Schlager und Schlager-Ränder

Emotions-Anleihen

Instant-FOMO: Der Helene Fischer-Ticket-Pre-Sale-Wahnsinn

Der Vorverkauf hat begonnen - wenn der Freedom Day abgefeiert, unsere halbjährliche Impfung Alltag geworden und die Ampel-Koalition 16 Monate im Amt gewesen ist, geht Helene Fischer auf große Tournee - 60 Konzerte plant die Eurodance-Sängerin ab Frühjahr 2023 zu ihrem gerade erschienenen Album „Rausch“; und ein Rausch soll auch das Konzerterlebnis werden. Die Show wird ihr auf den Leib geplant - und zwar von niemand Geringerem als dem Cirque Du Soleil. Auf einem Schwan zur Bühne fliegen, inszeniert von DJ Bobo, war gestern. Der Promotext verspricht, dass "Die Erfolgskünstlerin mit ihrer Vielseitigkeit, Wandlungsfähigkeit und ihrem Wagemut einmal mehr Gesang, Tanz und Artistik zu einem Gesamtkunstwerk von ungeheurer Grandezza und Intensität verbindet.“ - klingt als habe die Sache schon statt gefunden. Hier finden also zwei Phänomene zueinander, die immer wieder mal miteinander flirten: Pop und Zirkus. Was sie verbindet ist die zunächst sinn-entkoppelte Hingabe, die auf anderer Ebene wieder mit Inhalt und Emotion aufgeladen werden kann, eine hingebungsvolle Leerstelle, die leuchtet, weil sich ihr hingegeben wird. Wenn Fischer ihre Entgrenzungslyrik in der Melodie eine Quart höher schraubt, werden Trapezkünstler:innen an Schaukeln über die Köpfe des Publikums schweben. Die Menschen werden mit offenen Mündern in den Veltins- und Mastercard-Hallen stehen, denn das wird alles ganz sicher ziemlich erstaunlich.

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Die volle Live-Überwältigung ist dabei eigentlich die visuelle und logische Konsequenz aus dem antiseptischen Entgrenzungs-Pop von Helene Fischer. Als ich von der kommenden Tour las, war ich allein schon von der Ankündigung so eingenommen, dass ich dachte: Da muss selbst ich hin. Obwohl das Ganze erst in eineinhalb Jahren losgeht, setzte bei mir eine Instant-Fear-Of-Missing-Out ein. Himmel! Selbst die Pre-Sale-Paket-Namen sind von lyrischer Promo-Schönheit. Wer sich jetzt schon ein Ticket sichert, der hat die Wahl zwischen dem „Blitz! Early-Entry-Paket“ (ab 249 Euro), dem „Jetzt-Oder-Nie-Hot-Ticket“ (ab 279 Euro) oder dem „Wir werden Eins - Golden-Circle-Paket“ (ab 299 Euro). Egal für welches Package man sich entscheidet, dazu buchen kann man dann noch das „Helene Fischer Collector Ticket im Design der "Rausch - Live" Tour 2023“ - eine Plastik-Karte mit gestanztem Baumwoll-Band, das sicher auch noch mal 30 Euro oder so kostet. Man hat das Gefühl, hier werden nicht Eintrittskarten verkauft - sondern Emotions-Anleihen auf die Zukunft.

Wer das von aussen betrachtet, der findet das sicher befremdlich, aber man hat auch den Eindruck, dass hier ein Scheitern ausgeschlossen wird - wer heute schon so viel Geld für eine Ereignis ausgibt, dass im März 2023 stattfindet, der wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch begeistert sein, im März 2023. Es ist dies ein Termingeschäft mit Überwältigung, das man mit der Ticketfirma eingeht, und Helene Fischer ist die Erfolgsgarantin für diesen Kaufvertrag. Man wünscht sich fast, dass man dazu gehört und das auch irre finden und über ein Jahr Vorfreude haben könnte.


Dieter, so nicht

Endlich: Das Ende von DSDS

„Take me tonight“, singt am 08. März 2003 Alexander Klaws im Finale der Show „Deutschland sucht den Superstar“ - und diese Zeile ist natürlich, wie man es dreht und wendet, unfassbarer Blödsinn. Man konnte es also wissen; und vielleicht hätte Anfang 2003 irgendjemand Größe beweisen müssen und dem eigentlichen Superstar dieser Show ins Gesicht sagen sollen: „Dieter, so geht das nicht“. Hat aber niemand. Und so konnte Bohlen dann also die historischen Irrtümer, er sei ein Poptitan und könne Englisch, im Fernsehen verlängern. Was viele vielleicht gar nicht mehr erinnern: An besagtem Abend erklang das „Lied“ „Take Me Tonight“ sogar gleich zweimal: Auch die zweite Finalistin Juliette Schoppmann musste diesen Quatsch singen, Sätze wie - nach bestem Gewissen übersetzt: „Oh Baby, wenn ich in Deine Augen sehe, fühlt es sich mir gut an.“ oder „Sag mir, dass ich dein bin, mach mich nicht blau.“ - und natürlich die Titelzeile: „Nimm mich heut nach, alles ist möglich.“

Immerhin konnte man sich vor 20 Jahren noch einbilden, es ginge um Popmusik, die Verheißung, Deutschland suche tatsächlich nach einem Superstar, konnte man mit einer schönen Portion Naivität noch glauben, und Bohlens letzter Hit war, als „DSDS“ startete, auch nur 16 Jahre her. Tatsächlich aber fand sich im Casten unbekannter Menschen ein emblematisches Schema für Popmusik im Privatfernsehen, und die Show „DSDS“ im Speziellen machte eine Entwicklung durch wie jüngst Streaming-Anbieter „spotify“: Von einer Plattform für Popmusik zum Content-Provider. Und anders als beispielsweise bei „The Voice Of Germany“ fand sich bei DSDS eigentlich kein Gewinner, der irgendeinen nennenswerten musikalischen Impuls gesetzt hätte. Man könnte eventuell Beatrice Egli nennen, deren Sieg im Jahre 2013 die Show für den Schlager öffnete und letztlich dem Schlager-Erfolg-Gatekeeper Florian Silbereisen als Juror den Weg ebnete. Aber die wenigen Teilnehmer:innen, über die man heute noch spricht, waren nicht die die jeweiligen Sieger (sieht man einmal von besagtem Klaws ab, der heute eine überraschend gute Figur als Winnetou in Bad Segeberg abgibt), sondern es waren die, die sich als bunte Vögel vermarkten liessen - ob sie nun wollten oder nicht. Man denke nur an den inzwischen ja leider unter sehr traurigen Umständen verstorbenen Daniel Küblböck, dessen verquerer und queerer Humor und Popentwurf noch heute erfrischend und auf seltsame Weise befreiend wirkt.

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DSDS-Titan Dieter Bohlen

Der Schmierstoff von „DSDS“ waren schon immer Emotionen, oder das, was das Fernsehen dafür hält, und die bekam man reichlich, weil Bohlen in dem gepflegten Irrglauben, er verstehe etwas von Pop, eine Form verbaler Demütigung von Kandidat:innen salonfähig machte, die man stillschweigend hinnahm wie sein verworrenes Englisch. Seine Allegorien, Stimmen zu umschreiben, fanden in einer Zeit, in der der Slogan „Geiz ist geil“ zur emblematischen Werbung wurde, einen substratigen Nährboden. Hätte sich die Show DSDS nicht diesem Botox-betankten Altherrenwitz in Camp-David-Shirts unterworfen, wer weiß, vielleicht hätte sich dann eine schöne Popsendung ergeben können, aber erst für die diesjährige 19. Staffel hat man ihn vor die Tür gesetzt, um nun also anzukündigen, ihn für die vorerst letzte Runde 2023 zurück zu holen.

Die Halbwertzeit der Popmusik, die DSDS hervor gebracht hat, war schon vor 20 Jahren überschaubar, und hat sich bis heute so sehr verkürzt, dass nun noch von Tausendstelwertzeit gesprochen werden kann. Dei Show karikiert sich nur noch selber, und da ist es eben auch kein Wunder, dass man dafür wieder Bohlen selber braucht. Das Aus für „Deutschland suche den Superstar“ ist eine gute Nachricht.


Zuckerreduziert

Die Liebäugeln mit Schlager ist als Kriterium auf der Suche nach Pop-Newcomer:innen angekommen

„Konstanze“, sagt Gordon Kämmerer zu seiner Schwester: „Lass uns doch mal n’ Schlagerhit machen, der dann viral geht.“ - ob er viral gehen wird, wissen wir nicht, aber was wir wissen, ist dass Konstanze Kämmerer sich von „Verhaltenstherapie“, wie sich ihr Bruder nennt, wenn er Popmusik macht, zu dem Schlagerhit hat überreden lassen: VerhaDer Song „Rote Rosen“ erscheint heute am 10. Juni, und sein Popentwurf siedelt irgendwo zwischen Catan, Andreas Dorau und Christian Steiffen - das sehr hübsche Promostichwort hierzu lautet: „New Wave Schlager“.

Ein zuverlässiges Trendbarometer ist nicht nur, wenn ein Untergrund-Phänomen in den Maistream wächst, sondern vor allem auch, wenn im Nachwuchs die Schnittstelle zwischen Indie-Whatever in den Mainstream gezielt gesucht und promoted wird. Und da nimmt es nicht Wunder, wenn auf einmal verschiedentliche Newcomer an den Schlagerrändern fischen, und es dort nicht immer trüb zu geht. „Geschwister“ jedenfalls, wie sich die Geschwister mit ihrem Lied „Rote Rosen“ nennen, unterwandern Euphorie und überbordende Emotionen mit einer gehörigen Portion Understatement. Ihr Schlager-Entwurf, wenn man ihn denn überhaupt so nennen will, findet zu allegorischen Zeilen: „Ist wie ein Strauch roter Rosen, Du stichst mich nieder.“ - nicht nur wechselt das angesungene Individuum von einer Sache zu einem Du, überhaupt spielen sich die Lyrics dieses versucht viralen Schlagerhits im Vagen ab (überhaupt ein Konzept im Pop von „Verhaltenstherapie“). Wenn der Song vorbei ist, bleibt ebenso vage, wohin Konstanze und Gordon damit wollen, und wie man es finden soll, aber in der Summe überwiegen bei mir die Sympathien für diese Fusion aus Nerdismus und Schlager.

FalkMit gänzlich anderer Gewichtung aber auch mit der letztlich irrigen Annahme, Schlager nachzubauen, geht der Sänger FALK seine Suche nach einem Popentwurf an. Er kommt allerdings auch mit einem Bein aus der NDW, wenn er Herbert Grönemeyers ersten Hit „Männer“ zitiert und im Songtitel die Frage stellt: „Wann ist der Mann ein Mann?“ - die Frage ist natürlich gestattet. Seine Idee, Schlager mit Rock zu unterwandern, ist zwar keineswegs neu und mit einem Vertreter wie Ben Zucker auch äusserst erfolgreich, dennoch merkt man der Musik von FALK an, dass er nicht von aussen konzeptioniert wurde, um an Gatekeeper wie Silbereisen vorbei zu kommen, aber dennoch reicht die mit Rock einher gehende Ironisierung von Gefühligkeit nicht aus, um Zeilen wie „Du bist die schönste Frau hier im Pub, lange Bein, Rock viel zu knapp“ eine Pop-Absolution zu erteilen. Wenn man also seine von Herbert übernommene Frage, Dagowann ein Mann ein Mann ist, stellt, so lautet bei dieser Single zumindest meine Antwort: 2022 sollte man als Mann sensibler dichten.

Ein im unterwanderten Schlager alter Hase ist Dagobert - man schaue sich nur noch mal seinen Auftritt im ZDF-Fernsehgarten mit seiner ersten Single überhaupt „zu jung“ an. Das war damals ultra-weird und nimmt sich heute völlig alltäglich aus - man merkt schon, wie aus Poprichtung nach der Schlagerwelt geschielt wird, während Helene Fischer und ihr Fahrwasser den dortigen Mainstream in Richtung Pop entgrenzt haben. Nun hat der schweizer Anzugträger auch schon wieder eine neue Langspielplatte im Rucksack, „Bonn Park“ wird sie heißen, und unabhängig Moritzdavon, dass so auch ein Kollege von mir heißt, und Dagobert sein Album in diesem Sinne auch „David Gieselmann“ hätte nennen können, ist die erste Single „Ich will ne Frau, die mich will“ so etwas wie eine Rückkehr zum Sound von „zu jung“, nachdem die letzte Platte recht darker Synthwave war. Gut, aber im Falle von Dagobert bin ich nicht neutral da Fan.

Der junge Osnabrücker Moritz Ley verortet sich und seinen Popentwurf, dem man freilich schon kaum mehr Schlager unterstellen möchte, dennoch im selben Spannungsfeld des Dabobert, irgendwo zwischen gefühligem Deutsch- und wavigem Synthiepop. Der Song „Bei mir“, letzte Woche erschienen, zeigt dann doch, wie filigran die Trennungslinien zwischen Popmusik und der einst hermetischen Volksmusik, um einmal dieses nicht ganz stimmige Synonym zu bemühen, inzwischen sind: Da muss man ganz schön hinterher musizieren, um die Sache noch in deutschen Soul oder so zu biegen. Dennoch ein ganz interessanter Newcomer - erwähnte Single „Bei mir“ ist die Dritte des Osnabrückers, und der Popticker bleibt dran, wenn Weiteres erscheint ...

/// Links zu den Musikvideos /// Geschwister "Rote Rosen" /// FALK "wann ist ein Mann ein Mann?"  /// Dagobert "ich will ne Frau, die mich will" /// Moritz Ley "bei mir" ///


Vom Dirigat zur LED-Wand

Die Geschichte der Song-Inszenierung beim ESC

Esc-look-11Der Eurovision Song Contest ist ja, wie immer wieder erinnert wird, an und für sich ein Wettbewerb von Kompositionen gewesen - die Interpret:innen waren sozusagen Teilnehmende in der zweiten Reihe. Sicher wurde dies in der Praxis auch zu Zeiten nicht so wahr genommen, als noch die Song-Komponist:innen ein Orchester dirigierten - Pop, ob man es will oder nicht, steht und fällt mit denen, die singen. Das Orchester ist folglich dem Playback gewichen, live performt nun Frontfrau oder -mann, und diejenigen, die den Song komponiert haben, werden in eingeblendeten Credits erwähnt oder aber mit etwas Glück von den jeweils Kommentierenden erwähnt. Meist sind es heute auch wie im internationalen Popgeschäft üblich ganze Teams von Menschen, die die Songs zusammen geschraubt haben - ich kann die Quelle leider nicht mehr nennen, aber ich habe irgendwo gelesen, dass zum Beispiel im letzten Jahr durchschnittlich 3,75 Komponisten an den Song-Beiträgen gearbeitet haben.

Seit also das Orchester nicht mehr spielt und dirigiert werden muss, zeigt die Kamera nichts anderes mehr, als diejenigen, die den Song performen, oder eben so tun, als ob sie ihn performen. Naturgemäss wuchs der Anspruch daran, wie man eben dies tut, und also begann man die Auftritte zu inszenieren. Diese Inszenierungen haben, wie wir wissen, einige absurde Stilmittel hervor gebracht - Trickleider, Stabhochwackel-Choreographien, hüpfende Delfine, Schlittschuhe auf Kunsteis-Platten und so weiter; und diese Kuriositäten sind vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es für das Live-Inszenieren von einzelnen Songs keine historischen Beispiele gibt. Sicher, es gab in der TV-Geschichte Sendungen wie „Top Of The Pops“, aber hier genügte für den Inszenierungsfaktor der Glamour-Faktor etlich anwesender Stars, beim Songcontest kann sich nicht auf Star-Power verlassen werden, der Song ist es, der inszeniert werden soll. Und mit eben der Inszenierung, spätestens, ist der ESC kein Kompositionswettstreit mehr, sondern ein Popwettbewerb, weil in der Popmusik, wie Dietrich Diederichsen so treffend definiert, Akustisches wie Visuelles „zusammen fällt“.

Bildschirmfoto 2022-05-13 um 22.21.17Das Inszenieren von drei Minuten Musik ist inzwischen völlig entgrenzt - die LED-Leinwände, Feuerkanonen, Nebelmaschinen und Bühnen-Requisiten werden immer raffinierter, mit planbaren Kameraperspektiven lassen sich virtuelle Treppen, Mondlandungen und surreale Landschaften in Echtzeit herauf beschwören. Wer in diesem Jahr das erste Halbfinale geschaut hat, und vermutlich lässt sich das auch über das Zweite sagen, musste allerdings das Gefühl bekommen, dass die technische Entgrenzung an ihrem Zenith angekommen ist - wer wenig inszenierte hatte quasi sein Ticket ins Finale gebucht, und mit wenig ist hier ein Ausmass gemeint, dass noch vor zehn Jahren als Overkill wahrgenommen worden wäre. Ich habe allerdings den Eindruck, dass dies nicht nur daran liegt, dass man diese Sendung inzwischen mit dem Gefühl sieht, meine Augen rebellieren gleich gegen alle Effekte, es hat auch was damit zu tun, dass all der Feuerfontänen-Bombast die Skepsis provoziert, hier wird kein Song mehr inszeniert, hier wird eher vom Song abgelenkt. Es ist halt so: Irgendwas muss man schon meinen, wenn man auftritt. Sicher, ein gewisses Mass an Ironie ist sicher auch nicht hinderlich, aber man muss den ESC vor allem Ernst nehmen, sonst ist man verloren und wird verlieren, das wird auch an diesem Samstag so sein.


ikonisch ironisch

Warum distanzierter Schlager überhaupt möglich ist

Commissario Brunetti ermittelt ja mitten in Venedig auf Deutsch - dieses ZDF-Konzept in Popschlager zu übersetzen, auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Ob dieser Popentwurf aus der Brainstormhölle, in der Redaktion von Jan Böhmermann oder bei einer schwer durchzechten Nacht entstanden ist, wir wissen es nicht. Was wir indes wissen, ist dass dieser Entwurf in die Tat umgesetzt wurde und derzeit sogar auf der Spitze der deutschen Albumcharts steht: Auftritt „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ - für diese Formation hat man sich eine fiktive Bandgeschichte erdacht und diese mit reichlich blödsinnigen Daten angereichert - frühen Erfolgen bei einem brasilianischem Schlager-Festival etwa, oder einem Debüt-Album namens „Greatest Hits“, dem Bandzerwürfnis und schliesslich dem Comeback mit dem derzeitigen Album „Mille Grazie“. 

Original

Man muss den deutschsprachigen Italoschlager dieses Longplayers nicht gehört haben, um erkennen zu können, dass wir es hier mit einem ironischen Popkonzept zu tun haben. Um so erstaunlicher ist aber, dass die Kernbotschaft dieser Musik, eine sich hingebende Leidenschaft für Italien, die Liebe und das Leben dennoch ungefiltert durch das ironische Breitband-Antibiotikum der unsinnigen Formation hindurch kommt. Und das bei einem derart antiseptisch unironischen Kern-Genre, dem Schlager. Wie ist das überhaupt möglich? 

Dazu muss man vielleicht erst einmal ein wenig ausholen.

In der Rhetorik ist Ironie bekanntermassen die erkennbare Diskrepanz zwischen Gesagtem und tatsächlicher Intention des Geäusserten. Die Erkennbarkeit erzielt man dabei mit Signalen der Distanzierung - zum Beispiel dadurch, dass man Gesagtes gestisch oder stimmlich markiert. Wenn zwei Menschen sich gut kennen, und unter ihnen die Ironie als Code anerkannt ist, muss Gesagtes nicht kenntlich gemacht werden. In der Kunst wiederum, in der sich Sender und Empfänger von Botschaften nicht unbedingt kennen, kann man sich auf ironische Effekte erst dann verlassen, 0602445062171wenn sie als künstlerisches Stilmittel etabliert sind - das muss man aber eben für jedes Werk, jeden Roman, jedes Skulptur neu tun. Das heißt praktisch nichts Anderes, als dass ich bestimmte Stilmittel bewusst übertreibe oder anderweitig abhebe, so dass sie augenscheinlich werden. In der Popmusik wiederum, bei der das bewusste Übertreiben, Zitieren, Markieren und kenntlich Machen ohnehin zu den konstatierenden Stilmitteln gehört, ist die Ironie also präsent, auch wenn sie als distanzierendes Mittel gar nicht gewollt ist - sie ist jenseits von Inhalten Resultat der Form und bezieht sich auch auf diese.

Diese Art der Formenironie wiederum erzeigt das große Referenz-Potential von Pop. Man kann sich der Inhalte bestimmter Genres nämlich zu eigen machen, in dem man deren Stilmittel übertreibt und anderweitig kenntlich macht. Wenn ich zum Beispiel in einem Folksong Flamenco zitiere, distanziere ich mich nicht von dessen potentiellen Inhalten, sondern lasse diese im Gegenteil bewusst mitschwingen. Womit wir bei der Antwort auf die Frage angekommen wären, warum es ironischen Schlager überhaupt geben kann - im Übrigen sind  „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ natürlich nicht die Ersten, die das versuchen. Dagbobert beispielsweise, der große schweizer Liebes-Skeptiker mit dem tiefen Glauben an das Lied, hat den Schlager bereits philosophisch mit Indiepop unterwandert; Alexander Marcus hat einen Soundtrack für die Fusion von Schlager-Move und Loveparade erfunden, der Musiker Drangsal hat kürzlich erst Postpunk in die Schlagernachhilfe geschickt und dafür sogar vom Feuilleton gute Noten bekommen, und die „Crucci Gang“ hat Klassiker des Deutschpop durch eine italienische Espressomaschine gejagt - schade übrigens, dass es die Spex nicht mehr gibt.

Doch zurück zum Italo-Schlager: Auf Deutschlandfunk wurden die beiden Kernmitglieder von  „Roy Bianco“ & die Abbruzanti Boys“ gerade interviewt (namentlich Herr Roy Bianco und Herr Abbruzanti Boys), und in der Ankündigung zu diesem Beitrag wurde deren Presse-Info zitiert, nach der sie das fiktive Narrativ dieser Band niemals verlassen würden. Leider erwiesen sich die beiden Interviewten dann eher als mittelmässige Darsteller ihrer selbst erschaffenen Kunstfiguren: Ihrem feinsinnig ironisiertem Italo-Pop-Schlager sind sie sozusagen schauspielerisch nicht gewachsen. Dennoch eine bemerkenswerte Veröffentlichung, in der die Kulturgeschichte der Ironie skizziert ist - Konzeptpop von hoher und gleichzeitig unfassbar blödsinniger Schule.


Gestus und Realität

Zweimal Pop in Startblöcken: FALK und Julita

Ein Gestus von Pop als Solchem ist ja immer auch das Behaupten der eigenen Angesagtheit, und naturgemäss wirkt dieser Gestus immer dann merkwürdig, wenn, wer von sich behauptet, angesagt zu sein, gar nicht angesagt ist. Insofern hat man, wenn   frau nicht all zu bekannt ist, die Wahl, entweder auf erwähnten Gestus zu verzichten, wodurch man dann halt auch auf ein Merkmal von FALK_ALLESMITDIR_CoverPopmusik verzichtet, oder aber, es wird vorgeprescht und man riskiert, dass die Leute erkennen, dass zwischen Gestus und Wahrheit eine große Lücke klafft. Möglicherweise ist genau in diesem Dilemma der Grund dafür zu suchen, warum Karrieren im Pop auch heute Zeit brauchen - Gestus und Realität müssen erst in irgendeinem Einklang münden, bevor man eine stimmiges Image als Popstar repräsentiert - auf social media, in Videos, in allen Erscheinungsmedien. Und wer sich über all diese Dinge Gedanken macht, hat noch lange nicht musiziert.

Das sind Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, seit mir zunehmend Promo-Firmen Interpreten, Songs und Alben von noch nicht all zu bekannten Acts schicken, um darüber zu schreiben (siehe Rubrik „neuer Pop in alten Schläuchen“. Fast alle dieser Interpret:innen singen deutsch, allesamt sind sie noch nicht all zu bekannt oder etabliert, völlig am Anfang stehen aber auch die Wenigsten.

So auch FALK, der soeben die dritte von fünf geplanten Singles mit deutschen Texten veröffentlicht hat. Der Song heißt „Alles mit Dir“ und begegnet oben erwähntem Dilemma mit dem eigenen Verschwinden hinter Lied und Video, in dem man verschiedene Paare beim Flirten und Schmusen zusieht. Der Song wiederum kaschiert die Tatsache, dass er eine Ballade ist, mit verschleppter Blues- CoverRhytmik in Intro und Refrain, und lässt sich nur in den Strophen auf tragende Flächen samt „Ooohs“ und Uuuhs“ ein - klassischer Deutschpop könnte man sagen. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Sänger, der seine eigenen Lieder schreibt, ein wenig mehr kann, und sich vielleicht mehr in Rock trauen könnte - oder eben, womit wir bei oben erwähnten Behaupten der eigenen Angesagtheit wären: Der könnte ein wenig forscher auftreten, dieser FALK. „Alles mit Dir“ traut sich nicht ganz nach vorne.

Die Ballade lässt Julita zu: Ihre Single „heimlich Weinen“ zerfliesst fast schon an den wenigen Klavier-Akkorden, aber dann hält das Ganze ein trappiger Beat zusammen, und ehe man sich es versieht, bekommt auch noch ein Gast-Rapper ein paar Zeilen. Wo andere auf die Mechanik einer Kunstfigur vertrauen, setzt Julita auf ein die Authentizitäts-Karte, eine Frau, die sich zum Weinen zurück zieht, damit man sie nicht leiden sieht. Mithin als Gestus auch denkbar ungeeignet, um die eigene Angesagtheit zu behaupten, aber genau das kann man der jungen Sängerin auch zugute halten: Ihre Piano-Trap-Ballade klingt im Abgang schon sehr ohrwurmig und auf Höhe der Zeit. Ich muss allerdings auch sagen, dass das so gar nicht meine Wiese ist, aber viele Wiesen, die nicht mir gehören, sind dennoch Wiesen, und „heimlich weinen“ ist sicherlich auch gute Popmusik.

Videos:

< heimlich weinen >

< alles mit dir >

 


In der großen Tradition der kleinen Haushaltswaren

Ohren auf Deutschpop werfen - Folge 22

Bildschirmfoto 2022-02-18 um 12.27.00Mangelnde Motivation und Freude daran, sich irgendwie neu zu erfinden, kann man Alexa Feser nicht vorwerfen. Nachdem sie mit Pianopop bekannt wurde und ihren Sound dann in Richtung eines deutschsprachigen Folks aufaddierte, klang sie zuletzt eher nach klassischem Deutschpop mit Band. Nun aber hat sie Trap-Beats unter elektrische Flächen gelegt und singt darauf ihre skeptischen Songtexte. Zwar benutzt sie nicht das trappige Autotune, mit dem man die Stimme umstandslos in das Soundbett einebnet, dennoch wirkt die ganze neue Platte „Liebe 404“ angesichts hoch-eomotionaler Texte, auf verstörende Weise eintönig. Um so merkwürdiger, dass Fesers Themen Optimierungswahn, Konformismus und mangelnder Individualismus sind: „Wir wollen höher, schneller, weiter / Wir wollen immer mehr / Mehr Geld, mehr Zeit, mehr Klicks, mehr Likes / Dem großen Traum hinterher / Wollen höher auf der Leiter / Bis wir den Himmel berühr’n / Das Gewicht unsrer Körper / Zwischen den Sternen verlier’n.“, heißt es im Titelsong. Aber gleichzeitig wirkt die Musik kon- und uniform. Ich bin mir nicht sicher, wie das zusammen passen soll. 

Bildschirmfoto 2022-02-18 um 12.27.32Jemand anders ist sich sicher: Seven. Sein neues Album heißt jedenfalls „ICH BIN MIR SICHER“ - und zwar in Großbuchstaben. Überhaupt ist das Album eine Art Durchhalteparole, als wären alle Lyrics in Großbuchstaben und mit vier Ausrufezeichen nach jeder Zeile gedichtet: „Das geht an jeden hier, ich will, dass ihr's alle wisst / Ich bin hier und du wo immer du auch bist / Verlier den Glauben nicht, ich vertrau auf dich / Ich bin hier und du wo immer du auch bist.“ - stilistisch befinden wir uns, zumindest nominell, auf dem Gebiet des Soul. Bildschirmfoto 2022-02-18 um 12.25.55Aber auch der Popentwurf von dem schweizer Sänger hat beim Umschwenken auf die deutsche Sprache ein wenig Schaden genommen, und aus dem zwar etwas seichten aber doch recht smoothen R & B ist ein etwas indifferenter Empowerment-Popsoul geworden. Aber ach, es ist auch völlig okay, das kann man schon machen.

Was man nicht machen kann oder zumindest nicht sollte, ist „Hotel California“ ins Deutsche übersetzen. Das Schlagerduo „Fantasy“ hat es doch gemacht, für ihre CD „Die Lieder unseres Lebens“, und ich bitte hiermit darum, diese Version unverzüglich zu verbieten: „Willkommen im Hotel California / Hier werden Träume wahr / Die Welt ist wunderbar / Die Sonne scheint immer im Hotel California / Und wer hier einmal war / Der kommt jedes Jahr“ - das ist nun wirklich der letzte Widersinn, das exakte Gegenteil dessen, was eigentlich in dem Lied gesungen wird. Strophe drei dann aber verstösst wirklich gegen alle Sitten - wenn man ein Bild im Museum bekritzelt, wird das doch auch bestraft: „Wir bestellten zwei Cola und blieben noch etwas da / Und dann sahen wir uns den Laden an, wie er wirklich war / Die Tapeten so billig, wie die Mädchen an der Bar / Und wir sagten zu dem Ober mit dem geschniegelten Haar / Dass ihr unter euch seid, ist ja eigentlich gut / Stecken Sie sich ihr Hotel doch heute einfach mal an den Hut / Dieser graue Betonklotz, verschandelt nur diesen Strand / Wir Bildschirmfoto 2022-02-18 um 12.26.34brauchen doch zum Schlafen nur ein Bett weißem Sand.“ - das singen die wirklich. Mir fehlen die Worte.

„Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“, ist vielleicht etwas für NDW-Nerds, aber „Bruttosozialprodukt“  kennen vermutlich die meisten. Nun wird seitens der Band, die dieses Lied spielt, wieder in die Hände gespuckt: „Geier Sturzflug“ sind wieder da. Und zwar mit Cannabis-positivem, deutschsprachigem Ska - tja warum auch nicht: „Jede Generation hat ihren eignen Mist und glaubt, dass ihrer der Bessere ist / aber wir brauchen uns nicht zu verstecken: Die alte Bürste kennt die Ecken.“ - was immer das bedeuten mag. Jedenfalls feierte die Band auch gerade erst ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum, und wer schon immer wissen wollte, wie IXI, Fräulein Menke oder Paso Doble heute aussehen, der schaue sich die Sturzflug-Webseite an, wo diese und andere NDW-Stars gratulieren. Das neue Album heißt „in der großem Tradition der kleinen Haushaltswaren“, und gegen ein Album, das so heißt, kann man schwerlich was sagen.

Links: < Website Alexa Feser > /// https://sevenmusic.de /// < Website Fantasy > /// 40 Jahre Geier Sturzflug


Irgendwie, irgendwo, irgendwann

- Ohren auf Deutschpop werfen, Folge 20

Lea. Wer ist denn das noch mal? Auf ihrer Website sagt sie uns: „Ich bin Lea. Ich mache Musik. Schön, dass Du da bist.“ - das finde ich schon mal sympathisch. Lea singt auf ihrem aktuellen Album „Fluss“ über Verletzlichkeit der Liebe, über „Küsse wie Gift“, eine „4-Zimmer-Wohnung“ und „dicke Socken“. Viele der erwähnten Dinge und Topoi stehen hier einerseits für sich, und gleichzeitig sind sie Chiffren, Allegorien für zwischenmenschliche Zustände - der „Swimmingpool“ symbolisiert Unbeschwertheit, die Möglichkeit, eigene LeaVerkrampfungen zu lösen, „Parfum“ markiert die Unbegreiflichkeiten einer interessanten Person, und für ein anderes Du geht Lea durch jedes „Gewitter“. Durch den Hagel an Zweideutigkeiten wirken die Songtexte im Ganzen eines Albums fast schon hermetisch. Damit meine ich, dass in der doch sehr eigenen und eigenartigen Poesie die Lieder auf ihre Art persönlich und nahezu intim wirken, ohne dass ich mich aufgerufen fühle, sie als Hörer auf mich zu beziehen. Das ist aber keineswegs negativ gemeint. Die Songtexte haben in der Summe die Charakeristika einer Kunstsprache, bei der es Spass macht, in sie einzutauchen: „Fahrradklingel klau′n / Du fährst los, ich spring auf / Presslufthammer im Regen / Lachen um unser Leben“ - heißt es zum Beispiel in dem schönsten Track des Albums „L & A“, ein Duett mit Antje Schomaker. Die Musik auf dieser Platte ist freilich ein wenig eintönig geraten - oder vielmehr, sie kann mit der Eigenwilligkeit der gesungenen Texte nicht mithalten: Trap-Anleihen, etwas referenzloser Synthiepop und Piano-Arpeggio-Balladen halten sich die Waage - die Fülle und gleichzeitige Zurückhaltung von Leas Stimme, von ihrer Art zu singen, findet hier nicht immer das Sound-Bett das mit oder dagegen liefe. Dennoch ist „Fluss“ in der Summe eine absolut gelungene Platte - vor allem aufgrund der Texte.

„Vier“ heißt das neue Album von Max Giesinger, es ist auch sein Viertes („Fluss“ von Lea ist im Übrigen auch deren vierte Platte). Giesinger macht im Grunde Popmusik für Menschen, die nicht gerade sensibel darin sind, ihre eigenen Unzulänglichkeiten und Probleme zu erkennen. Daher muss diese Musik, um überhaupt emotional sein zu können, erst einmal Fehler im an sich fehlerlosen Selbstoptimierungszeitalter benennen, um diese wieder weg zu singen. Zum Beispiel Prokastination. Im Opener „irgendwann ist jetzt“ besingt Max Giesinger also das Aufschieben von Dingen: Eltern besuchen, Maxauf Land ziehen, Handy ins Meer werfen - und so weiter. Vieles will das hier singende Ich irgendwann anpacken, um sich dann selber dadurch zu motivieren, dass dieses Irgendwann irgendwann auch eintreten solle: „Ich will nicht länger warten, bis was passiert / Hab’ hundertzwanzig Fragen, bin scheiß verwirrt / Doch ich fang' endlich an zu glauben, dass alles, was ich brauche / Schon immer in mir steckt, irgendwann ist jetzt / Irgendwann ist jetzt.“ Wo Lea wie beschrieben durch Andeutungen, Codes und Allegorien irgendwann eine Kunstsprache herauf beschwört, genügt sich diese Sprache darin, banalen Alltag auf einer Weise zu beschreiben, dass auch banale Mittel reichen sollten, um die angeblichen Probleme zu lösen; Probleme, die man aber eigentlich auch schon wieder vergessen hat, wenn sie gelöst sind. Fataler Weise ist die Aussage, „Irgendwann ist jetzt“ ja verkehrt rum, denn die Hoffnung ruht ja darauf, dass jetzt endlich besagtes Irgendwann ist - und eben nicht umgekehrt. „Irgendwo da draussen“ ist im gewissen Sinne das gleiche Lied - das Aufraffen wird hier eben nicht zeitlich ins Irgendwann geschoben - sondern örtlich ins Irgendwo: „Irgendwo da draußen in einer andren Stadt / Gibt’s noch ein andres Leben, das ich hier jеtzt grad verpass’ / Würd alles einmal tauschеn, alles was ich hab’ / Denn irgendwo da draußen, da liegst du jetzt grade wach“, und noch zwei Lieder später stehen „Berge“ dem Aufraffen entgegen, die dann, Spoiler-Alert, im Refrain doch erklommen werden: „Ich zieh' los in die Berge, bis ich klarer seh’ / Kletter’ rauf auf die Gipfel, bis mir ein Licht aufgeht.“ - an diesen Zeilen haben sieben männliche Song-Texter herum geschraubt - warum haben die nicht mal alle Lyrics hintereinander weg gelesen oder eine Lektor:in engagiert? Diese Platte handelt derart monothematisch vom „einfach mal machen“, von besagtem Aufraffen - das hätte doch jemandem auffallen müssen. Und dann dieser bestürzend einfallslose Pop-Sound - immer nur Basslauf, Gitarrenlicks, Synthietupfer und die immer gleichen Melodie-Ideen. Man hat das alles schon vergessen, bevor es Eingängigkeit entfaltet.


Der Schalk im Nacken des Vergessens

Neue Platten von Maite und Michael-Patrick Kelly

Die Geschwister Maite und Michael-Patrick, einst Mitglied der in den 90ern absurd erfolgreichen Kelly-Family, veröffentlichen heute beide neue Alben. Zwischen diesen Platten zieht sich ein Panoptikum auf, das auf eine gewisse Weise exemplarisch für die deutsche Poplandschaft als solche angesehen werden kann.  Während Michael-Patrick Kelly auf seiner Platte „B.O.A.T.S“ einen sphärischen Folk-Rock sucht und ihn in Form eines kitschigen Well-Made-Pops findet, Maitehat Maite Kelly das Identitäts-Angebot des Schlagers angenommen und präsentiert auf ihrem Album „Hello“ klassischen Helene-Fischer-Franchise. Zwar sind die beiden Kelly-Platten vom Stil also höchst unterschiedlich, dennoch stehen beide für eine Pop-Spielart, die so nur in Deutschland möglich beziehungsweise erfolgreich ist: Beide segeln im Schlager-Fahrwasser, weil sie Hedonismus mit äusserst unhedonistischen Mitteln predigen.

Das ist per se natürlich nicht verwerflich sondern ein völlig legitimes Mittel, um sich der heutigen, mehr als unübersichtlichen Welt zu nähern, beziehungsweise um akustische Angebote der Ablenkung anzubieten. Was beiden Platten aber abgeht, ist das Augenzwinkern hinter den Popentwürfen, der Schalk im Nacken des Vergessens aller Schwierigkeiten. (Wie das funktioniert, dazu muss man sich unter den heutigen Neuerscheinungen nur einmal eine Platte weiter klicken - in die Guest-Edition von Kylie Minogues letzter Platte „DISCO“: Der hier zelebrierte Sound wird mit derartig ironischer Leidenschaft am Rande der Perfektion vorgetragen, dass es eine Freude ist.) Aber offenbar möchten anders als ich die meisten Pophörer:innen diese campe Durchlässigkeit nicht hören, sondern statt dessen eben die Illusion authentischer Emotion.

Irgendwie kommt mir das abwegig vor, aber dann hört man Maite Kelly diese Strophe des Songs „So lange Sehnsucht in mir lebt“ singen: „Ich leb’ im Schatten der Routine, und man sieht es mir nicht an. Ich lenk’ mich nur ab, Paddykämpf mich durch den Tag, denn irgendwann komme ich an.“ - und dann denkt man: Vielleicht ist das tatsächlich ihre Lebenssicht, vielleicht zeigt sich in solchen Zeilen der Versuch einer tiefschürfenden Klarheit und echten Authentizität. „Für Gefühle kann man nichts, zwischen Wahrheit oder Pflicht“, singt Maite an anderer Stelle, und das lässt mich dann denken, dass ironische Brechung hier einerseits völlig fehl am Platz wäre, andererseits aber vielleicht durchaus Teil dieser Popmusik ist, und ich sie nur nicht höre, weil sie anders verbaut wird, als Kylie Minogue das macht. Auch Zeilen wie „You tell me you're okay / But your voice don't match the words you said“ aus Patrick Kellys Song „blurred eyes“ hat nicht die Doppelbödigkeit, die ich an Popsongs liebe, aber was für mich versatzstückhaft klingt, kann man durchaus auch als gradlinige Ehrlichkeit lesen.

Man kann es nicht aufklären, denn es geht hier um Geschmack, klar. Aber man kann durchaus mit offenen Ohren zur Kenntnis nehmen, dass die beiläufige Relativierung des eigenen Popentwurfs nicht das Mass aller Dinge sein muss. In dem Schlager einer Maite Kelly oder dem Folk Pop ihres Bruders steck irrsinnig viel Pathos und Kitsch. Aber irgendwo kommt der her. Und hat seine Berechtigung, auch wenn das nicht gefällt.

nota bene: Maite Kellys Platte ist schon im März erschienen. Heute neu ist eine Bonus-Edition dieses Albums.


Mobilität und Unvernunftsappelle

Der Popticker bricht das Tabu und bespricht bereits jetzt das neue Album von Helene Fischer

Das in knapp drei Wochen erscheinende Album von Helene Fischer wird „Rausch“ heißen - und als Rausch ist es auch angelegt: 24 Songs bietet das neue Popschlager-Flaggschiff aus dem Hause Fischer, und es sucht also seine Strategie auch in der emotionalen Überwältigung durch schiere Masse. Die Song-Titel sind schon bekannt gegeben, und es ist wohl nicht zynisch, wenn man formuliert: Thematisch hat sich nicht viel getan: „Volle Kraft voraus“, „Null auf 100“,  „Engel ohne Flügel“, „Liebe ist ein Tanz“ „Wann wachen wir auf?“ , „Blitz“, „Luftballon“, „Jetzt oder nie“; „Zeit“ - so heißen die Lieder. Die üblichen Topoi also: Mobilität, Unvernunftsappelle, Diskrepanzen zwischen objektiver und subjektiver Zeit, Himmels-Allegorien und radikale Liebe sind die Themen, aus denen sich der Schlager zusammen setzt, und der sich mit den Mitteln des Pop, die keine so beherrscht wie Fischer, vermarkten lässt. Auch für die musikalische Grenzüberschreitung ist gesorgt, wenn Helene in den Latinopop rein schnuppert und mit Luis „Despacito“ Fonsi „Vamos a marte“ trällert. Auch auf Spanisch wird also das Weltall bereist, Luis und Helene wollen gemeinsam zu Mars marschieren - das Wandern ist des Fischers Lust.

RauschDie Konsequenz, mit der hier funktionale Rezepte durch dekliniert und angewandt werden, ist von von stoischer Präzision - das kann man jetzt schon sagen, wo erst zwei der 24 Songs bekannt sind. Stets ist die Rede von Bewegung, Entgrenzung und eben Rausch, nie kommen musikalische Mittel der Bewegung, Entgrenzung  oder des Rausches zur Anwendung - der Fischersche Schlagerpop definiert sich so durch eine gigantische Maschinerie des rasenden Stillstands. Das hört man der Musik auf der neuen Platte quasi schon an, ohne sie hören zu können - Musik jenseitig der Musik also, und somit ist dies mithin eine Form des Triumphes der Popkultur über ihr häufigstes Genre, der Musik. „Was für ein brillanter Schachzug!“, könnte man konstatieren, ein Werk ohne Werk gar, das freilich den Status des Werkes aufgibt, wenn es erscheint. Was für ein Interruptus es doch wäre, wenn Fischer nun diesen „Rausch“ - sagen wir: aus künstlerischen Gründen - zurück zöge. Und es blieben der Welt von diesem Doppelalbum nur die beiden Lieder mit der gekoppelten Aussage: Lass uns mit voller Kraft voraus zum  Mars gehen. Herrlich.

Aber dazu wird es natürlich nicht kommen - mit Erbarmungsloser Entschlossenheit wird am 15. Oktober „Rausch“ erscheinen und sein wundervoll potentielles Nichterscheinen negieren - das gehört nun mal zum Pop dazu, und wir haben es ja nicht mit Konzeptkunst zu tun, oder vielmehr zumindest mit keiner, bei der das Konzept im Vordergrund steht, weil das Werk hinter ihm zurück steht. Die Fans werden überwältigt sein, die, die, damit nichts anfangen können, werden sich verwundert die Augen reiben und auf den so sicher wie das Amen in der Kirche kommenden Ohrwurm schimpfen, („Warum muss ich das kennen? AAAAH!“) - und Helene Fischer wird in die postpandemischen Arenen Deutschlands fliegen und Celine Dion covern - wenn einem also Gutes widerfährt, das ist schon einen „Asbach Uralt“ wert.


Verschiebung

Max

Ohren auf Deutschpop werfen- Folge 18 /// Max Mutzke ist doch eigentlich stimmlich in der Lage, Soul, Blues und Jazz zu singen - ich komme nicht dahinter, warum er auf seinem neuen Album „wunschlos süchtig“ einem Deutschpop-Sound hinterher läuft, der ihm nichts abverlangt. Die Platte klingt einheitlich weg produziert, man spürt nicht mal eine Band, nix Erdiges - und auch die Texte strotzen nicht gerade vor Einfallsreichtum: „einfach machen, Tag planen, sich zurück Maffaylassen, vermissen, was abmachen, eine Nachricht lesen, gleich zurück schreiben, dich abholen, in deine Arme treiben, Wärme fühlen, keine Spiele spielen - weil wir glücklich sind, weil wir wunschlos süchtig sind“ - ja, das ist schon ganz in Ordnung geschrieben, eingefangen, dass für viele Menschen eine gewisse Lockerheit erreichbar wäre, aber es ist schon auch wieder umgekehrt dieser deutschpoppige Suche nach Unzufriedenheit, eine Suche nach Ungeduld, die auf der anderen Seite dann auch weggedudelt wird. Max Mutzke kann mehr. /// Wer also was Erdiges sucht, der könnte bei Peter Maffay fündig werden - sein neues Album „so weit“  ruht in sich, muss niemandem etwas beweisen und ist ein Blues-Album mit Schlagertexten: „Ein Leben läuft nie wie geplant und nicht nur geradeaus / OttMal läuft es rund und manchmal fliegt man aus der Kurve raus / Mal ist ein Weg gesperrt, mal endet er im Nirgendwo / Mal hat man freie Fahrt und manchmal sieht man nur noch Rot“ - man kann das natürlich blöd finden, fair enough, aber ich sag euch mal was: Mir gefällt das. /// Dass der Schlager ein deutlich offeneres Gesellschaftsbild herauf beschwört, als der klassische Deutschpop sich das traut, ist uns in diesem Blog schon öfter aufgefallen - bestes Beispiel: Die offen lesbische Kerstin Ott. Ihr neues Album „nachts sind alle Katzen grau“ knüpft an dem Konzept eines queeren Schlagers an: „Der Lehrer unter seinem Anzug / Versteckt der Tag seine Tattoos / Die Ärztin hat heut was genommen / Was sie sonst verschreiben muss / Sie tauchen einfach in die Menge / Und die Boxen legen los!“- gut dass es das gibt, hören muss ich es nicht. /// MarkMark Forster hat tatsächlich seinen Sound entschlackt, kaum Pomp, fast minimal klingt sein aktuelles Album „Musketiere“ an der ein oder anderen Stelle, und dann wird es scheuer Blues, Gospel fast - richtig gut ist der Song „Leichtsinn“, der er mit dem Produzententeam Kitschkrieg geschrieben und produziert hat. Hier verschiebt Piano eine in sich gestockte Hammond auf einen Beat rüber - und dann reimt er auch noch fern von Versatzstücken: „Ich hat mal sowas wie Flugangst, doch das verflog dann, als du kamst.“ - diese Zeile hört sich an wie Strophe und wird dann aber als Refrain wiederholt. In diesem reduziertem, sich stets lyrisch wie musikalisch verschiebenden Song zeigt sich großer, eindrücklicher Pop. Überhaupt ist das ein Album von überraschend erhabener Popklarheit.