Weltmusik

Fluffige Welt

Wunderbare Musik von Tania Saleh aus dem Libanon

 

Die gleichsam sehr persönliche wie auch höchst politische Musik der libanesischen Sängerin Tania Saleh ist für mich die erste hinreissende Pop-Entdeckung in diesem Jahr - ihr vor zwei Wochen erschienenes Album „10 A.D.“ höre ich derzeit beim Kochen und Entspannen. Der Titel steht hier im Übrigen nicht für „anno domini“, oder zumindest nicht nur, sondern für „after divorce“ - die Platte Slehfeiert sozusagen ihren Scheidungs-Geburtstag. Auf Deutschlandfunkkultur sagte Tania Saleh dazu letzte Woche: „Ich wollte über mein Leben in diesem Land als geschiedene Ehefrau sprechen.“ Gleichzeitig eben ist der Titel mit seinem Verweis ins Altertum Teil ihrer Mission: „Mittelalterlich mutet es an, dass im Libanon nach wie vor religiöse Gerichte und die Scharia-Gesetzgebung über Heirat, Scheidung, Unterhalt oder Sorgerecht urteilen.“ - die Wut und Verzweiflung, die Saleh in Musik giesst, merkt man den Liedern zunächst einmal nicht an, man muss sie sich, wenn man kein Arabisch spricht, anlesen oder eben im Radio dazu-hören, denn ihre Musik klingt an sich versöhnlich. Doch natürlich schlummert genau in diesem scheinbaren Widerspruch ihr Reiz: Klavierballaden, ziehen sich in arabischen Harmonien mit chanson-haften Streichern, jazzigen Upbeats und getragenem Gesang in die Breite, Synthies, Oud und Bläser verorten die Lieder in der Welt, in der Schönheit. Tania Saleh kann beiläufig wie im Pop singen, Pathos wie im französischen Chanson erzeugen, sie findet zu spoken-word performances auf fluffigen Rhytmen, und urplötzlich kann sie auch rappen und schichtet ein E-Gitarrensolo auf leise Lieder. Ich komme nicht von dem Begriff, der Weltmusik los, den viele inzwischen ablehnen, aber wenn man Welt in der Popmusik hat, trifft er doch zu. Jenseits dieser Frage ist „10 A.D.“ eine famose Platte.


Weltmusikalischer Glücksfolk

So schön kann Popmusik sein: Vampire Weekend

VwfotbVampire Weekend haben auf schon auf ihren ersten drei Platten die Suche nach dem perfekten (Indie)-Popsong kultiviert - und zwar mit recht eigenwilligen Zutaten: weltbeatige Polyrhythmik, folkiges Songwriting, garagige Drumsounds, poppiges Understatement, rätselhafte Lyrics und über dem Ganzen eine intellektuelle Relaxtheit. So ist das jetzt auch wieder auf Album Nummer vier, mit einem kleinen Unterschied vielleicht: Es fehlt an der ein oder anderen Stelle der Drang, all diese Zutaten zu verdichten, es ist eine Form der Reduktion, dem Perfektionisten hin und wieder das Wort zu verbieten. Mancher Song kommt eher wie die Skizze seiner selbst daher, und so flickert das Album „father of the bride“ immer zwischen Perfektion und Zufriedenheit mit dem ersten Take. Dadurch wirkt es im Ganzen dann manchmal zwar ein wenig inkohärent, zumal es ein Doppelalbum ist, aber so lange diese Band solche Song-Perlen wie auf diesem Album findet, kann das auch egal sein.

Da gibt es das indisch gewürzte „rich man“, das winzige Lied „2021“, welches in eineinhalb Minuten ein Einwort-Ohrwurm kreiert, oder „married in a gold rush“, wo elektronischer Folk im Reggae-Tone mit Duettpartnerin Danielle Haim herauf beschwört wird. Spätestens bei dem anderen Duett mit ihr, „this life“, hier wird Afrobeat mit Rockabilly fusioniert, muss man als nörgelnder Besserwisser die Klappe halten, schlechterdings hingerissen kapitulieren und sich seufzend hingeben: So schön kann Popmusik sein.


Songs zum Sonntag /// 030219

RiffDie Israelische Sängerin Riff Cohen hat bislang mit zwei Alben einen grandiosen Weltpop erfunden, der mit arabischen Beats, drei Sprachen und französischen Melodien von zerrissener Fröhlichkeit erzählte. Die neue Single „tomber de haut“ gibt sich verhältnismäßig gradlinig chansonhaft und zurückhaltend französisch - wenig überraschend, lebt Cohen doch seit 2008 in Paris. Das Lied ist ungewöhnlich für sie, aber nicht nur weil man das so denkt, wenn man ihre bisherige Musik kennt, meint man, hier schlummert irgendwas drin, in dieser Ballade, das sich frei brechen könnte - düster und in Moll leitet sie ein, um dann indiepophaft pseudoharmonisch fast zu plätschern, und man denkt eben die ganze Zeit, jetzt passiert gleich was ganz, ganz Anderes, aber diese Schwebe hält sich in der Schwebe - das ist wirklich gross und gibt Anlass zu größten Hoffnungen bezüglich des Albums, das sich bestimmt anschliesst. /// VampireVampire Weekend haben ja auch einen weltmusikalischen Indiepop erfunden, Afrobeats zwischen Paul Simon und „feels so unnatural, Peter Gabriel too“. Nach drei Alben hat der Gitarrist die Band verlassen, und sie haben sehr lange über neuen Songs gegrübelt. So ganz verrät die neue Single „Harmony Hall“ noch nicht, wo die Reise hingeht, der letzte Melodie- und Beat-Kick fehlt mir noch, das ist ein wenig zu nah am easy-listening - kann meine Vorfreude auf das Album aber jetzt auch nicht zerstören. /// CoreyVor ein paar Tagen habe ich ein altes Album von Corey Hart aus dem Regal gezogen, „Fields Of Fire“, sowas wie eines der Lieblingsalben, die man nicht an die grosse Glocke hängt, weil man weiss, dass das peinlich sein könnte und nicht zum Distinktionsmerkmal im eigenen Musikgeschmack taugt. Schwamm drüber. Aber wie es der Zufall will hat der Sänger, der mit „sunglasses at night“ seinen grössten Hit hatte justament an dem Tag, an dem ich besagtes Album aus dem Regal zog, das erste Lied einer bald erscheinenden EP veröffentlicht: „dreaming time again“ ist etwas saftloser Country-Rock, und würde man nicht wissen, dass das Corey Hart ist, man würde es nicht erkennen. Ein Lied, das mich zwar irgendwie freut, das man aber auch wirklich nicht rasch wieder vergessen kann. Welches? /// AnnettFür Annett Louisan wiederum sind die schönsten Wege aus Holz. Aus dem Versteckspiel von Konkretion und Symbolen, dem Wechselspiel von Rätselhaftem und Klarem schlägt diese Sängerin und Texterin oder Mittexterin ihrer eigenen Lieder immer wieder lyrisch singbares Kapital, und immer wenn man denkt, jetzt wird es zu naiv oder zu zerbrechlich oder zu albern oder zu kitschig kommt noch einmal eine andere Strophe um die Ecke, und auf ähnlichem Wege funktioniert das erste Lied, wie gesagt „die schönsten Wege sind aus Holz“, der neuen Platte „grosse kleine Liebe“ - ein verschwindend instrumentierte Klavierballade, die fast wie von einer Spieluhr instrumentiert wirkt, und darauf der klar an der Sprechmelodie entlang hangelnde Gesang - das kann so nur sie, und auch wenn man’s nicht mögen muss, was muss man schon mögen: Ich mag es.

Die Links: Riff Cohen < HIER > /// Vampire Weekend < HIER > /// Corey Hart < HIER > /// Annett Louisan < HIER >


Kitsch und Kairos

Einige Gedanken zum Einsatz von Sequencern bei Pop-Konzerten anlässlich der kürzlich besuchten Auftritte von Laing und Jain

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Jain drückt auf ihre im Ärmel eingebaute Fernbedienung

Jemand hat Jain für ihre Konzerte eine Fernbedienung für ihren Rechner gebaut, mit dem sie ihr Audio-Logic oder welches Programm auch immer sie benutzt, steuern kann. Zwar kehrt sie auf der Bühne immer wieder wie eine MC zum zentralen Pult zurück, aber um Breaks innerhalb ihrer Songs aufzurufen, Übergänge abzuspielen und B-Teile einzuleiten, muss sie eben nicht an den Computer. Mit diesem System ist sie mobil und kann unterwegs mit Fernbedienung und Mikro hüpfen, tanzen, sich euphorisch schütteln und natürlich singen.

Laing hingegen rufen die vorgefertigten Sequenzen, Beats und Loops nicht per Fernbedienung ab, hier erledigt dies der Schlagzeuger - das macht auch Sinn, da er adäquat zu seinem Hauptberuf ohnehin für Rhythmik und Timing zuständig ist und dementsprechend dafür auch Talent hat. Und so haben Nicola Rost und ihre beiden Mitstreiterinnen Platz, Agilität und Freiheit für ein Popkonzert, das aber eben ebenso wie bei Jain einen leicht faden Nebengeschmack hat: Ein Großteil der Musik kommt aus dem Rechner, Sequenzen werden hier abgespielt, letztlich wohnen wir einem Playback-Konzert bei.

Der Grund für die Abwesenheit von Instrumenten ist natürlich ein rein ökonomischer. In Zeiten, in denen die Einnahmenerwartung von Musiker*innen bei Konzerten die vom Plattenverkauf übersteigt, ist der Live-Auftritt eben keine Werbe-Massnahme mehr, sondern zentrale Einnahmequelle im Gefüge des Popmarktes, und je weniger Musiker*innen auf der Bühne ihrem Beruf nachgehen, desto weniger müssen bezahlt werden. Proben muss man auch weniger, wenn man nicht die Instrumental-Spuren der Alben möglichst adäquat live nachbauen muss. Da liegt es nahe, die Sequenzen abzuspielen, die man in mühseliger Kleinarbeit am Computer und im Studio zusammen gefrickelt hat, und Laing und Jain sind hier nur zwei Beispiele von Konzerten, denen ich in den letzten paar Wochen beigewohnt habe, bei denen Playbacks zum Einsatz kamen. (Zwei weitere: die Prog-Folk-Band „the day“ verzichtet auf einen Keyboarder, obgleich in ihrem Popentwurf Synthie-Flächen eine zentrale Rolle spielen, Kylie Minogue spielt mit ihrer Band eine Bastardpop-Version von Kylies Hit „slow“ auf den originären Synthie-Sequenzen von „being boiled“ von Human League).

 

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Ein handelsüblicher Sequencer

In der Theorie führt das natürlich zu einem weniger originären Effekt des „Im-Moment-Seins“, aber letztlich ist es vermutlich ohnehin Kitsch, wenn man sich als Konzertbesucher noch einredet, einem Ereignis beizuwohnen, das ein Maximum an Freiheit und Spontanität die Bühne bietet, auch wenn kein Sequencer zum Einsatz kommt. Umgekehrt kann man von Laing berichten, dass ein Genie und Vollprofi wie Nicola Rost den Live-Auftritt so elegant geniesst, dass ihr wundervoll feingeistiger Chansonpop auch ohne Instrumente lebendig und ausreichend live daher kommt - das Konzert im Hamburger Mojo vom letzten Sonntag war grandios, und abgesehen davon sind hier trotz Sequencer ausser Rost noch zwei Sängerinnen, besagter Schlagzeuger und eine Tänzerin auf der Bühne.

Ein wenig mehr Musizieren hätte man sich im Gegensatz dazu bei Jain durchaus gewünscht (sie habe ich im Dezember in Köln gesehen): Dieses Pop-Jahrhundert-Talent ist zwar durchaus dazu in der Lage, über ihre Fernbedienung nicht nur ihren Rechner sondern auch 600 Zuschauer gleichzeitig zum Break in ihrem Hit „Makeba“ zum Hochhopsen zu animieren, auch schichtet und befüllt sie ihre World-Beats teils live mit Stimmen- und Sound-Loops, aber wenn alles dies jetzt auch noch mit Rhythmus-Sektion und Bläser-Ensemble gespielt würde, dann wäre das wirklich das ultimative Pop-Konzert.


Die besten Songs & Alben 2018 (streng subjektiv)

Alben

01     David Byrne            American Utopia
02     Mia Diekow             Ärger im Paradies
03     Halo Maud              Je suis une île
04     Dobet Gnahoré          Miziki
05     Sophie Hunger          Molecules 
06     Herbert Grönemeyer     Tumult
07     Jain                   Souldier
08     Vanessa Paradis        Les Sources
09     Fatoumata Diawara      Fenfo
10     Christine & the Queens Chris

Songs 

01     Your Smith             The spot / <video>
02     Chris                  Damn, dis moi <video>
03     Dobet Gnahoré          La Clé / <audio>
04     Claire Laffut          Mojo / <video>
05     Sophie Hunger          She makes president
06     Laing                  Meine Sprache / <live>
07     Mia Diekow             Winterfell / <live>
08     David Byrne            Everybody’s coming to my house 

09     Jain                   Flash (Point-Noire)/ <lyric-video>
10     Herbert Grönemeyer     Leichtsinn und Liebe

„Everyday is a miracle“, singt David Byrne auf einer Platte, die er allen Ernstes „american utopia“ nennt, eine musikalische Spurensuche, könnte man sagen, nach dem Guten auf der Welt, die Byrne zeitgleich auf einer Website ("reasons to be cheerful") anstrebt, auf der er gute Nachrichten sammelt und verbreitet. Und das in diesem weltmusikalischen Popentwurf aus verzwackten Rhythmen, globalen Harmonien, schönen Melodien, Geschichten und surrealen Allegorien - eine erhabenes Album eines erhabenen Altmeisters war für mich in diesem Jahr das Beste - und auch wenn Lichtjahre zwischen den Popentwürfen und den Altern von ihm, Byrne und Mia Diekow liegen mögen, so gibt es doch eine Parallele: Songtexte zwischen Geschichte und Surrealem. Mia Diekow hat etwas gemacht, da muss man auch erst mal drauf kommen - eine deutschsprachige Bluesplatte. So höre ich das jedenfalls. Mit Streichern, folkigen Tupfern, komischen Ideen, Sprechparts und archaischen Sprachbildern, die bisweilen nach Naturlyrik klingen, Gospelanleihen und Jazzharmonien - auf dem Album „Ärger im Paradies“ sind so viel schöne Ideen und Lieder drauf, dass ich es so oft wie kein anderes in diesem Jahr gehört habe. Halo Maud hat dem französischen Chanson wiederum eine grosse Prise Pop und eine kleine Prise Prog-Rock abgewonnen und aus diesen Erträgen ihr Album „je suis und île“ gekocht, das ich zu tiefst subjektiv tief liebe, ohne genau sagen zu können, warum - hört mal hin - < HIER > zum Beispiel. Im Falle von Dobet Gnahorés Platte habe ich das zumindest versucht, < HIER >, und Sophie Hunger? Ja, die kann eben urplötzlich auch Synthiepop - und über meine Platten des Jahres 06 bis 10 wird hier noch die Rede sein, in der ersten Januar-Woche.


Die Welt im Wohnzimmer

Jain - aus Frankreich kommen derzeit die tollsten Pop-Musikerinnen der Welt

Jain entlockt ihren Loop-Machines einen Weltpop nun schon zwei Alben lang. Geboren in Südfrankreich, aufgewachsen in Dubai und im Kongo wirkt die Musik tatsächlich, als hätte sie Klänge, Rhythmen und Melodien aus mindestens drei Kontinenten in ihren Samplern mitgenommen, aus denen sie nun ihre Wohnzimmerweltmusik zimmert - mit zusätzlichen Beat-Ingredienzien aus Hiphop, Bindemitteln des Reggae und Räumlichkeiten des US-Soulpop. Jain_s_01Während das Debut „Zanaka“ seine Sound-Quellen hauptsächlich aus dem afrikanischen Kontinent bezog (unter Anderem mit der Song gewordenen Liebeserklärung an Miriam Makeba), klingt „Souldier“ deutlich arabischer und mithin orchestraler. Dennoch bestehen die Songs immer aus einem Beat-Harmonie-Geflecht ihrer Loop-Machine, zu dem sie dann Gesangsmelodien, Instrumente und Texte wirft. Wie solche Tracks genau entstehen, kann erahnen, wer sich auf YouTube einen der vielen Filme anschaut, auf denen zu sehen ist, wie Jain ihre Lieder live reproduziert: Sie baut Soundwürfel aufeinander, besingt sich Loops mit ihrer Stimme, schichtet sie über die Musik, bis sie schliesslich genug Fundament zum Singen hat. Diese Arbeitsweise beherrscht sie so perfekt, dass sie ihren Popentwurf ausreichend ausformulieren kann, und trotzdem bleibt bei der Studioarbeit dann noch Platz für tatsächliche Instrumente. Auf der zweiten Platte sind dies neben Gitarre und Schlagzeug auch indische Instrumente wie Tabla, Shrutibox oder die Tarang. Durch das Looping-Sound-Bett verliert dieser Pop aber nie die Bodenhaftung.

Hin und wieder wirkt nun ausgerechnet ihr Gesangsmarkenzeichen des kosmopolitischen Akzents im Englischen ein wenig aufgesetzt und übertrieben, aber das stört nicht den Gesamteindruck: Hier sucht ein Pop-Talent ihren eigenen Sound, ihren eigenen Pop, ihren Chanson, ihren Platz, und der Popticker wird ihr noch gerne 10, 20 Alben dabei zuhören - eine bemerkenswerte Platte einer tollen Musikerin.


Die Welt kann schön sein

„Miziki“ - das erhabene neue Album der ivorischen Sängerin Dobet Gnahoré

Weltmusik ist Musik, die Welt in sich aufgenommen hat, und in Zeiten globaler Flüchtlingsströme nimmt es nicht Wunder, dass WeltmusikerInnen auch auf der Flucht die Welt in sich aufgenommen haben. So auch die ivorische Sängerin Dobet Gnahoré, die die Elfenbeinküste aufgrund des Bürgerkriegs verlassen hat und seit 18 Jahren in Marseille wohnt. Ihr Afropop hat sich mit Soul, französischem Chanson und Tupfern von unterkühltem Synthiepop bereichert - das Ergebnis ist freilich alles anders als unterkühlt: Diese Musik ist von wundervoll leichter Ehrlichkeit und glaubt an die Schönheit, Freiheit und Friedlichkeit der Musik - flockige Beats, gospische Chöre, synkopische Gitarren-Arpeggios und über und in allem diese weitreichende, volle Stimme von Dobet Gnahoré.

L_dobet-3000x300-coverbdSoeben ist deren viertes Album „Miziki“ erschienen, welches über das grossartige französische Label Wagram sehr gewissenhaft beworben und international vertrieben wird. Die Platte ist zudem wunderbar aufgemacht, und die auf den beiden ivorischen Sprachen Béte und Guebié sowie auf Französisch gesungenen Texte sind im Booklet zum Mitlesen ins Englische übersetzt (man korrigiere mich gerne, wenn ich die Namen der erwähnten Sprachen falsch geschrieben habe) - Gnahoré singt über ihre einerseits entwurzelte Identität und ihre gleichsam tief empfundene, doppelte Heimatverbundenheit. Die Songs sind in diesem Sinne gleichsam poetisch wie politisch und wie so oft im afrikanischem Pop ohnehin ein Gegenmodell zum 08-15-Getexte internationalem Konsumpops - hier singt eine Frau von Dingen, die ihr wirklich ein Anliegen sind. Sei es die Forderung nach Bildung und Schule für alle Kinder und insbesondere alle Mädchen dieser Welt in „Éducation“ oder den „barfüssigen und unbewaffneten“ Kampf für eine Welt, in der „die Würde eines jeden tatsächlich unantastbar ist“ in „la monde“. Was ich hier nur so zusammenfassen kann, daß es naiv klingen könnte, ist in Wirklichkeit die poetische Schönheit einer utopischen Weltsicht einer grossartigen, weltgereisten Musikerin. Platten und Musik wie diese machen die Welt tatsächlich ein klein wenig schöner, freier und friedlicher.


Viel Köche veredeln den Drive

Please believe the hype: Superorganism sind eine klasse Band

Blubbernder Bubble-Pop ist nicht unbedingt ein Genre, welches man mit einem Kollektiv assoziiert - Kollektive, grosse Bands, kennt man eher bei anderen Popspielarten - wenn Pop zum Beispiel von Kammer-Orchester-grossen Bands gespielt wird, hat sich der Begriff des Chamber-Pop etabliert, es gibt Hip-Hop-Kollektive und der große Mythos der Pop-Stunde sind Songwritingcamps, aber „Superorganism“ sind all dies nicht, sie sind der Hype der Stunde, die grosse blubbernde Pop-Verheissung des noch jungen Jahres 2018: Die BBC hat sie in ihrer alljährlichen Liste der größten Musik-Hoffnungen des neuen Jahres auf Platz 1 gesetzt, der Musikexpress tat selbiges, und der Popticker macht jetzt auch mit: Die sind super.

Supero
„Superorganism“ bestehen aus offenbar 8 Leuten, und davon sind nicht alle MusikerInnen, auch die, die den visuellen Output der Band verantworten, gehören zur Band, und Videos entstehen beispielsweise zeitgleich zu den Liedern (und zu allen vier bisher veröffentlichten Songs gibt es auch welche). Die Musik der Band ist ein bunter Reigen des Ideen-Overkills, überall blubbert, kratzt und geräuscht es, Filmdialoge kommen um die akustische Ecke, hier ein Fiepen, dort ein Beat - es sind so viele Klänge, und Klangeffekte zu hören, dass die Generalpause ebenso in drei der bislang vier Lieder zum Einsatz kommt. Bei Superorganism singt dann auf diesem blitzblank und doch holprig blubbernden Sound-Teppich eine 17-jährige Japanerin, die an subtil-ironischem Understatement kaum zu überbieten ist - vollkommen irre. Wenn man da überhaupt irgendeine Assoziation zu anderer Popmsuik haben wollte, dann am Ehesten zu „CSS“ - was ist übrigens aus denen geworden … ? Aber wie dem auch sei: Dieses unfassbar sympathische Sammelsurium an Popnerds veröffentlicht sein erstes Album im März, vier der 12 Songs gibt es wie gesagt schon, und man muss sich diesem Blubbergebubbel einfach augenaufreissend hingeben und das machen, wozu Pop existiert: Staunend euphorisch fragen: Was ist das?


Die für den Popticker besten Alben & Songs 2017

ALBEN

01 Yasmine Hamdam         Al Jamilat

YashamjamWeltfolk aus dem Libanon, arabischer Pop, Weltmusik aus dem Zentrum der Weltmusik, Paris. Eine irre Musik, die stets im Experiment die Pophaltigkeit und im Pop das Experiment sucht, mit Texten über Flucht, Entwurzelung oder Schwierigkeiten der Liebe - dankenswerter Weise sind sie aus dem Arabischen ins Englische übersetzt, so daß man sich ein Bild davon machen kann, dass Yasmine Hamdat nicht nur eine großartige Musikerin und Sängerin ist - sondern auch fantastische Liedtexte schreibt. Das Erhabene an dieser Platte ist ihre tiefe Beiläufigkeit, man kann gebannt mit Textbuch zuhören oder die Musik einfach laufen lassen - wunderbar.

02 Camille                Oui (mehr dazu < hier >)
03 Halsey                 Hopeless Fountain Kingdom (< hier >)
04 Benjamin Clementine    I Tell A Fly
05 M                      L'amomali (mehr dazu < hier >)
06 Morrissey              Low In Highschool
07 Alt-J                  Relaxer
08 Sylvan Esso            What Now
09 Arcade Fire            Everthing Now
10 Högni                  Two Trains

Noch nicht genug gehört - daher nicht berücksichtigt:
Jovanotti                 Oh Vita
Björk                     Utopia
Saint Etienne             HS
Lorde                     Melodrama

 

SONGS

01 Alt-J              Deadcrush


DeadcruDer utopische Klagwahn von Alt-J par excellence, Knack-Beat, verschrobene Melodie, rhythmische Hysterie, Flöten-Bridges und komplett absurde Chöre: Dass diese Musik so viele Fans findet, ist immer noch eines der schönsten Phänomene dieses Pop-Jahrzehnts.


02 Ment              Promise (mehr < hier >)
03 Morrissey         Spent The Day In Bed
04 Halsey            100 Letters
05 Lorde             Sober
06 Alice Merton      No Roots
07 Yasmine Hamdat    La Ba‘den
08 Marika Hackman    So Long
09 Austra            Utopia (mehr dazu < hier >)
10 Fishbach          Un Autre Que Moi (mehr dazu < hier >)

 


Zwinkerndes Ohr

Camilles neue Platte „Ouï“ und ihr dazu gehöriges Konzert in Hamburg - der Höhepunkt der popticker-semaine française

500x500Selbst gestellte Regeln für das Musizieren tun der Musik gut - die französische Sängerin und Musikforscherin Camille ist der lebende Beweis für diese These, jedes ihrer 5 Studio-Alben (und die jeweils ihnen folgenden Konzerten) entstanden unter bestimmten Prämissen, den Chanson im Speziellen und die Popmusik im Allgemeinen zu untersuchen. Während „le sac des filles“ (2002) den französischen Chanson noch einem Stresstest unterzog, der ihn für Camille selber griffig machen konnte, stellte „le fil“, einer der besten Pop-Alben aller Zeiten (2005), den aberwitzigen Versuch da, sämtliche seiner Lieder auf einem Grundton basieren zu lassen - der Grundton, der dem Album seinen roten Faden gab, auch wenn er im Titel ohne rote Farbe bleibt. „Music Hole“ (2008) war ein Album fast ohne Instrumente, hier ging es um Vokal-Akrobatik und Bodypercussion, und auf „Ilo Veyou“ (2011) füllte sich das Musikloch, das keines ist, wieder mit Instrumenten - Standbass, Ukulele, Zither, präpariertes Klavier, Banjo und vieles mehr stellten die Basis für ein aufs Mindeste reduziertes Sonwriting, bei der sie im Band-Klang dann urplötzlich im Jazz und Folk landete. Ihr neuster Streich nun „Ouï“ erschienen im Juni dieses Jahres, sucht den Ursprung des Songwritings nun im Percussiven.

Den Grundstock bilden hier überliefert wirkende Gesangs-Melodien, welche auf den Beats von allerlei bizarren Trommeln aus verschiedensten Kulturkreisen ruhen, und manche der neuen Lieder werden zusätzlich von flächigen bis elektropoppigen Keyboards unterwandert, woraus ein Stilmix resultiert, den man so noch nie von Camille gehört hat. Das ist also durchaus ein erneuter Geniestreich dieser Musikerin - aber leicht hat sie es dieses Mal selbst Fans nicht gemacht, denn, was dem Album ein wenig als Einstiegshörhilfe fehlt, ist ein ein kleines zwinkerndes Auge (oder auch ein zwinkerndes Ohr, wenn man so will), das Quentchen Humor, das sonst immer in ihrer Musik zu hören ist. Es nicht so, dass „Ouï“ frei davon wäre, aber das Ganze ist subtiler - „Twix“ zum Beispiel kommt nahezu beat-archaisch daher, mit einer zum Ende hin schreienden Camille, aber was sie eben singt und schreit, ist, dass, wenn man ein Twix einpflanzt, nichts wachsen wird - man muss also schon genau hin hören und gut französisch können, wenn das mit zwinkerndem Ohr hören möchte.

„Ouï“ ist in wesentlichen Teilen in einem ehemaligen Kloster aufgenommen, und die Erhabenheit der Klangräume, in denen hier gesungen und getrommelt wurde, hat sich umstandslos auf das Album übertragen - jene geschichteten Camille-Chöre, die eine Konstante in dem sich sonst ständig verschiebenden Klangbild von ihr sind, bauschen sich hier zu fast sakralem Charakter, und so kommt es auch, dass man eins ums andere Mal glauben könnte, man habe es bei den Lieder mit uralten, überlieferten Liedern aus dem Mittelalter oder der Renaissance zu tun - wirkliche der Fall ist dies nur bei „Je mène les loups“, welches Camille dann mit Dancefloor-Synthies bis in die Disko treibt, wo es tatsächlich, ich habe in Bielefeld auf einer Party mal aufgelegt, trefflich funktioniert.

Camille_live

Das Album mag also ein wenig hermetischer sein als die vier anderen - von den Konzerten, die sie mit „Ouï“ spielt, kann man das nicht behaupten - gerade war sie für leider nur zwei Auftritte in Deutschland, wochenends in Berlin, gestern hier bei uns in Hamburg. Camille-Konzerte waren schon immer eine Offenbarung, und auch dieses Mal sieht und hört man etwas, das man so sonst noch nie gesehen oder gehört hat. Camille hat sich dieses Mal eine recht schlanke Band zusammen gestellt - ein Keyboarder, zwei Percussionisten (an drei verschiedenen Trommelstationen, eine auch mit elektronischen Pads) - mehr braucht es dieses Mal nicht. Aus dem vermeintlich spärlichen Ensemble kommt ein erstaunlich vielschichtiges Klangbild, die Vier musizieren in begeisternder Spielfreude und Präzision. Im Zentrum bleiben dabei immer Camilles Sangeskünste, ihr virtuoses Wechseltheater in verschiedenste Stimmklangräume, von chorischen Höhen zu bluesigen Tiefen, von schreiendem Krächzen zu sanften, fast zerbrechlich naiven Melodie-Linien - der Höhepunkt vielleicht, wie sie innerhalb weniger Momente vom euphorisch-archaisch zeitlos traditionellem Dancefloor von besagtem „Je mène les loups“, das sie zu Ende hin hinaus schreit, zum langsamen, getragenen „Pâle Septembre“ wechselt, wo sie auf einmal selber am Klavier sitzt und mit kurzer Geste das Publikum zum Wölfeheulen anhält.

Die Songauswahl bedient sich aus dem Katalog sämtlicher Alben - liegt der Schwerpunkt zu Beginn auf „Ouï“ (von dem sie nur 2 Lieder gar nicht spielt), tauchen im zweiten Teil des Konzertes die Lieder anderer Alben auf, die sich mit dem Ensemble, das sie dieses Mal dabei hat, gut erspielen und interpretieren lassen: „Paris“ aus dem Debut, „Ta douleur“, „Au Port“ von meiner Lieblings aller Lieblingsplatten „fe fil“, „Home Is Where It Hurts“ und „Winter Child“ von „Music Hole“ und „Allez Allez Allez“, „Mars Is No Fun“, „My Man Is Married But Not To Me“ und den Titelsong von „Ilo Veyou“ - und als Zugabe „Tout Dit“, das sie dann ganz alleine singt - wunderbar. Ich kann nur an jeden Leser immer wieder appellieren: Hört Euch diese beste aller Popsängerinnen an, sie ist wunderbar.


Anomalie Lanomali

Mathieu Chedids Weltmusik auf seinem neuen Album

Solche Platten gibt es eigentlich gar nicht mehr: Mathieu Chedid ist nach Mali gereist, um mit dort beheimateten MusikerInnen eine Platte einzuspielen - eine Vorgehensweise, die im gewissen Sinne in den 80ern von Paul Simon, Peter Gabriel oder David Byrne erfunden wurde, und die natürlich nur dann funktionieren kann, wenn nicht WEB-M-LAMOMALI-Kulturkolonialimus bei rum kommt, wenn also die vermeintlich im Vordergrund stehenden KünstlerInnen hinter der dabei entstehenden Musik zurücktreten können. Das aber ist eine Größe, die Chedid, der sich in Frankreich schlicht „M“ nennt, durchaus hat, und sein in weiten Teilen also in Bamako eingespieltes Album „Lamomali“ ist im Grunde genommen sowieso die Platte eines Trios: Die beiden Kora-Spieler Sidiki und Toumani Diabaté, Vater und Sohn, sind bei sämtlichen Songs als Mitkomponisten und -musiker genannt - hinzu kommen etliche Gäste wie die wunderbare Singer- und Songwriterin Fatoumata Diawara, der malische Rapper Oxmo Puccino, die Soulsängerin Santigold oder der afrikanische Sänger schlechthin - Youssou N‘Dour.

Es gibt nun also Songs auf „M“s Album, bei dem man ihn sozusagen mit der hörenden Lupe suchen muss, bei denen er sich darauf beschränkt, drei oder vier Zeilen zu singen und ansonsten mit Funk-Riffs der Gitarre den Kora-Flächen zu folgen. Doch genug der Umschreibungen: Bei so vielen grossartigen MusikerInnen und SängerInnen muss doch wohl tolle Musik bei heraus kommen - ja aber natürlich! Dieses Album ist Musik gewordene Utopie, ein Schnittmengen-Experiment des Sound-Clashs, ein Dokument der Lebens- und Tanzfreude, es ist Afrobeat, Reggae, Funk, Chanson, Rai, Rock, Chamberpop und Wave-Musik - es ist Weltmusik, wie es sie leider kaum mehr gibt, ganz sicher eine der schönsten Pop-Musiken der letzten 12 bis 17 Jahre.

Für Mathieu Chedid, seines Zeichen Sänger, Songschreiber, Co-Songschreiber, Gitarrist, Produzent und Filmmusik-Komponist vermutlich so etwas wie ein Opus Magnum - und „Bal de Bamako“ ist jetzt schon ein All-Time-Party-Favourite - der Song funktioniert auch dann, wenn man ihn zum ersten Mal hört, und wer da nicht tanzt, der tanzt eher nie.