Popmusik im Fernsehen

Von der Erbschaftssteuer absetzen

80er-Erfolg verwalten mit Eros, Billy und Marian

„Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht erlebt.“, hat Falco einst gesagt, und wir hatten hier im Popticker erst kürzlich wieder fest gestellt, dass, diejenigen, die sich heute auf die 80er berufen, nicht unbedingt Menschen sein müssen, die in den 80er schon auf der Welt waren; aber dennoch gibt es natürlich Musiker:innen, die sich zwar vielleicht nicht an die 80er erinnern, die sie aber erlebt haben und auch heute noch leben - schauen wir also heute auf drei solcher Interpreten, ja, es sind alles Männer, die in den 80ern bekannt wurden und alle drei soeben neue Veröffentlichungen auf den Markt geworfen haben: Alphaville, Billy Idol und Eros Ramazzotti.

Bildschirmfoto 2022-09-23 um 17.38.42Billy Idol ist auch 2022 und mit bald schon 70 Jahren auf dem Buckel Billy Idol; oder vielmehr ist William Michael Albert Broad mit der von ihm erschaffenen Kunstfigur Billy Idol immer identischer geworden, und jetzt leben zwei Seelen, ach, in seinem nach unten gezogenen Mundwinkel. Merkwürdiger Weise funktioniert seine Musik auch immer noch gut: Seine soeben erschienen EP „The Cage“ mit vier Songs jedenfalls zeigt das altbewährte Idol-Rezept: Harte Gitarren-Kaskaden von Steve Stevens werden mit den Mitteln des Pop gebändigt zu einem, klar, Poprock, der jederzeit von Messers Schneide in Hardrock oder fluffigen Pop kippen kann. Zwar sind die vier neuen Songs keine Hits wie „Flesh For Fantasy“ oder „Eyes Without A Face“, aber Hits hat er ja schon, und eine solche EP wie diese Neue jetzt ist auch eher da, um nicht einzurosten und an alte Hits zu erinnern statt neue zu liefern.

Bildschirmfoto 2022-09-23 um 17.38.57Selbiges könnte man über Eros Ramazzotti sagen, aber sein neues Album „Battito Infinito“ ist schon um einiges aufwendiger als eine EP auf Rezept. Ramazzotti bindet hier in seinen klassischen Italo-Rock-Sound Latin- und Afro-Beats, dotzenden Pop und symphonische Breite ein. Natürlich ist das alles gefällig und als Restaurant-Hintergrund tauglich, dennoch kann man nicht den Vorwurf erheben, hier ruhe sich jemand auf seinen Lorbeeren aus - mit "Madonna De Guadalupe" ist eine veritable Weltpop-Perle gelungen, und "Filgli Della Terra" ist ein Italo-Ohrwurm im Duett mit Jovanotti, dass man gleich noch einen Wein bestellen möchte: Das Album ist interessant und abwechslungsreich.

Keine wirkliche Idee, wie man 2022 mit dem Erbe einiger Hits in den Bildschirmfoto 2022-09-23 um 17.38.2680ern umgehen könnte, haben Alphaville bislang gehabt - zunächst hat sich die Idee Alphaville durchaus verkürzt auf deren Sänger Marian Gold, der es auch schon im Popmusik-Fernsehen versucht hat und nun als einziges Bandmitglied auf dem neuem Album zu sehen ist - als weiß getünchte Steinfigur, als wäre er ein Denkmal. Man fragt sich schon bei dem Cover, was man sich dabei gedacht hat. Und die Musik auf der Platte sind Orchester-Versionen der Alphavillschen Synthiepophits, und diese ganzen Orchester-Projekte von Pophits haben fast noch nie funktioniert. Nicht mal Sting hat das hinbekommen. Aber bei Alphaville ist das Ganze wirklich vollkommen überflüssig: Das Filmorchester Babelsberg ist so komprimiert zusammen produziert, dass sie wieder wie Synthies klingen, und die Akzentuierungen in den teils ja doch recht filigranen Originalversionen sind daher so abgeschliffen und eingedampft, dass diese Neuaufnahmen flach und langweilig daher kommen. Nirgendwo ist eine Idee zu spüren, worin der Mehrwert dieses Albums sein könnte, ausser eben mehr Wert zu suggerieren.


Dieter, so nicht

Endlich: Das Ende von DSDS

„Take me tonight“, singt am 08. März 2003 Alexander Klaws im Finale der Show „Deutschland sucht den Superstar“ - und diese Zeile ist natürlich, wie man es dreht und wendet, unfassbarer Blödsinn. Man konnte es also wissen; und vielleicht hätte Anfang 2003 irgendjemand Größe beweisen müssen und dem eigentlichen Superstar dieser Show ins Gesicht sagen sollen: „Dieter, so geht das nicht“. Hat aber niemand. Und so konnte Bohlen dann also die historischen Irrtümer, er sei ein Poptitan und könne Englisch, im Fernsehen verlängern. Was viele vielleicht gar nicht mehr erinnern: An besagtem Abend erklang das „Lied“ „Take Me Tonight“ sogar gleich zweimal: Auch die zweite Finalistin Juliette Schoppmann musste diesen Quatsch singen, Sätze wie - nach bestem Gewissen übersetzt: „Oh Baby, wenn ich in Deine Augen sehe, fühlt es sich mir gut an.“ oder „Sag mir, dass ich dein bin, mach mich nicht blau.“ - und natürlich die Titelzeile: „Nimm mich heut nach, alles ist möglich.“

Immerhin konnte man sich vor 20 Jahren noch einbilden, es ginge um Popmusik, die Verheißung, Deutschland suche tatsächlich nach einem Superstar, konnte man mit einer schönen Portion Naivität noch glauben, und Bohlens letzter Hit war, als „DSDS“ startete, auch nur 16 Jahre her. Tatsächlich aber fand sich im Casten unbekannter Menschen ein emblematisches Schema für Popmusik im Privatfernsehen, und die Show „DSDS“ im Speziellen machte eine Entwicklung durch wie jüngst Streaming-Anbieter „spotify“: Von einer Plattform für Popmusik zum Content-Provider. Und anders als beispielsweise bei „The Voice Of Germany“ fand sich bei DSDS eigentlich kein Gewinner, der irgendeinen nennenswerten musikalischen Impuls gesetzt hätte. Man könnte eventuell Beatrice Egli nennen, deren Sieg im Jahre 2013 die Show für den Schlager öffnete und letztlich dem Schlager-Erfolg-Gatekeeper Florian Silbereisen als Juror den Weg ebnete. Aber die wenigen Teilnehmer:innen, über die man heute noch spricht, waren nicht die die jeweiligen Sieger (sieht man einmal von besagtem Klaws ab, der heute eine überraschend gute Figur als Winnetou in Bad Segeberg abgibt), sondern es waren die, die sich als bunte Vögel vermarkten liessen - ob sie nun wollten oder nicht. Man denke nur an den inzwischen ja leider unter sehr traurigen Umständen verstorbenen Daniel Küblböck, dessen verquerer und queerer Humor und Popentwurf noch heute erfrischend und auf seltsame Weise befreiend wirkt.

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DSDS-Titan Dieter Bohlen

Der Schmierstoff von „DSDS“ waren schon immer Emotionen, oder das, was das Fernsehen dafür hält, und die bekam man reichlich, weil Bohlen in dem gepflegten Irrglauben, er verstehe etwas von Pop, eine Form verbaler Demütigung von Kandidat:innen salonfähig machte, die man stillschweigend hinnahm wie sein verworrenes Englisch. Seine Allegorien, Stimmen zu umschreiben, fanden in einer Zeit, in der der Slogan „Geiz ist geil“ zur emblematischen Werbung wurde, einen substratigen Nährboden. Hätte sich die Show DSDS nicht diesem Botox-betankten Altherrenwitz in Camp-David-Shirts unterworfen, wer weiß, vielleicht hätte sich dann eine schöne Popsendung ergeben können, aber erst für die diesjährige 19. Staffel hat man ihn vor die Tür gesetzt, um nun also anzukündigen, ihn für die vorerst letzte Runde 2023 zurück zu holen.

Die Halbwertzeit der Popmusik, die DSDS hervor gebracht hat, war schon vor 20 Jahren überschaubar, und hat sich bis heute so sehr verkürzt, dass nun noch von Tausendstelwertzeit gesprochen werden kann. Dei Show karikiert sich nur noch selber, und da ist es eben auch kein Wunder, dass man dafür wieder Bohlen selber braucht. Das Aus für „Deutschland suche den Superstar“ ist eine gute Nachricht.