Neuer Wein in Popschläuchen

Zuckerreduziert

Die Liebäugeln mit Schlager ist als Kriterium auf der Suche nach Pop-Newcomer:innen angekommen

„Konstanze“, sagt Gordon Kämmerer zu seiner Schwester: „Lass uns doch mal n’ Schlagerhit machen, der dann viral geht.“ - ob er viral gehen wird, wissen wir nicht, aber was wir wissen, ist dass Konstanze Kämmerer sich von „Verhaltenstherapie“, wie sich ihr Bruder nennt, wenn er Popmusik macht, zu dem Schlagerhit hat überreden lassen: VerhaDer Song „Rote Rosen“ erscheint heute am 10. Juni, und sein Popentwurf siedelt irgendwo zwischen Catan, Andreas Dorau und Christian Steiffen - das sehr hübsche Promostichwort hierzu lautet: „New Wave Schlager“.

Ein zuverlässiges Trendbarometer ist nicht nur, wenn ein Untergrund-Phänomen in den Maistream wächst, sondern vor allem auch, wenn im Nachwuchs die Schnittstelle zwischen Indie-Whatever in den Mainstream gezielt gesucht und promoted wird. Und da nimmt es nicht Wunder, wenn auf einmal verschiedentliche Newcomer an den Schlagerrändern fischen, und es dort nicht immer trüb zu geht. „Geschwister“ jedenfalls, wie sich die Geschwister mit ihrem Lied „Rote Rosen“ nennen, unterwandern Euphorie und überbordende Emotionen mit einer gehörigen Portion Understatement. Ihr Schlager-Entwurf, wenn man ihn denn überhaupt so nennen will, findet zu allegorischen Zeilen: „Ist wie ein Strauch roter Rosen, Du stichst mich nieder.“ - nicht nur wechselt das angesungene Individuum von einer Sache zu einem Du, überhaupt spielen sich die Lyrics dieses versucht viralen Schlagerhits im Vagen ab (überhaupt ein Konzept im Pop von „Verhaltenstherapie“). Wenn der Song vorbei ist, bleibt ebenso vage, wohin Konstanze und Gordon damit wollen, und wie man es finden soll, aber in der Summe überwiegen bei mir die Sympathien für diese Fusion aus Nerdismus und Schlager.

FalkMit gänzlich anderer Gewichtung aber auch mit der letztlich irrigen Annahme, Schlager nachzubauen, geht der Sänger FALK seine Suche nach einem Popentwurf an. Er kommt allerdings auch mit einem Bein aus der NDW, wenn er Herbert Grönemeyers ersten Hit „Männer“ zitiert und im Songtitel die Frage stellt: „Wann ist der Mann ein Mann?“ - die Frage ist natürlich gestattet. Seine Idee, Schlager mit Rock zu unterwandern, ist zwar keineswegs neu und mit einem Vertreter wie Ben Zucker auch äusserst erfolgreich, dennoch merkt man der Musik von FALK an, dass er nicht von aussen konzeptioniert wurde, um an Gatekeeper wie Silbereisen vorbei zu kommen, aber dennoch reicht die mit Rock einher gehende Ironisierung von Gefühligkeit nicht aus, um Zeilen wie „Du bist die schönste Frau hier im Pub, lange Bein, Rock viel zu knapp“ eine Pop-Absolution zu erteilen. Wenn man also seine von Herbert übernommene Frage, Dagowann ein Mann ein Mann ist, stellt, so lautet bei dieser Single zumindest meine Antwort: 2022 sollte man als Mann sensibler dichten.

Ein im unterwanderten Schlager alter Hase ist Dagobert - man schaue sich nur noch mal seinen Auftritt im ZDF-Fernsehgarten mit seiner ersten Single überhaupt „zu jung“ an. Das war damals ultra-weird und nimmt sich heute völlig alltäglich aus - man merkt schon, wie aus Poprichtung nach der Schlagerwelt geschielt wird, während Helene Fischer und ihr Fahrwasser den dortigen Mainstream in Richtung Pop entgrenzt haben. Nun hat der schweizer Anzugträger auch schon wieder eine neue Langspielplatte im Rucksack, „Bonn Park“ wird sie heißen, und unabhängig Moritzdavon, dass so auch ein Kollege von mir heißt, und Dagobert sein Album in diesem Sinne auch „David Gieselmann“ hätte nennen können, ist die erste Single „Ich will ne Frau, die mich will“ so etwas wie eine Rückkehr zum Sound von „zu jung“, nachdem die letzte Platte recht darker Synthwave war. Gut, aber im Falle von Dagobert bin ich nicht neutral da Fan.

Der junge Osnabrücker Moritz Ley verortet sich und seinen Popentwurf, dem man freilich schon kaum mehr Schlager unterstellen möchte, dennoch im selben Spannungsfeld des Dabobert, irgendwo zwischen gefühligem Deutsch- und wavigem Synthiepop. Der Song „Bei mir“, letzte Woche erschienen, zeigt dann doch, wie filigran die Trennungslinien zwischen Popmusik und der einst hermetischen Volksmusik, um einmal dieses nicht ganz stimmige Synonym zu bemühen, inzwischen sind: Da muss man ganz schön hinterher musizieren, um die Sache noch in deutschen Soul oder so zu biegen. Dennoch ein ganz interessanter Newcomer - erwähnte Single „Bei mir“ ist die Dritte des Osnabrückers, und der Popticker bleibt dran, wenn Weiteres erscheint ...

/// Links zu den Musikvideos /// Geschwister "Rote Rosen" /// FALK "wann ist ein Mann ein Mann?"  /// Dagobert "ich will ne Frau, die mich will" /// Moritz Ley "bei mir" ///


/// Songs zum Sonntag /// 220522 ///

Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.26.11/// "BABE" ist eine Band, die fast schon nach IDEAL klingt. Und aus Berlin sind sie auch. Aber eben eine junge Band, ein Duo - schorfige Gitarren, Drauhautrommeln und ein wenig Echo-Effekte in Popräume - drei Singles gibt es bisher, und wie diese heißen, setzt auch ein wenig die thematische Farbe: „Irgendwie egal“, „Keiner kennt Dich“ und „Dagegen“. Um Letzteres Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.24.58„Dagegen“ soll es hier gehen, ein Song wie ein Rant gegen das Alleinsein mit plötzlicher Melodie, wodurch eben wütender Pop entsteht. Wie immer, wenn junge Leute irgendwo gegen sind, fragt man sich irgendwann auch mal, wofür sie denn dann auch sind, aber es is das Privileg der Wut und der jungen Menschen, darauf keine Antwort haben zu müssen. Für einen Song reicht es allemal. Da warte ich gerne auf mehr. /// Bisschen Wut würde der Band „Jante“ vielleicht ganz gut tun - ihre Jack-Johnson-Referenz-Single „Zeit, dass es warm wird“ kommt so relaxed daher, dass man, wenn man nicht gerade im Rosé in der Hand Lachs auf dem Grill wendet, ein wenig ins Zucken gerät: Macht doch mal ein wenig Power Freunde, Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.26.38ihr seid doch eine Band! - aber ein wenig Rosé-Sehnsucht tut doch vielleicht auch ganz gut, und thematisch an Rudi Carrels „Wann wird’s mal endlich wieder Sommer“ zu erinnern, kann man auch nicht wirklich verurteilen. /// Maggie Roggers, deren Home-Made-Dreampop einst einen berühmten Produzenten Tränen in die Augen trieb, ist auch entspannt, aber ihre neue Single "That's where I am" hat auch blumige Tiefe, erzählt in kurzen Momentaufnahmen von New York und ist ein klassische Songwriting-Ballade irgendwo zwischen Folk und Synthpop. Die Art und Weise, wie hier aus recht privaten Zeilen gesellschaftlich Übergreifendes aufscheinen lässt, ist eine Kulturtechnik britischen Pops: „I found a reason to wake up / Coffee in my cup / Start a new day / Wish we could do this forever / And never remember / Mistakes that we made.“ - mich rührt das zutiefst, ein wunderbarer Song. ///

Links zu den Musikvideos:

BABE "dagegen"

Jante "Zeit, dass es warm wird"

Maggie Rogers "That's where I am"


In Jazzpop taumelnd

Julian Adler mit einem wirklich schönen Album

Da Pop ja von populär kommt, ist Popmusik ja irgendwie komisch, wenn sie nicht populär ist - sie muss dann, um durch Rezeptionsmodelle von Pop sichtbar zu werden, einen höheren Popularitätsstatus behaupten - oder weniger kompliziert ausgedrückt: Pop sagt immer auch laut „Seht her, ich bin irgendwie schon cool, oder?“ Aus dem steinigen Weg des Pop-Business wiederum kann dieser Gestus auch ziemlich unsympathisch ausfallen, dann eben, wenn man vermittelt, dass, wer nicht längst GQK6WxPMkapiert hab, dass ich cool bin, vermutlich hinter dem Mond lebt. Das ist zum Glück bei Julian Adler mit seinem nach ihm benannten Album anders. Der ins Jazzpop taumelnde Yacht-Rock mit viel geschichteten Chören aus Adlers Stimme, Rhodes-Orgel und fluffiger Gitarre ist nicht arrogant sondern bescheiden und suchend.

Anrührend ist das schönste Stück auf diesem feinen Album. Es heißt „Auf ein Wort“, und es ist zunächst nur mit Gitarre instrumentiert: „Wir treiben zusammen am Wasser entlang. Nichts muss, alles kann, doch der Puls steigt langsam an. Der hellste Mond, den es gibt, sie spielen warme Musik. Dein Gesicht strahlt im Schein, das hier könnte aus Hollywood sein.“ - und dann geht der Song in eine Bridge, bei der Adlers fast nicht singende Sprechstimme konterkariert wird mit seinem Falsettgesang. Das ganze wird nur crescendiert mit fluffem E-Piano und leicht geboostetem Schnipsen. Als ich diesen Song gehört habe, war ich spätestens an dem Punkt, wo ich dachte: Himmel, das ist schon echt gute Musik.

Ok, es ist vielleicht nicht alles auf diesem Niveau, und hin und wieder denkt man, dem Album fehlen ein wenig die Ausbrüche, ein Quäntchen Wut oder mal eine Nummer, die nicht nur entspannt ist. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der hier nach Pop gefahndet wird, mit der ohne viel Aufhebens softer Soul bis Lofi-Funk aus dem Ärmel geschüttelt wird, wie Adler hier Deutschpop mit Surfgitarren unterwandert- das hat Lässigkeit. Und die Song-Lyrics haben viele dieser geschickten Zeilenüberhänge, so dass sie niemals in’s Liedschema gepresst wirken, und sie sind voll poetischer Skizzen aus einem relaxten Alltag. Ach so, und singen kann der junge Mann eh fantastisch.

Link: https://www.julianadler.de


Kollektive Gefühls-Felder

"Man votet nicht politisch.", sagt der ehemalige Popbeautragte der Bundesregierung, Dietmar Poppeling über den ESC 2022 - unser alljährlicher Eurovision-Talk diesmal mit hübschen Fotos von tollen Verpackungsmaschinen 67611ea3.600x400

POPTICKER Herr Poppeling, wie hat Ihnen der ESC vorgestern gefallen?

POPPELING Gut.

Prima. Dann bis nächstes Jahr.

Musikalisch gut. Vom Visuellen her, nun ja, ein gewisser Overkill, und die Show mitsamt den Moderator:innen so mittel.

Der Mythos, der ESC sei unpolitisch ist, so die allgemeine Einschätzung, ziemlich ins Wanken geraten.

Das ist auch sicherlich nicht völlig verkehrt, aber man muss trotzdem differenzieren, denn die Menschen voten nicht politisch - sie voten in allererster Linie emotional. Dass aus der Entscheidung dann als eine politische Botschaft gelesen wird, wie jetzt mit dem Sieg der Ukraine, ist natürlich dennoch nicht totaler Blödsinn. Der ukrainische Beitrag aber hat es vermocht, die emotionale Konstellation der Solidarität mit einem angegriffenen, im Krieg befindlichen Land aufzunehmen und zu bündeln. Das kann Musik eben. Insofern ist der Sieg des „Kalush Orchestra“ durchaus mit musikalischen Mittel erreicht worden. Das darf man auf keinen Fall klein reden.

Wie gefällt Ihnen der Song „Stefania“ denn persönlich?

Ich kann damit ehrlicher Weise nicht so viel anfangen. Die Hook, die der Chor singt, ist enorm catchy, und  vermag wie gesagt in wenigen Zeilen und Tönen die Geschundenheit aber auch den Stolz des ganzen Landes einzufangen, der Rap ist toll, die Flöte erinnert man auch sofort, und allein dass ein Beitrag ohne eine einzige englische Zeile den ESC gewinnt, finde ich erst einmal prima. Aber persönlich, nein, gefällt mir der Song nicht. Aber ich sehe sofort ein, dass Millionen von Zuschauerinnen das anders sehen.

Mit ihrer These der emotionalen Entscheidung von eben diesen Millionen, die den Sing gewählt haben, lässt sich auch erklären, warum die Jurys der Ukraine deutlich weniger Punkte gegeben haben. Weil die Jurys eben NICHT emotional wählen?

89-1000-1Diese These, werter Herr Gieselmann, ist natürlich Unfug.

Und warum, Herr Poppeling?

Die Jurys voten nicht unemotional - sondern in anderer emotionaler Konstellation; und kommen daher zu anderen Entscheidungen. Allein schon, weil sie nicht die Show sehen - sondern ihre Entscheidung nach einer Probe fällen, wirft sie eher auf sich zurück, als auf bestimmte kollektive Gefühls-Felder -

Oho!

- Gefühls-Felder von Mehrheiten. Der Effekt, das sich ein Raum auf etwas einigt, allein WEIL man in einem Raum ist, und wenn ebendies sich aus der ESC-Halle  mitsendet und dann viele für die Ukraine anrufen, davon ist die Jury, davon sind die Jurys nicht beeinflusst. Aber sie gehen vielleicht schlecht gelaunt in den Tag, und dann erreicht sie ein fröhlicher Titel mehr als eine Liebes-Ballade. Daher sind die Jury-Votes mitnichten professioneller als die der Publika - im Gegenteil, sie sind um Weiten privater.

Nicht zum ersten Mal wurde Kritik laut, nachdem aus jedem Land egal ob von Jury oder TV-Publikum Punkte nur an zehn Länder gehen. Platz 11 bis Platz 25 aus jedem Land bekommen die gleiche Punktzahl - nämlich Null. Auch Peter Urban hat in dieses Horn gestossen; nicht zuletzt, weil Deutschland wieder mal Letzter wurde: „Du kannst 40 Mal im guten Mittelfeld landen und hast immer noch keine Punkte. Insofern ist dieses System ungerecht, das prangern wir schon länger an.“

Holz-verpackung-posch-packfix-967x725Urban sagt auch (Link < HIER >), dass jeder Beitrag Punkte bekommen sollte, und ja, ich finde schon, dass das dann gerechter würde, da hat er Recht. Aber man müsste sich dann eben davon verabschieden, dass die Höchstpunktzahl 12 ist. Mit dem „Our twelve points go to … SWEDEN“ wäre es dann vorbei. Und diese 12-Punkte-Tradition abzuschaffen, das wäre ein Tabubruch. Ich fände das auch grauenhaft, aber es wäre vermutlich eine Punktereform, die den Wettbewerb gerechter und als besser machen würde, und spätestens im dritten Jahr davon, dass jeder Beitrag sagen wir 2 bis 50 Punkte bekäme, hätte man die 12 Points vergessen.

Dann hätte Deutschland auch ein paar Punkte mehr.

Gewiss, aber darum sollte es nun nicht gehen - wenngleich auch ich finde, dass unser Beitrag in diesem Jahr besser war als sein Ruf; aber was willste machen.

Welcher Beitrag hat Ihnen denn am Besten gefallen?

Ganz klar „De Diepte“ aus Holland, eine klassische, unheimlich tolle ESC-Ballade, die sehr clever gebaut ist - ein Harmoniedurchgang für je Strophe, Bridge oder Refrain dauert genau 10 Sekunden, und diese 10-Sekunden-Module sind dramaturgisch toll arrangiert - mit seichter Steigerung zunächst und abklingendem Bombast und großer Bremse hinten raus. So muss man das machen. Toll. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich mochte die gelben Wölfe aus Norwegen, die dem Wolf eine Banane geben wollen, bevor er die Großmutter frisst. Das war herrlicher Quatsch.

Aber Sie waren das nicht? In einer finnischen Zeitung wurde gemutmasst (< HIER > der Link), Sie steckten unter einer der gelben Wolfsmasken.

Doch doch, das war ich.

Wußte ich es doch. Und wen, so frage ich jedes Jahr wieder, sollte Deutschland im nächsten Jahr zum ESC schicken?

Wilhelmine.

______________________

Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Aus dem Zeitgeist gefallen, denn der hat enttäuscht

„auf Sand gebaut“ - so toll kann Deutschpop sein

Mit Florian Paul und seiner Kapelle der letzten Hoffnung“ haben wir uns hier schon einmal zweimal beschäftigt - namentlich mit den Singles „Zeitgeist“ ( < hier >  ) und „Heile Welt“ ( < hier > ) - heute nun erscheint von dieser großartigen Band das zweite 88314318-86d2-544c-90a7-720fb3232d1bAlbum „auf Sand gebaut“ - und es ist wunderbar geworden; mutmasslich die beste Platte mit deutschsprachiger Popmusik mindestens dieses Jahres: Der Orchesterpop mit Vaudeville-Bläsern, Balkanbeats, Zirkus-Pathos, Gypsy-Gitarren, plötzlichen Trompeten-Soli und überhaupt Jazz-Verve trägt auch über Albumlänge, ja, dann wird eine Welt draus, in die man eintauchen, in die man verreisen, zu der man kochen und so manches vorletztes Glas trinken möchte - getreu dem Motto „Erst wenn die letzte Schlacht wirklich verloren ist, dann macht das Leben wieder Spass.“ - diese Musik versetzt Dich in ein Stück von Brecht mit Musik von Eisler, und im nächsten Moment bestellst Du noch einen Schnaps ... stehst aber einsam in Deiner Küche.

Auch stille Stücke kann diese Kapelle der letzten Hoffnung: „Schatten“ ist eine stetig crescendierende Ballade am Morgen, vielleicht, nach einem One-Night-Stand, Champerpop, der sich mit immer mehr Instrumenten gegen den Kitsch auflehnt - und auch hier Zeilen, die man so noch nicht gehört hat: „Schau mich nur einmal so an, als ob da niemand mehr hinter mir steht, als ob da niemand mehr vor Dir geht, der einen Schatten wirft … auf uns.“  Die Stimme von Florian Paul, der auch die Lieder schreibt, trägt dabei mit tremolofernem Pathos durch die Kneipe, ohne sich der Versuchung des trunkenen Schmetterns hinzugeben, und hinter aller melancholischer Skepsis bleibt eine Spur Klarheit und Vernunft, hinter jeder Ecke des Weltuntergangs schaut man auf eine unklare letzte Hoffnung - der Name ist Programm. 

Diese Musik ist auf herrliche Weise aus der Zeit gefallen und passt genau deswegen in die Zeit.

Link: < Website > von Florian Paul und der Kapelle


/// Songs zum Sonntag /// 240422

/// Aus technischen Gründen erst am Montag Blau-Cover/// Soeben erschienen: Eine neue Single von Julian Adler, der uns an anderer Stelle schon mal beschäftigt hat. Der neue Song heißt „Blau“, eine klassische Farbe in der Popmusik, und Adlers Blau nun ist an sich trockener Funk, der hier so einheitlich kompakt produziert wurde, dass ein wenig die Amplituden und Ecken und Kanten fehlen. Aber gesanglich kann man erneut nicht meckern: Julia Adler singt sich durch die Sehnsucht nach Meer und Freiheit durch eine Bandbreite an Stimmregistern, das macht schon irre Spass. Die letzte Single war mir etwas zu kitschig, „Blau“ ist mir etwas zu smooth geraten, aber Kitsch und zu smoother Funk: Auch an Nörgeleien kann man merken, dass hier ein Musiker auf der Suche nach passendem Popentwurf ist und locker flockig handwerklich in der Lage, in verschiedenen Pop-Regalen danach zu schauen. Hier darf man weiter gespannt sein, wenn sich das mal zu einer EP oder einem Album zusammen findet - langweilig wird das sicherlich nicht werden. Der Popticker bleibt am Ball. /// CoverDie Fragen, ob es überhaupt noch indie gibt, ob das Indie-Siegel zu einer künstlerischen Umschreibung geworden ist, und seinen ökonomischen Charakter aufgegeben hat, oder ob dieser Begriff in Zeiten der Streamings als Gatekeeper zum Mainstream, sich gerade wieder ökonomisch aufgeladen hat, diese Fragen, kann man 2022 immer wieder diskutieren. Zweifelsohne gibt es jedenfalls, wenn man zwischen Nische und Mainstream unterscheiden will, ganz gleich, ob man es nun also indie nennt oder nicht, eine Sehnsucht auf beiden Seiten in Richtung des Anderen. Womit wir, lange Rede, nicht ganz so kurzer Sinn, bei FISCHER wären - ein neues Bandprojekt des nominellen Schlagzeugers Sven Fischer, der nun also auch singt. Die erste Single heißt „für immer“ und ist wahlweise Deutschpop der sich nach Hardrock oder aber Hardrock, der sich nach Deutschpop sehnt: Seicht, folkig, flächig, melodiöse kommen zwei Strophen daher, bevor der Song dann in rockige Tiefen taucht, depressiv und aggressiv nahezu, obgleich es um den Tod geht, kommt das schon überraschend. Ich muss zugeben, dass diese Musik nicht so meine Wiese ist, aber was dieses Lied sein will, ist zu 100% auch authentisch erreicht und irre gut gemacht. Auch hier werde ich verfolgen, was von dieser Band noch kommt. ///

Links:

< Blau >

< für immer >


Gestus und Realität

Zweimal Pop in Startblöcken: FALK und Julita

Ein Gestus von Pop als Solchem ist ja immer auch das Behaupten der eigenen Angesagtheit, und naturgemäss wirkt dieser Gestus immer dann merkwürdig, wenn, wer von sich behauptet, angesagt zu sein, gar nicht angesagt ist. Insofern hat man, wenn   frau nicht all zu bekannt ist, die Wahl, entweder auf erwähnten Gestus zu verzichten, wodurch man dann halt auch auf ein Merkmal von FALK_ALLESMITDIR_CoverPopmusik verzichtet, oder aber, es wird vorgeprescht und man riskiert, dass die Leute erkennen, dass zwischen Gestus und Wahrheit eine große Lücke klafft. Möglicherweise ist genau in diesem Dilemma der Grund dafür zu suchen, warum Karrieren im Pop auch heute Zeit brauchen - Gestus und Realität müssen erst in irgendeinem Einklang münden, bevor man eine stimmiges Image als Popstar repräsentiert - auf social media, in Videos, in allen Erscheinungsmedien. Und wer sich über all diese Dinge Gedanken macht, hat noch lange nicht musiziert.

Das sind Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, seit mir zunehmend Promo-Firmen Interpreten, Songs und Alben von noch nicht all zu bekannten Acts schicken, um darüber zu schreiben (siehe Rubrik „neuer Pop in alten Schläuchen“. Fast alle dieser Interpret:innen singen deutsch, allesamt sind sie noch nicht all zu bekannt oder etabliert, völlig am Anfang stehen aber auch die Wenigsten.

So auch FALK, der soeben die dritte von fünf geplanten Singles mit deutschen Texten veröffentlicht hat. Der Song heißt „Alles mit Dir“ und begegnet oben erwähntem Dilemma mit dem eigenen Verschwinden hinter Lied und Video, in dem man verschiedene Paare beim Flirten und Schmusen zusieht. Der Song wiederum kaschiert die Tatsache, dass er eine Ballade ist, mit verschleppter Blues- CoverRhytmik in Intro und Refrain, und lässt sich nur in den Strophen auf tragende Flächen samt „Ooohs“ und Uuuhs“ ein - klassischer Deutschpop könnte man sagen. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Sänger, der seine eigenen Lieder schreibt, ein wenig mehr kann, und sich vielleicht mehr in Rock trauen könnte - oder eben, womit wir bei oben erwähnten Behaupten der eigenen Angesagtheit wären: Der könnte ein wenig forscher auftreten, dieser FALK. „Alles mit Dir“ traut sich nicht ganz nach vorne.

Die Ballade lässt Julita zu: Ihre Single „heimlich Weinen“ zerfliesst fast schon an den wenigen Klavier-Akkorden, aber dann hält das Ganze ein trappiger Beat zusammen, und ehe man sich es versieht, bekommt auch noch ein Gast-Rapper ein paar Zeilen. Wo andere auf die Mechanik einer Kunstfigur vertrauen, setzt Julita auf ein die Authentizitäts-Karte, eine Frau, die sich zum Weinen zurück zieht, damit man sie nicht leiden sieht. Mithin als Gestus auch denkbar ungeeignet, um die eigene Angesagtheit zu behaupten, aber genau das kann man der jungen Sängerin auch zugute halten: Ihre Piano-Trap-Ballade klingt im Abgang schon sehr ohrwurmig und auf Höhe der Zeit. Ich muss allerdings auch sagen, dass das so gar nicht meine Wiese ist, aber viele Wiesen, die nicht mir gehören, sind dennoch Wiesen, und „heimlich weinen“ ist sicherlich auch gute Popmusik.

Videos:

< heimlich weinen >

< alles mit dir >

 


Truth, Chaos, 8 Milliarden

Neuer Wein in Popschläuchen: Nico Bejamin und Julian Adler

Bildschirmfoto 2022-03-17 um 13.38.29Über Nico Benjamin habe ich an selber Stelle vor ein paar Wochen geschrieben, „Die Produktion der eigenen Lieder klingt aber noch ein wenig eindimensional und erwartbar“ - hier sei noch Luft nach oben.  Siehe da: Seine neue EP „truth from chaos“ nun blubbert, wie ich finde, durch und durch amtlicher, runder, versierter. Uptempo-Beats flanieren, Synthie-Tupfer mit tarierten Echos suchen räumliche Tiefe, und die gute alte 80s-Cowbell findet sich auch wieder. Hier braut sich ein trockener Synthie-Soul zusammen, und die zuweilen sympathisch schüchterne, sich ins Soulige tastende Stimme von Benjamin findet in den Tracks ein perfektes Sound-Bett. „Wer sich an die 80er erinnern kann, der hat sie nicht erlebt“, könnte man passender Weise mal wieder zitieren, denn ich denke, dieser junge Popmusiker hat sie in der Tat nicht erlebt, wie überhaupt eine sehr jung Generation von Musiker:innen sich mal wieder auf die 80er bezieht, dies aber derart eigen und fluffig tut, dass man es auch, wenn man schon älter ist, gerne wieder hört. Doch zurück zu Nico Benjamin: Das Songwriting der vier Lieder ist ein wenig aus dem privaten Raum heraus gewandert, das merkt man schon an den Songtiteln: „A new horizon“, Bildschirmfoto 2022-03-17 um 13.38.53 „Truth from Chaos“ oder „The world works in mysterious ways“ - ganz gewappnet vor Lyric-Bausteinen sind die Texte hier noch nicht, und hin und wieder kam mir Gedanke, dass diese Lieder mit deutschen Texten besser klingen könnten, aber es kann auch sein, dass ich mich irre. In jedem Fall ein Musiker, den es sich lohnt weiter zu verfolgen - bereits im April kommt eine weitere EP, wie er mir heute schrieb, und zum Ende des Jahres dann ein Album - wer den Popticker liest, wird davon hören.

Auch Julian Adler sucht eine Art von Soul - dies jedoch weniger in 80er-Schläuchen als auf akustischeren Pfaden und mit deutschen Texten. Woran man schon sehen kann, dass, diese beiden Popsänger in einen Beitrag zu werfen, natürlich legitim ist, wir es aber dennoch mit höchst unterschiedlichen Popentwürfen zu tun haben. Adler jedenfalls hat gerade eine Single veröffentlicht: „8 Milliarden“ ist ein Duett mit der Sängerin Ornella Tobar, und man könnte diese pathetische Pianoballade schnell kitschig abtun, aber ich bin derzeit zu haben für Kitsch - und ich stehe dazu. Die Lyrics dieses Liedes beziehen sich auf die Menschen, von denen es bald eben 8 Milliarden gibt, die aber dennoch nicht zusammen rücken - so kurz und knapp könnte man das zusammen fassen: Ein Friedenslied, dessen Einnahmen an Viva Con Acqua gehen. Ich sage Euch: Das ist musikalisch überhaupt nicht meine Wiese. Aber er gefällt mit sehr gut.

Links:

< Website Nico Benjamin > 

< Video "8 Milliarden" >


Zeitgeistige Verhaltenstherapie in Eierkarton-gedämmten Probenkellern

Drei Bands mit deutschen Texten in den Pop-Startblöcken

Bildschirmfoto 2022-03-04 um 11.47.38Bei der Band „Verhaltenstherapie“ weiß man erst mal nicht so recht, wozu man geladen ist. Bei dem Namen erwartet man eine Indie-Band mit Postpunk, wenn nicht gar ohne die Vorsilbe Post, aber das stimmt dann so gar nicht. „Verhaltenstherapie“ machen elektrischen Indiepop, und dahinter steckt ganz offensichtlich auch keine Band - sondern eine Einzelperson, der Schauspieler, Regisseur und eben Musiker Gordon Kämmerer. Sein Popentwurf schwirrt irgendwo in der Nähe von NDW mit absichtlich billigen Hip-Hop-Beats, spleenigen Texten und in seinen Videos auch einigen visuellen 80er-Remiszenzen - wenngleich mir Kämmerer, kaum 30 Jahre alt, jetzt natürlich hinterher rufen könnte: „He? Achtziger? Ok Boomer.“ Sein neuer, erst zweiter Song jedenfalls heißt „alte Liebe“ und wirft mal wieder die gute alte Frage auf, die Pop an sich immer gut tut: Wie zur Hölle ist das gemeint? „Wo mein Herz mal war, ist nun ein schwarzes Loch. Alles zieht hinein, Leere herrscht im Kopf. Still liegt die Luft und eisern dröhnt die Zeit. Kein Licht mehr da. Für gar nichts mehr bereit.“  - diesen Refrain könnte man fast in Duktus eines Schlagers singen, aber das Soundbett und die Art und Weise, wie das bei „Verhaltenstherapie“ gesungen wird, hat so gar nichts Inbrünstiges - eher schon eine provokative Beiläufigkeit, mit der die milleniale psychische Rückbesinnung konterkariert wird. Man weiß also nicht, wohin man geladen ist, aber freut sich durchaus, zur „Verhaltenstherapie“ eingeladen zu sein. 

Bildschirmfoto 2022-03-04 um 12.04.02„Florian Paul & Die Kapelle der letzten Hoffnung“ ist Deutschpop mit  bratzigen Bläsern - diese Band ist wunderbar und klingt nach „Element Of Crime“, aber jünger, nach Max Raabe vielleicht, nur rockiger, nach „Faber“ nur ohne Wien - die kürzlich erschienene Single „Zeitgeist“ mit der Bildschirmfoto 2022-03-04 um 12.20.43Eröffnungszeile „Warum bauen die ihr scheiss Parkhaus direkt vor meinem Fenster“, dem Refrain „Mach’s gut lieber Zeitgeist, du hast mich enttäuscht“ und einem mitreissendem Trompeten-Solo ist herrlich - die würde man gerne mal live sehen. Aber auch zum Kochen taugt das gut. Und meine Tochter kann es auch schon mitsingen - was will man mehr?

Die Formation „4 Stock“ ist ein wenig klassischer in ihrem Popentwurf - aber nicht minder sympathisch. In den drei Liedern ihrer aktuellen EP „höhere Gewalt“ verquirlen sich Gitarrenpop, Reggae-Rhytmen, fluffiger Rock, Ska-Bläser aus der Ferne, WahWah-Riffs, Funk-Prisen und zeitlos sozialkritische Texte alter Schule zu einem OK-boomigen, sorry Wortspiel, Rocktail - oh Gott, noch eines. Wobei hier eine Band am Werk zu sein scheint, die diesen Namen noch verdient: "4. Stock" klingen, als hätten sie den klassischen Band-Keller mit Bierkästen und Eierkartons in den Knochen, als hätten sie sich in unzähligen Kneipen, Sälen und Festivals die Finger wund gespielt, wie immer man das nach zwei Jahren Pandemie hinbekommt - um so schöner also, dass es noch solche Bands gibt: „Die Propheten haben gelogen, und jetzt irren wir durch Zeit und Raum. Die Propheten haben gelogen, der Trip ist aus, aus ist der Traum.“ 

Links:

< bandcamp Verhaltenstherapie > / < Website Florian Paul > / < Website 4. Stock >


Autorinnenpop aus dem Flur

Die famose EP „side effects of being human“ der slowakischen Sängerin Karin Ann

Als ich heute den Promoter von Karin Ann eine Mail schrieb, ich hätte heute doch meine Gedanken woanders als bei Popmusik, musste ich fest stellen, dass das so gar nicht stimmt. Ich finde im Gegenteil: In der Flut der Überinformation, in der man immer auch das Hirn darauf einstellen muss, dass möglicher Weise die Hälfte von dem, was man liest, falsch ist oder auf Falschem beruht, kann es in nahezu kathartischem Sinne befreiend sein, über etwas nachzudenken, über das wir Überblick haben - Popmusik zum Beispiel. Vielleicht ist das gar ein Grund, warum man sich überhaupt damit beschäftigt: Hier zählt der behauptete Überblick, die Schönheit von Thesen.

Schöne These also: Von Karin Ann werden wir noch mehr hören. Von allem, was mir, seit mir Promoter:innen Musik zu schicken, über die ich bloggen könnte, zugespielt wurde, sind diese Songs das Beste: Karin Anns Popentwurf ist trockener Trap-Rock direkt aus dem Flur zwischen Tonstudio und Schlafzimmer, ein herrlicher Mix aus der Grenzenlosigkeit jugendlichem let’s-go-Geist und der Bildschirmfoto 2022-02-25 um 11.02.19Unsicherheit der ausgehenden Pubertät. Als fast 50-jähriger Mann bin ich mutmasslich nicht der wichtigste Adressat dieser herrlichen Popmusik, aber ich erkenne darin mich zu Beginn der 90er wieder, einige Monate, einhalb Jahre, in denen ich kurzzeitig nicht so recht wußte, was ich hören soll, und gleichzeitig, soviel ist ebenfalls sicher, kann ich Karin Ann meiner 14-jährigen Tochter empfehlen: Sie wird das mögen.

Karin Ann hat sich bereits in ihrem Heimatland, der Slowakei, und in der dortigen LGBTQ+-Community einen Namen gemacht und hat gerade eine neue EP veröffentlicht - diese heißt „side effects of being human“ und nicht nur angesichts dieses tollen Titels und der Anzahl der acht (!) Songs, vor allem aber aufgrund der Stilvielfalt der hier versammelten Musik ist der Name EP eigentlich schon eine Untertreibung, ein Understatement: Ich empfinde das als Album. Opener „almost 20“ setzt mit seiner gradlinigen Popmelodie, seinen verzerrten Gitarren und dem braffeligen Beat im Sound schon mal die wesentlichen Duftmarken, bevor dann der zweite Titel „i’m a loser“ an Benees Hit „supalonely“ von vor zwei Jahren erinnert. Wir surfen auf „side effects of being human“ dann noch durch Punk, bekommen eine Pianoballade mit Billie-Eilish-artigen ASMR-Voice-Recording geschenkt und streifen Postpunk und Indiefolk. Und, speaking of Billie und Benee, das ist schon die geistige Heimat dieser Musik: Coming-Of-Age-Pop von nachdenklichen und unfassbar talentierten Musikerinnen, eine Art Autorinnenpop 2.0 - und ich gendere hier bewusst nicht, denn mir fallen hier als Referenzen keine Männer ein.

Promo-Texte sind natürlich ein uns andere Mal übertrieben, und das wissen deren Autor:innen sicher auch, aber die Formulierung „Wir sehen hier absolut Potential, dass sie ein nächster „Superstar“ wird“ halte ich für absolut angemessen und realistisch.

< Linktree Karin Ann >