Alben 2024

Heute neu - die Kolumne am Freitag


Can I call you up tonight_ ArtworkHätten Jacob Fortyhands in ihrer Kurzbio stehen, dass sie einen Songwriting-Kurs bei Coldplay belegt hatten - man würde es sofort glauben: Alternative-Pop, der immer nach Stadionbreite schielt, sich dabei selber aber nicht zu ernst nimmt - letztlich aber doch in tiefe Emotionen mitnehmen will. Das ist natürlich ein Rezept, das immer auch schief gehen kann - wie ein Soufflé, das nicht aufgehen will oder wieder in sich zusammen sackt, wenn man es aus dem Ofen nimmt - ein Popentwurf mit hohem Risiko also, wenn man so will. Aber Jacob Fortyhands haben meistens die Melodien und Refrains im Gepäck, mit denen der Laden läuft - so auch bei der neuen Single „Can I call you up tonight?“: Easy Riff, fluffige Bridge, charmante Hook. Sie machen also alles richtig, so sehr, dass man sich bei dieser Band wünscht: Macht ruhig auch mal was falsch. /// < YouTube-Kanal > /// Bildschirmfoto 2024-04-17 um 12.48.20 Nicola Rost ist als Solokünstlerin kaum bekannt, obgleich sie eine der cleversten Autor:innen deutscher Songtexte ist, die wir haben, und zudem eine fantastische Sängerin: Bekannt ist sie eben als Mitglied von Laing, die ihre großartigen Chansons über Liebe und Nicht-Liebe im Großstadt-Dschungel als Elektropop umsetzen. Da Rost aber so sehr Laing ist und die anderen Sängerinnen auch ein ums andere Mal schon gewechselt haben, fragt man sich ein wenig, warum sie nunmehr auch solo veröffentlicht: „Paare, die nie streiten“ heißt ihre zweite Single, und ein Album kommt auch demnächst. Der Song ist an sich klassischer Laing-Pop, aber so ganz kommt das Ding nicht aus dem Quark: Die Synthies knarzen nicht ganz so präsent, der Beat bleibt ein klein wenig im Hintergrund, und was auch fehlt, sind eben die einzigartigen dreistimmigen Kurz-Chöre, die den lakonischen Rost-Gesang so gekonnt aus dem Pop in den Chanson heben. Kurzum: Nicola Rost klingt ohne Laing ein wenig wie ein Sängerin, die gerne wie Laing klingen würde. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass ein Album von Rost doch toll ist - bzw. ich glaube, dass Nicola Rost nicht in der Lage ist, ein schlechtes Album zu machen. /// < Video > ///


Schichten und Lagerfeuer

Fast könnte man denken, Folk habe Hip Hop als das wesentliche Genre im Pop abgelöst. - vielleicht übertriueben aber, in Zeiten, in denen Beyoncé ein Country-Album heraus bringt, kann ein neues Bon Iver Album eben auch aus Berlin kommen. Mutmasslich kann der Sänger und Songwriter „Sorin“ den Bon-Iver-Vergleich auch nicht mehr hören, aber die Art und Weise, wie hier Songs, die man als Folk verortet in spacig-elektronische Synthiebreiten gezogen werden, ist sicherlich eine Vorgehensweise, um den Popentwurf des ursprünglich rumänischen Musikers GlnHs8s_„Sorin“ zu beschreiben. Auch die zurück gehaltene und dennoch präsente Stimme Sorins trägt dazu bei; manchmal weiß man nicht genau, ob sie chorisch geschichtet wurde oder natürlich vielschichtig klingt - Spoiler: beides kommt vor. Und immer wenn man auf diesem Album „While The Tides Turn“ denkt, man sei doch bei Synthpop gelandet, kommt schon wieder eine Akustikgitarre um die Ecke; und umgekehrt. Irgendwann aber gibt man das Schubladen-Denken auf und sich der Platte hin.

Dazu passt, dass das Album auch lyrisch von Veränderungen handelt, und der Tatsache, dass der Effekt der Veränderung irgendwann zur Konstante wird, oder dass es immer auch Sinn machen kann, der Eintönigkeit des Alltags etwas Einzigartiges, Verändertes abzuringen. Die Art und Weise, wie sich Musik und Texte die Hand geben, macht „While The Tides Turn“ fast zu einem Konzeptalbum, das dazu einlädt es mehrfach im Ganzen zu hören.

Dennoch gibt es natürlich auch Songs, die als Einzelwerke Bestand haben: Der Opener, das nur zwei Minuten kurze „Circles“ ist in seiner Einfachheit, in seinem Skizzenhaften wie ein Lagerfeuerglücksgriff, während sich das deutlich produziertere „Rivers To The Sea“ als eine Art minimalistisches Bestandteilschichten ausnimmt, das wie im Titel die der Platte die Gezeiten zu wechseln scheint. Somit ist „While The Tides Turn“ ein Meisterwerk aus dem Nichts.

https://linktr.ee/intusorin ///