Pop mit Welt

Fluffige Welt

Wunderbare Musik von Tania Saleh aus dem Libanon

 

Die gleichsam sehr persönliche wie auch höchst politische Musik der libanesischen Sängerin Tania Saleh ist für mich die erste hinreissende Pop-Entdeckung in diesem Jahr - ihr vor zwei Wochen erschienenes Album „10 A.D.“ höre ich derzeit beim Kochen und Entspannen. Der Titel steht hier im Übrigen nicht für „anno domini“, oder zumindest nicht nur, sondern für „after divorce“ - die Platte Slehfeiert sozusagen ihren Scheidungs-Geburtstag. Auf Deutschlandfunkkultur sagte Tania Saleh dazu letzte Woche: „Ich wollte über mein Leben in diesem Land als geschiedene Ehefrau sprechen.“ Gleichzeitig eben ist der Titel mit seinem Verweis ins Altertum Teil ihrer Mission: „Mittelalterlich mutet es an, dass im Libanon nach wie vor religiöse Gerichte und die Scharia-Gesetzgebung über Heirat, Scheidung, Unterhalt oder Sorgerecht urteilen.“ - die Wut und Verzweiflung, die Saleh in Musik giesst, merkt man den Liedern zunächst einmal nicht an, man muss sie sich, wenn man kein Arabisch spricht, anlesen oder eben im Radio dazu-hören, denn ihre Musik klingt an sich versöhnlich. Doch natürlich schlummert genau in diesem scheinbaren Widerspruch ihr Reiz: Klavierballaden, ziehen sich in arabischen Harmonien mit chanson-haften Streichern, jazzigen Upbeats und getragenem Gesang in die Breite, Synthies, Oud und Bläser verorten die Lieder in der Welt, in der Schönheit. Tania Saleh kann beiläufig wie im Pop singen, Pathos wie im französischen Chanson erzeugen, sie findet zu spoken-word performances auf fluffigen Rhytmen, und urplötzlich kann sie auch rappen und schichtet ein E-Gitarrensolo auf leise Lieder. Ich komme nicht von dem Begriff, der Weltmusik los, den viele inzwischen ablehnen, aber wenn man Welt in der Popmusik hat, trifft er doch zu. Jenseits dieser Frage ist „10 A.D.“ eine famose Platte.


Unter Beat verkauft

Robin Schulz ist kein Musiker

Derzeit auf Platz 6 der offiziellen deutschen Single-Charts ist der Song „Alane“ von Robin Schulz und Wes. Dieses Lied war bereits 1997 in den Hitparaden: Der französische Musiker und Produzent Michael Sanchez und der kamerunische Sänger Wes Madiku hatten sich unter dem Namen „Wes“ Bildschirmfoto 2020-08-26 um 12.01.59zusammen getan und aus Synthiepop und Weltmusik einen chartkompatiblen Sound diffundiert, der in „Alane“ zum Ohrwurm und Hit wurde. Schon Ende der 90er wurde das Hörerlebnis aber irgendwie durch einen bitteren Beigeschmack betrübt - zumindest mir ging es so. Lieber hätte man genauer gehört, was Wes Madiku ohne europäische Soundscapes singt. Die Kombination aus Eurodance und fanfarisch-euphorischer Melodie schien irgendwie gelogen, und das Video unterstrich zudem die leicht esoterische Tendenz in dem Weltpopentwurf. Wes-Kollege Michael Sanchez hatte schon mit seiner Band „Deep Forest“ Klangteppiche mit ethno-haften Fieldrecordings und Samples gewürzt und so einen unangenehm aneignenden Ambientpop erschaffen. Und trotz all dem war „Alane" zu geniessen, weil Madiku ein wirklich toller Sänger ist.

Der deutsche DJ und Produzent Robin Schulz hat nun 23 Jahre später nicht anderes getan, als etwas, das schon einmal geklappt hat, in einen nicht einmal all zu originellen Remix zu giessen - eigentlich ist es nocht einmal ein Remix, es ist eine Unterbeatung, das ist Robin Schulz' Rezept, und er hat auch kein Anderes: Für die, die es schon kennen, funktioniert es wieder, und für die, die es nicht kennen, funktioniert es zum ersten Mal. Seine Entscheidung, dieses Lied unter seinem eigenen Namen noch einmal zu veröffentlichen, ist die Entscheidung eines Kurators von Playlisten, der auch einen Drumcomputer besitzt. Er eignet sich etwas an, das ohnehin schon ein aneignendes Geschmäckle hatte - heraus kommt ein ekelhaftes Machwerk aus rein ökonomischen Interessen; und der endgütige Beweis, dass Robin Schulz nicht den Beruf eines Musikers ausübt. Das einzig Positive an der Wiederveröffentlichung ist, dass auch Wes Madiku davon profitiert: Er hat seine Parts noch einmal neu eingesungen und verdient an dem Erfolg der Unterbeatung mit.


Alben & Songs 2019

LouaDer Popticker lässt sich wie immer nicht lumpen und benennt seine liebsten Platten und Lieder dieses Jahres. Ich habe wie meistens in die Liste der für mich tollsten Songs keine aufgenommen, die sich auf eine der 10 schönsten Alben befinden, denn es versteht sich von selbst, dass mir die Lieder auf diesen Alben gut gefallen.

 

ALBEN

01 Lou-Adriane Cassidy C’est la fin du monde tous les jours <mehr>
02 Sudan Archives      Athena <mehr>
03 Lana Del Rey        Norman fucking Rockwell <mehr>
04 Divine Comedy       Office Politics
05 M                   Lettre infinie
06 Marina              Love & Fear <mehr>
07 Vampire Weekend     Father Of The Bride <mehr>
08 Herbert Grönemeyer  Tumult
09 Bruce Springsteen   Western Stars
10 Marika Hackmann     Any Human Friend

SONGS

01 Riff Cohen          Dis-Moi <video>
02 Ok.Danke.Tschüss    Vincent Van Gogh <video>
03 Bess Atwell         Swimming Pool <video>
04 Claire Laffute      Mojo <video>
05 IDER                Wu-Baby <video>
06 Your Smith          In Between Plans <video>
07 Sault               Why Why Why Why Why <audio>
08 Sean O’Hagan        Candy Clock <audio>
09 NACH                La Couleur De L'Amour <video>
10 Vanessa Paradis     Ce que le vent nous souffle <live>

 


Von Chamberpopschaum umgeben

Wenn nur noch Koch-Rezept-Allegorien helfen, muss die Musik wunderbar sein: Das Album „Athena“ von Sudan Archives

SudanArchives_Athena_410Es gibt im Songwriting einen grundlegenden Unterschied zwischen MusikerInnen, die auf der Gitarre komponieren und denen, die am Klavier Lieder schreiben. Fast immer kann man das auch hören - wer zum Beispiel an Songs von Elton John denkt, denen hört man das Piano auch dann an, wenn es in der letztendlichen Aufnahme, die man kennt, gar nicht oder zumindest nicht vordergründig zu hören ist. Nun ist „Sudan Archives“ auf den Plan des Pop getreten, und es gibt keinen Zweifel, dass das komponierende Instrument bei ihr die Geige ist. Das allein schon ist bemerkenswert, aber bei Sudan Archives kommt hinzu, dass die Geige nicht nur so gespielt und eingesetzt wird, wie man das von einer Geige gewohnt ist, denn hier legt die Violine rhythmische Pfade, wird betrommelt und geloopt, agiert melodisch gegenläufig zur Stimme, und ihr Klang wird elektronisch verfremdet - heißt mithin: „Sudan Archives“ komponiert nicht nur mit ihrem Instrument, sie legt mit ihm auch den Grundstein für Produktion und Sound ihrer Musik.

Heraus kommt dabei eben Musik, wie man sie noch nicht gehört hat, ein diffuser RnB mit polyrhythmischen Jazztupfern von Chamberpopschaum umgeben und mit Texten besungen, die von Kindheit und der Idiotie einer erwachsenen Welt erzählen, von Befreiung, Liebe und absurd auferlegten Beschränkungen - sowie Sudan Archives sich das Geigespiel selber beigebracht hat, so steht sie in der Welt, und davon erzählt ihre Musik in Form und Inhalt. Das Debüt-Album von ihr, „Athena“, ist eine der bemerkenswertesten Platten der letzten Jahre.


Weltmusikalischer Glücksfolk

So schön kann Popmusik sein: Vampire Weekend

VwfotbVampire Weekend haben auf schon auf ihren ersten drei Platten die Suche nach dem perfekten (Indie)-Popsong kultiviert - und zwar mit recht eigenwilligen Zutaten: weltbeatige Polyrhythmik, folkiges Songwriting, garagige Drumsounds, poppiges Understatement, rätselhafte Lyrics und über dem Ganzen eine intellektuelle Relaxtheit. So ist das jetzt auch wieder auf Album Nummer vier, mit einem kleinen Unterschied vielleicht: Es fehlt an der ein oder anderen Stelle der Drang, all diese Zutaten zu verdichten, es ist eine Form der Reduktion, dem Perfektionisten hin und wieder das Wort zu verbieten. Mancher Song kommt eher wie die Skizze seiner selbst daher, und so flickert das Album „father of the bride“ immer zwischen Perfektion und Zufriedenheit mit dem ersten Take. Dadurch wirkt es im Ganzen dann manchmal zwar ein wenig inkohärent, zumal es ein Doppelalbum ist, aber so lange diese Band solche Song-Perlen wie auf diesem Album findet, kann das auch egal sein.

Da gibt es das indisch gewürzte „rich man“, das winzige Lied „2021“, welches in eineinhalb Minuten ein Einwort-Ohrwurm kreiert, oder „married in a gold rush“, wo elektronischer Folk im Reggae-Tone mit Duettpartnerin Danielle Haim herauf beschwört wird. Spätestens bei dem anderen Duett mit ihr, „this life“, hier wird Afrobeat mit Rockabilly fusioniert, muss man als nörgelnder Besserwisser die Klappe halten, schlechterdings hingerissen kapitulieren und sich seufzend hingeben: So schön kann Popmusik sein.


Songs zum Sonntag /// 030219

RiffDie Israelische Sängerin Riff Cohen hat bislang mit zwei Alben einen grandiosen Weltpop erfunden, der mit arabischen Beats, drei Sprachen und französischen Melodien von zerrissener Fröhlichkeit erzählte. Die neue Single „tomber de haut“ gibt sich verhältnismäßig gradlinig chansonhaft und zurückhaltend französisch - wenig überraschend, lebt Cohen doch seit 2008 in Paris. Das Lied ist ungewöhnlich für sie, aber nicht nur weil man das so denkt, wenn man ihre bisherige Musik kennt, meint man, hier schlummert irgendwas drin, in dieser Ballade, das sich frei brechen könnte - düster und in Moll leitet sie ein, um dann indiepophaft pseudoharmonisch fast zu plätschern, und man denkt eben die ganze Zeit, jetzt passiert gleich was ganz, ganz Anderes, aber diese Schwebe hält sich in der Schwebe - das ist wirklich gross und gibt Anlass zu größten Hoffnungen bezüglich des Albums, das sich bestimmt anschliesst. /// VampireVampire Weekend haben ja auch einen weltmusikalischen Indiepop erfunden, Afrobeats zwischen Paul Simon und „feels so unnatural, Peter Gabriel too“. Nach drei Alben hat der Gitarrist die Band verlassen, und sie haben sehr lange über neuen Songs gegrübelt. So ganz verrät die neue Single „Harmony Hall“ noch nicht, wo die Reise hingeht, der letzte Melodie- und Beat-Kick fehlt mir noch, das ist ein wenig zu nah am easy-listening - kann meine Vorfreude auf das Album aber jetzt auch nicht zerstören. /// CoreyVor ein paar Tagen habe ich ein altes Album von Corey Hart aus dem Regal gezogen, „Fields Of Fire“, sowas wie eines der Lieblingsalben, die man nicht an die grosse Glocke hängt, weil man weiss, dass das peinlich sein könnte und nicht zum Distinktionsmerkmal im eigenen Musikgeschmack taugt. Schwamm drüber. Aber wie es der Zufall will hat der Sänger, der mit „sunglasses at night“ seinen grössten Hit hatte justament an dem Tag, an dem ich besagtes Album aus dem Regal zog, das erste Lied einer bald erscheinenden EP veröffentlicht: „dreaming time again“ ist etwas saftloser Country-Rock, und würde man nicht wissen, dass das Corey Hart ist, man würde es nicht erkennen. Ein Lied, das mich zwar irgendwie freut, das man aber auch wirklich nicht rasch wieder vergessen kann. Welches? /// AnnettFür Annett Louisan wiederum sind die schönsten Wege aus Holz. Aus dem Versteckspiel von Konkretion und Symbolen, dem Wechselspiel von Rätselhaftem und Klarem schlägt diese Sängerin und Texterin oder Mittexterin ihrer eigenen Lieder immer wieder lyrisch singbares Kapital, und immer wenn man denkt, jetzt wird es zu naiv oder zu zerbrechlich oder zu albern oder zu kitschig kommt noch einmal eine andere Strophe um die Ecke, und auf ähnlichem Wege funktioniert das erste Lied, wie gesagt „die schönsten Wege sind aus Holz“, der neuen Platte „grosse kleine Liebe“ - ein verschwindend instrumentierte Klavierballade, die fast wie von einer Spieluhr instrumentiert wirkt, und darauf der klar an der Sprechmelodie entlang hangelnde Gesang - das kann so nur sie, und auch wenn man’s nicht mögen muss, was muss man schon mögen: Ich mag es.

Die Links: Riff Cohen < HIER > /// Vampire Weekend < HIER > /// Corey Hart < HIER > /// Annett Louisan < HIER >


Kitsch und Kairos

Einige Gedanken zum Einsatz von Sequencern bei Pop-Konzerten anlässlich der kürzlich besuchten Auftritte von Laing und Jain

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Jain drückt auf ihre im Ärmel eingebaute Fernbedienung

Jemand hat Jain für ihre Konzerte eine Fernbedienung für ihren Rechner gebaut, mit dem sie ihr Audio-Logic oder welches Programm auch immer sie benutzt, steuern kann. Zwar kehrt sie auf der Bühne immer wieder wie eine MC zum zentralen Pult zurück, aber um Breaks innerhalb ihrer Songs aufzurufen, Übergänge abzuspielen und B-Teile einzuleiten, muss sie eben nicht an den Computer. Mit diesem System ist sie mobil und kann unterwegs mit Fernbedienung und Mikro hüpfen, tanzen, sich euphorisch schütteln und natürlich singen.

Laing hingegen rufen die vorgefertigten Sequenzen, Beats und Loops nicht per Fernbedienung ab, hier erledigt dies der Schlagzeuger - das macht auch Sinn, da er adäquat zu seinem Hauptberuf ohnehin für Rhythmik und Timing zuständig ist und dementsprechend dafür auch Talent hat. Und so haben Nicola Rost und ihre beiden Mitstreiterinnen Platz, Agilität und Freiheit für ein Popkonzert, das aber eben ebenso wie bei Jain einen leicht faden Nebengeschmack hat: Ein Großteil der Musik kommt aus dem Rechner, Sequenzen werden hier abgespielt, letztlich wohnen wir einem Playback-Konzert bei.

Der Grund für die Abwesenheit von Instrumenten ist natürlich ein rein ökonomischer. In Zeiten, in denen die Einnahmenerwartung von Musiker*innen bei Konzerten die vom Plattenverkauf übersteigt, ist der Live-Auftritt eben keine Werbe-Massnahme mehr, sondern zentrale Einnahmequelle im Gefüge des Popmarktes, und je weniger Musiker*innen auf der Bühne ihrem Beruf nachgehen, desto weniger müssen bezahlt werden. Proben muss man auch weniger, wenn man nicht die Instrumental-Spuren der Alben möglichst adäquat live nachbauen muss. Da liegt es nahe, die Sequenzen abzuspielen, die man in mühseliger Kleinarbeit am Computer und im Studio zusammen gefrickelt hat, und Laing und Jain sind hier nur zwei Beispiele von Konzerten, denen ich in den letzten paar Wochen beigewohnt habe, bei denen Playbacks zum Einsatz kamen. (Zwei weitere: die Prog-Folk-Band „the day“ verzichtet auf einen Keyboarder, obgleich in ihrem Popentwurf Synthie-Flächen eine zentrale Rolle spielen, Kylie Minogue spielt mit ihrer Band eine Bastardpop-Version von Kylies Hit „slow“ auf den originären Synthie-Sequenzen von „being boiled“ von Human League).

 

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Ein handelsüblicher Sequencer

In der Theorie führt das natürlich zu einem weniger originären Effekt des „Im-Moment-Seins“, aber letztlich ist es vermutlich ohnehin Kitsch, wenn man sich als Konzertbesucher noch einredet, einem Ereignis beizuwohnen, das ein Maximum an Freiheit und Spontanität die Bühne bietet, auch wenn kein Sequencer zum Einsatz kommt. Umgekehrt kann man von Laing berichten, dass ein Genie und Vollprofi wie Nicola Rost den Live-Auftritt so elegant geniesst, dass ihr wundervoll feingeistiger Chansonpop auch ohne Instrumente lebendig und ausreichend live daher kommt - das Konzert im Hamburger Mojo vom letzten Sonntag war grandios, und abgesehen davon sind hier trotz Sequencer ausser Rost noch zwei Sängerinnen, besagter Schlagzeuger und eine Tänzerin auf der Bühne.

Ein wenig mehr Musizieren hätte man sich im Gegensatz dazu bei Jain durchaus gewünscht (sie habe ich im Dezember in Köln gesehen): Dieses Pop-Jahrhundert-Talent ist zwar durchaus dazu in der Lage, über ihre Fernbedienung nicht nur ihren Rechner sondern auch 600 Zuschauer gleichzeitig zum Break in ihrem Hit „Makeba“ zum Hochhopsen zu animieren, auch schichtet und befüllt sie ihre World-Beats teils live mit Stimmen- und Sound-Loops, aber wenn alles dies jetzt auch noch mit Rhythmus-Sektion und Bläser-Ensemble gespielt würde, dann wäre das wirklich das ultimative Pop-Konzert.


Die besten Songs & Alben 2018 (streng subjektiv)

Alben

01     David Byrne            American Utopia
02     Mia Diekow             Ärger im Paradies
03     Halo Maud              Je suis une île
04     Dobet Gnahoré          Miziki
05     Sophie Hunger          Molecules 
06     Herbert Grönemeyer     Tumult
07     Jain                   Souldier
08     Vanessa Paradis        Les Sources
09     Fatoumata Diawara      Fenfo
10     Christine & the Queens Chris

Songs 

01     Your Smith             The spot / <video>
02     Chris                  Damn, dis moi <video>
03     Dobet Gnahoré          La Clé / <audio>
04     Claire Laffut          Mojo / <video>
05     Sophie Hunger          She makes president
06     Laing                  Meine Sprache / <live>
07     Mia Diekow             Winterfell / <live>
08     David Byrne            Everybody’s coming to my house 

09     Jain                   Flash (Point-Noire)/ <lyric-video>
10     Herbert Grönemeyer     Leichtsinn und Liebe

„Everyday is a miracle“, singt David Byrne auf einer Platte, die er allen Ernstes „american utopia“ nennt, eine musikalische Spurensuche, könnte man sagen, nach dem Guten auf der Welt, die Byrne zeitgleich auf einer Website ("reasons to be cheerful") anstrebt, auf der er gute Nachrichten sammelt und verbreitet. Und das in diesem weltmusikalischen Popentwurf aus verzwackten Rhythmen, globalen Harmonien, schönen Melodien, Geschichten und surrealen Allegorien - eine erhabenes Album eines erhabenen Altmeisters war für mich in diesem Jahr das Beste - und auch wenn Lichtjahre zwischen den Popentwürfen und den Altern von ihm, Byrne und Mia Diekow liegen mögen, so gibt es doch eine Parallele: Songtexte zwischen Geschichte und Surrealem. Mia Diekow hat etwas gemacht, da muss man auch erst mal drauf kommen - eine deutschsprachige Bluesplatte. So höre ich das jedenfalls. Mit Streichern, folkigen Tupfern, komischen Ideen, Sprechparts und archaischen Sprachbildern, die bisweilen nach Naturlyrik klingen, Gospelanleihen und Jazzharmonien - auf dem Album „Ärger im Paradies“ sind so viel schöne Ideen und Lieder drauf, dass ich es so oft wie kein anderes in diesem Jahr gehört habe. Halo Maud hat dem französischen Chanson wiederum eine grosse Prise Pop und eine kleine Prise Prog-Rock abgewonnen und aus diesen Erträgen ihr Album „je suis und île“ gekocht, das ich zu tiefst subjektiv tief liebe, ohne genau sagen zu können, warum - hört mal hin - < HIER > zum Beispiel. Im Falle von Dobet Gnahorés Platte habe ich das zumindest versucht, < HIER >, und Sophie Hunger? Ja, die kann eben urplötzlich auch Synthiepop - und über meine Platten des Jahres 06 bis 10 wird hier noch die Rede sein, in der ersten Januar-Woche.


Die Welt im Wohnzimmer

Jain - aus Frankreich kommen derzeit die tollsten Pop-Musikerinnen der Welt

Jain entlockt ihren Loop-Machines einen Weltpop nun schon zwei Alben lang. Geboren in Südfrankreich, aufgewachsen in Dubai und im Kongo wirkt die Musik tatsächlich, als hätte sie Klänge, Rhythmen und Melodien aus mindestens drei Kontinenten in ihren Samplern mitgenommen, aus denen sie nun ihre Wohnzimmerweltmusik zimmert - mit zusätzlichen Beat-Ingredienzien aus Hiphop, Bindemitteln des Reggae und Räumlichkeiten des US-Soulpop. Jain_s_01Während das Debut „Zanaka“ seine Sound-Quellen hauptsächlich aus dem afrikanischen Kontinent bezog (unter Anderem mit der Song gewordenen Liebeserklärung an Miriam Makeba), klingt „Souldier“ deutlich arabischer und mithin orchestraler. Dennoch bestehen die Songs immer aus einem Beat-Harmonie-Geflecht ihrer Loop-Machine, zu dem sie dann Gesangsmelodien, Instrumente und Texte wirft. Wie solche Tracks genau entstehen, kann erahnen, wer sich auf YouTube einen der vielen Filme anschaut, auf denen zu sehen ist, wie Jain ihre Lieder live reproduziert: Sie baut Soundwürfel aufeinander, besingt sich Loops mit ihrer Stimme, schichtet sie über die Musik, bis sie schliesslich genug Fundament zum Singen hat. Diese Arbeitsweise beherrscht sie so perfekt, dass sie ihren Popentwurf ausreichend ausformulieren kann, und trotzdem bleibt bei der Studioarbeit dann noch Platz für tatsächliche Instrumente. Auf der zweiten Platte sind dies neben Gitarre und Schlagzeug auch indische Instrumente wie Tabla, Shrutibox oder die Tarang. Durch das Looping-Sound-Bett verliert dieser Pop aber nie die Bodenhaftung.

Hin und wieder wirkt nun ausgerechnet ihr Gesangsmarkenzeichen des kosmopolitischen Akzents im Englischen ein wenig aufgesetzt und übertrieben, aber das stört nicht den Gesamteindruck: Hier sucht ein Pop-Talent ihren eigenen Sound, ihren eigenen Pop, ihren Chanson, ihren Platz, und der Popticker wird ihr noch gerne 10, 20 Alben dabei zuhören - eine bemerkenswerte Platte einer tollen Musikerin.


Die Welt kann schön sein

„Miziki“ - das erhabene neue Album der ivorischen Sängerin Dobet Gnahoré

Weltmusik ist Musik, die Welt in sich aufgenommen hat, und in Zeiten globaler Flüchtlingsströme nimmt es nicht Wunder, dass WeltmusikerInnen auch auf der Flucht die Welt in sich aufgenommen haben. So auch die ivorische Sängerin Dobet Gnahoré, die die Elfenbeinküste aufgrund des Bürgerkriegs verlassen hat und seit 18 Jahren in Marseille wohnt. Ihr Afropop hat sich mit Soul, französischem Chanson und Tupfern von unterkühltem Synthiepop bereichert - das Ergebnis ist freilich alles anders als unterkühlt: Diese Musik ist von wundervoll leichter Ehrlichkeit und glaubt an die Schönheit, Freiheit und Friedlichkeit der Musik - flockige Beats, gospische Chöre, synkopische Gitarren-Arpeggios und über und in allem diese weitreichende, volle Stimme von Dobet Gnahoré.

L_dobet-3000x300-coverbdSoeben ist deren viertes Album „Miziki“ erschienen, welches über das grossartige französische Label Wagram sehr gewissenhaft beworben und international vertrieben wird. Die Platte ist zudem wunderbar aufgemacht, und die auf den beiden ivorischen Sprachen Béte und Guebié sowie auf Französisch gesungenen Texte sind im Booklet zum Mitlesen ins Englische übersetzt (man korrigiere mich gerne, wenn ich die Namen der erwähnten Sprachen falsch geschrieben habe) - Gnahoré singt über ihre einerseits entwurzelte Identität und ihre gleichsam tief empfundene, doppelte Heimatverbundenheit. Die Songs sind in diesem Sinne gleichsam poetisch wie politisch und wie so oft im afrikanischem Pop ohnehin ein Gegenmodell zum 08-15-Getexte internationalem Konsumpops - hier singt eine Frau von Dingen, die ihr wirklich ein Anliegen sind. Sei es die Forderung nach Bildung und Schule für alle Kinder und insbesondere alle Mädchen dieser Welt in „Éducation“ oder den „barfüssigen und unbewaffneten“ Kampf für eine Welt, in der „die Würde eines jeden tatsächlich unantastbar ist“ in „la monde“. Was ich hier nur so zusammenfassen kann, daß es naiv klingen könnte, ist in Wirklichkeit die poetische Schönheit einer utopischen Weltsicht einer grossartigen, weltgereisten Musikerin. Platten und Musik wie diese machen die Welt tatsächlich ein klein wenig schöner, freier und friedlicher.


Viel Köche veredeln den Drive

Please believe the hype: Superorganism sind eine klasse Band

Blubbernder Bubble-Pop ist nicht unbedingt ein Genre, welches man mit einem Kollektiv assoziiert - Kollektive, grosse Bands, kennt man eher bei anderen Popspielarten - wenn Pop zum Beispiel von Kammer-Orchester-grossen Bands gespielt wird, hat sich der Begriff des Chamber-Pop etabliert, es gibt Hip-Hop-Kollektive und der große Mythos der Pop-Stunde sind Songwritingcamps, aber „Superorganism“ sind all dies nicht, sie sind der Hype der Stunde, die grosse blubbernde Pop-Verheissung des noch jungen Jahres 2018: Die BBC hat sie in ihrer alljährlichen Liste der größten Musik-Hoffnungen des neuen Jahres auf Platz 1 gesetzt, der Musikexpress tat selbiges, und der Popticker macht jetzt auch mit: Die sind super.

Supero
„Superorganism“ bestehen aus offenbar 8 Leuten, und davon sind nicht alle MusikerInnen, auch die, die den visuellen Output der Band verantworten, gehören zur Band, und Videos entstehen beispielsweise zeitgleich zu den Liedern (und zu allen vier bisher veröffentlichten Songs gibt es auch welche). Die Musik der Band ist ein bunter Reigen des Ideen-Overkills, überall blubbert, kratzt und geräuscht es, Filmdialoge kommen um die akustische Ecke, hier ein Fiepen, dort ein Beat - es sind so viele Klänge, und Klangeffekte zu hören, dass die Generalpause ebenso in drei der bislang vier Lieder zum Einsatz kommt. Bei Superorganism singt dann auf diesem blitzblank und doch holprig blubbernden Sound-Teppich eine 17-jährige Japanerin, die an subtil-ironischem Understatement kaum zu überbieten ist - vollkommen irre. Wenn man da überhaupt irgendeine Assoziation zu anderer Popmsuik haben wollte, dann am Ehesten zu „CSS“ - was ist übrigens aus denen geworden … ? Aber wie dem auch sei: Dieses unfassbar sympathische Sammelsurium an Popnerds veröffentlicht sein erstes Album im März, vier der 12 Songs gibt es wie gesagt schon, und man muss sich diesem Blubbergebubbel einfach augenaufreissend hingeben und das machen, wozu Pop existiert: Staunend euphorisch fragen: Was ist das?