Ach Freitag, was heute so erscheint

Kunstsprache und Popentwürfe

JjGHXi0owas heute so erscheint ::: die Freitagskolumne ::: 190124 ::: FROHES NEUES JAHR ::: „Der Songtext steht in weiten Teilen für sich. Da gibt es wenig im Dazwischen. Nichts soll unverständlich sein, nichts um die Ecke gedacht“ - dies sagt RAHEL über ihr neues Lied „nicht mal Nihilist“ und unterschätzt damit fast schon die eigenen Lyrics, denn zwar lebt der Songtext ihres neuen Liedes von der Direktheit, die sie anspricht, dennoch aber ist hier eine Stufe von Kunstsprache, die das ganze zu Musik macht, eingewoben, die ich sehr toll finde: »Sie ist so abgefucked, Drinnen so abgefucked, Sie hat das Geldzählen und das Nicht-Satt-Werden so satt. In ihrem Bett da liegen Körper, Sie weiß nicht genau seit wann. Sie hat sie mit heim genommen. Eines feuchten Morgens irgendwann« Für die Musik, die darunter liegt, mischt RAHEL Bandpop der 80er (teils erinnert der Sound an Bildschirmfoto 2024-01-19 um 11.29.55„Cutting Crew“) mit Hamburger Schule der Nuller, hebt Gitarren unter und schaut dann mit ironischer Wut und Wucht auf diesen ihren versierten Stilmix. Und dann taucht aber auch irgendwo Hoffnung auf, denn immerhin: Wer hier besungen wird, sei nicht mal Nihilist geworden. Ein bemerkenswerter Aufschrei von Song, und insbesondere mit Differenz zur relaxten Vorgänger-Single „Schaffner“ darf man auf das Debut-Album von RAHEL gespannt sein, das im März kommt. ::: https://www.youtube.com/@radikalrahel/featured ::: Deutlich elektronischer und textlich ein wenig weniger wütend und also subtiler geht es in dem neuen Song von Yosu "Träume" zu (der auch schon mal bei „The Voice“ auftauchte): „Meine Träume träumen noch“, singt er in dem Lied über die Träume, IMG_6133
die er noch nicht weckt - eine Gedankenwelt also, könnte man sagen, wie in dem Film „Inception“: Die Träume der Geträumten. Die Musik von Yosu ist melodisch, bescheiden, beatig, seicht glitzernd und immer auch ein wenig an der Grenze zum Kitschigen, wo man Ecken und Kanten vermissen würde. Aber es ist eben immer nur am Rande dessen, und Rändernähe ist im Pop eine Tugend - fluffig im Innern dieses Liedes hier grüßt uns leichte Ironie, und alles bleibt ausgewogen. ::: https://yosu.live/ ::: Der zweifelnd funkelnde Dream-Folk  von „Sorin“ mit Elektro-, Chor- und Streicherflächen aus Soundfernen, wie man das aus dem Folktronica auch kennt, steht in gewissen Sinne für einen vollkommen anachronistischen Popentwurf: Die Zeit, die Sorin sich hier für seine musikalische und lyrische Selbstreflexion nimmt, hat man heute selten für das Marketing von PefferPop, der innerhalb von 30 Sekunden zum Punkt kommen muss, um als im ökonomischen Sinne gestreamt zu gelten. Aber natürlich ist das eine lohnende Entschleunigung, wenn man dann beim zweiten, dritten Hören seines neuen Liedes "Let You Know" den fluffig fernen Beat entdeckt, ein Cello ausmacht und sich über den Text freut, der von der Intuition erzählt, welche es exakt braucht, um diesen Pop sich zu erhören. ::: https://www.youtube.com/@sorin4271/featured ::: Wundervolle deutsche Songtexte sind nach wie vor rar gesät - aber Eva Sauter, Sängerin der großartigen „Ok.Danke.Tschüss“, die kann sie schreiben. Ihr neues Lied „Pfeffer“ muss man nur zitieren: „Diese Stadt gehört mir nicht mehr, du hast ihr alles genommen, sogar die Drecksratten. Jetzt sag mir, was krieg ich von Dir - noch nicht mal n labbriges T-Shirt hast Du liegen lassen. Ich find diese Heimat nicht mehr, die ich mal an dieser Stadt fand. Da, dann geb ich jetzt dir und mir diesen gottverdammten Abstand.“ - das ist so schön, Tränen. ::: https://www.okdanketschuess.de/ :::


Alben des Jahres


01 Peter Gabriel / i/o 

Disc-peter-gabrielio-2-cds1-blu-ray-disc_1482777Fast 20 Jahre frickelte Perfektionist Gabriel an diesem Album, und wie er hier dichteste, komplexeste Arrangements so luftig, schön und nah erfand, wie sie hier klingen, das ist schon in allen Belangen die hohe Kunst des Pop.

02 Antje Shomaker / Snacks

Mit zwei, drei Feinjustierungen an ihrem Popentwurf entwickelt Shomaker hier einen Deutschpop zwischen Indie und Mainstream, der selbst in seinen darkesten Momenten höchst vergnüglich stimmt.

03 Fatoumata Diawara / London Ko

Nie war mehr Pop in ihrem Weltenblues, selten war so viel Wahrheit in Popmusik. ASSET_MMS_128804681

04 Crucchi Gang / Fellini

Die Truppe um höchsten Eisenbahner Francesko Wilking hat einen charmanten Chamber-Italopop erfunden, mit dessen Mitteln an Klassiker des Deutschpop erinnert wird -wahnsinnig schön!

05 Jeanne Balibar / D’ici là tout été

Synthiechanson zwischen bestürzendem Rollenspiel und blankem Ernst - französischer als hier klingt das Jahr 2023 nirgendwo.

06 Lana Del Rey / Don’t you know that there’s a tunnel under the ocean boulevard

Ab67616d0000b27325156a823e825025ca2de859Der pastellene Feminismus in einem depressivem Amerika büßt auch auf dem achten Album nichts von seiner künstlichen Schönheit ein.

07 Deichkind / Neues vom Dauerzustand

Kids in meinem Alter mögen das.

08 Maria Basel / Bloom

Auf ihrem Debüt-Album gelingt der Wuppertalerin Basel eine schwebende Musik zwischen Singer-Songwriting, Indiepop und Neosoul mit schöner Prise bescheidenen Kitschs.

09 Charlotte Brandi / an den Alpraum

Kunstlied meets Pop in einem Zwischenraum merkwürdigster Songtexte.

10 Herbert Grönemeyer / Das ist los

Nachdem Grönemeyer 30 Jahre versicherte, niemals zur NDW gehört zu haben, macht er 2023 auf einmal ein NDW-retro-Album - selten war er selbstironischer, der liebe Herbert.

> morgen: Songs des Jahres ! ! !!


Deutschpop ist keine ICE-Haltestelle mehr

Foto 22.10.23  19 21 08::: Bereits vor ein paar Wochen ist ein neuer Song des in Rumänien geborenen Popmusiker „Sorin“ erschienen: „Shallow Waters“ beginnt als sich verlierende Folk-Ballade und gleitet sanft in Dreampop-Sphären, in denen innere Bilder rauschhaft wirken können. Dieser Art von Spacetrip kann man sich nicht bei jedem Hören überlassen, aber wenn man das Ganze an sich ranlässt, trinkt man mit Bon Iver auf dem Mond einen Rotwein - weird! ::: < VideoLink >::: Pink hat zusammen mit Sting und mit dem DJ und Prodcucer, der einen leeren Farbeimer auf dem Kopf trägt, einen Song von Sting überschrieben - „Fields Of Gold“; nämlich, dessen zentrale Melodie hier nun auch bei "Dreaming" den Refrain stellt - im Dance-Rhytmus der Stadion-Disko. Braucht das Irgendwer? Nein. Richtet es Schaden an? Nein. ::: Die junge Popsängerin „mille“ veröffentlicht heute ihren Song „Heimat“, und das ist astreiner, gut gemachter Deutschpop - Bildschirmfoto 2023-12-15 um 10.52.24eine Klavierballande, die sich mit Stimmeffekten, seichten Beats und Gitarrenriff auflädt und ein wenig einer emotionalen Entladung entgegenstrebt, die dann aber ausbleibt - und dieses Nichteinlösen scheint mir aber absichtlich da klassische Deutschpop-Dramaturgie; das gefällt mir so weit ganz gut, aber ob das wirklich noch funktioniert? Bei aller Sympathie für diese Sängerin, „mille“: Auf diesem Deutschpop-Bahnhof hält seit diesem Jahr kein ICE mehr. ::: < Video-Premiere> Freitag 15.12. um 14 Uhr ::: XYTtGvug "Davon geht die Welt nicht unter", sang einst Zarah Leander, und nun hat der Singer- und Songwriter FALK diese Zeile für sich entdeckt und seinen neuen Song so genannt. Der Song kommt im Deutsch-Rockgewand daher: In den Strophen reiht FALK Ungereimtheisfloskeln des Alltags aneinander, von denen er im Refrain dann subsumiert, die Welt ginge davon nicht unter; was auch stimmt. Auch hier muss man aber konstatieren, dass die Kapelle auf dem sinkenden Schiff Deutschpop weiter Schlager spielt, während andere auf die Rettungsboote klettern - und es kommt immer noch Nachwuchs hinter her. Leicht wird es FALK mit diesem seinen Popentwurf also nicht haben, da helfen auch meine Sympathien wenig. ::: < Song-Visualizer > ::: Die Soul-Popwerpop-Ballade „You Owned Me“ des jungen Popsängers Bildschirmfoto 2023-12-15 um 11.07.20„Battal“ kommt dramatisch daher - und handelt auch von Dramatischem: Sie berichtet von Missbrauch und häuslicher Gewalt durch den Vater des singenden Ichs; aber auch von der Bewältigung dieser entsetzlichen Erfahrungen nicht zuletzt mit eben diesem Song. Mag die Befreiung aus Zwängen und die daraus resultierende Selbstfindung auch ein oft besungener Topos der Popmusik sein - hier wird man mit emotionaler Wucht fast schon überrollt: „When you owned me, / Did you feel powerful? / When you disowned me, / Did you think I care about you / When you owned me, / Did you feel powerful? / Cause now that I own me, / I got the power to let power go.“ - beindruckend ehrlich - Respekt. ::: Battal < Linktree > :::


Auch vier Arten Pferde legen sich auf den Broadway

Das Warten hat ein Ende: Ein neues Album von Peter Gabriel

Ha, natürlich kann Peter Gabriel machen, was er will -  völlige künstlerische Freiheit hat er eh, und sollte ihm seine Plattenfirma reinreden wollen, was er tun oder lassen soll, dann ist das auch er: Real World, wo  „i/ o“sein erstes Studioalbum nach 21 Jahren erscheint, gehört ihm. Man könnte sich aber durchaus vorstellen, dass Gabriel den Humor hat, als Label-Betreiber sich selber anzusprechen, auf seiner neuen Platte brauche es aber wieder einen funky Hit, einen „Sledgehammer“ eben. Dann hat er sich hingesetzt und „Road To Joy“ gemacht, das funky Brett auf „i/o“ mit sattem Beat, Disco-Streichern und fluffigen Synthietupfern - großartig.

IoNatürlich ist das Album „i/o“ brilliant -  gleichermassen höchst privat, handelt von Liebe, Alter und Spaziergängen (der Titelsong), und dennoch ist dieses Album hochpolitisch und utopisch („the court“ und „panopticum“) -und der für mich bislang tollste Song, das herrlich verschleppte „Four Kind OF Horses“, in der Gabriel ein Land, eine Welt skizziert, in dem weder ein gut- noch ein bösartiger Superheroe Fuss fassen könnte, und man steigt nie ganz durch, ob hier von inneren Kämpfen oder politischen Symbolen gesungen wird, von Pferden oder von Menschen und ihrer begrenzten Zeit auf dem Planeten Erde - seit je her ein zentrales Thema von Gabriels Liedern. Die Lyrics von "Four Kind Of Horses" sind ein stetes allegorisches Parallelogramm, wie Gabriel es erstmalig mit „The Lamb Lies Down On Broadway“ geschrieben hat. Dieser Song ist ein Kunstwerk an sich, auf einem Album, dass viele Perlen zu einem Ganzen sammelt.

Der Popsound von „i/o“ ist stets komplex, symphonisch breit, jazzig verspielt, elektronisch hübsch und niemals abgehoben, staubrocken beatig, und man hört wiederum jedem Lied an, dass es am Piano entstanden ist. Die Detailverliebtheit, mit der hier jeder der 12 Songs ausproduziert wurde, wie sich Intros, B-Teile, Bridges und Strophen einerseits klaren Songstrukturen andienen und sie gleichzeitig verschachteln und aushebeln ist von hoher virtuoser Kunst, und gleichzeitig ist eben diese Virtuosität niemals nur Selbstzweck.


zwischen Indiestatement und Popitüde

Gestier/// heute neu: Die Freitags-Kolumne /// Wer indie klingen möchte, verbaut in seinem Popentwurf gern ein gewisses Understatement, woraus bestenfalls, da Pop ja schon auf sich selber und die eigene Coolheit verweist, gegensätzliche Bewegungen resultieren. Das kann natürlich dann ein schmaler Grad sein, denn wer zu wenig Aufhebens um sich selber macht, verliert den Pop aus den Augen, und wer zu sehr nach vorne prescht, vergisst leicht die Kunst der Bescheidenheit. Der neue Song von Moritz Ley könnte für meinen Geschmack ein klein wenig mehr Popluft atmen - fast verschwindet „Geisterstadt“ hinter dem Indiewillen des Genre-Entwurfs. Was an sich schade Lenaist, denn hinter den melancholischen Texten des Songwriters scheint immer auch ein lakonischer Hedonismus auf, und das hört man dieses Mal nicht recht raus; ändert aber nichts an meinen Sympathien für den Musiker Moritz Ley. /// < Video > /// Lena leidet nun nicht gerade daran, sich zu wenig nach vorne zu trauen - im Gegenteil, man weiß schon fast nicht mehr, was der Hauptberuf von Frau Meyer-Landrut ist: Musikerin oder Influencerin. Nun. In Wirklichkeit sind die Grenzen eben fliessend, und auch wenn ich Lena nichts wirklich übel nehmen kann, so muss man doch konstatieren, dass sie bei ihrer AMF Cover Finalbrandneuen Single „Straitjacket“ selber durcheinander kommt und das eher der Popsong einer Influencerin ist als von einer Musikerin: Alles klingt hier perfekt - Dua-Lipa-Disco-Beat, 4-to-the-floor, Autotune, klare Melodie, Synthiestreicher, B-Teil - aber es bleibt nichts davon hängen, nichts scheint besonders, nichts klingt lenalike. Macht aber ja auch nicht. Vermutlich bin ich eh nicht mehr der Adressat der Musik von Lena. /// < YouTube-Audio > /// Zurück zum Indie-Understatement: „colin“, ein Duo aus Köln, suchen ihre Musik eher in bescheidener Melodie-Melancholie; und haben ihrem Indiepop-Genre, das in den Folk reinschnuppert, schon den ein oder anderen tollen Song abgerungen. Ihr neuer Streich, „all my fault“, mag ein wenig höhepunktlos daher kommen, aber in der Summe hören wir hier beiläufigen, wunderschönen Softrock. /// < YouTube-Audio > /// Die für mich Amazoneswichtigste Neuveröffentlichung heute ist die erste Single des dritten Albums von „les amazones d’afrique“ - das Kollektiv aus weiblichen Popstars des afrikanischen Kontinents: „Kuma Fo“ vereint auf einem fluffiigem Dancebeat mit weltigen Breaks die Stimmen (und was für Stimmen!) von Mamami Keïta, Fafa Ruffino und Kandy Guira, die wir auch schon auf dem ersten beiden fantastischen Alben hören konnten, und von dem neuen Mitglied Alvie Bitemo. „Kuma Fo’ is about women’s freedom of expression.“, heißt es im Promotext, und dem ist fast nichts hinzuzufügen: Dieser Track ist frei und befreiend, und das kommende Album, welches bei Peter Gabriels Label „Real World“ erscheint, macht der Platte von Gabriel selber nur deswegen keine Konkurrenz um dem Titel des Album des Jahres 2023, weil es erst nächstes Jahr erscheint. /// Grandioses < Video > ///


Süddeutscher Neuer New Folk

Bildschirmfoto 2023-10-22 um 21.24.07::: Songs zum Sonntag 221023 ::: „still sane“, ein Projekt des Musikers Michel Stirner, sucht schon mit einer Hand voll Liedern den Folk in Bayern - könnte man sagen, und da steht er da im Video mit seiner Gitarre und findet den Folk, wunderbaren gar, Stille und Melancholie irgendwo fast schon in der Nähe der Fleet Foxes - so ist das in seiner neuen Single „When I was Bildschirmfoto 2023-10-22 um 21.24.52younger“ - und dann treffen die Zeilen auch noch einen Neerv: „when i was younger i thought that i’d know by now / leave me alone and i’ll still never learn myself“ - singt er also von der Erkenntnis- und Orientierungsprokastination - wirklich wunderbar. ::: < Video > ::: Bart und Akustikgitarre und süddeutsche Herkunft bringt auch "Talking Nerves" mit - sein Folk freilich ist noch zerbrechlicher als der von still sane: Der neues Song „reminder“ (zusammen mit Henny Herz) erinnert in der Summer mit seiner Gastsängerin und flächigen Synthies dann schon an Bon Iver - man kann Bildschirmfoto 2023-10-22 um 21.25.22 jedenfalls über beide Sänger sagen, dass man deren jeweils im November erscheinenden EPs unbedingt Beachtung schenken sollte. ::: < video > ::: "Westhafen" klingen so wie die Class 2005 - irgendwo zwischen Art Brut und Kaiser Chiefs; vielleicht haben sie noch nicht ganz die Stadion-Hymne gefunden, aber ihr neuer Song „New Ways“ rumpelt sympathsich enough ins Jahr 2005; oder vielleicht auch 2006. Haut nicht vom Hocker, aber mag ich. ::: < video > :::


Postironie

Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.16.52 ::: neue Singles von Newcomern ::: Der britisch unterkühlte Soul oder RnB oder beides unterspült nach und nach den globalen Pop mit seiner postironischen Dancebarkeit und seiner 90er-Attitüde. Nicht nur im Hyper-Minstream kommen die Popentwürfe von Rita Ohra (aus dem Kosovo, heute in London ansässig) oder Dua Lipa (aus Albanien, heute in London ansässig) an, jetzt geht das los, dass diese von noch jüngeren Künstlerinnen nachgebaut und eigen-variiert werden. Womit wir bei Leonora wären, eine junge Wuppertalerin, die mit dem heutigen Erscheinen ihres Songs „Mamas Favourite“ eine 5-Track EP komplettiert - und dieser neue Song ist mitreissend funky und zeitgemäss produziert - gute-Laune-Uptempobeat-Soul wie eine Schwebebahn - prima. ::: YouTube Audio Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.17.33::: Eine merkwürdige Härte sucht Fahrlænd, das Projekt des Sängers und Musikers Daniel Fahrländer. Er sucht diese Härte aber nicht mit den Soundmitteln des Rock, sondern mit denen des Elektropops. Verzerrte Synthieflächen, stolpernde Beats und etwas nöliger Gesang prägt seine neue Single „kaputt“; die mit dem O-Ton des Meme gewordenen Tischzertrümmerers Nikel Palat beginnt: „… und deshalb mache ich jetzt diesen Tisch hier kaputt“ - ein wenig hinkt der Song selber dann der Wut des ehemaligen Ton-Steine-Scherben-Managers Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.18.04 hinter her - und dennoch denkt man: Alles, was diese Musik erreichen möchte, ist, so weit man das beurteilen kann, gut in die Tat umgesetzt, aber ich kann mit dieser Tat nicht so viel anfangen; ausser vielleicht zu rufen: Ironie kann manchmal auch Spass machen. ::: YouTube Video ::: Würden Scooter einen Song namens „Kaffkiez“ machen, würde HP Baxxxter wahrscheinlich „How much is the Kiez in diesem Kaff?“ rufen. Fraglich, ob das funktionieren würde, aber es ist eben auch umgekehrt: Die Band Kaffkiez hat einen Song namens „Scooter“ gemacht, in dem die Zeile „Kommst eh nicht lebend raus sagte Scooter irgendwann“ vorkommt, und mit diesem Scooter könnten tatsächlich die Techno-Ruf-Formation „Scooter“ gemeint sein. Davon unabhängig ist der Song aufbauend - ohne viel Ansprüche, was irgendwie eine sympathische Attitüde ist: „Es ist ok wie es ist .Ich hab vor morgen manchmal Schiss. Das ist ok. Keine Sorge ich komm klar. Bin ab Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.18.52morgen wieder da. Doch bin ok“; der komprimierte Poprocksound, der hier den Ton angibt könnte für meinen Geschmack etwas ruppiger sein, aber das ist eine sympathische Band. ::: YouTube Video ::: Und dann noch mal recht klassischer Deutschpop. Mh, nee. Deutschrock. Was aber ist Deutschrock? „Ich hänge mich auf an Deiner Welt“, singen farbfilter. zu klassischem Rockriff - auch hier kann man nicht anders, als die Band, die diesen Song „Schwarzer Sommer“ spielt, mögen - wenn es solche nicht mehr gibt, kann man alles Andere auch bleiben lassen, auch wenn ehrlich sagen muss: Dieser schwarze Sommer setzt sich mir nicht im Ohr fest. Aber da höre ich weiter hin, wenn was mit diesem Farbfilter daher kommt. ::: YouTube Video :::


Das Ohr auf Deutschpop werfen - Folge 27

Bildschirmfoto 2023-10-05 um 12.17.55/// Anfang der Nuller sprach man auf einmal vom so genannten Freak-Folk, eine Popspielart, die den Folk mit Sound-Verheissungen von Indiepop und -rock ausmalt, die Stille suchte und Ablenkungen von Seichtheit fand. Irgendwie erinnert mich zunächst dass Debut-Album „Bitte Flieg“ des Songschreibers, Sängers und Multi-Instrumentalist „Lucito“ an diese Folkmusik: Zerbrechliche Songs über Einsamkeit, stille Töne über Verwirrungen, und plötzlich dann doch funky Einlagen, Rap-Parts, satte Bläser und Rock-Elemente, so dass die Musik fast in Jazz-Hiphop kippt. Ein reichhaltiges, unterhaltsames, virtuoses Album, dem vielleicht ein klein wenig der Signature-Hit fehlt, der eine Ohrwurm, der das Ganze einen Rahmen zur Erinnerung im Ohr verzahnt; aber also das ist wirklich Kritik auf sehr hohem Niveau. /// https://lucito-musik.de/ /// Bildschirmfoto 2023-10-05 um 11.33.24Joachim Witt hat zur NDW-Zeiten angefangen und diesem Subgenre der 80er einige höchst merkwürdige Hits abgerungen - „Der Weg in die Ferne“, „Kosmetik“ und vor allem natürlich „Goldener Reiter“ (welcher gerade erst wieder durch ein wunderbares Cover der Crucci Gang auf Trab gebracht wurde.) Man könnte sich gut vorstellen, dass Witt mit dieser Ironie-Attitüde auch 2023, da viel NDW-Elemente Bildschirmfoto 2023-10-05 um 12.07.51wiederkommen, einen Platz im Pop finden könnte, aber statt dessen versucht er sich seit einiger Zeit an einem poppigen Hardrock, der mit sturem Ernst einen darken Mittelalter-Ton sucht - komischer Versuch; und wahnsinnig enervierende Musik, die dabei rauskommt. So auch auf dem neuen Album „Der Fels in der Brandung“, auf dem Witt  als Wiedergänger von dem Grafen von „Unheilig“ daher kommt. Dumme Musik. /// http://joachimwitt.de/ Zwischen Pianopop und Bildschirmfoto 2023-10-05 um 12.14.25urbanen Schlager findet das erste Solo-Album von Rosenstolz-Sängerin AnNa R keinen rechten Halt und sitzt also zwischen Stühlen. Die Naivität, die hin und wieder aus der Verhinderung von Bombast spricht, hat teils Charme, aber das reicht nicht, um diese in der Summe eintönigen Lieder interessant zu machen; Hörer werden sie bestimmt trotzdem finden, und da muss man auch nix dagegen haben. /// https://www.anna-r.de/ /// Der breite Sound der Band karo nero ist fast Chamberpop, viele Musiker:innen hört man hier, viele Schichten von Pop und mehrere Stimmen. Auch hier fehlt vielleicht der überspannende Hit, aber in der Summe ist das Debut-Album „Zugvögel und Korallen“ in seinem immer nur fast kitschigen Popentwurf mit vielen Genre-Ausbrüchen und Zitaten das virtuose Zeugnis einer tollen Band. /// https://karo-nero.de/ /// 


Das Schmierfett von Pop

Bildschirmfoto 2023-09-29 um 10.26.27/// Augen auf beim Deutschpopkauf & Die Freitagskolumne treffen sich /// Ehrlichkeit ist eine Tugend - da trifft die Band Jante den nagel auf den Kopf: Jemand, wahrscheinlich ein Paar, war bei jemandem, wahrscheinlich auch ein Paar, zum Essen und zum Spielabend eingeladen: „Doch irgendwie, wenn ich ehrlich sein soll, jetzt wo wir uns besser kennen, find’ ich euch gar nicht mal so toll, und die Stimmung ist gedrückt, weil sich keiner traut Bildschirmfoto 2023-09-29 um 10.26.00 zu sagen, was doch offensichtlich ist: Lass uns bitte bitte keine Freunde sein.“ - den Song finde ich prima, zumal ich über die Situation eines misslungenen Paar-Abends mal ein recht pessimistisches Stück geschrieben habe. Wenn die vier Personen in „Herr Kolpert“ so ehrlich gewesen wie die in dem Song von Jante, es wäre uns viel Theaterblut erspart geblieben; und ich wäre heute allerdings auch kein Theaterautor. Aber hier soll es ja um Pop gehen: Prima Band, prima Thema, melodischer Gitarrenpop, prima Song: Bildschirmfoto 2023-09-29 um 10.25.21Danke! /// Bisschen rauher geht es im Allgemeinen bei der Band „Kicker Dibs“ zu, aber die Veröffentlichung ihres Album „Die Pointe“ flankieren sie jetzt mit dem Song „irgendwo“, der mutmasslich mal als Ballade geplant war und jetzt doch als Song eher Uptempo geworden ist. Aber ist ja auch wurscht: „Ich will irgendwohin mit dir“, heißt es im Refrain, und da ist natürlich eine herrliche Rockzeile; überhaupt: So beiläufig „selig“ machenden Gitarrenrock hört man nicht alle Tage - wenn es solche Bands nicht mehr gibt, können wir’s auch gleich lassen. /// Wer den Neo-Hype und das Comeback der Poptugenden der NDW noch immer nicht glaubt, dem sei auf die Band „Die neue Zärtlichkeit“ verwiesen, die heute ihre zweite Single „Ein Replikant geht durch die Wand“ veröffentlichen: Butterzarter Synthiepop, zurückgehalten produziert und gesungen, dass man sich in der Lakonie an die „Dreiklangdimensionen“ Bildschirmfoto 2023-09-29 um 10.24.49 von Rheingold erinnert fühlt: „Traurige Roboter lesen Zeitung, traurige Roboter sitzen auf Arbeit.“ - irgendwo zwischen konstruierter Naivität und angeeigneter Technikskepsis findet dieser NDW-2.0 seine Skizze, die sich dann schon als Ausformulierung entpuppt. /// Nico Gomez hat mit seiner letzten Single im wehmütigen Pianopop gebadet, sein neuer Song heißt „Keine Lust“ und ist eher wieder tanzbarer Synthiepop: „Verpass meiner Todoliste einen Arschtritt.“, heißt es darin - das ist nicht so unbedingt meine Wiese, aber als Song funktioniert das Ganze schon ziemlich gut, weil die Unlust hier euphorisch und lustvoll rüber kommt: Gegensätze können ja bekanntlich das Schmierfett von Pop sein /// Video-Links /// Jante /// Kicker Dibs /// Die neue Zärtlichkeit /// Nico Gomez ///


Reissverschluss klemmt - was heute erscheint

L7_Bqq3ADie Freitagskolumne /// Die Wohnung als solche oder die nach einer Bleibe ist natürlich ein fester Topos im Setzkasten der Poplyrik; weil das Dach über dem Kopf, ohne dass man etwas dafür tun muss, mithin allegorisch ist: Wo soll ich hin? Wo bin ich zuhause? Solche Fragen sind gestellt, wenn ich die Wohnung auch nur erwähne. Insofern nimmt es nicht wunder, wenn Julia Kautz, ihres Zeichen langjährige und erfolgreiche Deutschpop-Songwriterin, auf eben diesen Kniff zurück greift und den Text ihrer zweiten Solosingle „kaputt“ so beginnt: „Eine Zweiraumwohnung mit einer Einbauküche ist das Verliess der düsteren Gedanken“; dazu hören wir glasklare Synthieflächen und simplen Gesang - weit und breit kein Verließ und keine düsteren Gedanken. Das macht aber ja auch nix: Eine Musik-Text-Schere kann ja sehr produktiv sein, aber hier kommt nicht so recht Wind in das Lied, das auch immerhin kaputt heißt, ohne irgendwo kaputt zu sein. Da Julia Kautz aber aber eben gewieft genug ist, Sprachbilder für Popsongs zu kreieren, die zwar naheliegend sind, aber dennoch Räume eröffnen, merkt man nicht, dass dieser Song wohl ein wenig langweilig ist - und genau in diesen Widersprüchlichkeiten ist das Ganze dann doch wieder spannend oder macht jedenfalls Lust darauf, weiter zu verfolgen, was diese Sängerin noch so veröffentlichen wird. GhnnY7Ly/// Was Julia Kautz an Professionalität und Erfahrung mitbringt, kann Rahel, aus Wien, so nicht vorweisen, aber das ist vielleicht auch ganz gut so: Ihr in den 80ern, Austropop und Indierock gebadeter Soundentwurf lebt zumindest auf ihrer heute erscheinenden Single „Schaffner“ von einer gewissen Wuschigkeit, die sich ihrerseits aus einer gehörigen Portion Naivität speist. Mir gefällt das sehr gut; der Song klingt anfangs zumindest sehr nach Mia Diekow und ihrem fantastischen Album „Ärger im Paradies“ (kleine Randnotiz *), dann aber hört man auch sehr Wien und Pop aus Bilderbuch aufscheinen: „Siehst du jetzt wie gut es ist / Dass du doch noch geblieben bist / Das Tischtuch im Speisewagen / Passt zu rosa Schnurrbarthaaren / Alle ham vergessen / Ob sie männlich oder weiblich waren / Den Strohhalm durchs Fenster / Einfach in das Meer hinein / Es ist gar nicht salzig / Es ist echter Veltliner Wein.“ - wunderbar getextet! /// In den 80ern gab es ja das Internet noch nicht, aber es gab Posterversandhändler, die den Preis für jedes Einzelposter verringerten, je mehr man bestellte, und daher gab man dann die Kataloge in der Schule rum. Ein Subgenre der damaligen Postermotive waren die schicken Männer, die Autoreifen durch die Gegend trugen, wer immer so Bildschirmfoto 2023-09-08 um 11.30.51etwas bestellte, aber Ben Zucker, jene Kreuzung aus Helene-Fischer und Hans-die-weißen-Tauben-sind-müde-Hartz, hat sich nun an diese Autoreifen tragenden Männer erinnert und ist auf seinem neuen Album als Autoreifen tragender Mann zu sehen. Das Album heißt „heute nicht“, und es erscheint auch heute nicht, und auch nicht nächste Woche, sondern im Dezember, Weihnachtsgeschäft, ich hör Dir trapsen, aber der Titelsong „heute nicht“ erscheint tatsächlich heute nicht nicht, sondern erscheint heute. Und lässt Schlimmes erahnen: Zucker hat die restlichen Mikrokramm Rock aus seinem Schlagerentwurf gestrichen und klingt jetzt nur noch nach Bumm-Bounce; und mit diesen saudämlichen Texten („Seh ich auch dunkle Wolken am Horizont: Ist mir egal, heute nicht / Und wenn das Chaos auch immer näher kommt: Ist mir egal, heute nicht“), da hat man das Gefühl man hört einem Motivationstrainer bei der gesungenen Zusammenfassung seiner Show: „An einem Wochenende das Mindset für Dein Glück“ zu. Diese Musik ist wirklich entsetzlich. /// Herrlich bekloppt ist auch wieder der neue Song von Alexander Marcus: "Und keinen interessiert es, obwohl es wirklich brennt / Immer mehr Menschen erleben, dass ihr Reissverschluss klemmt" /// * Mia Diekow hat gerade eine Crowdfunding-Kampagne für ihr nächstes Album gestartet, dazu mehr in der nächsten Woche. /// Links: Website Julia Kautz /// Linktree Rahel /// Ben Zucker "heute nicht" /// Alexander Marcus "Reissverschluss klemmt" ///