Dietmar Poppeling

Kontemplative Chimäre

Dietmar Poppeling im Gespräch mit dem Popticker über das Ende des Rock durch Pop, mit der Hook beginnende Lieder und die Wirkungsgewitter in Zeiten von Hygienekonzepten anlässlich des Eurovision Songcontest 2021. Bebildert in diesem Jahr nur mit Stockfotos - aus Gründen

Herr Poppeling, nach eine Jahr Pause konnten wir gestern den Eurovision Songcontest unter pandemischen Bedingungen beiwohnen - wo soll man da bloss anfangen? Klassisch? Mit der Frage, wie Ihnen der Songcontest ingesamt gefallen hat?

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Dietmar Poppeling mit seinem Jet

Oder wir fangen dieses Mal da an, wo wir sonst enden, nämlich mit der Frage, wen wir im nächsten Jahr zum Contest in Italien schicken sollten, denn es braucht kein Corona, um mein Ritual der Antwort zu hinterfragen, die ich immer gebe: Vanessa Petruo. Denn wir wissen nun: Vanessa Petruo wird es nicht machen, sie ist Neurologin in Berkeley und an einer weiteren Karriere in der Popmusik mit oder jenseits der No Angels nicht interessiert, und auch wenn wir beiden Gott und die Welt bewegen würden: Der Zug ist abgefahren. Deswegen gebe ich in diesem Jahr eine diplomatische Antwort: Wen wir schicken, ist vielleicht weniger die Frage, als vielmehr die, wie wir an ein Lied kommen, das dann - von wem auch immer - gesungen werden kann, denn ich denke, das war in diesem Jahr der Knackpunkt: Ein Popsong braucht so vieles, ein ESC-Song braucht auch vieles davon, aber hier hatten wir es mit einem Beitrag zu tun, der eine an sich saugute Hook hatte, aber damit hat man sich leider zufrieden gegeben: „I don’t feel hate“, auf diesem Satz könnte man einen Song aufbauen, aber sonst hat man halt nicht viel komponiert: Keine Strophe, kein Refrain oder eine Bridge, die in die Hook mündend einen Refrain suggeriert, nix, und dann hat man den Rumpf eines Liedes auch noch mit der Hook, den einzigen Trumpf, den man im Ärmel hat, beginnen lassen, und hat halt damit schon seine Pfeile verschossen. Somit hatte man auch keine Dramaturgie drin, keine Geschichte, keine Konklusion. 

Was wäre eine Konklusion?

Nun, dass man irgendeine Situation beschreibt, aus der heraus man Gründe hätte zu hassen, und dann sagt man aber eben: Nee! I don’t feel hate! All dies hat man nicht getan, sondern, man lässt Jendrik direkt singen:

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Jendrik bei seinem Auftritt in Rotterdam

Ich verspüre keinen Hass. Und damit ist diese Hook eben auch schon verschenkt, und eine verschenkte Hook ist keine Hook - sondern eine leere Phrase. „I don’t feel hate“ ist die Folge von etwas. Wenn man es vorweg schickt, folgt daraus nichts. Überhaupt denke ich, dass ein ESC-Song nicht mit dem Refrain beginnen sollte. Ich habe hier keine Statistik, aber ich wage die Behauptung, dass beim Songcontest noch nie oder zumindest selten ein Lied gewonnen hat, das mit dem Refrain beginnt.

An Jendrik lag es also nicht?

Nein. Der hat eine silberne Ukulele, und dass er sie wirft und fängt, ist auch prima, aber der Song war kein Song, und ohne einen geht es halt nicht.

Nun sind wir bereits mittendrin und haben den deutschen Beitrag analysiert, da können wir gleich mit der Tür im Haus bleiben und Sie fragen: Wie finden Sie den italienischen Sieger-Beitrag?

Naja, dass Rock niemals sterben wird, wie der Sänger uns euphorisch unterrichtete, das mag schon als Botschaft einer der Gründe sein, warum so ein Titel gut ankommt, aber natürlich ist die Botschaft auf einer Popveranstaltung wie dem ESC schon irgendwie fehl am Platz, um nicht zu sagen: Der Mummenschanz, die Ironie, mit der Rock hier retro-romantisch und also mit den Mitteln des Pop inszeniert wird, ist natürlich im höchsten Masse kontemplativ und damit vom Gestus her ziemlich wenig Rock. Überspitzt könnte man sagen, die Botschaft, dass Rock nicht sterben könne, kommt in dem Fall aus der Gruft des Rock, womit ich aber nicht gesagt haben will, dass die Band, die gewonnen hat, nicht trotzdem Rock lebt. Die Pressekonferenz von Måneskin war sicher mehr Rock als der Beitrag, der Song „Zitti e Buoni“ es sein kann. Aber das sind natürlich Spitzfindigkeiten, die Spass machen, gedacht zu werden - letztendlich ein verdienter Sieger.

Ihr Favorit war es nicht?

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Go_A aus der Ukraine

Mein Favorit war die Ukraine, ganz klar, weil die es vermocht haben, die neue Art und Weise, wie heute Popsongs gebaut werden, als stetes Crescendo von Einzelpartikeln, die ihrerseits jedes für sich auf TikTok funktionieren würden, in einen Beitrag für den ESC zu übersetzen. Gleichzeitig haben sie Sprache und Harmonien eines folkloristischen Beitrags, wie sie für den Contest typisch sein können, ernst nehmend zu zitieren. Das ganze Ding „shum“ von Go_A war der erste Beitrag zum ESC aus der Streaming-TikTok-Ära der Popmusik. Solche Beiträge werden wir nächstes Jahr mehrere und in zwei Jahren sehr viele zu Gesicht bekommen, und sie werden eher nicht so stark sein, wie dieser dies Jahr der Ukraine - ein Feuerwerk visueller wie akustischer Hooks.

Welche Beiträge waren zudem bemerkenswert?

Frankreich hat es mit einem puren Genre versucht, das kann immer auch funktionieren, obgleich die statistisch meisten Beiträge vermutlich einen Genremix suchen, um in möglichst vielen Publika und Jurys, Stimmen zu gewinnen. Hier hatten wir es mit einem originären Chanson zu tun, der sich zu 100 Prozent auf dessen Wirkungsweisen verlässt. Das fällt eben allein schon deswegen auf, weil wir gesagt viel Beiträge Anschluss in viele Richtungen erhoffen. Hier war es eben von Barbara Pravi auch toll vorgetragen. Im Gegensatz dazu wirkte der Beitrag aus der Schweiz schon fast wie ein Kunstlied, das fiel schon auch auf, und auch hier war der Vortrag seitens „Gijon’s tears“ bemerkenswert gut.

Warum war der maltesische Beitrag so hoch gehandelt und hat es letztlich nur auf den siebenten Platz gebracht?

In dem Fall würde ich sagen, dass „nur“ in Bezug auf den siebenten Platz relativ ist, aber warum es vielleicht nicht in den Ausmass gefunkt hat, in dem das Wettbüros erwartet hätten, hat meines Erachtens damit zu tun, dass die Überwältigungsstrategie, dass Wirkungsgewitter in einem Jahr mit nur 3500 Zuschauer:innen in der Halle nicht automatisch auffallen. In anderen Zusammenhängen hätte dieser Beitrag vielleicht gewinnen können.

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Fans in der Halle

Was für Lehren ziehen wir insgesamt aus diesem Songcontest für die die Kommenden?

Der Rockanteil wird nächstes Jahr stark steigen, aber es wird sicher kein Rock gewinnen. Insgesamt sollte man irgendwann wirklich überdenken, ob die big five wirklich automatisch für das Finale qualifiziert sein müssen, denn man sieht ja, dass man sich damit keinen Gefallen tut. Wenn man das Halbfinale überwinden muss, steigt durch den Wettbewerb die Identifikation mit dem eigenen Beitrag eines Landes, und damit letztlich auch der Wert im nationalen TV als Sende-Ereignis. Die Idee, dass man damit ein Ereignis finanziert, bei dem man dann selber nicht vorkommt, weil man im Halbfinale ausscheidet, ist letztlicht eine Illusion, eine Chimäre, denn man sieht ja an unserem diesjährigen Beitrag: Ohne Lied kann man sich die Teilnahme auch schenken. Schauen Sie sich UK an - vielleicht würde das vereinigte britische Königreich den Wettbewerb nicht verweigern, wenn es für sie einer wäre.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Ein Lied kann einen Code brechen

Einige Gedanken zum Eurovision Songcontest 2024 - in diesem Jahr nicht in Gesprächsform

Der Eurovision Songcontest ist ein gigantisches Medienspektakel, das sich scheinbar automatisiert zu wiederholen scheint - es gibt Windmaschinen, jedes Jahr größere Bühnen, Trick-Kleider und immer auch Rückblicke auf bisherige Highlights, Fehlgriffe, Kuriositäten und Welthits, und am Ende verlieren die Deutschen. Ein solches Ereignis, das viele Menschen lieben, und das bis in ihren Alltag hinein reicht, erhält sich aber, so ritualisiert es auch erscheinen mag, nicht von selbst. Es gibt Tausende, die die Idee dieses Wettstreits neu denken - sei es, weil sie Fan sind, sei es, weil sie in welcher Form auch immer teilnehmen - und nur durch dieses stete Mitdenken, kann der Eindruck entstehen, dass sich nichts ändert. Das ist wie im Pop selber: Ständig kommen Leute, die denken, es geht alles von vorne los, während dahinter eine Generation nörgelt, das vorgeblich Neue sei ein alter Hut. Daher erkennen wir im Pop neues wieder, ohne dass das einen Widerspruch darstellt. Was die gigantische Show Pop im Allgemeinen und Songcontest im Speziellen voran treibt, sind eben die verschiedensten Leidenschaften, Begeisterungen, Emotionen und Ansprüche, die zum dem scheinbar rituellen, alljährlichen Kompromiss führen, und wenn gar nichts mehr verbindet, so kann man sich im Zweifel aller Zweifel zumindest noch darauf einigen, dass „douze points“ magisch sind. 

Die Hook des Sieger-Titels 2024, Nemos „I Broke The Code, Whoa-Oh-Oh“, lässt in der Rückschau auf einen denkwürdigen Popabend vielerlei mehrdeutige Wortspiele zu, hinter denen das Neue wieder-erkannt wird. Und allein dies auch schon in zweierlei Hinsicht: Einerseits sangen die zugeschalteten Menschen, die die 12 Punkte ihrer jeweiligen Länder verkündeten, „Whoa-Oh-Oh“, wenn ihre douze points in die Schweiz gingen, anderseits benutzen viele Interviewten das Bild des geknackten, gebrochenen Codes. Nemo selber fand noch am Abend des Code-Triumphes eines dieser Sprachbilder: „I had to smuggle my [nonbinary] flag in, cause eurovision said no, and I did it anyway - I hope some other people did that too, but common! That is double standard, as I said: I broke the code, I broke the trophy, the trophy can be fixed, maybe eurovision need some fixing too from time to time.“

Nie zuvor trat bei einem Songcontest deutlicher zutage, dass der merkwürdige Senderzusammenschluss EBU seinen naiven Kodex, der Songcontest müsse unpolitisch sein, mit vielen kleinteiligen Entscheidungen und Regeln verteidigt und nicht merkt, dass ebendiese Entscheidungen und Regeln selber hochpolitisch sind. Im Vorfeld des diesjährigen Wettbewerbs wurde die vorgebliche Politiklosigkeit vor allem in Frage gestellt, da es viele Menschen in ganz Europa nicht für richtig halten, dass Russland aufgrund des Angriffskrieges in der Ukraine nicht teilnehmen darf, Israel aber trotz ihres Vorgehens in Gaza nicht auch suspendiert wird. Ich halte diese Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg, die dem Entscheidungsgefälle, erstens, zugrunde liegt, für überaus richtig. Zweitens würde jeder potentielle Songcontest-Beitrag in dem autokratischen System Russlands, in dem jedes Denken gegen die Regierung als Extremismus eingestuft wird, ein systemkonformer Beitrag sein, während Israels „Hurricane“ von Eden Golan durchaus auch für eine israelische Zivilgesellschaft steht, die ihrerseits derzeit wieder fast täglich gegen die eigene Regierung auf die Strasse geht. Wer also für eine humanere Vorgehensweise Israels eintreten möchte, könnte im Gegenteil gerade deswegen FÜR eine Teilnahme Israels am Songcontest votieren, sollte aber ganz gewiss nicht gegen Eden Golan und vor ihrem Hotel demonstrieren. Unabhängig aber davon ist natürlich jede Argumentation für oder gegen Russland oder Israel natürlich hochgradig politisch, auch wenn die EBU nicht ganz zu Unrecht schon vor einigen Wochen darauf hinwies, dass die Suspendierung Russlands nicht die primäre Entscheidung ist, sondern eine Folge der Aberkennung der Mitgliedschaft in der EBU, und hierbei könnten laut deren Statuten eben durchaus politische Erwägungen eine Rolle spielen.

Dass die EBU dann freilich die „Booohs“ in der Halle während des Auftritts von Eden Golan heraus filterte und also für das Fernsehpublikum unhörbar machte, ist dann aber auch der Frage würdig. Wenn man die Künstlerin selber vor einer feindlichen Energie hätte schützen wollen, könnte man das gut heißen, aber Eden Golan hat ja die buhenden Zuschauer:innen im Gegensatz zum Fernsehpublikum hören können - ja müssen.

Die Suspendierung des holländischen Beitrags wiederum, nachdem gegen den Sänger Joost Klein eine Anzeige vorlag, kann vermutlich durchaus als eine Entscheidung im Rahmen eines Kodex verstanden werden, der nicht per se politische Dimensionen hat: Klein hatte sich in einer Situation, in der er nicht gefilmt werden wollte, zu einer bedrohlichen Geste gegenüber einer Kamerafrau hinreissen lassen, die ihn doch filmte - was genau dann vorgefallen ist, wissen wir ohnehin nicht. Aber natürlich wurden auch hier sofort Parallelen gezogen: Warum darf der Staat Israel in Gaza Menschen töten, ohne dass die Teilnahme am Songwettstreit davon gefährdet ist, während ein holländischer Sänger wegen des Verdachts einer bedrohlichen Geste ausgeschlossen wird. Spätestens in solchen Äusserungen wurde ersichtlich, dass sich nicht nur die EBU selber in ihrem unbedingten Willen, Politik aussen vor zu lassen, vollständig verrennen kann, sondern auch Fans des ESC. Und, tja, die EBU selber tut dies ohnehin, wenn sie die Non-Binär-Flagge in der Halle verbietet, denn diese Flagge steht ja nun gerade nicht für einen politischen Staat oder eine implizit politische Aussage, sondern symbolisiert eben diesen Wertekanon der Gleichheit Aller, den die EBU vorgibt vor politischen Impetus schützen zu müssen.  Man könnte sogar so weit gehen und sagen, die Botschaft, die mit der non-binary-Flagge ausgesendet wird, nämlich das Recht auf und den Wert der eigenen Individualität jenseits von welchen Kategorien auch immer, ist ein konstatierendes Element der Popmusik als solcher - und pophistorisch vielleicht gar das Scharnier zwischen Rock und Pop - aber das führt jetzt vermutlich zu weit. Klar ist indes, dass die EBU mit dem Eurovision Songcontest ein Produkt verwaltet, über das sie die Deutungshoheit längst verloren hat.

Aber natürlich wurde am Samstag auch musiziert - und erfreulicher Weise wurde der schweizer, vermutlich objektiv anspruchsvollste und musikalisch sozusagen gelungenste Beitrag, „The Code“ von Nemo eben, zum Sieger gekürt. Der Song vermischt Pop, synthetischen Orchester-Bombast, Rap und einen Drum-N-Bass-Beat mit Bondsong-Prisen und einem fluffigen Dream-Pop-B-Teil zu einem Amalgam aus Ideen und Stilen und findet doch und ganz anders als viele andere Beiträge an diesem Abend zu einem homogenen Song - flankiert mit der Performance auf einer silbernen Rampen-Drehscheibe, auf der Nemo den Schwerkräften stimmlich und tänzerisch zu trotzen schien: So gewinnt man den ESC. Überraschen konnte auch der deutsche Beitrag, „Always On The Run“ von ISAAK, der mit rauher Stimme und trotzigem Rockpop Zwölfter wurde, was sich nach mehreren Jahren auf dem letzten Platz wie ein Triumph anfühlt. Mit vielen Beiträgen in Landessprache und erfreulich wenig Europop zeigt sich 2024 um so mehr: Wenn man das Format ernst nimmt und einen guten Song im Gepäck hat, kann man Glitzer-Effekten, Feuerfontänen, Ventilatoren, Dekolletés und sogar der EBU entsagen - und eben dennoch oder gerade deswegen Stimmen einheimsen.

Man kann jedenfalls nur hoffen, dass eben diese musikalischen Erkenntnisse schlussendlich die Gräben, die sich aus politischen Debatten und der albernen Weigerung sie als solche zu Kenntnis zu nehmen, aufgetan haben, überwinden können - im meta-Sinn des deutschen Beitrags 1975, „ein Lied kann eine Brücke sein“ - eben dann, wenn das Lied bestimmte Codes bricht. Denn das Ereignis „Eurovision Songcontest“ ist in vielerlei Sinne wertvoll und identitätsstiftend.

 

 


Fünf Forderungen für den ESC 2024

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von Dietmar Poppeling

- wegen der unklaren Lage bei den Bildrechten vom ESC in diesem Jahr mit Fotos von Rüttelplatten

01 / Wir brauchen schleunigst eine schmissige Verschwörungstheorie zum steten Scheitern der deutschen Beiträge - 2023 wieder nur letzter Platz, da ist doch was oberfaul. Vielleicht ist Bill Gates dran schuld, oder die Jurys werden bestochen oder russische Hacker rächen sich an der waffenliefernden Ampel - an den Beiträgen kann es nicht liegen, denn die sind derartig unterschiedlich gewesen, dass … es an den Beiträgen nicht liegen kann.

02 / Die Zeit zwischen  Veröffentlichung der Songs und der ESC-Finalwoche sollte wenn irgend möglich verkürzt werden - oder man sollte eine Art Rezension-, Reaction- oder Wettsperre einführen, um zu verhindern, dass es zu schnell Favorit:innen gibt. Denn der psychologische Effekt, dass man gerne zur Mehrheit gehören möchte und somit favorisierten Beiträgen zugeneigt ist, darf nicht unterschätzt werden. Schweden hätte in diesem Jahr ohne diesen Effekt eher nicht gewonnen.

Apps03 / Die Anzahl der Finalist:innen sollte noch einmal verkleinert werden, von 26 auf 22, das wäre mein Vorschlag. Das Feld von 26 Songs ist zu groß, und es begünstigt, dass man sich nicht auf Beiträge fokussiert, die GEfallen, sondern auf Beiträge, die AUFfallen, die also sich in irgendeiner Weise von den anderen unterscheiden - und sei es auch nur, weil ein Beitrag favorisiert wird.

04 / Die Jury- und Zuschauer:innenvotes sind auch in diesem Jahr wieder extrem divergent, und tendenziell hat das Publikum klüger gewählt als die Jurys. Musik lebt vom Moment, und ich finde daher, 81bS23HC1CL._AC_UL640_QL65_dass die Jury ihr Votum schon der Generalprobe abgibt, gehört abgeschafft - auch die Jurys sollen nach dem ESC-Final-Auftritten über ihre Punkte entscheiden.

05 / Ich fände es gut, den deutschen Beitrag, auf gewisse Art und Weise zu kuratieren - von Musiker:innen: Ein Team von drei Musiker:innen entscheidet über den Weg der Auswahl, die Art des Liedes, des Beitrages etc. Nehmen wir doch nächstes Jahr einfach Herbert Grönemeyer, Stephanie Klos und Joy Denalane, und diese drei schreiben gemeinsam einen Song und suchen dann ein:e Interpret:in; oder sie suchen eine Interpret:in und schreiben ihr dann einen Song. Oder sie entscheiden sich, zur Dritt nach Stockholm zu fahren. Und im nächsten Jahr machen das dann Ute Lemper, Chima und Bela B - bildet absurde Teams und lasst sie kuratieren.


Kollektive Gefühls-Felder

"Man votet nicht politisch.", sagt der ehemalige Popbeautragte der Bundesregierung, Dietmar Poppeling über den ESC 2022 - unser alljährlicher Eurovision-Talk diesmal mit hübschen Fotos von tollen Verpackungsmaschinen 67611ea3.600x400

POPTICKER Herr Poppeling, wie hat Ihnen der ESC vorgestern gefallen?

POPPELING Gut.

Prima. Dann bis nächstes Jahr.

Musikalisch gut. Vom Visuellen her, nun ja, ein gewisser Overkill, und die Show mitsamt den Moderator:innen so mittel.

Der Mythos, der ESC sei unpolitisch ist, so die allgemeine Einschätzung, ziemlich ins Wanken geraten.

Das ist auch sicherlich nicht völlig verkehrt, aber man muss trotzdem differenzieren, denn die Menschen voten nicht politisch - sie voten in allererster Linie emotional. Dass aus der Entscheidung dann als eine politische Botschaft gelesen wird, wie jetzt mit dem Sieg der Ukraine, ist natürlich dennoch nicht totaler Blödsinn. Der ukrainische Beitrag aber hat es vermocht, die emotionale Konstellation der Solidarität mit einem angegriffenen, im Krieg befindlichen Land aufzunehmen und zu bündeln. Das kann Musik eben. Insofern ist der Sieg des „Kalush Orchestra“ durchaus mit musikalischen Mittel erreicht worden. Das darf man auf keinen Fall klein reden.

Wie gefällt Ihnen der Song „Stefania“ denn persönlich?

Ich kann damit ehrlicher Weise nicht so viel anfangen. Die Hook, die der Chor singt, ist enorm catchy, und  vermag wie gesagt in wenigen Zeilen und Tönen die Geschundenheit aber auch den Stolz des ganzen Landes einzufangen, der Rap ist toll, die Flöte erinnert man auch sofort, und allein dass ein Beitrag ohne eine einzige englische Zeile den ESC gewinnt, finde ich erst einmal prima. Aber persönlich, nein, gefällt mir der Song nicht. Aber ich sehe sofort ein, dass Millionen von Zuschauerinnen das anders sehen.

Mit ihrer These der emotionalen Entscheidung von eben diesen Millionen, die den Sing gewählt haben, lässt sich auch erklären, warum die Jurys der Ukraine deutlich weniger Punkte gegeben haben. Weil die Jurys eben NICHT emotional wählen?

89-1000-1Diese These, werter Herr Gieselmann, ist natürlich Unfug.

Und warum, Herr Poppeling?

Die Jurys voten nicht unemotional - sondern in anderer emotionaler Konstellation; und kommen daher zu anderen Entscheidungen. Allein schon, weil sie nicht die Show sehen - sondern ihre Entscheidung nach einer Probe fällen, wirft sie eher auf sich zurück, als auf bestimmte kollektive Gefühls-Felder -

Oho!

- Gefühls-Felder von Mehrheiten. Der Effekt, das sich ein Raum auf etwas einigt, allein WEIL man in einem Raum ist, und wenn ebendies sich aus der ESC-Halle  mitsendet und dann viele für die Ukraine anrufen, davon ist die Jury, davon sind die Jurys nicht beeinflusst. Aber sie gehen vielleicht schlecht gelaunt in den Tag, und dann erreicht sie ein fröhlicher Titel mehr als eine Liebes-Ballade. Daher sind die Jury-Votes mitnichten professioneller als die der Publika - im Gegenteil, sie sind um Weiten privater.

Nicht zum ersten Mal wurde Kritik laut, nachdem aus jedem Land egal ob von Jury oder TV-Publikum Punkte nur an zehn Länder gehen. Platz 11 bis Platz 25 aus jedem Land bekommen die gleiche Punktzahl - nämlich Null. Auch Peter Urban hat in dieses Horn gestossen; nicht zuletzt, weil Deutschland wieder mal Letzter wurde: „Du kannst 40 Mal im guten Mittelfeld landen und hast immer noch keine Punkte. Insofern ist dieses System ungerecht, das prangern wir schon länger an.“

Holz-verpackung-posch-packfix-967x725Urban sagt auch (Link < HIER >), dass jeder Beitrag Punkte bekommen sollte, und ja, ich finde schon, dass das dann gerechter würde, da hat er Recht. Aber man müsste sich dann eben davon verabschieden, dass die Höchstpunktzahl 12 ist. Mit dem „Our twelve points go to … SWEDEN“ wäre es dann vorbei. Und diese 12-Punkte-Tradition abzuschaffen, das wäre ein Tabubruch. Ich fände das auch grauenhaft, aber es wäre vermutlich eine Punktereform, die den Wettbewerb gerechter und als besser machen würde, und spätestens im dritten Jahr davon, dass jeder Beitrag sagen wir 2 bis 50 Punkte bekäme, hätte man die 12 Points vergessen.

Dann hätte Deutschland auch ein paar Punkte mehr.

Gewiss, aber darum sollte es nun nicht gehen - wenngleich auch ich finde, dass unser Beitrag in diesem Jahr besser war als sein Ruf; aber was willste machen.

Welcher Beitrag hat Ihnen denn am Besten gefallen?

Ganz klar „De Diepte“ aus Holland, eine klassische, unheimlich tolle ESC-Ballade, die sehr clever gebaut ist - ein Harmoniedurchgang für je Strophe, Bridge oder Refrain dauert genau 10 Sekunden, und diese 10-Sekunden-Module sind dramaturgisch toll arrangiert - mit seichter Steigerung zunächst und abklingendem Bombast und großer Bremse hinten raus. So muss man das machen. Toll. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich mochte die gelben Wölfe aus Norwegen, die dem Wolf eine Banane geben wollen, bevor er die Großmutter frisst. Das war herrlicher Quatsch.

Aber Sie waren das nicht? In einer finnischen Zeitung wurde gemutmasst (< HIER > der Link), Sie steckten unter einer der gelben Wolfsmasken.

Doch doch, das war ich.

Wußte ich es doch. Und wen, so frage ich jedes Jahr wieder, sollte Deutschland im nächsten Jahr zum ESC schicken?

Wilhelmine.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Vom Dirigat zur LED-Wand

Die Geschichte der Song-Inszenierung beim ESC

Esc-look-11Der Eurovision Song Contest ist ja, wie immer wieder erinnert wird, an und für sich ein Wettbewerb von Kompositionen gewesen - die Interpret:innen waren sozusagen Teilnehmende in der zweiten Reihe. Sicher wurde dies in der Praxis auch zu Zeiten nicht so wahr genommen, als noch die Song-Komponist:innen ein Orchester dirigierten - Pop, ob man es will oder nicht, steht und fällt mit denen, die singen. Das Orchester ist folglich dem Playback gewichen, live performt nun Frontfrau oder -mann, und diejenigen, die den Song komponiert haben, werden in eingeblendeten Credits erwähnt oder aber mit etwas Glück von den jeweils Kommentierenden erwähnt. Meist sind es heute auch wie im internationalen Popgeschäft üblich ganze Teams von Menschen, die die Songs zusammen geschraubt haben - ich kann die Quelle leider nicht mehr nennen, aber ich habe irgendwo gelesen, dass zum Beispiel im letzten Jahr durchschnittlich 3,75 Komponisten an den Song-Beiträgen gearbeitet haben.

Seit also das Orchester nicht mehr spielt und dirigiert werden muss, zeigt die Kamera nichts anderes mehr, als diejenigen, die den Song performen, oder eben so tun, als ob sie ihn performen. Naturgemäss wuchs der Anspruch daran, wie man eben dies tut, und also begann man die Auftritte zu inszenieren. Diese Inszenierungen haben, wie wir wissen, einige absurde Stilmittel hervor gebracht - Trickleider, Stabhochwackel-Choreographien, hüpfende Delfine, Schlittschuhe auf Kunsteis-Platten und so weiter; und diese Kuriositäten sind vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es für das Live-Inszenieren von einzelnen Songs keine historischen Beispiele gibt. Sicher, es gab in der TV-Geschichte Sendungen wie „Top Of The Pops“, aber hier genügte für den Inszenierungsfaktor der Glamour-Faktor etlich anwesender Stars, beim Songcontest kann sich nicht auf Star-Power verlassen werden, der Song ist es, der inszeniert werden soll. Und mit eben der Inszenierung, spätestens, ist der ESC kein Kompositionswettstreit mehr, sondern ein Popwettbewerb, weil in der Popmusik, wie Dietrich Diederichsen so treffend definiert, Akustisches wie Visuelles „zusammen fällt“.

Bildschirmfoto 2022-05-13 um 22.21.17Das Inszenieren von drei Minuten Musik ist inzwischen völlig entgrenzt - die LED-Leinwände, Feuerkanonen, Nebelmaschinen und Bühnen-Requisiten werden immer raffinierter, mit planbaren Kameraperspektiven lassen sich virtuelle Treppen, Mondlandungen und surreale Landschaften in Echtzeit herauf beschwören. Wer in diesem Jahr das erste Halbfinale geschaut hat, und vermutlich lässt sich das auch über das Zweite sagen, musste allerdings das Gefühl bekommen, dass die technische Entgrenzung an ihrem Zenith angekommen ist - wer wenig inszenierte hatte quasi sein Ticket ins Finale gebucht, und mit wenig ist hier ein Ausmass gemeint, dass noch vor zehn Jahren als Overkill wahrgenommen worden wäre. Ich habe allerdings den Eindruck, dass dies nicht nur daran liegt, dass man diese Sendung inzwischen mit dem Gefühl sieht, meine Augen rebellieren gleich gegen alle Effekte, es hat auch was damit zu tun, dass all der Feuerfontänen-Bombast die Skepsis provoziert, hier wird kein Song mehr inszeniert, hier wird eher vom Song abgelenkt. Es ist halt so: Irgendwas muss man schon meinen, wenn man auftritt. Sicher, ein gewisses Mass an Ironie ist sicher auch nicht hinderlich, aber man muss den ESC vor allem Ernst nehmen, sonst ist man verloren und wird verlieren, das wird auch an diesem Samstag so sein.


Du kannst jederzeit zu uns kommen!

Der Schlager macht Popstars zunehmend Identitätsangebote

Vielleicht ist es eine Momentaufnahme und noch kein Trend, aber derzeit scheint das, was man im Allgemeinen Deutschpop nennt, zurück gedrängt: Waren noch vor gut ein, zwei Jahren die Charts von deutsch-sprachigem Pop durchdrungen, herrscht heute in diesem Genre-Segment ziemliche Leere. Fast könnte man eine Parallele zur Neuen Deutschen Welle, zur NDW in den

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Ausverkauf NDW

80er ziehen: Die Aufbruchsstimmung verkam zum ideenfreien Franchise, und die Folge war eine Inflation, bis der Markt schließlich kollabierte. Inzwischen haben wir auch eine Szene mit etlichen Menschen, die unter ihrem Vornamen mit Ouh-Oh-Chorischen Flächenpop den Markt überschwemmen, und schon jetzt muss man befürchten, dass von diesem Heer an Musiker:innen nur die Erfolgreichsten bleiben werden - Mark Forster würde dann, was Nena zur NDW war, während einer so großartigen Songschreiberin wie Antje Schomaker das Schicksal von Ina Deter droht?

So weit ist es sicher noch nicht, und die Situationen sind auch nur zum Teil vergleichbar. Das, was wir heute NDW nennen jedenfalls, war im gewissen Sinne auch der Postpunk der BRD, eine Subversion, welche die Popkultur und den Schlager mit Unsinn und Widerstands-Geist unterwanderte. Daraus entstanden so groteske Situationen wie die, als Dieter-Thomas Heck sich weigerte, eine harmlose Band wie „Geier Sturzflug“ und ihre zweite Single „Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“ anzusagen, weil ihm das zu frech war. (Wirklich politische Bands oder gar Punks wie Fehlfarben, Hansa-A-Plast oder Extrabreit schafften es freilich gar nicht erst in die ZDF-Hitparade.) Dementsprechend aufrührerisch und aus heutiger Sicht historisch wirkte es dann, wenn Trio ihren Dada-Punk-Pop in eben dieser Sendung aufführten. Während also vor 40 Jahren Pop im Geiste des Punk Schlager enterte, fehlt dem Deutschpop dieses beginnenden Jahrzehnts jeglicher aggressive Gestus, um sich der umgekehrten Unterwanderung des Schlagers zu erwehren. Der Schlager hat sich geöffnet, und Pop war darauf nicht vorbereitet.

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Relevanter Rant

Dass der deutschen Popmusik der Schlager auf die Pelle gerückt ist, daran ist diese Popmusik letztlich selber schuld. Sie hat, wie Jan Böhmermann in seinem bis heute relevanten Rant und dem damit verbundenen Song „Menschen Leben Tanzen Welt“ gezeigt hat, einen Setzkasten an musikalischen und lyrischen Stilmitteln heraus gebildet, der der Gleichförmigkeit des immanenten Konservatismus im Schlager in nichts mehr nach steht. (Was wiederum doch auch wieder eine Parallele zur NDW sein mag, die erodiert ist, nachdem ihr ursprüngliches Kapital, die Phantasie, zur Regelsammlung verkam.) Die Nähe zwischen zwei Genres, deren Trennschärfe eigentlich der Pop kultivieren sollte, gibt dem Schlager wiederum die Möglichkeit, nicht ausreichend erfolgreichen Interpret:innen der Popmusik Identitätsangebote mit seinem Spielregeln zu machen.

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Angebot angenommen:
Ben Zucker

Und es gibt diese Angebote, und zwar sowohl an Sänger:innen, die neu sind und noch keinen Popentwurf heraus gebildet haben, ebenso an Intererpret:innen, die im Pop schon mal erfolgreich waren oder sogar noch sind. Für die erste Kategorie gibt es das Beispiel Ben Zucker, dessen neues Album „jetzt erst recht“ gerade recht erfolgreich ist - Zucker ist in seiner Rockattitüde eigentlich prädestiniert dafür, Deutschpop im besten Sinne zu singen, aber irgendwie reicht es dafür nicht, und so biegt er seinen Popentwurf in Richtung Schlager, welcher ihm aufgrund dieses Zugeständnis eben einen Platz in seinem Kreis anbietet: Seien Sie doch bitte, Herr Zucker, ein wenig wie Hans-Hartz, aber nehmen Sie auch Gitarren rein, denn die weißen Tauben sind noch lange nicht müde. Zucker singt also mit schlagerschem Emotions-Tremolo und Whisky in der Stimme eine Art rück-authentifizierten Schlagerpoprock, und als hätte Böhmermann nie statistisch die Häufigkeit der Begriffe Menschen, Leben, Tanzen und Welt in der Deutschpoplyrik konstatiert, so heißen denn die ersten drei Lieder auf erwähnten Zucker-Album: „Guten Morgen Welt“, „Bist Du der Mensch“ und „Das ist nicht das Ende der Welt“.

Ähnliche Identitäts-Angebote für Interpretinnen macht der Schlager in Falle von zwei Comeback-Versuchen ehemaliger Popstars: Da sind zum Einem die No Angels, welche die Neuauflage ihres ersten Hits „Daylight in your eyes“ kürzlich in der TV-Show
„Schlagerchampions - Das große Fest der Besten“ zum Besten gaben. (Am Bühnenrand tanzte Ross Anthony, der wie die No Angels einst als Popstar durch die Sendung „Popstars“ Erfolg hatte, und und sich heute als Schlagersänger verdingt. Ebenso wie Giovanni Zarrella, sein ehemaliger Bandkollege bei „Bro’sis“, der derzeit in den Charts mit einer bi-lingualen

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Blümchen in Gold

Songsammlung  instant-italienisches Lebensgefühl in Musikform verkauft.) Da ist zum Anderen Jasmin Wagner, die einst in den 90ern als Blümchen bekannt war. Nach ihrem ersten Comeback-Versuch 2006, mit an sich ganz charmanten deutschsprachigen Chansons, die sie mit Bernd Begemann schrieb, erscheint nun in Kürze ein Schlager-Album, dessen Titelsong „Gold“ bereits die Richtung vorgibt: Eurodance mit viel goldener Haut und einem, mit Verlaub, selten dämlichen Text: „Gold! Ein Herz aus Gold / hab’ ich immer schon gewollt.“ - nun ja.

Man könnte also sagen, dass der Schlager denjenigen, die aufgrund der Deutschpop-Inflation hinten runter zu fallen drohen, Ablösesummen bietet und mit Handgeldern wedelt. Vom Gestus her ist das sektengleich: Du kannst jederzeit zu uns kommen. Bei manchen schlagen diese Angebote dann voll durch, siehe die bisher genannten Interpret:innen, wieder bei Anderen bleiben Hintertüren im Popentwurf - man höre sich einmal das aktuelle Album von Sarah Lombardi an. Es heißt „im Augenblick“ und hat somit schon einen klassischen Topos des Schlagers UND des Deutschpops im Titel (Kairos und Ewigkeit), und es klingt in seiner synthetischen Beiläufigkeit anschlussfähig an beide Genres, mit denen wir uns heute beschäftigen. Man höre dazu dann einmal im Vergleich

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Augenblick mal

die aktuelle Single von Mark Forster und Lea, den Song „Drei Uhr Nachts“, in dem die titelgebende, nächtliche Uhrzeit symbolisch für die Einsamkeit  der oder des Singenden steht. Bösartig gesagt ist dieser Song ein Paraphrase auf den Signature-Hit von Helene Fischer. Zumindest ist der Topos Nacht ähnlich eindimensional verwendet wie im Schlager. Die Charakteristika, mit denen sich Lombardi, Forster und Lea noch vom Schlager abheben, sind Nuancen. Wer sich einmal durch den Sampler „Ich find Schlager toll 2021“ klickt, der merkt wie entgrenzt sich dieses traditionell eigentlich verharrend und bewahrende Genre geriert: Rockgitarren, pseudonordische Mystik, queere Thematiken, Mittelalter, Klimaschutz und Techno - eine bunte Wiese der Möglichkeiten, und doch klingt alles recht einheitlich.

Wer Pop auf Deutsch singt, der muss sich also was einfallen lassen, um die verlockenden Angebote aus dem Nachbar-Genre auszuschlagen. Geschieht dies zu wenig, droht dem Deutschpop der Kollaps wie einst der NDW.


Kleine Ideengeschichte der Popmusik - Folge 02

Wer gerne noch Vinyl kauft, findet in älteren Platten manchmal noch so genannte Presse-Sheets, auf denen die Musik und ihr Image-Korridor im Popmarkt umrissen ist, damit man auch im Vorhinein weiss, was man zu hören bekommt. An sich wurden hier für mögliche Kritiker in Fachzeitschriften Informationen zum „Produkt“ zusammen gestellt, die Musik-Industrie schuf sich so eine eigene Sprache, um über Popmusik reden zu können. Diese Sprache verselbstständigte sich dann in dem Sinne, als das die Industrie Wirkungsweisen und Sound-Konstrukte sprachlich ersann, bevor es sie zu hören gab. Ähnlich der Konzeptkunst in der Hochkultur kam dann auch die Idee auf, Pop-Acts zu erfinden, die einem Erfolg versprechenden Konzept entsprachen, welches danach erst in die Tat umgesetzt wird. Diese Konzepte können freilich temporäre Erscheinungsfiguren bereits existierender Popstars sein - ebenso aber auch ganzheitliche Pop-Entwürfe, zu deren Realisierung dann MusikerInnen gesucht werden, die das vorformulierte Konzept verkörpern können (die Veröffentlichung dieser Suche hat dann wiederum die Castingshows hervor gebracht). Oder aber MusikerInnen ersinnen sich selber ein Pop-Konzept, das zu Ihnen passt, um es danach selber in die Tat umzusetzen. In einer neuen losen Reihe erinnert der Popticker an Konzept-Pop und Pop-Konzepte dieser Art - eine kleine Ideengeschichte der Popmusik von unserem Gastautoren Dietmar Poppeling.

Folge 01 dieser Reihe findet sich < HIER >

 

NO ANGELS


Was war wann die Idee?
Die Idee war, im Jahre 2000 eine Art regionaleres Konzept der Spice Girls in einer Castingshow zusammen zu casten.

Wer steckte dahinter?
Seitens der Caster natürlich die die damalige „Popstars!“-Jury, die man heute eigentlich nicht mehr kennt, seitens der Gecasteten Nadja Benaissa, Lucy Diakoska, Sandy Mölling, Vanessa Petruo und Jessica Wahls.

NoangelsWie hörte sich das an?
Blubberpop, Bubblepop, Blubber-Bubble-Schnipp-Schnapp-Pop. Für das Debut-Album holte man sich eine Riege nationaler und internationaler Pop-Experten wie Leslie Mandoki (Dschingis Khan, Jeniffer Rush), Torsten Brötzmann (Ace Of Base, Alphaville) oder Peter Plate (noch vor Rosenstolz und Bibi und Tina), insgesamt 5 Männer, die den 5 gecasteten Mädchen ein charttaugliches Track-n-Hook-Gerüst unter die Stimmen produzierten. Wenn man die No-Angels-Hits heute hört, wirkt es nicht trashig, nein, man merkt sogar, wie wenig in den Nullern der europäische Popsound im Gegensatz zu heute von amerikanischem RnB beeinflusst war, dass es den globalen Soulpop eben noch nicht gab. Das ist aus heutiger Sicht im gewissen Sinne ein erfrischender Hör-Effekt. Dem entgegen steht der Eindruck, dass das Ganze schon irre starr und verkrampft daher kommt. Mithin keine förderliche Pop-Nuance.

Wie sah das aus?
Sehr bunt, sehr poppig, sehr erzwungen sexy, sehr regional-Spice-Girl-like, sehr nach: Begabte Sängerinnen tanzen nach Männerpfeifen.

Wer hatte die Idee?
Der Ernährungswissenschaftler „Detlev Dee! Sost“

Hat es funktioniert?
Man erreichte mit den „No Angels“ kommerziell das, was man wollte, ob auch Nadja Benaissa, Lucy Diakoska, Sandy Mölling, Vanessa Petruo und Jessica Wahls das wollten, steht auf einem anderen Papier.

Und was ist draus geworden?
Detlev Dee Soost hat seine Coach-Tätigkeit von der Demütigung popstar-williger Teenies auf die Demütigung von Dicken verlagert. Die fünf Nicht-Engel haben sich alle mehr oder minder aus dem öffentlichen Leben zurück gezogen - Sandy Mölling arbeitet teils als Musical-Darstellerin, Vanessa Petruo studiert, Lucy Diakoska betreibt in Bulgarien ein Café. Das ist natürlich verständlich aber auch ein wenig schade. Alle fünf waren bessere Sängerinnen, als es in dem starren „no angels“-Konzept zur Geltung kam. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Musikindustrie ein wenig Raubbau an den Talenten der Fünf betrieben hat.

 

Matt Bianco


Matt_bianco_9Was war wann die Idee?
In den 80ern wollte man eine Art Jazz-Pop lancieren, den es so auch noch gar nicht gab. Matt Bianco waren durchaus eine Band, aber aus den verschiedensten Umbesetzungen kann man schon heraus lesen, dass der Popentwurf der Band als Konzept mehr Gewicht hatte als die jeweils aktuelle Band-Besetzung.

Wer steckte dahinter?
Im Kern Sänger Mark Reilly, Keyboarder Danny White und Bassist Kito Poncioni - die zunächst als Sängerin neben Reilly engagierte Basia Trzetrzelewska (wie immer man dies aussprechen mag) verliess die Band bereits vor Release des ersten Albums 1984 (kehrte 20 Jahre später dann aber noch mal für eine Tournee zurück).

Wie hörte sich das an?
Jazz-Pop mit Latin-Prisen, New-Wave mit Jazz-Anleihen, Easy-Listening mit Pop-Gewürzen, - und es hört sich bis heute so an, Mark Reilly, der Sänger tritt noch immer unter dem Namen Matt Bianco auf (und hat dafür auch adäquate MusikerInnen).

Wie sah das aus?
In den 80ern sah das ziemlich nach den 80ern aus, heute sieht das so aus, wie man damals wahrscheinlich auch schon aussehen wollte: Bar-Jazz in Anzügen.

Wer hatte die Idee?
Mark Reilly - er hält wie gesagt bis heute an seiner Idee fest.

Hat es funktioniert?
Künstlerisch ist die Rechnung voll aufgegangen, in den 80ern waren „Matt Bianco“ Vorreiter eines Pop-Entwurfs, der in dieser und anderen Dekaden von vielen anderen Bands aufgegriffen, kopiert und verfeinert wurde - man denke nur an Sade oder Curiosity Killed The Cat. Kommerziell war der Band nie ganz der absolute Durchbruch vergönnt. Aber es hat gereicht, um bis heute zu existieren.

Und was ist draus geworden?
Wie gesagt: Mark Reilly nennt sich immer noch Matt Bianco

 

Lordi

 

Was war wann die Idee?
Die Band wurde Anfang der 90er gegründet. Die Idee war die einer Hard-Rock-Band bestehend aus Monstern und Zombies.

Wer steckt dahinter?
Finnische Hard-Rock-Musiker.

Wie hört sich das an?
Wie finnische Hard-Rock-Musik mit englischen Texten.

LordiWie sieht das aus?
Wie Monster und Zombies in einem B-Horror-Streifen.

Wer hatte die Idee?
Der Sänger Tomi „Mr. Lordi“ Putaansuu. Der junge Mann ist Musiker, Make-Up-Artist und ausgebildeter Special-Effect-Künstler. Die Band „Lordi“ war zunächst ein Solo-Projekt, seit 1996 ist es eine Band.

Hat es funktioniert?
Bei Hard-Rock von Monstern ist das Wort Funktionieren vielleicht etwas fehl am Platz. Da Lordi aber 2006 den Eurovision-Songcontest gewannen, kann man schon sagen, dass das Konzept sogar Mainstream-Potential hat.

Und was ist draus geworden?
Die Band ist in der Hard-Rock-Szene nach wie vor sehr erfolgreich.


Lieblingsplatten: Me Phi Me "one" (1992)

ME PHI ME  / ONE  

„Me Phi Me“ ist das Projekt des Rappers und Songwriters La-Ron K. Wilburn, und es gibt nur ein Album von ihm unter dem merkwürdigen Bandnamen: „One“ aus dem Jahre 1992. Hierauf zeigt sich der heute 45-Jährige als ein Genie der Popmusik, das Album zieht derartig viele Register, dass es fast schon zu gut ist, und mit dieser Platte ist musikalisch derart viel erzählt und gesagt, dass hierin vielleicht der Grund liegt, dass es nie ein zweites Album dieses Menschen gegeben hat. „One“ ist die vollendete Fusion von Folk, Gospel, Jazz, Afro und Blues mit den Mitteln der Rapmusik, die damals 1992, noch in den Kinderschuhen steckte - zumindest, was den Flirt mit anderen Pop-Stilen anbelangte. Eine Musik wie diese hatte man damals, als sie erschien, noch nicht gehört, und gemacht wurde sie danach auch nie wieder - zumindest nicht in der Form dieser Virtuosität.

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Das Album beruht auf einer Art Philososphie, einem Credo, welches Wilburn zu Beginn, nach einen chorischen Bodypercussion-Intro rappt: „I believe that you can be what you wanna be“ - es handelt sich um einen leicht religiös anmutenden Aufruf zur Individualität und gegenseitigen Akzeptanz. Was als Credo und Intro zunächst ein wenig naiv und esoterisch daher kommt, ist auf Albumlänge gelebte und gerappte Philosophie, und was immer hier gesungen oder gerappt wird, die Texte sind durchdrungen von friedfertiger Skepsis gegen jede Art und Rassismus, Ausgrenzung oder sonstiger Machtstrukturen. Und die Texte, in denen diese Lebenshaltung ausgebreitet wird, ruhen auf einem weltmusikalisch radikal schönem Bett aus Zitaten und Versatzstücken traditionellerer, verschiedenster Musiken - wie oben schon genannt. Exemplarisch sei hier der Blues mit Zupf-Gitarre und Blues-Harp „Not my brotha“ genannt, der derart entspannt groovt, und die Melancholie und den Trotz des Blues in den Hiphop entführt, und der auf diese Art und Weise nie wie ein Mackertuhm oder chauvistisch wirkt. Das vorletzte Stück „where are you going“ rhythmisiert sich einzig durch die akustische Gitarre und einer wunderbaren Singalong-Melodie, die in verschiedenen Zwischenspielen schon zuvor auf der Album vorweg genommen wird.

„Me Phi Me“s „One“ ist ein Gesamtkunstwerk vollendeter Schön- und Erhabenheit, wie es sie selten im Hiphop gibt, wie es selten ein Album überhaupt gibt.


10 Jahre Popticker - Jubiläums-Special III: Zehnerlisten & Jubiläumscharts

Heute vor zehn Jahren, am 03.12.2002 habe ich den Popticker angefangen - schon irre - heute also Listen, Listen, Charts!

Charts der Nennungen in zehn Jahren

Diese Liste habe ich vor neun Jahren angefangen und habe dann so gewissenhaft wie möglich an jedem Jahresende weiter gezählt. Bis 2006 habe ich eine Datei geführt, in der alle Popticker-Texte ever drin waren, und anhand dieser Datei konnte ich die Zählung überprüfen. Seit fünf Jahren kann ich nur noch hoffen, dass das Ganze stimmt - aber wird schon. Die Zahl in den Klammern ist die Vorjahresplatzierung.

01 (01) Britney Spears                      492     Bildschirmfoto 2012-12-03 um 12.47.21

02 (02) t.A.T.u.                            412

03 (03) Lena Meyer-Landrut                  385

04 (04) Kylie Minogue                       362

05 (05) Katy Perry                          122         Bildschirmfoto 2012-12-03 um 12.49.22

06 (09) Peter Gabriel                       111

07 (10) Camille                             110

08 (08) Morrissey                           109

09 (07) Lily Allen                          070

10 (06) Madonna                             078

 

Zehn Lieder, die den Popticker sehr beschäftigt haben

01 t.A.T.u.            All The Things She Said Bildschirmfoto 2012-12-03 um 12.50.43

02 Lily Allen          LDN

03 Kylie Minogue       Can‘t Get You Out of My Head

04 Britney Spears      Toxic

05 Katy Perry          I Kissed A Girl

06 Camille             Ta Douleur

07 Vanessa Paradis & M Les Piles Bildschirmfoto 2012-12-03 um 12.51.39

08 Lena                Satellite

09 Dixie Chicks        Not Ready To Make Nice

10 Kate Nash           Mouthwash

 

Zehn Videos, die den Popticker sehr beschäftigt haben

01 t.A.T.u.            All The Things She Said

02 Britney             Spears Toxic

03 Kylie Minogue Come  Into my World Bildschirmfoto 2012-12-03 um 12.53.53

04 Robbie Williams     She‘s Madonna

05 Lykke Li            I‘m Good, I‘m Gone

06 Lily Allen          LDN

07 Brett Domino Trio   Justin-Timberlake-Medley

08 Kutiman             YouTube-Mash-Ups

09 LaRoux              Bulletproof

10 Christina Aguilera  Fighter

 

Zehn Sängerinnen und Zehn Sänger, die den Popticker sehr beschäftigt haben

01 Kylie Minogue                 01 Robbie Williams Bildschirmfoto 2012-12-03 um 12.54.55

02 Britney Spears                02 Morrissey

03 Camille                       03 Darren Haymann

04 Lena Meyer-Landrut            04 Peter Gabriel

05 Lily Allen                    05 M (Mathieu Chedid)

06 Katy Perry                    06 Damon Albarn

07 Christina Aguilera            07 Youssou N‘Dour

08 Alizée                        08 David Byrne

09 Björk                         09 Trevor Horn

10 Rachel Stevens                10 Herbert Grönemeyer

 

Zehn Bands, Duos oder Trios, die den Popticker sehr beschäftigt haben

01 t.A.T.u.                     06 Hot Chip

02 Gorillaz                     07 Sugababes Bildschirmfoto 2012-12-03 um 12.59.57

03 Modest Mouse                 08 Pet Shop Boys

04 Hjaltalín                    09 Fugees

05 Dixie Chicks                 10 Of Montreal

 

Zehn Alben, die den Popticker sehr beschäftigt haben

Camille            Le Fil Bildschirmfoto 2012-12-03 um 13.02.10                 

Morrissey          You Are The Quarry

The Divine Comedy  Bang Goes The Knighthood

Hjaltalín          Sleepdrunk Seasons

Darren Hayman      January Songs

Dixie Chicks       Takin The Long Way

Robbie Williams    Rudebox

Christina Aguilera Stripped

Of Montreal        Hissing Fauna, Are You The Destroyer?

Peter Gabriel      So

 

Zehn Worte oder Begriffe, die der Popticker erfunden hat, um über Pop zu sprechen

Autorinnenpop      Singing und Songwriting von jungen Sängerinnen                      mit dem ungestörtem Hang zu den Verheissungen                       der Popmusik

Popstörquotient    (PSQ) Bewusste, akustische Störungen aus Angst                      vor den Verheissungen der Popmusik

Miss-geschrieben   Adäquat zum Missverstehen

Kyliesophie        Das Nachdenken und Philosophieren über Kylie                        Minogue

Hybridbeat         Zweischichtiger, sich überlagender Beat

Popmüllhaufen      Popmusik, die niemals mit der Idee in Verbindung                    stand, zeitlich über sich hinaus zu weisen

Urbane Prothese    Hilfsmittel und Gadgets, die den privaten Raum                      in den öffentlichen verlängern und damit                            umdeuten

Popentwurf         Ganzheitliches Konzept, das eine Popinterpretin,                    ein Sänger oder eine Band verfolgt

Refraindiktatur    Der Trend, Songs zu machen, deren Refrain den                        Rest komplett überschattet - bestes Beispiel:                        „I Kissed A Girl“ von Katy Perry

Poptopos           Ein für die Bildflächen des Pop inszeniertes,                        mögliches Ereignis, durch das sich ein Image                        des jeweiligen Interpreten sichtbar machen                          lässt


Verrückt genug

Wird Joachim Gauck Bundespräsident, weil Dietmar Poppeling nicht wollte? Arbeitet der nämlich am Debut-Album von Roman Lob?

ptka Nachdem die Nation immer noch darüber rätselt, was bei Angela Merkel und der CDU / CSU-Fraktion gestern Abend zum Umdenken und also zur Zustimmung zu Joachim Gauck als Bundespräsident geführt haben könnte, hat der Popticker nun vielleicht den entscheidenden Hinweis erhalten: Demnach hat Angela Merkel offenbar bis gestern gegen 19:30 für einen Bundespräsidenten Dietmar Poppeling geworben. Kurz vor der Krisensitzung von Merkel und Bildschirmfoto 2012-02-20 um 14.48.59 der Opposition hat Merkel dann wohl mit dem ehemaligen Popbeauftragten der Bundesregierung telefoniert. Poppeling signalisierte Bundeskanzlerin Merkel daraufhin, für das Amt des Bundespräsidenten nicht zur Verfügung zu stehen. Ohne das Poppeling-Ass im Ärmel gab Merkel zwischen 20 Uhr und 21 Uhr dann ihren Wiederstand gegen Gauck  auf. Poppeling wäre für die SPD sowie die Grünen nur schwer abzulehnen gewesen, da er als insgesamt links-liberaler Sozialist gilt, dessen Denken über Pop und Kunst hinaus geht und "eindeutig politisch zu nennen ist", wie Merkel einmal über Poppeling sagte. Poppeling war heute morgen für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, bestätigte jedoch nur kurz an seinem privaten Mobiltelefon, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert zu haben. Poppelings mutmassliche Absage befeuerte wiederum Gerüchte, der Poptheoretiker und -produzent befände sich derzeit in Köln, um den Gewinner von „Unser Star für Baku“ Roman Lob und dessen Mentor Thomas D bei deren Arbeit an Lobs erstem Album zu beraten oder es gar zu  produzieren. Poppeling soll zumindest gestern Abend in der Kölner Kneipe Halmackenreuther mit Thomas D gesehen worden sein. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte am Rande einer Messe in Frankfurt / Main, Poppeling sei "verrückt genug, lieber zum Songcontest zu fahren als Bundespräsident zu werden". Auf Poppelings Facebookseite war heute zu lesen: „Köln. Da war ich aber gestern noch nicht.“


Ich werde da gewesen sein

Take That live im Wembley-Stadium

von unserem Gast-Autoren Dietmar Poppeling, der sich heute ziemlich kurz gefasst hat

Am Tag, an dem in der Heimat über mein Comeback als bundespolitischer Popbeauftragter spekuliert wurde, also gestern, bin ich ins Wembley-Stadium hier in London gegangen, um Take That zu sehen. Ein Verkaufsrekord: Die Ex-Boyband spielt hier acht Abende in Folge, und niemand Geringeres als die Pet Shop Boys sind die Vorband in diesem Generalstabsequenzer, der sich Konzert nennt. Die Pet Shop Boys spulen einen für eine Vorband überragenden Hit-Medley in einem für die Pet Shop Boys unüberragenden Vorbandambiente ab, bevor Take That die Geschichte ihrer Wiedervereinigung mit Robbie Williams konzert-dramaturgisch nachahmen: Sie spielen erst ohne Robbie, dann ohne Take That - und schliesslich alle fünf zusammen. Während Robbie in seinem Soloset den Badguy gibt, tanzt er danach brav Dee!-artige Choreos zu einer Band, die Stuart Price auch nicht besser hätte programmieren können, und die Damen im Wembley simulieren ihre Kindheit, indem sie noch immer oder wieder auszuflippen scheinen. Alles in allem erleben wir hier Take-that-progress durchkalkulierten, risikolosen, Hedge-Fonds-Pop. Selbst aus Hunderten Metern Entfernung greift das merkwürdige Phänomen, das Menschen, die da sind, sich lieber im Nachhinein beweisen wollen, da gewesen zu sein, als zu geniessen, da zu sein, und Tausende schiessen Fotos und Videos von den Punkten da vorne oder der Leinwand, auf der die einzelnen Ex-Ex-Take-Thatler zu erkennen sind. Die Londoner Mittelschicht trägt die neuesten Funshirts zur Schau, und an meinem Comeback als Popbeauftragter ist nichts dran, vorläufig komme ich noch nicht mal nach Deutschland back - sondern schaue mir heute Abend noch beim iTunes-Festival Adele an.

Aufgrund der grossen Nachfrage < HIER > noch mal der Link zum Rücktritt Dietmar Poppelings als Popbeautragter im Jahre 2004