Die 90er

A walk out of my masterpiece

Robbie Williams leidet unter seinem Bedeutungsverlust

Moment mal, ein Best-Of-Album von Robbie Williams? Gibt es das nicht längst? Doch schon. Aber zum 25-jährigem Jubiläum des Beginns seiner Solo-Karriere hat er alle seine Hits noch mal mit Orchester eingespielt. He? Gab es das nicht auch schon längst? Eines seiner gefühlt 7 Swingalben wird doch sicher mit seinen Hits gewesen sein. Nein, nein - nichts da Swing: Mit breitwandigen Streichern und Poporchesterpathos, mit wehenden Fahnen und fast schon riefenstahlschem Cover-Foto verkauft Robbie Williams nun seinen Song-Katalog. Der Aufwand, der dabei für dieses „Best-Of“ betrieben wurde, die Art und Weise, wie hier mit den Mitteln der Klang-Komprimierung das Orchester in die Breite gezogen wird, so dass das Ganze auf jeder Boombox noch nach Waldbühne klingt, ist enorm. Die ohnehin schon effekthascherischen Songs, die meisten aus der Feder von Williams’ Haus- und Hofkomponist Guy-Chambers klingen nun noch triefiger, pathetischer und bombastischer. Da waren wirklich Spezialisten am Werk, irgendwelche Soundingenieure, die für Williams diese Breitwand-Klangbetten ausproduziert haben, - und sie dann ihrem Kunden vorgespielt.

XxvAber leider scheint Robbie das Interesse an seinen eigenen Hits verloren zu haben. Mit stoischer Gleichgültigkeit singt er zum soundsovielten Male „Free“, „No Regrets“ und das unkaputtbare „Angels“ sowie noch weitere 26 Lieder. So betreibt die Williams die Selbstmusealisierung als trotziges Kind einer vergangenen Pop-Ära, in der noch CD-Verkäufe und MTV massgebende Kriterien waren, und beim dritten Lied will man dem guten Robbie zurufen: Wenn du so wenig Bock hast auf diese Platte, dann lass es doch vielleicht einfach sein. Aber er hat es natürlich nicht sein lassen, und als würde er sich selber rückversichern, dass er es doch noch kann, so beginnt diese Platte mit dem Queen-Wiedergänger „Let Me Entertain You“. Jaja. Darfst mich ja entertainen, Robbie. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass Williams zum ultimativ letzten Mal diese Bitte äussert, man möge sich von ihm unterhalten lassen; und danach begräbt er dann seinen Song-Katalog in Schmalz und Zucker. Wobei Pathos und Selbstmitleid ausreichen, um gleich die gesamte Popmusik als solche mit in den Abgrund zu reissen - dieses merkwürdige Album mit dem Titel „XXV“ ist ein Requiem auf alles Populäre in der den 90ern vollkommen fremden Ära der Postcharts. Getreu dem Motto: Wenn ich, Robbie fucking Williams, schon kein Popstar mehr bin, soll es auch gar kein Pop mehr geben - nach mir die Sintflut.

Der einzig neue Song auf diesem Abgesang von Album heißt bezeichnender Weise „Lost“, und hier klagt er dann auch, dass er mit diesem Jahrzehnt von Tik Tok, Hyperpop und Viralität statt Chartstauglichkeit so gar nichts anfangen kann: „I lost my place in life / I lost my point of view / I lost what it is to love / When I lost my faith in you / A walk out of my masterpiece / To the nothingness greeting me / Everything smells like sympathy.“ - ach naja. Irgendwo hat er ja auch Recht: Was ist uns denn vom Pop geblieben? Nichts. Aber eben auch alles. Denn von irgendwoher kommt dann auch wieder eine Billie Eilish oder eine Olivia Rodrigo und weist auf, dass Pop ebenso kurzlebig wie ewig ist, und mit ein bisschen Augenzwinkern kann man auch ohne Selbstmitleid noch mitreissende Popmusik machen, wenn man fast 50 ist.


Dieter, so nicht

Endlich: Das Ende von DSDS

„Take me tonight“, singt am 08. März 2003 Alexander Klaws im Finale der Show „Deutschland sucht den Superstar“ - und diese Zeile ist natürlich, wie man es dreht und wendet, unfassbarer Blödsinn. Man konnte es also wissen; und vielleicht hätte Anfang 2003 irgendjemand Größe beweisen müssen und dem eigentlichen Superstar dieser Show ins Gesicht sagen sollen: „Dieter, so geht das nicht“. Hat aber niemand. Und so konnte Bohlen dann also die historischen Irrtümer, er sei ein Poptitan und könne Englisch, im Fernsehen verlängern. Was viele vielleicht gar nicht mehr erinnern: An besagtem Abend erklang das „Lied“ „Take Me Tonight“ sogar gleich zweimal: Auch die zweite Finalistin Juliette Schoppmann musste diesen Quatsch singen, Sätze wie - nach bestem Gewissen übersetzt: „Oh Baby, wenn ich in Deine Augen sehe, fühlt es sich mir gut an.“ oder „Sag mir, dass ich dein bin, mach mich nicht blau.“ - und natürlich die Titelzeile: „Nimm mich heut nach, alles ist möglich.“

Immerhin konnte man sich vor 20 Jahren noch einbilden, es ginge um Popmusik, die Verheißung, Deutschland suche tatsächlich nach einem Superstar, konnte man mit einer schönen Portion Naivität noch glauben, und Bohlens letzter Hit war, als „DSDS“ startete, auch nur 16 Jahre her. Tatsächlich aber fand sich im Casten unbekannter Menschen ein emblematisches Schema für Popmusik im Privatfernsehen, und die Show „DSDS“ im Speziellen machte eine Entwicklung durch wie jüngst Streaming-Anbieter „spotify“: Von einer Plattform für Popmusik zum Content-Provider. Und anders als beispielsweise bei „The Voice Of Germany“ fand sich bei DSDS eigentlich kein Gewinner, der irgendeinen nennenswerten musikalischen Impuls gesetzt hätte. Man könnte eventuell Beatrice Egli nennen, deren Sieg im Jahre 2013 die Show für den Schlager öffnete und letztlich dem Schlager-Erfolg-Gatekeeper Florian Silbereisen als Juror den Weg ebnete. Aber die wenigen Teilnehmer:innen, über die man heute noch spricht, waren nicht die die jeweiligen Sieger (sieht man einmal von besagtem Klaws ab, der heute eine überraschend gute Figur als Winnetou in Bad Segeberg abgibt), sondern es waren die, die sich als bunte Vögel vermarkten liessen - ob sie nun wollten oder nicht. Man denke nur an den inzwischen ja leider unter sehr traurigen Umständen verstorbenen Daniel Küblböck, dessen verquerer und queerer Humor und Popentwurf noch heute erfrischend und auf seltsame Weise befreiend wirkt.

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DSDS-Titan Dieter Bohlen

Der Schmierstoff von „DSDS“ waren schon immer Emotionen, oder das, was das Fernsehen dafür hält, und die bekam man reichlich, weil Bohlen in dem gepflegten Irrglauben, er verstehe etwas von Pop, eine Form verbaler Demütigung von Kandidat:innen salonfähig machte, die man stillschweigend hinnahm wie sein verworrenes Englisch. Seine Allegorien, Stimmen zu umschreiben, fanden in einer Zeit, in der der Slogan „Geiz ist geil“ zur emblematischen Werbung wurde, einen substratigen Nährboden. Hätte sich die Show DSDS nicht diesem Botox-betankten Altherrenwitz in Camp-David-Shirts unterworfen, wer weiß, vielleicht hätte sich dann eine schöne Popsendung ergeben können, aber erst für die diesjährige 19. Staffel hat man ihn vor die Tür gesetzt, um nun also anzukündigen, ihn für die vorerst letzte Runde 2023 zurück zu holen.

Die Halbwertzeit der Popmusik, die DSDS hervor gebracht hat, war schon vor 20 Jahren überschaubar, und hat sich bis heute so sehr verkürzt, dass nun noch von Tausendstelwertzeit gesprochen werden kann. Dei Show karikiert sich nur noch selber, und da ist es eben auch kein Wunder, dass man dafür wieder Bohlen selber braucht. Das Aus für „Deutschland suche den Superstar“ ist eine gute Nachricht.


Style These

Endet mit dem neuen Harry-Styles-Album die Popgeschichte?

Gleich in der Lobby von Harry Styles neuem Album „Harry’s House“, können wir Sushi essen, denn der Opener heißt „Music For a Sushi Restaurant“. Er beginnt mit einer kreiselnden Synthie-Melodie mit schnipsend handclappendem Beat, worüber sich dann ein geschichteter „Ooooouh“-Chor crescendiert, der dann a-capella in ein „Bah Bah Bah“ mündet; dann setzt der Beat wieder ein, und wenn Styles schliesslich die erste Strophe singt und sich in der Folge das „Bah Bah Bah“ mit Bläsern aufgepumpt als Refrain entpuppt, ist das Album gerade mal 75 Sekunden lang gelaufen, und wir befinden uns mitten in einem Mix aus Justin Timberlake, Terence Trent D’Arby, Bruno Mars und Stevie Wonder und somit in den 70ern, 80ern, 90ern gleichzeitig. Und so geht das weiter: Bevor als vierter Song die schon bekannte „dancing with tears in my eyes“-Remiszenz „as it was“ erklingt, blubbert „Late Night Talking“ in den RnB der Nuller, während „Grapejuice“ mit seiner Indierock-Koketterie ein High-Five an Robbie Williams schickt.

Harrys-house

Sämtliche Popmusik ist heute ja heutzutage ohnehin nur einen Klick entfernt, und somit ist nur konsequent, dass in Harry’s Haus aller Pop drin ist. Und in dessen Zimmern verdichtet sich Alles zu 13 Liedern, die samt und sonders Hit-Potential haben. Viele Stile und alle wesentlichen Pop-Jahrzehnte fasst dieser Sänger also in einen eigenen Popsound, findet von Synthie zu Folk, von Soul zu Jazz und zurück zu Fun- und Funkpop. Niemals aber hört sich diese Musik bemüht oder ungewollt retro an, dazu sind die Melodien zu eigen, das Songwriting zu aktuell, die Produktion zu souverän. 

Die Art und Weise, wie hier alles mit allem in einen verqueren und queeren Popentwurf mündet, wie sich Widersprüchlichkeiten mit guter Laune und stetig catchy Hooks vertreiben lassen, lässt ebenso ratlos wie begeistert zurück. Begeistert, weil es für sich funktioniert, ratlos, weil mit diesem Album in gewissen Sinne auch die Popgeschichte zu einem Ende findet - „Harry’s House“ ist Synthese von sehr viel Pop. In jedem Falle hat man das Gefühl, jetzt muss wieder irgendwas wie Punk und Grunge um die Ecke kommen, irgendein Genre, das alle Erinnerung platt walzt und sich für nichts ausser sich selbst interessiert und nicht alles zu einem stylischen Brei verrührt. Styles singt ja selber: „You know it’s not the same as it was.“


Schönheit und Anmut

Tears For Fears mit neuem Album nach 18 Jahren Pause

Wenn man sich die Geschichte der Popmusik anschaut, so könnte man als eine ihrer Mechaniken die Sehnsucht vieler Genres nach ihrer eigenen Entgrenzung betrachten - als wären also Genres und Sub-Genres, Kategorien und Schubladen der Popmusik Organismen, die aus sich selber treten möchten, durch Zellteilung, um Bild zu bleiben. Und es braucht gleichermassen Bands und Interpret:innen, die ihr jeweiliges Genre am Leben halten, ausdifferenzieren und es hegen und pflegen, als auch solche, die dem natürlichen Instinkt nach Erneuerung und Entgrenzung nachspüren. 

Wenden wir nun diese Sichtweise auf den Synthiepop der 80er an, so fallen einem sofort für beide Vorgehensweisen Beispiele eine - Bands also, die dem Synthiepop treu blieben und teils bis heute sind - wie a-ha, Depeche Mode, Eurythmics oder die Pet Shop Boys; genauso wie Formationen, die Auswege aus den doch recht starren Popentwürfen des New Wave suchten. Hier wären Talk Talk zu nennen, die zwar schon ihrem eigentlichen Genre  ein paar der elegantesten, und verschachtelsten Hits der 80er überhaupt abrangen, sich aber dann auf den Weg machten, orchestrale und jazzige Elemente in ihre Musik zu ziehen und einen Artpop kreierten, der in seiner düsteren Spleenigkeit bis heute seinesgleichen sucht; oder Spandau Ballet, die den reinen Synthiepop tatsächlich als eine der Ersten ad acta legten, nämlich als dieser noch gar nicht richtig boomte: Ihr 1984 erschienenes, drittes Album “true“ definierte ihren Signature-Sound: Loungepop mit Spuren von Rock, unfassbar weissem Soul und einer gehörigen Prise Barjazz. Oder aber, um die solle es heute gehen, Tears For Fears. Das Duo hatte mit „shout“, „mad world“ oder „everybody wants to rule the world“ veritable Hits und hätte es sich damit bequem machen können. Stattdessen nahmen sie ein riesiges Budget in die Hand, engagierten das Who is Who der damaligen Popmusik als Gaststars und nutzten Beatles’ „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ als Blaupause für eine Flucht aus dem Synthiepop: Drei Jahre Arbeit mündeten 1989 in dem Album „seeds of love“, eine virtuose Melange aus Artpop, Jazz, Blues, Folk und ihrer musikalischen Heimat, dem New Wave. Auf dem Weg zu dem Album feuerten Curt Smith und Roland Orzabal die eigentlich angedachten Produzenten Clive Langer und Alan Winstanley, und Orzabal übernahm den Job dann selbst.

Cover-tippingpoint

Und auch für ihr diesjähriges Comeback feuerten sie Soundtüfteler: Ihr eigentliches Label verordnete ihnen die Hipster-Produzenten Florian Reutter und Sacha Skarbek, aber das hat wohl nicht funktioniert. Wie dem auch sei: 18 Jahre nach ihrer letzten Platte ist im Februar nun „the tipping point“ erschienen, eine erratisches, philosophisches, nachdenkliches Werk, auf dem nicht die Machart, der Stilmix und der Bombast im Vordergrund stehen - sondern Songwriting. Die Lieder handeln vom Alter, vom Tod, von der Welt und der Eigenwahrnehmung, und Tears For Fears ziehen die Register ihrer Soundmittel behutsam und virtuos, um diese ihre Lieder emotional nahe zu bringen - der Opener "no Small thing" klingt nach Folk und 70er, der Titelsong zieht breite Flächen mit dem dem Synthesizer, "my demons" ist stampfender Rock, um nur drei Beispiele zu nennen. Und wie sie sich gesanglich einbringen, paritätisch, ergänzend, chorisch, abwechselnd, widersprechend oder zustimmend, das beherrschen sie nach 30 Jahren Bandgeschichte mittlerweile perfekt - man macht schon gar keine einzelnen Stimmen mehr aus, sondern man verortet den Gesang ganz einfach bei Tears For Fears. Das Duo schöpft aus der eigenen Geschichte und steht sowohl zu seinen 80er-Wurzeln als auch zu den Eskapaden ihrer Befreiung aus den 80ern, und ebendiese Versöhnung mit allen Phasen der Bandgeschichte macht "the tipping point" zu einem Alterswerk und befreit quasi "the seeds of love" von der Last, ein Wendepunkt zu sein. Schönheit und Anmut dieser Musik sind wohl das Ergebnis einer langjährigen Frage, wie Popmusik sein kann.


Kein Rauhbein, kein Riff

Bryan Adams behauptet, ein Album gemacht zu haben

Bildschirmfoto 2022-03-14 um 16.53.35Die neue Platte von Bryan Adams ist mutmasslich als post-corona-Veröffentlichung geplant und gemeint gewesen - sie heißt jedenfalls „So Happy It Hurts“. Irgendwie passt der Titel jetzt nicht mehr so richtig in die europäische Popkulturlandschaft, aber das nur nebenbei - der happy Poprock jedenfalls, den der notorisch heisere Fotograf auf diesem neuen Album zelebriert, ist im Grunde genommen wirklich so happy, dass es wehtut. Aber auch so überraschungslos, dass nichts wehtut. Im Grunde genommen ist das ein Rock-Album ohne Rock, es behauptet Riffs, Rauhbeinigkeit und Rebellion, aber zu keiner Sekunde kommen Riffs, Rauhbeinigkeit und Rebellion irgendwo an. Adams, mittlerweile auch ein veritabler Fotograf, macht Rock wie für ein Fashionmagazin, aber nun  gut: Seit je her gibt es für diese Art Musik durchaus einen Markt. Man fragt sich nur, wie irgendein:e Musiker:in damit zufrieden sein kann, wenn auf einer Platte von immerhin 45 Minuten Länge wirklich nichts in irgendeiner Form originell klingt. Und ich frage mich, warum ich mich damit überhaupt beschäftige.


Zeitgeistige Verhaltenstherapie in Eierkarton-gedämmten Probenkellern

Drei Bands mit deutschen Texten in den Pop-Startblöcken

Bildschirmfoto 2022-03-04 um 11.47.38Bei der Band „Verhaltenstherapie“ weiß man erst mal nicht so recht, wozu man geladen ist. Bei dem Namen erwartet man eine Indie-Band mit Postpunk, wenn nicht gar ohne die Vorsilbe Post, aber das stimmt dann so gar nicht. „Verhaltenstherapie“ machen elektrischen Indiepop, und dahinter steckt ganz offensichtlich auch keine Band - sondern eine Einzelperson, der Schauspieler, Regisseur und eben Musiker Gordon Kämmerer. Sein Popentwurf schwirrt irgendwo in der Nähe von NDW mit absichtlich billigen Hip-Hop-Beats, spleenigen Texten und in seinen Videos auch einigen visuellen 80er-Remiszenzen - wenngleich mir Kämmerer, kaum 30 Jahre alt, jetzt natürlich hinterher rufen könnte: „He? Achtziger? Ok Boomer.“ Sein neuer, erst zweiter Song jedenfalls heißt „alte Liebe“ und wirft mal wieder die gute alte Frage auf, die Pop an sich immer gut tut: Wie zur Hölle ist das gemeint? „Wo mein Herz mal war, ist nun ein schwarzes Loch. Alles zieht hinein, Leere herrscht im Kopf. Still liegt die Luft und eisern dröhnt die Zeit. Kein Licht mehr da. Für gar nichts mehr bereit.“  - diesen Refrain könnte man fast in Duktus eines Schlagers singen, aber das Soundbett und die Art und Weise, wie das bei „Verhaltenstherapie“ gesungen wird, hat so gar nichts Inbrünstiges - eher schon eine provokative Beiläufigkeit, mit der die milleniale psychische Rückbesinnung konterkariert wird. Man weiß also nicht, wohin man geladen ist, aber freut sich durchaus, zur „Verhaltenstherapie“ eingeladen zu sein. 

Bildschirmfoto 2022-03-04 um 12.04.02„Florian Paul & Die Kapelle der letzten Hoffnung“ ist Deutschpop mit  bratzigen Bläsern - diese Band ist wunderbar und klingt nach „Element Of Crime“, aber jünger, nach Max Raabe vielleicht, nur rockiger, nach „Faber“ nur ohne Wien - die kürzlich erschienene Single „Zeitgeist“ mit der Bildschirmfoto 2022-03-04 um 12.20.43Eröffnungszeile „Warum bauen die ihr scheiss Parkhaus direkt vor meinem Fenster“, dem Refrain „Mach’s gut lieber Zeitgeist, du hast mich enttäuscht“ und einem mitreissendem Trompeten-Solo ist herrlich - die würde man gerne mal live sehen. Aber auch zum Kochen taugt das gut. Und meine Tochter kann es auch schon mitsingen - was will man mehr?

Die Formation „4 Stock“ ist ein wenig klassischer in ihrem Popentwurf - aber nicht minder sympathisch. In den drei Liedern ihrer aktuellen EP „höhere Gewalt“ verquirlen sich Gitarrenpop, Reggae-Rhytmen, fluffiger Rock, Ska-Bläser aus der Ferne, WahWah-Riffs, Funk-Prisen und zeitlos sozialkritische Texte alter Schule zu einem OK-boomigen, sorry Wortspiel, Rocktail - oh Gott, noch eines. Wobei hier eine Band am Werk zu sein scheint, die diesen Namen noch verdient: "4. Stock" klingen, als hätten sie den klassischen Band-Keller mit Bierkästen und Eierkartons in den Knochen, als hätten sie sich in unzähligen Kneipen, Sälen und Festivals die Finger wund gespielt, wie immer man das nach zwei Jahren Pandemie hinbekommt - um so schöner also, dass es noch solche Bands gibt: „Die Propheten haben gelogen, und jetzt irren wir durch Zeit und Raum. Die Propheten haben gelogen, der Trip ist aus, aus ist der Traum.“ 

Links:

< bandcamp Verhaltenstherapie > / < Website Florian Paul > / < Website 4. Stock >


Pop in den Startblöcken meets Songs zum Sonntag

Bildschirmfoto 2022-02-13 um 12.06.38/// Der Song, der wie ein Bond-Song klingt, ist ja im Grunde eine Genre für sich, da der Bond-Song als solcher ja nur James-Bond-Songs vorenthalten ist. Die neue Single der Sängerin, Songschreiberin und Produzentin Carla Lina, „higher“, ist nicht ganz, ein Song, der wie ein Bond-Song klingt, der aber wie ein Bond-Song beginnt: Klavier-Akkorde, tiefe Stimme, Harmonie-Anlage - aber dann hebt das Ganze ab und flaniert in einen Eurodance-Snythiepop-Hit, öffnet sich und fliegt weg. Das ist versiert gemacht: Als Produzentin kennt Carla Lina die effektive Dramaturgie der Pop-Euphorie und als Sängerin setzt sie diese auch um - mit tiefem Soul-Timbre, das sie ansatzlos auch in Höhen schrauben kann. Lina versteht ihr Handwerk. Das Songwriting ist vielleicht noch nicht der Weisheit letzter Schluss, „you make feel higher“ ist eine Hook-Line aus dem Werkzeugkasten der Popgeschichte, aber Carla Lina sucht nach einem originären Popentwurf, und Suchen bringt mit sich, dass nicht jedes Element der Weisheit letzter Schluss ist. Bildschirmfoto 2022-02-13 um 12.08.40/// Mit Referenzen ist das ja so eine Sache - manches Mal können Sätze wie „diese Band klingt wie…“ an ebendiesen Bands kleben bleiben, und daher sollte man nicht leichtfertig irgendwas in der Richtung in den Raum werfen. Die Promotion für die Band „Jacob Fortyhands“ nennt als Referenzbands „The 1975“ und „Coldplay“, und das muss man nicht eigentlich fast nicht nennen, weil es schon sehr stimmt: Die wie Carla Simons oben erwähntes Lied ebenfalls vorgestern, am 11.02. erschienene, neue Single der Band, „feels like forever“, hat den Breiwand-Gestus einer Coldplay-Single, der entsteht, wenn eine nominelle Rockband Pop spielt: Keyboard und Gitarre legen ein Bett, auf dem es sich der Sänger Lukas Heitmann mit schönster Melodie bequem macht, untendrunter tummelt sich ein angenehmer Uptempo-Beat, und für Bridge und Refrain macht sich der Himmel auf. Diese Band ist nahezu erschreckend versiert in dem was sie tut, und als dritten Referenzpunkt würde ich der Promotion noch „Vampire Weekend“ hinterher rufen - der Drummer versteckt Afrobeat-Anleihen ähnlich geschickt wie die artpoppigen Wochenend-Vampire. „Jacob Fortyhands“ ist eine echte Entdeckung. /// Links: der YouTube-Kanal von Carla Lina und Die Website von Jacob Fortyhands ///


/// Songs zum Sonntag /// 051221 ///

Rost/// Nicola Rost ist eine der besten Songwriter:innen, die wir haben. Ihre deutschen Chansons sind urbane Kunstlieder, die sich mit Synthies und Dancebeats zu Pop mausern - mit ihrer Band „Laing“. Nun hat sie aber ihre erste Solo-Single ohne Laing veröffentlicht - „Ministerium für Einsamkeit“ ist weniger elektronisch als Laing, klingt kurioser Weise mehr nach Band als Songs vom Rosts Band, aber summa summarum könnte das vom Text, und vom Sound her auch „Laing“ sein. Im gewissen Sinne funktionieren Rosts Ministeriums-Allegorien auch ohne Pandemie, aber dennoch ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass das Lied auch von Corona handelt. Das empfindet man sicherlich nicht nur dann so, wenn man wie ich vom Ministerium für Einsamkeit zum ersten Mal in Isolation hört: „Es gibt ein Ministerium für Einsamkeit, und alle fragen wofür - im Ministerium für Einsamkeit, die halbe Stadt steht schon schon an der Hintertür. Bitte berühr mich! Bitte berühr mich! Wave Aber fass mich nicht an!“. Ach, wie soll man Quarantäne ohne Nicola Rost aushalten? Muss ich jetzt ja nicht mehr. /// Die Band „The Wave Pictures“ besteht aus drei Songaholics, das Trio hält kaum ein Jahr aus, ohne mindestens zwei Alben zu veröffentlichen. Und fast alle sind toll. Mal mehr Bluesrock, dann kommt Garagenschrammel und ein Parforceritt durch die Rockriffgeschichte, dann wird es wieder folkiger. Nun haben sie ein Doppelalbum aufgenommen, das 2022 erscheinen soll, 'When The Purple Emperor Spreads His Wings’ heißen wird, und dass sich auf vier Vinyl-Seiten den vier Jahreszeiten widmen soll. Die erste Herbst-Single „this heart of mine“ ist ein urig-einfacher Folksong mit Bluesharp, schlichtem Riff und einfacher Melodie - sich auf so viel berufen und dann noch so eigen klingen, das muss man erst einmal hinbekommen - wundervoll. ///

Video-Links:

/// < Ministerium für Einsamkeit > /// < this heart of mine > ///


Emotions-Anleihen

Instant-FOMO: Der Helene Fischer-Ticket-Pre-Sale-Wahnsinn

Der Vorverkauf hat begonnen - wenn der Freedom Day abgefeiert, unsere halbjährliche Impfung Alltag geworden und die Ampel-Koalition 16 Monate im Amt gewesen ist, geht Helene Fischer auf große Tournee - 60 Konzerte plant die Eurodance-Sängerin ab Frühjahr 2023 zu ihrem gerade erschienenen Album „Rausch“; und ein Rausch soll auch das Konzerterlebnis werden. Die Show wird ihr auf den Leib geplant - und zwar von niemand Geringerem als dem Cirque Du Soleil. Auf einem Schwan zur Bühne fliegen, inszeniert von DJ Bobo, war gestern. Der Promotext verspricht, dass "Die Erfolgskünstlerin mit ihrer Vielseitigkeit, Wandlungsfähigkeit und ihrem Wagemut einmal mehr Gesang, Tanz und Artistik zu einem Gesamtkunstwerk von ungeheurer Grandezza und Intensität verbindet.“ - klingt als habe die Sache schon statt gefunden. Hier finden also zwei Phänomene zueinander, die immer wieder mal miteinander flirten: Pop und Zirkus. Was sie verbindet ist die zunächst sinn-entkoppelte Hingabe, die auf anderer Ebene wieder mit Inhalt und Emotion aufgeladen werden kann, eine hingebungsvolle Leerstelle, die leuchtet, weil sich ihr hingegeben wird. Wenn Fischer ihre Entgrenzungslyrik in der Melodie eine Quart höher schraubt, werden Trapezkünstler:innen an Schaukeln über die Köpfe des Publikums schweben. Die Menschen werden mit offenen Mündern in den Veltins- und Mastercard-Hallen stehen, denn das wird alles ganz sicher ziemlich erstaunlich.

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Die volle Live-Überwältigung ist dabei eigentlich die visuelle und logische Konsequenz aus dem antiseptischen Entgrenzungs-Pop von Helene Fischer. Als ich von der kommenden Tour las, war ich allein schon von der Ankündigung so eingenommen, dass ich dachte: Da muss selbst ich hin. Obwohl das Ganze erst in eineinhalb Jahren losgeht, setzte bei mir eine Instant-Fear-Of-Missing-Out ein. Himmel! Selbst die Pre-Sale-Paket-Namen sind von lyrischer Promo-Schönheit. Wer sich jetzt schon ein Ticket sichert, der hat die Wahl zwischen dem „Blitz! Early-Entry-Paket“ (ab 249 Euro), dem „Jetzt-Oder-Nie-Hot-Ticket“ (ab 279 Euro) oder dem „Wir werden Eins - Golden-Circle-Paket“ (ab 299 Euro). Egal für welches Package man sich entscheidet, dazu buchen kann man dann noch das „Helene Fischer Collector Ticket im Design der "Rausch - Live" Tour 2023“ - eine Plastik-Karte mit gestanztem Baumwoll-Band, das sicher auch noch mal 30 Euro oder so kostet. Man hat das Gefühl, hier werden nicht Eintrittskarten verkauft - sondern Emotions-Anleihen auf die Zukunft.

Wer das von aussen betrachtet, der findet das sicher befremdlich, aber man hat auch den Eindruck, dass hier ein Scheitern ausgeschlossen wird - wer heute schon so viel Geld für eine Ereignis ausgibt, dass im März 2023 stattfindet, der wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch begeistert sein, im März 2023. Es ist dies ein Termingeschäft mit Überwältigung, das man mit der Ticketfirma eingeht, und Helene Fischer ist die Erfolgsgarantin für diesen Kaufvertrag. Man wünscht sich fast, dass man dazu gehört und das auch irre finden und über ein Jahr Vorfreude haben könnte.


La La La

Vor 20 Jahren erschien Kylies Kampfohrwurm "Can't get you out my head"

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Signature Song nennt man den Song einer Band oder Sänger:in, die unverwechselbar für deren Popentwurf steht und eben diesen vollständig konstatiert und repräsentiert. Gleichwohl diese Signature Songs auch gecovert werden, ist in ihren Variationen immer deren „Herkunft“ eingeschrieben - wer „Can’t get no satisfaction“ nachspielt, spielt sozusagen auch die Stones nach, wer „wonderwall“ trällert, covert auch Oasis als solche.

Vor genau 20 Jahren erschien „Can’t get you out of my head“ von Kylie Minogue, nachdem die eigentliche Schauspielerin in den 80ern vom Produzententrio Stock-Aitken-Waterman als Popsternchen erfunden wurde, und man sie in den 90ern mehr oder minder schon abgeschrieben hatte, und der Song erfand Kylie völlig neu - als postironisch lakonischen Star auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Exakt diese Suche führte sie ironischer Weise eben zu diesem„Can’t get you out of my head“, nachdem den Track bereits „S Club 7“ und Sophie Ellis-Bextor abgelehnt hatten. Das Potential dieses hinreissend banalen Ohrwurms war vielleicht nicht gleich zu erkennen, zumal eine wirkliche Songstruktur nicht existiert. Das Ding beginnt mit einem 4-to-the-Floor-Beat, bei dem ein simpler Synthie-Sound das Riff auf die Und setzt, ein Durchgang dauert genau 15 Sekunden, und so setzt eben nach 15 Sekunden dann auch schon die Hook ein: 15 Sekunden La La La, dann erklingt die Titelzeile, und obgleich noch gar nicht viel passiert ist, befindet man sich mit dieser Titelzeile dann quasi gleichzeitig in Vers und Refrain. Diese merkwürdige Struktur-Verwirrung gepaart mit der entlarvenden Banalität und der straighten Gleichförmigkeit ist der einzigartige Widerspruch, der die mittelmässige Songidee zu einem Meisterwerk macht. 

798480661_1280x720Zu seinem großen Erfolg aber hat natürlich auch das < Video > beigetragen, bei dem Kylie gleich zwei ikonographische Kleider und den weißen Jumpsuit aus der Mitte des Videos trägt, der Jahre später das zentrale Exponat von „Kylie - the Exhibition“ im Victoria & Albert-Museum werden sollten. Und ihr Choreograph erfand zudem emblematische Tanz-Moves - die roboterhaften, scheinbar von den eigenen Händen geführten Kopf-Biegungen zum Beispiel oder das diagonale Arm-Ausfahren zu dessen Linie sich der Kopf wie vor einer Schiene geführt vor und zurück bewegt.

Aber ohne „La La La“ hätte man all dies wohl auch inzwischen vergessen - die unterkomplexe Hook bildet zu Beginn des Nuller-Jahrzehnts den neuen Null-Meridian der Pop-Oberfläche. Der Song schliesst das Kapitel 90er ab und weist auch 20 Jahre später noch nach vorne. Davon zeugen auch die unzähligen Cover-Versionen von Kylie selber, die den Signature-Song ihrer Neuerfindung schon als Samba-, Country-, Bastarpop- oder Jazz-Nummer sang. Man merkt diesen Versionen an, dass Kylie über „Can’t get you out of my head“ zu sich als multiverse, augenzwinkernde Popsängerin fand, die sie bis heute ist - „La La La“, so heißt denn auch ihre vor 10 Jahren erschienene Arbeitsbiografie.

Diesen Song bekommt mana nicht aus dem Kopf.