ESC

Ein Lied kann einen Code brechen

Einige Gedanken zum Eurovision Songcontest 2024 - in diesem Jahr nicht in Gesprächsform

Der Eurovision Songcontest ist ein gigantisches Medienspektakel, das sich scheinbar automatisiert zu wiederholen scheint - es gibt Windmaschinen, jedes Jahr größere Bühnen, Trick-Kleider und immer auch Rückblicke auf bisherige Highlights, Fehlgriffe, Kuriositäten und Welthits, und am Ende verlieren die Deutschen. Ein solches Ereignis, das viele Menschen lieben, und das bis in ihren Alltag hinein reicht, erhält sich aber, so ritualisiert es auch erscheinen mag, nicht von selbst. Es gibt Tausende, die die Idee dieses Wettstreits neu denken - sei es, weil sie Fan sind, sei es, weil sie in welcher Form auch immer teilnehmen - und nur durch dieses stete Mitdenken, kann der Eindruck entstehen, dass sich nichts ändert. Das ist wie im Pop selber: Ständig kommen Leute, die denken, es geht alles von vorne los, während dahinter eine Generation nörgelt, das vorgeblich Neue sei ein alter Hut. Daher erkennen wir im Pop neues wieder, ohne dass das einen Widerspruch darstellt. Was die gigantische Show Pop im Allgemeinen und Songcontest im Speziellen voran treibt, sind eben die verschiedensten Leidenschaften, Begeisterungen, Emotionen und Ansprüche, die zum dem scheinbar rituellen, alljährlichen Kompromiss führen, und wenn gar nichts mehr verbindet, so kann man sich im Zweifel aller Zweifel zumindest noch darauf einigen, dass „douze points“ magisch sind. 

Die Hook des Sieger-Titels 2024, Nemos „I Broke The Code, Whoa-Oh-Oh“, lässt in der Rückschau auf einen denkwürdigen Popabend vielerlei mehrdeutige Wortspiele zu, hinter denen das Neue wieder-erkannt wird. Und allein dies auch schon in zweierlei Hinsicht: Einerseits sangen die zugeschalteten Menschen, die die 12 Punkte ihrer jeweiligen Länder verkündeten, „Whoa-Oh-Oh“, wenn ihre douze points in die Schweiz gingen, anderseits benutzen viele Interviewten das Bild des geknackten, gebrochenen Codes. Nemo selber fand noch am Abend des Code-Triumphes eines dieser Sprachbilder: „I had to smuggle my [nonbinary] flag in, cause eurovision said no, and I did it anyway - I hope some other people did that too, but common! That is double standard, as I said: I broke the code, I broke the trophy, the trophy can be fixed, maybe eurovision need some fixing too from time to time.“

Nie zuvor trat bei einem Songcontest deutlicher zutage, dass der merkwürdige Senderzusammenschluss EBU seinen naiven Kodex, der Songcontest müsse unpolitisch sein, mit vielen kleinteiligen Entscheidungen und Regeln verteidigt und nicht merkt, dass ebendiese Entscheidungen und Regeln selber hochpolitisch sind. Im Vorfeld des diesjährigen Wettbewerbs wurde die vorgebliche Politiklosigkeit vor allem in Frage gestellt, da es viele Menschen in ganz Europa nicht für richtig halten, dass Russland aufgrund des Angriffskrieges in der Ukraine nicht teilnehmen darf, Israel aber trotz ihres Vorgehens in Gaza nicht auch suspendiert wird. Ich halte diese Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg, die dem Entscheidungsgefälle, erstens, zugrunde liegt, für überaus richtig. Zweitens würde jeder potentielle Songcontest-Beitrag in dem autokratischen System Russlands, in dem jedes Denken gegen die Regierung als Extremismus eingestuft wird, ein systemkonformer Beitrag sein, während Israels „Hurricane“ von Eden Golan durchaus auch für eine israelische Zivilgesellschaft steht, die ihrerseits derzeit wieder fast täglich gegen die eigene Regierung auf die Strasse geht. Wer also für eine humanere Vorgehensweise Israels eintreten möchte, könnte im Gegenteil gerade deswegen FÜR eine Teilnahme Israels am Songcontest votieren, sollte aber ganz gewiss nicht gegen Eden Golan und vor ihrem Hotel demonstrieren. Unabhängig aber davon ist natürlich jede Argumentation für oder gegen Russland oder Israel natürlich hochgradig politisch, auch wenn die EBU nicht ganz zu Unrecht schon vor einigen Wochen darauf hinwies, dass die Suspendierung Russlands nicht die primäre Entscheidung ist, sondern eine Folge der Aberkennung der Mitgliedschaft in der EBU, und hierbei könnten laut deren Statuten eben durchaus politische Erwägungen eine Rolle spielen.

Dass die EBU dann freilich die „Booohs“ in der Halle während des Auftritts von Eden Golan heraus filterte und also für das Fernsehpublikum unhörbar machte, ist dann aber auch der Frage würdig. Wenn man die Künstlerin selber vor einer feindlichen Energie hätte schützen wollen, könnte man das gut heißen, aber Eden Golan hat ja die buhenden Zuschauer:innen im Gegensatz zum Fernsehpublikum hören können - ja müssen.

Die Suspendierung des holländischen Beitrags wiederum, nachdem gegen den Sänger Joost Klein eine Anzeige vorlag, kann vermutlich durchaus als eine Entscheidung im Rahmen eines Kodex verstanden werden, der nicht per se politische Dimensionen hat: Klein hatte sich in einer Situation, in der er nicht gefilmt werden wollte, zu einer bedrohlichen Geste gegenüber einer Kamerafrau hinreissen lassen, die ihn doch filmte - was genau dann vorgefallen ist, wissen wir ohnehin nicht. Aber natürlich wurden auch hier sofort Parallelen gezogen: Warum darf der Staat Israel in Gaza Menschen töten, ohne dass die Teilnahme am Songwettstreit davon gefährdet ist, während ein holländischer Sänger wegen des Verdachts einer bedrohlichen Geste ausgeschlossen wird. Spätestens in solchen Äusserungen wurde ersichtlich, dass sich nicht nur die EBU selber in ihrem unbedingten Willen, Politik aussen vor zu lassen, vollständig verrennen kann, sondern auch Fans des ESC. Und, tja, die EBU selber tut dies ohnehin, wenn sie die Non-Binär-Flagge in der Halle verbietet, denn diese Flagge steht ja nun gerade nicht für einen politischen Staat oder eine implizit politische Aussage, sondern symbolisiert eben diesen Wertekanon der Gleichheit Aller, den die EBU vorgibt vor politischen Impetus schützen zu müssen.  Man könnte sogar so weit gehen und sagen, die Botschaft, die mit der non-binary-Flagge ausgesendet wird, nämlich das Recht auf und den Wert der eigenen Individualität jenseits von welchen Kategorien auch immer, ist ein konstatierendes Element der Popmusik als solcher - und pophistorisch vielleicht gar das Scharnier zwischen Rock und Pop - aber das führt jetzt vermutlich zu weit. Klar ist indes, dass die EBU mit dem Eurovision Songcontest ein Produkt verwaltet, über das sie die Deutungshoheit längst verloren hat.

Aber natürlich wurde am Samstag auch musiziert - und erfreulicher Weise wurde der schweizer, vermutlich objektiv anspruchsvollste und musikalisch sozusagen gelungenste Beitrag, „The Code“ von Nemo eben, zum Sieger gekürt. Der Song vermischt Pop, synthetischen Orchester-Bombast, Rap und einen Drum-N-Bass-Beat mit Bondsong-Prisen und einem fluffigen Dream-Pop-B-Teil zu einem Amalgam aus Ideen und Stilen und findet doch und ganz anders als viele andere Beiträge an diesem Abend zu einem homogenen Song - flankiert mit der Performance auf einer silbernen Rampen-Drehscheibe, auf der Nemo den Schwerkräften stimmlich und tänzerisch zu trotzen schien: So gewinnt man den ESC. Überraschen konnte auch der deutsche Beitrag, „Always On The Run“ von ISAAK, der mit rauher Stimme und trotzigem Rockpop Zwölfter wurde, was sich nach mehreren Jahren auf dem letzten Platz wie ein Triumph anfühlt. Mit vielen Beiträgen in Landessprache und erfreulich wenig Europop zeigt sich 2024 um so mehr: Wenn man das Format ernst nimmt und einen guten Song im Gepäck hat, kann man Glitzer-Effekten, Feuerfontänen, Ventilatoren, Dekolletés und sogar der EBU entsagen - und eben dennoch oder gerade deswegen Stimmen einheimsen.

Man kann jedenfalls nur hoffen, dass eben diese musikalischen Erkenntnisse schlussendlich die Gräben, die sich aus politischen Debatten und der albernen Weigerung sie als solche zu Kenntnis zu nehmen, aufgetan haben, überwinden können - im meta-Sinn des deutschen Beitrags 1975, „ein Lied kann eine Brücke sein“ - eben dann, wenn das Lied bestimmte Codes bricht. Denn das Ereignis „Eurovision Songcontest“ ist in vielerlei Sinne wertvoll und identitätsstiftend.

 

 


Songs zum Sonntag /// 280523

Bildschirmfoto 2023-05-28 um 11.33.39/// Die trotzige Popfarbe, die Carla Lina ersingen kann, macht auch ihre neue Single „Lift Me Up“ zu einem Song, bei dem man sich in zweiter Instanz fragt, ob er eigentlich aus dem Jazz oder dem RnB kommt; was aber ja auch wurscht ist. Carla Lina ist auf jeden Fall eine tolle Sängerin, „Lift Me Bildschirmfoto 2023-05-28 um 11.34.27Up“ ist kompositorisch vielleicht nicht der Originalität letzter Schluss, aber Pop erfindet selten das Rad neu, und das wird mit dem Songtitel, der auch schon mal da war, auch nicht suggeriert oder gar versprochen. Ich verspreche aber, dass ich Carla Lina im Auge behalte. Oder im Ohr, je nachdem. /// Das neue Album von Peter Fox muss ich nicht auch in den Himmel heben, aber glücklich macht mich, und das sei eben doch erwähnt, Bildschirmfoto 2023-05-28 um 11.34.04ein Song darauf: „Toscana Fanboys“ im Duett mit dem wunderbaren Adriano Celentano - das Ding ist so relaxed und reduziert, es klingt schon fast nach Gorillaz - für mich einer der besten Popsongs des bisherigen Jahres. /// Da kann man natürlich hintendrei auch noch den diesjährigen ESC-Beitrag aus Italien hören, „Due Vite“ von Marco Megini - ein italiano-Schmachtfetzen aus dem Lehrbuch von Eros Ramazotti. Das kann kaum blöd finden. /// Links /// "You Lift Me Up" (video) /// "Toscana Fanboys" (audio) /// "Due Vite" (video) ///


Fünf Forderungen für den ESC 2024

Dsx

von Dietmar Poppeling

- wegen der unklaren Lage bei den Bildrechten vom ESC in diesem Jahr mit Fotos von Rüttelplatten

01 / Wir brauchen schleunigst eine schmissige Verschwörungstheorie zum steten Scheitern der deutschen Beiträge - 2023 wieder nur letzter Platz, da ist doch was oberfaul. Vielleicht ist Bill Gates dran schuld, oder die Jurys werden bestochen oder russische Hacker rächen sich an der waffenliefernden Ampel - an den Beiträgen kann es nicht liegen, denn die sind derartig unterschiedlich gewesen, dass … es an den Beiträgen nicht liegen kann.

02 / Die Zeit zwischen  Veröffentlichung der Songs und der ESC-Finalwoche sollte wenn irgend möglich verkürzt werden - oder man sollte eine Art Rezension-, Reaction- oder Wettsperre einführen, um zu verhindern, dass es zu schnell Favorit:innen gibt. Denn der psychologische Effekt, dass man gerne zur Mehrheit gehören möchte und somit favorisierten Beiträgen zugeneigt ist, darf nicht unterschätzt werden. Schweden hätte in diesem Jahr ohne diesen Effekt eher nicht gewonnen.

Apps03 / Die Anzahl der Finalist:innen sollte noch einmal verkleinert werden, von 26 auf 22, das wäre mein Vorschlag. Das Feld von 26 Songs ist zu groß, und es begünstigt, dass man sich nicht auf Beiträge fokussiert, die GEfallen, sondern auf Beiträge, die AUFfallen, die also sich in irgendeiner Weise von den anderen unterscheiden - und sei es auch nur, weil ein Beitrag favorisiert wird.

04 / Die Jury- und Zuschauer:innenvotes sind auch in diesem Jahr wieder extrem divergent, und tendenziell hat das Publikum klüger gewählt als die Jurys. Musik lebt vom Moment, und ich finde daher, 81bS23HC1CL._AC_UL640_QL65_dass die Jury ihr Votum schon der Generalprobe abgibt, gehört abgeschafft - auch die Jurys sollen nach dem ESC-Final-Auftritten über ihre Punkte entscheiden.

05 / Ich fände es gut, den deutschen Beitrag, auf gewisse Art und Weise zu kuratieren - von Musiker:innen: Ein Team von drei Musiker:innen entscheidet über den Weg der Auswahl, die Art des Liedes, des Beitrages etc. Nehmen wir doch nächstes Jahr einfach Herbert Grönemeyer, Stephanie Klos und Joy Denalane, und diese drei schreiben gemeinsam einen Song und suchen dann ein:e Interpret:in; oder sie suchen eine Interpret:in und schreiben ihr dann einen Song. Oder sie entscheiden sich, zur Dritt nach Stockholm zu fahren. Und im nächsten Jahr machen das dann Ute Lemper, Chima und Bela B - bildet absurde Teams und lasst sie kuratieren.


Kollektive Gefühls-Felder

"Man votet nicht politisch.", sagt der ehemalige Popbeautragte der Bundesregierung, Dietmar Poppeling über den ESC 2022 - unser alljährlicher Eurovision-Talk diesmal mit hübschen Fotos von tollen Verpackungsmaschinen 67611ea3.600x400

POPTICKER Herr Poppeling, wie hat Ihnen der ESC vorgestern gefallen?

POPPELING Gut.

Prima. Dann bis nächstes Jahr.

Musikalisch gut. Vom Visuellen her, nun ja, ein gewisser Overkill, und die Show mitsamt den Moderator:innen so mittel.

Der Mythos, der ESC sei unpolitisch ist, so die allgemeine Einschätzung, ziemlich ins Wanken geraten.

Das ist auch sicherlich nicht völlig verkehrt, aber man muss trotzdem differenzieren, denn die Menschen voten nicht politisch - sie voten in allererster Linie emotional. Dass aus der Entscheidung dann als eine politische Botschaft gelesen wird, wie jetzt mit dem Sieg der Ukraine, ist natürlich dennoch nicht totaler Blödsinn. Der ukrainische Beitrag aber hat es vermocht, die emotionale Konstellation der Solidarität mit einem angegriffenen, im Krieg befindlichen Land aufzunehmen und zu bündeln. Das kann Musik eben. Insofern ist der Sieg des „Kalush Orchestra“ durchaus mit musikalischen Mittel erreicht worden. Das darf man auf keinen Fall klein reden.

Wie gefällt Ihnen der Song „Stefania“ denn persönlich?

Ich kann damit ehrlicher Weise nicht so viel anfangen. Die Hook, die der Chor singt, ist enorm catchy, und  vermag wie gesagt in wenigen Zeilen und Tönen die Geschundenheit aber auch den Stolz des ganzen Landes einzufangen, der Rap ist toll, die Flöte erinnert man auch sofort, und allein dass ein Beitrag ohne eine einzige englische Zeile den ESC gewinnt, finde ich erst einmal prima. Aber persönlich, nein, gefällt mir der Song nicht. Aber ich sehe sofort ein, dass Millionen von Zuschauerinnen das anders sehen.

Mit ihrer These der emotionalen Entscheidung von eben diesen Millionen, die den Sing gewählt haben, lässt sich auch erklären, warum die Jurys der Ukraine deutlich weniger Punkte gegeben haben. Weil die Jurys eben NICHT emotional wählen?

89-1000-1Diese These, werter Herr Gieselmann, ist natürlich Unfug.

Und warum, Herr Poppeling?

Die Jurys voten nicht unemotional - sondern in anderer emotionaler Konstellation; und kommen daher zu anderen Entscheidungen. Allein schon, weil sie nicht die Show sehen - sondern ihre Entscheidung nach einer Probe fällen, wirft sie eher auf sich zurück, als auf bestimmte kollektive Gefühls-Felder -

Oho!

- Gefühls-Felder von Mehrheiten. Der Effekt, das sich ein Raum auf etwas einigt, allein WEIL man in einem Raum ist, und wenn ebendies sich aus der ESC-Halle  mitsendet und dann viele für die Ukraine anrufen, davon ist die Jury, davon sind die Jurys nicht beeinflusst. Aber sie gehen vielleicht schlecht gelaunt in den Tag, und dann erreicht sie ein fröhlicher Titel mehr als eine Liebes-Ballade. Daher sind die Jury-Votes mitnichten professioneller als die der Publika - im Gegenteil, sie sind um Weiten privater.

Nicht zum ersten Mal wurde Kritik laut, nachdem aus jedem Land egal ob von Jury oder TV-Publikum Punkte nur an zehn Länder gehen. Platz 11 bis Platz 25 aus jedem Land bekommen die gleiche Punktzahl - nämlich Null. Auch Peter Urban hat in dieses Horn gestossen; nicht zuletzt, weil Deutschland wieder mal Letzter wurde: „Du kannst 40 Mal im guten Mittelfeld landen und hast immer noch keine Punkte. Insofern ist dieses System ungerecht, das prangern wir schon länger an.“

Holz-verpackung-posch-packfix-967x725Urban sagt auch (Link < HIER >), dass jeder Beitrag Punkte bekommen sollte, und ja, ich finde schon, dass das dann gerechter würde, da hat er Recht. Aber man müsste sich dann eben davon verabschieden, dass die Höchstpunktzahl 12 ist. Mit dem „Our twelve points go to … SWEDEN“ wäre es dann vorbei. Und diese 12-Punkte-Tradition abzuschaffen, das wäre ein Tabubruch. Ich fände das auch grauenhaft, aber es wäre vermutlich eine Punktereform, die den Wettbewerb gerechter und als besser machen würde, und spätestens im dritten Jahr davon, dass jeder Beitrag sagen wir 2 bis 50 Punkte bekäme, hätte man die 12 Points vergessen.

Dann hätte Deutschland auch ein paar Punkte mehr.

Gewiss, aber darum sollte es nun nicht gehen - wenngleich auch ich finde, dass unser Beitrag in diesem Jahr besser war als sein Ruf; aber was willste machen.

Welcher Beitrag hat Ihnen denn am Besten gefallen?

Ganz klar „De Diepte“ aus Holland, eine klassische, unheimlich tolle ESC-Ballade, die sehr clever gebaut ist - ein Harmoniedurchgang für je Strophe, Bridge oder Refrain dauert genau 10 Sekunden, und diese 10-Sekunden-Module sind dramaturgisch toll arrangiert - mit seichter Steigerung zunächst und abklingendem Bombast und großer Bremse hinten raus. So muss man das machen. Toll. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich mochte die gelben Wölfe aus Norwegen, die dem Wolf eine Banane geben wollen, bevor er die Großmutter frisst. Das war herrlicher Quatsch.

Aber Sie waren das nicht? In einer finnischen Zeitung wurde gemutmasst (< HIER > der Link), Sie steckten unter einer der gelben Wolfsmasken.

Doch doch, das war ich.

Wußte ich es doch. Und wen, so frage ich jedes Jahr wieder, sollte Deutschland im nächsten Jahr zum ESC schicken?

Wilhelmine.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Vom Dirigat zur LED-Wand

Die Geschichte der Song-Inszenierung beim ESC

Esc-look-11Der Eurovision Song Contest ist ja, wie immer wieder erinnert wird, an und für sich ein Wettbewerb von Kompositionen gewesen - die Interpret:innen waren sozusagen Teilnehmende in der zweiten Reihe. Sicher wurde dies in der Praxis auch zu Zeiten nicht so wahr genommen, als noch die Song-Komponist:innen ein Orchester dirigierten - Pop, ob man es will oder nicht, steht und fällt mit denen, die singen. Das Orchester ist folglich dem Playback gewichen, live performt nun Frontfrau oder -mann, und diejenigen, die den Song komponiert haben, werden in eingeblendeten Credits erwähnt oder aber mit etwas Glück von den jeweils Kommentierenden erwähnt. Meist sind es heute auch wie im internationalen Popgeschäft üblich ganze Teams von Menschen, die die Songs zusammen geschraubt haben - ich kann die Quelle leider nicht mehr nennen, aber ich habe irgendwo gelesen, dass zum Beispiel im letzten Jahr durchschnittlich 3,75 Komponisten an den Song-Beiträgen gearbeitet haben.

Seit also das Orchester nicht mehr spielt und dirigiert werden muss, zeigt die Kamera nichts anderes mehr, als diejenigen, die den Song performen, oder eben so tun, als ob sie ihn performen. Naturgemäss wuchs der Anspruch daran, wie man eben dies tut, und also begann man die Auftritte zu inszenieren. Diese Inszenierungen haben, wie wir wissen, einige absurde Stilmittel hervor gebracht - Trickleider, Stabhochwackel-Choreographien, hüpfende Delfine, Schlittschuhe auf Kunsteis-Platten und so weiter; und diese Kuriositäten sind vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es für das Live-Inszenieren von einzelnen Songs keine historischen Beispiele gibt. Sicher, es gab in der TV-Geschichte Sendungen wie „Top Of The Pops“, aber hier genügte für den Inszenierungsfaktor der Glamour-Faktor etlich anwesender Stars, beim Songcontest kann sich nicht auf Star-Power verlassen werden, der Song ist es, der inszeniert werden soll. Und mit eben der Inszenierung, spätestens, ist der ESC kein Kompositionswettstreit mehr, sondern ein Popwettbewerb, weil in der Popmusik, wie Dietrich Diederichsen so treffend definiert, Akustisches wie Visuelles „zusammen fällt“.

Bildschirmfoto 2022-05-13 um 22.21.17Das Inszenieren von drei Minuten Musik ist inzwischen völlig entgrenzt - die LED-Leinwände, Feuerkanonen, Nebelmaschinen und Bühnen-Requisiten werden immer raffinierter, mit planbaren Kameraperspektiven lassen sich virtuelle Treppen, Mondlandungen und surreale Landschaften in Echtzeit herauf beschwören. Wer in diesem Jahr das erste Halbfinale geschaut hat, und vermutlich lässt sich das auch über das Zweite sagen, musste allerdings das Gefühl bekommen, dass die technische Entgrenzung an ihrem Zenith angekommen ist - wer wenig inszenierte hatte quasi sein Ticket ins Finale gebucht, und mit wenig ist hier ein Ausmass gemeint, dass noch vor zehn Jahren als Overkill wahrgenommen worden wäre. Ich habe allerdings den Eindruck, dass dies nicht nur daran liegt, dass man diese Sendung inzwischen mit dem Gefühl sieht, meine Augen rebellieren gleich gegen alle Effekte, es hat auch was damit zu tun, dass all der Feuerfontänen-Bombast die Skepsis provoziert, hier wird kein Song mehr inszeniert, hier wird eher vom Song abgelenkt. Es ist halt so: Irgendwas muss man schon meinen, wenn man auftritt. Sicher, ein gewisses Mass an Ironie ist sicher auch nicht hinderlich, aber man muss den ESC vor allem Ernst nehmen, sonst ist man verloren und wird verlieren, das wird auch an diesem Samstag so sein.


Kontemplative Chimäre

Dietmar Poppeling im Gespräch mit dem Popticker über das Ende des Rock durch Pop, mit der Hook beginnende Lieder und die Wirkungsgewitter in Zeiten von Hygienekonzepten anlässlich des Eurovision Songcontest 2021. Bebildert in diesem Jahr nur mit Stockfotos - aus Gründen

Herr Poppeling, nach eine Jahr Pause konnten wir gestern den Eurovision Songcontest unter pandemischen Bedingungen beiwohnen - wo soll man da bloss anfangen? Klassisch? Mit der Frage, wie Ihnen der Songcontest ingesamt gefallen hat?

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Dietmar Poppeling mit seinem Jet

Oder wir fangen dieses Mal da an, wo wir sonst enden, nämlich mit der Frage, wen wir im nächsten Jahr zum Contest in Italien schicken sollten, denn es braucht kein Corona, um mein Ritual der Antwort zu hinterfragen, die ich immer gebe: Vanessa Petruo. Denn wir wissen nun: Vanessa Petruo wird es nicht machen, sie ist Neurologin in Berkeley und an einer weiteren Karriere in der Popmusik mit oder jenseits der No Angels nicht interessiert, und auch wenn wir beiden Gott und die Welt bewegen würden: Der Zug ist abgefahren. Deswegen gebe ich in diesem Jahr eine diplomatische Antwort: Wen wir schicken, ist vielleicht weniger die Frage, als vielmehr die, wie wir an ein Lied kommen, das dann - von wem auch immer - gesungen werden kann, denn ich denke, das war in diesem Jahr der Knackpunkt: Ein Popsong braucht so vieles, ein ESC-Song braucht auch vieles davon, aber hier hatten wir es mit einem Beitrag zu tun, der eine an sich saugute Hook hatte, aber damit hat man sich leider zufrieden gegeben: „I don’t feel hate“, auf diesem Satz könnte man einen Song aufbauen, aber sonst hat man halt nicht viel komponiert: Keine Strophe, kein Refrain oder eine Bridge, die in die Hook mündend einen Refrain suggeriert, nix, und dann hat man den Rumpf eines Liedes auch noch mit der Hook, den einzigen Trumpf, den man im Ärmel hat, beginnen lassen, und hat halt damit schon seine Pfeile verschossen. Somit hatte man auch keine Dramaturgie drin, keine Geschichte, keine Konklusion. 

Was wäre eine Konklusion?

Nun, dass man irgendeine Situation beschreibt, aus der heraus man Gründe hätte zu hassen, und dann sagt man aber eben: Nee! I don’t feel hate! All dies hat man nicht getan, sondern, man lässt Jendrik direkt singen:

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Jendrik bei seinem Auftritt in Rotterdam

Ich verspüre keinen Hass. Und damit ist diese Hook eben auch schon verschenkt, und eine verschenkte Hook ist keine Hook - sondern eine leere Phrase. „I don’t feel hate“ ist die Folge von etwas. Wenn man es vorweg schickt, folgt daraus nichts. Überhaupt denke ich, dass ein ESC-Song nicht mit dem Refrain beginnen sollte. Ich habe hier keine Statistik, aber ich wage die Behauptung, dass beim Songcontest noch nie oder zumindest selten ein Lied gewonnen hat, das mit dem Refrain beginnt.

An Jendrik lag es also nicht?

Nein. Der hat eine silberne Ukulele, und dass er sie wirft und fängt, ist auch prima, aber der Song war kein Song, und ohne einen geht es halt nicht.

Nun sind wir bereits mittendrin und haben den deutschen Beitrag analysiert, da können wir gleich mit der Tür im Haus bleiben und Sie fragen: Wie finden Sie den italienischen Sieger-Beitrag?

Naja, dass Rock niemals sterben wird, wie der Sänger uns euphorisch unterrichtete, das mag schon als Botschaft einer der Gründe sein, warum so ein Titel gut ankommt, aber natürlich ist die Botschaft auf einer Popveranstaltung wie dem ESC schon irgendwie fehl am Platz, um nicht zu sagen: Der Mummenschanz, die Ironie, mit der Rock hier retro-romantisch und also mit den Mitteln des Pop inszeniert wird, ist natürlich im höchsten Masse kontemplativ und damit vom Gestus her ziemlich wenig Rock. Überspitzt könnte man sagen, die Botschaft, dass Rock nicht sterben könne, kommt in dem Fall aus der Gruft des Rock, womit ich aber nicht gesagt haben will, dass die Band, die gewonnen hat, nicht trotzdem Rock lebt. Die Pressekonferenz von Måneskin war sicher mehr Rock als der Beitrag, der Song „Zitti e Buoni“ es sein kann. Aber das sind natürlich Spitzfindigkeiten, die Spass machen, gedacht zu werden - letztendlich ein verdienter Sieger.

Ihr Favorit war es nicht?

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Go_A aus der Ukraine

Mein Favorit war die Ukraine, ganz klar, weil die es vermocht haben, die neue Art und Weise, wie heute Popsongs gebaut werden, als stetes Crescendo von Einzelpartikeln, die ihrerseits jedes für sich auf TikTok funktionieren würden, in einen Beitrag für den ESC zu übersetzen. Gleichzeitig haben sie Sprache und Harmonien eines folkloristischen Beitrags, wie sie für den Contest typisch sein können, ernst nehmend zu zitieren. Das ganze Ding „shum“ von Go_A war der erste Beitrag zum ESC aus der Streaming-TikTok-Ära der Popmusik. Solche Beiträge werden wir nächstes Jahr mehrere und in zwei Jahren sehr viele zu Gesicht bekommen, und sie werden eher nicht so stark sein, wie dieser dies Jahr der Ukraine - ein Feuerwerk visueller wie akustischer Hooks.

Welche Beiträge waren zudem bemerkenswert?

Frankreich hat es mit einem puren Genre versucht, das kann immer auch funktionieren, obgleich die statistisch meisten Beiträge vermutlich einen Genremix suchen, um in möglichst vielen Publika und Jurys, Stimmen zu gewinnen. Hier hatten wir es mit einem originären Chanson zu tun, der sich zu 100 Prozent auf dessen Wirkungsweisen verlässt. Das fällt eben allein schon deswegen auf, weil wir gesagt viel Beiträge Anschluss in viele Richtungen erhoffen. Hier war es eben von Barbara Pravi auch toll vorgetragen. Im Gegensatz dazu wirkte der Beitrag aus der Schweiz schon fast wie ein Kunstlied, das fiel schon auch auf, und auch hier war der Vortrag seitens „Gijon’s tears“ bemerkenswert gut.

Warum war der maltesische Beitrag so hoch gehandelt und hat es letztlich nur auf den siebenten Platz gebracht?

In dem Fall würde ich sagen, dass „nur“ in Bezug auf den siebenten Platz relativ ist, aber warum es vielleicht nicht in den Ausmass gefunkt hat, in dem das Wettbüros erwartet hätten, hat meines Erachtens damit zu tun, dass die Überwältigungsstrategie, dass Wirkungsgewitter in einem Jahr mit nur 3500 Zuschauer:innen in der Halle nicht automatisch auffallen. In anderen Zusammenhängen hätte dieser Beitrag vielleicht gewinnen können.

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Fans in der Halle

Was für Lehren ziehen wir insgesamt aus diesem Songcontest für die die Kommenden?

Der Rockanteil wird nächstes Jahr stark steigen, aber es wird sicher kein Rock gewinnen. Insgesamt sollte man irgendwann wirklich überdenken, ob die big five wirklich automatisch für das Finale qualifiziert sein müssen, denn man sieht ja, dass man sich damit keinen Gefallen tut. Wenn man das Halbfinale überwinden muss, steigt durch den Wettbewerb die Identifikation mit dem eigenen Beitrag eines Landes, und damit letztlich auch der Wert im nationalen TV als Sende-Ereignis. Die Idee, dass man damit ein Ereignis finanziert, bei dem man dann selber nicht vorkommt, weil man im Halbfinale ausscheidet, ist letztlicht eine Illusion, eine Chimäre, denn man sieht ja an unserem diesjährigen Beitrag: Ohne Lied kann man sich die Teilnahme auch schenken. Schauen Sie sich UK an - vielleicht würde das vereinigte britische Königreich den Wettbewerb nicht verweigern, wenn es für sie einer wäre.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Crash-Kurs in Afrobeats

Hjaltalín aus Island und ihre neue Platte

Bildschirmfoto 2013-01-08 um 11.06.48„Enter 4“ nennen Hjaltalín ihr drittes Studio-Album, das also nur ihre vierte Platte ist, wenn man die Live-Aufnahme „Alpanon“ mitzählt. Die siebenköpfige Band aus Island hat für sich einen fast schon orchesterhaften Song-Pop entwickelt, der mit zwei Sängern - eine Frau, ein Mann - fast schon klassisch isländisch besetzt ist, mit einer Fagott-Spielerin als festes Bandmitglied aber dann doch sehr ungewöhnlich daher kommt. Ihr erwähntes Live-Album ist dann auch, in diesem Fall also durchaus konsequent, mit ganzem Orchester aufgenommen. Hin und wieder, insbesondere auf der zweiten Platte „Terminal“, gerät der Hajltalínsche Popentwurf ein wenig nahe an musicalhaften Kitsch. Diese Gefahr haben sie nun komplett gebannt und den Beats und Drums ihrer Musik eine deutlich wichtigere Rolle eingeräumt. Fast scheint es, als hätte Schlagzeuger Axel Haraldsson eine Crash-Kurs in Afrobeats bei Tony Allen belegt. Flockige Patterns tackern entspannt durch die nach wie vor wunderschönen Melodien und geben den Stimmen von Sigríður Thorlacius und Högni Egilsson ein schärferes Rhythmusbett als bislang. Die Platte wirkt so durchweg subtiler und abgründiger und bietet mehr Gelegenheiten komplett andere Dinge zu versuchen, als Hjaltalín es bislang getan haben. In diesem Sinne ist der Opener „Lucifer / He Felt Like A Woman“ durchaus programmatisch in seinen vielen flibbernden Ideen, die vom Beat und der letztlich klaren Songstruktur zusammen gehalten werden. Pop-randseitigere B-Teile und vollständige Abwege, elektronische Pfade und klassische Balladen zeigen eine Band, die unendlich viel versucht und doch immer bei sich bleibt, und die aus diesem Grund für mich zu den interessantesten Bands überhaupt zählen: Wunderbar!


Lenasche Post-Popwettbewerbs-Phase

Nun war auch Dietmar Poppeling auf dem Konzert von Lena Meyer-Landrut - in München. Der Popticker hat mit ihm darüber gesprochen. Die Bilder stammen aus Poppelings Handy. Einen Fotowettbewerb wird er damit wohl nicht gewinnen.

Herr Poppeling, guten Morgen, schön Sie zu sehen - länger in Hamburg?

Nein, leider nicht, ich fahre heute noch nach Bremen - bin aber auf der Rückfahrt noch mal einen Tag hier.

Bild0259 Kommen wir gleich zur Sache, Sie waren gestern beim Lena-Konzert in München und kommen eben aus dem Flieger: Wie fanden Sie‘s?

Ich muss ja immer ein wenig vorsichtig sein mit meinen Formulierungen bei Frau Meyer-Landrut, denn sie könnte rechnerisch, na ja, meine Enkelin sein, und der der ein oder andere hat gestern wohl auch gedacht, der alte Knacker ist wohl mit seiner Tochter oder eben Enkelin hier. Ich habe in meinem Freundeskreis auch tatsächlich niemanden gefunden, der mit mir dahin wollte. Vielleicht merkt man auch daran, dass man älter wird: Die Freunde mit Faible für Teeniepopkonzerte werden rarer, aber ich habe ja immer noch Sie, Herr Gieselmann.

Also raus mit der Sprache: Wie hat Ihnen das Konzert gefallen?

Ich muss schon sagen, vom Hocker gehauen hat es mich nicht, aber um es mal objektiv zu formulieren: Es war sicherlich das Maximum dessen, was an Lena Meyer-Landrut-Konzert-Potential vorhanden ist. Diese Frau hat den Rahmen ihrer Möglichkeiten abgesteckt und sich für diese Tour weder zuviel noch zu wenig vorgenommen und eben genau das erreicht, WAS sie sich vorgenommen hat. Die eigenen Grenzen und Stärken so genau zu kennen, ist Zeichen von künstlerischer Reife, was nach wie vor einfach unfassbar ist für eine Neunzehnjährige. Es geht in der Popmusik sicherlich nicht nicht immer um Können oder Begabung und so weiter, aber es geht, wenn man in Hallen dieser Grösse auftreten will, schon darum, das eigene Können so einzuschätzen, dass es nicht grössenwahnsinnig oder zu bescheiden wird. Und diesen Spagat hat sie gewagt. Mission bestanden. Dieses junge Mädchen hat es allen Spöttern gezeigt. Mal wieder. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass uns diese Lena noch ein ums andere mal überraschen wird. In bisschen mehr als zwei Wochen ist der Grand Prix. Dann beginnt für Lena, egal wie sie abschneiden wird, die Post-Popwettbewerbsphase ihrer bislang vom Popwettbewerb geprägten Karriere, und es spricht momentan alles dafür, dass sie diesen Wandel ihres Werdegangs bewältigen wird.

Haben Ihnen bestimmte Lieder besser als auf CD gefallen? Und fanden Sie umgekehrt irgendwelche Songs live nicht so gelungen?

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Einige Lieder waren in der Setlist dieses Abends sozusagen besser aufgehoben als in der Reihenfolge auf der CD. „I Like You“ ist mir persönlich zum Beispiel nie so sehr aufgefallen, während es in der Zugabe gestern wirklich absolut hinreissend war. Ein wenig abgefallen sind meiner Ansicht nach hingegen die etwas fetzigeren Lieder wie „Mama told me“ oder auch „I Like to band my head“, wo ich jetzt nicht weiss, ob das Tagesform war, oder insgesamt so ist. Das sind jetzt aber schon Punkte, bei denen ich auch sofort wieder einen Rückzieher mache, denn in der Summe, wie gesagt, fand‘ ich es klasse und bemerkenswert. Und zudem bin ich ja nun auch nicht unbedingt die Zielgruppe. Ich weiss nur, dass ich einige Fans beobachtet habe, die unfassbar glücklich und selig wirkten. Was soll man nun also herum kritisieren?

Wir werden in Kürze wieder viel miteinander sprechen, wenn es auf den Songcontest in Düsseldorf zugeht: haben Sie denn schon andere Lieder aus anderen Ländern gehört?

Nein, das mache ich grundsätzlich nicht, ich werde die Songs am Abend selber, in den Halbfinalen und dem Finale zum ersten mal hören, wenn sie mir nicht durch Zufall über den Weg laufen, und ich werde auch nicht in der Halle sein sondern mir den Grand Prix, Düsseldorf hin oder her, im Fernsehen ansehen und freue mich schon auf die Gespräche mit Ihnen.

Ich auch, Herr Poppeling, bis dann denn, nicht?

Bis dann, ja. Ich wollte Ihnen aber noch auf den Weg geben: Geben Sie acht, dass Sie nicht zu wertkonservativ werden.

Aha, na denn.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Easy Lenaing

Der Popspass für die ganze Familie: Frau Meyer-Landrut im Konzert

Die Musik ist natürlich wie auf der CD: Der Easy-Listening-Pop von Lena tut nicht weh und reisst nicht vom Hocker, hin und wieder beschleicht einen auch mal das Gefühl, Lenalive02 dies oder jenes Lied habe sie schon gespielt, aber letztendlich sind das alles Nebensächlichkeiten, denn auch wenn man an den Liedern kritteln mag, so lässt auch dieses Konzert keinen Zweifel an der Tatsache, das Lena Meyer-Landrut die Gabe besitzt, ihre Zuschauer zumindest vorübergehend alle Probleme vergessen zu lassen, und dies ist doch wohl einer ureigensten Zwecke der Unterhaltung und somit auch der Unterhaltungsmusik, oder?

Im Publikum tummelt sich der Querschnitt der deutschen Mittelschicht, um die 7000 Leute haben ihren Weg in die neuerdings auch in Hamburg von einem grossen Telefonkonzern betriebene Mehrzweckhalle gefunden, die Jüngsten sind halb so alt wie Lena, die Ältesten könnten ihr Opa sein. Wenn sich Lena artig und „recht herzlich“ bedankt, so wird man zeitweise das Gefühl nicht los, dass man sich hier im Publikum auch selber beklatscht, ein solches Wunder der Popmusik möglich gemacht zu haben: Vor 15 Monaten noch sang Lena Meyer-Landrut allenfalls für sich, auf dem Fahrrad oder unter der Dusche - jedenfalls nicht in den o2-Worlds deutscher Grossstädte. In diesen 15 Monaten hat sie sich bei „Unser Star für Oslo“ beworben, hat dieses Casting und dann den Grand Prix gewonnen, zwei funktionale Alben aufgenommen und teils weltweites Medieninteresse geweckt, welches sie nach den Lehren ihres Entdeckers und Förderers Stefan Raab niemals im gelben Boulevardsinne bedient. Zudem hat sie ihren ehemals rein privaten Gesangsstil kultiviert und für grosse Arenen und das Fernsehen urbar gemacht: Sie singt ungeheuer sicher inzwischen, ohne ihre Eigenheit verloren zu haben. Auf der Bühne steht sie so, als würde sie immer noch genauso staunen über die Tatsache, dass es Leuten gefällt, was sie macht und vor allem, wie sie es macht, und dieses ihr eigenes Erstaunen über das Erreichte rettet sie wahrscheinlich auch vor dem Naivitätsverlust, welcher das vorübergehende Ende ihrer Natürlichkeit sein könnte.

Lenalive01 Lena spielt also die Songs ihrer bislang zwei Alben und einen neuen Song, die beiden Songcontest-Beiträge „Satellite“ und das um ein zweiminütiges Intro erweiterte „Taken by a stranger“ ziemlich zum Schluss, sie wechselt konzert-typisch zwischen Tanzbarem, Uptempo-Nummmer und Balladen, und sie legt ungefähr mit dem dritten Song eine ungeheure Nervosität ab, die ihr weiss Gott zugestanden sei. Sie macht kurze Ansagen, bindet sich einen Zopf und besticht durch ihr Lenasein. Mögen die Lenaspötter auch für übertrieben halten, die grössten Konzerthallen für diese Tour gebucht zu haben, mögen einige auch unken, mit ihrer Natürlichkeit sei es längst vorbei, möge der unvermeidliche Rollback bald auch losrollen: Lena Meyer-Landrut ist und bleibt ein Phänomen deutscher Popgeschichte, und es macht irre Laune, daran teil zu haben: Recht herzlichen Dank, Lena!