Konzeptpop

Zuckerreduziert

Die Liebäugeln mit Schlager ist als Kriterium auf der Suche nach Pop-Newcomer:innen angekommen

„Konstanze“, sagt Gordon Kämmerer zu seiner Schwester: „Lass uns doch mal n’ Schlagerhit machen, der dann viral geht.“ - ob er viral gehen wird, wissen wir nicht, aber was wir wissen, ist dass Konstanze Kämmerer sich von „Verhaltenstherapie“, wie sich ihr Bruder nennt, wenn er Popmusik macht, zu dem Schlagerhit hat überreden lassen: VerhaDer Song „Rote Rosen“ erscheint heute am 10. Juni, und sein Popentwurf siedelt irgendwo zwischen Catan, Andreas Dorau und Christian Steiffen - das sehr hübsche Promostichwort hierzu lautet: „New Wave Schlager“.

Ein zuverlässiges Trendbarometer ist nicht nur, wenn ein Untergrund-Phänomen in den Maistream wächst, sondern vor allem auch, wenn im Nachwuchs die Schnittstelle zwischen Indie-Whatever in den Mainstream gezielt gesucht und promoted wird. Und da nimmt es nicht Wunder, wenn auf einmal verschiedentliche Newcomer an den Schlagerrändern fischen, und es dort nicht immer trüb zu geht. „Geschwister“ jedenfalls, wie sich die Geschwister mit ihrem Lied „Rote Rosen“ nennen, unterwandern Euphorie und überbordende Emotionen mit einer gehörigen Portion Understatement. Ihr Schlager-Entwurf, wenn man ihn denn überhaupt so nennen will, findet zu allegorischen Zeilen: „Ist wie ein Strauch roter Rosen, Du stichst mich nieder.“ - nicht nur wechselt das angesungene Individuum von einer Sache zu einem Du, überhaupt spielen sich die Lyrics dieses versucht viralen Schlagerhits im Vagen ab (überhaupt ein Konzept im Pop von „Verhaltenstherapie“). Wenn der Song vorbei ist, bleibt ebenso vage, wohin Konstanze und Gordon damit wollen, und wie man es finden soll, aber in der Summe überwiegen bei mir die Sympathien für diese Fusion aus Nerdismus und Schlager.

FalkMit gänzlich anderer Gewichtung aber auch mit der letztlich irrigen Annahme, Schlager nachzubauen, geht der Sänger FALK seine Suche nach einem Popentwurf an. Er kommt allerdings auch mit einem Bein aus der NDW, wenn er Herbert Grönemeyers ersten Hit „Männer“ zitiert und im Songtitel die Frage stellt: „Wann ist der Mann ein Mann?“ - die Frage ist natürlich gestattet. Seine Idee, Schlager mit Rock zu unterwandern, ist zwar keineswegs neu und mit einem Vertreter wie Ben Zucker auch äusserst erfolgreich, dennoch merkt man der Musik von FALK an, dass er nicht von aussen konzeptioniert wurde, um an Gatekeeper wie Silbereisen vorbei zu kommen, aber dennoch reicht die mit Rock einher gehende Ironisierung von Gefühligkeit nicht aus, um Zeilen wie „Du bist die schönste Frau hier im Pub, lange Bein, Rock viel zu knapp“ eine Pop-Absolution zu erteilen. Wenn man also seine von Herbert übernommene Frage, Dagowann ein Mann ein Mann ist, stellt, so lautet bei dieser Single zumindest meine Antwort: 2022 sollte man als Mann sensibler dichten.

Ein im unterwanderten Schlager alter Hase ist Dagobert - man schaue sich nur noch mal seinen Auftritt im ZDF-Fernsehgarten mit seiner ersten Single überhaupt „zu jung“ an. Das war damals ultra-weird und nimmt sich heute völlig alltäglich aus - man merkt schon, wie aus Poprichtung nach der Schlagerwelt geschielt wird, während Helene Fischer und ihr Fahrwasser den dortigen Mainstream in Richtung Pop entgrenzt haben. Nun hat der schweizer Anzugträger auch schon wieder eine neue Langspielplatte im Rucksack, „Bonn Park“ wird sie heißen, und unabhängig Moritzdavon, dass so auch ein Kollege von mir heißt, und Dagobert sein Album in diesem Sinne auch „David Gieselmann“ hätte nennen können, ist die erste Single „Ich will ne Frau, die mich will“ so etwas wie eine Rückkehr zum Sound von „zu jung“, nachdem die letzte Platte recht darker Synthwave war. Gut, aber im Falle von Dagobert bin ich nicht neutral da Fan.

Der junge Osnabrücker Moritz Ley verortet sich und seinen Popentwurf, dem man freilich schon kaum mehr Schlager unterstellen möchte, dennoch im selben Spannungsfeld des Dabobert, irgendwo zwischen gefühligem Deutsch- und wavigem Synthiepop. Der Song „Bei mir“, letzte Woche erschienen, zeigt dann doch, wie filigran die Trennungslinien zwischen Popmusik und der einst hermetischen Volksmusik, um einmal dieses nicht ganz stimmige Synonym zu bemühen, inzwischen sind: Da muss man ganz schön hinterher musizieren, um die Sache noch in deutschen Soul oder so zu biegen. Dennoch ein ganz interessanter Newcomer - erwähnte Single „Bei mir“ ist die Dritte des Osnabrückers, und der Popticker bleibt dran, wenn Weiteres erscheint ...

/// Links zu den Musikvideos /// Geschwister "Rote Rosen" /// FALK "wann ist ein Mann ein Mann?"  /// Dagobert "ich will ne Frau, die mich will" /// Moritz Ley "bei mir" ///


Vom Dirigat zur LED-Wand

Die Geschichte der Song-Inszenierung beim ESC

Esc-look-11Der Eurovision Song Contest ist ja, wie immer wieder erinnert wird, an und für sich ein Wettbewerb von Kompositionen gewesen - die Interpret:innen waren sozusagen Teilnehmende in der zweiten Reihe. Sicher wurde dies in der Praxis auch zu Zeiten nicht so wahr genommen, als noch die Song-Komponist:innen ein Orchester dirigierten - Pop, ob man es will oder nicht, steht und fällt mit denen, die singen. Das Orchester ist folglich dem Playback gewichen, live performt nun Frontfrau oder -mann, und diejenigen, die den Song komponiert haben, werden in eingeblendeten Credits erwähnt oder aber mit etwas Glück von den jeweils Kommentierenden erwähnt. Meist sind es heute auch wie im internationalen Popgeschäft üblich ganze Teams von Menschen, die die Songs zusammen geschraubt haben - ich kann die Quelle leider nicht mehr nennen, aber ich habe irgendwo gelesen, dass zum Beispiel im letzten Jahr durchschnittlich 3,75 Komponisten an den Song-Beiträgen gearbeitet haben.

Seit also das Orchester nicht mehr spielt und dirigiert werden muss, zeigt die Kamera nichts anderes mehr, als diejenigen, die den Song performen, oder eben so tun, als ob sie ihn performen. Naturgemäss wuchs der Anspruch daran, wie man eben dies tut, und also begann man die Auftritte zu inszenieren. Diese Inszenierungen haben, wie wir wissen, einige absurde Stilmittel hervor gebracht - Trickleider, Stabhochwackel-Choreographien, hüpfende Delfine, Schlittschuhe auf Kunsteis-Platten und so weiter; und diese Kuriositäten sind vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es für das Live-Inszenieren von einzelnen Songs keine historischen Beispiele gibt. Sicher, es gab in der TV-Geschichte Sendungen wie „Top Of The Pops“, aber hier genügte für den Inszenierungsfaktor der Glamour-Faktor etlich anwesender Stars, beim Songcontest kann sich nicht auf Star-Power verlassen werden, der Song ist es, der inszeniert werden soll. Und mit eben der Inszenierung, spätestens, ist der ESC kein Kompositionswettstreit mehr, sondern ein Popwettbewerb, weil in der Popmusik, wie Dietrich Diederichsen so treffend definiert, Akustisches wie Visuelles „zusammen fällt“.

Bildschirmfoto 2022-05-13 um 22.21.17Das Inszenieren von drei Minuten Musik ist inzwischen völlig entgrenzt - die LED-Leinwände, Feuerkanonen, Nebelmaschinen und Bühnen-Requisiten werden immer raffinierter, mit planbaren Kameraperspektiven lassen sich virtuelle Treppen, Mondlandungen und surreale Landschaften in Echtzeit herauf beschwören. Wer in diesem Jahr das erste Halbfinale geschaut hat, und vermutlich lässt sich das auch über das Zweite sagen, musste allerdings das Gefühl bekommen, dass die technische Entgrenzung an ihrem Zenith angekommen ist - wer wenig inszenierte hatte quasi sein Ticket ins Finale gebucht, und mit wenig ist hier ein Ausmass gemeint, dass noch vor zehn Jahren als Overkill wahrgenommen worden wäre. Ich habe allerdings den Eindruck, dass dies nicht nur daran liegt, dass man diese Sendung inzwischen mit dem Gefühl sieht, meine Augen rebellieren gleich gegen alle Effekte, es hat auch was damit zu tun, dass all der Feuerfontänen-Bombast die Skepsis provoziert, hier wird kein Song mehr inszeniert, hier wird eher vom Song abgelenkt. Es ist halt so: Irgendwas muss man schon meinen, wenn man auftritt. Sicher, ein gewisses Mass an Ironie ist sicher auch nicht hinderlich, aber man muss den ESC vor allem Ernst nehmen, sonst ist man verloren und wird verlieren, das wird auch an diesem Samstag so sein.


ikonisch ironisch

Warum distanzierter Schlager überhaupt möglich ist

Commissario Brunetti ermittelt ja mitten in Venedig auf Deutsch - dieses ZDF-Konzept in Popschlager zu übersetzen, auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Ob dieser Popentwurf aus der Brainstormhölle, in der Redaktion von Jan Böhmermann oder bei einer schwer durchzechten Nacht entstanden ist, wir wissen es nicht. Was wir indes wissen, ist dass dieser Entwurf in die Tat umgesetzt wurde und derzeit sogar auf der Spitze der deutschen Albumcharts steht: Auftritt „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ - für diese Formation hat man sich eine fiktive Bandgeschichte erdacht und diese mit reichlich blödsinnigen Daten angereichert - frühen Erfolgen bei einem brasilianischem Schlager-Festival etwa, oder einem Debüt-Album namens „Greatest Hits“, dem Bandzerwürfnis und schliesslich dem Comeback mit dem derzeitigen Album „Mille Grazie“. 

Original

Man muss den deutschsprachigen Italoschlager dieses Longplayers nicht gehört haben, um erkennen zu können, dass wir es hier mit einem ironischen Popkonzept zu tun haben. Um so erstaunlicher ist aber, dass die Kernbotschaft dieser Musik, eine sich hingebende Leidenschaft für Italien, die Liebe und das Leben dennoch ungefiltert durch das ironische Breitband-Antibiotikum der unsinnigen Formation hindurch kommt. Und das bei einem derart antiseptisch unironischen Kern-Genre, dem Schlager. Wie ist das überhaupt möglich? 

Dazu muss man vielleicht erst einmal ein wenig ausholen.

In der Rhetorik ist Ironie bekanntermassen die erkennbare Diskrepanz zwischen Gesagtem und tatsächlicher Intention des Geäusserten. Die Erkennbarkeit erzielt man dabei mit Signalen der Distanzierung - zum Beispiel dadurch, dass man Gesagtes gestisch oder stimmlich markiert. Wenn zwei Menschen sich gut kennen, und unter ihnen die Ironie als Code anerkannt ist, muss Gesagtes nicht kenntlich gemacht werden. In der Kunst wiederum, in der sich Sender und Empfänger von Botschaften nicht unbedingt kennen, kann man sich auf ironische Effekte erst dann verlassen, 0602445062171wenn sie als künstlerisches Stilmittel etabliert sind - das muss man aber eben für jedes Werk, jeden Roman, jedes Skulptur neu tun. Das heißt praktisch nichts Anderes, als dass ich bestimmte Stilmittel bewusst übertreibe oder anderweitig abhebe, so dass sie augenscheinlich werden. In der Popmusik wiederum, bei der das bewusste Übertreiben, Zitieren, Markieren und kenntlich Machen ohnehin zu den konstatierenden Stilmitteln gehört, ist die Ironie also präsent, auch wenn sie als distanzierendes Mittel gar nicht gewollt ist - sie ist jenseits von Inhalten Resultat der Form und bezieht sich auch auf diese.

Diese Art der Formenironie wiederum erzeigt das große Referenz-Potential von Pop. Man kann sich der Inhalte bestimmter Genres nämlich zu eigen machen, in dem man deren Stilmittel übertreibt und anderweitig kenntlich macht. Wenn ich zum Beispiel in einem Folksong Flamenco zitiere, distanziere ich mich nicht von dessen potentiellen Inhalten, sondern lasse diese im Gegenteil bewusst mitschwingen. Womit wir bei der Antwort auf die Frage angekommen wären, warum es ironischen Schlager überhaupt geben kann - im Übrigen sind  „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ natürlich nicht die Ersten, die das versuchen. Dagbobert beispielsweise, der große schweizer Liebes-Skeptiker mit dem tiefen Glauben an das Lied, hat den Schlager bereits philosophisch mit Indiepop unterwandert; Alexander Marcus hat einen Soundtrack für die Fusion von Schlager-Move und Loveparade erfunden, der Musiker Drangsal hat kürzlich erst Postpunk in die Schlagernachhilfe geschickt und dafür sogar vom Feuilleton gute Noten bekommen, und die „Crucci Gang“ hat Klassiker des Deutschpop durch eine italienische Espressomaschine gejagt - schade übrigens, dass es die Spex nicht mehr gibt.

Doch zurück zum Italo-Schlager: Auf Deutschlandfunk wurden die beiden Kernmitglieder von  „Roy Bianco“ & die Abbruzanti Boys“ gerade interviewt (namentlich Herr Roy Bianco und Herr Abbruzanti Boys), und in der Ankündigung zu diesem Beitrag wurde deren Presse-Info zitiert, nach der sie das fiktive Narrativ dieser Band niemals verlassen würden. Leider erwiesen sich die beiden Interviewten dann eher als mittelmässige Darsteller ihrer selbst erschaffenen Kunstfiguren: Ihrem feinsinnig ironisiertem Italo-Pop-Schlager sind sie sozusagen schauspielerisch nicht gewachsen. Dennoch eine bemerkenswerte Veröffentlichung, in der die Kulturgeschichte der Ironie skizziert ist - Konzeptpop von hoher und gleichzeitig unfassbar blödsinniger Schule.


Posthyperpop

CRASH - das neue Manifest von Charli XCX

Mutmasslich das erste Sub-Genre der Popmusik, welches massgeblich durch TikTok geprägt wurde, dürfte der Hyperpop sein - ein, wie der Name schon sagt, Konzentrat von Pop, Pop also auf die Spitze getrieben, zentrifugiert, eingekocht und emulgiert. Hyperpop ist für normalen Pop das, was Tomatenmark für frische Tomaten ist. Dieser Vergleich ist übrigens vielleicht auch Unsinn - klingt aber gut. Dem Hyperpop voraus ging die von Katy Perry eingeleitete Hookokratie, die Dominanz also des Refrains, der Hook über das gesamte andere Song-Geschehen: I kissed a girl. Dieser Pre-Hyperpophit war nach strengsten 15-Sekunden-Baustein-Prinzipien konstruiert: Strophe, Bridge, Refrain und B-Teil - alles dauert bei diesem Song exakt 15 Sekunden, und in diesem Sinne ist „I kissed a girl“ mit seiner auf die 100-stel Sekunde stoppbaren Dauer von 3 Minuten auch der Prototyp des ESC-Songs als solchem.

Aber der Hyperpop eben machte aus den 15-sekündigen Bauteilen 5-Sekünder, aus der Hookokratie einen Partikelpop, bei der letztlich jedes freie Radikal eine Hook ist - kurz: Hyperpop klebte Hyper an Pop. Mit ihrer frei-radikalisierten Partikel-Single „… ready for it“ nahm Taylor Swift schon 2017 einige Hyper-Ideen vorweg, während letztes Jahr Olivia Rodrigo dem ultra-beschleunigten Bildschirmfoto 2022-03-23 um 15.33.35Hyperpop mit „drivers license“ eine Ballade abrang, aus der weltweite Songwriting-Camps wiederum den Versuch ableiteten, Lieder zu schreiben, die jenseits vom Strophe-Refrain-Prinzip seicht-stetes Crescendo suchen - vielleicht ist die Musik von Rodrigo also im gewissen Sinne Posthyperpop. 

Selbiges (Posthyperpop sei hiermit konstatiert) könnte man über das neue Album von Charli XCX sagen. Die Engländerin ist eigentlich bislang ein Hyperpopstar, aber mit dem Tracks auf „CRASH“ übt sie sich nun in Retrotechniken: Sie klingen nach Kylie in den Nullern, Technopop der 90er und Eurodance der 80er. Wer als Boomer diese Musik hört, würde erst einmal denken, alles sei hier beschleunigt und übertrieben, aber wer frühere Tracks von Charli XCX kennt, muss aus dieser Perspektive wohl eingestehen, dass ihre neue Platte eher eine Entschlackung darstellt. Summa Summarum leidet dieses Album aber letztlich doch noch an einer Kinderkrankheit des Hyperpop: Das Konzept ist stärker als das Ergebnis. Man merkt dieser Musik immer die Idee an, bevor die Effekte dieser Idee zünden. Das Ganze ist also nicht nur Posthyperpop - sondern erzählt auch von einem Posthyperpophype. Und insofern ist dieser Text hier ein Posthyperpophypepost.


Emotions-Anleihen

Instant-FOMO: Der Helene Fischer-Ticket-Pre-Sale-Wahnsinn

Der Vorverkauf hat begonnen - wenn der Freedom Day abgefeiert, unsere halbjährliche Impfung Alltag geworden und die Ampel-Koalition 16 Monate im Amt gewesen ist, geht Helene Fischer auf große Tournee - 60 Konzerte plant die Eurodance-Sängerin ab Frühjahr 2023 zu ihrem gerade erschienenen Album „Rausch“; und ein Rausch soll auch das Konzerterlebnis werden. Die Show wird ihr auf den Leib geplant - und zwar von niemand Geringerem als dem Cirque Du Soleil. Auf einem Schwan zur Bühne fliegen, inszeniert von DJ Bobo, war gestern. Der Promotext verspricht, dass "Die Erfolgskünstlerin mit ihrer Vielseitigkeit, Wandlungsfähigkeit und ihrem Wagemut einmal mehr Gesang, Tanz und Artistik zu einem Gesamtkunstwerk von ungeheurer Grandezza und Intensität verbindet.“ - klingt als habe die Sache schon statt gefunden. Hier finden also zwei Phänomene zueinander, die immer wieder mal miteinander flirten: Pop und Zirkus. Was sie verbindet ist die zunächst sinn-entkoppelte Hingabe, die auf anderer Ebene wieder mit Inhalt und Emotion aufgeladen werden kann, eine hingebungsvolle Leerstelle, die leuchtet, weil sich ihr hingegeben wird. Wenn Fischer ihre Entgrenzungslyrik in der Melodie eine Quart höher schraubt, werden Trapezkünstler:innen an Schaukeln über die Köpfe des Publikums schweben. Die Menschen werden mit offenen Mündern in den Veltins- und Mastercard-Hallen stehen, denn das wird alles ganz sicher ziemlich erstaunlich.

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Die volle Live-Überwältigung ist dabei eigentlich die visuelle und logische Konsequenz aus dem antiseptischen Entgrenzungs-Pop von Helene Fischer. Als ich von der kommenden Tour las, war ich allein schon von der Ankündigung so eingenommen, dass ich dachte: Da muss selbst ich hin. Obwohl das Ganze erst in eineinhalb Jahren losgeht, setzte bei mir eine Instant-Fear-Of-Missing-Out ein. Himmel! Selbst die Pre-Sale-Paket-Namen sind von lyrischer Promo-Schönheit. Wer sich jetzt schon ein Ticket sichert, der hat die Wahl zwischen dem „Blitz! Early-Entry-Paket“ (ab 249 Euro), dem „Jetzt-Oder-Nie-Hot-Ticket“ (ab 279 Euro) oder dem „Wir werden Eins - Golden-Circle-Paket“ (ab 299 Euro). Egal für welches Package man sich entscheidet, dazu buchen kann man dann noch das „Helene Fischer Collector Ticket im Design der "Rausch - Live" Tour 2023“ - eine Plastik-Karte mit gestanztem Baumwoll-Band, das sicher auch noch mal 30 Euro oder so kostet. Man hat das Gefühl, hier werden nicht Eintrittskarten verkauft - sondern Emotions-Anleihen auf die Zukunft.

Wer das von aussen betrachtet, der findet das sicher befremdlich, aber man hat auch den Eindruck, dass hier ein Scheitern ausgeschlossen wird - wer heute schon so viel Geld für eine Ereignis ausgibt, dass im März 2023 stattfindet, der wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch begeistert sein, im März 2023. Es ist dies ein Termingeschäft mit Überwältigung, das man mit der Ticketfirma eingeht, und Helene Fischer ist die Erfolgsgarantin für diesen Kaufvertrag. Man wünscht sich fast, dass man dazu gehört und das auch irre finden und über ein Jahr Vorfreude haben könnte.


Der Schalk im Nacken des Vergessens

Neue Platten von Maite und Michael-Patrick Kelly

Die Geschwister Maite und Michael-Patrick, einst Mitglied der in den 90ern absurd erfolgreichen Kelly-Family, veröffentlichen heute beide neue Alben. Zwischen diesen Platten zieht sich ein Panoptikum auf, das auf eine gewisse Weise exemplarisch für die deutsche Poplandschaft als solche angesehen werden kann.  Während Michael-Patrick Kelly auf seiner Platte „B.O.A.T.S“ einen sphärischen Folk-Rock sucht und ihn in Form eines kitschigen Well-Made-Pops findet, Maitehat Maite Kelly das Identitäts-Angebot des Schlagers angenommen und präsentiert auf ihrem Album „Hello“ klassischen Helene-Fischer-Franchise. Zwar sind die beiden Kelly-Platten vom Stil also höchst unterschiedlich, dennoch stehen beide für eine Pop-Spielart, die so nur in Deutschland möglich beziehungsweise erfolgreich ist: Beide segeln im Schlager-Fahrwasser, weil sie Hedonismus mit äusserst unhedonistischen Mitteln predigen.

Das ist per se natürlich nicht verwerflich sondern ein völlig legitimes Mittel, um sich der heutigen, mehr als unübersichtlichen Welt zu nähern, beziehungsweise um akustische Angebote der Ablenkung anzubieten. Was beiden Platten aber abgeht, ist das Augenzwinkern hinter den Popentwürfen, der Schalk im Nacken des Vergessens aller Schwierigkeiten. (Wie das funktioniert, dazu muss man sich unter den heutigen Neuerscheinungen nur einmal eine Platte weiter klicken - in die Guest-Edition von Kylie Minogues letzter Platte „DISCO“: Der hier zelebrierte Sound wird mit derartig ironischer Leidenschaft am Rande der Perfektion vorgetragen, dass es eine Freude ist.) Aber offenbar möchten anders als ich die meisten Pophörer:innen diese campe Durchlässigkeit nicht hören, sondern statt dessen eben die Illusion authentischer Emotion.

Irgendwie kommt mir das abwegig vor, aber dann hört man Maite Kelly diese Strophe des Songs „So lange Sehnsucht in mir lebt“ singen: „Ich leb’ im Schatten der Routine, und man sieht es mir nicht an. Ich lenk’ mich nur ab, Paddykämpf mich durch den Tag, denn irgendwann komme ich an.“ - und dann denkt man: Vielleicht ist das tatsächlich ihre Lebenssicht, vielleicht zeigt sich in solchen Zeilen der Versuch einer tiefschürfenden Klarheit und echten Authentizität. „Für Gefühle kann man nichts, zwischen Wahrheit oder Pflicht“, singt Maite an anderer Stelle, und das lässt mich dann denken, dass ironische Brechung hier einerseits völlig fehl am Platz wäre, andererseits aber vielleicht durchaus Teil dieser Popmusik ist, und ich sie nur nicht höre, weil sie anders verbaut wird, als Kylie Minogue das macht. Auch Zeilen wie „You tell me you're okay / But your voice don't match the words you said“ aus Patrick Kellys Song „blurred eyes“ hat nicht die Doppelbödigkeit, die ich an Popsongs liebe, aber was für mich versatzstückhaft klingt, kann man durchaus auch als gradlinige Ehrlichkeit lesen.

Man kann es nicht aufklären, denn es geht hier um Geschmack, klar. Aber man kann durchaus mit offenen Ohren zur Kenntnis nehmen, dass die beiläufige Relativierung des eigenen Popentwurfs nicht das Mass aller Dinge sein muss. In dem Schlager einer Maite Kelly oder dem Folk Pop ihres Bruders steck irrsinnig viel Pathos und Kitsch. Aber irgendwo kommt der her. Und hat seine Berechtigung, auch wenn das nicht gefällt.

nota bene: Maite Kellys Platte ist schon im März erschienen. Heute neu ist eine Bonus-Edition dieses Albums.


Weinschwangerer Ernst und 80s-Presets

RauchPop in Startblöcken - Folge 02 /// Bei der noch sehr jungen Band „Herr Rauch“ denkt man zunächst an Austropop - den Spagat zwischen, Witz, Wahnwitz und weinschwangerem Ernst traut man deutschsprachigem Pop höchstens zu, wenn er den Zynismus des Wiener Schmäh intus hat. Und auch wenn man die Musik dieser Band ohne den österreichischen Vergleich beschreiben möchte und zum Beispiel liest, wen die Musiker auf ihrer Website als Einfluss nennen, bleibt man bei der Vokabel Spagat: Rio Reiser, Udo Jürgens, die Ärzte und Hannes Wader - das muss man auch erst einmal in einen Popentwurf zimmern. Bei „Herr Rauch“ kommen zu den von ihnen Genannten schöner Weise schmockig-volkige Bläser dazu, die sie aus der Russendisko geliehen haben könnten. Aus diesem wilden Stilmix und leichtem bayrischem Einschlag des Sängers brauen die vier Musiker einen Kneipen-Singalong-Rock zusammen, dessen Format mutmasslich eher das Konzert als die Langspielplatte ist - wenn man mich fragt, was ich von dieser Band lieber Flykehätte jedenfalls, Tonträger oder Konzert, ich würde Konzert sagen, denn die Musik klingt so, als sei im Probenkeller bei einem Kasten Bier entstanden und als könnte diese Band sich die Finger wund spielen, bis auch in der letzten Reihe angekommen ist, dass Rock nicht tot ist. /// Die 80er-Revival-Wellen kann man inzwischen schon gar nicht mehr zählen. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Techniken, die in den 80ern den Pop in den Zustand versetzten, sich vom Rock emanzipieren, heute auf ein Handy passen. Die Presets, um so zu klingen, wie es in den 80ern neu war, stehen zu Verfügung, und man braucht eigentlich nur ein wenig Know-How, ein gutes Mikrofon und ein paar social-media-Accounts - los geht’s. Man muss aber natürlich auch wissen, wohin man damit will, wenn man Synthiewave musiziert, denn nicht allgemein verfügbar ist mit den Preset-Sounds eine musikalische Identität, eine Dringlichkeit, warum klingen will, wie man klingt. Bei dem Hamburger Musiker Chris Flyke fehlt mir ein wenig die Antwort auf diese Frage: Warum klingt er also nach den 80ern? Handwerklich sind die 15 Songs seines Debüt-Albums „digital bubblegum“ Nicogut gemacht, auch die Songs haben den Mix aus Eingängigkeit und leichter Überraschung, den man für einen Hit braucht, aber man spürt keinerlei leidenschaftliche Verbindung zwischen Flyke und seiner Musik - in der Hinsicht ist da noch Luft nach oben. /// Genau umgekehrt geht mir das bei dem jungen Sänger Nico Benjamin: Sein Synthpop atmet die Dringlichkeit von souligem Mut, hier will sich jemand mitteilen, und er hat das Besteck dazu, das in Songs zu tun - „till the break of dawn“ ist eine Ode an die Nacht, die nur beim ersten Hören aus den üblich verdächtigen Textbausteinen englischer Poplyrics gebaut zu sein scheint - beim zweiten Hören merkt man die persönlichen Nuancen, die hier gesetzt sind. Die Produktion der eigenen Lieder klingt aber doch ein wenig eindimensional und erwartbar - hier ist hier noch Luft nach oben. Aber eben jenes „till the break of dawn“ läutet den Release einer EP ein, und auf diese darf man allemal gespannt sein. /// 

Links zu den Erwähnten: 

< Website Herr Rauch >

< Website Chris Flyke >

< Youtube-Channel Nico Benjamin >

 


Wenn die Kälte kommt

Über die Tautologie als lyrische Stilfigur im Pop

In dem Video zum Titelsong ihres neuen Albums „wenn die Kälte kommt“ befindet sich die Band Santiano in einer Eiswüste mit Eiszapfen an ihren Bärten, Schnee auf ihren Instrumenten und Dampf aus ihren Mündern. Der ohnehin identitätsstiftende Eskapismus der Formation, der sich aus der Huldigung der mittelalterlichen Seefahrt speist, erfährt in Zeiten, in denen der Klimawandel omnipräsent ist, eine antizyklische Steigerung durch das Heraufbeschwören einer Eiszeit. Unklar bleibt unterdessen, warum diese Eiszeit eintritt, oder für was sie steht, denn Antworten auf die Frage, was denn geschieht, wenn die Kälte kommt, bekommen wir nur sehr spärlich: „Wenn die Kälte kommt / Mit eisiger Hand / Wenn die Kälte kommt / Und dein Herz übermannt / Wenn die Seele friert / Der Atem dir brennt / Dann bin ich bei dir“. Man könnte das Ganze auch so zusammen fassen: Wenn die Kälte kommt, wird es kalt. Diese bestürzend banale Tautologie ist aber im Grunde die wesentliche allegorische 22530179-01Stilfigur, mit denen Santiano ihre Songtexte gestalten und ihre mittelalterliche Seefahrer-Romantik konstruieren: Wenn es auf den Recken regnet, wird er nass, wenn der Met fliesst, trinkt man Alkohol, wenn es stürmt, türmen sich Wellen. Ein anderes Lied auf dem neuen Album heißt „wer kann segeln ohne Wind?“ - Antwort, Spoiler Alert: Niemand. Und in dem Song „solang die Fiddle spielt“, gibt es konsequenter Weise gar keinen Gesang: So lange nämlich die Fiddle spielt, spielt die Fiddle - klar.

Das also etwas unterkomplexe Konstrukt zum Beschreiben einer an sich entrückten, anderen Wirklichkeit mit den Mitteln von Popmusik scheint massgeblich und gewollt - immerhin hat man als Co-Writer für einige der neuen Santiano-Songs Frank Ramond engagiert, der an sich als gewitzt doppelbödiger Songtexter für zum Beispiel Annett Louisan, Yvonne Catterfeld oder den ja leider verstorbenen Roger Cicero bekannt ist. Mit dessen Hilfe hätte man sicherlich auch scharfsinnigere Narrative von Rittern, Seefahrt und Wildschweinen erfinden können, als die Erkenntnis, dass man draussen auf dem Meer in der Ferne vor allem Horizonte sieht - ein weiteres Lied auf der Platte. So weit hergeholt die Welten sein sollen, die hier besungen werden, so überschaubar müssen sie offenbar bleiben, um als Singalongs im Jahre 2021 zugänglich zu bleiben. Letztlich ist das tautologische Rezept für einen Liedtext vielleicht sogar präsenter in der Poplandschaft, als man denken mag. Die neue Platte von Coldplay handelt zum Beispiel von der Raumfahrt, und wenn man sich deren Texte durchliest, erlangt man diese Erkenntnis: Wenn man ins Weltall fliegt, ist man in anderen Sphären. Und Helene Fischer singt zum Beispiel auf ihrem derzeitigen Album das Lied „wenn alles durchdreht“ - einen Nebensatz, den sie für den Refrain gar nicht mehr grammatisch und somit inhaltlich ergänzt: Wenn alles durchdreht … ja was denn jetzt? Naja, dreht eben alles durch.

Man könnte mir nun vorwerfen, dass ich mich durch die Albumcharts klicke und wie jemand, der Schuhe kauft, nur auf Schuhe achtet, jede Liedzeile als tautologische Allegorie im Sinne von Santiano interpretiere, aber für Santiano gilt meiner Meinung nach wie gesagt durchaus, dass die bestürzenden Banalitäten, die hier gesungen werden, so auch gewollt sind - musikalisch ist das nämlich auch souverän so ausgestaltet, wie man klingen möchte: Maskulin-mittelalterlicher Shanty-Poprock. Der eben, das sei noch mal erwähnt, irre erfolgreich ist - vor ihnen in den Charts sind derzeit nur Helene Fischer und Coldplay.


Mobilität und Unvernunftsappelle

Der Popticker bricht das Tabu und bespricht bereits jetzt das neue Album von Helene Fischer

Das in knapp drei Wochen erscheinende Album von Helene Fischer wird „Rausch“ heißen - und als Rausch ist es auch angelegt: 24 Songs bietet das neue Popschlager-Flaggschiff aus dem Hause Fischer, und es sucht also seine Strategie auch in der emotionalen Überwältigung durch schiere Masse. Die Song-Titel sind schon bekannt gegeben, und es ist wohl nicht zynisch, wenn man formuliert: Thematisch hat sich nicht viel getan: „Volle Kraft voraus“, „Null auf 100“,  „Engel ohne Flügel“, „Liebe ist ein Tanz“ „Wann wachen wir auf?“ , „Blitz“, „Luftballon“, „Jetzt oder nie“; „Zeit“ - so heißen die Lieder. Die üblichen Topoi also: Mobilität, Unvernunftsappelle, Diskrepanzen zwischen objektiver und subjektiver Zeit, Himmels-Allegorien und radikale Liebe sind die Themen, aus denen sich der Schlager zusammen setzt, und der sich mit den Mitteln des Pop, die keine so beherrscht wie Fischer, vermarkten lässt. Auch für die musikalische Grenzüberschreitung ist gesorgt, wenn Helene in den Latinopop rein schnuppert und mit Luis „Despacito“ Fonsi „Vamos a marte“ trällert. Auch auf Spanisch wird also das Weltall bereist, Luis und Helene wollen gemeinsam zu Mars marschieren - das Wandern ist des Fischers Lust.

RauschDie Konsequenz, mit der hier funktionale Rezepte durch dekliniert und angewandt werden, ist von von stoischer Präzision - das kann man jetzt schon sagen, wo erst zwei der 24 Songs bekannt sind. Stets ist die Rede von Bewegung, Entgrenzung und eben Rausch, nie kommen musikalische Mittel der Bewegung, Entgrenzung  oder des Rausches zur Anwendung - der Fischersche Schlagerpop definiert sich so durch eine gigantische Maschinerie des rasenden Stillstands. Das hört man der Musik auf der neuen Platte quasi schon an, ohne sie hören zu können - Musik jenseitig der Musik also, und somit ist dies mithin eine Form des Triumphes der Popkultur über ihr häufigstes Genre, der Musik. „Was für ein brillanter Schachzug!“, könnte man konstatieren, ein Werk ohne Werk gar, das freilich den Status des Werkes aufgibt, wenn es erscheint. Was für ein Interruptus es doch wäre, wenn Fischer nun diesen „Rausch“ - sagen wir: aus künstlerischen Gründen - zurück zöge. Und es blieben der Welt von diesem Doppelalbum nur die beiden Lieder mit der gekoppelten Aussage: Lass uns mit voller Kraft voraus zum  Mars gehen. Herrlich.

Aber dazu wird es natürlich nicht kommen - mit Erbarmungsloser Entschlossenheit wird am 15. Oktober „Rausch“ erscheinen und sein wundervoll potentielles Nichterscheinen negieren - das gehört nun mal zum Pop dazu, und wir haben es ja nicht mit Konzeptkunst zu tun, oder vielmehr zumindest mit keiner, bei der das Konzept im Vordergrund steht, weil das Werk hinter ihm zurück steht. Die Fans werden überwältigt sein, die, die, damit nichts anfangen können, werden sich verwundert die Augen reiben und auf den so sicher wie das Amen in der Kirche kommenden Ohrwurm schimpfen, („Warum muss ich das kennen? AAAAH!“) - und Helene Fischer wird in die postpandemischen Arenen Deutschlands fliegen und Celine Dion covern - wenn einem also Gutes widerfährt, das ist schon einen „Asbach Uralt“ wert.


Kapitänsbinde der Revivalindustrie

Neuester 80er-Trend: Covern

Man fragt sich beim der mindestens vierten Welle des 80er-Revivals allmählich, ob es nicht noch mehr Dekaden gibt, die sich re- oder upcyclen liessen. Aber naja: Die 50er sind dann doch schon zu lang her, die 60er fallen wegen ihrer Unschärferelation im Verhältnis zu den 70ern aus dem Kult-Raster und sind mit zum Beispiel der Rockabilly-Bewegung oder dem nachhaltigem Erfolg der Beatles oder der Stones zudem konstant manifestiert erinnert, die 70er bis zu den 90er sind die großen Poptalgiezugpferde, und alles, was danach kam, ist noch nicht lang genug her, um rückblickenden Konsens darüber zu erzielen, was an den Nullern oder Zehnern so prägend war, dass man es nun aus dem Kühlschrank holen könnte - auch wenn man sich bei der so genannten „Class of 2005“ (Franz Ferdinand, Kaiser Chiefs, Arctic Monkey) allmählich zaghaft an Reissues versucht.

Mist

Zweifelsohne aber tragen die 80er tragen immer noch die Kapitänsbinde der Revivalindustrie, und nun rückt offenbar das gezielte Covern von Hits aus der Zeit von Magnum, Zauberwürfeln und Schulterpolstern in den Fokus der steten Revitalisierung: Gleich drei Konzeptalben aus den letzten Wochen tun dies, und um es gleich vorweg zu sagen: In zwei von diesen drei Fällen ist das Ergebnis entsetzlicher Mist.

Von Alex Christensen und seinem angeblichen Berlin-Orchestra blieb das zu erwarten - diese unselige Verbindung hat bereits auf drei Alben Songs der 90er, in denen der Produzent Christensen musikalisch zuhause ist, in Orchestermusik übersetzt, was überraschender Weise meist kaum zu hören war, denn was an Orchester eigentlich dazu erfunden wurde, hat man dann wiederum durch billige Beats und gestauchten Breisound wieder hinfort produziert, so dass die neuen Versionen der Eurodance-Klassiker kaum anders klingen, als die Originale - Ergebnis also: nervige Lieder werden mit großen Brimborium nicht verbessert. Nun hat sich Herr Christensen also die 80er vorgenommen, und wenigstens hat er jetzt also großartige Lieder, von denen er das Niveau aber nicht halten kann - wer es hinbekommt einen der größten, schönsten, erhabenen Songs der 80er, der Popmusik als solcher gar, „Smalltown Boy“ von Bronski Beat klingen zu lassen wie einen matschigen Möchtegern-Lloyd-Webber-Song, der hat nicht nur Lafeeversagt, der hat sich schuldig gemacht. Und Ronan Keating, der das „singt“, dem gebührt fortan Berufsverbot. Und Alex Christensen sowieso. Das Album „Classical 80s Dance“ bitte canceln.

80er-Hits übersetzt hat auch Ex-Teenpopstar LaFee - und zwar im sprachlichem Sinne: Sie singt Madonna, Nik Kershaw oder Alphaville auf Deutsch. Sinniger Weise heißt das Album, auf dem sie diese Songs versammelt, „Zurück in die Zukunft“. Wobei das „Zurück“ in diesem Falle den Status von Doppeldeutigkeit erlangt, denn ihr 80er-Projekt ist gleichzeitig ihre erste Veröffentlichung von Musik nach zehn Jahren. Nun wissen die meisten Leser meines Bloges sicher nicht, wer das ist, LaFee, und um ganz ehrlich zu sein, der Autor dieses Bloges wußte Olsendas bislang auch nicht, aber damit ihr jetzt nicht googlen müsst, habe ich das mal getan: LaFee war ein Teenpopstar, der im von Viva und der Bravo geebnetem Fahrwasser von 2006 bis 2011 deutschsprachigen Poprock veröffentlichte - ein Image-Entwurf irgendwo zwischen Avril Lavigne und Helene Fischer, auch wenn die beiden in der Hochphase von LaFee noch nicht all zu bekannt waren. Nun schaut sie also in erwähnt doppeltem Sinne 10 bzw. 30 Jahre zurück, und wer macht diesem Ex-Popstar nun für dieses Vorhaben wohl ein Identitätsangebot - klar der Schlager. (Dessen Identitäten anbietende Strategie ich kürzlich < HIER > versucht habe, zu erläutern.) Der Spagat zwischen Schlager und Dekaden-Revival funktioniert überraschend gut - hier greift meine These von Pop, in dem man das Neue wieder-erkennt, vorzüglich, denn wir meinen Eurodance-Schlager zu hören und merken dann: Hoppla, das ist ja Cyndi Lauper („Wenn du fällst, lass dich fallen, ich steh’ hinter Dir / Zeit heilt die Zeit“). Oder man erkennt in den Zeilen „Und wenn der Regen auf uns fällt, wirst du mein Regenbogen sein“ plötzlich Pia Zadora und Jermaine Jackson - Freunde der Nacht, versteht mich nicht falsch, wenn ich sage, dass das Ganze funktioniert, das ist schon auch ziemlich furchtbar, was LaFee hier macht, aber funktionieren tut es.

Wirklich toll aber ist die kleine, feine EP „Aisles“ von Angel Olsen, die fünf 80er-Songs Sphäre, Zuseligkeit und fiebrige Unzufriedenheit abringt - mit 5 Liedern manifestiert sich ein klarer Popentwurf, der erkennen lässt, was Angel Olsen aus dem 80ern interessant findet, und wie sie das ins Heute singt. Ihre Version von Billy Idols "eyes without a face" zum Beispiel, für mich das gelungenste Cover auf dieser schönen Platte, malt in surrealer Einsamkeit eine schöne Pop-Perle auf die 80er-Leinwand. So schau ich gerne zurück.