Post-Charts

Style These

Endet mit dem neuen Harry-Styles-Album die Popgeschichte?

Gleich in der Lobby von Harry Styles neuem Album „Harry’s House“, können wir Sushi essen, denn der Opener heißt „Music For a Sushi Restaurant“. Er beginnt mit einer kreiselnden Synthie-Melodie mit schnipsend handclappendem Beat, worüber sich dann ein geschichteter „Ooooouh“-Chor crescendiert, der dann a-capella in ein „Bah Bah Bah“ mündet; dann setzt der Beat wieder ein, und wenn Styles schliesslich die erste Strophe singt und sich in der Folge das „Bah Bah Bah“ mit Bläsern aufgepumpt als Refrain entpuppt, ist das Album gerade mal 75 Sekunden lang gelaufen, und wir befinden uns mitten in einem Mix aus Justin Timberlake, Terence Trent D’Arby, Bruno Mars und Stevie Wonder und somit in den 70ern, 80ern, 90ern gleichzeitig. Und so geht das weiter: Bevor als vierter Song die schon bekannte „dancing with tears in my eyes“-Remiszenz „as it was“ erklingt, blubbert „Late Night Talking“ in den RnB der Nuller, während „Grapejuice“ mit seiner Indierock-Koketterie ein High-Five an Robbie Williams schickt.

Harrys-house

Sämtliche Popmusik ist heute ja heutzutage ohnehin nur einen Klick entfernt, und somit ist nur konsequent, dass in Harry’s Haus aller Pop drin ist. Und in dessen Zimmern verdichtet sich Alles zu 13 Liedern, die samt und sonders Hit-Potential haben. Viele Stile und alle wesentlichen Pop-Jahrzehnte fasst dieser Sänger also in einen eigenen Popsound, findet von Synthie zu Folk, von Soul zu Jazz und zurück zu Fun- und Funkpop. Niemals aber hört sich diese Musik bemüht oder ungewollt retro an, dazu sind die Melodien zu eigen, das Songwriting zu aktuell, die Produktion zu souverän. 

Die Art und Weise, wie hier alles mit allem in einen verqueren und queeren Popentwurf mündet, wie sich Widersprüchlichkeiten mit guter Laune und stetig catchy Hooks vertreiben lassen, lässt ebenso ratlos wie begeistert zurück. Begeistert, weil es für sich funktioniert, ratlos, weil mit diesem Album in gewissen Sinne auch die Popgeschichte zu einem Ende findet - „Harry’s House“ ist Synthese von sehr viel Pop. In jedem Falle hat man das Gefühl, jetzt muss wieder irgendwas wie Punk und Grunge um die Ecke kommen, irgendein Genre, das alle Erinnerung platt walzt und sich für nichts ausser sich selbst interessiert und nicht alles zu einem stylischen Brei verrührt. Styles singt ja selber: „You know it’s not the same as it was.“


Kollektive Gefühls-Felder

"Man votet nicht politisch.", sagt der ehemalige Popbeautragte der Bundesregierung, Dietmar Poppeling über den ESC 2022 - unser alljährlicher Eurovision-Talk diesmal mit hübschen Fotos von tollen Verpackungsmaschinen 67611ea3.600x400

POPTICKER Herr Poppeling, wie hat Ihnen der ESC vorgestern gefallen?

POPPELING Gut.

Prima. Dann bis nächstes Jahr.

Musikalisch gut. Vom Visuellen her, nun ja, ein gewisser Overkill, und die Show mitsamt den Moderator:innen so mittel.

Der Mythos, der ESC sei unpolitisch ist, so die allgemeine Einschätzung, ziemlich ins Wanken geraten.

Das ist auch sicherlich nicht völlig verkehrt, aber man muss trotzdem differenzieren, denn die Menschen voten nicht politisch - sie voten in allererster Linie emotional. Dass aus der Entscheidung dann als eine politische Botschaft gelesen wird, wie jetzt mit dem Sieg der Ukraine, ist natürlich dennoch nicht totaler Blödsinn. Der ukrainische Beitrag aber hat es vermocht, die emotionale Konstellation der Solidarität mit einem angegriffenen, im Krieg befindlichen Land aufzunehmen und zu bündeln. Das kann Musik eben. Insofern ist der Sieg des „Kalush Orchestra“ durchaus mit musikalischen Mittel erreicht worden. Das darf man auf keinen Fall klein reden.

Wie gefällt Ihnen der Song „Stefania“ denn persönlich?

Ich kann damit ehrlicher Weise nicht so viel anfangen. Die Hook, die der Chor singt, ist enorm catchy, und  vermag wie gesagt in wenigen Zeilen und Tönen die Geschundenheit aber auch den Stolz des ganzen Landes einzufangen, der Rap ist toll, die Flöte erinnert man auch sofort, und allein dass ein Beitrag ohne eine einzige englische Zeile den ESC gewinnt, finde ich erst einmal prima. Aber persönlich, nein, gefällt mir der Song nicht. Aber ich sehe sofort ein, dass Millionen von Zuschauerinnen das anders sehen.

Mit ihrer These der emotionalen Entscheidung von eben diesen Millionen, die den Sing gewählt haben, lässt sich auch erklären, warum die Jurys der Ukraine deutlich weniger Punkte gegeben haben. Weil die Jurys eben NICHT emotional wählen?

89-1000-1Diese These, werter Herr Gieselmann, ist natürlich Unfug.

Und warum, Herr Poppeling?

Die Jurys voten nicht unemotional - sondern in anderer emotionaler Konstellation; und kommen daher zu anderen Entscheidungen. Allein schon, weil sie nicht die Show sehen - sondern ihre Entscheidung nach einer Probe fällen, wirft sie eher auf sich zurück, als auf bestimmte kollektive Gefühls-Felder -

Oho!

- Gefühls-Felder von Mehrheiten. Der Effekt, das sich ein Raum auf etwas einigt, allein WEIL man in einem Raum ist, und wenn ebendies sich aus der ESC-Halle  mitsendet und dann viele für die Ukraine anrufen, davon ist die Jury, davon sind die Jurys nicht beeinflusst. Aber sie gehen vielleicht schlecht gelaunt in den Tag, und dann erreicht sie ein fröhlicher Titel mehr als eine Liebes-Ballade. Daher sind die Jury-Votes mitnichten professioneller als die der Publika - im Gegenteil, sie sind um Weiten privater.

Nicht zum ersten Mal wurde Kritik laut, nachdem aus jedem Land egal ob von Jury oder TV-Publikum Punkte nur an zehn Länder gehen. Platz 11 bis Platz 25 aus jedem Land bekommen die gleiche Punktzahl - nämlich Null. Auch Peter Urban hat in dieses Horn gestossen; nicht zuletzt, weil Deutschland wieder mal Letzter wurde: „Du kannst 40 Mal im guten Mittelfeld landen und hast immer noch keine Punkte. Insofern ist dieses System ungerecht, das prangern wir schon länger an.“

Holz-verpackung-posch-packfix-967x725Urban sagt auch (Link < HIER >), dass jeder Beitrag Punkte bekommen sollte, und ja, ich finde schon, dass das dann gerechter würde, da hat er Recht. Aber man müsste sich dann eben davon verabschieden, dass die Höchstpunktzahl 12 ist. Mit dem „Our twelve points go to … SWEDEN“ wäre es dann vorbei. Und diese 12-Punkte-Tradition abzuschaffen, das wäre ein Tabubruch. Ich fände das auch grauenhaft, aber es wäre vermutlich eine Punktereform, die den Wettbewerb gerechter und als besser machen würde, und spätestens im dritten Jahr davon, dass jeder Beitrag sagen wir 2 bis 50 Punkte bekäme, hätte man die 12 Points vergessen.

Dann hätte Deutschland auch ein paar Punkte mehr.

Gewiss, aber darum sollte es nun nicht gehen - wenngleich auch ich finde, dass unser Beitrag in diesem Jahr besser war als sein Ruf; aber was willste machen.

Welcher Beitrag hat Ihnen denn am Besten gefallen?

Ganz klar „De Diepte“ aus Holland, eine klassische, unheimlich tolle ESC-Ballade, die sehr clever gebaut ist - ein Harmoniedurchgang für je Strophe, Bridge oder Refrain dauert genau 10 Sekunden, und diese 10-Sekunden-Module sind dramaturgisch toll arrangiert - mit seichter Steigerung zunächst und abklingendem Bombast und großer Bremse hinten raus. So muss man das machen. Toll. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich mochte die gelben Wölfe aus Norwegen, die dem Wolf eine Banane geben wollen, bevor er die Großmutter frisst. Das war herrlicher Quatsch.

Aber Sie waren das nicht? In einer finnischen Zeitung wurde gemutmasst (< HIER > der Link), Sie steckten unter einer der gelben Wolfsmasken.

Doch doch, das war ich.

Wußte ich es doch. Und wen, so frage ich jedes Jahr wieder, sollte Deutschland im nächsten Jahr zum ESC schicken?

Wilhelmine.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


ikonisch ironisch

Warum distanzierter Schlager überhaupt möglich ist

Commissario Brunetti ermittelt ja mitten in Venedig auf Deutsch - dieses ZDF-Konzept in Popschlager zu übersetzen, auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Ob dieser Popentwurf aus der Brainstormhölle, in der Redaktion von Jan Böhmermann oder bei einer schwer durchzechten Nacht entstanden ist, wir wissen es nicht. Was wir indes wissen, ist dass dieser Entwurf in die Tat umgesetzt wurde und derzeit sogar auf der Spitze der deutschen Albumcharts steht: Auftritt „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ - für diese Formation hat man sich eine fiktive Bandgeschichte erdacht und diese mit reichlich blödsinnigen Daten angereichert - frühen Erfolgen bei einem brasilianischem Schlager-Festival etwa, oder einem Debüt-Album namens „Greatest Hits“, dem Bandzerwürfnis und schliesslich dem Comeback mit dem derzeitigen Album „Mille Grazie“. 

Original

Man muss den deutschsprachigen Italoschlager dieses Longplayers nicht gehört haben, um erkennen zu können, dass wir es hier mit einem ironischen Popkonzept zu tun haben. Um so erstaunlicher ist aber, dass die Kernbotschaft dieser Musik, eine sich hingebende Leidenschaft für Italien, die Liebe und das Leben dennoch ungefiltert durch das ironische Breitband-Antibiotikum der unsinnigen Formation hindurch kommt. Und das bei einem derart antiseptisch unironischen Kern-Genre, dem Schlager. Wie ist das überhaupt möglich? 

Dazu muss man vielleicht erst einmal ein wenig ausholen.

In der Rhetorik ist Ironie bekanntermassen die erkennbare Diskrepanz zwischen Gesagtem und tatsächlicher Intention des Geäusserten. Die Erkennbarkeit erzielt man dabei mit Signalen der Distanzierung - zum Beispiel dadurch, dass man Gesagtes gestisch oder stimmlich markiert. Wenn zwei Menschen sich gut kennen, und unter ihnen die Ironie als Code anerkannt ist, muss Gesagtes nicht kenntlich gemacht werden. In der Kunst wiederum, in der sich Sender und Empfänger von Botschaften nicht unbedingt kennen, kann man sich auf ironische Effekte erst dann verlassen, 0602445062171wenn sie als künstlerisches Stilmittel etabliert sind - das muss man aber eben für jedes Werk, jeden Roman, jedes Skulptur neu tun. Das heißt praktisch nichts Anderes, als dass ich bestimmte Stilmittel bewusst übertreibe oder anderweitig abhebe, so dass sie augenscheinlich werden. In der Popmusik wiederum, bei der das bewusste Übertreiben, Zitieren, Markieren und kenntlich Machen ohnehin zu den konstatierenden Stilmitteln gehört, ist die Ironie also präsent, auch wenn sie als distanzierendes Mittel gar nicht gewollt ist - sie ist jenseits von Inhalten Resultat der Form und bezieht sich auch auf diese.

Diese Art der Formenironie wiederum erzeigt das große Referenz-Potential von Pop. Man kann sich der Inhalte bestimmter Genres nämlich zu eigen machen, in dem man deren Stilmittel übertreibt und anderweitig kenntlich macht. Wenn ich zum Beispiel in einem Folksong Flamenco zitiere, distanziere ich mich nicht von dessen potentiellen Inhalten, sondern lasse diese im Gegenteil bewusst mitschwingen. Womit wir bei der Antwort auf die Frage angekommen wären, warum es ironischen Schlager überhaupt geben kann - im Übrigen sind  „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ natürlich nicht die Ersten, die das versuchen. Dagbobert beispielsweise, der große schweizer Liebes-Skeptiker mit dem tiefen Glauben an das Lied, hat den Schlager bereits philosophisch mit Indiepop unterwandert; Alexander Marcus hat einen Soundtrack für die Fusion von Schlager-Move und Loveparade erfunden, der Musiker Drangsal hat kürzlich erst Postpunk in die Schlagernachhilfe geschickt und dafür sogar vom Feuilleton gute Noten bekommen, und die „Crucci Gang“ hat Klassiker des Deutschpop durch eine italienische Espressomaschine gejagt - schade übrigens, dass es die Spex nicht mehr gibt.

Doch zurück zum Italo-Schlager: Auf Deutschlandfunk wurden die beiden Kernmitglieder von  „Roy Bianco“ & die Abbruzanti Boys“ gerade interviewt (namentlich Herr Roy Bianco und Herr Abbruzanti Boys), und in der Ankündigung zu diesem Beitrag wurde deren Presse-Info zitiert, nach der sie das fiktive Narrativ dieser Band niemals verlassen würden. Leider erwiesen sich die beiden Interviewten dann eher als mittelmässige Darsteller ihrer selbst erschaffenen Kunstfiguren: Ihrem feinsinnig ironisiertem Italo-Pop-Schlager sind sie sozusagen schauspielerisch nicht gewachsen. Dennoch eine bemerkenswerte Veröffentlichung, in der die Kulturgeschichte der Ironie skizziert ist - Konzeptpop von hoher und gleichzeitig unfassbar blödsinniger Schule.


Viele As

Camila Cabello und ihr neues Lied „Bam Bam“

Der Refrain des ersten Solohits der Kubanerin Camila Cabello ging so: „Havana, ouh nana“. Der Chorus ihres neuen Songs lautet nun: „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam.“ - man könnte also leicht konstatieren: Latino-Riff und -beats und ein Refrain mit vielen „A“s - fertig ist die Laube - respektive ein Camila Cabello-Song. Und natürlich stehen diese Lieder für bestürzende Banalität und Bildschirmfoto 2022-03-18 um 23.00.28sind gleichzeitig Zeugnis einer postdepressiven Musikindustrie, die im Streaming endlich die Antwort auf die Raubkopie als solche gefunden hat. Aber man darf es sich auch nicht zu einfach machen. Wenn in dem Song „Bam Bam“ in der zweiten Strophe plötzlich Ed Sheeran seinen Popentwurf über den Latinosong stülpt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir es hier mit einem globalisierten Naivitätskonzept zu tun haben, eigentlich dem besten Pop der Welt, eine Ablenkung von allem, die Einbildung, wir könnten es letztlich mit einer Welt zu tun haben, die ohne nennenswerte Probleme dahin grooved. Das ist dann in der Tat auch die Botschaft des Songtextes: Lass dich nicht von Kleinigkeiten unterkriegen, „Lebbe geht weider“ - würde der Hesse sagen, und Camila Cabello sagt halt: „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam“. Das mag in Zeiten von Corona und Krieg auch eine Ohrfeige sein, aber die Unverfrorenheit, mit der die nass gewordene Cabello dann halbnackt durch einen Waschsalon tanzt und „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam“ singt, hat auch etwas Tröstendes. Wie man es dreht und wendet: Beknackter und besser kann Popmusik kaum sein.


Welcome to the Tik-Tok California

Der Konsens ist vom Album in den Einzel-Song gewandert

Wir wissen nicht, ob der viel beschworene Tod des Albums jemals eintreten wird, aber abgesehen davon, dass totgesagte ohnehin länger leben und der Playlisten-Boom eventuell schneller abebben könnte, als das den Content-Providern namens Streaming-Diensten jemals lieb sein könnte, gibt es ein Phänomen der Popkultur, das durchaus dahin siecht: Das Konsensalbum. Die Platte also, die alle haben, meist auch unabhängig davon, wieviel sie dann jeweils gehört wurde oder bis heute wird: R-1089760-1191248179Dire Straits’ „Brothers in Arms“, Portisheads „Dummy“, „Peter Frampton comes alive“, der blaue und / oder der rote Beatles-Sampler, Norah Jones’ „Come away with me“ oder Alanis Morrissettes „Jagged Little Pill“ - um nur ein paar zu nennen. Das Album jedenfalls, auf das sich eine gewisse Zeit alle einigen können.

Aber es gibt natürlich eine Sehnsucht nach dem Konsens, in der Popmusik ist sie ja geradezu konstatierend, aber derzeit eben wird diese Sehnsucht vor allem durch einzelne Songs herauf beschwört und oder (zum zweiten Mal in diesem Text, wow) auch befriedigt. In diesen Songs fallen dann oft bestimmte Erscheinungsformen von Popmusik zusammen, wie ja ohnehin die Produkte des Pops Gefässe verschiedenster visueller, sozio-kultureller und natürlich hörbarer Phänomene sind, und bei den Konsens-Songs, die ich meine, kommt noch hinzu, dass es Lieder betrifft, die auf Vinyl ebenso wie auf CD und im Streaming sowie in sozialen Netzen ein Präsenz entwickeln. Auf Tik-Tok beispielsweise und kollateral wahrnehmbar auch auf Instagram spülen derzeit immer wieder Lieder aus der Schnittstelle von Rock und Pop aus der Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er an die Oberfläche. Da gab es den Skater, der Cranberries-Saft trinkt, Elton-john-dua-lipa-cold-heart-pnauund dazu erklang „dreams“ von Fleetwood Mac, es wurde dem Song „Africa“ von Toto gehuldigt, und jeder Gitarrist, der etwas auf sich hält und das in den sozialen Netzwerken zeigen will, spielt die Solis aus „Sultans Of Swing“ und / oder (3x, Hammer) „Hotel California“ nach. Was diese Lieder gemeinsam haben, ist eine gewisse Unschuld, eine harmonische Weltsicht jenseits von Corona und Klimawandel - auch wenn man das über „Hotel California“ sicher nur über die Musik aber nicht über den Text sagen kann.

Mit gleicher Sehnsucht nach Konsens und nach Wohlfühl Pop ohne Schrägen und Kanten lässt sich vermutlich der wahnsinnige Erfolg der Single „Cold Heart“ von Elton John und Dua Lipa erklären. Der Song ist an sich ein Selbst-Cover Johns und heißt im Original „Sacrifice“. In seiner Urform ist das ein klassische Pianopop-Ballade wie sie Bernie Taupin zu dutzend für Elton John geschrieben hat, aber in der nun seit Monaten in den Top-Ten befindlichen Neuaufnahme wird eine Uptempo-Dance-Pop Nummer mit einer Prise britischen RnBs von Dua Lipa draus - anschlussfähig an Justin-Bieber-Hörer:innen ebenso wie für 49-Jährige Popfans. Ich habe den Song auch gekauft.

Der Konsensfaktor von „Cold Heart“ bietet dabei auch die Bestätigung meiner alten These, dass man in der Popmusik das Neue wieder-erkennt - wir kennen das und können uns doch zunicken: „Das ist fresh! Dua Lipa Ey!“ und gleichzeitig denken wir „Jaja damals, der Elton John.“ (Das geht sogar so weit, dass man bei beiden beiden Versionen meint, „Coco-Heart“ zu hören, obgleich die Lyrics nominell„cold cold heart“ lauten.) Wenn Nostalgie früherer, sorgenfreier Popmusik also in heutigen Netzwerken gepflegt wird, bringt das Post-Charts-Hits hervor. Die Frage, ob jemals jemand „Peter Frampton comes alive“ gehört hat, muss aber auch heute unbeantwortet bleiben.


Infratest Voicemap 2021

Statistiken zu den Blind Auditions bei "The Voice Of Germany 2021" - (Staffel 11)

Die elfte Staffel der Castingshow „The Voice Of Germany“ ist in vollem Gange. Derzeit werden die Folgen der zweiten Runde, der so genannten Battles ausgestrahlt. Diese sind in diesem Jahr, das sei hier nur am Rande erwähnt, unter geänderten Wettbewerbs-Statuten ausgetragen worden, die der Sache stark geschadet haben: War es bislang ein Vabanque-Spiel zwischen Kooperation und Konkurrenz, das bestenfalls tatsächlich Kreativität freisetzte, weil sich zwei Sänger:innen in ein Boot setzten, hat nun die gegenseitige Missgunst das Steuer übernommen, weil die Coaches jeweils eine Teilnehmer:in von Dreien schon vor der eigentlichen Show raus werfen müssen. Das ist unfassbar blöd. Es produziert Dramaturgien des Trash-TVs. Wenn „The Voice“ so ist, ist es keinen Deut besser als DSDS-Bohlen.

Doch heute soll es um die statistische Auswertung der ersten Runde, den Blind Auditions gehen. Ich habe wieder sämtlich dort gesungenen Lieder nach Genre, Jahrzehnt der Veröffentlichung und Tempo erfasst und für diese jeweils errechnet, wie viel durchschnittlich von den Coaches gebuzzert wurde. Die Anzahl der gesamten Coaches also, die für zum Beispiel Lieder der 80er Jahre (22) gebuzzert haben, durch die Anzahl der Lieder aus diesem Jahrzehnt (13) ergibt den Buzzerschnitt für Songs der 80er (Ø = 1,69). Die sich daraus ergebenen Statistiken sind natürlich wunderschön. Man könnte zum Beispiel daraus ableiten, dass bei The Voice die besten Chancen hat, weiter zu kommen, wenn sie / er ultraschnelle Songs der 60er Jahre im Jazzsound singt. Dass man sich dafür als Sänger:in natürlich auch eignen müsste, ist mir auch klar - diese meine Listen sind also ebenso blödsinnig wie wunderbar, weil sie, mir zumindest, unfassbar Spass machen.

Eines kann man in diesem Jahr schon mal erfreulich fest stellen: Konnte ich auch im letzten Jahr meinen Eindruck statistisch untermauern, dass Männer es bei The Volice leichter haben, hat sich das Ganze in diesem Jahr gedreht.

Buzzerschnitt Frauen 2021     Ø 1,76 Vorjahr Ø 1,5

Buzerschnitt  Männer 2021     Ø 1,50 Vorjahr Ø 2,0

Statistischen Staub aufgewirbelt hat bei den Coaches in diesem Jahr Sarah Connor - sie hat die meisten 4er-Buzzer eingeheimst und ihr Team kommt somit auf einen Traumwert von Buzzerschnitt:

Mark Forster     Ø 1,50

Nico Santos      Ø 2,94

Sarah Connor     Ø 3,04

Johannes Oerding Ø 2,42

Hier nun also die drei Balkendiagramme zu Genres, Jahrzehnt und Tempo der gesungenen Songs. (Vorjahreszahlen findet ihr in der Kategorie "Listen Listen Listen")

Buzzerschnitte nach Jahrzehnt der gesungenen Songs.

Balken_jahrzehnt

Buzzerschnitte nach Genres der gesungenen Songs.

Balken_genre

Buzzerschnitte nach Tempi der gesungenen Songs: 1: Ballade / 2: schnellere Ballade / 3: Uptempo  / 4: Uptempo + / 5: Dance, Disco / 06: Dance, Funk, Metal.

Balken_tempi


Infratest Voicemap 2021

Big Data zu den Blind Auditions von "The Voice Of Germany" Staffel 11  - 2021

Folge 01 REINE ZAHLEN

2285173-1024x682Auch in diesem Jahr hat der Popticker die Blind Auditions von Voice Of Germany statistisch analysiert. Kern meiner Analysen ist wie bereits in den letzten Jahren der von mir erfundene Quotient namens Buzzerschnitt. Er benennt den durchschnittlichen Wert an Buzzern, den ein Song oder eine Teilnehmer:innen-Gruppe erzielt - mehr dazu morgen. Heute kommt hier erst einmal das reine Zahlenkonvolut - welche Songs wurden gesungen, bzw. welchem Genre gehörten sie an, aus welchem Jahrzehnt stammen sie, und was für Tempi haben diese Songs. Morgen dann auch aufgeschlüsselt nach denselben Kategorien die jeweiligen Buzzerschnitte. Viel Spass an den Daten wünscht der Popticker.

                           in Runde 2

Teilnehmer:innen      117  75

FRAUEN                050  34

MÄNNER                061  36

DUO / TRIO / MEHR     006  05

 

Songs gesamt          117

davon

Pop                   034

Deutschpop            023

Rock                  014

Soul                  013

Pianoballaden         007

Rap                   005

Traditionals          004

Jazz/Country/Folk   je 03

Latin/Disco/Musical je 02

Metal/Blues/Reagge  je 01

 

Songs aus den

60ern                 005

70ern                 007

80ern                 013

90ern                 002

00ern                 014

10ern                 058

20ern                 015

 

Songtempo

01 Ballade            018

02 schnellere Ballade 030

03 Ballade / Uptempo  030

04 gehobenes Uptempo  021

05 Disco, Dance       014

06 Metal, Funk        004

Auffällig an den diesjährigen Zahlen ist, der noch klarere Trend zu aktuellen Songs. Das mit Abstand meist gespielte Jahrzehnt sind die Zehner. Ich habe in diesem Jahr auch die 20er mit aufgenommen, Songs aus diesem Jahrzehnt gab es immerhin 15 - ein hoher Wert, wenn man bedenkt, dass in diese Kategorie ja nur die Jahre 2020 und 2021 fallen. Die 90er sind der große Verlierer bei den reinen Zahlen - nur 2 Songs stammen aus dem Jahrzehnt von Grunge, Eurodance und Techno.


Blödsinnige Platten

Fake News in den Charts: Der iTunes-Store von Apple wurde offenbar Opfer eines Hacks

Am Donnerstag den 19.08.21 wurde der Musik-Download-Shop der Firma Apple, besser bekannt unter dem Namen iTunes-Store, Opfer eines Hacker-Angriffs: Über den Tag verteilt tauchten in den Album-Charts unsinnige Veröffentlichungen auf und verstopften die Top-Ten. Es handelte sich um angebliche Alben von über Suchmaschinen unauffindbaren Interpret:innen mit Namen wie Else Engel, Claudine Blanc oder Christian Darcangelo. Zwei dieser Fake-Alben wurden unter dem Titel „fatal mistakes“ geführt, Andere hiessen „living on mercy“ oder „now only“. Sämtliche dieser Platten enthielten durchaus Musik - oder um genauer zu sein: abspielbare Audiospuren, denn Musik kann man dazu fast nicht sagen. Die Tracks mit Allerweltstiteln bestanden ausnahmslos aus zwei bis drei Spuren: Billiger Beat und Zwei- bis Dreitonfolgen vom Synthesizer. Bei den Covern handelte es sich wohl um Stockfotos: Tatsächliche und computergenerierte Naturaufnahmen oder ein Foto, welches Venedig zeigte. Am Vormittag habe ich drei dieser Alben auf den Plätzen 1,2 und 9 entdeckt, am Abend wurden dann gar die ersten sechs Chart-Plätze mit diesen blödsinnigen Platten belegt. Am nächsten Morgen, heute am 20.08., sind all diese Alben verschwunden, aber es finden sich andere ähnliche Veröffentlichungen nach den gleichen Prinzipien, die aber nicht mehr in den Top 100 sind.

Unklar bleibt, was hinter der Sache steckt, und ich habe schon überlegt, ob ich ein Bekennerschreiben zu der Aktion veröffentlichen soll, weil sie aufzeigt, was ich als These schon lange in den Popraum zu stellen versuche: Die Charts sind zur Bildschirmfoto 2021-08-19 um 11.27.42Makulatur verkommen. An zwei Punkten kann man das anhand des gestrigen Hacking-Angriffs ablesen. Zum einen sollen die Charts ja an für sich abbilden, was angesagt ist, und wenn etwas in den Charts ist und Mark Forster und Billie Eilish auf die Plätze verweist, Musik, die offenkundig nicht angesagt sein kann, die keiner kennt, und die sich auch in Suchmaschinen nicht finden lässt, dann ist die Chart-Idee eben obsolet. Zum Anderen kann man an der Bewegung innerhalb des gestrigen Tages, an dem sich verschiedene Fake-Alben auf Platz eins ablösten und sich im Laufe des Tages fröhlich durch die Top-Ten bewegten, ablesen, dass Charts ohne Zeiteinheit schon überhaupt Schwachsinn sind - welche Zeiträume bildet ein Platz in den Charts ab, wenn es sich dabei um eine Livetabelle handelt?

Chartmanipulationen hat es schon immer gegeben. In den USA gibt es sogar einen Begriff für Bestechungsgelder, welche Plattenfirmen DJs oder Radiostationen zahlen, damit diese bestimmte Songs öfter spielen: Payola. Höheres Airplay, also eben öfter im Radio gespielt zu werden, führt zu höheren Chartpositionen, und da im Radio öfter gespielt wird, was in den Charts ist, wirkte das Bestechungsgeld Payola oftmals exponentiell. (Das Wort Payola setzt sich aus „pay“ und dem Herstellernamen der in der Mitte des 20. Jahrhunderts in den Radiostationen verwendeten Grammophone „Victrola“ zusammen. Erstmals dokumentiert wurde der Begriff laut Wikipedia 1959, aber man muss davon ausgehen, dass die beschriebene Bestechungs-Strategie bis weit in die 80er praktiziert wurde.) Einen anderen Fall von Manipulation der deutschen Charts deckte im Jahre 2005 die Sendung „Akte“ des Senders Sat 1 auf. Der Musikproduzent David Brandes hatte CDs seiner Künstlerinnen (darunter Vanilla Ninja und Gracia) gekauft und kaufen lassen, um diese Künstlerinnen in die Charts bringen und danach von der Rückkopplung des durch die Chartposition generierten Interesses zu profitieren. Beide beschriebenen Manipulationen machen sich natürlich ein konstituierendes Element von Pop an sich zu Nutze - die Behauptung nämlich, angesagt zu sein als potentiell selbst erfüllende Prophezeiung.

Bildschirmfoto 2021-08-19 um 17.21.46
Screenshot der Top 14 in den iTunes-Charts am 19.08. um ca. 18 Uhr

Was wir aber gestern in den iTunes-Charts beobachten konnten, hat nichts mit diesem Mechanismus zu tun, denn die Musik, die hier mit welchen technischen Mitteln auch immer, in die Charts gehievt wurde, ist gar keine Popmusik - sie behauptet nicht unmittelbar und durch sich hip zu sein. Die Behauptung, diese Alben hätten sich in den Charts befunden, war als sich selbst erfüllende Prophezeiung ungeeignet, da es keinen Grund gab, diese Alben zu kaufen. Es bleibt also die Frage, warum irgendwer diese Fake-Veröffentlichungen in die Charts bekommen hat, wie das gemacht wurde, und welches Statement dadurch gemacht werden sollte. Von Apple selber gibt es keinerlei Statement dazu, auch meine Anfrage, nun bin ich natürlich auch eine Privatperson, bleibt unbeantwortet, aber irgendwas, so glaube ich jedenfalls, muss dahinter stecken, und ich möchte zu gern wissen, was es ist - wenn das hier also irgendwer liest, der mehr Followerpower hat, der einen Weg sieht, herauszufinden, was es mit den unsinnigen Alben auf sich hat, der sage mir gerne bescheid.


Retro-Techniken für die Nuller

Die No Angels leisten Pionier-Arbeit

Die No Angels, die großen Künstlerinnen des Gewesen-Seins, des No Angels-gewesen-Seins, um genau zu sein, haben einmal wieder den Aggregatzustand des Seins, des No-Angel-Seins, um noch genauer zu sein, angenommen - sie sind zumindest temporär keine Ex-No-Angels mehr. Anlass dieser Schubumkehr raus aus dem Popstar-Ruhestand ist das 20-jährige Jubiläum ihres Debut-Albums „Elle’Ments“, von dem nun eine Celebration-Version erschienen ist. Auf dieser, sinniger Weise „20“ benannten Zusammenstellung finden sich freilich auch Songs jenseits der Elle’mente der Girlformation wieder, weshalb es eigentlich mehr ein Best-Of-Album als eine Wiederauflage des Debüts ist. 

EllemeDie No Angels haben also die entsprechenden Songs noch einmal aufgenommen und / oder remixen lassen: Sie haben die Stimme von Vanessa Petruo heraus gerechnet (denn Petruo arbeitet derzeit als Neurowissenschaftlerin an der University Of Southern California und hat dem No-Angels-Sein und dem Ex-No-Angels quasi auch adieu gesagt), sie haben die Teeniepop-Elemente der Originale ein wenig entschlackt und die Lieder insgesamt ein wenig entzuckert, um sie weniger gealtert erscheinen zu lassen. Sehr viel mehr Ideen hatte man für die Neuversionen nicht, aber die braucht es ja vielleicht auch gar nicht. Das Album ist als Retro-Projekt angelegt und organisiert: Menschen möchten das, was ihnen einst etwas bedeutete, wieder hören, ohne daran erinnert zu werden, selber 20 Jahre älter als 2001 zu sein. Das ist ein normaler Re-und-Upcycling-Prozess des Retro-Industrie-Zweigs der Popkultur.

Man könnte konstatieren, dass der Schwerpunkt des Retro-Hypes sich derzeit in zwei Richtungen wieder raus aus den 90ern bewegt: Die Reise geht zum gefühlt dritten Mal zurück in die 80er, während dem das Album „20“ der No Angels das Retro-Tor in die Nuller aufstösst. In diesem Sinne wird hier vielleicht auch Pionier-Arbeit geleistet, denn die Popkultur hat für die 80er und die 90er bereits Codes, Chiffren, Sounds und Reflexionsmuster heraus gebildet, einen Werkzeugkoffer also für kollektiv-popkulturelle Gedächtnisräume. Aber für die 00er gibt es diese Retro-Techniken noch nicht. In diesem Sinne ist No Angels’ „20“ mehr die Fragestellung, wie man es machen kann, als eine umfassende Blaupause für zukünftige Retro-Produkte des Nuller-Jahrzehnts. 

Album_No_Angels_20_coverNatürlich würde man „Elle’ments“ auch zu viel der guten Popverantwortung aufbürden, wenn es als wegweisendes Album der Nuller bezeichnen und als solches in die Retro-Küche schicken würde. Aber zumindest was Castingshows anbelangt, die zweifelsohne ein prägendes Element der Nuller waren, sind die No Angels im deutschen Raum einzigartig: Keine Castingformation oder irgendein Solokünstler hat besseren oder erfolgreicheren Bubble-Pop zustande gebracht. In Zusammenarbeit mit entsprechenden Produzenten und Hitschreibern (ich habe nachgeschaut, es sind leider nur Männer) wurde hier handwerklich stimmig der von Frauen repräsentierte und gesungene, von männlichen Produzenten geprägte RnB-Pop aus den USA nachgebaut. Und so markiert diese Platte durchaus auch den Beginn des Popjahrzehnts - in die 90er passten und passen die No Angels auch nicht mehr rein.

Dementsprechend wirken die teil-entschlackten Neu-Versionen vor allem dann pfiffig, wenn die Reduktionen nicht die damals schon zitierten Sounds und Beats betreffen. Bei der ein oder anderen Neuversion muss man sich fragen, warum man schon damals zitierte Elemente von „Elle’Ments“ für die Neufassungen weggelassen hat, weil man das Gefühl hat, gerade sie sind für sich schon retro. So klingt denn zum Beispiel die Celebration-Version von „Feel Good Lies“ deutlich muffiger als das Original - die an Timbaland erinnernden Zwischen-Beats, die zusammen-gestauchten, Destinys-Child-artigen Chöre machten die Single damals zu einem der besten No Angels-Songs überhaupt, während die nun erschienene Überschreibung öde und leer klingt.

Aber summa-summarum muss man dem heute erschienenen Jubiläums-Album attestieren, als das, was es sein möchte, zu funktionieren, und vor allem fällt auf, dass die No Angels und ihr Popentwurf selbst aus heutiger Sicht angenehm divers sind. Man kann sich gut vorstellen, dass die vier Sängerinnen im gerade beginnenden Popjahrzehnt ihren Platz finden.


Pop kuratieren - oder auch nicht

Mega-Sampler oder EPs - und was Future Trance mit Lena zu tun hat

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Klammheimlich hat sich in einschlägigen Album-Charts ein neues Darreichungsmodell von Popmusik ökonomisch etabliert: Der Mega-Sampler mit der Überwältigung durch Masse. In den aktuellen Top 20 finden sich gleich sechs Song-Sammlungen mit über 40 Titeln: Der Sampler zum Eurovision Songcontest zum Beispiel umfasst alle teilnehmenden Songs (okay, das sind „nur“ 39), auf den „Bravo-Hits“ waren ehedem schon immer viele Lieder, aber auf der neuen Ausgabe Bildschirmfoto 2021-05-28 um 15.50.20„Volume 113“ finden sich gleich 49 brandaktuelle Hits. Auf dem Sampler zur Fernseh-Show „Sing meinen Song“ finden sich 50 Cover, und den Rekord bricht „Udopodium“, der Tribute-Sampler zu Lindenbergs 75. Geburtstag mit sinniger Weise 75 Liedern. Und dann gibt es noch zwei neue Trance-Techno-Sampler mit jeweils 50 bzw. 61 Tracks. 

Die ökonomische Idee, die dahinter steckt, liegt auf der Hand: In Zeiten, in denen potentiell die gesamte Musik-Geschichte  für einen Abopreis per Stream einen Weg in die Ohren finden kann, muss mit Hörer:innen gerechnet werden, die nicht einsehen, für 10 Euro gerade mal 10 Lieder zu bekommen. 75 Udo-Lindenberg-Lieder kauft vielleicht auch, wer an sich nicht mehr Musik mehr kauft. Aber auf Sampler und Best-Of-Boxen mehr und mehr Songs zu packen ist wohl auch eine Entwicklung, die mit 75 Liedern auch schon an  ihrem Endpunkt angelangt sein mag. Hundert wären eventuell noch drin. Aber da müssen es dann schon die Stones sein. Oder Bowie oder Dylan. Noch mehr als 100 wäre dann spätestens irgendjemandes Gesamtwerk.

Bildschirmfoto 2021-05-28 um 15.50.45Eine Liste mit 60 Trance-Tracks wiederum, oder eine Bravo-Compilation mit 50 Hits sind Sampler gewordene Algorithmen, Spotify-Playlists die man für 9,99 € kauft - in gewisser Weise manifestiert sich hier eine neue Form des Popmusik-Sammelns - wer „Future-Trance 95“ hat und die 96 kauft, braucht nicht alle anderen 94 Folgen, um das Gefühl zu bekommen, die Mehrheit aktueller Future-Trance-Musik zu besitzen, denn 120 Tracks hat er ja schon. 

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Die umgekehrte Hoffnung hegt indes wohl Lena Meyer-Landrut: Dass nämlich Hörer:innen, die ihre Musik schon besitzen, vielleicht auch einmal streamen. Lena hat jedenfalls ihren Back-Katalog unter drei thematischen Aspekten zu Playlisten kuratieren lassen - „confidence“, „kind“ und „optimism“. Das Ganze ist ein recht hübsches Unterfangen, war aber mit der Löschung ihres gesamten Instagram-Bestands und dem Veröffentlichen eines Trailers zu „optimism“ vielleicht ein wenig over-promoted: Die Sängerin schürte damit natürlich die Hoffnung auf neue Musik, die dann aber eben enttäuscht wurde. Grundsätzlich ist die Idee des Kuratierens von Playlisten aber eine schön Strategie, dem Überangebot und der schieren Masse an Popmusik überschaubar scheinen zu lassen und eben nicht 75 Lindenberg-Songs auf einmal auf den Markt zu werfen. (Ich mache das mit meiner eigenen Musik auch und erstelle mir selber Playlisten zu „Bäumen“, „das Meer“ und tatsächlich auch „Optimismus“.) 

Selbst in die Veröffentlichung neuer Musik findet dieses Kuratieren als Gestus Einzug: Ein Gewinner der Corona-Krise ist als Pop-Release indes nämlich die EP, also das kurze Album, bei dem Künstler:innen zum Beispiel im Lockdown entstandene Popentwürfe rasch in die Tat umsetzen - als würde man eben zu einer Idee, Songs auswählen, ohne ein ganzes Album denken, machen und promoten zu müssen. (Zum Boom der EP schreibe ich nächste Woche etwas) - der Kurator als Kraft, welche künstlerische Energie in Bahnen lenkt und in einen Zusammenhang rückt. Tendenziell - wie gesagt - finde ich das eine schönere Strategie als Marktverstopfung mit Mega-Samplern. Ich weiß auch gar nicht, was Future-Trance ist.