Pop aus aller Damen Länder

Fluffige Welt

Wunderbare Musik von Tania Saleh aus dem Libanon

 

Die gleichsam sehr persönliche wie auch höchst politische Musik der libanesischen Sängerin Tania Saleh ist für mich die erste hinreissende Pop-Entdeckung in diesem Jahr - ihr vor zwei Wochen erschienenes Album „10 A.D.“ höre ich derzeit beim Kochen und Entspannen. Der Titel steht hier im Übrigen nicht für „anno domini“, oder zumindest nicht nur, sondern für „after divorce“ - die Platte Slehfeiert sozusagen ihren Scheidungs-Geburtstag. Auf Deutschlandfunkkultur sagte Tania Saleh dazu letzte Woche: „Ich wollte über mein Leben in diesem Land als geschiedene Ehefrau sprechen.“ Gleichzeitig eben ist der Titel mit seinem Verweis ins Altertum Teil ihrer Mission: „Mittelalterlich mutet es an, dass im Libanon nach wie vor religiöse Gerichte und die Scharia-Gesetzgebung über Heirat, Scheidung, Unterhalt oder Sorgerecht urteilen.“ - die Wut und Verzweiflung, die Saleh in Musik giesst, merkt man den Liedern zunächst einmal nicht an, man muss sie sich, wenn man kein Arabisch spricht, anlesen oder eben im Radio dazu-hören, denn ihre Musik klingt an sich versöhnlich. Doch natürlich schlummert genau in diesem scheinbaren Widerspruch ihr Reiz: Klavierballaden, ziehen sich in arabischen Harmonien mit chanson-haften Streichern, jazzigen Upbeats und getragenem Gesang in die Breite, Synthies, Oud und Bläser verorten die Lieder in der Welt, in der Schönheit. Tania Saleh kann beiläufig wie im Pop singen, Pathos wie im französischen Chanson erzeugen, sie findet zu spoken-word performances auf fluffigen Rhytmen, und urplötzlich kann sie auch rappen und schichtet ein E-Gitarrensolo auf leise Lieder. Ich komme nicht von dem Begriff, der Weltmusik los, den viele inzwischen ablehnen, aber wenn man Welt in der Popmusik hat, trifft er doch zu. Jenseits dieser Frage ist „10 A.D.“ eine famose Platte.


Songs zum Sonntag

Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.38heute aus Norwegen /// 170722 /// a-ha / I’m in /// Seit einer Doku über die Band „a-ha“ wissen wir, dass die drei Norweger mitnichten drei enge Freunde sind, sondern für ihre Existenz als Band über Missgunst, Skepsis und Genervtheiten hinweg kämpfen müssen. Einmal haben sie sich auch schon aufgelöst und dann wieder zusammen gerauft. Nun erscheint Ende des Jahres eine neues Album, „True North“, und die erste Single ist soeben erschienen Sie heißt „I’m in“ und ist ein klassischer a-ha-Song: orchestraler Pathos, Harkets Falsett-Gesang und getragene Melodie - Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.19immer ganz nah zu Kitsch und Bombast bekommen sie auch hier wieder die Kurve zu nonchalantem Pop. So treu sie sich da also bleiben - brauchen tut man das nicht, aber dass sie das, was sie können, immer noch können, ist schon auch toll. /// Ka2 & Gabrielle / i natt /// Bleiben wir doch einfach mal in Norwegen: „Ka2“ spielen einen herrlichen Synthiepop mit sommerlichem easy-listening, ablenkend gut gelaunt und fluffig. Ihre neue Single mit der ebenfalls norwegischen Sängerin „Gabrielle“ ist in meinem iPhone schon zum Sommerhit geworden: Uptempo-Mittwipp-Beat, flächige Synths und herrliches Norwegisch, das ich so gerne höre - nordischer kann ein Song kaum in die Sonne passen. /// Links /// a-ha / I'm in (video) /// Ka2 & Gabrielle / i natt (audio) ///


Kollektive Gefühls-Felder

"Man votet nicht politisch.", sagt der ehemalige Popbeautragte der Bundesregierung, Dietmar Poppeling über den ESC 2022 - unser alljährlicher Eurovision-Talk diesmal mit hübschen Fotos von tollen Verpackungsmaschinen 67611ea3.600x400

POPTICKER Herr Poppeling, wie hat Ihnen der ESC vorgestern gefallen?

POPPELING Gut.

Prima. Dann bis nächstes Jahr.

Musikalisch gut. Vom Visuellen her, nun ja, ein gewisser Overkill, und die Show mitsamt den Moderator:innen so mittel.

Der Mythos, der ESC sei unpolitisch ist, so die allgemeine Einschätzung, ziemlich ins Wanken geraten.

Das ist auch sicherlich nicht völlig verkehrt, aber man muss trotzdem differenzieren, denn die Menschen voten nicht politisch - sie voten in allererster Linie emotional. Dass aus der Entscheidung dann als eine politische Botschaft gelesen wird, wie jetzt mit dem Sieg der Ukraine, ist natürlich dennoch nicht totaler Blödsinn. Der ukrainische Beitrag aber hat es vermocht, die emotionale Konstellation der Solidarität mit einem angegriffenen, im Krieg befindlichen Land aufzunehmen und zu bündeln. Das kann Musik eben. Insofern ist der Sieg des „Kalush Orchestra“ durchaus mit musikalischen Mittel erreicht worden. Das darf man auf keinen Fall klein reden.

Wie gefällt Ihnen der Song „Stefania“ denn persönlich?

Ich kann damit ehrlicher Weise nicht so viel anfangen. Die Hook, die der Chor singt, ist enorm catchy, und  vermag wie gesagt in wenigen Zeilen und Tönen die Geschundenheit aber auch den Stolz des ganzen Landes einzufangen, der Rap ist toll, die Flöte erinnert man auch sofort, und allein dass ein Beitrag ohne eine einzige englische Zeile den ESC gewinnt, finde ich erst einmal prima. Aber persönlich, nein, gefällt mir der Song nicht. Aber ich sehe sofort ein, dass Millionen von Zuschauerinnen das anders sehen.

Mit ihrer These der emotionalen Entscheidung von eben diesen Millionen, die den Sing gewählt haben, lässt sich auch erklären, warum die Jurys der Ukraine deutlich weniger Punkte gegeben haben. Weil die Jurys eben NICHT emotional wählen?

89-1000-1Diese These, werter Herr Gieselmann, ist natürlich Unfug.

Und warum, Herr Poppeling?

Die Jurys voten nicht unemotional - sondern in anderer emotionaler Konstellation; und kommen daher zu anderen Entscheidungen. Allein schon, weil sie nicht die Show sehen - sondern ihre Entscheidung nach einer Probe fällen, wirft sie eher auf sich zurück, als auf bestimmte kollektive Gefühls-Felder -

Oho!

- Gefühls-Felder von Mehrheiten. Der Effekt, das sich ein Raum auf etwas einigt, allein WEIL man in einem Raum ist, und wenn ebendies sich aus der ESC-Halle  mitsendet und dann viele für die Ukraine anrufen, davon ist die Jury, davon sind die Jurys nicht beeinflusst. Aber sie gehen vielleicht schlecht gelaunt in den Tag, und dann erreicht sie ein fröhlicher Titel mehr als eine Liebes-Ballade. Daher sind die Jury-Votes mitnichten professioneller als die der Publika - im Gegenteil, sie sind um Weiten privater.

Nicht zum ersten Mal wurde Kritik laut, nachdem aus jedem Land egal ob von Jury oder TV-Publikum Punkte nur an zehn Länder gehen. Platz 11 bis Platz 25 aus jedem Land bekommen die gleiche Punktzahl - nämlich Null. Auch Peter Urban hat in dieses Horn gestossen; nicht zuletzt, weil Deutschland wieder mal Letzter wurde: „Du kannst 40 Mal im guten Mittelfeld landen und hast immer noch keine Punkte. Insofern ist dieses System ungerecht, das prangern wir schon länger an.“

Holz-verpackung-posch-packfix-967x725Urban sagt auch (Link < HIER >), dass jeder Beitrag Punkte bekommen sollte, und ja, ich finde schon, dass das dann gerechter würde, da hat er Recht. Aber man müsste sich dann eben davon verabschieden, dass die Höchstpunktzahl 12 ist. Mit dem „Our twelve points go to … SWEDEN“ wäre es dann vorbei. Und diese 12-Punkte-Tradition abzuschaffen, das wäre ein Tabubruch. Ich fände das auch grauenhaft, aber es wäre vermutlich eine Punktereform, die den Wettbewerb gerechter und als besser machen würde, und spätestens im dritten Jahr davon, dass jeder Beitrag sagen wir 2 bis 50 Punkte bekäme, hätte man die 12 Points vergessen.

Dann hätte Deutschland auch ein paar Punkte mehr.

Gewiss, aber darum sollte es nun nicht gehen - wenngleich auch ich finde, dass unser Beitrag in diesem Jahr besser war als sein Ruf; aber was willste machen.

Welcher Beitrag hat Ihnen denn am Besten gefallen?

Ganz klar „De Diepte“ aus Holland, eine klassische, unheimlich tolle ESC-Ballade, die sehr clever gebaut ist - ein Harmoniedurchgang für je Strophe, Bridge oder Refrain dauert genau 10 Sekunden, und diese 10-Sekunden-Module sind dramaturgisch toll arrangiert - mit seichter Steigerung zunächst und abklingendem Bombast und großer Bremse hinten raus. So muss man das machen. Toll. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich mochte die gelben Wölfe aus Norwegen, die dem Wolf eine Banane geben wollen, bevor er die Großmutter frisst. Das war herrlicher Quatsch.

Aber Sie waren das nicht? In einer finnischen Zeitung wurde gemutmasst (< HIER > der Link), Sie steckten unter einer der gelben Wolfsmasken.

Doch doch, das war ich.

Wußte ich es doch. Und wen, so frage ich jedes Jahr wieder, sollte Deutschland im nächsten Jahr zum ESC schicken?

Wilhelmine.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Aus dem Zeitgeist gefallen, denn der hat enttäuscht

„auf Sand gebaut“ - so toll kann Deutschpop sein

Mit Florian Paul und seiner Kapelle der letzten Hoffnung“ haben wir uns hier schon einmal zweimal beschäftigt - namentlich mit den Singles „Zeitgeist“ ( < hier >  ) und „Heile Welt“ ( < hier > ) - heute nun erscheint von dieser großartigen Band das zweite 88314318-86d2-544c-90a7-720fb3232d1bAlbum „auf Sand gebaut“ - und es ist wunderbar geworden; mutmasslich die beste Platte mit deutschsprachiger Popmusik mindestens dieses Jahres: Der Orchesterpop mit Vaudeville-Bläsern, Balkanbeats, Zirkus-Pathos, Gypsy-Gitarren, plötzlichen Trompeten-Soli und überhaupt Jazz-Verve trägt auch über Albumlänge, ja, dann wird eine Welt draus, in die man eintauchen, in die man verreisen, zu der man kochen und so manches vorletztes Glas trinken möchte - getreu dem Motto „Erst wenn die letzte Schlacht wirklich verloren ist, dann macht das Leben wieder Spass.“ - diese Musik versetzt Dich in ein Stück von Brecht mit Musik von Eisler, und im nächsten Moment bestellst Du noch einen Schnaps ... stehst aber einsam in Deiner Küche.

Auch stille Stücke kann diese Kapelle der letzten Hoffnung: „Schatten“ ist eine stetig crescendierende Ballade am Morgen, vielleicht, nach einem One-Night-Stand, Champerpop, der sich mit immer mehr Instrumenten gegen den Kitsch auflehnt - und auch hier Zeilen, die man so noch nicht gehört hat: „Schau mich nur einmal so an, als ob da niemand mehr hinter mir steht, als ob da niemand mehr vor Dir geht, der einen Schatten wirft … auf uns.“  Die Stimme von Florian Paul, der auch die Lieder schreibt, trägt dabei mit tremolofernem Pathos durch die Kneipe, ohne sich der Versuchung des trunkenen Schmetterns hinzugeben, und hinter aller melancholischer Skepsis bleibt eine Spur Klarheit und Vernunft, hinter jeder Ecke des Weltuntergangs schaut man auf eine unklare letzte Hoffnung - der Name ist Programm. 

Diese Musik ist auf herrliche Weise aus der Zeit gefallen und passt genau deswegen in die Zeit.

Link: < Website > von Florian Paul und der Kapelle


Viele As

Camila Cabello und ihr neues Lied „Bam Bam“

Der Refrain des ersten Solohits der Kubanerin Camila Cabello ging so: „Havana, ouh nana“. Der Chorus ihres neuen Songs lautet nun: „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam.“ - man könnte also leicht konstatieren: Latino-Riff und -beats und ein Refrain mit vielen „A“s - fertig ist die Laube - respektive ein Camila Cabello-Song. Und natürlich stehen diese Lieder für bestürzende Banalität und Bildschirmfoto 2022-03-18 um 23.00.28sind gleichzeitig Zeugnis einer postdepressiven Musikindustrie, die im Streaming endlich die Antwort auf die Raubkopie als solche gefunden hat. Aber man darf es sich auch nicht zu einfach machen. Wenn in dem Song „Bam Bam“ in der zweiten Strophe plötzlich Ed Sheeran seinen Popentwurf über den Latinosong stülpt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir es hier mit einem globalisierten Naivitätskonzept zu tun haben, eigentlich dem besten Pop der Welt, eine Ablenkung von allem, die Einbildung, wir könnten es letztlich mit einer Welt zu tun haben, die ohne nennenswerte Probleme dahin grooved. Das ist dann in der Tat auch die Botschaft des Songtextes: Lass dich nicht von Kleinigkeiten unterkriegen, „Lebbe geht weider“ - würde der Hesse sagen, und Camila Cabello sagt halt: „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam“. Das mag in Zeiten von Corona und Krieg auch eine Ohrfeige sein, aber die Unverfrorenheit, mit der die nass gewordene Cabello dann halbnackt durch einen Waschsalon tanzt und „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam“ singt, hat auch etwas Tröstendes. Wie man es dreht und wendet: Beknackter und besser kann Popmusik kaum sein.


/// Songs zum Sonntag /// 060222 ///

Bildschirmfoto 2022-02-06 um 12.44.57/// Blubbernde Percussion, französische Strophe, englischer Refrain, geschichtete Chöre und lakonischer Gesang - in zwei Minuten und 20 Sekunden skizziert die in Montreal lebende Dominique Fils-Aimé mit ihrem neuen Song „go get it“ einen weltpoppigen Chanson mit entspannter Virtuosität. Diese Musik gibt nichts vor sondern ist nur das, was sie sie ist - wunderschön. Bildschirmfoto 2022-02-06 um 12.45.11/// Auch Fishbachs Musik könnte man noch Chanson nennen, aber es steckt mehr Pop-Inszenierung und vor allem 80er-Synthie-Wave drin. Ihr neuer Song „Masque D’Or“ , schon der dritte eines mutmasslich zweiten Albums, klingt, als wären Human League ins Paris von heute gezogen. Oder wie die frühen Spandau Ballet. In der Summe ist das sehr selbstverständlich und gleichzeitig ziemlich merkwürdig.
/// Der zerfallende Song „intouchable et immortel“ von Fanny Bloom, ebenfalls aus Montréal, kommt in seinen seichten Piano-Tupfern zunächst weniger seltsam daher, schwingt sich aber mit orchestraler Untermalung und jazzigen Trompetensolo auch in andere Sphären Bildschirmfoto 2022-02-06 um 12.45.27als Pop oder Chanson alleine. Das Album, von dem der Song stammt, „Rêve encore“, ist ebenso vielseitig und bringt Elektropop mit Jazz, Chanson, Indierock und Synthiepop in Einklang. /// Alle drei genannten Sänger:innen sind auf Bandcamp präsent, eine Streaming- aber vor allem Shop-Plattform für 
Indie-Künstler:innen  - sehr empfehlenswert, sich dort mal ein wenig umzusehen. Hier die drei Links für heute: /// < Dominique Fils-Aimé > /// < Fishbach > /// < Fanny Bloom > ///


Unter Beat verkauft

Robin Schulz ist kein Musiker

Derzeit auf Platz 6 der offiziellen deutschen Single-Charts ist der Song „Alane“ von Robin Schulz und Wes. Dieses Lied war bereits 1997 in den Hitparaden: Der französische Musiker und Produzent Michael Sanchez und der kamerunische Sänger Wes Madiku hatten sich unter dem Namen „Wes“ Bildschirmfoto 2020-08-26 um 12.01.59zusammen getan und aus Synthiepop und Weltmusik einen chartkompatiblen Sound diffundiert, der in „Alane“ zum Ohrwurm und Hit wurde. Schon Ende der 90er wurde das Hörerlebnis aber irgendwie durch einen bitteren Beigeschmack betrübt - zumindest mir ging es so. Lieber hätte man genauer gehört, was Wes Madiku ohne europäische Soundscapes singt. Die Kombination aus Eurodance und fanfarisch-euphorischer Melodie schien irgendwie gelogen, und das Video unterstrich zudem die leicht esoterische Tendenz in dem Weltpopentwurf. Wes-Kollege Michael Sanchez hatte schon mit seiner Band „Deep Forest“ Klangteppiche mit ethno-haften Fieldrecordings und Samples gewürzt und so einen unangenehm aneignenden Ambientpop erschaffen. Und trotz all dem war „Alane" zu geniessen, weil Madiku ein wirklich toller Sänger ist.

Der deutsche DJ und Produzent Robin Schulz hat nun 23 Jahre später nicht anderes getan, als etwas, das schon einmal geklappt hat, in einen nicht einmal all zu originellen Remix zu giessen - eigentlich ist es nocht einmal ein Remix, es ist eine Unterbeatung, das ist Robin Schulz' Rezept, und er hat auch kein Anderes: Für die, die es schon kennen, funktioniert es wieder, und für die, die es nicht kennen, funktioniert es zum ersten Mal. Seine Entscheidung, dieses Lied unter seinem eigenen Namen noch einmal zu veröffentlichen, ist die Entscheidung eines Kurators von Playlisten, der auch einen Drumcomputer besitzt. Er eignet sich etwas an, das ohnehin schon ein aneignendes Geschmäckle hatte - heraus kommt ein ekelhaftes Machwerk aus rein ökonomischen Interessen; und der endgütige Beweis, dass Robin Schulz nicht den Beruf eines Musikers ausübt. Das einzig Positive an der Wiederveröffentlichung ist, dass auch Wes Madiku davon profitiert: Er hat seine Parts noch einmal neu eingesungen und verdient an dem Erfolg der Unterbeatung mit.


Alben & Songs 2019

LouaDer Popticker lässt sich wie immer nicht lumpen und benennt seine liebsten Platten und Lieder dieses Jahres. Ich habe wie meistens in die Liste der für mich tollsten Songs keine aufgenommen, die sich auf eine der 10 schönsten Alben befinden, denn es versteht sich von selbst, dass mir die Lieder auf diesen Alben gut gefallen.

 

ALBEN

01 Lou-Adriane Cassidy C’est la fin du monde tous les jours <mehr>
02 Sudan Archives      Athena <mehr>
03 Lana Del Rey        Norman fucking Rockwell <mehr>
04 Divine Comedy       Office Politics
05 M                   Lettre infinie
06 Marina              Love & Fear <mehr>
07 Vampire Weekend     Father Of The Bride <mehr>
08 Herbert Grönemeyer  Tumult
09 Bruce Springsteen   Western Stars
10 Marika Hackmann     Any Human Friend

SONGS

01 Riff Cohen          Dis-Moi <video>
02 Ok.Danke.Tschüss    Vincent Van Gogh <video>
03 Bess Atwell         Swimming Pool <video>
04 Claire Laffute      Mojo <video>
05 IDER                Wu-Baby <video>
06 Your Smith          In Between Plans <video>
07 Sault               Why Why Why Why Why <audio>
08 Sean O’Hagan        Candy Clock <audio>
09 NACH                La Couleur De L'Amour <video>
10 Vanessa Paradis     Ce que le vent nous souffle <live>

 


Von Chamberpopschaum umgeben

Wenn nur noch Koch-Rezept-Allegorien helfen, muss die Musik wunderbar sein: Das Album „Athena“ von Sudan Archives

SudanArchives_Athena_410Es gibt im Songwriting einen grundlegenden Unterschied zwischen MusikerInnen, die auf der Gitarre komponieren und denen, die am Klavier Lieder schreiben. Fast immer kann man das auch hören - wer zum Beispiel an Songs von Elton John denkt, denen hört man das Piano auch dann an, wenn es in der letztendlichen Aufnahme, die man kennt, gar nicht oder zumindest nicht vordergründig zu hören ist. Nun ist „Sudan Archives“ auf den Plan des Pop getreten, und es gibt keinen Zweifel, dass das komponierende Instrument bei ihr die Geige ist. Das allein schon ist bemerkenswert, aber bei Sudan Archives kommt hinzu, dass die Geige nicht nur so gespielt und eingesetzt wird, wie man das von einer Geige gewohnt ist, denn hier legt die Violine rhythmische Pfade, wird betrommelt und geloopt, agiert melodisch gegenläufig zur Stimme, und ihr Klang wird elektronisch verfremdet - heißt mithin: „Sudan Archives“ komponiert nicht nur mit ihrem Instrument, sie legt mit ihm auch den Grundstein für Produktion und Sound ihrer Musik.

Heraus kommt dabei eben Musik, wie man sie noch nicht gehört hat, ein diffuser RnB mit polyrhythmischen Jazztupfern von Chamberpopschaum umgeben und mit Texten besungen, die von Kindheit und der Idiotie einer erwachsenen Welt erzählen, von Befreiung, Liebe und absurd auferlegten Beschränkungen - sowie Sudan Archives sich das Geigespiel selber beigebracht hat, so steht sie in der Welt, und davon erzählt ihre Musik in Form und Inhalt. Das Debüt-Album von ihr, „Athena“, ist eine der bemerkenswertesten Platten der letzten Jahre.


Weltmusikalischer Glücksfolk

So schön kann Popmusik sein: Vampire Weekend

VwfotbVampire Weekend haben auf schon auf ihren ersten drei Platten die Suche nach dem perfekten (Indie)-Popsong kultiviert - und zwar mit recht eigenwilligen Zutaten: weltbeatige Polyrhythmik, folkiges Songwriting, garagige Drumsounds, poppiges Understatement, rätselhafte Lyrics und über dem Ganzen eine intellektuelle Relaxtheit. So ist das jetzt auch wieder auf Album Nummer vier, mit einem kleinen Unterschied vielleicht: Es fehlt an der ein oder anderen Stelle der Drang, all diese Zutaten zu verdichten, es ist eine Form der Reduktion, dem Perfektionisten hin und wieder das Wort zu verbieten. Mancher Song kommt eher wie die Skizze seiner selbst daher, und so flickert das Album „father of the bride“ immer zwischen Perfektion und Zufriedenheit mit dem ersten Take. Dadurch wirkt es im Ganzen dann manchmal zwar ein wenig inkohärent, zumal es ein Doppelalbum ist, aber so lange diese Band solche Song-Perlen wie auf diesem Album findet, kann das auch egal sein.

Da gibt es das indisch gewürzte „rich man“, das winzige Lied „2021“, welches in eineinhalb Minuten ein Einwort-Ohrwurm kreiert, oder „married in a gold rush“, wo elektronischer Folk im Reggae-Tone mit Duettpartnerin Danielle Haim herauf beschwört wird. Spätestens bei dem anderen Duett mit ihr, „this life“, hier wird Afrobeat mit Rockabilly fusioniert, muss man als nörgelnder Besserwisser die Klappe halten, schlechterdings hingerissen kapitulieren und sich seufzend hingeben: So schön kann Popmusik sein.


Songs zum Sonntag /// 030219

RiffDie Israelische Sängerin Riff Cohen hat bislang mit zwei Alben einen grandiosen Weltpop erfunden, der mit arabischen Beats, drei Sprachen und französischen Melodien von zerrissener Fröhlichkeit erzählte. Die neue Single „tomber de haut“ gibt sich verhältnismäßig gradlinig chansonhaft und zurückhaltend französisch - wenig überraschend, lebt Cohen doch seit 2008 in Paris. Das Lied ist ungewöhnlich für sie, aber nicht nur weil man das so denkt, wenn man ihre bisherige Musik kennt, meint man, hier schlummert irgendwas drin, in dieser Ballade, das sich frei brechen könnte - düster und in Moll leitet sie ein, um dann indiepophaft pseudoharmonisch fast zu plätschern, und man denkt eben die ganze Zeit, jetzt passiert gleich was ganz, ganz Anderes, aber diese Schwebe hält sich in der Schwebe - das ist wirklich gross und gibt Anlass zu größten Hoffnungen bezüglich des Albums, das sich bestimmt anschliesst. /// VampireVampire Weekend haben ja auch einen weltmusikalischen Indiepop erfunden, Afrobeats zwischen Paul Simon und „feels so unnatural, Peter Gabriel too“. Nach drei Alben hat der Gitarrist die Band verlassen, und sie haben sehr lange über neuen Songs gegrübelt. So ganz verrät die neue Single „Harmony Hall“ noch nicht, wo die Reise hingeht, der letzte Melodie- und Beat-Kick fehlt mir noch, das ist ein wenig zu nah am easy-listening - kann meine Vorfreude auf das Album aber jetzt auch nicht zerstören. /// CoreyVor ein paar Tagen habe ich ein altes Album von Corey Hart aus dem Regal gezogen, „Fields Of Fire“, sowas wie eines der Lieblingsalben, die man nicht an die grosse Glocke hängt, weil man weiss, dass das peinlich sein könnte und nicht zum Distinktionsmerkmal im eigenen Musikgeschmack taugt. Schwamm drüber. Aber wie es der Zufall will hat der Sänger, der mit „sunglasses at night“ seinen grössten Hit hatte justament an dem Tag, an dem ich besagtes Album aus dem Regal zog, das erste Lied einer bald erscheinenden EP veröffentlicht: „dreaming time again“ ist etwas saftloser Country-Rock, und würde man nicht wissen, dass das Corey Hart ist, man würde es nicht erkennen. Ein Lied, das mich zwar irgendwie freut, das man aber auch wirklich nicht rasch wieder vergessen kann. Welches? /// AnnettFür Annett Louisan wiederum sind die schönsten Wege aus Holz. Aus dem Versteckspiel von Konkretion und Symbolen, dem Wechselspiel von Rätselhaftem und Klarem schlägt diese Sängerin und Texterin oder Mittexterin ihrer eigenen Lieder immer wieder lyrisch singbares Kapital, und immer wenn man denkt, jetzt wird es zu naiv oder zu zerbrechlich oder zu albern oder zu kitschig kommt noch einmal eine andere Strophe um die Ecke, und auf ähnlichem Wege funktioniert das erste Lied, wie gesagt „die schönsten Wege sind aus Holz“, der neuen Platte „grosse kleine Liebe“ - ein verschwindend instrumentierte Klavierballade, die fast wie von einer Spieluhr instrumentiert wirkt, und darauf der klar an der Sprechmelodie entlang hangelnde Gesang - das kann so nur sie, und auch wenn man’s nicht mögen muss, was muss man schon mögen: Ich mag es.

Die Links: Riff Cohen < HIER > /// Vampire Weekend < HIER > /// Corey Hart < HIER > /// Annett Louisan < HIER >