Folk

Meta-Ironien und Sahmise

Bildschirmfoto 2024-05-24 um 13.18.39Was heute so erscheint - die Freitagskolumne /// Nicht ganz so düster wie sein letztes Album „schwarz“ fällt die neue Single seines neuen Albums „Dagobert und die wahre Musik vom südlichen Blütenland“ aus - Dagobert also, konstatiert in diesem neuen Lied "Fremder", er sei ein „Fremder in seinem eigenen Leben“ geworden zu souligen Space-Orgeln und fluffigem Beat findet die Schweizer Kunstfigur, der so gar nicht kunstfigürlich daher kommt, zurück zum Pop. Vielen finden ihn blöd, ich mag ihn sehr gern. /// Minimal produziert mit Trap-Beat und japanischer Shamise (eine drei-saitige Langhalslaute - hier vermutlich vom Computer generiert) klingt die neue Single "Läute die Glocken" von „Diotima & Rafael“ - irgendwo zwischen Hip Hop und Weird-Folk zerfallen die Lyrics auch in Laute: „Aberkannt – Männerhand / Gratulant – Wortgewandt / Denunziant – hierzuland anerkannt / Schlechtes Spiel, gute Miene / Viel Geld, kein Friede / Geld, kein Friede“ - womit sich die Form und der Inhalt irgendwo die Hand geben, ohne Bildschirmfoto 2024-05-24 um 13.21.59dass man so recht durchsteigt, worum es eigentlich geht: Sehr strange, sehr nice /// < Video > /// Noch stranger klingt „CLÅRA“ - was beginnt wie klassischer Deutschpop, mit tiefem, tremolofreiem Gesang, wird irgendwann von 90er-Reminiszenz-Beat unterwandert, und bald hört man eine Popmusik, die man so nicht erwartet hätte, und die es so vielleicht auch noch nicht gab: Trip-Hop-Deutschpop - ich werde damit noch nicht so recht warm, aber es ist doch so aussergewöhnlich, dass Final 1 ich es Euch nicht vorenthalten wollte. /// /// Instagram & Linktree: < Hier > /// Wieder mischen sich die 90er dazwischen in unserem nächsten Song für heute: Karoline Kaminski braucht etwa eine Minute um die mir etwas zu oft lodernden Trap-Beats zu überwinden und aus besagtem Jahrzehnt die zerquetschten Kürbisse etc. zu zitieren - schrammelnde Gitarren sind also, könnte man sagen, so selten geworden, dass sie, wenn sie im Pop auftauchen, für sich schon auf Bildschirmfoto 2024-05-24 um 14.29.51anderen Jahrzehnte verweisen - kurios. Aber Frau Kaminski hat auf jeden Fall genug Rock-Cuzpe , um die eigene Soft-Spot, heutig klingen zu wollen, weg zur rocken: "I want less of you" zitiert sich zu trashig selber zu Boden, dass man die gemässigten Klänge der jeweiligen Strophen gut gebrauchen kann - lässige Sache. /// Bento-Seite < Hier > /// Stilbruch vermischen sich als Streichertrio mit sich als Band, und der Kitt zwischen den Stilen ist Pop und Schlager - leider halten weder Lyrics noch Komposition mit der Originalität dieses Popentwurfs mit - zumindest empfinde ich das bei ihrer neuen Single "mit dem Herzen sehen" so, Mit dem Herzen sehen_Coverdennoch hat der Stilbruch von Stilbruch etwas Lässiges. /// < YouTube-Kanal >  /// Ado Kojo benutzt für sein Stil-Amalgam auch Pop und Schlager - damit verklebt er freilich nicht wie bei Stilbruch Klassik und Rock - sondern HipHop und Soul: Bildschirmfoto 2024-05-24 um 15.13.25"Schmetterlinge" findet so zu einem mir etwas zu deutschpoppigem Popsoul, der in seiner dreisten Ohrwurm-Affinität und Naivität an einen Hit der 90er erinnert: Aymans "Mein Stern" - ich finde das objetikv nicht so gelungen, aber es erreicht schon ein Guilty-Pleasure-Ohr. /// Instagram < Hier > /// Und Vincent Gross singt sich weiter durch die Karte einer normalen Bar. Nach seinem Ouzo-Song ist er nun, das ist kein Witz, angelangt bei Aperol-Spritz. Der Text ist dabei so dämlich, dass man geneigt ist, das Post-Ballermann-Pop zu nennen - dann würde es auf einmal like-bar sein, aber wahrscheinlich meint er es ernst: Bildschirmfoto 2024-05-24 um 13.26.03 „Sommer, Sonne, heißer Sand / Viel zu trockenе Luft am Strand / Ich brauch' keinen Milchkaffee / Und auch keinеn Eistee [Refrain] Ich trink' heut, das ist kein Witz / Aperol, Aperol, Aperol Spritz.“ - ich fürchte, es wird morgen DER Hit auf dem Schlagermove morgen - furchtbar ! /// 


Schichten und Lagerfeuer

Fast könnte man denken, Folk habe Hip Hop als das wesentliche Genre im Pop abgelöst. - vielleicht übertriueben aber, in Zeiten, in denen Beyoncé ein Country-Album heraus bringt, kann ein neues Bon Iver Album eben auch aus Berlin kommen. Mutmasslich kann der Sänger und Songwriter „Sorin“ den Bon-Iver-Vergleich auch nicht mehr hören, aber die Art und Weise, wie hier Songs, die man als Folk verortet in spacig-elektronische Synthiebreiten gezogen werden, ist sicherlich eine Vorgehensweise, um den Popentwurf des ursprünglich rumänischen Musikers GlnHs8s_„Sorin“ zu beschreiben. Auch die zurück gehaltene und dennoch präsente Stimme Sorins trägt dazu bei; manchmal weiß man nicht genau, ob sie chorisch geschichtet wurde oder natürlich vielschichtig klingt - Spoiler: beides kommt vor. Und immer wenn man auf diesem Album „While The Tides Turn“ denkt, man sei doch bei Synthpop gelandet, kommt schon wieder eine Akustikgitarre um die Ecke; und umgekehrt. Irgendwann aber gibt man das Schubladen-Denken auf und sich der Platte hin.

Dazu passt, dass das Album auch lyrisch von Veränderungen handelt, und der Tatsache, dass der Effekt der Veränderung irgendwann zur Konstante wird, oder dass es immer auch Sinn machen kann, der Eintönigkeit des Alltags etwas Einzigartiges, Verändertes abzuringen. Die Art und Weise, wie sich Musik und Texte die Hand geben, macht „While The Tides Turn“ fast zu einem Konzeptalbum, das dazu einlädt es mehrfach im Ganzen zu hören.

Dennoch gibt es natürlich auch Songs, die als Einzelwerke Bestand haben: Der Opener, das nur zwei Minuten kurze „Circles“ ist in seiner Einfachheit, in seinem Skizzenhaften wie ein Lagerfeuerglücksgriff, während sich das deutlich produziertere „Rivers To The Sea“ als eine Art minimalistisches Bestandteilschichten ausnimmt, das wie im Titel die der Platte die Gezeiten zu wechseln scheint. Somit ist „While The Tides Turn“ ein Meisterwerk aus dem Nichts.

https://linktr.ee/intusorin ///


Ich bin wichtig

Antje Schomaker möchte snacken

Was Antje Schomaker kann, kann nur Popmusik: So blubbernd anspruchslos mit Selbstermächtigung und Motivationen heraus blubbern, das so gar nichts mehr anspruchslos erscheint, und gleichzeitig mit so wenigen Türen in so viele Häuser fallen, dass Bildschirmfoto 2024-03-12 um 14.26.00etwaig düstere Einbrecher gar nicht erst vertrieben werden müssen, weil diese mittanzen - das muss man erst einmal können.

„Snacks“, Schomakers aktuelles, auch schon wieder 5 Monate altes Album, ist auch erst Ihr Zweites. Aber seit dem Folk-Pop auf dem Debüt „Von Helden und Halunken“ 2018 ist einiges geschehen und erschienen - Singles und Kollaborationen, die von einer Stilsuche erzählen, die immer wieder bei sehr schönen Ideen angekommen war: „Ich muss gar nichts“ schleuderte Sprechgesang auf die NDW, „Verschwendete Zeit“ erinnerte im Sound ganz allgemein von den 80ern, und bei „Ich bin wichtig“ für die achte Folge Kinderpopreihe „Unter meinem Bett“ fand sich ein ganz und gar unverstellter Weg, sich mit Songtexten zu öffnen und gleichzeitig sehr direkt an Hörer:innen zu wenden. Auf diesen drei Eckpfeilern  - gesprochener Gesang , 80s-Remiszenzen und verstrahlt ehrliche Songtexte - beruhen nun die Songs auf „Snacks“: Schomaker holt die Gitarren zurück und elektrifiziert sie, um also einen Indie-Pop-Rock mit herrlichem Blödsinnn bis hin zu sagenhaft lyrischer Ehrlichkeit auszurollen, in dem man sich herrlich emotional verheddern kann - das mag vielleicht nur Pop sein, aber es gibt Dinge, die nur Pop kann, wenn er von denn von solch tollen Musiker:innen ist wie Frau Schomaker …


Kunstsprache und Popentwürfe

JjGHXi0owas heute so erscheint ::: die Freitagskolumne ::: 190124 ::: FROHES NEUES JAHR ::: „Der Songtext steht in weiten Teilen für sich. Da gibt es wenig im Dazwischen. Nichts soll unverständlich sein, nichts um die Ecke gedacht“ - dies sagt RAHEL über ihr neues Lied „nicht mal Nihilist“ und unterschätzt damit fast schon die eigenen Lyrics, denn zwar lebt der Songtext ihres neuen Liedes von der Direktheit, die sie anspricht, dennoch aber ist hier eine Stufe von Kunstsprache, die das ganze zu Musik macht, eingewoben, die ich sehr toll finde: »Sie ist so abgefucked, Drinnen so abgefucked, Sie hat das Geldzählen und das Nicht-Satt-Werden so satt. In ihrem Bett da liegen Körper, Sie weiß nicht genau seit wann. Sie hat sie mit heim genommen. Eines feuchten Morgens irgendwann« Für die Musik, die darunter liegt, mischt RAHEL Bandpop der 80er (teils erinnert der Sound an Bildschirmfoto 2024-01-19 um 11.29.55„Cutting Crew“) mit Hamburger Schule der Nuller, hebt Gitarren unter und schaut dann mit ironischer Wut und Wucht auf diesen ihren versierten Stilmix. Und dann taucht aber auch irgendwo Hoffnung auf, denn immerhin: Wer hier besungen wird, sei nicht mal Nihilist geworden. Ein bemerkenswerter Aufschrei von Song, und insbesondere mit Differenz zur relaxten Vorgänger-Single „Schaffner“ darf man auf das Debut-Album von RAHEL gespannt sein, das im März kommt. ::: https://www.youtube.com/@radikalrahel/featured ::: Deutlich elektronischer und textlich ein wenig weniger wütend und also subtiler geht es in dem neuen Song von Yosu "Träume" zu (der auch schon mal bei „The Voice“ auftauchte): „Meine Träume träumen noch“, singt er in dem Lied über die Träume, IMG_6133
die er noch nicht weckt - eine Gedankenwelt also, könnte man sagen, wie in dem Film „Inception“: Die Träume der Geträumten. Die Musik von Yosu ist melodisch, bescheiden, beatig, seicht glitzernd und immer auch ein wenig an der Grenze zum Kitschigen, wo man Ecken und Kanten vermissen würde. Aber es ist eben immer nur am Rande dessen, und Rändernähe ist im Pop eine Tugend - fluffig im Innern dieses Liedes hier grüßt uns leichte Ironie, und alles bleibt ausgewogen. ::: https://yosu.live/ ::: Der zweifelnd funkelnde Dream-Folk  von „Sorin“ mit Elektro-, Chor- und Streicherflächen aus Soundfernen, wie man das aus dem Folktronica auch kennt, steht in gewissen Sinne für einen vollkommen anachronistischen Popentwurf: Die Zeit, die Sorin sich hier für seine musikalische und lyrische Selbstreflexion nimmt, hat man heute selten für das Marketing von PefferPop, der innerhalb von 30 Sekunden zum Punkt kommen muss, um als im ökonomischen Sinne gestreamt zu gelten. Aber natürlich ist das eine lohnende Entschleunigung, wenn man dann beim zweiten, dritten Hören seines neuen Liedes "Let You Know" den fluffig fernen Beat entdeckt, ein Cello ausmacht und sich über den Text freut, der von der Intuition erzählt, welche es exakt braucht, um diesen Pop sich zu erhören. ::: https://www.youtube.com/@sorin4271/featured ::: Wundervolle deutsche Songtexte sind nach wie vor rar gesät - aber Eva Sauter, Sängerin der großartigen „Ok.Danke.Tschüss“, die kann sie schreiben. Ihr neues Lied „Pfeffer“ muss man nur zitieren: „Diese Stadt gehört mir nicht mehr, du hast ihr alles genommen, sogar die Drecksratten. Jetzt sag mir, was krieg ich von Dir - noch nicht mal n labbriges T-Shirt hast Du liegen lassen. Ich find diese Heimat nicht mehr, die ich mal an dieser Stadt fand. Da, dann geb ich jetzt dir und mir diesen gottverdammten Abstand.“ - das ist so schön, Tränen. ::: https://www.okdanketschuess.de/ :::


... und Songs des Jahres

... wie immer kommen in meinen Songs des Jahres keine Titel vor, die auf einem der Alben des Jahres sind - es ist natürlich immanent, dass mir Lieder auf klasse Platten gefallen ...

Bildschirmfoto 2023-12-20 um 12.06.3501 Sophie Hallberg / I had it all < video >

02 Florian Paul / an und für sich < video >

03 Lou-Adriane Cassidy, Ariane Roy & Thierry Larose  / Le Roy, la Rose et le Lou[p] < audio >

04 Les Amazones d'Afrique - Kuma Fo (What They Say) < video >

05 Paula Carolina / schreien - < video >

06 Mina Richman / Nearly To The End < video >

07 Kylie Minogue / Padam Padam < video >

08 Marika Hackmann / no caffeine < video >

09 Björk ft. Rosalía / 0ral < video >

10 Olivia Rodrigo / vampires < video >


Pop durch die Hintertür

Bildschirmfoto 2023-11-17 um 09.58.10::: Was heute erscheint: Die Freitagskolumne ::: Den Song „collapsing“ habe ich gestern auf meinem Rechner laufen lassen, als es an der Tür klingelte, und als ich von der Tüt zurück kam, dachte ich: Jetzt läuft hier aber ein anderer Song. War aber nicht so: Die neue Single von „still sane“ hat zwei höchst unterschiedliche Teile. Während die Strophe fast klassischer, akustischer Folk und uptempo daher kommt, ist der Refrain deutlich langsamer, flächiger, elektronischer, chorischer. Daraus ergibt sich eine selbst für weirden Folk recht ungewöhnliche Dramaturgie, weil sich stetig etwas Neues aus den Schaltstellen zu drängen scheint. Das kann ich zumindest nicht beiläufig hören, aber wenn man sich dem widmet, ist es textlich wie musikalisch wie autogenes Suchen nach sich selbst - also eine in allen Belangen ungewöhnliche Musik. Der Stuttgarter Michel Stirner Foosteps Artworkstecht hinter dem Namen „still sane“, und ohne jetzt all zu schubladig klingen zu wollen: Hört sich an wie Bon Iver aus Stuttgart. Die EP „i thought that i’d know“ jedenfalls, die von "collapsing" flankiert wird, lohnt sich allemal. ::: Bon Iver nennt das Trio „Varley“ auch als Referenz für ihren Sound, aber bei Bildschirmfoto 2023-11-17 um 10.03.36ihnen hört man das nicht in erster Instanz durch - Elektrojazz hat man das in den 90ern wohl mal genannt. Ihr neuer Song „Footsteps“ handelt zwar von innerer Angst, kommt aber in der Summe ein wenig harmlos daher. Auf der anderen Seite macht auch das seinen Reiz aus: Man misstraut beim Hören der Oberfläche, und ehe man sich es versieht, hat man einen Ohrwurm - Pop durch die Hintertür. ::: And then there were three: Nachdem die wunderbare Band „ok danke tschüss“ zunächst ihren Drummer verabschieden musste, dann ieine neue Drummerin (Pauline) fand, muss diese nun aus gesundheitlichen Gründen leider pausieren - die Band ist nun wieder offiziell ein Trio. Die rhythmische Vakanz hält die Band aber nicht davon ab, stetig neue Singles zu veröffentlichen: Nachdem bereits seit letzter Woche das sehr launige, bisher nur auf YouTube in einer jazzigen Version zu findende „Teesorten“ im gewohnten Ok-Danke-Disko-Rock-Gewand erhältlich ist, bei der auch der Text leicht überarbeitet wurde, erscheint heute „Joel“ - bei der es um einen CoverTypen gleichen Namens geht (nicht um Weihnachten) - und auf einmal klingen Ok Danke nach Wir sind Helden, jedenfalls erinnert mich der Song an deren "Aurelie" - ach wie dem auch sei: Vielen Dank für jedes Lied an diese wunderbare Band. ::: Und dann haben wir noch klassischen 80s retro-Synthiepop im Gepäck, konkret die Band „King Pigeon“ mit ihrem neuen Song „Home With You“: Funky Gitarre und pointierte Synth-Keys legen hier das Flussbett für melodischen Hippie-Wave samt Solo, Chor-B-Teil - saugut gemacht, retro kann so neu klingen. :::

::: Links :::

::: still sane "collapsing" < video > ::: Varley < YouTubeChannel > :::

::: King Pigeon "Home with you" (Videopremiere 17.11. 18 Uhr) :::

::: ok.danke.tschüss videos: < Teesorten > ::: < Joel > (Premiere 17.11. 12 Uhr) :::


Songs zum Sonntag ::: 121123

An und für sich_COVER::: Wer Florian Paul und seine letzte Kapelle der Hoffnung - nein, die Kapelle der letzten Hoffnung, so rum - kennt, und wer den Popticker liest, wird den Namen schon mal gehört haben, der erwartet vielleicht nicht unbedingt, dass Paul Fan der Frankfurter Eintracht ist, und vielleicht ist er das auch gar nicht, und wie so vieles in seinen Texten ist das Spiel der Eintracht auch eine Allegorie, eine poetisch aus der Zeit gefallene Anspielung: „Doch ich denke an Dich, wenn heute die Eintracht spielt, weil drüben die S-Bahn fährt, die gleich bei Dir hält.“ - wieder einmal ist es eine Bar, in der sich die Szene dieses Liedes "an und für sich", zumindest der ersten Strophe abspielt, ZeT6bCzcund es ist die Bar, die den Kitsch hier aushält, so weit lehnt sich Florian Paul dieses Mal aus dem kitschigen Barfenster, und und seine Vaudeville-Balladen triefen, so auch hier, wie immer vor Schönheit - was für ein ergreifender Song. ::: Video-Link < hier > ::: Mehr Indie-Unterstatement gibt es bei Rahel, hier kniedeln fast schon die Gitarren zwischen zwei Liedern, die soeben als Doppelsingle erschienen sind, zwischen Ich und Du, die Rahel erschienen sind, und nicht immer scheint sie das Ich zu sein: „ Ich küsste dich im Affekt / Muss was verwechselt haben / Du warst nicht mein Zielobjekt“ - fast schon deutschsprachiger Folkrock könnte man das nennen; irgendwie verstehe ich diese beiden Lieder „bitte nicht in blicken“ und „zum Tage des Barsches“ nicht, aber versteht schon Pop - schöne Songs sind es. ::: Rahel Doppelsingle : Video Release 14.11.23 < hier > :::


Wikipedia-Seemannsgarn

Der Popticker arbeitet sich einmal wieder an dem Phänomen "Santiano" ab

Der Shanty-Rock-Entwurf von Santiano ist ein in sich so klar definiertes Sub-Sub-Genre mit gleichzeitigem Mainstream- und Erfolgsanspruch, das in seiner Praxis kaum mehr Spielraum für Veränderungen bleibt - die Band liefert linear und in stetem Zeit-Rhythmus ihr Patentrezept als Album ab, Dagegen kann man nicht viel haben, denn das Rezept hat sich nun mal bewährt, aber für Bildschirmfoto 2023-11-06 um 14.05.38den Aussenstehenden ist in diesem strengen Output kaum ein Unterschied zwischen den Alben auszumachen. Das ist auch im Falle von „Doggerland“ so, ihrer neuesten Platte - wieder hören wir Männerchöre und Mittelalter, Hardrockanleihen und Folkarrangements. Erstaunlich an dem Santiano-Konzept ist dass dessen starrer Popentwurf seinen Authentizitätsanspruch aus der Vorstellung generiert, hier seien Musikanten am Werk, deren Anspruch und Könnerschaft es ist, dies diese Musik hervor bringen. Komponisten und Texter der Lieder der aBand sind aber vielbeschäftigte Songschreiber und Produzenten, die zumeist aus den Schlager und dem Mittelalterrock stammen und einer Band wie Santiano die Lieder auf den scheinbaren Seemansleib schreiben. An der Idee Santiano ist also an sich nichts authentisch und alles männlich.

Doggerland ist im Übrigen ein Gebiet im Nordsee-Becken, das heute überflutet ist - früher aber als Landzunge das Jütland mit Großbritannien verband. Sein mythisches Potential erkannten nicht erst die Song- und Schlager-Schreiber von Santiano sondern in der Vergangenheit auch immer wieder nationalsozialistische Ideologen, die in jenem Doggerland die Urheimat der Germanen phantasierten. Damit will ich nun nicht der Band Santiano nationales oder gar rechtes Gedankengut unterstellen, aber wenn ein paar googelende Texter für Santiano dies hier dichten: „Ich war in Doggerland / Und ich sah seinen Untergang / Jeden der dort verschwand / Hab’ ich gekannt / Ich war in Doggerland / Tief versunken im Nordseeschlamm / Dort liegt das Doggerland“ - dann hätte sich schon einer von diesen dichtenden Männern überlegen können, jegliche ideologische Vereinnahmung mit ein paar Zeilen zu unterbinden. Dass das besungene Doggerland nun anschlussfähig in alle Richtungen in den Tiefen der Nordsee versunken liegt, erscheint mir ein wenig naiv - das müsste nicht sein. Aber statt sich des riskanten Fahrwassers, in das man sich hier begeben hat, bewusst zu sein, geht man lieber kein ökonomisches Risiko ein, potentielle Hörer:innen zu verprellen, deren Weltbild man vielleicht nicht gerade teilt.


zwischen Indiestatement und Popitüde

Gestier/// heute neu: Die Freitags-Kolumne /// Wer indie klingen möchte, verbaut in seinem Popentwurf gern ein gewisses Understatement, woraus bestenfalls, da Pop ja schon auf sich selber und die eigene Coolheit verweist, gegensätzliche Bewegungen resultieren. Das kann natürlich dann ein schmaler Grad sein, denn wer zu wenig Aufhebens um sich selber macht, verliert den Pop aus den Augen, und wer zu sehr nach vorne prescht, vergisst leicht die Kunst der Bescheidenheit. Der neue Song von Moritz Ley könnte für meinen Geschmack ein klein wenig mehr Popluft atmen - fast verschwindet „Geisterstadt“ hinter dem Indiewillen des Genre-Entwurfs. Was an sich schade Lenaist, denn hinter den melancholischen Texten des Songwriters scheint immer auch ein lakonischer Hedonismus auf, und das hört man dieses Mal nicht recht raus; ändert aber nichts an meinen Sympathien für den Musiker Moritz Ley. /// < Video > /// Lena leidet nun nicht gerade daran, sich zu wenig nach vorne zu trauen - im Gegenteil, man weiß schon fast nicht mehr, was der Hauptberuf von Frau Meyer-Landrut ist: Musikerin oder Influencerin. Nun. In Wirklichkeit sind die Grenzen eben fliessend, und auch wenn ich Lena nichts wirklich übel nehmen kann, so muss man doch konstatieren, dass sie bei ihrer AMF Cover Finalbrandneuen Single „Straitjacket“ selber durcheinander kommt und das eher der Popsong einer Influencerin ist als von einer Musikerin: Alles klingt hier perfekt - Dua-Lipa-Disco-Beat, 4-to-the-floor, Autotune, klare Melodie, Synthiestreicher, B-Teil - aber es bleibt nichts davon hängen, nichts scheint besonders, nichts klingt lenalike. Macht aber ja auch nicht. Vermutlich bin ich eh nicht mehr der Adressat der Musik von Lena. /// < YouTube-Audio > /// Zurück zum Indie-Understatement: „colin“, ein Duo aus Köln, suchen ihre Musik eher in bescheidener Melodie-Melancholie; und haben ihrem Indiepop-Genre, das in den Folk reinschnuppert, schon den ein oder anderen tollen Song abgerungen. Ihr neuer Streich, „all my fault“, mag ein wenig höhepunktlos daher kommen, aber in der Summe hören wir hier beiläufigen, wunderschönen Softrock. /// < YouTube-Audio > /// Die für mich Amazoneswichtigste Neuveröffentlichung heute ist die erste Single des dritten Albums von „les amazones d’afrique“ - das Kollektiv aus weiblichen Popstars des afrikanischen Kontinents: „Kuma Fo“ vereint auf einem fluffiigem Dancebeat mit weltigen Breaks die Stimmen (und was für Stimmen!) von Mamami Keïta, Fafa Ruffino und Kandy Guira, die wir auch schon auf dem ersten beiden fantastischen Alben hören konnten, und von dem neuen Mitglied Alvie Bitemo. „Kuma Fo’ is about women’s freedom of expression.“, heißt es im Promotext, und dem ist fast nichts hinzuzufügen: Dieser Track ist frei und befreiend, und das kommende Album, welches bei Peter Gabriels Label „Real World“ erscheint, macht der Platte von Gabriel selber nur deswegen keine Konkurrenz um dem Titel des Album des Jahres 2023, weil es erst nächstes Jahr erscheint. /// Grandioses < Video > ///


Süddeutscher Neuer New Folk

Bildschirmfoto 2023-10-22 um 21.24.07::: Songs zum Sonntag 221023 ::: „still sane“, ein Projekt des Musikers Michel Stirner, sucht schon mit einer Hand voll Liedern den Folk in Bayern - könnte man sagen, und da steht er da im Video mit seiner Gitarre und findet den Folk, wunderbaren gar, Stille und Melancholie irgendwo fast schon in der Nähe der Fleet Foxes - so ist das in seiner neuen Single „When I was Bildschirmfoto 2023-10-22 um 21.24.52younger“ - und dann treffen die Zeilen auch noch einen Neerv: „when i was younger i thought that i’d know by now / leave me alone and i’ll still never learn myself“ - singt er also von der Erkenntnis- und Orientierungsprokastination - wirklich wunderbar. ::: < Video > ::: Bart und Akustikgitarre und süddeutsche Herkunft bringt auch "Talking Nerves" mit - sein Folk freilich ist noch zerbrechlicher als der von still sane: Der neues Song „reminder“ (zusammen mit Henny Herz) erinnert in der Summer mit seiner Gastsängerin und flächigen Synthies dann schon an Bon Iver - man kann Bildschirmfoto 2023-10-22 um 21.25.22 jedenfalls über beide Sänger sagen, dass man deren jeweils im November erscheinenden EPs unbedingt Beachtung schenken sollte. ::: < video > ::: "Westhafen" klingen so wie die Class 2005 - irgendwo zwischen Art Brut und Kaiser Chiefs; vielleicht haben sie noch nicht ganz die Stadion-Hymne gefunden, aber ihr neuer Song „New Ways“ rumpelt sympathsich enough ins Jahr 2005; oder vielleicht auch 2006. Haut nicht vom Hocker, aber mag ich. ::: < video > :::