Pop in Startblöcken

Infratest Voicemap 2021

Big Data zu den Blind Auditions von "The Voice Of Germany" Staffel 11  - 2021

Folge 01 REINE ZAHLEN

2285173-1024x682Auch in diesem Jahr hat der Popticker die Blind Auditions von Voice Of Germany statistisch analysiert. Kern meiner Analysen ist wie bereits in den letzten Jahren der von mir erfundene Quotient namens Buzzerschnitt. Er benennt den durchschnittlichen Wert an Buzzern, den ein Song oder eine Teilnehmer:innen-Gruppe erzielt - mehr dazu morgen. Heute kommt hier erst einmal das reine Zahlenkonvolut - welche Songs wurden gesungen, bzw. welchem Genre gehörten sie an, aus welchem Jahrzehnt stammen sie, und was für Tempi haben diese Songs. Morgen dann auch aufgeschlüsselt nach denselben Kategorien die jeweiligen Buzzerschnitte. Viel Spass an den Daten wünscht der Popticker.

                           in Runde 2

Teilnehmer:innen      117  75

FRAUEN                050  34

MÄNNER                061  36

DUO / TRIO / MEHR     006  05

 

Songs gesamt          117

davon

Pop                   034

Deutschpop            023

Rock                  014

Soul                  013

Pianoballaden         007

Rap                   005

Traditionals          004

Jazz/Country/Folk   je 03

Latin/Disco/Musical je 02

Metal/Blues/Reagge  je 01

 

Songs aus den

60ern                 005

70ern                 007

80ern                 013

90ern                 002

00ern                 014

10ern                 058

20ern                 015

 

Songtempo

01 Ballade            018

02 schnellere Ballade 030

03 Ballade / Uptempo  030

04 gehobenes Uptempo  021

05 Disco, Dance       014

06 Metal, Funk        004

Auffällig an den diesjährigen Zahlen ist, der noch klarere Trend zu aktuellen Songs. Das mit Abstand meist gespielte Jahrzehnt sind die Zehner. Ich habe in diesem Jahr auch die 20er mit aufgenommen, Songs aus diesem Jahrzehnt gab es immerhin 15 - ein hoher Wert, wenn man bedenkt, dass in diese Kategorie ja nur die Jahre 2020 und 2021 fallen. Die 90er sind der große Verlierer bei den reinen Zahlen - nur 2 Songs stammen aus dem Jahrzehnt von Grunge, Eurodance und Techno.


Weinschwangerer Ernst und 80s-Presets

RauchPop in Startblöcken - Folge 02 /// Bei der noch sehr jungen Band „Herr Rauch“ denkt man zunächst an Austropop - den Spagat zwischen, Witz, Wahnwitz und weinschwangerem Ernst traut man deutschsprachigem Pop höchstens zu, wenn er den Zynismus des Wiener Schmäh intus hat. Und auch wenn man die Musik dieser Band ohne den österreichischen Vergleich beschreiben möchte und zum Beispiel liest, wen die Musiker auf ihrer Website als Einfluss nennen, bleibt man bei der Vokabel Spagat: Rio Reiser, Udo Jürgens, die Ärzte und Hannes Wader - das muss man auch erst einmal in einen Popentwurf zimmern. Bei „Herr Rauch“ kommen zu den von ihnen Genannten schöner Weise schmockig-volkige Bläser dazu, die sie aus der Russendisko geliehen haben könnten. Aus diesem wilden Stilmix und leichtem bayrischem Einschlag des Sängers brauen die vier Musiker einen Kneipen-Singalong-Rock zusammen, dessen Format mutmasslich eher das Konzert als die Langspielplatte ist - wenn man mich fragt, was ich von dieser Band lieber Flykehätte jedenfalls, Tonträger oder Konzert, ich würde Konzert sagen, denn die Musik klingt so, als sei im Probenkeller bei einem Kasten Bier entstanden und als könnte diese Band sich die Finger wund spielen, bis auch in der letzten Reihe angekommen ist, dass Rock nicht tot ist. /// Die 80er-Revival-Wellen kann man inzwischen schon gar nicht mehr zählen. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Techniken, die in den 80ern den Pop in den Zustand versetzten, sich vom Rock emanzipieren, heute auf ein Handy passen. Die Presets, um so zu klingen, wie es in den 80ern neu war, stehen zu Verfügung, und man braucht eigentlich nur ein wenig Know-How, ein gutes Mikrofon und ein paar social-media-Accounts - los geht’s. Man muss aber natürlich auch wissen, wohin man damit will, wenn man Synthiewave musiziert, denn nicht allgemein verfügbar ist mit den Preset-Sounds eine musikalische Identität, eine Dringlichkeit, warum klingen will, wie man klingt. Bei dem Hamburger Musiker Chris Flyke fehlt mir ein wenig die Antwort auf diese Frage: Warum klingt er also nach den 80ern? Handwerklich sind die 15 Songs seines Debüt-Albums „digital bubblegum“ Nicogut gemacht, auch die Songs haben den Mix aus Eingängigkeit und leichter Überraschung, den man für einen Hit braucht, aber man spürt keinerlei leidenschaftliche Verbindung zwischen Flyke und seiner Musik - in der Hinsicht ist da noch Luft nach oben. /// Genau umgekehrt geht mir das bei dem jungen Sänger Nico Benjamin: Sein Synthpop atmet die Dringlichkeit von souligem Mut, hier will sich jemand mitteilen, und er hat das Besteck dazu, das in Songs zu tun - „till the break of dawn“ ist eine Ode an die Nacht, die nur beim ersten Hören aus den üblich verdächtigen Textbausteinen englischer Poplyrics gebaut zu sein scheint - beim zweiten Hören merkt man die persönlichen Nuancen, die hier gesetzt sind. Die Produktion der eigenen Lieder klingt aber doch ein wenig eindimensional und erwartbar - hier ist hier noch Luft nach oben. Aber eben jenes „till the break of dawn“ läutet den Release einer EP ein, und auf diese darf man allemal gespannt sein. /// 

Links zu den Erwähnten: 

< Website Herr Rauch >

< Website Chris Flyke >

< Youtube-Channel Nico Benjamin >

 


Rotwein im Federkleid

Pop in Startblöcken #01: Isa Jansen und Josua Schwab

Isa Jansens Musik orientiert sich durchaus am Folkpop, wie man ihn auch immer wieder mal mit deutschen Texten hört - klare Arrangements, vornehmlich akustische Instrumente, lyrische Geschichten und Riffs, die nicht behaupten, den Pop neu zu erfinden. IsaAber singen tut sie ihre eigenen Lieder eher wie Jazz, immer wieder mal kippt die Stimme knapp am klaren Ton vorbei und verhindert so, dass sie sich in dem beschriebenen Folk-Bett einkuschelt, und die Texte sind lyrisch-kryptisch verschachtelte Allegorien. Die vier Songs ihrer gerade erschienenen EP „Federkleid“ hievt diese Strategie auch aus einer gewissen Komfortzone der Hörer:in - will sagen: Man kann das nicht so gut durch sich durchdudeln lassen, was wiederum beim Folkpop ja auch ganz angenehm sein kann. Aber die Lieder von Isa Jansen halten dem Anspruch, den sie an sich selber zu stellen scheinen, stand. In dem Song „Junger Kettenhund“ zum Beispiel, der Opener der EP, bleibt auf angenehme Weise unklar, wer dieser Kettenhund ist: „Vernünftig sicher und kontrolliert / Dein Herz in zwei halbiert / Kriegst es einfach nicht sortiert / Der Hund nach seinem Nutzen giert:“ Dieser Song verzichtet im Grunde auf einen Refrain, bleibt bei losem Reimschema bei sieben vierzeiligen Strophen, hält aber dennoch mit erwähnt lyrischen Mitteln die Spannung, und die leicht sich steigernden Bläsersätze helfen dabei. Diese kleine, feine Songsammlung ist vermutlich kein Meisterwerk im Sinne einer Popmusikerin mit letzten Antworten auf die Frage, wie ihre Musik klingen soll, sondern eine Station eben auf der ehrlichen Suche nach einem Popentwurf zwischen Folk und Jazz.

Auch vier Lieder hat der Singer- und Songwriter Josua Schwab heute in Form einer EP veröffentlicht - überhaupt scheint die EP ja Josuadas Format der Stunde. Schwabs’ heißt „Dein Rotwein“, und der titelgebende Wein ist die Erinnerung an eine Frau, die das singende Ich aus nicht genanntem Grund zwei Jahre nicht gesehen hat: „Liebe Grüße aus der Ferne / Ich hab grad an dich gedacht / Hab deinen Wein bei mir gefunden / Und hätte ihn fast aufgemacht“. Der Wein also hat sich mit Erinnerung aufgeladen, und das ist ja auch eine schöne lyrische Allegorie, wenngleich die Texte von Josua Schwab insgesamt mehr realistischer sind, geschichtenhafter (als die von Isa Jansen), und er singt klar strukturierte Dus an. Seine Musik ist dann aber Bandpop mit einer klaren Brise gestauchtem Funks. Dazu passt, dass Schwab seine Stimme anstrengungsfrei ins Falsett ziehen kann und plötzlich klingt wie Justin Timberlake - nice. Vor allem, weil er das auch sozusagen inhaltlich einzusetzen vermag. Zwar zeigt sich der Popentwurf von Josua Schwab in sich geformt und produziert, aber auch hier wird keine Sekunde lang behauptet, man habe die das Poprezept schlechthin, und die vier Lieder bleiben ehrlich in ihrer Suche nach schöner Popmusik. 

Das ist dann vielleicht die Gemeinsamkeit zwischen den beiden Musikerinnen in dieser ersten Folge meiner neuen Rubrik „Pop in Startblöcken“, auch wenn die Musiken unfassbar unterschiedlich sind. Und hier sind die Links zu der Webseite von Isa Jansen und der Instagram-Seite von Josua Schwab.