Ohren auf Deutschpop

Zuckerreduziert

Die Liebäugeln mit Schlager ist als Kriterium auf der Suche nach Pop-Newcomer:innen angekommen

„Konstanze“, sagt Gordon Kämmerer zu seiner Schwester: „Lass uns doch mal n’ Schlagerhit machen, der dann viral geht.“ - ob er viral gehen wird, wissen wir nicht, aber was wir wissen, ist dass Konstanze Kämmerer sich von „Verhaltenstherapie“, wie sich ihr Bruder nennt, wenn er Popmusik macht, zu dem Schlagerhit hat überreden lassen: VerhaDer Song „Rote Rosen“ erscheint heute am 10. Juni, und sein Popentwurf siedelt irgendwo zwischen Catan, Andreas Dorau und Christian Steiffen - das sehr hübsche Promostichwort hierzu lautet: „New Wave Schlager“.

Ein zuverlässiges Trendbarometer ist nicht nur, wenn ein Untergrund-Phänomen in den Maistream wächst, sondern vor allem auch, wenn im Nachwuchs die Schnittstelle zwischen Indie-Whatever in den Mainstream gezielt gesucht und promoted wird. Und da nimmt es nicht Wunder, wenn auf einmal verschiedentliche Newcomer an den Schlagerrändern fischen, und es dort nicht immer trüb zu geht. „Geschwister“ jedenfalls, wie sich die Geschwister mit ihrem Lied „Rote Rosen“ nennen, unterwandern Euphorie und überbordende Emotionen mit einer gehörigen Portion Understatement. Ihr Schlager-Entwurf, wenn man ihn denn überhaupt so nennen will, findet zu allegorischen Zeilen: „Ist wie ein Strauch roter Rosen, Du stichst mich nieder.“ - nicht nur wechselt das angesungene Individuum von einer Sache zu einem Du, überhaupt spielen sich die Lyrics dieses versucht viralen Schlagerhits im Vagen ab (überhaupt ein Konzept im Pop von „Verhaltenstherapie“). Wenn der Song vorbei ist, bleibt ebenso vage, wohin Konstanze und Gordon damit wollen, und wie man es finden soll, aber in der Summe überwiegen bei mir die Sympathien für diese Fusion aus Nerdismus und Schlager.

FalkMit gänzlich anderer Gewichtung aber auch mit der letztlich irrigen Annahme, Schlager nachzubauen, geht der Sänger FALK seine Suche nach einem Popentwurf an. Er kommt allerdings auch mit einem Bein aus der NDW, wenn er Herbert Grönemeyers ersten Hit „Männer“ zitiert und im Songtitel die Frage stellt: „Wann ist der Mann ein Mann?“ - die Frage ist natürlich gestattet. Seine Idee, Schlager mit Rock zu unterwandern, ist zwar keineswegs neu und mit einem Vertreter wie Ben Zucker auch äusserst erfolgreich, dennoch merkt man der Musik von FALK an, dass er nicht von aussen konzeptioniert wurde, um an Gatekeeper wie Silbereisen vorbei zu kommen, aber dennoch reicht die mit Rock einher gehende Ironisierung von Gefühligkeit nicht aus, um Zeilen wie „Du bist die schönste Frau hier im Pub, lange Bein, Rock viel zu knapp“ eine Pop-Absolution zu erteilen. Wenn man also seine von Herbert übernommene Frage, Dagowann ein Mann ein Mann ist, stellt, so lautet bei dieser Single zumindest meine Antwort: 2022 sollte man als Mann sensibler dichten.

Ein im unterwanderten Schlager alter Hase ist Dagobert - man schaue sich nur noch mal seinen Auftritt im ZDF-Fernsehgarten mit seiner ersten Single überhaupt „zu jung“ an. Das war damals ultra-weird und nimmt sich heute völlig alltäglich aus - man merkt schon, wie aus Poprichtung nach der Schlagerwelt geschielt wird, während Helene Fischer und ihr Fahrwasser den dortigen Mainstream in Richtung Pop entgrenzt haben. Nun hat der schweizer Anzugträger auch schon wieder eine neue Langspielplatte im Rucksack, „Bonn Park“ wird sie heißen, und unabhängig Moritzdavon, dass so auch ein Kollege von mir heißt, und Dagobert sein Album in diesem Sinne auch „David Gieselmann“ hätte nennen können, ist die erste Single „Ich will ne Frau, die mich will“ so etwas wie eine Rückkehr zum Sound von „zu jung“, nachdem die letzte Platte recht darker Synthwave war. Gut, aber im Falle von Dagobert bin ich nicht neutral da Fan.

Der junge Osnabrücker Moritz Ley verortet sich und seinen Popentwurf, dem man freilich schon kaum mehr Schlager unterstellen möchte, dennoch im selben Spannungsfeld des Dabobert, irgendwo zwischen gefühligem Deutsch- und wavigem Synthiepop. Der Song „Bei mir“, letzte Woche erschienen, zeigt dann doch, wie filigran die Trennungslinien zwischen Popmusik und der einst hermetischen Volksmusik, um einmal dieses nicht ganz stimmige Synonym zu bemühen, inzwischen sind: Da muss man ganz schön hinterher musizieren, um die Sache noch in deutschen Soul oder so zu biegen. Dennoch ein ganz interessanter Newcomer - erwähnte Single „Bei mir“ ist die Dritte des Osnabrückers, und der Popticker bleibt dran, wenn Weiteres erscheint ...

/// Links zu den Musikvideos /// Geschwister "Rote Rosen" /// FALK "wann ist ein Mann ein Mann?"  /// Dagobert "ich will ne Frau, die mich will" /// Moritz Ley "bei mir" ///


/// Songs zum Sonntag /// 220522 ///

Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.26.11/// "BABE" ist eine Band, die fast schon nach IDEAL klingt. Und aus Berlin sind sie auch. Aber eben eine junge Band, ein Duo - schorfige Gitarren, Drauhautrommeln und ein wenig Echo-Effekte in Popräume - drei Singles gibt es bisher, und wie diese heißen, setzt auch ein wenig die thematische Farbe: „Irgendwie egal“, „Keiner kennt Dich“ und „Dagegen“. Um Letzteres Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.24.58„Dagegen“ soll es hier gehen, ein Song wie ein Rant gegen das Alleinsein mit plötzlicher Melodie, wodurch eben wütender Pop entsteht. Wie immer, wenn junge Leute irgendwo gegen sind, fragt man sich irgendwann auch mal, wofür sie denn dann auch sind, aber es is das Privileg der Wut und der jungen Menschen, darauf keine Antwort haben zu müssen. Für einen Song reicht es allemal. Da warte ich gerne auf mehr. /// Bisschen Wut würde der Band „Jante“ vielleicht ganz gut tun - ihre Jack-Johnson-Referenz-Single „Zeit, dass es warm wird“ kommt so relaxed daher, dass man, wenn man nicht gerade im Rosé in der Hand Lachs auf dem Grill wendet, ein wenig ins Zucken gerät: Macht doch mal ein wenig Power Freunde, Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.26.38ihr seid doch eine Band! - aber ein wenig Rosé-Sehnsucht tut doch vielleicht auch ganz gut, und thematisch an Rudi Carrels „Wann wird’s mal endlich wieder Sommer“ zu erinnern, kann man auch nicht wirklich verurteilen. /// Maggie Roggers, deren Home-Made-Dreampop einst einen berühmten Produzenten Tränen in die Augen trieb, ist auch entspannt, aber ihre neue Single "That's where I am" hat auch blumige Tiefe, erzählt in kurzen Momentaufnahmen von New York und ist ein klassische Songwriting-Ballade irgendwo zwischen Folk und Synthpop. Die Art und Weise, wie hier aus recht privaten Zeilen gesellschaftlich Übergreifendes aufscheinen lässt, ist eine Kulturtechnik britischen Pops: „I found a reason to wake up / Coffee in my cup / Start a new day / Wish we could do this forever / And never remember / Mistakes that we made.“ - mich rührt das zutiefst, ein wunderbarer Song. ///

Links zu den Musikvideos:

BABE "dagegen"

Jante "Zeit, dass es warm wird"

Maggie Rogers "That's where I am"


In Jazzpop taumelnd

Julian Adler mit einem wirklich schönen Album

Da Pop ja von populär kommt, ist Popmusik ja irgendwie komisch, wenn sie nicht populär ist - sie muss dann, um durch Rezeptionsmodelle von Pop sichtbar zu werden, einen höheren Popularitätsstatus behaupten - oder weniger kompliziert ausgedrückt: Pop sagt immer auch laut „Seht her, ich bin irgendwie schon cool, oder?“ Aus dem steinigen Weg des Pop-Business wiederum kann dieser Gestus auch ziemlich unsympathisch ausfallen, dann eben, wenn man vermittelt, dass, wer nicht längst GQK6WxPMkapiert hab, dass ich cool bin, vermutlich hinter dem Mond lebt. Das ist zum Glück bei Julian Adler mit seinem nach ihm benannten Album anders. Der ins Jazzpop taumelnde Yacht-Rock mit viel geschichteten Chören aus Adlers Stimme, Rhodes-Orgel und fluffiger Gitarre ist nicht arrogant sondern bescheiden und suchend.

Anrührend ist das schönste Stück auf diesem feinen Album. Es heißt „Auf ein Wort“, und es ist zunächst nur mit Gitarre instrumentiert: „Wir treiben zusammen am Wasser entlang. Nichts muss, alles kann, doch der Puls steigt langsam an. Der hellste Mond, den es gibt, sie spielen warme Musik. Dein Gesicht strahlt im Schein, das hier könnte aus Hollywood sein.“ - und dann geht der Song in eine Bridge, bei der Adlers fast nicht singende Sprechstimme konterkariert wird mit seinem Falsettgesang. Das ganze wird nur crescendiert mit fluffem E-Piano und leicht geboostetem Schnipsen. Als ich diesen Song gehört habe, war ich spätestens an dem Punkt, wo ich dachte: Himmel, das ist schon echt gute Musik.

Ok, es ist vielleicht nicht alles auf diesem Niveau, und hin und wieder denkt man, dem Album fehlen ein wenig die Ausbrüche, ein Quäntchen Wut oder mal eine Nummer, die nicht nur entspannt ist. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der hier nach Pop gefahndet wird, mit der ohne viel Aufhebens softer Soul bis Lofi-Funk aus dem Ärmel geschüttelt wird, wie Adler hier Deutschpop mit Surfgitarren unterwandert- das hat Lässigkeit. Und die Song-Lyrics haben viele dieser geschickten Zeilenüberhänge, so dass sie niemals in’s Liedschema gepresst wirken, und sie sind voll poetischer Skizzen aus einem relaxten Alltag. Ach so, und singen kann der junge Mann eh fantastisch.

Link: https://www.julianadler.de


Aus dem Zeitgeist gefallen, denn der hat enttäuscht

„auf Sand gebaut“ - so toll kann Deutschpop sein

Mit Florian Paul und seiner Kapelle der letzten Hoffnung“ haben wir uns hier schon einmal zweimal beschäftigt - namentlich mit den Singles „Zeitgeist“ ( < hier >  ) und „Heile Welt“ ( < hier > ) - heute nun erscheint von dieser großartigen Band das zweite 88314318-86d2-544c-90a7-720fb3232d1bAlbum „auf Sand gebaut“ - und es ist wunderbar geworden; mutmasslich die beste Platte mit deutschsprachiger Popmusik mindestens dieses Jahres: Der Orchesterpop mit Vaudeville-Bläsern, Balkanbeats, Zirkus-Pathos, Gypsy-Gitarren, plötzlichen Trompeten-Soli und überhaupt Jazz-Verve trägt auch über Albumlänge, ja, dann wird eine Welt draus, in die man eintauchen, in die man verreisen, zu der man kochen und so manches vorletztes Glas trinken möchte - getreu dem Motto „Erst wenn die letzte Schlacht wirklich verloren ist, dann macht das Leben wieder Spass.“ - diese Musik versetzt Dich in ein Stück von Brecht mit Musik von Eisler, und im nächsten Moment bestellst Du noch einen Schnaps ... stehst aber einsam in Deiner Küche.

Auch stille Stücke kann diese Kapelle der letzten Hoffnung: „Schatten“ ist eine stetig crescendierende Ballade am Morgen, vielleicht, nach einem One-Night-Stand, Champerpop, der sich mit immer mehr Instrumenten gegen den Kitsch auflehnt - und auch hier Zeilen, die man so noch nicht gehört hat: „Schau mich nur einmal so an, als ob da niemand mehr hinter mir steht, als ob da niemand mehr vor Dir geht, der einen Schatten wirft … auf uns.“  Die Stimme von Florian Paul, der auch die Lieder schreibt, trägt dabei mit tremolofernem Pathos durch die Kneipe, ohne sich der Versuchung des trunkenen Schmetterns hinzugeben, und hinter aller melancholischer Skepsis bleibt eine Spur Klarheit und Vernunft, hinter jeder Ecke des Weltuntergangs schaut man auf eine unklare letzte Hoffnung - der Name ist Programm. 

Diese Musik ist auf herrliche Weise aus der Zeit gefallen und passt genau deswegen in die Zeit.

Link: < Website > von Florian Paul und der Kapelle


Kafkas Tomatensaft

„Forian Paul + die Kapelle der letzten Hoffnung“, ihre neue Single "heile Welt" und das Video dazu, das ein Trailer ist

Zeitweise, noch vor der Pandemie, konnte man in den Speisewagen der Deutschen Bahn das Gefühl bekommen, das alkoholfreie Weizenbier sei das Adäquat zum Tomatensaft im Flugzeug geworden - man bestellt es wie selbstverständlich kurz nach Göttingen, obgleich man niemals sonst alkoholfreies Weizenbier trinkt, und am Nebentisch bestellt es dann auch jemand - eben so, wie man Tomatensaft trinkt, wo die Freiheit wohl grenzenlos scheint. Aber einmal bekam ich es nicht, mein Weizen ohne Alkohol.

Heile_welt_szene

Es war im Eurocity nach Prag, auch wenn ich nur nach Berlin fuhr, der Zug geht nach Tschechien, und führt einen tschechischen Speisewagen, das Essen dort ist viel besser, aber Weizenbier haben sie nicht, jedenfalls kein Alkoholfreies. Aber sie sind ein wenig altmodisch eingerichtet, viel schöner als die modernen ICEs oder der hässliche ICE 4 gar, der gar keine Speisewagen-Flair mehr entfachen kann, und ich schaute aus dem Fenster des tschechischen Speisewagen-Flairs mit einem Bier ohne Weizen und ohne ohne Alkohol, und ich denke damals auf einmal: Bin ich hier also in einem Wes Anderson-Film.

„Wie in einem Wes Anderson Film“ ist ein wenig die Allzweckformulierung für farblich abgestimmte Retro-Atmosphäre mit Einsamkeit und schrulligen Menschen geworden, und vielleicht geht einem heutzutage „bisschen wie bei Wes Anderson“ all zu rasch über die Lippen - so wie „kafkaesk“. Wes Anderson steht also im selben Verhältnis zu Kafka wie das alkoholfreie Weizen zum Tomatensaft. Naja. Sicher ist indes: Von meinem tschechischen Bier hätte ich vielleicht gar nicht erzählen sollen, denn um so weniger glaubwürdig habe ich mich dadurch gemacht, wenn ich nun sage: Das neue Musikvideo zu dem Song „Heile Welt“ von „Florian Paul + die Kapelle der letzten Hoffnung“ wirkt ein wenig wie aus einem Film von Wes Anderson Film gegriffen. Ich habe es aber dennoch so eingeleitet, weil ich poetischer darüber schreiben wollte, als über andere Deutschpopmusik.

Heile Welt CoverIn erwähntem Musikvideo jedenfalls wohnen eine Frau und ein Mann in einem Raum, den sie nicht zu verlassen scheinen - weil sie nicht wollen, weil sie nicht können, weil sie nicht dürfen? Wir wissen es nicht. Verpflegt sind sie ausreichend mit Ravioli in Dosen, die ein wenig an Warhols Tomatensuppe erinnern; und das ganze Szenario also ist farblich abgestimmt und schrullig. Manchmal wackelt ein Regal. Ungglücklich scheinen die beiden nicht, aber insbesondere die Frau sehnt sich woanders hin, möchte hinaus, offenbar gibt es noch andere Räume, und an sich wähnen die beiden diese Räume leer. Später werden sie diese anderen Räume erkunden, die Frau wird vorgehen, und sie werden auf andere Leute treffen, eine Bar, eine Party, das sieht man auch hier schon, aber wirklich erzählt wird dies wohl erst in dem gesamten Film, denn dieses Musikvideo ist gleichermassen ein Trailer zu einem Musikfilm, und dieser Film begleitet die neue Platte von „Florian Paul“. Film wie Platte werden „auf Sand gebaut“ heissen - ein ungewöhnliches Vorhaben mit deutscher Popmusik, von dem wir hier im Popticker noch hören werden.

Florian Paul und seine Kapelle haben den Sound ihrer Musik schon in ihrem Band-Namen ein wenig beschrieben: Chamberpop, eine Stimme, eine Kapelle; ein Popentwurf irgendwo zwischen „Element Of Crime“, Hamburger Schule und Max Raabe. Florian Paul singt mit leidenschaftlicher Beiläufigkeit poetische Geschichten, die er als Regisseur seines Musikfilms nun auch visuell erzählt. Die Single „Heile Welt“ ist eine getragene Piano-Ballade, eine skeptisch leise Aussicht auf Besseres: „Mach das Licht aus, schau die Welt geht endlich unter, doch wir haben uns eine neue ausgedacht.“ - mich persönlich berühren Lied wie Musikvideo sehr, weil ich in der Melancholie der Skepsis eine Denkfigur der Hoffnung spüre, die in diesen Zeiten gesund sein dürfte.

Links zu "Florian Paul und die Kapelle der letzten Hoffnung"

< Website >

< Musikvideo "heile Welt" / Trailer "auf Sand gebaut" >

PS - nun ist mir endlich eingefallen, an welche Band mich diese Musik noch erinnert, auch wenn das mit dem "die klingen ja wie ..." immer auch ein wenig blöd ist: The Nits - insbesondere an deren Platte "Adieu, sweet Bahnhof"

 


Tränen in der Timeline

Die TV-Show „Sing meinen Song“

Da sitzen sie nun wieder in Südafrika, so Popstars, die man in Deutschland mehr oder minder kennt, und sie trinken alkoholische Getränke, hin und wieder steht jemand auf, und sie covern gegenseitig ihre Songs, danach fällt man sich traditioneller Weise in die Arme und beteuert, wie großartig diese Cover-Versionen waren. Die Rede ist von der VOX-Popsendung „Sing meinen Song - das Tauschkonzert“. Es ist dies zweifelsohne ein Popmusik-TV-Format, das funktioniert: Der Sampler, der pro Staffel entsteht, führt die Download-Charts an, und die aktuellen Alben oder Best-Ofs der Teilnehmer:innen verkaufen sich ebenso. 

Schlecht ist die Idee dieser Show ja auch nicht. Das Covern von Songs ohnehin zum emblematischen Prinzip in der Darstellung von Pop im Fernsehen geworden, weil im Coversong das Original und zwei Interpret:innen durch Reibungsverhältnisse sichtbar werden, und, wenn uns ein Element vertraut ist, auch schon ein Grundprinzip von Popmusik generiert wird, nach dem wir in ihr Neues wieder erkennen. Das Cover ist dadurch die Tür zum Pop - in Castingshows für unbekannte Sänger:innen, beim Tauschkonzert für Sänger:innen, die auch schon bekannt sein können oder es eben durch diese Sendung werden - siehe Gregor Meyle oder die zweite Karriere von Sarah Connor, die seit der Reise ins Cover-Ressort Südafrika Deutschpop singt. Zudem haben beim Tauschkonzert schon andere Interpret:innen mitgemacht als die üblichen TV-Pop-Nasen wie BossHoss, Mark Forster oder eben Sarah Connor - Wolfgang Niedecken war dabei oder Judith Holofernes, Mary Roos und Samy Deluxe.

An sich könnte das Ganze also eine unterhaltsame Sache sein. Leider potenziert die Show auch ein Phänomen, unter dem ihre beiden Leitmedien, Dokusoap und Deutschpop, auch schon im Einzelnen leiden - das Phänomen der Brechstangen-Emotionalität. Deutschpop funktioniert ja ohnehin schon für sich nach der Mark-Forster-Formel, Trost nicht für Trostbedürftige zu spenden, als vielmehr Menschen, die sich in gewisser Zufriedenheit eingelebt haben, das Gefühl und die Illusion zu geben, Trost gebraucht und dann eben auch schon bekommen zu haben. * Diese Musik füllt sozusagen ein Vakuum, das sie vorher erfolgreich behauptet hat, Sing-meinen-song-bossmit heisser Luft - was um Himmels Willen ja auch völlig okay ist. Aber wenn jetzt auch noch die realfiktionale TV-Dramaturgie hinzu kommt, die wiederum das Ziel hat, möglichst viele Teilnehmer:innen an was auch immer so oft wie irgend möglich zum Weinen zu bringen, dann wird es doch arg zweischneidig. Und am nächsten Tag steht dann in einer Online-Klatschblatt: „Tränen bei Clueso – Nach Lottes Auftritt herrscht andächtige Stille“, nun ja, das riecht schon nach inszenierter Authentizität par excellence.

Permanent heulen sich die Popstars in Südafrika also in die Arme, wenn sie ihre Lieder in anderem Gewand hören, und wenn sie dann erzählen, dass sie diesen oder jenen Song ja eben auch geschrieben hätten, als sie dieser oder jener Schicksalsschlag getroffen habe, auch wenn es sich dabei um ein Lied handelt, welches in Wirklichkeit ein Songwriting-Camp von sieben jungen Männern mit algorithmischen Prinzipien geschrieben hat, damit es auf Spotify funktioniert. Man sieht dann dabei zu und denkt sich: Wo kommen alle diese Gefühle her? Soll ich die jetzt auch haben? Oder man sieht nicht dabei zu und bekommt hin und wieder die Top-Meldungen, wer geweint hat, in die Timelines gespült.

* Selbstzitat: "Die Forster-Formel" < Hier >


/// Songs zum Sonntag /// 240422

/// Aus technischen Gründen erst am Montag Blau-Cover/// Soeben erschienen: Eine neue Single von Julian Adler, der uns an anderer Stelle schon mal beschäftigt hat. Der neue Song heißt „Blau“, eine klassische Farbe in der Popmusik, und Adlers Blau nun ist an sich trockener Funk, der hier so einheitlich kompakt produziert wurde, dass ein wenig die Amplituden und Ecken und Kanten fehlen. Aber gesanglich kann man erneut nicht meckern: Julia Adler singt sich durch die Sehnsucht nach Meer und Freiheit durch eine Bandbreite an Stimmregistern, das macht schon irre Spass. Die letzte Single war mir etwas zu kitschig, „Blau“ ist mir etwas zu smooth geraten, aber Kitsch und zu smoother Funk: Auch an Nörgeleien kann man merken, dass hier ein Musiker auf der Suche nach passendem Popentwurf ist und locker flockig handwerklich in der Lage, in verschiedenen Pop-Regalen danach zu schauen. Hier darf man weiter gespannt sein, wenn sich das mal zu einer EP oder einem Album zusammen findet - langweilig wird das sicherlich nicht werden. Der Popticker bleibt am Ball. /// CoverDie Fragen, ob es überhaupt noch indie gibt, ob das Indie-Siegel zu einer künstlerischen Umschreibung geworden ist, und seinen ökonomischen Charakter aufgegeben hat, oder ob dieser Begriff in Zeiten der Streamings als Gatekeeper zum Mainstream, sich gerade wieder ökonomisch aufgeladen hat, diese Fragen, kann man 2022 immer wieder diskutieren. Zweifelsohne gibt es jedenfalls, wenn man zwischen Nische und Mainstream unterscheiden will, ganz gleich, ob man es nun also indie nennt oder nicht, eine Sehnsucht auf beiden Seiten in Richtung des Anderen. Womit wir, lange Rede, nicht ganz so kurzer Sinn, bei FISCHER wären - ein neues Bandprojekt des nominellen Schlagzeugers Sven Fischer, der nun also auch singt. Die erste Single heißt „für immer“ und ist wahlweise Deutschpop der sich nach Hardrock oder aber Hardrock, der sich nach Deutschpop sehnt: Seicht, folkig, flächig, melodiöse kommen zwei Strophen daher, bevor der Song dann in rockige Tiefen taucht, depressiv und aggressiv nahezu, obgleich es um den Tod geht, kommt das schon überraschend. Ich muss zugeben, dass diese Musik nicht so meine Wiese ist, aber was dieses Lied sein will, ist zu 100% auch authentisch erreicht und irre gut gemacht. Auch hier werde ich verfolgen, was von dieser Band noch kommt. ///

Links:

< Blau >

< für immer >


ikonisch ironisch

Warum distanzierter Schlager überhaupt möglich ist

Commissario Brunetti ermittelt ja mitten in Venedig auf Deutsch - dieses ZDF-Konzept in Popschlager zu übersetzen, auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Ob dieser Popentwurf aus der Brainstormhölle, in der Redaktion von Jan Böhmermann oder bei einer schwer durchzechten Nacht entstanden ist, wir wissen es nicht. Was wir indes wissen, ist dass dieser Entwurf in die Tat umgesetzt wurde und derzeit sogar auf der Spitze der deutschen Albumcharts steht: Auftritt „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ - für diese Formation hat man sich eine fiktive Bandgeschichte erdacht und diese mit reichlich blödsinnigen Daten angereichert - frühen Erfolgen bei einem brasilianischem Schlager-Festival etwa, oder einem Debüt-Album namens „Greatest Hits“, dem Bandzerwürfnis und schliesslich dem Comeback mit dem derzeitigen Album „Mille Grazie“. 

Original

Man muss den deutschsprachigen Italoschlager dieses Longplayers nicht gehört haben, um erkennen zu können, dass wir es hier mit einem ironischen Popkonzept zu tun haben. Um so erstaunlicher ist aber, dass die Kernbotschaft dieser Musik, eine sich hingebende Leidenschaft für Italien, die Liebe und das Leben dennoch ungefiltert durch das ironische Breitband-Antibiotikum der unsinnigen Formation hindurch kommt. Und das bei einem derart antiseptisch unironischen Kern-Genre, dem Schlager. Wie ist das überhaupt möglich? 

Dazu muss man vielleicht erst einmal ein wenig ausholen.

In der Rhetorik ist Ironie bekanntermassen die erkennbare Diskrepanz zwischen Gesagtem und tatsächlicher Intention des Geäusserten. Die Erkennbarkeit erzielt man dabei mit Signalen der Distanzierung - zum Beispiel dadurch, dass man Gesagtes gestisch oder stimmlich markiert. Wenn zwei Menschen sich gut kennen, und unter ihnen die Ironie als Code anerkannt ist, muss Gesagtes nicht kenntlich gemacht werden. In der Kunst wiederum, in der sich Sender und Empfänger von Botschaften nicht unbedingt kennen, kann man sich auf ironische Effekte erst dann verlassen, 0602445062171wenn sie als künstlerisches Stilmittel etabliert sind - das muss man aber eben für jedes Werk, jeden Roman, jedes Skulptur neu tun. Das heißt praktisch nichts Anderes, als dass ich bestimmte Stilmittel bewusst übertreibe oder anderweitig abhebe, so dass sie augenscheinlich werden. In der Popmusik wiederum, bei der das bewusste Übertreiben, Zitieren, Markieren und kenntlich Machen ohnehin zu den konstatierenden Stilmitteln gehört, ist die Ironie also präsent, auch wenn sie als distanzierendes Mittel gar nicht gewollt ist - sie ist jenseits von Inhalten Resultat der Form und bezieht sich auch auf diese.

Diese Art der Formenironie wiederum erzeigt das große Referenz-Potential von Pop. Man kann sich der Inhalte bestimmter Genres nämlich zu eigen machen, in dem man deren Stilmittel übertreibt und anderweitig kenntlich macht. Wenn ich zum Beispiel in einem Folksong Flamenco zitiere, distanziere ich mich nicht von dessen potentiellen Inhalten, sondern lasse diese im Gegenteil bewusst mitschwingen. Womit wir bei der Antwort auf die Frage angekommen wären, warum es ironischen Schlager überhaupt geben kann - im Übrigen sind  „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ natürlich nicht die Ersten, die das versuchen. Dagbobert beispielsweise, der große schweizer Liebes-Skeptiker mit dem tiefen Glauben an das Lied, hat den Schlager bereits philosophisch mit Indiepop unterwandert; Alexander Marcus hat einen Soundtrack für die Fusion von Schlager-Move und Loveparade erfunden, der Musiker Drangsal hat kürzlich erst Postpunk in die Schlagernachhilfe geschickt und dafür sogar vom Feuilleton gute Noten bekommen, und die „Crucci Gang“ hat Klassiker des Deutschpop durch eine italienische Espressomaschine gejagt - schade übrigens, dass es die Spex nicht mehr gibt.

Doch zurück zum Italo-Schlager: Auf Deutschlandfunk wurden die beiden Kernmitglieder von  „Roy Bianco“ & die Abbruzanti Boys“ gerade interviewt (namentlich Herr Roy Bianco und Herr Abbruzanti Boys), und in der Ankündigung zu diesem Beitrag wurde deren Presse-Info zitiert, nach der sie das fiktive Narrativ dieser Band niemals verlassen würden. Leider erwiesen sich die beiden Interviewten dann eher als mittelmässige Darsteller ihrer selbst erschaffenen Kunstfiguren: Ihrem feinsinnig ironisiertem Italo-Pop-Schlager sind sie sozusagen schauspielerisch nicht gewachsen. Dennoch eine bemerkenswerte Veröffentlichung, in der die Kulturgeschichte der Ironie skizziert ist - Konzeptpop von hoher und gleichzeitig unfassbar blödsinniger Schule.


Gestus und Realität

Zweimal Pop in Startblöcken: FALK und Julita

Ein Gestus von Pop als Solchem ist ja immer auch das Behaupten der eigenen Angesagtheit, und naturgemäss wirkt dieser Gestus immer dann merkwürdig, wenn, wer von sich behauptet, angesagt zu sein, gar nicht angesagt ist. Insofern hat man, wenn   frau nicht all zu bekannt ist, die Wahl, entweder auf erwähnten Gestus zu verzichten, wodurch man dann halt auch auf ein Merkmal von FALK_ALLESMITDIR_CoverPopmusik verzichtet, oder aber, es wird vorgeprescht und man riskiert, dass die Leute erkennen, dass zwischen Gestus und Wahrheit eine große Lücke klafft. Möglicherweise ist genau in diesem Dilemma der Grund dafür zu suchen, warum Karrieren im Pop auch heute Zeit brauchen - Gestus und Realität müssen erst in irgendeinem Einklang münden, bevor man eine stimmiges Image als Popstar repräsentiert - auf social media, in Videos, in allen Erscheinungsmedien. Und wer sich über all diese Dinge Gedanken macht, hat noch lange nicht musiziert.

Das sind Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, seit mir zunehmend Promo-Firmen Interpreten, Songs und Alben von noch nicht all zu bekannten Acts schicken, um darüber zu schreiben (siehe Rubrik „neuer Pop in alten Schläuchen“. Fast alle dieser Interpret:innen singen deutsch, allesamt sind sie noch nicht all zu bekannt oder etabliert, völlig am Anfang stehen aber auch die Wenigsten.

So auch FALK, der soeben die dritte von fünf geplanten Singles mit deutschen Texten veröffentlicht hat. Der Song heißt „Alles mit Dir“ und begegnet oben erwähntem Dilemma mit dem eigenen Verschwinden hinter Lied und Video, in dem man verschiedene Paare beim Flirten und Schmusen zusieht. Der Song wiederum kaschiert die Tatsache, dass er eine Ballade ist, mit verschleppter Blues- CoverRhytmik in Intro und Refrain, und lässt sich nur in den Strophen auf tragende Flächen samt „Ooohs“ und Uuuhs“ ein - klassischer Deutschpop könnte man sagen. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Sänger, der seine eigenen Lieder schreibt, ein wenig mehr kann, und sich vielleicht mehr in Rock trauen könnte - oder eben, womit wir bei oben erwähnten Behaupten der eigenen Angesagtheit wären: Der könnte ein wenig forscher auftreten, dieser FALK. „Alles mit Dir“ traut sich nicht ganz nach vorne.

Die Ballade lässt Julita zu: Ihre Single „heimlich Weinen“ zerfliesst fast schon an den wenigen Klavier-Akkorden, aber dann hält das Ganze ein trappiger Beat zusammen, und ehe man sich es versieht, bekommt auch noch ein Gast-Rapper ein paar Zeilen. Wo andere auf die Mechanik einer Kunstfigur vertrauen, setzt Julita auf ein die Authentizitäts-Karte, eine Frau, die sich zum Weinen zurück zieht, damit man sie nicht leiden sieht. Mithin als Gestus auch denkbar ungeeignet, um die eigene Angesagtheit zu behaupten, aber genau das kann man der jungen Sängerin auch zugute halten: Ihre Piano-Trap-Ballade klingt im Abgang schon sehr ohrwurmig und auf Höhe der Zeit. Ich muss allerdings auch sagen, dass das so gar nicht meine Wiese ist, aber viele Wiesen, die nicht mir gehören, sind dennoch Wiesen, und „heimlich weinen“ ist sicherlich auch gute Popmusik.

Videos:

< heimlich weinen >

< alles mit dir >

 


Truth, Chaos, 8 Milliarden

Neuer Wein in Popschläuchen: Nico Bejamin und Julian Adler

Bildschirmfoto 2022-03-17 um 13.38.29Über Nico Benjamin habe ich an selber Stelle vor ein paar Wochen geschrieben, „Die Produktion der eigenen Lieder klingt aber noch ein wenig eindimensional und erwartbar“ - hier sei noch Luft nach oben.  Siehe da: Seine neue EP „truth from chaos“ nun blubbert, wie ich finde, durch und durch amtlicher, runder, versierter. Uptempo-Beats flanieren, Synthie-Tupfer mit tarierten Echos suchen räumliche Tiefe, und die gute alte 80s-Cowbell findet sich auch wieder. Hier braut sich ein trockener Synthie-Soul zusammen, und die zuweilen sympathisch schüchterne, sich ins Soulige tastende Stimme von Benjamin findet in den Tracks ein perfektes Sound-Bett. „Wer sich an die 80er erinnern kann, der hat sie nicht erlebt“, könnte man passender Weise mal wieder zitieren, denn ich denke, dieser junge Popmusiker hat sie in der Tat nicht erlebt, wie überhaupt eine sehr jung Generation von Musiker:innen sich mal wieder auf die 80er bezieht, dies aber derart eigen und fluffig tut, dass man es auch, wenn man schon älter ist, gerne wieder hört. Doch zurück zu Nico Benjamin: Das Songwriting der vier Lieder ist ein wenig aus dem privaten Raum heraus gewandert, das merkt man schon an den Songtiteln: „A new horizon“, Bildschirmfoto 2022-03-17 um 13.38.53 „Truth from Chaos“ oder „The world works in mysterious ways“ - ganz gewappnet vor Lyric-Bausteinen sind die Texte hier noch nicht, und hin und wieder kam mir Gedanke, dass diese Lieder mit deutschen Texten besser klingen könnten, aber es kann auch sein, dass ich mich irre. In jedem Fall ein Musiker, den es sich lohnt weiter zu verfolgen - bereits im April kommt eine weitere EP, wie er mir heute schrieb, und zum Ende des Jahres dann ein Album - wer den Popticker liest, wird davon hören.

Auch Julian Adler sucht eine Art von Soul - dies jedoch weniger in 80er-Schläuchen als auf akustischeren Pfaden und mit deutschen Texten. Woran man schon sehen kann, dass, diese beiden Popsänger in einen Beitrag zu werfen, natürlich legitim ist, wir es aber dennoch mit höchst unterschiedlichen Popentwürfen zu tun haben. Adler jedenfalls hat gerade eine Single veröffentlicht: „8 Milliarden“ ist ein Duett mit der Sängerin Ornella Tobar, und man könnte diese pathetische Pianoballade schnell kitschig abtun, aber ich bin derzeit zu haben für Kitsch - und ich stehe dazu. Die Lyrics dieses Liedes beziehen sich auf die Menschen, von denen es bald eben 8 Milliarden gibt, die aber dennoch nicht zusammen rücken - so kurz und knapp könnte man das zusammen fassen: Ein Friedenslied, dessen Einnahmen an Viva Con Acqua gehen. Ich sage Euch: Das ist musikalisch überhaupt nicht meine Wiese. Aber er gefällt mit sehr gut.

Links:

< Website Nico Benjamin > 

< Video "8 Milliarden" >