hat schon mal funktioniert

Songs zum Sonntag /// 140424

Apnoe/// Tiefseetaucher greifen auch mal nach den Sternen - jedenfalls die Band Apnoe mit ihrer neuen Single „Sterne greifen“: Auch im Deutschpop, Verzeihung, nein, das ist es wirklich nicht, Deutschrock ! - auch im Deutschrock kommen die 90er wieder, nachdem die 80er schon in der dritten Zweitverwertung der zweiten Renaissance ins kulturelle Poperbe übergegangen sind: Bei Apnoe kniedeln die Gitarren, dass es eine Freude ist, und auch wenn Wut und Nachdenklichkeit irgendwie noch nebeneinander her zu laufen scheinen, ohne in einem homogenen Rockentwurf aufzugehen, macht es Laune hier geworfene Kürbisse und Weezer durchzuhören, Bildschirmfoto 2024-04-15 um 09.15.34wenn dabei Sätze gesungen werden wie dieser hier: „Ideen bedeuten nichts./ Man schätzt erst was sie nach sich ziehen“ - Apnoe aus Hamburg sind vielleicht noch nicht ganz bei dem angekommen, was ihnen als Band vorschwebt, aber wenn Pop nur aus Musik bestünde, die schon fertig und perfekt ist, würden wir uns auch schrecklich langweilen. /// https://apnoemusic.de/ /// „Kommando Elefant“ könnte man schon Deutschpop nennen, jedenfalls dann, wenn man den Begriff als solchen nicht schon negativ eintütet - hier hören wir jedenfalls Synthpop at it’s best, der jedes 80er-Retro-Gehabe schon in eigenes Erklingen integriert hat. Die neue Single „ich will Dich nicht verlieren“ hätte man, anders produziert, auch als Schlager Bildschirmfoto 2024-04-15 um 11.41.10ausbauen können; wie eine rote Traube zum Rosé wird das leicht schlüpfrige des Songtextes („Ich will Dich in die Arme nehmen, ich will Dich zelebrieren.“) hier aber zum weitschweifig zweifelndem Popsong, der sich ein wenig älter anhört, als er zugeben mag. /// http://kommandoelefant.at/ /// Und es gibt auch Neues von Lena: Die Vorabsingle „Loyal To Myself“ ihres kommenden Albums gleichen Namens. Das ist, wie man es von Lena mittlerweile gewohnt ist, durchproduzierter Bubble-Pop, dessen Loyalität, wenn man dieses Wortspiel erlaubt ist, eher dem Mainstream als der eigenen Persönlichkeit gilt - mithin also schon eine verheissungsvolle Lüge, doch was wäre Pop schon, wenn er nicht gut lügen würde? Oder anders gefragt: Was hat Lena von der Loyalität zu sich selbst, wenn diese klingt wie der Durschschnitt schwedischer Hitmaschinen? Immerhin: Hier wird jede Boombox zur Konzert-PA. /// https://www.lena-meyer-landrut.de/ ///


Du hast den Pop schön ///

Bildschirmfoto 2024-04-04 um 11.37.29/// Neue Songs vom Freitag den 05.04.2024 /// Das Genre Pop als solches ist nicht nur in seinen Melodien und Rhythmen im Grunde ausbuchstabiert - auch in seinen Verheissungen, Effekten und Ironie-Patterns. Und in seinen Einflüssen. Wer was auf sich hält, packt mindestens 5 Sub-Genres in einen Song, und Popmusik heute, sei sie Indie oder Mainstream,  entsteht immer auf dem Bett der potentiellen Verfügbarkeit allen Pops, und immer hören wir also andere Lieder, Stile, Einflüsse. Das ist auch bei der Band „Varley“ nicht anders, auch nicht bei ihrem leicht unterspanntem, neuem Song „same old kid“ - Folk-Pop mit charmanten Dahbap-Chören, trockenem Bassdruck von unten und stimmlicher Lakonik der Sängerin Claire-Anne von oben - fertig ist die Laube. Und diese Laube des deutsch-irischen Trios erzählt von einer eingegangen Freundschaft, so dass sich der Laubensong von innen heraus auch mir Melancholie auflädt: Eine keineswegs pessimistische Poptraurigkeit spricht aus dieser Musik, die also alles Artwork : weesby : Selbstopti hat, was guter Pop braucht, aber all dies Alles vielleicht noch nicht zu 110 Prozent zusammen hält. Aber echt schön! /// „Wenn ein Song mit „Du hast Deine Morgenroutine, ich habe meine Kaffeemaschine“ anfängt, finde ich das erstmal schon mal wahnsinnig sympathisch, und wenn dann in Zeile 5 und 6 der Reim mit den Worten „Termine“ und „Aubergine“ noch mal aufgegriffen wird, dann hat mich das Lied eigentlich - auch wenn es zurückhaltend daher hopst wie eine Ed-Sheeran-Coverband, nein nein, diese Sängerin, die „weesby“ heißt, hat mit „Selbstopti“ einen prima Deutschpopsong über das Gegenteil des Titels gemacht: Es geht mehr um die 240313_Gutes Mädchen_YT ThumbnailWeigerung der Optimierung; und dass diese auch wieder anstrengend sein kann. /// Im gewissen Sinne hat die neue Single von Alenna Rose dasselbe Thema, denn das titelgebendes „Gutes Mädchen“ möchte die Sängerin natürlich nicht sein. Während weesby besagte Optimierungsverweigerung mit den Mitteln der Melancholie sichtbar macht, geht  Alenna Rose den Weg der Ironie und holt sich eine Prise NDW ins Boot. Bildschirmfoto 2024-04-04 um 11.51.55Da muss man schon fast wieder ein wenig aufpassen, denn die neue neue deutsche Welle ist kurz davor, wieder zu nerven und abzuebben, bevor sie richtig in Schwung kam. Dennoch ist „Gutes Mädchen“ nicht nur retro sondern auch und irgendwie heutig und vor allem irgendwie lässig und da Pop also auch primstens. /// Wie man der Falle vomn zuviel NDW-Referenz entgehen kann, indem man kurzer Hand einen eigenen Stil für sich findet, kann man nach wie vor bei „ok.danke.tschüss“ lernen: Ihre neue Utopie in Songform „Das neue Normal“ ist fröhliches Schwelgen in Ideen, wie schön es wäre, wenn es schön wäre - das ist eben das schöne an Pop: Kurze Zeit kann plötzlich alles gut sein - Eva Sauter kann Texte schreiben, die das auslösen. ///

Links:

/// Varley < Website> /// weesby < YouTube-Channel > /// Alenna Rose "gutes Mädchen"  < Video > /// ok.danke.tschüss < website > ///


Alben des Jahres


01 Peter Gabriel / i/o 

Disc-peter-gabrielio-2-cds1-blu-ray-disc_1482777Fast 20 Jahre frickelte Perfektionist Gabriel an diesem Album, und wie er hier dichteste, komplexeste Arrangements so luftig, schön und nah erfand, wie sie hier klingen, das ist schon in allen Belangen die hohe Kunst des Pop.

02 Antje Shomaker / Snacks

Mit zwei, drei Feinjustierungen an ihrem Popentwurf entwickelt Shomaker hier einen Deutschpop zwischen Indie und Mainstream, der selbst in seinen darkesten Momenten höchst vergnüglich stimmt.

03 Fatoumata Diawara / London Ko

Nie war mehr Pop in ihrem Weltenblues, selten war so viel Wahrheit in Popmusik. ASSET_MMS_128804681

04 Crucchi Gang / Fellini

Die Truppe um höchsten Eisenbahner Francesko Wilking hat einen charmanten Chamber-Italopop erfunden, mit dessen Mitteln an Klassiker des Deutschpop erinnert wird -wahnsinnig schön!

05 Jeanne Balibar / D’ici là tout été

Synthiechanson zwischen bestürzendem Rollenspiel und blankem Ernst - französischer als hier klingt das Jahr 2023 nirgendwo.

06 Lana Del Rey / Don’t you know that there’s a tunnel under the ocean boulevard

Ab67616d0000b27325156a823e825025ca2de859Der pastellene Feminismus in einem depressivem Amerika büßt auch auf dem achten Album nichts von seiner künstlichen Schönheit ein.

07 Deichkind / Neues vom Dauerzustand

Kids in meinem Alter mögen das.

08 Maria Basel / Bloom

Auf ihrem Debüt-Album gelingt der Wuppertalerin Basel eine schwebende Musik zwischen Singer-Songwriting, Indiepop und Neosoul mit schöner Prise bescheidenen Kitschs.

09 Charlotte Brandi / an den Alpraum

Kunstlied meets Pop in einem Zwischenraum merkwürdigster Songtexte.

10 Herbert Grönemeyer / Das ist los

Nachdem Grönemeyer 30 Jahre versicherte, niemals zur NDW gehört zu haben, macht er 2023 auf einmal ein NDW-retro-Album - selten war er selbstironischer, der liebe Herbert.

> morgen: Songs des Jahres ! ! !!


Das Ohr auf Deutschpop werfen - Folge 27

Bildschirmfoto 2023-10-05 um 12.17.55/// Anfang der Nuller sprach man auf einmal vom so genannten Freak-Folk, eine Popspielart, die den Folk mit Sound-Verheissungen von Indiepop und -rock ausmalt, die Stille suchte und Ablenkungen von Seichtheit fand. Irgendwie erinnert mich zunächst dass Debut-Album „Bitte Flieg“ des Songschreibers, Sängers und Multi-Instrumentalist „Lucito“ an diese Folkmusik: Zerbrechliche Songs über Einsamkeit, stille Töne über Verwirrungen, und plötzlich dann doch funky Einlagen, Rap-Parts, satte Bläser und Rock-Elemente, so dass die Musik fast in Jazz-Hiphop kippt. Ein reichhaltiges, unterhaltsames, virtuoses Album, dem vielleicht ein klein wenig der Signature-Hit fehlt, der eine Ohrwurm, der das Ganze einen Rahmen zur Erinnerung im Ohr verzahnt; aber also das ist wirklich Kritik auf sehr hohem Niveau. /// https://lucito-musik.de/ /// Bildschirmfoto 2023-10-05 um 11.33.24Joachim Witt hat zur NDW-Zeiten angefangen und diesem Subgenre der 80er einige höchst merkwürdige Hits abgerungen - „Der Weg in die Ferne“, „Kosmetik“ und vor allem natürlich „Goldener Reiter“ (welcher gerade erst wieder durch ein wunderbares Cover der Crucci Gang auf Trab gebracht wurde.) Man könnte sich gut vorstellen, dass Witt mit dieser Ironie-Attitüde auch 2023, da viel NDW-Elemente Bildschirmfoto 2023-10-05 um 12.07.51wiederkommen, einen Platz im Pop finden könnte, aber statt dessen versucht er sich seit einiger Zeit an einem poppigen Hardrock, der mit sturem Ernst einen darken Mittelalter-Ton sucht - komischer Versuch; und wahnsinnig enervierende Musik, die dabei rauskommt. So auch auf dem neuen Album „Der Fels in der Brandung“, auf dem Witt  als Wiedergänger von dem Grafen von „Unheilig“ daher kommt. Dumme Musik. /// http://joachimwitt.de/ Zwischen Pianopop und Bildschirmfoto 2023-10-05 um 12.14.25urbanen Schlager findet das erste Solo-Album von Rosenstolz-Sängerin AnNa R keinen rechten Halt und sitzt also zwischen Stühlen. Die Naivität, die hin und wieder aus der Verhinderung von Bombast spricht, hat teils Charme, aber das reicht nicht, um diese in der Summe eintönigen Lieder interessant zu machen; Hörer werden sie bestimmt trotzdem finden, und da muss man auch nix dagegen haben. /// https://www.anna-r.de/ /// Der breite Sound der Band karo nero ist fast Chamberpop, viele Musiker:innen hört man hier, viele Schichten von Pop und mehrere Stimmen. Auch hier fehlt vielleicht der überspannende Hit, aber in der Summe ist das Debut-Album „Zugvögel und Korallen“ in seinem immer nur fast kitschigen Popentwurf mit vielen Genre-Ausbrüchen und Zitaten das virtuose Zeugnis einer tollen Band. /// https://karo-nero.de/ /// 


Heute neu - die Freitagskolumne

ET2u7ctg/// Der Deutschpop ist nach wie vor ein Strom von Beständigkeit und einem Füllhorn an Bausteinen, aus denen man auch sechs Jahre nach Böhmermanns „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ hittauglichen Pop zusammen basteln kann. Das ist vermutlich selten brillant aber auch oft nicht völlig blöd. Moritz Ley ringt dem Ganzen nun eine Münchner Hommage an Mittzwanziger ab, die mit Wegbier und Fluppen über Leben und Liebe philosophieren: „wir kennen uns schon seit ein paar monaten / hätt nie gedacht, dass da irgendwas zwischen uns schlummert / doch heute nacht lern ich dich anders kennen / bin nicht der einzige, der hier wen bewundert.“, singt Ley, und es stammen diese Zeilen aus seinem neuen Song „Casanova“, denn die Bewunderte weiß offenbar, dass er einer ist oder hält ihn Yannic Kötterzumindest dafür. Summa summarum kommt dieser Pop ein wenig harmlos um die Ecke, aber will schon was gegen harmlosen Pop sagen - manchmal kann man ihn brauchen. Manchmal brauch es aber auch ein wenig Wut. Vielleicht dann auf einem Album, Herr Ley. /// Mittzwanziger ohne viel Probleme - aber nun auf dem Land, so könnte man den Link zu dem Kölner Duo „colin“ setzen; nun, die wirken in Wirklichkeit noch Bildschirmfoto 2023-08-25 um 13.22.19jünger als Ley, und unter ihrem Indiepop auf Englisch diesmal schlummern schon auch Risse und Abgründe, und dennoch oder gerade deshalb flimmern hier einfache, schöne Melodien durch ihren neuen Song, der „7“ heißt. „2 guys making indiepop“, schreiben die beiden über sich selber - so einfach und schön ist das. /// Wieder ein paar Jahre älter  sind die vier Mitglieder von „Die neue Zärtlichkeit“, aber auch sie sind nicht alt genug, um in den 80ern schon gelebt zu haben, aber in letzter Zeit gibt es ja viele Musiker:innen, die dieser Umstand nicht davon abhält die 80er wieder-erklingen zu lassen. Der Synthie-Pop dieses Quartetts ist versierter Wavemit heutigen Soundmitteln direkt aus den 80ern importiert, während die Bildschirmfoto 2023-08-25 um 13.22.56Lyrics des neuen Songs „Traum von Dir“ Liebe als Trotz gegen die Abgefucktheit der Welt feiert: „Kaltes Eis wo einmal Erde war / Unsere Luft sie leuchtet Nuklear / Und jeder weiß dass bald das Ende naht, egal / Ich träume von dir / Ich / träume von dir / Soll diese Welt doch untergehen / Ich bleib hier und träum von dir.“; und dann kommt auch noch ein Gitarrensolo: Prima Band, prima Song, prima Zeitreise. /// Wirklich aus den 80ern sind natürlich OMD, die immer noch oder vielmehr wieder mit drei Gründungsmitgliedern beisammen sind und nicht nur ihr musikalisches Erbe verwalten, sondern auch hin und wieder neue Singles heraus bringen - und nun Ende Oktober auch ein ganzes Album. Von eben diesem ist nun der Titelsong vorab erschienen: „Bauhaus Staircase“ ist eine typische OMD-Uptempo-Nummer, die mit beiläufigem Beat und flächigen Synthiesounds einen unterkühlten Bombast sucht.; das mag redundant sein, aber ich liebe es. ///

Links:

Moritz Ley / Casanova / < video >  (Premiere 25.08. um 15 Uhr)

colin / 7 / < video > 

Die neue Zärtlichkeit / < website >

OMD / Bauhaus Staircase / < video >


Heute neu - die Freitagskolumne

Jbs/// Jocelyn B. Smith habe ich durch meine ehemalige Mitbewohnerin in Berlin kennen gelernt, das muss etwas 25 Jahre her sein, da haben wir sie live gesehen. Heute ist sie immer noch als Popmusikerin aktiv, inzwischen durch das Musical „König der Löwen“ deutlich bekannter. Heute erscheint eine neue Single von ihr, „Dancing In The Dark“ (nein, kein Springsteencover) - ein Dance-Soul-Song mit housigem Uptempobeat. Kompositorisch mag das nicht das Nonplusultra sein, aber Jocelyn B. ColinSmith hat eine Stimme, mit der auch mittelmässige Nummern großer Pop werden. Wie sie dann im Video mit der beinahe 80-jährigen Stilikone Günther Anton Krabbenhöft tanzt, ist so unwiderstehlich charmant, dass man über diese Veröffentlichung eigentlich nur glücklich sein kann. /// „Call Me A Mess“ nennt das Kölner Duo „colin“ ihre neue Single - während im Text die Entropie des Alltags von Mittzwanzigern besungen wird, geht es musikalisch eher 60d9992a-9023-09ec-9619-c080f46e9aaf britisch verhalten zu und das im klassischen Gewand versierten, Gitarren wie Synthiesounds enthaltenden Indiepops. Der Song kommt wenig aufregend daher, aber die unbeschwerte Dreistigkeit, sich einen Popsong lang Zeit zu nehmen, von inneren Chaoszuständen zu erzählen, empfinde ich als befreiend und wundervoll melancholisch. Da finde ich mich selbst wieder, obgleich die beiden Typen von „colin“ altersmässig vermutlich meine Söhne sein könnten. Da sie es aber nicht sind, kann ich guten Gewissens sagen: Bloss nicht aufräumen, Jungs. /// Da geht es bei Julia Kautz ein wenig aufgeräumter zu, womit ich wohl den „Heribert Fassbender“-Award der konstruiertesten Überleitungen bekommen könnte. Julia Katz jedenfalls ist versierte Songschreiberin für zum Beispiel Wincent Weiss, Cassandra Steen oder Max Mutzke; und das hört man auch ihrer Single „Utopia“ an - im Guten wie im etwas Statischen: Kautz beherrscht versiert die klassische Mechanik des Deutschpop, ein melancholisches Flussbett für Hörer:innen zu machen, die gänzlich unmelancholisch sind, durch die man dann einen melancholischen Uptempofluss fliessen lassen kann - so ist der empfundene Kitsch quasi ein sich selbst prophezeiendes Perpetum Mobile der Traurigkeit für untraurige Menschen. An sich kann ich damit also nicht so viel anfangen. Im Falle besagter Single „Utopia“ aber steht dem hoch professionellem Songwriting die skizzenhafte Machart entgegen: Hingehuscht produziert klingt dieser Song so, als sei er dafür gemacht, für ihn eine Sängerin zu finden, für die man ihn dann ausformuliert, aber genau das etwas Unfertige der Machart und der unterkühlte Gesang fangen für mich ganz fluffig den sich selbst Bildschirmfoto 2023-06-30 um 11.24.54prophezeienden Kitsch auf. /// Das Lied „rosarot“ hat seinen Sänger sozusagen gefunden und ist ausproduziert - wenngleich die Machart hier sicherlich zurückhaltend ist, ein Ballade über einen One-Night-Stand, von dem sich das singende Ich mehr erhofft hat und noch immer erhofft - die Suche nach Liebe also, der Pop so viel zu verdanken hat, hier ist auch wieder. Moritz Ley gibt sich hier verschwindend bis zerbrechlich still, und wer kürzlich Ähnliches erlebt hat, wie erwähnt singendes Ich dieses Liedes, wird hier vermutlich in Tränen ausbrechen - also: Ein Song, der seine Berechtigung FNsZDmzuhat, aber hallo, auch wenn er mich persönlich jetzt nicht anspringt. /// House, Soul, Pop, Funk, Jazz - alles diese Stile könnte man nennen, wenn man den Song „Falling For The Music“ von Olga Dudkova auch nur 30 Sekunden hört - und das bleibt auch so. Ein Song, der sozusagen die eigene Multistilistik dadurch feiert, von der Musik als solchen zu handeln. Und dann auch noch eine fantastische Soul-Stimme einer Globetrotterin - wer hier nicht das Gefühl bekommt, einen kommenden Superstar zu hören, von dessen Bahnhof fahren auch nicht mehr all zu viel andere Züge. ///

links

Jocelyn B Smith "dancing in the dark" < audio >

colin "call me a mess" < audio >

Julia Kautz "utopia" < audio >

Moritz Ley "rosarot" < video > (Video-Premiere: 20.06. um 17 h)

Olga Dudkova "Falling For The Music" < video > (Video-Premiere: 20.06. um 19 h)

 


Eigenblutdoping

Das Eigencover als Album-Konzept - diese Idee hatten „die fantastischen Vier“ und „U2“

Bildschirmfoto 2023-03-20 um 13.04.01Zwei Bands, die es schon recht lange gibt, haben Alben herausgebracht, auf denen sie sich selber covern - „die Fantastischen Vier“ und „U2“. Da kann man ja schon mal die Frage aufwerfen, warum Bands zu diesem Mittel des Eigencovers greifen. Promotion-Sprech dürfte sein, dass die Bands wichtige Songs ihrer Karriere einer Frischzellenkur unterziehen, um ihre Tauglichkeit in aktuelleren Popgewändern anzutesten. Zudem bietet das Eigencover ebenso wie das Covern überhaupt auf recht direkte Weise das Potential von Pop im Allgemeinen: Das Neue wieder-erkennen.

Schauen wir also erst einmal auf die beiden Werke im Spezifischen: U2 haben für „Songs Or Surrender“ sage und schreibe 40 Werke ihres Oeuvres neu eingespielt. Darunter sind einige ihrer Hits wie „Where the streets have no name“, „One“ oder „I still haven’t found, what I’m looking for“ (Letzteres haben sie auf „rattle & hum“ sogar schon mal selbst gecovert) - es finden sich aber auch randseitige Lieder wie „11 O’Clock Tick Tock“ oder „Peace on earth“ in dieser Sammlung. Jedes Mitglied hat augenscheinlich 10 Lieder ausgewählt, denn 4 Teil-Alben tragen jeweils die Vornamen der U2s: Larry, Edge, Bono, Adam. Die Band hat die Songs größtenteils entschlackt, ihre Breitwandigkeit eliminiert und mit schlichtem Band-Sound - Bass, Gitarre, Gesang - aufgenommen - merkwürdiger Weise ohne Schlagzeug. Da Drummer Larry Mullen in letzter Zeit ohnehin leicht isoliert in der Band zu sein scheint und bei der Las-Vegas-Residency in diesem Jahr gar nicht spielen wird, nähren sich Spekulationen über dessen Ausstieg, wozu der Popticker jetzt nichts sagen kann. Aber wie dem auch sei: 40 Songs lang U2 ohne gigantische Edge-Gitarren-Flächen, ohne viel Produktionsaufwand, fast durchweg im gleichen Uptempo und ohne Schlagzeug - sorry aber: Schnarch!

Bildschirmfoto 2023-03-20 um 13.03.27Fanta 4 haben für ihre „Liechtenstein Tapes“ hingegen 15 ihrer Lieder neu aufgenommen und sich hierfür einen Bandsound ersonnen, der mutmasslich auch von ihrer Live-Band stammt - kaum noch Samples, funky-Bässe und Gitarrenlicks, hin und wieder mischt sich Hall unter Chöre und Bläsersätze oben drüber. Das ist zweifelsohne versiert in die Tat umgesetzt, aber wenn man ehrlich ist: So viel anders als die Originale sind diese Versionen dann auch nicht. Man kapiert einfach nicht den Mehrwert der Eigencover gegenüber ihren ursprünglichen Versionen.

Vielleicht liegt die lähmende Langweile der beiden Alben einfach an dem mangelndem Interesse an der Bands an ihren eigenen den Songs. Mit einer gewissen Berechtigung sind sowohl die Fantas als auch U2 offenbar davon ausgegangen, das Covern eigener Songs brächte als Konzept aufgrund der puren Nähe zum eigenen Werk bereits eine Idee für jeden Einlzelsong mit sich. Aber Covern existierender Lieder setzt auch immer voraus, dass man wirklich eine neue Idee an sie heran und in sie hinein trägt - ganz gleich, wer die Lieder schon einmal veröffentlicht hat. Aber hier herrscht wirklich zweimal gähnende Ideenleere. Nur das Cover von den Fantas ist wunderschön.


/// Songs zum Sonntag /// 111222 ///

Bildschirmfoto 2022-12-10 um 21.37.54/// „Asoziale Medien“ ist, wie man sich denken kann, ein kritischer Track über soziale Medien. „Chill Boomer“ , könnte man sagen, zumal, was der Sänger dieses Liedes, Sören Vogelsang, dann so sagt, ein wenig altbacken daher kommt, als würde die Sendung mit der Maus die Verführungen des Internets erklären - und zwar 2011: „Ich vergeude meine Zeit auf Facebook allein, ich hab’ 4000 Freunde, um einsam zu sein. Scroll durch Storys auf Insta, Doomscrolleffekt, die Leben der Anderen sind alle perfekt.“ - klingt ein wenig, als ob Rolf Zukowski mal nicht über die Weihnachtsbäckerei Bildschirmfoto 2022-12-10 um 21.39.14singen und hip sein möchte. Die Binsenweisheiten über soziale Medien eines Menschen, der eben diese nicht zu nutzen scheint, zeugen von einer derartig unerschütterlich Naivität, das der Song in seinem Acoustic-Folk-Rap irgendwann eine gewisse Eingängigkeit entwickelt. Ich fürchte nur: Von der Gefahr der sozialen Medien wird sich von diesem Lied niemand was erzählen lassen. /// Erstaunlich aber Bildschirmfoto 2022-12-10 um 21.39.35schon, wohin deutscher Rap heute alles klingen kann. Steffen Freund zieht seinen Song „Heimweh“ mit Trap-Beats und Autotune derart in die Breite, dass er mit dem Song problemlos auch im „ZDF“-Fernsehgarten auftreten könnte - wie soll man dieses Genre nun nennen? Schlager-Trap? Komische Zeiten im Deutschpop. /// Andere Wiese: Lana Del Rey hat tatsächlich schon wieder ein Album inpetto. Es wird ihr achtes sein und „Did you know, that there is a tunnel under the Ocean Boulevard?“ heißen. Und ebenso heißt auch ihr neuer Song, und ich muss ja sagen, ich höre mir das auch beim zehnten Album wieder an, obgleich an der Machart fast nichts ändert: Tiefe Klavier-Akkorde tupfen eine Melodie in den Himmel über LA, welche sepiatonal von Del Rey umschlungen wird, und aus der Ferne beschleichen Streicher ein Motel - wundervoll, wie hier immer noch ein Hollywood-Kitsch herauf beschworen wird, dessen Melancholie längst mit erzählt, dass er eine Chimäre ist. /// YoutubeLinks /// < asoziale Medien > /// < Heimweh > /// < did you know that there is a tunnel under the ocean boulevard > ///


Das Hit-Rezept

Elton John hat eine neue Form der Musealisierung seines Songs-Katalogs erfunden

He did it again - Elton John, der alte Haudegen, hat die Prinzipien seines Konsens-Streichs „Cold Heart“ in ein Rezept übersetzt und nach diesem Rezept dann wieder einen Hit gekocht. Das Rezept lautet hierbei: Nimm einen alten Schmachtfetzen von Elton John, Holdmelass Dir ein Uptempo-Dancebeat drunter legen, engagiere einen weiblichen Popstar als Duettpartner, und nimm eine andere Zeile als Titel - fertig ist die Laube. Statt „sacrifice“ hat Elton nun „tiny dancer“ überschrieben, statt Dua Lipa hat er sich Britney Spears ans Mikrofon geholt, wieder aber ist aus einer Pianoballade ein Killer-Ohrwurm mit 120 Beats per minute geworden, der Dancefloor-Qualitäten hat, aber auch noch als Lounge-Pop zum Martini funktioniert - Titel des Ganzen: „Hold Me Closer“. Aber natürlich sind trotz aller Parallelen die Vorzeichen andere: Während Dua Lipa mit ihrer „Pop als Dienstleistung“-Attitüde im Elton-John-Fahrwasser fluffige Bescheidenheit unter den Überhit hob, ist die blosse Anwesenheit von Britney Spears sechs Jahre nach ihrer letzten Song-Veröffentlichung und ein halbes Jahr nach ihrer Befreiung aus der Vormundschaft ihres Vaters schon eine erfreuliche Sensation. Da kann „Hold Me Closer“ noch so unaufgeregt in die Ohren dotzen - hier hören wir auch pophistorische Meta-Ebenen mit, ob wir wollen oder nicht, und fast ist es so, als hätte Dua Lipa ihren Platz im virtuellen Raum eines Duetts mit Elton John geräumt, um Britney ein entspanntes Comeback zu ermöglichen. Das wirft automatisch die Frage auf: Was kommt als nächstes? „Blue Eyes“ als Uptempo-Ohrwurm im Duett mit Madonna, um diese aus ihrem aufkommenden Wahnsinn zu befreien? „Nikita“ mit Nelly Furtado? Oder „Goodbye Yellow Brick Road“ mit 120 Beat per minute zusammen mit Cindy Lauper? An möglichen Originalsongs aus dem Katalog von Elton und möglichen Partnerinnen für die Überschreibung mangelt es sicher nicht - der Popticker bewirbt sich mit genannten Ideen um einen Platz im Beraterstab von Sir John und wünscht ein schönes Wochenende.

 


Songs zum Sonntag

Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.38heute aus Norwegen /// 170722 /// a-ha / I’m in /// Seit einer Doku über die Band „a-ha“ wissen wir, dass die drei Norweger mitnichten drei enge Freunde sind, sondern für ihre Existenz als Band über Missgunst, Skepsis und Genervtheiten hinweg kämpfen müssen. Einmal haben sie sich auch schon aufgelöst und dann wieder zusammen gerauft. Nun erscheint Ende des Jahres eine neues Album, „True North“, und die erste Single ist soeben erschienen Sie heißt „I’m in“ und ist ein klassischer a-ha-Song: orchestraler Pathos, Harkets Falsett-Gesang und getragene Melodie - Bildschirmfoto 2022-07-17 um 11.05.19immer ganz nah zu Kitsch und Bombast bekommen sie auch hier wieder die Kurve zu nonchalantem Pop. So treu sie sich da also bleiben - brauchen tut man das nicht, aber dass sie das, was sie können, immer noch können, ist schon auch toll. /// Ka2 & Gabrielle / i natt /// Bleiben wir doch einfach mal in Norwegen: „Ka2“ spielen einen herrlichen Synthiepop mit sommerlichem easy-listening, ablenkend gut gelaunt und fluffig. Ihre neue Single mit der ebenfalls norwegischen Sängerin „Gabrielle“ ist in meinem iPhone schon zum Sommerhit geworden: Uptempo-Mittwipp-Beat, flächige Synths und herrliches Norwegisch, das ich so gerne höre - nordischer kann ein Song kaum in die Sonne passen. /// Links /// a-ha / I'm in (video) /// Ka2 & Gabrielle / i natt (audio) ///