Post-Charts

Welcome to the Tik-Tok California

Der Konsens ist vom Album in den Einzel-Song gewandert

Wir wissen nicht, ob der viel beschworene Tod des Albums jemals eintreten wird, aber abgesehen davon, dass totgesagte ohnehin länger leben und der Playlisten-Boom eventuell schneller abebben könnte, als das den Content-Providern namens Streaming-Diensten jemals lieb sein könnte, gibt es ein Phänomen der Popkultur, das durchaus dahin siecht: Das Konsensalbum. Die Platte also, die alle haben, meist auch unabhängig davon, wieviel sie dann jeweils gehört wurde oder bis heute wird: R-1089760-1191248179Dire Straits’ „Brothers in Arms“, Portisheads „Dummy“, „Peter Frampton comes alive“, der blaue und / oder der rote Beatles-Sampler, Norah Jones’ „Come away with me“ oder Alanis Morrissettes „Jagged Little Pill“ - um nur ein paar zu nennen. Das Album jedenfalls, auf das sich eine gewisse Zeit alle einigen können.

Aber es gibt natürlich eine Sehnsucht nach dem Konsens, in der Popmusik ist sie ja geradezu konstatierend, aber derzeit eben wird diese Sehnsucht vor allem durch einzelne Songs herauf beschwört und oder (zum zweiten Mal in diesem Text, wow) auch befriedigt. In diesen Songs fallen dann oft bestimmte Erscheinungsformen von Popmusik zusammen, wie ja ohnehin die Produkte des Pops Gefässe verschiedenster visueller, sozio-kultureller und natürlich hörbarer Phänomene sind, und bei den Konsens-Songs, die ich meine, kommt noch hinzu, dass es Lieder betrifft, die auf Vinyl ebenso wie auf CD und im Streaming sowie in sozialen Netzen ein Präsenz entwickeln. Auf Tik-Tok beispielsweise und kollateral wahrnehmbar auch auf Instagram spülen derzeit immer wieder Lieder aus der Schnittstelle von Rock und Pop aus der Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er an die Oberfläche. Da gab es den Skater, der Cranberries-Saft trinkt, Elton-john-dua-lipa-cold-heart-pnauund dazu erklang „dreams“ von Fleetwood Mac, es wurde dem Song „Africa“ von Toto gehuldigt, und jeder Gitarrist, der etwas auf sich hält und das in den sozialen Netzwerken zeigen will, spielt die Solis aus „Sultans Of Swing“ und / oder (3x, Hammer) „Hotel California“ nach. Was diese Lieder gemeinsam haben, ist eine gewisse Unschuld, eine harmonische Weltsicht jenseits von Corona und Klimawandel - auch wenn man das über „Hotel California“ sicher nur über die Musik aber nicht über den Text sagen kann.

Mit gleicher Sehnsucht nach Konsens und nach Wohlfühl Pop ohne Schrägen und Kanten lässt sich vermutlich der wahnsinnige Erfolg der Single „Cold Heart“ von Elton John und Dua Lipa erklären. Der Song ist an sich ein Selbst-Cover Johns und heißt im Original „Sacrifice“. In seiner Urform ist das ein klassische Pianopop-Ballade wie sie Bernie Taupin zu dutzend für Elton John geschrieben hat, aber in der nun seit Monaten in den Top-Ten befindlichen Neuaufnahme wird eine Uptempo-Dance-Pop Nummer mit einer Prise britischen RnBs von Dua Lipa draus - anschlussfähig an Justin-Bieber-Hörer:innen ebenso wie für 49-Jährige Popfans. Ich habe den Song auch gekauft.

Der Konsensfaktor von „Cold Heart“ bietet dabei auch die Bestätigung meiner alten These, dass man in der Popmusik das Neue wieder-erkennt - wir kennen das und können uns doch zunicken: „Das ist fresh! Dua Lipa Ey!“ und gleichzeitig denken wir „Jaja damals, der Elton John.“ (Das geht sogar so weit, dass man bei beiden beiden Versionen meint, „Coco-Heart“ zu hören, obgleich die Lyrics nominell„cold cold heart“ lauten.) Wenn Nostalgie früherer, sorgenfreier Popmusik also in heutigen Netzwerken gepflegt wird, bringt das Post-Charts-Hits hervor. Die Frage, ob jemals jemand „Peter Frampton comes alive“ gehört hat, muss aber auch heute unbeantwortet bleiben.


Infratest Voicemap 2021

Statistiken zu den Blind Auditions bei "The Voice Of Germany 2021" - (Staffel 11)

Die elfte Staffel der Castingshow „The Voice Of Germany“ ist in vollem Gange. Derzeit werden die Folgen der zweiten Runde, der so genannten Battles ausgestrahlt. Diese sind in diesem Jahr, das sei hier nur am Rande erwähnt, unter geänderten Wettbewerbs-Statuten ausgetragen worden, die der Sache stark geschadet haben: War es bislang ein Vabanque-Spiel zwischen Kooperation und Konkurrenz, das bestenfalls tatsächlich Kreativität freisetzte, weil sich zwei Sänger:innen in ein Boot setzten, hat nun die gegenseitige Missgunst das Steuer übernommen, weil die Coaches jeweils eine Teilnehmer:in von Dreien schon vor der eigentlichen Show raus werfen müssen. Das ist unfassbar blöd. Es produziert Dramaturgien des Trash-TVs. Wenn „The Voice“ so ist, ist es keinen Deut besser als DSDS-Bohlen.

Doch heute soll es um die statistische Auswertung der ersten Runde, den Blind Auditions gehen. Ich habe wieder sämtlich dort gesungenen Lieder nach Genre, Jahrzehnt der Veröffentlichung und Tempo erfasst und für diese jeweils errechnet, wie viel durchschnittlich von den Coaches gebuzzert wurde. Die Anzahl der gesamten Coaches also, die für zum Beispiel Lieder der 80er Jahre (22) gebuzzert haben, durch die Anzahl der Lieder aus diesem Jahrzehnt (13) ergibt den Buzzerschnitt für Songs der 80er (Ø = 1,69). Die sich daraus ergebenen Statistiken sind natürlich wunderschön. Man könnte zum Beispiel daraus ableiten, dass bei The Voice die besten Chancen hat, weiter zu kommen, wenn sie / er ultraschnelle Songs der 60er Jahre im Jazzsound singt. Dass man sich dafür als Sänger:in natürlich auch eignen müsste, ist mir auch klar - diese meine Listen sind also ebenso blödsinnig wie wunderbar, weil sie, mir zumindest, unfassbar Spass machen.

Eines kann man in diesem Jahr schon mal erfreulich fest stellen: Konnte ich auch im letzten Jahr meinen Eindruck statistisch untermauern, dass Männer es bei The Volice leichter haben, hat sich das Ganze in diesem Jahr gedreht.

Buzzerschnitt Frauen 2021     Ø 1,76 Vorjahr Ø 1,5

Buzerschnitt  Männer 2021     Ø 1,50 Vorjahr Ø 2,0

Statistischen Staub aufgewirbelt hat bei den Coaches in diesem Jahr Sarah Connor - sie hat die meisten 4er-Buzzer eingeheimst und ihr Team kommt somit auf einen Traumwert von Buzzerschnitt:

Mark Forster     Ø 1,50

Nico Santos      Ø 2,94

Sarah Connor     Ø 3,04

Johannes Oerding Ø 2,42

Hier nun also die drei Balkendiagramme zu Genres, Jahrzehnt und Tempo der gesungenen Songs. (Vorjahreszahlen findet ihr in der Kategorie "Listen Listen Listen")

Buzzerschnitte nach Jahrzehnt der gesungenen Songs.

Balken_jahrzehnt

Buzzerschnitte nach Genres der gesungenen Songs.

Balken_genre

Buzzerschnitte nach Tempi der gesungenen Songs: 1: Ballade / 2: schnellere Ballade / 3: Uptempo  / 4: Uptempo + / 5: Dance, Disco / 06: Dance, Funk, Metal.

Balken_tempi


Infratest Voicemap 2021

Big Data zu den Blind Auditions von "The Voice Of Germany" Staffel 11  - 2021

Folge 01 REINE ZAHLEN

2285173-1024x682Auch in diesem Jahr hat der Popticker die Blind Auditions von Voice Of Germany statistisch analysiert. Kern meiner Analysen ist wie bereits in den letzten Jahren der von mir erfundene Quotient namens Buzzerschnitt. Er benennt den durchschnittlichen Wert an Buzzern, den ein Song oder eine Teilnehmer:innen-Gruppe erzielt - mehr dazu morgen. Heute kommt hier erst einmal das reine Zahlenkonvolut - welche Songs wurden gesungen, bzw. welchem Genre gehörten sie an, aus welchem Jahrzehnt stammen sie, und was für Tempi haben diese Songs. Morgen dann auch aufgeschlüsselt nach denselben Kategorien die jeweiligen Buzzerschnitte. Viel Spass an den Daten wünscht der Popticker.

                           in Runde 2

Teilnehmer:innen      117  75

FRAUEN                050  34

MÄNNER                061  36

DUO / TRIO / MEHR     006  05

 

Songs gesamt          117

davon

Pop                   034

Deutschpop            023

Rock                  014

Soul                  013

Pianoballaden         007

Rap                   005

Traditionals          004

Jazz/Country/Folk   je 03

Latin/Disco/Musical je 02

Metal/Blues/Reagge  je 01

 

Songs aus den

60ern                 005

70ern                 007

80ern                 013

90ern                 002

00ern                 014

10ern                 058

20ern                 015

 

Songtempo

01 Ballade            018

02 schnellere Ballade 030

03 Ballade / Uptempo  030

04 gehobenes Uptempo  021

05 Disco, Dance       014

06 Metal, Funk        004

Auffällig an den diesjährigen Zahlen ist, der noch klarere Trend zu aktuellen Songs. Das mit Abstand meist gespielte Jahrzehnt sind die Zehner. Ich habe in diesem Jahr auch die 20er mit aufgenommen, Songs aus diesem Jahrzehnt gab es immerhin 15 - ein hoher Wert, wenn man bedenkt, dass in diese Kategorie ja nur die Jahre 2020 und 2021 fallen. Die 90er sind der große Verlierer bei den reinen Zahlen - nur 2 Songs stammen aus dem Jahrzehnt von Grunge, Eurodance und Techno.


Blödsinnige Platten

Fake News in den Charts: Der iTunes-Store von Apple wurde offenbar Opfer eines Hacks

Am Donnerstag den 19.08.21 wurde der Musik-Download-Shop der Firma Apple, besser bekannt unter dem Namen iTunes-Store, Opfer eines Hacker-Angriffs: Über den Tag verteilt tauchten in den Album-Charts unsinnige Veröffentlichungen auf und verstopften die Top-Ten. Es handelte sich um angebliche Alben von über Suchmaschinen unauffindbaren Interpret:innen mit Namen wie Else Engel, Claudine Blanc oder Christian Darcangelo. Zwei dieser Fake-Alben wurden unter dem Titel „fatal mistakes“ geführt, Andere hiessen „living on mercy“ oder „now only“. Sämtliche dieser Platten enthielten durchaus Musik - oder um genauer zu sein: abspielbare Audiospuren, denn Musik kann man dazu fast nicht sagen. Die Tracks mit Allerweltstiteln bestanden ausnahmslos aus zwei bis drei Spuren: Billiger Beat und Zwei- bis Dreitonfolgen vom Synthesizer. Bei den Covern handelte es sich wohl um Stockfotos: Tatsächliche und computergenerierte Naturaufnahmen oder ein Foto, welches Venedig zeigte. Am Vormittag habe ich drei dieser Alben auf den Plätzen 1,2 und 9 entdeckt, am Abend wurden dann gar die ersten sechs Chart-Plätze mit diesen blödsinnigen Platten belegt. Am nächsten Morgen, heute am 20.08., sind all diese Alben verschwunden, aber es finden sich andere ähnliche Veröffentlichungen nach den gleichen Prinzipien, die aber nicht mehr in den Top 100 sind.

Unklar bleibt, was hinter der Sache steckt, und ich habe schon überlegt, ob ich ein Bekennerschreiben zu der Aktion veröffentlichen soll, weil sie aufzeigt, was ich als These schon lange in den Popraum zu stellen versuche: Die Charts sind zur Bildschirmfoto 2021-08-19 um 11.27.42Makulatur verkommen. An zwei Punkten kann man das anhand des gestrigen Hacking-Angriffs ablesen. Zum einen sollen die Charts ja an für sich abbilden, was angesagt ist, und wenn etwas in den Charts ist und Mark Forster und Billie Eilish auf die Plätze verweist, Musik, die offenkundig nicht angesagt sein kann, die keiner kennt, und die sich auch in Suchmaschinen nicht finden lässt, dann ist die Chart-Idee eben obsolet. Zum Anderen kann man an der Bewegung innerhalb des gestrigen Tages, an dem sich verschiedene Fake-Alben auf Platz eins ablösten und sich im Laufe des Tages fröhlich durch die Top-Ten bewegten, ablesen, dass Charts ohne Zeiteinheit schon überhaupt Schwachsinn sind - welche Zeiträume bildet ein Platz in den Charts ab, wenn es sich dabei um eine Livetabelle handelt?

Chartmanipulationen hat es schon immer gegeben. In den USA gibt es sogar einen Begriff für Bestechungsgelder, welche Plattenfirmen DJs oder Radiostationen zahlen, damit diese bestimmte Songs öfter spielen: Payola. Höheres Airplay, also eben öfter im Radio gespielt zu werden, führt zu höheren Chartpositionen, und da im Radio öfter gespielt wird, was in den Charts ist, wirkte das Bestechungsgeld Payola oftmals exponentiell. (Das Wort Payola setzt sich aus „pay“ und dem Herstellernamen der in der Mitte des 20. Jahrhunderts in den Radiostationen verwendeten Grammophone „Victrola“ zusammen. Erstmals dokumentiert wurde der Begriff laut Wikipedia 1959, aber man muss davon ausgehen, dass die beschriebene Bestechungs-Strategie bis weit in die 80er praktiziert wurde.) Einen anderen Fall von Manipulation der deutschen Charts deckte im Jahre 2005 die Sendung „Akte“ des Senders Sat 1 auf. Der Musikproduzent David Brandes hatte CDs seiner Künstlerinnen (darunter Vanilla Ninja und Gracia) gekauft und kaufen lassen, um diese Künstlerinnen in die Charts bringen und danach von der Rückkopplung des durch die Chartposition generierten Interesses zu profitieren. Beide beschriebenen Manipulationen machen sich natürlich ein konstituierendes Element von Pop an sich zu Nutze - die Behauptung nämlich, angesagt zu sein als potentiell selbst erfüllende Prophezeiung.

Bildschirmfoto 2021-08-19 um 17.21.46
Screenshot der Top 14 in den iTunes-Charts am 19.08. um ca. 18 Uhr

Was wir aber gestern in den iTunes-Charts beobachten konnten, hat nichts mit diesem Mechanismus zu tun, denn die Musik, die hier mit welchen technischen Mitteln auch immer, in die Charts gehievt wurde, ist gar keine Popmusik - sie behauptet nicht unmittelbar und durch sich hip zu sein. Die Behauptung, diese Alben hätten sich in den Charts befunden, war als sich selbst erfüllende Prophezeiung ungeeignet, da es keinen Grund gab, diese Alben zu kaufen. Es bleibt also die Frage, warum irgendwer diese Fake-Veröffentlichungen in die Charts bekommen hat, wie das gemacht wurde, und welches Statement dadurch gemacht werden sollte. Von Apple selber gibt es keinerlei Statement dazu, auch meine Anfrage, nun bin ich natürlich auch eine Privatperson, bleibt unbeantwortet, aber irgendwas, so glaube ich jedenfalls, muss dahinter stecken, und ich möchte zu gern wissen, was es ist - wenn das hier also irgendwer liest, der mehr Followerpower hat, der einen Weg sieht, herauszufinden, was es mit den unsinnigen Alben auf sich hat, der sage mir gerne bescheid.


Retro-Techniken für die Nuller

Die No Angels leisten Pionier-Arbeit

Die No Angels, die großen Künstlerinnen des Gewesen-Seins, des No Angels-gewesen-Seins, um genau zu sein, haben einmal wieder den Aggregatzustand des Seins, des No-Angel-Seins, um noch genauer zu sein, angenommen - sie sind zumindest temporär keine Ex-No-Angels mehr. Anlass dieser Schubumkehr raus aus dem Popstar-Ruhestand ist das 20-jährige Jubiläum ihres Debut-Albums „Elle’Ments“, von dem nun eine Celebration-Version erschienen ist. Auf dieser, sinniger Weise „20“ benannten Zusammenstellung finden sich freilich auch Songs jenseits der Elle’mente der Girlformation wieder, weshalb es eigentlich mehr ein Best-Of-Album als eine Wiederauflage des Debüts ist. 

EllemeDie No Angels haben also die entsprechenden Songs noch einmal aufgenommen und / oder remixen lassen: Sie haben die Stimme von Vanessa Petruo heraus gerechnet (denn Petruo arbeitet derzeit als Neurowissenschaftlerin an der University Of Southern California und hat dem No-Angels-Sein und dem Ex-No-Angels quasi auch adieu gesagt), sie haben die Teeniepop-Elemente der Originale ein wenig entschlackt und die Lieder insgesamt ein wenig entzuckert, um sie weniger gealtert erscheinen zu lassen. Sehr viel mehr Ideen hatte man für die Neuversionen nicht, aber die braucht es ja vielleicht auch gar nicht. Das Album ist als Retro-Projekt angelegt und organisiert: Menschen möchten das, was ihnen einst etwas bedeutete, wieder hören, ohne daran erinnert zu werden, selber 20 Jahre älter als 2001 zu sein. Das ist ein normaler Re-und-Upcycling-Prozess des Retro-Industrie-Zweigs der Popkultur.

Man könnte konstatieren, dass der Schwerpunkt des Retro-Hypes sich derzeit in zwei Richtungen wieder raus aus den 90ern bewegt: Die Reise geht zum gefühlt dritten Mal zurück in die 80er, während dem das Album „20“ der No Angels das Retro-Tor in die Nuller aufstösst. In diesem Sinne wird hier vielleicht auch Pionier-Arbeit geleistet, denn die Popkultur hat für die 80er und die 90er bereits Codes, Chiffren, Sounds und Reflexionsmuster heraus gebildet, einen Werkzeugkoffer also für kollektiv-popkulturelle Gedächtnisräume. Aber für die 00er gibt es diese Retro-Techniken noch nicht. In diesem Sinne ist No Angels’ „20“ mehr die Fragestellung, wie man es machen kann, als eine umfassende Blaupause für zukünftige Retro-Produkte des Nuller-Jahrzehnts. 

Album_No_Angels_20_coverNatürlich würde man „Elle’ments“ auch zu viel der guten Popverantwortung aufbürden, wenn es als wegweisendes Album der Nuller bezeichnen und als solches in die Retro-Küche schicken würde. Aber zumindest was Castingshows anbelangt, die zweifelsohne ein prägendes Element der Nuller waren, sind die No Angels im deutschen Raum einzigartig: Keine Castingformation oder irgendein Solokünstler hat besseren oder erfolgreicheren Bubble-Pop zustande gebracht. In Zusammenarbeit mit entsprechenden Produzenten und Hitschreibern (ich habe nachgeschaut, es sind leider nur Männer) wurde hier handwerklich stimmig der von Frauen repräsentierte und gesungene, von männlichen Produzenten geprägte RnB-Pop aus den USA nachgebaut. Und so markiert diese Platte durchaus auch den Beginn des Popjahrzehnts - in die 90er passten und passen die No Angels auch nicht mehr rein.

Dementsprechend wirken die teil-entschlackten Neu-Versionen vor allem dann pfiffig, wenn die Reduktionen nicht die damals schon zitierten Sounds und Beats betreffen. Bei der ein oder anderen Neuversion muss man sich fragen, warum man schon damals zitierte Elemente von „Elle’Ments“ für die Neufassungen weggelassen hat, weil man das Gefühl hat, gerade sie sind für sich schon retro. So klingt denn zum Beispiel die Celebration-Version von „Feel Good Lies“ deutlich muffiger als das Original - die an Timbaland erinnernden Zwischen-Beats, die zusammen-gestauchten, Destinys-Child-artigen Chöre machten die Single damals zu einem der besten No Angels-Songs überhaupt, während die nun erschienene Überschreibung öde und leer klingt.

Aber summa-summarum muss man dem heute erschienenen Jubiläums-Album attestieren, als das, was es sein möchte, zu funktionieren, und vor allem fällt auf, dass die No Angels und ihr Popentwurf selbst aus heutiger Sicht angenehm divers sind. Man kann sich gut vorstellen, dass die vier Sängerinnen im gerade beginnenden Popjahrzehnt ihren Platz finden.


Pop kuratieren - oder auch nicht

Mega-Sampler oder EPs - und was Future Trance mit Lena zu tun hat

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Klammheimlich hat sich in einschlägigen Album-Charts ein neues Darreichungsmodell von Popmusik ökonomisch etabliert: Der Mega-Sampler mit der Überwältigung durch Masse. In den aktuellen Top 20 finden sich gleich sechs Song-Sammlungen mit über 40 Titeln: Der Sampler zum Eurovision Songcontest zum Beispiel umfasst alle teilnehmenden Songs (okay, das sind „nur“ 39), auf den „Bravo-Hits“ waren ehedem schon immer viele Lieder, aber auf der neuen Ausgabe Bildschirmfoto 2021-05-28 um 15.50.20„Volume 113“ finden sich gleich 49 brandaktuelle Hits. Auf dem Sampler zur Fernseh-Show „Sing meinen Song“ finden sich 50 Cover, und den Rekord bricht „Udopodium“, der Tribute-Sampler zu Lindenbergs 75. Geburtstag mit sinniger Weise 75 Liedern. Und dann gibt es noch zwei neue Trance-Techno-Sampler mit jeweils 50 bzw. 61 Tracks. 

Die ökonomische Idee, die dahinter steckt, liegt auf der Hand: In Zeiten, in denen potentiell die gesamte Musik-Geschichte  für einen Abopreis per Stream einen Weg in die Ohren finden kann, muss mit Hörer:innen gerechnet werden, die nicht einsehen, für 10 Euro gerade mal 10 Lieder zu bekommen. 75 Udo-Lindenberg-Lieder kauft vielleicht auch, wer an sich nicht mehr Musik mehr kauft. Aber auf Sampler und Best-Of-Boxen mehr und mehr Songs zu packen ist wohl auch eine Entwicklung, die mit 75 Liedern auch schon an  ihrem Endpunkt angelangt sein mag. Hundert wären eventuell noch drin. Aber da müssen es dann schon die Stones sein. Oder Bowie oder Dylan. Noch mehr als 100 wäre dann spätestens irgendjemandes Gesamtwerk.

Bildschirmfoto 2021-05-28 um 15.50.45Eine Liste mit 60 Trance-Tracks wiederum, oder eine Bravo-Compilation mit 50 Hits sind Sampler gewordene Algorithmen, Spotify-Playlists die man für 9,99 € kauft - in gewisser Weise manifestiert sich hier eine neue Form des Popmusik-Sammelns - wer „Future-Trance 95“ hat und die 96 kauft, braucht nicht alle anderen 94 Folgen, um das Gefühl zu bekommen, die Mehrheit aktueller Future-Trance-Musik zu besitzen, denn 120 Tracks hat er ja schon. 

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Die umgekehrte Hoffnung hegt indes wohl Lena Meyer-Landrut: Dass nämlich Hörer:innen, die ihre Musik schon besitzen, vielleicht auch einmal streamen. Lena hat jedenfalls ihren Back-Katalog unter drei thematischen Aspekten zu Playlisten kuratieren lassen - „confidence“, „kind“ und „optimism“. Das Ganze ist ein recht hübsches Unterfangen, war aber mit der Löschung ihres gesamten Instagram-Bestands und dem Veröffentlichen eines Trailers zu „optimism“ vielleicht ein wenig over-promoted: Die Sängerin schürte damit natürlich die Hoffnung auf neue Musik, die dann aber eben enttäuscht wurde. Grundsätzlich ist die Idee des Kuratierens von Playlisten aber eine schön Strategie, dem Überangebot und der schieren Masse an Popmusik überschaubar scheinen zu lassen und eben nicht 75 Lindenberg-Songs auf einmal auf den Markt zu werfen. (Ich mache das mit meiner eigenen Musik auch und erstelle mir selber Playlisten zu „Bäumen“, „das Meer“ und tatsächlich auch „Optimismus“.) 

Selbst in die Veröffentlichung neuer Musik findet dieses Kuratieren als Gestus Einzug: Ein Gewinner der Corona-Krise ist als Pop-Release indes nämlich die EP, also das kurze Album, bei dem Künstler:innen zum Beispiel im Lockdown entstandene Popentwürfe rasch in die Tat umsetzen - als würde man eben zu einer Idee, Songs auswählen, ohne ein ganzes Album denken, machen und promoten zu müssen. (Zum Boom der EP schreibe ich nächste Woche etwas) - der Kurator als Kraft, welche künstlerische Energie in Bahnen lenkt und in einen Zusammenhang rückt. Tendenziell - wie gesagt - finde ich das eine schönere Strategie als Marktverstopfung mit Mega-Samplern. Ich weiß auch gar nicht, was Future-Trance ist.


Du kannst jederzeit zu uns kommen!

Der Schlager macht Popstars zunehmend Identitätsangebote

Vielleicht ist es eine Momentaufnahme und noch kein Trend, aber derzeit scheint das, was man im Allgemeinen Deutschpop nennt, zurück gedrängt: Waren noch vor gut ein, zwei Jahren die Charts von deutsch-sprachigem Pop durchdrungen, herrscht heute in diesem Genre-Segment ziemliche Leere. Fast könnte man eine Parallele zur Neuen Deutschen Welle, zur NDW in den

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Ausverkauf NDW

80er ziehen: Die Aufbruchsstimmung verkam zum ideenfreien Franchise, und die Folge war eine Inflation, bis der Markt schließlich kollabierte. Inzwischen haben wir auch eine Szene mit etlichen Menschen, die unter ihrem Vornamen mit Ouh-Oh-Chorischen Flächenpop den Markt überschwemmen, und schon jetzt muss man befürchten, dass von diesem Heer an Musiker:innen nur die Erfolgreichsten bleiben werden - Mark Forster würde dann, was Nena zur NDW war, während einer so großartigen Songschreiberin wie Antje Schomaker das Schicksal von Ina Deter droht?

So weit ist es sicher noch nicht, und die Situationen sind auch nur zum Teil vergleichbar. Das, was wir heute NDW nennen jedenfalls, war im gewissen Sinne auch der Postpunk der BRD, eine Subversion, welche die Popkultur und den Schlager mit Unsinn und Widerstands-Geist unterwanderte. Daraus entstanden so groteske Situationen wie die, als Dieter-Thomas Heck sich weigerte, eine harmlose Band wie „Geier Sturzflug“ und ihre zweite Single „Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“ anzusagen, weil ihm das zu frech war. (Wirklich politische Bands oder gar Punks wie Fehlfarben, Hansa-A-Plast oder Extrabreit schafften es freilich gar nicht erst in die ZDF-Hitparade.) Dementsprechend aufrührerisch und aus heutiger Sicht historisch wirkte es dann, wenn Trio ihren Dada-Punk-Pop in eben dieser Sendung aufführten. Während also vor 40 Jahren Pop im Geiste des Punk Schlager enterte, fehlt dem Deutschpop dieses beginnenden Jahrzehnts jeglicher aggressive Gestus, um sich der umgekehrten Unterwanderung des Schlagers zu erwehren. Der Schlager hat sich geöffnet, und Pop war darauf nicht vorbereitet.

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Relevanter Rant

Dass der deutschen Popmusik der Schlager auf die Pelle gerückt ist, daran ist diese Popmusik letztlich selber schuld. Sie hat, wie Jan Böhmermann in seinem bis heute relevanten Rant und dem damit verbundenen Song „Menschen Leben Tanzen Welt“ gezeigt hat, einen Setzkasten an musikalischen und lyrischen Stilmitteln heraus gebildet, der der Gleichförmigkeit des immanenten Konservatismus im Schlager in nichts mehr nach steht. (Was wiederum doch auch wieder eine Parallele zur NDW sein mag, die erodiert ist, nachdem ihr ursprüngliches Kapital, die Phantasie, zur Regelsammlung verkam.) Die Nähe zwischen zwei Genres, deren Trennschärfe eigentlich der Pop kultivieren sollte, gibt dem Schlager wiederum die Möglichkeit, nicht ausreichend erfolgreichen Interpret:innen der Popmusik Identitätsangebote mit seinem Spielregeln zu machen.

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Angebot angenommen:
Ben Zucker

Und es gibt diese Angebote, und zwar sowohl an Sänger:innen, die neu sind und noch keinen Popentwurf heraus gebildet haben, ebenso an Intererpret:innen, die im Pop schon mal erfolgreich waren oder sogar noch sind. Für die erste Kategorie gibt es das Beispiel Ben Zucker, dessen neues Album „jetzt erst recht“ gerade recht erfolgreich ist - Zucker ist in seiner Rockattitüde eigentlich prädestiniert dafür, Deutschpop im besten Sinne zu singen, aber irgendwie reicht es dafür nicht, und so biegt er seinen Popentwurf in Richtung Schlager, welcher ihm aufgrund dieses Zugeständnis eben einen Platz in seinem Kreis anbietet: Seien Sie doch bitte, Herr Zucker, ein wenig wie Hans-Hartz, aber nehmen Sie auch Gitarren rein, denn die weißen Tauben sind noch lange nicht müde. Zucker singt also mit schlagerschem Emotions-Tremolo und Whisky in der Stimme eine Art rück-authentifizierten Schlagerpoprock, und als hätte Böhmermann nie statistisch die Häufigkeit der Begriffe Menschen, Leben, Tanzen und Welt in der Deutschpoplyrik konstatiert, so heißen denn die ersten drei Lieder auf erwähnten Zucker-Album: „Guten Morgen Welt“, „Bist Du der Mensch“ und „Das ist nicht das Ende der Welt“.

Ähnliche Identitäts-Angebote für Interpretinnen macht der Schlager in Falle von zwei Comeback-Versuchen ehemaliger Popstars: Da sind zum Einem die No Angels, welche die Neuauflage ihres ersten Hits „Daylight in your eyes“ kürzlich in der TV-Show
„Schlagerchampions - Das große Fest der Besten“ zum Besten gaben. (Am Bühnenrand tanzte Ross Anthony, der wie die No Angels einst als Popstar durch die Sendung „Popstars“ Erfolg hatte, und und sich heute als Schlagersänger verdingt. Ebenso wie Giovanni Zarrella, sein ehemaliger Bandkollege bei „Bro’sis“, der derzeit in den Charts mit einer bi-lingualen

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Blümchen in Gold

Songsammlung  instant-italienisches Lebensgefühl in Musikform verkauft.) Da ist zum Anderen Jasmin Wagner, die einst in den 90ern als Blümchen bekannt war. Nach ihrem ersten Comeback-Versuch 2006, mit an sich ganz charmanten deutschsprachigen Chansons, die sie mit Bernd Begemann schrieb, erscheint nun in Kürze ein Schlager-Album, dessen Titelsong „Gold“ bereits die Richtung vorgibt: Eurodance mit viel goldener Haut und einem, mit Verlaub, selten dämlichen Text: „Gold! Ein Herz aus Gold / hab’ ich immer schon gewollt.“ - nun ja.

Man könnte also sagen, dass der Schlager denjenigen, die aufgrund der Deutschpop-Inflation hinten runter zu fallen drohen, Ablösesummen bietet und mit Handgeldern wedelt. Vom Gestus her ist das sektengleich: Du kannst jederzeit zu uns kommen. Bei manchen schlagen diese Angebote dann voll durch, siehe die bisher genannten Interpret:innen, wieder bei Anderen bleiben Hintertüren im Popentwurf - man höre sich einmal das aktuelle Album von Sarah Lombardi an. Es heißt „im Augenblick“ und hat somit schon einen klassischen Topos des Schlagers UND des Deutschpops im Titel (Kairos und Ewigkeit), und es klingt in seiner synthetischen Beiläufigkeit anschlussfähig an beide Genres, mit denen wir uns heute beschäftigen. Man höre dazu dann einmal im Vergleich

Bildschirmfoto 2021-04-27 um 12.05.23
Augenblick mal

die aktuelle Single von Mark Forster und Lea, den Song „Drei Uhr Nachts“, in dem die titelgebende, nächtliche Uhrzeit symbolisch für die Einsamkeit  der oder des Singenden steht. Bösartig gesagt ist dieser Song ein Paraphrase auf den Signature-Hit von Helene Fischer. Zumindest ist der Topos Nacht ähnlich eindimensional verwendet wie im Schlager. Die Charakteristika, mit denen sich Lombardi, Forster und Lea noch vom Schlager abheben, sind Nuancen. Wer sich einmal durch den Sampler „Ich find Schlager toll 2021“ klickt, der merkt wie entgrenzt sich dieses traditionell eigentlich verharrend und bewahrende Genre geriert: Rockgitarren, pseudonordische Mystik, queere Thematiken, Mittelalter, Klimaschutz und Techno - eine bunte Wiese der Möglichkeiten, und doch klingt alles recht einheitlich.

Wer Pop auf Deutsch singt, der muss sich also was einfallen lassen, um die verlockenden Angebote aus dem Nachbar-Genre auszuschlagen. Geschieht dies zu wenig, droht dem Deutschpop der Kollaps wie einst der NDW.


In die Ferne zurück schweifen

Ein paar Gedanken zum Mittelalter-Rock anlässlich einer neuen Platte von „dArtagnan“

DartagnanWo wir es ja gerade einen Post weiter oben von Subsubgenres auf Spotify hatten, die mehr auf algorithmischen Prinzipien fussen, bekommen wir es heute bei mit einem durchaus musikalischen Subsubgenre zu tun (oder Subsubsub?). Hinter dem zudem, laut Eigenaussage der betreffenden Band, eine philosophisch-ideologische Grundhaltung steckt - die  Rede ist hier vom Musketier-Rock. Erfunden hat diesen die Band „dArtagnan“, und die erwähnt philosophisch-ideologische Grundhaltung ist, ihr ahnt es, der Schlachtruf der Musketiere: Alle für einen, einer für Alle. Was immer das nun musikalisch bedeuten mag. Grundsätzlich ist der Musketier-Rock natürlich eine Spielart des Mittelalter-Rock, um nicht zu sagen: Gleicher Met in alten Schläuchen - die meisten Mitglieder der Band spielen denn auch in anderen Mittelalter-Kombos, zum Beispiel bei „Feuerschwanz“, mit denen ich mich hier im Blog auch schon beschäftigt habe - < hier >. Im Klangbild von „dArtagnan“ hört man zwar nicht so viele mittelalterliche Instrumente wie bei anderen Vertreter:innen dieses überaus erfolgreichen Subsubsubgenres, aber die mummenschanzische Verankerung in der Ritterzeit funktioniert im Sound des reinen Rock klassisch über die Scharniere mittelalterlicher Melodien und einen entsprechenden Wortschatz, aus dem sich die typischen Songtexte eines Mittelalter-Songs bauen lassen: Wetter, Feuer, Gelage, Zusammenhalt, Blut und Durchhalteparolen. Daraus ergeben sich dann hübsch doppeldeutige Singalongs: „Heho, denn wir sind Glücksritter!“ oder „Wer nicht kämpft hat schon verloren, wer nicht fällt, steht nicht mehr auf.“ 

Erstaunlich an dieser Musik ist, dass sie ihr eigenes Regelbuch mitliefert - die Formel aus den genannten Zutaten eine Musik zu brauen, ist weitest gehend immer dieselbe, und diese Musik ist in diesem Sinne wie meistens im Pop im Grunde bewahrend, konservativ. Verblüffend ist, mit welchem Feuereifer diese Formel in Musik umgesetzt wird, und wie musikalisch versiert man in diesem Subsubsubgenre also zu Werke geht - auch bei „dArtagnan“. Im Mittelalter-Rock ergibt sich daraus im Allgemeinen ein augenzwinkernder Bierernst, der sich, wie schon öfter über andere Mittelalterbands in diesem Blog beschrieben, trefflich ironisch Bildschirmfoto 2021-03-29 um 18.19.27deklinieren lässt. Im Fall von „dArtagnan“ und ihrer neuen Platte „Feuer & Flamme“ ist verblüffend, mit welchem Ernst sie ihren Musketier-Rock zelebrieren. (Ich habe schon überlegt, auch eine Musketier-Rock-Band zu gründen. Arbeitstitel: porThos. Das wäre der zweite Vertreter in diesem Segment, auf dem also noch Platz ist.) Jedenfalls verschwimmt durch die ironische Distanz zum überzeugtem Ernst der Eskapismus, der dieser Musik natürlich trotzdem innewohnt. Man wird gleichzeitig woanders hin mitgenommen und zurück geschickt. Oder anders gesagt: Die Refrains mit Mitgröhl-Charakter holen die entrückten Hörer:innen dann auf den Boden der heutigen Tatsachen zurück. Mithin ist diese Musik also keinesfalls so unterkomplex, wie man im ersten Moment denken mag.

Trotzdem ist es schwierig, ein Anliegen der Band zu erspüren, das über die ja letzten Endes abstruse Idee, Musketiere Rock spielen zu lassen, hinaus geht. Vermutlich ist aber genau das Zurückholen in die Jetztzeit mit erwähnten Singalongs, die mithin oft Durchhalteparolen sind, Grund genug, sich für diese dadurch weniger abstruse Musik zu ereifern - musizierender wie hörender Weise. Und das ist ja auch durchaus ein erstaunlicher Popeffekt, vielleicht sogar ein konstatierender im Allgemeinen, wenn das Ferne, in die Popmusik entführen kann, nicht das Mittelalter sein muss. Vielleicht also ist Musketier-Rock letzten Endes genauso wenig abwegig wie Gangster-Rap.


Die Erosion der Charts

Schafft Transparenz! Pop-Charts haben mal Spass gemacht

Wenn man die aktuellen iTunes-Charts (Mittwoch den 17. März habe ich diesen Text angefangen) mit den offiziellen deutschen Albumcharts vergleicht, stellt man fest, dass sie zur Gänze unterschiedlich sind. Nehmen wir nur mal die Top 3: Auf iTunes finden sich die Drei Fragezeichen, Puccini mit Boccellli und ein völlig unbekannter Off-albumCountry-Star, in den „offiziellen Albumcharts“, was immer hieran offiziell ist, finden wir zweimal deutschen Rap sowie einmal Meta-Seemannsmusik. (Alle drei Charts-Neueinsteiger übrigens, die mit sieben Alben ohnehin die Top-Ten dominieren). Diese extremen Unterschiede sind derzeit ständig zu beobachten, und sie bilden einen Musikmarkt ab, in dem Menschen, die Musik runterladen, zur Gänze andere Musik hören, als solche die streamen, Vinyl kaufen oder noch andere Kauf-Vorlieben haben. Der Versuch in einem übergreifendem Marktsinn abzubilden, was in der Popmusik derzeit angesagt ist, ist zum Scheitern verurteilt und eine überkommenes Ritual aus alten Popzeiten. Der Markt ist so ausindividualisiert, dass ein Vergleich durch Listen gar keinen Sinn mehr macht. 

Konsequenter Weise rücken bei Streaming-Diensten andere Prinzipien in den Vordergrund. Die dortigen Listungen Itunesbilden das eigene, individuelle Hörverhalten ab - Selbst-Charts sozusagen. Diese Selbst-Charts vergleichen nicht mehr das Hörverhalten vieler sondern beschreiben das des Einzelnen für ihn. Natürlich kann man sich auch auf Spotify Charts anschauen, aber diese kann man mit Schiebereglern näher zu sich führen, indem man Hört-Ort, Zeitraum, Genres, Stimmungen und so weiter anhand seinen Interessen anpasst. So verkleinert sich mit Pop-Up-Menüs die Hörer:innen-Bubble bis hin zu erwähnten Selbst-Charts also, welche nur noch mein eigenes Hörverhalten kartografieren.

Natürlich aber analysiert Spotify das Hörverhalten seiner Nutzer:innen dennoch übergreifend und sicherlich auch mit dem ein oder anderen Tool, das der Idee von Charts ähnelt. Vor allem aber sucht man hier nach Parallelen: Nutzer, die dies und das gehört haben, haben auch dies und jenes gehört. Im gewissen Sinne sind das die eigentlichen Streaming-Charts, die Charts 2.0, denn diese JpcParallelen bilden das Herzstück des Online-Marketings, und beim Streaming inzwischen auch das der erwähnten Selbst-Charts. Um die Sache persönlicher zu gestalten, ernennt man diese Parallelen einfach zu Subsubgenres und gibt ihnen einen Namen - zum Beispiel „Escape-Room“, „K-Witch-House“ oder „Signum-Echo“. Diese Genres sind im musikalischen wie popkulturellen Sinne teils völlig absurd - unter ihnen können sich Metal wie Techno oder der neueste Schrei „Hyper-Pop“ subsumieren. Würde Amazon dieselbe Idee realisieren, würde, weil mehrere Menschen Einlegesohlen, Erotik-Krimis und Fimo-Knete gekauft haben, daraus eine Produkt-Kategorie kreiert werden, und man würde sie zum Beispiel „Chip-Crow-Objects“ nennen. Zu Ende des Jahres würde jeder Amazon-Kunde seine Selbst-Charts erhalten, laut derer er in den vergangenen 12 Monaten am meisten „Chip-Crow-Objects“ und „Sarry-Dots“ gekauft habe.

Anders als bei dieser absichtlich abwegigen Idee, verfolgt Spotify mit seinen individuellen Jahres-Resümees („Du hast in diesem Jahr 17 neue Genres entdeckt - weiter so“) eine Strategie: Die Hörerinnen werden gelobt und bekommen daher das Gefühl, aktiv ihren Musikgeschmack zu erweitern. Sicherlich stimmt das auch, aber sich dabei auf extra erfundene Subsubgenres zu berufen, die de facto keinen Sinn machen, ist doch schon recht abenteuerlich. Hier offenbart sich, dass es Spotify nicht um Musik geht, man muss sich wohl im Gegenteil davon verabschieden, dass der Streaming-Dienst ein Musik-Anbieter ist: So sehr auch Playlisten kuratiert, Hörverhalten kartografiert und Genres benannt werden, so sehr ist Spotify vor allem daran interessiert, dass man möglichst viel Zeit in ihren Datenströmen verbringt. Spotify verführt wie Facebook oder Instagram zu endlosem Scrollen.

Doch zurück zu den Charts: Wie könnten Listen darüber, was gerade am meisten angesagt ist, heute aussehen? Zu allererst müssten sie transparent werden, um sie wieder in Beziehung setzen zu können. Wer weiß zum Beispiel gerade, wie die aktuellen „offiziellen Single- und Albumcharts“ entstehen? Wikipedia sagt dazu Folgendes: „Zurzeit umfasst das Portfolio rund 2.500 Anbieter, die eine für die Chartermittlung hinreichende Meldung abgeben können. Neben dem Einzelhandel oder Onlineanbietern, können auch spezielle Vertriebsformen (Download, Großhandel, Streaming oder Teleshopping) ihre Berücksichtigung finden, wenn sie den Direktverkauf am Endkunden statistisch erfassen und melden können. Über die Teilnahme am Panel entscheiden Prüfungsbeauftragte.“ - tja, was heißt das nun? Was machen diese Charts für einen Sinne, die keine Sau begreift? Oder: Was bilden die wichtigsten Downloads-Charts auf iTunes ab? Welchen Zeitraum? Warum ist ein Lied dort auf Platz eins? Weil es in der letzten Stunde oft gekauft wurde? Innerhalb der letzten 24 Stunden? Keiner weiß es, und wenn die Charts abbilden sollen, was angesagt ist, man aber gar nicht weiß, wodurch die Behauptung entsteht, es sein angesagt, was macht das dann noch für einen Sinn.

Die einzigen Charts, von denen ich weißt, wie sie entstehen, sind die Album-Charts des auf Vinyl spezialisierten Versandhändlers JPC - sie werden täglich gegen 10 Uhr aktualisiert, hat man mir auf Anfrage mitgeteilt. Derzeit auf Platz 1: „Pink Floyd live in Knebworth 1990“.

Hinweis: die Abbildungen sind Screenshots der "offiziellen Albumcharts", der "iTunes-Charts Albums" und den "JPC-Viny-Charts von 19. März 2021 um 10 Uhr


Bravo von Eden

Die iTunes-Album-Charts von Freitag den 26.02.2021

BrvoVermutlich gibt es auch noch die Zeitschrift, aber zumindest meine Kinder wissen nicht mehr, was die „Bravo“ ist. Aber die Hit-Compilation unter diesem Namen ist immer noch sehr erfolgreich: Platz 01 der deutschen iTunes-Album-Charts ist derzeit „Bravo Hits 112“. Und mehr noch als die Frage, wer heute noch die Zeitschrift „Bravo“ kauft, fragt man sich, wer eine Brav-Hits-Compilation als Download kauft. In Zeiten, in denen das NinoKuratieren von Streaming-Playlisten eine neue Pop-Sammel-Kultur heraus gebildet hat, wirkt eine solche Compilation nahezu 90er-retro. Sie zu kaufen ist vielleicht als ökonomischer Pop-Gestus ein ähnlicher Akt wie die Vinyl-Liebe der über 45 Jährigen. Ein Grund könnte freilich auch die schiere Masse an Songs sein: 26 sind es, die man mit „Bravo Hits 112“ sein eigen nennen darf - Kostenpunkt 13,99 €.

Auf Platz 2 und 9 der aktuellen iTunes-Charts befindet sich amerikanischer, hoch komprimierter Dark-Rock mit gepitchten Streichern hoch über düsteren Stimmen, und auf Platz 4 eigentlich auch. Nur sind hier die Texte auf Deutsch und mit Schlager untersetzt: Nino De Angelo, nunmehr Nickmit weißem Ziegenbart und nachdenklichem Blick in die Ferne, will es noch einmal wissen und fühlt sich „Gesegnet & Verflucht“ - so heißt seine neue Platte. Fast scheint es, als meine er damit seinen einstigen Hit „jenseits von Eden“, den er auch auf dieses Album noch einmal drauf packt, in einer dem neuen De-Angelo-Sound angepassten Version, welcher wie gesagt mit dem Mitteln des Rock in den Schlager-Gewässern nach Trübem fischt. 

In unmittelbarer Nähe in der Chartsplatzierung zu einem Lockdown-Album von Nick Cave, der nicht nach Trübem fischen muss, um in scheinbarer Hoffnungslosigkeit Schönheit und Würde zu finden, kann man den auch heute wieder einmal höchst stilvielfältigen Album-Charts Eskapismus attestieren. Als übergreifende Sehnsucht des Pop-Käufers im Jahre 2021.