ein wenig wie Hans-Hartz, aber nehmen Sie auch Gitarren rein, denn die weißen Tauben sind noch lange nicht müde. Zucker singt also mit schlagerschem Emotions-Tremolo und Whisky in der Stimme eine Art rück-authentifizierten Schlagerpoprock, und als hätte Böhmermann nie statistisch die Häufigkeit der Begriffe Menschen, Leben, Tanzen und Welt in der Deutschpoplyrik konstatiert, so heißen denn die ersten drei Lieder auf erwähnten Zucker-Album: „Guten Morgen Welt“, „Bist Du der Mensch“ und „Das ist nicht das Ende der Welt“.

Ähnliche Identitäts-Angebote für Interpretinnen macht der Schlager in Falle von zwei Comeback-Versuchen ehemaliger Popstars: Da sind zum Einem die No Angels, welche die Neuauflage ihres ersten Hits „Daylight in your eyes“ kürzlich in der TV-Show
„Schlagerchampions - Das große Fest der Besten“ zum Besten gaben. (Am Bühnenrand tanzte Ross Anthony, der wie die No Angels einst als Popstar durch die Sendung „Popstars“ Erfolg hatte, und und sich heute als Schlagersänger verdingt. Ebenso wie Giovanni Zarrella, sein ehemaliger Bandkollege bei „Bro’sis“, der derzeit in den Charts mit einer bi-lingualen

Bildschirmfoto 2021-04-27 um 11.52.09
Blümchen in Gold

Songsammlung  instant-italienisches Lebensgefühl in Musikform verkauft.) Da ist zum Anderen Jasmin Wagner, die einst in den 90ern als Blümchen bekannt war. Nach ihrem ersten Comeback-Versuch 2006, mit an sich ganz charmanten deutschsprachigen Chansons, die sie mit Bernd Begemann schrieb, erscheint nun in Kürze ein Schlager-Album, dessen Titelsong „Gold“ bereits die Richtung vorgibt: Eurodance mit viel goldener Haut und einem, mit Verlaub, selten dämlichen Text: „Gold! Ein Herz aus Gold / hab’ ich immer schon gewollt.“ - nun ja.

Man könnte also sagen, dass der Schlager denjenigen, die aufgrund der Deutschpop-Inflation hinten runter zu fallen drohen, Ablösesummen bietet und mit Handgeldern wedelt. Vom Gestus her ist das sektengleich: Du kannst jederzeit zu uns kommen. Bei manchen schlagen diese Angebote dann voll durch, siehe die bisher genannten Interpret:innen, wieder bei Anderen bleiben Hintertüren im Popentwurf - man höre sich einmal das aktuelle Album von Sarah Lombardi an. Es heißt „im Augenblick“ und hat somit schon einen klassischen Topos des Schlagers UND des Deutschpops im Titel (Kairos und Ewigkeit), und es klingt in seiner synthetischen Beiläufigkeit anschlussfähig an beide Genres, mit denen wir uns heute beschäftigen. Man höre dazu dann einmal im Vergleich

Bildschirmfoto 2021-04-27 um 12.05.23
Augenblick mal

die aktuelle Single von Mark Forster und Lea, den Song „Drei Uhr Nachts“, in dem die titelgebende, nächtliche Uhrzeit symbolisch für die Einsamkeit  der oder des Singenden steht. Bösartig gesagt ist dieser Song ein Paraphrase auf den Signature-Hit von Helene Fischer. Zumindest ist der Topos Nacht ähnlich eindimensional verwendet wie im Schlager. Die Charakteristika, mit denen sich Lombardi, Forster und Lea noch vom Schlager abheben, sind Nuancen. Wer sich einmal durch den Sampler „Ich find Schlager toll 2021“ klickt, der merkt wie entgrenzt sich dieses traditionell eigentlich verharrend und bewahrende Genre geriert: Rockgitarren, pseudonordische Mystik, queere Thematiken, Mittelalter, Klimaschutz und Techno - eine bunte Wiese der Möglichkeiten, und doch klingt alles recht einheitlich.

Wer Pop auf Deutsch singt, der muss sich also was einfallen lassen, um die verlockenden Angebote aus dem Nachbar-Genre auszuschlagen. Geschieht dies zu wenig, droht dem Deutschpop der Kollaps wie einst der NDW.


Le disque de discours

Suzane und ihre Chanson-Discothéque

Bildschirmfoto 2021-03-09 um 11.38.54Der französische Chanson ist schon fast eine Kulturtechnik, ein kulturell tief verwurzelter Code, der stabil bleibt, egal in welche Richtungen er gebeugt wird, oder aber vielmehr, der so beständig ist, weil er ständig erweitert wird, weil sein Kern dabei immer sichtbar bleibt. Die junge Sängerin und Chansonnière Suzanne hat gerade ihr schon nicht mehr ganz junges Debut-Album auch offiziell hierzulande veröffentlicht und präsentiert auf „Toï Toï“ eine Chanson-Variation, die von Dancefloor, Synthpop und Housebeats unterfüttert wird - Clubmusik mit einer Träne Melancholie in der Plattenrille, mit Texten über das heutige Frankreich, gelbe Westen, queere Frauen und Klimawandel. Die Musik von Suzane wird dabei fast Diskurspop und bleibt doch französisch bis ins Baguette-Klischee: Magnifique.


Your Disco needs you

Disco kann Kylie - ihr neues Album ist grandios

Wenn Kylie Minogue ihrem Country-Album mit demselben Konzept wie dem neuen Album den Titel verpasst hätte, hätte es „Country“ geheissen. Die neue Veröffentlichung heißt „Disco“, und wenn man auch niemals the book by it’s cover judgen sollte, so Bildschirmfoto 2020-11-23 um 13.49.24sei im Falle dieser Platte eine Ausnahme gemacht, denn was Kylie mit Titel und Cover verspricht, das hält sie auch: Disco ist ein Disco-Album mit Discomusik und Discohits mit Discobeat und Discosounds. Und wenn man sich das anhört, merkt man erst im Nachhinein, wie mittelmässig ihr letztlich auch halbherziger Country-Versuch war. Anders gesagt: Disco kann Kylie. Da dotzen die Vier zum Boden, das flächt sich der Dancefloor mit glasklaren Strings in die Breite, das geht der Bass straight ahead, und über allem thront die Kylie mit dieser Popstimme. Man weiß auch gar nicht groß, was man da beschreiben soll: Dieses Album kann man gar nicht reflektieren, es macht einfach einen Heidenspaß, und wenn Kylie Minogue neulich im Deutschlandfunk sagte, sie wollte ihren Fans in dieser discofreien Zeit ein wenig Freude und Disco nach hause bringen, dann muss einfach sagen: Mission accomplished. Das Album ist genau das, was es sein sollte, und dass Kylie genau das, was sie erreichen wollte, erreicht, zeigt einmal mehr, was für eine großartige Popkünstlerin sie ist: An „Disco“ ist nichts schlecht. 


Metlife-Crisis

Ohr auf Deutschpop werfen - Folge 14: Neue Alben von Ina Müller, Klan, Ansa Sauermann, Feuerschwanz, Clueso und Saltatio Mortis

Feuer„Die Hörner hoch - auf gute Tage, wenn Thor den Hammer schwingt/ ruft all die Götter zum Gelage, wo der wahre Met entspringt!“ - so beginnt das neue Album der Band „Feuerschwanz“, die innerhalb des ohnehin schon seltsamen Genres „Mittelalter-Rock“ eine noch mal seltsamere Stellung einnimmt. Mann kann diesen randseitig erscheinenden, aber überaus erfolgreichen Popentwurf, Mittelalter und Rock zu fusionieren, grob in zwei Spielarten unterteilen: Die Bands, die das, was sie tun, mit heiligem Ernst betreiben, und diejenigen, die augenzwinkernde Ironie an den Tag legen - Feuerschwanz sitzen zwischen diesen beiden Stühlen: Sie betreiben heiligen Ernst mit vulgärer Ironie. Gegründet ist die Band eigentlich als Antwort auf die Humorfreiheit der Mittelalter-Szene, aber wenn man sich die Videos des neuen Albums „Das Elfte Gebot“ anschaut, ist man nicht mehr ganz sicher, auf was für eine Veranstaltung man hier eingeladen ist - ein wenig wirken Musik, Outfits und Storylines der Kurzfilme, als sei dieser Formation die ironische Überzeichnung des Mittelalterkonzepts hinten rum wieder in einen apoditktisch ernsten Eskapismus gekippt. So als sei das titelgebende elfte Gebot der Leitfaden zum Anschluss an eine Szene, die nicht verspottet werden möchte. Was wiederum schwierig ist, wenn sich die Drehleierspielerin der Band „Johanna von der Vögelweide“ und der Flötist „Prinz Hodenherz“ nennt. Diese Band übt in ihrer vollkommen rätselhaften Beklopptheit einen eigenartigen Reiz aus.

SaltaDie Kapitäne der Mittelalter-Rock-Szene sind „Saltatio Mortis“. Sie sind vielleicht ein wenig weniger seltsam als „Feuerschwanz“ und gehören auch eher zum „ernsten“ Lager des ritterlichen Rocks. Weitgehend ironiefrei versucht diese Band ihre Musik auch in der Jetztzeit zu verankern, indem sie gesellschaftliche bis politische Themen aufgreifen „Im Fernsehen läuft nur noch Weltuntergang / Hunger, Krieg, Korruption und Super-GAU / Was ich als Armageddon kenn', bringt mir heut wieder die Tagesschau / Was ist hier los, wo führt das hin? / Die ganze Welt dreht sich nur noch um Moneten/ Und ein Haufen irrer Clowns, völlig skrupellos, spielt mit Atomraketen“ - so hört sich das textlich an, und musikalisch zudem heben sie eine Punk-Attitüde unter. Wie darin klassisch mittelalterliche Melodielinien der Dudelsäcke, Drehleiern und Fiddeln von den metallischen Power-Riffs ablenken, hat ein Mass an Professionalität erreicht, die angesichts des Sub-Genres, wenn man es nicht gut kennt, relativ verblüffend wirkt. Im Fahrwasser dieser Virtuosität hat es der Sänger dieser Band, Jörg Roth, fast schon zu einem Popstar gebracht - seine Live-Gesten umarmen die Welt, und wer glaubt, diese Musik sei ein randseitiges Phänomen, dem sei nur rasch gesagt: Die letzten vier Platten von „Saltatio Mortis“ haben die Spitze der deutschen Charts erklommen. Das aktuelle Album „für immer frei“ kommt besonders komprimiert auf den Punkt - die Produktion katapultiert ein einheitliches rockistisches Klangbild ohne viel Details, Cluein dem die angesprochene Virtuosität zu wenig zur Geltung kommt. Ihr vorletztes Album, „Brot und Spiel“, kam filigraner daher. Aber das wird der Hingebung der Fans keinen Abbruch tun - diese Band wird sehr geliebt. Und auch wenn ich nicht sehr viel damit anfangen kann: Durchaus zurecht.

Dass eine Musik derart amplitudenfrei zusammen gestaucht wird, das hat auch Clueso auf seinen neuen EP „aber ohne dich“ geschehen lassen. Leider aber sind ihm auch musikalisch die Feinheiten abhanden gekommen: Die vier Lieder auf dieser Veröffentlichung sind Allerwelts-Deutschpop fern der cluesoisch ironischen Melancholie, einfallslos daher musiziert und einer EP irgendwie nicht wert. Und wer nach „Menschen Leben Tanzen Welt“ ein Lied noch „tanzen“ nennt, da weiß man auch nicht. „Nein, es ist gar nichts okay (okay) / Für mich ist es sitzen bis spät (spät) / Für dich Disko-Realität / Ich warte, dass du ma' was sagst, doch / Klan Du musst tanzen Du musst tanzen.“ - in der Ferne ein Sinn. So ein guter Musiker, aber was hat ihn da geritten?

Das Popduo „KLAN“ hat offensichtlich eine produktive Phase - gerade erschienen ihre beiden EPs „Winterseite“ und „Sommerseite“, die mit je acht Songs schon fast LPs sind, da haben sie für Mitte Dezember deren Bündelung zu einem Doppelalbum mit ingesamt 21 Songs angekündigt. Da soll noch mal einer sagen, junge Pop-Formationen dächten nicht in Alben. KLAN verfolgen einen recht abwechslungsreichen Popentwurf mit Folk-, Soul- und Synthie-Elementen, der durch lässige Beats gebunden und mit stoffeliger Lofi-Attitüde dargeboten wird. Man wird das Gefühl aber nicht los, dass Ideen und Know-How der beiden jungen Männer noch nicht ganz ausreichen, um diesen reichhaltig skizzierten Pop auszuformulieren. Dennoch hege ich Sympathien für diese Musik, weil die sehr hohen Ansprüche auch immer wieder mit merkwürdig ehrlicher Ironie abgefedert werden („Mein Label hat gesagt, ich sollte mal zu TikTok gehen:“) Zudem gelingen Balladen wie Dance-taugliche Gassenhauer. Ein bisschen Zeit braucht das Duo noch, aber in Zeiten, in denen die „Musikindustrie“ anfängt sich Bands zu leisten, die Zeit brauchen, ist das ja sogar beruhigend.

BAnsalues mit orchestralem Pathos und deutschen Texten, der hin und wieder nach einer brauchbaren Rio-Reise-Cover-Band klingt, diesen merkwürdigen Spagat bekommt der Dresdner Ansa Sauermann hin, und damit nicht genug hat der Wahlwiener auch ein wenig Austropop in seinen Popentwurf integriert. Das Ganze klingt auf dem neuen, zweiten Album „Trümmerlotte“ trotz oder gerade wegen der Vielzahl hörbarer Einflüsse angenehm homogen und bierfreudig. Die dazugehörigen Texte sind hin und wieder ein wenig wie die Überwindung von Teenage-Angst eines Midtwenties, aber irgendwie funktionieren sie auch: „Ich steh' so da und mache mir Gedanken / Gedanken, die mich langsam isolieren / Vom zu viel Denken, kann der Schädel leicht erkranken / Das lass' ich besser sein.“ - ein Album, das InaFreude macht und immer bei sich bleibt und gerade deswegen auch über sich hinauswächst. Nice.

Drei Lieder gibt es bislang vom kommenden Album von Hamburgs Nachteule Ina Müller, und alle diese drei Lieder wirken ein wenig wie eine Brigitte-Kolumne. Was ja nicht falsch ist. Wenn man versucht, das nicht all zu theoretisch midlifig zu hören, bekommt man es mit einem sehr zielgruppen-fokussierten Gebrauchspop zu tun. Das Album heißt dann auch „55“ und somit gleich auch eine Alterseignung angegeben, und das Thema ist so in etwa: Eine 55-Jährige hadert mit der modernen Welt: „Jemand twittert irgendwas / Und am nächsten Tag ist alles nichts mehr wert / Einer sprengt was in die Luft / Weil ihn meine Art zu leben so sehr stört / Grenzenlos / Fluten mich die Bilder übergroß / Ganz egal, was auch passiert / Passiert ab jetzt auch immer hier“ - das ist schon alles ein wenig unsubtil aber man ja auch sagen: Auf den Punkt. Man wird nicht so richtig schlau draus, obwohl es recht schlau daher kommt. Und genau das gefällt mir irgendwie schon, auch wenn ich nicht so sehr mit dieser Musik gemeint bin. Vielleicht ist das ja Teeniepop für Menschen in der Midlife-Crisis.