Wunderbar!

Welcome to the Tik-Tok California

Der Konsens ist vom Album in den Einzel-Song gewandert

Wir wissen nicht, ob der viel beschworene Tod des Albums jemals eintreten wird, aber abgesehen davon, dass totgesagte ohnehin länger leben und der Playlisten-Boom eventuell schneller abebben könnte, als das den Content-Providern namens Streaming-Diensten jemals lieb sein könnte, gibt es ein Phänomen der Popkultur, das durchaus dahin siecht: Das Konsensalbum. Die Platte also, die alle haben, meist auch unabhängig davon, wieviel sie dann jeweils gehört wurde oder bis heute wird: R-1089760-1191248179Dire Straits’ „Brothers in Arms“, Portisheads „Dummy“, „Peter Frampton comes alive“, der blaue und / oder der rote Beatles-Sampler, Norah Jones’ „Come away with me“ oder Alanis Morrissettes „Jagged Little Pill“ - um nur ein paar zu nennen. Das Album jedenfalls, auf das sich eine gewisse Zeit alle einigen können.

Aber es gibt natürlich eine Sehnsucht nach dem Konsens, in der Popmusik ist sie ja geradezu konstatierend, aber derzeit eben wird diese Sehnsucht vor allem durch einzelne Songs herauf beschwört und oder (zum zweiten Mal in diesem Text, wow) auch befriedigt. In diesen Songs fallen dann oft bestimmte Erscheinungsformen von Popmusik zusammen, wie ja ohnehin die Produkte des Pops Gefässe verschiedenster visueller, sozio-kultureller und natürlich hörbarer Phänomene sind, und bei den Konsens-Songs, die ich meine, kommt noch hinzu, dass es Lieder betrifft, die auf Vinyl ebenso wie auf CD und im Streaming sowie in sozialen Netzen ein Präsenz entwickeln. Auf Tik-Tok beispielsweise und kollateral wahrnehmbar auch auf Instagram spülen derzeit immer wieder Lieder aus der Schnittstelle von Rock und Pop aus der Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er an die Oberfläche. Da gab es den Skater, der Cranberries-Saft trinkt, Elton-john-dua-lipa-cold-heart-pnauund dazu erklang „dreams“ von Fleetwood Mac, es wurde dem Song „Africa“ von Toto gehuldigt, und jeder Gitarrist, der etwas auf sich hält und das in den sozialen Netzwerken zeigen will, spielt die Solis aus „Sultans Of Swing“ und / oder (3x, Hammer) „Hotel California“ nach. Was diese Lieder gemeinsam haben, ist eine gewisse Unschuld, eine harmonische Weltsicht jenseits von Corona und Klimawandel - auch wenn man das über „Hotel California“ sicher nur über die Musik aber nicht über den Text sagen kann.

Mit gleicher Sehnsucht nach Konsens und nach Wohlfühl Pop ohne Schrägen und Kanten lässt sich vermutlich der wahnsinnige Erfolg der Single „Cold Heart“ von Elton John und Dua Lipa erklären. Der Song ist an sich ein Selbst-Cover Johns und heißt im Original „Sacrifice“. In seiner Urform ist das ein klassische Pianopop-Ballade wie sie Bernie Taupin zu dutzend für Elton John geschrieben hat, aber in der nun seit Monaten in den Top-Ten befindlichen Neuaufnahme wird eine Uptempo-Dance-Pop Nummer mit einer Prise britischen RnBs von Dua Lipa draus - anschlussfähig an Justin-Bieber-Hörer:innen ebenso wie für 49-Jährige Popfans. Ich habe den Song auch gekauft.

Der Konsensfaktor von „Cold Heart“ bietet dabei auch die Bestätigung meiner alten These, dass man in der Popmusik das Neue wieder-erkennt - wir kennen das und können uns doch zunicken: „Das ist fresh! Dua Lipa Ey!“ und gleichzeitig denken wir „Jaja damals, der Elton John.“ (Das geht sogar so weit, dass man bei beiden beiden Versionen meint, „Coco-Heart“ zu hören, obgleich die Lyrics nominell„cold cold heart“ lauten.) Wenn Nostalgie früherer, sorgenfreier Popmusik also in heutigen Netzwerken gepflegt wird, bringt das Post-Charts-Hits hervor. Die Frage, ob jemals jemand „Peter Frampton comes alive“ gehört hat, muss aber auch heute unbeantwortet bleiben.


Songs & Alben des Jahres

Liebe Leser:innen

  • auch in diesem Jahr gibt es hier die Jahrescharts, wie immer streng subjektiv: Was mir gefallen hat. Bei den Songs habe ich auch wieder die weg gelassen, die auf meinen Alben des Jahres drauf sind, sonst wäre ja alles doppelt.
  • David aka popticker

SONGS

Banner_01

  1. Lisa LeBLanc / Pourquoi faire aujourd'hui < video >
  2. alt-j / get better < video >
  3. Cœur de Pirate / On s'aimera toujours < video >
  4. Antje Schomaker / Ich muss gar nichts < video >
  5. Greta Van Fleet / Heat Above < video >
  6. Stromae / Santé < video >
  7. Bertrand Burgalat / L’homme idéal < video >
  8. Olga Garland / Over Your Head < video >
  9. Carwyn Ellis & Rio 18 / Olá! < video >
  10. Francoiz Breut / Dérive urbaine dans la ville cannibale < video >

ALBEN

Banner_02

  1. Claire Laffut / Bleu < channel >  < huldigung >
  2. Lou-Adriane Cassidy vous dit: Bonsoir < bandcamp >  < verbeugung >
  3. Marina / Ancient Dreams In A Modern Land < page >  < lob >
  4. Lorde / Solar Power < page >
  5. Jackson Browne / Downhill From Everywhere < page > 
  6. Tania Saleh / 10 A.D < page > < begeisterung >
  7. Dagobert / Jäger < channel > < einordnung >
  8. Arlo Parks / Collapsed in Sunbeams < bandcamp >
  9. Bess Atwell / Already, Always < page >
  10. Sophia Kennedy / Monsters < label >

Da sind wir nun, unwissend

Die zweite Platte der wundervollen Lou-Adriane Cassidy

Im siebten Song erst kommen die hinreissenden Streicher, die das erste Album von Lou-Adriane Cassidy so dramatisch und schön gemacht haben. Das soeben erschienene Zweite ist in jeder Hinsicht rauher, ungeschliffener und sucht seinen Chanson-Entwurf nicht im Drama sondern gewissermassen im LouIndierock. Schon die Vorabsingle „J’espère encore que quelque part l’attente s’arrête“ war ein kurzer Wutschrei, ein Riff, eine Melodie, die Hoffnung, dass ein nicht näher erklärtes Warten ein Ende hat, und nach nicht einmal zwei Minuten ist das auch schon wieder vorbei. „Lou-Adriane Cassidy vous dit: Bonsoir“ heißt diese Platte, und sie sagt hier nicht nur guten Abend sondern singt natürlich auch  - von diffusen Ängsten, merkwürdigen Zeiten, besagten Hoffnungen und von Sex. Und natürlich Liebe. In 10 Songs von ingesamt gerade einmal 23 Minuten zieht sie unter ihren jazzigen Pop eine Prise Rock, nimmt einen kurzen Beatlesremiszenz-Umweg, zitiert Plastic Bertrand, findet zu einer zynischen Pianoballade und mixt das ganze zu einem diffusen Chansonschaum auf. Zum Schluss teil sie mit: „L’album est finit, nous voici arrivé á la sortie, vas meme decouder, mais ce n’est pas qu’un au revoir: Bonsoir, Bonsoir, Bonsoir.“ - wunderbar. („Das Album ist zu Ende, da sind wir nun unwissend am Ausgang, aber es ist nicht nur ein Abschied: Guten Abend. Guten Abend. Guten Abend.“) Vielleicht sind diese 23 Minuten was für Fans, ich bin einer, aber wer diese unfassbar großartige Sängerin aus Kanada für sich entdecken will, dem sei hier vielleicht eher ihr Debüt-Album „C’est la fin du monde à tous les jours“ ans Herz gelegt - < HIER > meine Huldigung dazu.


Songs zum Sonntag /// 141121 ///

Bildschirmfoto 2021-11-14 um 16.17.39/// Den Preis für den besten Reim in einem Popsong bekommt dieses Jahr vermutlich Antje Schomaker für: „Kann doch nicht sein, dass man nur relevant ist / Wenn man Rapper oder 'n alter weißer Mann wie James Blunt ist.“ Es ist dies eine Zeile in dem wunderbaren Rant in Songform über Pop im Allgemeinen, das Musikbusiness im Speziellen, den Anforderungen, die an eine Sängerin gestellt werden, im noch Spezielleren, und was man eben angeblich alles tun muss, um Indiepop zu machen - nämlich gar nichts. „Ich muss gar nichts“ ist jedenfalls Refrain und Titel des Songs, während die Strophen eben unter anderm aufzählen, was man angeblich doch muss. Vorgetragen ist das Ganze in fast in einem Rap auf Synthiepop, und überhaupt mag ich die Synthiepopsongs von Antje Schomaker wahnsinnig gern, und eben diesen Song noch mal im Speziellen wahnsinnig gerne und meine Tochter im noch Spezielleren noch wahnsinniger gerner. Wenn er nicht in der Bildschirmfoto 2021-11-14 um 16.17.25Küche läuft, schallt er aus dem Kinderzimmer, aber naja, er hat meiner Tochter auch eine Antwort auf Aufforderungen geliefert, wenn sie zum Beispiel aufräumen soll. Zumindest, wenn ich diese Aufforderung mit Müssen verknüpfe. Ich: Du musst noch aufräumen. Sie: Ich muss gar nichts. Aber das Ganze ist es mir wert. Der Song ist super. /// Das australische Produzentenduo „flight facilities“ hat sich für sein aktuelles Album einige Sänger:innen eingeladen - darunter „your Smith“, wie sich Carolin Smith nennt, ach, und wenn die schon mal singt, hat man eh schon einiges richtig gemacht. Der Lofi-Disco-Track „heavy“ floatet entspannt durch ein klassisches Akkordschema mit fluffigem Beat und spätem Synthie-Bass, findet seichte Steigerung, und ist eines dieser Lieder, das nicht viel Aufhebens um sich selber macht, nach seinen 3:22 Minuten aber habe zumindest ich immer bessere Laune als vorher, und wie gesagt: „your Smith“ kann von mir aus das Telefonbuch singen. /// Links: Audio YouTube < ich muss gar nichts > Video < heavy >


Crème da Marrons auf frischem Baguette

Französischer wird’s in diesem Jahr nicht mehr: Claire Laffut und ihr Debüt-Album „bleu“

Der klassische, französische Chanson ist vielleicht die Lebensversicherung französischen Pops überhaupt, der Kern, auf die sich jede musikalische Liebeserklärung, Erneuerung, Distanzierung verlässt, und vielleicht hängt diese Verlässlichkeit, dass Popmusik irgendwie verankert ist, auch damit zusammen, dass der Chanson keine markante historische Pause gemacht hat - französischer Pop greift bis über 100 Jahre zurück, ohne das veranlassen oder auch nur mitdenken zu müssen. Eventuell ist das auch Blödsinn, aber zweifelsohne ist die Popmusik aus Frankreich so vielfältig, wie man sich unsere manchmal wünschen würde, und der Einfallsreichtum, mit denen Popmusiker:innen auf unterschiedlichste Stile zurück greifen und sich aus dem Sound-, Melodie- und Beat-Archiv bedienen, macht zumindest mir einen Heidenspass.

BleuSo auch bei Claire Laffut, bei der die Suche nach Zugriffen, die Wartezeit auf ein erstes Album deutlich verlängert hat. Mit einer Art Lounge-Chanson, der in die Cocktail-Bar zu Gin-Tonic und Mitwippen einzuladen scheint, hat sie sich in Frankreich einen Namen gemacht, und mit Leichtigkeit hätte sie mit diesem Popentwurf ein Album füllen können - sie liess sich aber eben Zeit und veröffentlichte hier und da Singles und EPs. Nun aber ist das Debüt-Album erschienen, und es wird klar, dass sie noch weitere Ebenen in ihren relaxten Pop unterheben wollte - und das dauert dann eben: „MDMA“, der Opener des Albums „bleu“, klingt nach elektronischem Afrobeat, „Sérité“ ist scharfsinniger Synthiepop, „Vertige“ ist doppebödiger Diskofox - nach drei Songs hat man hier schon fünf, sechs Popstile verbaut, und das zieht sich so durch das Album,  und Songs schreiben kann diese Musikerin ohnehin: Stets verschränkt sie surreale Ebenen mit klassischen Zeilen über Liebe und Alltag, und ehe man sich es versieht, spricht sie nicht mehr über Augen, sondern von Magneten, die, wenn sie sich anziehen, kein Alibi brauchen - und man denkt plötzlich: he?

Und diese relaxte Grundhaltung tut gut in einer Zeit mangelnden Überblicks. Es klingt nach Leichtigkeit und Popschwüle, trockenem Rosé mit Kastanienduft und Eiffelturm, Buttercroissant und ein Café au Lait - französischer wird’s nimmer in diesem Jahr (auch wenn Laffut übrigens Belgierin ist), für mich bislang das betörendste Album des Jahres - das Warten hat sich gelohnt.


La La La

Vor 20 Jahren erschien Kylies Kampfohrwurm "Can't get you out my head"

Cant-get-you-out-of-my-head-kylie-minogue

Signature Song nennt man den Song einer Band oder Sänger:in, die unverwechselbar für deren Popentwurf steht und eben diesen vollständig konstatiert und repräsentiert. Gleichwohl diese Signature Songs auch gecovert werden, ist in ihren Variationen immer deren „Herkunft“ eingeschrieben - wer „Can’t get no satisfaction“ nachspielt, spielt sozusagen auch die Stones nach, wer „wonderwall“ trällert, covert auch Oasis als solche.

Vor genau 20 Jahren erschien „Can’t get you out of my head“ von Kylie Minogue, nachdem die eigentliche Schauspielerin in den 80ern vom Produzententrio Stock-Aitken-Waterman als Popsternchen erfunden wurde, und man sie in den 90ern mehr oder minder schon abgeschrieben hatte, und der Song erfand Kylie völlig neu - als postironisch lakonischen Star auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Exakt diese Suche führte sie ironischer Weise eben zu diesem„Can’t get you out of my head“, nachdem den Track bereits „S Club 7“ und Sophie Ellis-Bextor abgelehnt hatten. Das Potential dieses hinreissend banalen Ohrwurms war vielleicht nicht gleich zu erkennen, zumal eine wirkliche Songstruktur nicht existiert. Das Ding beginnt mit einem 4-to-the-Floor-Beat, bei dem ein simpler Synthie-Sound das Riff auf die Und setzt, ein Durchgang dauert genau 15 Sekunden, und so setzt eben nach 15 Sekunden dann auch schon die Hook ein: 15 Sekunden La La La, dann erklingt die Titelzeile, und obgleich noch gar nicht viel passiert ist, befindet man sich mit dieser Titelzeile dann quasi gleichzeitig in Vers und Refrain. Diese merkwürdige Struktur-Verwirrung gepaart mit der entlarvenden Banalität und der straighten Gleichförmigkeit ist der einzigartige Widerspruch, der die mittelmässige Songidee zu einem Meisterwerk macht. 

798480661_1280x720Zu seinem großen Erfolg aber hat natürlich auch das < Video > beigetragen, bei dem Kylie gleich zwei ikonographische Kleider und den weißen Jumpsuit aus der Mitte des Videos trägt, der Jahre später das zentrale Exponat von „Kylie - the Exhibition“ im Victoria & Albert-Museum werden sollten. Und ihr Choreograph erfand zudem emblematische Tanz-Moves - die roboterhaften, scheinbar von den eigenen Händen geführten Kopf-Biegungen zum Beispiel oder das diagonale Arm-Ausfahren zu dessen Linie sich der Kopf wie vor einer Schiene geführt vor und zurück bewegt.

Aber ohne „La La La“ hätte man all dies wohl auch inzwischen vergessen - die unterkomplexe Hook bildet zu Beginn des Nuller-Jahrzehnts den neuen Null-Meridian der Pop-Oberfläche. Der Song schliesst das Kapitel 90er ab und weist auch 20 Jahre später noch nach vorne. Davon zeugen auch die unzähligen Cover-Versionen von Kylie selber, die den Signature-Song ihrer Neuerfindung schon als Samba-, Country-, Bastarpop- oder Jazz-Nummer sang. Man merkt diesen Versionen an, dass Kylie über „Can’t get you out of my head“ zu sich als multiverse, augenzwinkernde Popsängerin fand, die sie bis heute ist - „La La La“, so heißt denn auch ihre vor 10 Jahren erschienene Arbeitsbiografie.

Diesen Song bekommt mana nicht aus dem Kopf.


Pop als Kulturtechnik

Marina findet zu sich mit einem Album des Jahres. Mindestens.

Marina Diamandis, unter ihrem Vornamen bekannt, früher Marina & The Diamonds genannt, schreibt und komponiert Lieder, in denen bereits die Merkmale und Stärken ihres Gesangs, ihrer Stimme, ihr Timbre, ihre Art zu phrasieren mitgedacht sind, ohne dass diese Lieder all zu gedacht wirken. Diese aussergewöhnliche Popsängerin braucht daher keinen Signature-Song, um einen Signature-Sound zu haben. Diese ihre Unverkennbarkeit liegt unter Anderem in der Art, wie sie ohne viel Aufhebens von Brust- zu Kopfstimme und wieder zurück springen kann, wie sie geliehene Akkorde in Melodie-Bögen webt, ohne die Eingängigkeit ihres Popentwurfes zu verlassen, wie sie mit wenigen Tupfern Pop-Lässigkeit in Pathos überführen kann und dabei auch die Disko nie vergisst.

Marina_ancientMag ihre letzte Platte, ein Doppelalbum namens „Love & Fear“, ein wenig ideen-überladen gewesen sein, ihr neuester Streich „Ancient Dreams In A Modern Land“ ist nicht weniger als ein Meisterwerk: Aus Rock, Pop, Jazz, Soul strickt sie einen Zehn-Song-Zirkel, ein feministisches Pop-Pamphlet mit Coolnes an der Klippe zum ironischen Kitsch, ein Empowerment mit fluffiger Popschwüle, eine Selbstermächtigung von und mit Disco und Piano.

All dies wird flankiert von selbstzweifelnd lyrischen Kleinoden, von Songtexten, die plötzliche Tiefen in Bubblegumlieder ziehen, offensive Blödsinnigkeiten in Songs, die von Depression handeln, von scharfer Konfrontation von Traurig- und Fröhlichkeit. Wer schreibt zum Beispiel so eine Strophe: „I’ve escaped many vices / like drugs and alcohol / but I can never escape / the war inside my skull / You know that love’s a gift / but it can also be a curse / always the optimist / dealing with somebody else’s can of worms“. Das Alles für die Pianoballade „Pandoras Box“, die sich auf seichten Akkorden mit Streichern aufbäumt, im Refrain komische Melodie-Kurven nimmt und gerade genug Pathos trinkt, damit man auch beim Hören merkt, dass hier eine Lyrikerin textet.

Dieses Album zeigt Popmusik als menschliche Kulturtechnik - so perfekt, dann man nie Perfektion riecht. Grandios.


Happy Hour again

Vor 35 Jahren erschien das Debüt-Album der Housemartins 

„London 0 Hull 4“ - britischer geht es kaum; allein das Video zu „happy hour“, in dem die vier Housemartins in Anzügen aus dem Büro in ein Pub fliehen, plötzlich Harrington-Jacken tragen und biertrinkend Choreografien tanzen - großartig. Und der Song vereint alle Kompetenzen dieser Band: In 2 Minuten und 22 Sekunden hören wir ein Riff, das sich weder für Refrain oder Mini-Bridge variiert -schöne Melodie, zum Tanzen kann man sich schubsen, (nicht zu doll), auf den Punkt, auf die 12, und unpolitisch war in Thatcher-Zeiten nicht einmal ein Lied über die Happy Hour in einem Pub.

Bildschirmfoto 2021-06-09 um 10.53.59

Ironie der Geschichte, dass diese Band, deren Kompetenzen im dreiminütigen Gitarrensongs bestand, ausgerechnet mit dem  A-capella Cover von „Caravan Of Love“ des Folk-Trios „Isley Jasper Isley“ (später die „Isley Brothers“) bekannt wurden - die Housemartins-Version befand sich auf keinem Album, verhalf aber dennoch „London 0 Hull 4“ zum Erfolg. Die Band selber nahm darauf zum Erscheinen der CD Bezug - auf ihr befanden sich 4 Songs mehr als las auf der Vinyl-Version, und die ein Aufkleber verkündete: „16 Songs 17 Hits“.

Der Titel nimmt übrigens Bezug auf die Heimatstadt der Band, Kingston Up Hull, und ist nicht Anderes als das Wunschdenken eines Fussballfans - egal scheint indes, welcher Londoner Verein vier zu null geschlagen wird. An andere Stelle behauptete PD Heaton, Sänger der Housemartins, der Titel gäbe die damalige Anzahl guter Bands der jeweiligen Städte wider - in Hull eben gäbe es immerhin vier.

Das Album ist in seiner entspannten Einfachheit eine Perle britischen Understatements, und die an sich dezent sozialkritischen Texte von Heaton erzeugten wie angedeutet im Thatcher-Empire gar einen Revoluzzer-Geist, der der Musik heute kaum mehr anzuhören ist. Dennoch zünden die kurzen Songs auch 35 Jahre später noch, und Paul Heaton spielt sie bis heute auf seinen Konzerten mit Sängerin Jacqui Abbot. Wenn man „sheep“, „flag day“ oder „get up off your knees“ hört, möchte man ein Bier bestellen und kann zurecht erwarten, ganz einfach glücklich zu sein - happy hour again.


Songs zum Sonntag

/// Sonntag 110421 Bildschirmfoto 2021-04-11 um 12.44.46/// Wie die Zeit in Rosen kommen kann, ist natürlich eine Fragestellung, die, wenn ein Song sie hervorruft, nur durch sich selber beantwortet werden kann: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Und in Rosen kommt die Zeit. Es ist dies stete Verschneidung von realistischen Zustandsbeschreibungen und poetischen Sinnbildern, welche das Songwriting der Brightoner Musikerin Bess Atwell so schön machen. Hinzu kommt ihre Stimme, die wie Zeit in Rosen umhüllt, mehr braucht man nicht zum Schmelzen. Ich jedenfalls nicht. „Time comes in roses“ ist ihr zweiter Song bei ihrem neuen Label, und ich liebe ihn. Bildschirmfoto 2021-04-11 um 12.44.30<hier> ist er in einer besonders schönen Live-Version. /// Vielleicht hat der ein oder andere noch „I don’t want a lover“ im Ohr, jener bluesige Popsong aus dem letzten Jahr der 80er, dessen Titelzeile immer mit einem Bottleneck-Gitarren-Lick beantwortet wurde. Die britische Band „Texas“ hat ihren Mainstream-tauglichen Folkpop stetig weiter gepflegt, und manchmal wird derartige Beharrlichkeit belohnt: Ihr bald erscheinendes, neuntes Studio-Album wird breit promotet. Der erste Song draus, „Mr Haze“, ist klassische Texas-Machart: eingängiger Refrain, schnörkelloser Gesang, Folkrock mit zuckrigen Popstreuseln - fertig ist die Laube. Ist nichts Weltbewegendes - aber funktioniert noch immer. ///


They are what they are or what

Für mich das schönste Comeback des Jahres: „Edie Brickell & The New Bohemians 

Als wäre nichts gewesen: Funky Rock mit flockigen Beats und snippy Percussions, straighte Bässe, schöne Gitarren-Sounds, und über all dem erzählt Edie Brickell Geschichten, die durch die Bildschirmfoto 2021-04-06 um 10.00.28Hintertür emotional werden. Die Platte „Hunter and the Dog Star“ ist nicht nur das Comeback einer tollen Sängerin und Songschreiberin, es ist das auch einer ganzen Band, einer Band, die weiß, was sie spielt und dem genügend vertraut - unweigerlich fällt eine der Refrain ihres größten Hits ein: „What I am is what I am, are you what you are or what?“. Und wenn man sie früher geliebt hat, diese Band und diese Sängerin, wenn man die beiden ersten Alben „shooting rubber bands at the stars“ und „ghost of a dog“ hin und wieder rausgezogen und aufgelegt hat, dann ist es so schön, das wieder zu hören, neue tolle Lieder.

Balladen sind hier selten, die Platte sucht erwähnten Funkpoprock, die erste Seite wimmelt gar von Mitsingrefrains, und aus Seite B wird es dann allenfalls mal ein wenig weirder. Man könnte leicht sagen, hier herrscht nicht gerade die größte Abwechslung, aber mir ist das egal. Ich liebe die Platte.