Wunderbar!

Songs zum Sonntag

Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.38heute aus Norwegen /// 170722 /// a-ha / I’m in /// Seit einer Doku über die Band „a-ha“ wissen wir, dass die drei Norweger mitnichten drei enge Freunde sind, sondern für ihre Existenz als Band über Missgunst, Skepsis und Genervtheiten hinweg kämpfen müssen. Einmal haben sie sich auch schon aufgelöst und dann wieder zusammen gerauft. Nun erscheint Ende des Jahres eine neues Album, „True North“, und die erste Single ist soeben erschienen Sie heißt „I’m in“ und ist ein klassischer a-ha-Song: orchestraler Pathos, Harkets Falsett-Gesang und getragene Melodie - Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.19immer ganz nah zu Kitsch und Bombast bekommen sie auch hier wieder die Kurve zu nonchalantem Pop. So treu sie sich da also bleiben - brauchen tut man das nicht, aber dass sie das, was sie können, immer noch können, ist schon auch toll. /// Ka2 & Gabrielle / i natt /// Bleiben wir doch einfach mal in Norwegen: „Ka2“ spielen einen herrlichen Synthiepop mit sommerlichem easy-listening, ablenkend gut gelaunt und fluffig. Ihre neue Single mit der ebenfalls norwegischen Sängerin „Gabrielle“ ist in meinem iPhone schon zum Sommerhit geworden: Uptempo-Mittwipp-Beat, flächige Synths und herrliches Norwegisch, das ich so gerne höre - nordischer kann ein Song kaum in die Sonne passen. /// Links /// a-ha / I'm in (video) /// Ka2 & Gabrielle / i natt (audio) ///


/// Songs zum Sonntag /// 220522 ///

Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.26.11/// "BABE" ist eine Band, die fast schon nach IDEAL klingt. Und aus Berlin sind sie auch. Aber eben eine junge Band, ein Duo - schorfige Gitarren, Drauhautrommeln und ein wenig Echo-Effekte in Popräume - drei Singles gibt es bisher, und wie diese heißen, setzt auch ein wenig die thematische Farbe: „Irgendwie egal“, „Keiner kennt Dich“ und „Dagegen“. Um Letzteres Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.24.58„Dagegen“ soll es hier gehen, ein Song wie ein Rant gegen das Alleinsein mit plötzlicher Melodie, wodurch eben wütender Pop entsteht. Wie immer, wenn junge Leute irgendwo gegen sind, fragt man sich irgendwann auch mal, wofür sie denn dann auch sind, aber es is das Privileg der Wut und der jungen Menschen, darauf keine Antwort haben zu müssen. Für einen Song reicht es allemal. Da warte ich gerne auf mehr. /// Bisschen Wut würde der Band „Jante“ vielleicht ganz gut tun - ihre Jack-Johnson-Referenz-Single „Zeit, dass es warm wird“ kommt so relaxed daher, dass man, wenn man nicht gerade im Rosé in der Hand Lachs auf dem Grill wendet, ein wenig ins Zucken gerät: Macht doch mal ein wenig Power Freunde, Bildschirmfoto 2022-05-22 um 13.26.38ihr seid doch eine Band! - aber ein wenig Rosé-Sehnsucht tut doch vielleicht auch ganz gut, und thematisch an Rudi Carrels „Wann wird’s mal endlich wieder Sommer“ zu erinnern, kann man auch nicht wirklich verurteilen. /// Maggie Roggers, deren Home-Made-Dreampop einst einen berühmten Produzenten Tränen in die Augen trieb, ist auch entspannt, aber ihre neue Single "That's where I am" hat auch blumige Tiefe, erzählt in kurzen Momentaufnahmen von New York und ist ein klassische Songwriting-Ballade irgendwo zwischen Folk und Synthpop. Die Art und Weise, wie hier aus recht privaten Zeilen gesellschaftlich Übergreifendes aufscheinen lässt, ist eine Kulturtechnik britischen Pops: „I found a reason to wake up / Coffee in my cup / Start a new day / Wish we could do this forever / And never remember / Mistakes that we made.“ - mich rührt das zutiefst, ein wunderbarer Song. ///

Links zu den Musikvideos:

BABE "dagegen"

Jante "Zeit, dass es warm wird"

Maggie Rogers "That's where I am"


Aus dem Zeitgeist gefallen, denn der hat enttäuscht

„auf Sand gebaut“ - so toll kann Deutschpop sein

Mit Florian Paul und seiner Kapelle der letzten Hoffnung“ haben wir uns hier schon einmal zweimal beschäftigt - namentlich mit den Singles „Zeitgeist“ ( < hier >  ) und „Heile Welt“ ( < hier > ) - heute nun erscheint von dieser großartigen Band das zweite 88314318-86d2-544c-90a7-720fb3232d1bAlbum „auf Sand gebaut“ - und es ist wunderbar geworden; mutmasslich die beste Platte mit deutschsprachiger Popmusik mindestens dieses Jahres: Der Orchesterpop mit Vaudeville-Bläsern, Balkanbeats, Zirkus-Pathos, Gypsy-Gitarren, plötzlichen Trompeten-Soli und überhaupt Jazz-Verve trägt auch über Albumlänge, ja, dann wird eine Welt draus, in die man eintauchen, in die man verreisen, zu der man kochen und so manches vorletztes Glas trinken möchte - getreu dem Motto „Erst wenn die letzte Schlacht wirklich verloren ist, dann macht das Leben wieder Spass.“ - diese Musik versetzt Dich in ein Stück von Brecht mit Musik von Eisler, und im nächsten Moment bestellst Du noch einen Schnaps ... stehst aber einsam in Deiner Küche.

Auch stille Stücke kann diese Kapelle der letzten Hoffnung: „Schatten“ ist eine stetig crescendierende Ballade am Morgen, vielleicht, nach einem One-Night-Stand, Champerpop, der sich mit immer mehr Instrumenten gegen den Kitsch auflehnt - und auch hier Zeilen, die man so noch nicht gehört hat: „Schau mich nur einmal so an, als ob da niemand mehr hinter mir steht, als ob da niemand mehr vor Dir geht, der einen Schatten wirft … auf uns.“  Die Stimme von Florian Paul, der auch die Lieder schreibt, trägt dabei mit tremolofernem Pathos durch die Kneipe, ohne sich der Versuchung des trunkenen Schmetterns hinzugeben, und hinter aller melancholischer Skepsis bleibt eine Spur Klarheit und Vernunft, hinter jeder Ecke des Weltuntergangs schaut man auf eine unklare letzte Hoffnung - der Name ist Programm. 

Diese Musik ist auf herrliche Weise aus der Zeit gefallen und passt genau deswegen in die Zeit.

Link: < Website > von Florian Paul und der Kapelle


Kafkas Tomatensaft

„Forian Paul + die Kapelle der letzten Hoffnung“, ihre neue Single "heile Welt" und das Video dazu, das ein Trailer ist

Zeitweise, noch vor der Pandemie, konnte man in den Speisewagen der Deutschen Bahn das Gefühl bekommen, das alkoholfreie Weizenbier sei das Adäquat zum Tomatensaft im Flugzeug geworden - man bestellt es wie selbstverständlich kurz nach Göttingen, obgleich man niemals sonst alkoholfreies Weizenbier trinkt, und am Nebentisch bestellt es dann auch jemand - eben so, wie man Tomatensaft trinkt, wo die Freiheit wohl grenzenlos scheint. Aber einmal bekam ich es nicht, mein Weizen ohne Alkohol.

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Es war im Eurocity nach Prag, auch wenn ich nur nach Berlin fuhr, der Zug geht nach Tschechien, und führt einen tschechischen Speisewagen, das Essen dort ist viel besser, aber Weizenbier haben sie nicht, jedenfalls kein Alkoholfreies. Aber sie sind ein wenig altmodisch eingerichtet, viel schöner als die modernen ICEs oder der hässliche ICE 4 gar, der gar keine Speisewagen-Flair mehr entfachen kann, und ich schaute aus dem Fenster des tschechischen Speisewagen-Flairs mit einem Bier ohne Weizen und ohne ohne Alkohol, und ich denke damals auf einmal: Bin ich hier also in einem Wes Anderson-Film.

„Wie in einem Wes Anderson Film“ ist ein wenig die Allzweckformulierung für farblich abgestimmte Retro-Atmosphäre mit Einsamkeit und schrulligen Menschen geworden, und vielleicht geht einem heutzutage „bisschen wie bei Wes Anderson“ all zu rasch über die Lippen - so wie „kafkaesk“. Wes Anderson steht also im selben Verhältnis zu Kafka wie das alkoholfreie Weizen zum Tomatensaft. Naja. Sicher ist indes: Von meinem tschechischen Bier hätte ich vielleicht gar nicht erzählen sollen, denn um so weniger glaubwürdig habe ich mich dadurch gemacht, wenn ich nun sage: Das neue Musikvideo zu dem Song „Heile Welt“ von „Florian Paul + die Kapelle der letzten Hoffnung“ wirkt ein wenig wie aus einem Film von Wes Anderson Film gegriffen. Ich habe es aber dennoch so eingeleitet, weil ich poetischer darüber schreiben wollte, als über andere Deutschpopmusik.

Heile Welt CoverIn erwähntem Musikvideo jedenfalls wohnen eine Frau und ein Mann in einem Raum, den sie nicht zu verlassen scheinen - weil sie nicht wollen, weil sie nicht können, weil sie nicht dürfen? Wir wissen es nicht. Verpflegt sind sie ausreichend mit Ravioli in Dosen, die ein wenig an Warhols Tomatensuppe erinnern; und das ganze Szenario also ist farblich abgestimmt und schrullig. Manchmal wackelt ein Regal. Ungglücklich scheinen die beiden nicht, aber insbesondere die Frau sehnt sich woanders hin, möchte hinaus, offenbar gibt es noch andere Räume, und an sich wähnen die beiden diese Räume leer. Später werden sie diese anderen Räume erkunden, die Frau wird vorgehen, und sie werden auf andere Leute treffen, eine Bar, eine Party, das sieht man auch hier schon, aber wirklich erzählt wird dies wohl erst in dem gesamten Film, denn dieses Musikvideo ist gleichermassen ein Trailer zu einem Musikfilm, und dieser Film begleitet die neue Platte von „Florian Paul“. Film wie Platte werden „auf Sand gebaut“ heissen - ein ungewöhnliches Vorhaben mit deutscher Popmusik, von dem wir hier im Popticker noch hören werden.

Florian Paul und seine Kapelle haben den Sound ihrer Musik schon in ihrem Band-Namen ein wenig beschrieben: Chamberpop, eine Stimme, eine Kapelle; ein Popentwurf irgendwo zwischen „Element Of Crime“, Hamburger Schule und Max Raabe. Florian Paul singt mit leidenschaftlicher Beiläufigkeit poetische Geschichten, die er als Regisseur seines Musikfilms nun auch visuell erzählt. Die Single „Heile Welt“ ist eine getragene Piano-Ballade, eine skeptisch leise Aussicht auf Besseres: „Mach das Licht aus, schau die Welt geht endlich unter, doch wir haben uns eine neue ausgedacht.“ - mich persönlich berühren Lied wie Musikvideo sehr, weil ich in der Melancholie der Skepsis eine Denkfigur der Hoffnung spüre, die in diesen Zeiten gesund sein dürfte.

Links zu "Florian Paul und die Kapelle der letzten Hoffnung"

< Website >

< Musikvideo "heile Welt" / Trailer "auf Sand gebaut" >

PS - nun ist mir endlich eingefallen, an welche Band mich diese Musik noch erinnert, auch wenn das mit dem "die klingen ja wie ..." immer auch ein wenig blöd ist: The Nits - insbesondere an deren Platte "Adieu, sweet Bahnhof"

 


Schönheit und Anmut

Tears For Fears mit neuem Album nach 18 Jahren Pause

Wenn man sich die Geschichte der Popmusik anschaut, so könnte man als eine ihrer Mechaniken die Sehnsucht vieler Genres nach ihrer eigenen Entgrenzung betrachten - als wären also Genres und Sub-Genres, Kategorien und Schubladen der Popmusik Organismen, die aus sich selber treten möchten, durch Zellteilung, um Bild zu bleiben. Und es braucht gleichermassen Bands und Interpret:innen, die ihr jeweiliges Genre am Leben halten, ausdifferenzieren und es hegen und pflegen, als auch solche, die dem natürlichen Instinkt nach Erneuerung und Entgrenzung nachspüren. 

Wenden wir nun diese Sichtweise auf den Synthiepop der 80er an, so fallen einem sofort für beide Vorgehensweisen Beispiele eine - Bands also, die dem Synthiepop treu blieben und teils bis heute sind - wie a-ha, Depeche Mode, Eurythmics oder die Pet Shop Boys; genauso wie Formationen, die Auswege aus den doch recht starren Popentwürfen des New Wave suchten. Hier wären Talk Talk zu nennen, die zwar schon ihrem eigentlichen Genre  ein paar der elegantesten, und verschachtelsten Hits der 80er überhaupt abrangen, sich aber dann auf den Weg machten, orchestrale und jazzige Elemente in ihre Musik zu ziehen und einen Artpop kreierten, der in seiner düsteren Spleenigkeit bis heute seinesgleichen sucht; oder Spandau Ballet, die den reinen Synthiepop tatsächlich als eine der Ersten ad acta legten, nämlich als dieser noch gar nicht richtig boomte: Ihr 1984 erschienenes, drittes Album “true“ definierte ihren Signature-Sound: Loungepop mit Spuren von Rock, unfassbar weissem Soul und einer gehörigen Prise Barjazz. Oder aber, um die solle es heute gehen, Tears For Fears. Das Duo hatte mit „shout“, „mad world“ oder „everybody wants to rule the world“ veritable Hits und hätte es sich damit bequem machen können. Stattdessen nahmen sie ein riesiges Budget in die Hand, engagierten das Who is Who der damaligen Popmusik als Gaststars und nutzten Beatles’ „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ als Blaupause für eine Flucht aus dem Synthiepop: Drei Jahre Arbeit mündeten 1989 in dem Album „seeds of love“, eine virtuose Melange aus Artpop, Jazz, Blues, Folk und ihrer musikalischen Heimat, dem New Wave. Auf dem Weg zu dem Album feuerten Curt Smith und Roland Orzabal die eigentlich angedachten Produzenten Clive Langer und Alan Winstanley, und Orzabal übernahm den Job dann selbst.

Cover-tippingpoint

Und auch für ihr diesjähriges Comeback feuerten sie Soundtüfteler: Ihr eigentliches Label verordnete ihnen die Hipster-Produzenten Florian Reutter und Sacha Skarbek, aber das hat wohl nicht funktioniert. Wie dem auch sei: 18 Jahre nach ihrer letzten Platte ist im Februar nun „the tipping point“ erschienen, eine erratisches, philosophisches, nachdenkliches Werk, auf dem nicht die Machart, der Stilmix und der Bombast im Vordergrund stehen - sondern Songwriting. Die Lieder handeln vom Alter, vom Tod, von der Welt und der Eigenwahrnehmung, und Tears For Fears ziehen die Register ihrer Soundmittel behutsam und virtuos, um diese ihre Lieder emotional nahe zu bringen - der Opener "no Small thing" klingt nach Folk und 70er, der Titelsong zieht breite Flächen mit dem dem Synthesizer, "my demons" ist stampfender Rock, um nur drei Beispiele zu nennen. Und wie sie sich gesanglich einbringen, paritätisch, ergänzend, chorisch, abwechselnd, widersprechend oder zustimmend, das beherrschen sie nach 30 Jahren Bandgeschichte mittlerweile perfekt - man macht schon gar keine einzelnen Stimmen mehr aus, sondern man verortet den Gesang ganz einfach bei Tears For Fears. Das Duo schöpft aus der eigenen Geschichte und steht sowohl zu seinen 80er-Wurzeln als auch zu den Eskapaden ihrer Befreiung aus den 80ern, und ebendiese Versöhnung mit allen Phasen der Bandgeschichte macht "the tipping point" zu einem Alterswerk und befreit quasi "the seeds of love" von der Last, ein Wendepunkt zu sein. Schönheit und Anmut dieser Musik sind wohl das Ergebnis einer langjährigen Frage, wie Popmusik sein kann.


Schaltstellen zwischen Traum und Realität

Bildschirmfoto 2022-03-20 um 09.49.48/// Songs zum Sonntag 200322 /// Arcade Fire, diese wunderbaren Musiker:innen, sind eigentlich gar nicht sonderlich originell im Songwriting, im musikalischem Sinne - großartige Texte haben sie. Aber sie sind nicht dafür bekannt geworden, Riffs und Melodien zu finden, die man noch nie gehört hat. Ihre Stärken liegen seit je her in den Schaltstellen, in den plötzlichen Umschwüngen, in Dramaturgien. Gerade bei ihren letzten beiden Alben „Reflektor“ und „Everything now, auf denen sie sich in Disco-Richtungen tummelten, hörte man euphorische Shifts, in denen man beim Tanzen seine Arme wegschleudert, in gehörte Räumlichkeiten hinein, wodurch man sich allein beim Hören (man muss dazu nicht einmal tanzen, aber es hilft) irgendwo anders hinfühlen kann. Was soll Pop mehr erreichen? Da nimmt es jedenfalls nicht wunder, dass die neue Single des kommenden Albums aus zwei Liedern besteht: Während „The Lightning I“ mit seicht verstimmten Klavier Bildschirmfoto 2022-03-20 um 09.49.23und den beiden Stimmen von Régine Chassagne und Win Butler an den Space-Folk ihres ersten Albums „Funeral“ erinnert, ist „The Lightning II“ dann eine the-who-artige Rock-Nummer, der man anhört, dass Arcade Fire zuletzt auf Tanzflächen schielten - und wer schielt denn nicht auf Tanzflächen. Das Geheimnis liegt in der Schaltstelle zwischen den Songs, < das Video > hier beinhaltet beide. Große Vorfreude also auf das Album „WE“, das im Mai erscheint. /// Im Juni dann kommt auch eine neue Platte von „M“, der in Frankreich nach wie vor eine der größten Nummern ist. Sein Chanson-Funk mit Rock-Gitarre ist aber auch unwiderstehlich - jetzt eben wieder: Titelsong seines nächsten Albums „Rêvalité“ ist soeben erschienen. Hier bringt er das Kunststück fertig, unter erwähnten Funkrock noch kitschige Streichersätze zu mischen. Das kann so auch nur er. Und seine Schwester übrigens. „Rêvalité“ ist eine Wortschöpfung aus den französischen Begriffen für Traum und Realität, und so braust das Lied fort: < VROMMM! > ///


Viele As

Camila Cabello und ihr neues Lied „Bam Bam“

Der Refrain des ersten Solohits der Kubanerin Camila Cabello ging so: „Havana, ouh nana“. Der Chorus ihres neuen Songs lautet nun: „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam.“ - man könnte also leicht konstatieren: Latino-Riff und -beats und ein Refrain mit vielen „A“s - fertig ist die Laube - respektive ein Camila Cabello-Song. Und natürlich stehen diese Lieder für bestürzende Banalität und Bildschirmfoto 2022-03-18 um 23.00.28sind gleichzeitig Zeugnis einer postdepressiven Musikindustrie, die im Streaming endlich die Antwort auf die Raubkopie als solche gefunden hat. Aber man darf es sich auch nicht zu einfach machen. Wenn in dem Song „Bam Bam“ in der zweiten Strophe plötzlich Ed Sheeran seinen Popentwurf über den Latinosong stülpt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir es hier mit einem globalisierten Naivitätskonzept zu tun haben, eigentlich dem besten Pop der Welt, eine Ablenkung von allem, die Einbildung, wir könnten es letztlich mit einer Welt zu tun haben, die ohne nennenswerte Probleme dahin grooved. Das ist dann in der Tat auch die Botschaft des Songtextes: Lass dich nicht von Kleinigkeiten unterkriegen, „Lebbe geht weider“ - würde der Hesse sagen, und Camila Cabello sagt halt: „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam“. Das mag in Zeiten von Corona und Krieg auch eine Ohrfeige sein, aber die Unverfrorenheit, mit der die nass gewordene Cabello dann halbnackt durch einen Waschsalon tanzt und „Ba-da, bam-bam-bam-bam, bam-bam“ singt, hat auch etwas Tröstendes. Wie man es dreht und wendet: Beknackter und besser kann Popmusik kaum sein.


Autorinnenpop aus dem Flur

Die famose EP „side effects of being human“ der slowakischen Sängerin Karin Ann

Als ich heute den Promoter von Karin Ann eine Mail schrieb, ich hätte heute doch meine Gedanken woanders als bei Popmusik, musste ich fest stellen, dass das so gar nicht stimmt. Ich finde im Gegenteil: In der Flut der Überinformation, in der man immer auch das Hirn darauf einstellen muss, dass möglicher Weise die Hälfte von dem, was man liest, falsch ist oder auf Falschem beruht, kann es in nahezu kathartischem Sinne befreiend sein, über etwas nachzudenken, über das wir Überblick haben - Popmusik zum Beispiel. Vielleicht ist das gar ein Grund, warum man sich überhaupt damit beschäftigt: Hier zählt der behauptete Überblick, die Schönheit von Thesen.

Schöne These also: Von Karin Ann werden wir noch mehr hören. Von allem, was mir, seit mir Promoter:innen Musik zu schicken, über die ich bloggen könnte, zugespielt wurde, sind diese Songs das Beste: Karin Anns Popentwurf ist trockener Trap-Rock direkt aus dem Flur zwischen Tonstudio und Schlafzimmer, ein herrlicher Mix aus der Grenzenlosigkeit jugendlichem let’s-go-Geist und der Bildschirmfoto 2022-02-25 um 11.02.19Unsicherheit der ausgehenden Pubertät. Als fast 50-jähriger Mann bin ich mutmasslich nicht der wichtigste Adressat dieser herrlichen Popmusik, aber ich erkenne darin mich zu Beginn der 90er wieder, einige Monate, einhalb Jahre, in denen ich kurzzeitig nicht so recht wußte, was ich hören soll, und gleichzeitig, soviel ist ebenfalls sicher, kann ich Karin Ann meiner 14-jährigen Tochter empfehlen: Sie wird das mögen.

Karin Ann hat sich bereits in ihrem Heimatland, der Slowakei, und in der dortigen LGBTQ+-Community einen Namen gemacht und hat gerade eine neue EP veröffentlicht - diese heißt „side effects of being human“ und nicht nur angesichts dieses tollen Titels und der Anzahl der acht (!) Songs, vor allem aber aufgrund der Stilvielfalt der hier versammelten Musik ist der Name EP eigentlich schon eine Untertreibung, ein Understatement: Ich empfinde das als Album. Opener „almost 20“ setzt mit seiner gradlinigen Popmelodie, seinen verzerrten Gitarren und dem braffeligen Beat im Sound schon mal die wesentlichen Duftmarken, bevor dann der zweite Titel „i’m a loser“ an Benees Hit „supalonely“ von vor zwei Jahren erinnert. Wir surfen auf „side effects of being human“ dann noch durch Punk, bekommen eine Pianoballade mit Billie-Eilish-artigen ASMR-Voice-Recording geschenkt und streifen Postpunk und Indiefolk. Und, speaking of Billie und Benee, das ist schon die geistige Heimat dieser Musik: Coming-Of-Age-Pop von nachdenklichen und unfassbar talentierten Musikerinnen, eine Art Autorinnenpop 2.0 - und ich gendere hier bewusst nicht, denn mir fallen hier als Referenzen keine Männer ein.

Promo-Texte sind natürlich ein uns andere Mal übertrieben, und das wissen deren Autor:innen sicher auch, aber die Formulierung „Wir sehen hier absolut Potential, dass sie ein nächster „Superstar“ wird“ halte ich für absolut angemessen und realistisch.

< Linktree Karin Ann >


Der Weg streift viele Ziele

Die tolle EP „VOID!“ von Ann Sophie aus dem Jahre 2019

Der Song "Tornado" der Sängerin Ann Sophie hat eine merkwürdige Struktur: Die Strophe hat das melodisch-euphorische Momentum eines Refrains, die Bridge das Lakonische einer Strophe, und der Refrain dann plötzlich die die Atmosphäre einer Bridge. Wir haben es hier also mit einer gewissen Unterwanderung von Erwartungen zu tun, und das ist schon mal toll. Hinzu kommt die Tatsache, dass Ann VoidSophie in der Lage ist, jedem der genannten Teile eine andere Stimmfigur zuzuordnen, und diese natürlich auch zu singen: Während die ersten Zeilen in souligem Timbre erklingen, fährt sie die Stimme für die Bridge zurück in einen jazzigen Trotz, bevor der Refrain nach 80s-Synthpop klingt. Die Modulierung ihrer Stimme ist ohnehin die Stärke dieser Sängerin - man höre sich nur einmal ihren Auftritt mit „Creep“ bei „The Voice Of Germany“ an, bei dem sie in zwei Minuten, den Radiohead-Song zu einem verschleppt-verschobenen Jazz-Beat mit merkürdigen Gitarrenlicks in verschiedene Stimmfärbungen hinein singt - famos; zumal bei einem Song, der seinerseits quasi ein Cover von Hollies’ „the air that I breathe“ und inzwischen eben auch ein wenig über-covert ist.

Aber Entschuldigung - hier soll es ja um Ann Sophies bereits vor zweieinhalb Jahren erschienene EP „VOID!“ gehen, auf der sich neben erwähntem „Tornado“ vier weitere Songs befinden. Die Stärken dieses Kurzalbums sind im ersten Absatz schon angeklungen: Obgleich der Sound hier an sich klassischer Pop mit Prisen von Soul ist, singt Ann Sophie als Interpretin ihrer eigenen Songs sie als Jazz-Lieder, und auf diesem Weg streift sie Stimmfiguren aus anderen Genres. Das leicht sphärische „Bye Boy“ fliegt so in Elektropop, die klassische Klavierballade „Like You II“ tropft in Tears-For-Fears-artigen Artpop, „Puzzle Pieces“ dann verbleibt im Synthiewave; wenn man bei dieser Stimme überhaupt vom Verbleiben sprechen mag: Diese Frau singt einfach, als gäbe es mehr Gesangsregister als Brust- und Kopf-Stimme, und sie wechselt ihre Modulationen aus dem Nichts und zu den Schaltstellen ihrer Songs. Das ist wirklich faszinierend. Wenn ich mir irgendwas von diesem Popjahr 2022 wünschen kann, (ausser natürlich: endlich wieder Konzerte) dann sind es mehr Songs von dieser aussergewöhnlichen Popsängerin. 


Kräuter der Provence

Sound und Parolen sind heute narrativer: Die neue Platte von Tocotronic

Drei Menschen wünschen sich „nie wieder Krieg“ in dem Lied „nie wieder Krieg“ von Tocotronic: Ein Mann auf einer Raststätte, eine Frau auf einem Balkon und ein vom Mond und von Dir beobachtetes Kind. Wie diese spezifischen Skizzen von Situationen, in denen die geschrieene, auf behauchtes Fenster und an eine Wand geschriebene, jeweils sehr subjektive Sehnsucht, es möge nie wieder Krieg geben, eine klassische Tocotronic-Parole in eine Geschichte dreht, steht ein wenig für die Dramaturgie der Band Tocotronic im Allgemeinen: Ihre Anti-Floskeln sind heute Narrative.

Bildschirmfoto 2022-02-03 um 09.15.09Daran kann man wiederum auch, noch allgemeiner dann eigentlich, ablesen, wie schwer es ist, den Kern von so etwas wie einer Band, immer wieder funkeln zu lassen: Popmusik ist so sehr in der Zeit verwurzelt und somit auch in der Alters-DNA der Mitglieder einer Band eingeschrieben, dass der Weg dahin, so zu klingen, wie man eben klingt, immer völlig anders sein kann, auch wenn man dann im Ergebnis hört: Ah, klassisches Tocotronic-Album. Bei „nie wieder Krieg“ wird dennoch deutlich, dass sich nicht nur die Floskeln zu Narrativen gemausert haben, auch der Klang der Band ist sozusagen in den Lücken fülliger geworden, der Sound ist auch narrativer, wenn man so will: Streicher, Gitarren-Arpeggi oder die Sängerin Soap & Sink ziehen die klassischen Toco-Riffs in die Breite, in dem sie sich in die Lücken setzen. Einmal singt Dirk, der noch immer nicht in Seattle ist, fas t schon über diese Vorgehensweise, wenn er eine Pizza aufpeppen will: „Mit Kräutern der Provence / hab’ ich keine Chance“.

Gleichzeitig wird auch die alte Technik, mit einer Zeile der Lyrics die vorangehende in einen anderen Bedeutungszusammenhang zu drehen, perfektioniert: „Ich geh unter / ferner liefen / in die Geschichte ein /das muss dir klar sein / wenn du dich mit mir triffst / die Welt verändert sich / ohne mich“, singt Dirk von Lowtzow in dem Lied „Ich geh unter“, und damit nicht genug, treiben Tocotronic die Sinndrehung über das Zeilenende hinaus auch über Liedergrenzen hinweg, wenn auf der Platte diesem Song „Ich geh unter“ das Stück „Ich tauche auf“ folgt, obgleich, wie wir eben gehört haben, das Untertauchen gar nicht vom Wasser handelt. Und auch der schon erwähnte Titelsong „nie wieder Krieg“ dreht die Parole auf der Rückseite seines Narrativs wieder in die Parole, indem Song und Album mit dem Refrain beginnen.

Vielleicht ist diese Sprachkunst auch überwundener Naivitätsverlust von von Lowtzow, der früher Zeilen schrieb, die partout in kein Lied passten und gerade dadurch ihre Reize entfalteten. Will sagen: Die Nerdigkeit und Weigerung ist dem Formwillen gewichen, und dies stellt sich als sehr würdevolle Art der Alterung einer Band heraus. Ich habe allerdings nie viel Tocotronic gehört, aber dieses Album ist wirklich großartig.