Hefte raus: Theorie !

Ein Lied kann einen Code brechen

Einige Gedanken zum Eurovision Songcontest 2024 - in diesem Jahr nicht in Gesprächsform

Der Eurovision Songcontest ist ein gigantisches Medienspektakel, das sich scheinbar automatisiert zu wiederholen scheint - es gibt Windmaschinen, jedes Jahr größere Bühnen, Trick-Kleider und immer auch Rückblicke auf bisherige Highlights, Fehlgriffe, Kuriositäten und Welthits, und am Ende verlieren die Deutschen. Ein solches Ereignis, das viele Menschen lieben, und das bis in ihren Alltag hinein reicht, erhält sich aber, so ritualisiert es auch erscheinen mag, nicht von selbst. Es gibt Tausende, die die Idee dieses Wettstreits neu denken - sei es, weil sie Fan sind, sei es, weil sie in welcher Form auch immer teilnehmen - und nur durch dieses stete Mitdenken, kann der Eindruck entstehen, dass sich nichts ändert. Das ist wie im Pop selber: Ständig kommen Leute, die denken, es geht alles von vorne los, während dahinter eine Generation nörgelt, das vorgeblich Neue sei ein alter Hut. Daher erkennen wir im Pop neues wieder, ohne dass das einen Widerspruch darstellt. Was die gigantische Show Pop im Allgemeinen und Songcontest im Speziellen voran treibt, sind eben die verschiedensten Leidenschaften, Begeisterungen, Emotionen und Ansprüche, die zum dem scheinbar rituellen, alljährlichen Kompromiss führen, und wenn gar nichts mehr verbindet, so kann man sich im Zweifel aller Zweifel zumindest noch darauf einigen, dass „douze points“ magisch sind. 

Die Hook des Sieger-Titels 2024, Nemos „I Broke The Code, Whoa-Oh-Oh“, lässt in der Rückschau auf einen denkwürdigen Popabend vielerlei mehrdeutige Wortspiele zu, hinter denen das Neue wieder-erkannt wird. Und allein dies auch schon in zweierlei Hinsicht: Einerseits sangen die zugeschalteten Menschen, die die 12 Punkte ihrer jeweiligen Länder verkündeten, „Whoa-Oh-Oh“, wenn ihre douze points in die Schweiz gingen, anderseits benutzen viele Interviewten das Bild des geknackten, gebrochenen Codes. Nemo selber fand noch am Abend des Code-Triumphes eines dieser Sprachbilder: „I had to smuggle my [nonbinary] flag in, cause eurovision said no, and I did it anyway - I hope some other people did that too, but common! That is double standard, as I said: I broke the code, I broke the trophy, the trophy can be fixed, maybe eurovision need some fixing too from time to time.“

Nie zuvor trat bei einem Songcontest deutlicher zutage, dass der merkwürdige Senderzusammenschluss EBU seinen naiven Kodex, der Songcontest müsse unpolitisch sein, mit vielen kleinteiligen Entscheidungen und Regeln verteidigt und nicht merkt, dass ebendiese Entscheidungen und Regeln selber hochpolitisch sind. Im Vorfeld des diesjährigen Wettbewerbs wurde die vorgebliche Politiklosigkeit vor allem in Frage gestellt, da es viele Menschen in ganz Europa nicht für richtig halten, dass Russland aufgrund des Angriffskrieges in der Ukraine nicht teilnehmen darf, Israel aber trotz ihres Vorgehens in Gaza nicht auch suspendiert wird. Ich halte diese Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg, die dem Entscheidungsgefälle, erstens, zugrunde liegt, für überaus richtig. Zweitens würde jeder potentielle Songcontest-Beitrag in dem autokratischen System Russlands, in dem jedes Denken gegen die Regierung als Extremismus eingestuft wird, ein systemkonformer Beitrag sein, während Israels „Hurricane“ von Eden Golan durchaus auch für eine israelische Zivilgesellschaft steht, die ihrerseits derzeit wieder fast täglich gegen die eigene Regierung auf die Strasse geht. Wer also für eine humanere Vorgehensweise Israels eintreten möchte, könnte im Gegenteil gerade deswegen FÜR eine Teilnahme Israels am Songcontest votieren, sollte aber ganz gewiss nicht gegen Eden Golan und vor ihrem Hotel demonstrieren. Unabhängig aber davon ist natürlich jede Argumentation für oder gegen Russland oder Israel natürlich hochgradig politisch, auch wenn die EBU nicht ganz zu Unrecht schon vor einigen Wochen darauf hinwies, dass die Suspendierung Russlands nicht die primäre Entscheidung ist, sondern eine Folge der Aberkennung der Mitgliedschaft in der EBU, und hierbei könnten laut deren Statuten eben durchaus politische Erwägungen eine Rolle spielen.

Dass die EBU dann freilich die „Booohs“ in der Halle während des Auftritts von Eden Golan heraus filterte und also für das Fernsehpublikum unhörbar machte, ist dann aber auch der Frage würdig. Wenn man die Künstlerin selber vor einer feindlichen Energie hätte schützen wollen, könnte man das gut heißen, aber Eden Golan hat ja die buhenden Zuschauer:innen im Gegensatz zum Fernsehpublikum hören können - ja müssen.

Die Suspendierung des holländischen Beitrags wiederum, nachdem gegen den Sänger Joost Klein eine Anzeige vorlag, kann vermutlich durchaus als eine Entscheidung im Rahmen eines Kodex verstanden werden, der nicht per se politische Dimensionen hat: Klein hatte sich in einer Situation, in der er nicht gefilmt werden wollte, zu einer bedrohlichen Geste gegenüber einer Kamerafrau hinreissen lassen, die ihn doch filmte - was genau dann vorgefallen ist, wissen wir ohnehin nicht. Aber natürlich wurden auch hier sofort Parallelen gezogen: Warum darf der Staat Israel in Gaza Menschen töten, ohne dass die Teilnahme am Songwettstreit davon gefährdet ist, während ein holländischer Sänger wegen des Verdachts einer bedrohlichen Geste ausgeschlossen wird. Spätestens in solchen Äusserungen wurde ersichtlich, dass sich nicht nur die EBU selber in ihrem unbedingten Willen, Politik aussen vor zu lassen, vollständig verrennen kann, sondern auch Fans des ESC. Und, tja, die EBU selber tut dies ohnehin, wenn sie die Non-Binär-Flagge in der Halle verbietet, denn diese Flagge steht ja nun gerade nicht für einen politischen Staat oder eine implizit politische Aussage, sondern symbolisiert eben diesen Wertekanon der Gleichheit Aller, den die EBU vorgibt vor politischen Impetus schützen zu müssen.  Man könnte sogar so weit gehen und sagen, die Botschaft, die mit der non-binary-Flagge ausgesendet wird, nämlich das Recht auf und den Wert der eigenen Individualität jenseits von welchen Kategorien auch immer, ist ein konstatierendes Element der Popmusik als solcher - und pophistorisch vielleicht gar das Scharnier zwischen Rock und Pop - aber das führt jetzt vermutlich zu weit. Klar ist indes, dass die EBU mit dem Eurovision Songcontest ein Produkt verwaltet, über das sie die Deutungshoheit längst verloren hat.

Aber natürlich wurde am Samstag auch musiziert - und erfreulicher Weise wurde der schweizer, vermutlich objektiv anspruchsvollste und musikalisch sozusagen gelungenste Beitrag, „The Code“ von Nemo eben, zum Sieger gekürt. Der Song vermischt Pop, synthetischen Orchester-Bombast, Rap und einen Drum-N-Bass-Beat mit Bondsong-Prisen und einem fluffigen Dream-Pop-B-Teil zu einem Amalgam aus Ideen und Stilen und findet doch und ganz anders als viele andere Beiträge an diesem Abend zu einem homogenen Song - flankiert mit der Performance auf einer silbernen Rampen-Drehscheibe, auf der Nemo den Schwerkräften stimmlich und tänzerisch zu trotzen schien: So gewinnt man den ESC. Überraschen konnte auch der deutsche Beitrag, „Always On The Run“ von ISAAK, der mit rauher Stimme und trotzigem Rockpop Zwölfter wurde, was sich nach mehreren Jahren auf dem letzten Platz wie ein Triumph anfühlt. Mit vielen Beiträgen in Landessprache und erfreulich wenig Europop zeigt sich 2024 um so mehr: Wenn man das Format ernst nimmt und einen guten Song im Gepäck hat, kann man Glitzer-Effekten, Feuerfontänen, Ventilatoren, Dekolletés und sogar der EBU entsagen - und eben dennoch oder gerade deswegen Stimmen einheimsen.

Man kann jedenfalls nur hoffen, dass eben diese musikalischen Erkenntnisse schlussendlich die Gräben, die sich aus politischen Debatten und der albernen Weigerung sie als solche zu Kenntnis zu nehmen, aufgetan haben, überwinden können - im meta-Sinn des deutschen Beitrags 1975, „ein Lied kann eine Brücke sein“ - eben dann, wenn das Lied bestimmte Codes bricht. Denn das Ereignis „Eurovision Songcontest“ ist in vielerlei Sinne wertvoll und identitätsstiftend.

 

 


Du hast den Pop schön ///

Bildschirmfoto 2024-04-04 um 11.37.29/// Neue Songs vom Freitag den 05.04.2024 /// Das Genre Pop als solches ist nicht nur in seinen Melodien und Rhythmen im Grunde ausbuchstabiert - auch in seinen Verheissungen, Effekten und Ironie-Patterns. Und in seinen Einflüssen. Wer was auf sich hält, packt mindestens 5 Sub-Genres in einen Song, und Popmusik heute, sei sie Indie oder Mainstream,  entsteht immer auf dem Bett der potentiellen Verfügbarkeit allen Pops, und immer hören wir also andere Lieder, Stile, Einflüsse. Das ist auch bei der Band „Varley“ nicht anders, auch nicht bei ihrem leicht unterspanntem, neuem Song „same old kid“ - Folk-Pop mit charmanten Dahbap-Chören, trockenem Bassdruck von unten und stimmlicher Lakonik der Sängerin Claire-Anne von oben - fertig ist die Laube. Und diese Laube des deutsch-irischen Trios erzählt von einer eingegangen Freundschaft, so dass sich der Laubensong von innen heraus auch mir Melancholie auflädt: Eine keineswegs pessimistische Poptraurigkeit spricht aus dieser Musik, die also alles Artwork : weesby : Selbstopti hat, was guter Pop braucht, aber all dies Alles vielleicht noch nicht zu 110 Prozent zusammen hält. Aber echt schön! /// „Wenn ein Song mit „Du hast Deine Morgenroutine, ich habe meine Kaffeemaschine“ anfängt, finde ich das erstmal schon mal wahnsinnig sympathisch, und wenn dann in Zeile 5 und 6 der Reim mit den Worten „Termine“ und „Aubergine“ noch mal aufgegriffen wird, dann hat mich das Lied eigentlich - auch wenn es zurückhaltend daher hopst wie eine Ed-Sheeran-Coverband, nein nein, diese Sängerin, die „weesby“ heißt, hat mit „Selbstopti“ einen prima Deutschpopsong über das Gegenteil des Titels gemacht: Es geht mehr um die 240313_Gutes Mädchen_YT ThumbnailWeigerung der Optimierung; und dass diese auch wieder anstrengend sein kann. /// Im gewissen Sinne hat die neue Single von Alenna Rose dasselbe Thema, denn das titelgebendes „Gutes Mädchen“ möchte die Sängerin natürlich nicht sein. Während weesby besagte Optimierungsverweigerung mit den Mitteln der Melancholie sichtbar macht, geht  Alenna Rose den Weg der Ironie und holt sich eine Prise NDW ins Boot. Bildschirmfoto 2024-04-04 um 11.51.55Da muss man schon fast wieder ein wenig aufpassen, denn die neue neue deutsche Welle ist kurz davor, wieder zu nerven und abzuebben, bevor sie richtig in Schwung kam. Dennoch ist „Gutes Mädchen“ nicht nur retro sondern auch und irgendwie heutig und vor allem irgendwie lässig und da Pop also auch primstens. /// Wie man der Falle vomn zuviel NDW-Referenz entgehen kann, indem man kurzer Hand einen eigenen Stil für sich findet, kann man nach wie vor bei „ok.danke.tschüss“ lernen: Ihre neue Utopie in Songform „Das neue Normal“ ist fröhliches Schwelgen in Ideen, wie schön es wäre, wenn es schön wäre - das ist eben das schöne an Pop: Kurze Zeit kann plötzlich alles gut sein - Eva Sauter kann Texte schreiben, die das auslösen. ///

Links:

/// Varley < Website> /// weesby < YouTube-Channel > /// Alenna Rose "gutes Mädchen"  < Video > /// ok.danke.tschüss < website > ///


Postironie

Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.16.52 ::: neue Singles von Newcomern ::: Der britisch unterkühlte Soul oder RnB oder beides unterspült nach und nach den globalen Pop mit seiner postironischen Dancebarkeit und seiner 90er-Attitüde. Nicht nur im Hyper-Minstream kommen die Popentwürfe von Rita Ohra (aus dem Kosovo, heute in London ansässig) oder Dua Lipa (aus Albanien, heute in London ansässig) an, jetzt geht das los, dass diese von noch jüngeren Künstlerinnen nachgebaut und eigen-variiert werden. Womit wir bei Leonora wären, eine junge Wuppertalerin, die mit dem heutigen Erscheinen ihres Songs „Mamas Favourite“ eine 5-Track EP komplettiert - und dieser neue Song ist mitreissend funky und zeitgemäss produziert - gute-Laune-Uptempobeat-Soul wie eine Schwebebahn - prima. ::: YouTube Audio Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.17.33::: Eine merkwürdige Härte sucht Fahrlænd, das Projekt des Sängers und Musikers Daniel Fahrländer. Er sucht diese Härte aber nicht mit den Soundmitteln des Rock, sondern mit denen des Elektropops. Verzerrte Synthieflächen, stolpernde Beats und etwas nöliger Gesang prägt seine neue Single „kaputt“; die mit dem O-Ton des Meme gewordenen Tischzertrümmerers Nikel Palat beginnt: „… und deshalb mache ich jetzt diesen Tisch hier kaputt“ - ein wenig hinkt der Song selber dann der Wut des ehemaligen Ton-Steine-Scherben-Managers Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.18.04 hinter her - und dennoch denkt man: Alles, was diese Musik erreichen möchte, ist, so weit man das beurteilen kann, gut in die Tat umgesetzt, aber ich kann mit dieser Tat nicht so viel anfangen; ausser vielleicht zu rufen: Ironie kann manchmal auch Spass machen. ::: YouTube Video ::: Würden Scooter einen Song namens „Kaffkiez“ machen, würde HP Baxxxter wahrscheinlich „How much is the Kiez in diesem Kaff?“ rufen. Fraglich, ob das funktionieren würde, aber es ist eben auch umgekehrt: Die Band Kaffkiez hat einen Song namens „Scooter“ gemacht, in dem die Zeile „Kommst eh nicht lebend raus sagte Scooter irgendwann“ vorkommt, und mit diesem Scooter könnten tatsächlich die Techno-Ruf-Formation „Scooter“ gemeint sein. Davon unabhängig ist der Song aufbauend - ohne viel Ansprüche, was irgendwie eine sympathische Attitüde ist: „Es ist ok wie es ist .Ich hab vor morgen manchmal Schiss. Das ist ok. Keine Sorge ich komm klar. Bin ab Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.18.52morgen wieder da. Doch bin ok“; der komprimierte Poprocksound, der hier den Ton angibt könnte für meinen Geschmack etwas ruppiger sein, aber das ist eine sympathische Band. ::: YouTube Video ::: Und dann noch mal recht klassischer Deutschpop. Mh, nee. Deutschrock. Was aber ist Deutschrock? „Ich hänge mich auf an Deiner Welt“, singen farbfilter. zu klassischem Rockriff - auch hier kann man nicht anders, als die Band, die diesen Song „Schwarzer Sommer“ spielt, mögen - wenn es solche nicht mehr gibt, kann man alles Andere auch bleiben lassen, auch wenn ehrlich sagen muss: Dieser schwarze Sommer setzt sich mir nicht im Ohr fest. Aber da höre ich weiter hin, wenn was mit diesem Farbfilter daher kommt. ::: YouTube Video :::


Fünf Forderungen für den ESC 2024

Dsx

von Dietmar Poppeling

- wegen der unklaren Lage bei den Bildrechten vom ESC in diesem Jahr mit Fotos von Rüttelplatten

01 / Wir brauchen schleunigst eine schmissige Verschwörungstheorie zum steten Scheitern der deutschen Beiträge - 2023 wieder nur letzter Platz, da ist doch was oberfaul. Vielleicht ist Bill Gates dran schuld, oder die Jurys werden bestochen oder russische Hacker rächen sich an der waffenliefernden Ampel - an den Beiträgen kann es nicht liegen, denn die sind derartig unterschiedlich gewesen, dass … es an den Beiträgen nicht liegen kann.

02 / Die Zeit zwischen  Veröffentlichung der Songs und der ESC-Finalwoche sollte wenn irgend möglich verkürzt werden - oder man sollte eine Art Rezension-, Reaction- oder Wettsperre einführen, um zu verhindern, dass es zu schnell Favorit:innen gibt. Denn der psychologische Effekt, dass man gerne zur Mehrheit gehören möchte und somit favorisierten Beiträgen zugeneigt ist, darf nicht unterschätzt werden. Schweden hätte in diesem Jahr ohne diesen Effekt eher nicht gewonnen.

Apps03 / Die Anzahl der Finalist:innen sollte noch einmal verkleinert werden, von 26 auf 22, das wäre mein Vorschlag. Das Feld von 26 Songs ist zu groß, und es begünstigt, dass man sich nicht auf Beiträge fokussiert, die GEfallen, sondern auf Beiträge, die AUFfallen, die also sich in irgendeiner Weise von den anderen unterscheiden - und sei es auch nur, weil ein Beitrag favorisiert wird.

04 / Die Jury- und Zuschauer:innenvotes sind auch in diesem Jahr wieder extrem divergent, und tendenziell hat das Publikum klüger gewählt als die Jurys. Musik lebt vom Moment, und ich finde daher, 81bS23HC1CL._AC_UL640_QL65_dass die Jury ihr Votum schon der Generalprobe abgibt, gehört abgeschafft - auch die Jurys sollen nach dem ESC-Final-Auftritten über ihre Punkte entscheiden.

05 / Ich fände es gut, den deutschen Beitrag, auf gewisse Art und Weise zu kuratieren - von Musiker:innen: Ein Team von drei Musiker:innen entscheidet über den Weg der Auswahl, die Art des Liedes, des Beitrages etc. Nehmen wir doch nächstes Jahr einfach Herbert Grönemeyer, Stephanie Klos und Joy Denalane, und diese drei schreiben gemeinsam einen Song und suchen dann ein:e Interpret:in; oder sie suchen eine Interpret:in und schreiben ihr dann einen Song. Oder sie entscheiden sich, zur Dritt nach Stockholm zu fahren. Und im nächsten Jahr machen das dann Ute Lemper, Chima und Bela B - bildet absurde Teams und lasst sie kuratieren.


Ohren auf beim Deutschopopkauf

Bildschirmfoto 2023-04-14 um 12.28.57/// „Hier auf meiner langen Reise bist Du der einzige Passagier“, singt Poul Jacobsen in seinem Song, der auch „Passagier“ heißt. Klassischer Deutschpop könnte man im ersten Moment attestieren, aber hier hört man vor allem aber Bildschirmfoto 2023-04-14 um 12.29.18Rock durch, einen sehr basslastigen Sound-Teppich zudem, wie Indiepop, manchmal klingt PeterLicht so, auch wenn die doppelten Böden hier durch den Rocksieb gefallen sind. Jacobsen schickt dieses Lied einer EP voraus, die den sehr schönen Namen „ein Weg, der so nicht in den Büchern steht“ tragen wird, und auch wenn hier melodisch und lyrisch das Rad nicht neu erfunden wird, ist das Poprock mit einer sehr gesunden Mischung aus Melancholie, Wut und Understatement, das sehr in unsere Zeit passt. /// SOPHIA passt auch in unsere Zeit, in der sich der Schlager beim Bildschirmfoto 2023-04-14 um 12.30.01Deutschpop bedient und der Schlager sich den Deutschpop aneignet - irgendwo auf der Mittelspur der beiden Fahrwasser hat sich ein Subgenre herausgebildet; was erst einmal ein normaler Effekt der Popkultur ist: Scheinbar gegenläufige Phänomene graben sich gegenseitig das Wasser ab, nähern sich einander an, um dann schliesslich im eigenen Substil aufzublühen. So gesehen ist SOPHIA eine Art Kapitänin des neuen deutschen Schlagerpops: Ihre Einsamkeitsgassenhauer blähen Schlagertopoi wie Himmel, Ewigkeit, Kairos, behaupteter Kontrollverlust und so weiter mit den Verheissungen des Bubblegumpops auf: „Ich würde für dich tausend Sterne bewegen, ja, jeden Planeten / Die Erde soll beben / Ich will nur, dass du weißt / Du bist niemals allein!“ - so heißt es in dem Titelsong "Niemals Allein" ihres soeben erschienenen Debütalbums. Unter diesem lyrischen Empowerment liegt ein Soundteppich irgendwo zwischen Mark Forster und Helene Fischer, jedes Lied ist Uptempo gehalten und je nach Euphoriezustand als Ballade oder Eurodance zu antizipieren. Saugut gemacht und überragend öde. /// Da nimmt sich RAUHM einen ganz anderen Raum, obgleich man auch zu der Musik sagen könnte, dass sie sich aus zwei Quellen speist, die sich gegenseitig befruchten: Mit Mitteln des Cloud-Rap zieht RAUHM einen Deutschpopsong über Bildschirmfoto 2023-04-14 um 12.29.36das Wachsein in die epische Breite, die teils eine Breite erreicht, dass der Sing durchfällt. Dennoch: Zeilen, wie die, mit denen der Song „zwei Züge“ beginnt, muss man auch erst einmal schreiben können: „Wir reden übers wach sein /Pupillen werden weit. Zwei Züge später die Gedanken breit dann / Reden wir übers wach sein. Ich meine echte Worte. Sich nicht zu verlieren und jeden Satz auch so meinen.“ - das ist schon mehr als die low fruits allgemeiner Textbaukästen. /// Die neue Platte von „AnnenMayKantereit“ heißt „Es ist Abend und wir sitzen bei mir“ - und so klingt sie auch: Drei junge Männer sitzen bei sich. Ich kann damit nicht so viel anfangen, aber es ist natürlich völlig okay und gut und wichtig, dass es diese Band gibt: „Erdbeerkuchen, den musst Du mal versuchen.“ - wer kann da schon widersprechen? ///

Links /// < website > von SOPHIA /// und von AnnenMayKantereit /// Video von Poul Jacobsen /// Video von RAUHM ///


Eigenblutdoping

Das Eigencover als Album-Konzept - diese Idee hatten „die fantastischen Vier“ und „U2“

Bildschirmfoto 2023-03-20 um 13.04.01Zwei Bands, die es schon recht lange gibt, haben Alben herausgebracht, auf denen sie sich selber covern - „die Fantastischen Vier“ und „U2“. Da kann man ja schon mal die Frage aufwerfen, warum Bands zu diesem Mittel des Eigencovers greifen. Promotion-Sprech dürfte sein, dass die Bands wichtige Songs ihrer Karriere einer Frischzellenkur unterziehen, um ihre Tauglichkeit in aktuelleren Popgewändern anzutesten. Zudem bietet das Eigencover ebenso wie das Covern überhaupt auf recht direkte Weise das Potential von Pop im Allgemeinen: Das Neue wieder-erkennen.

Schauen wir also erst einmal auf die beiden Werke im Spezifischen: U2 haben für „Songs Or Surrender“ sage und schreibe 40 Werke ihres Oeuvres neu eingespielt. Darunter sind einige ihrer Hits wie „Where the streets have no name“, „One“ oder „I still haven’t found, what I’m looking for“ (Letzteres haben sie auf „rattle & hum“ sogar schon mal selbst gecovert) - es finden sich aber auch randseitige Lieder wie „11 O’Clock Tick Tock“ oder „Peace on earth“ in dieser Sammlung. Jedes Mitglied hat augenscheinlich 10 Lieder ausgewählt, denn 4 Teil-Alben tragen jeweils die Vornamen der U2s: Larry, Edge, Bono, Adam. Die Band hat die Songs größtenteils entschlackt, ihre Breitwandigkeit eliminiert und mit schlichtem Band-Sound - Bass, Gitarre, Gesang - aufgenommen - merkwürdiger Weise ohne Schlagzeug. Da Drummer Larry Mullen in letzter Zeit ohnehin leicht isoliert in der Band zu sein scheint und bei der Las-Vegas-Residency in diesem Jahr gar nicht spielen wird, nähren sich Spekulationen über dessen Ausstieg, wozu der Popticker jetzt nichts sagen kann. Aber wie dem auch sei: 40 Songs lang U2 ohne gigantische Edge-Gitarren-Flächen, ohne viel Produktionsaufwand, fast durchweg im gleichen Uptempo und ohne Schlagzeug - sorry aber: Schnarch!

Bildschirmfoto 2023-03-20 um 13.03.27Fanta 4 haben für ihre „Liechtenstein Tapes“ hingegen 15 ihrer Lieder neu aufgenommen und sich hierfür einen Bandsound ersonnen, der mutmasslich auch von ihrer Live-Band stammt - kaum noch Samples, funky-Bässe und Gitarrenlicks, hin und wieder mischt sich Hall unter Chöre und Bläsersätze oben drüber. Das ist zweifelsohne versiert in die Tat umgesetzt, aber wenn man ehrlich ist: So viel anders als die Originale sind diese Versionen dann auch nicht. Man kapiert einfach nicht den Mehrwert der Eigencover gegenüber ihren ursprünglichen Versionen.

Vielleicht liegt die lähmende Langweile der beiden Alben einfach an dem mangelndem Interesse an der Bands an ihren eigenen den Songs. Mit einer gewissen Berechtigung sind sowohl die Fantas als auch U2 offenbar davon ausgegangen, das Covern eigener Songs brächte als Konzept aufgrund der puren Nähe zum eigenen Werk bereits eine Idee für jeden Einlzelsong mit sich. Aber Covern existierender Lieder setzt auch immer voraus, dass man wirklich eine neue Idee an sie heran und in sie hinein trägt - ganz gleich, wer die Lieder schon einmal veröffentlicht hat. Aber hier herrscht wirklich zweimal gähnende Ideenleere. Nur das Cover von den Fantas ist wunderschön.


Merkste nicht selber?

Erkenntnis-Hacks in Popmemes: Dauerzustand Deichkind

4260393330894„Neues vom Dauerzustand“, so HEISST nicht nur Deichkinds neues Album, so ist auch die Dramaturgie eines neuen Deichkindalbums an sich - ihre Musik ist, seit sie die volle Wandlung von Deutschrap zum Diskurs-Elektropop vollzogen hat, ein Dauerzustand, und vom eben diesem berichtet ein jedes, neues Album. Verblüffender Weise ist ihr Popentwurf trotz seiner Fortdauer aber noch immer formbar und somit in der Lage, tatsächlich neu zu sein - womit wieder poptickers alter Aphorismus bewiesen wäre, nachdem wir im Pop das Neue wieder-erkennen. Im aktuellen Fall war schon die Vorab-Single von „in der Natur“ derart strange und deichkindisch, dass man selbst das bizar darin verbaute Jodeln als Teil ihres Soundentwurfes hinnahm: „In der Natur / Wirst du ganz langsam verrückt / Und plötzlich wünscht du dich so sehr zum Hermannplatz zurück.“ - so geht die Indernaturlyrik noch recht traditionell gebaut. Mit dem zuletzt ausgekoppelten „Kids in meinem  Alter“ dann sind Deichkind aber im Minimalpop ihrer Selbst angekommen: Das ist kein Lied mehr im eigentlichen Sinne, eher ein ironisch unterkühlter Rant, ein Pop gewordenes Meme, eine gesprochene, gebrabbelte Zustandsbeschreibung der Generation irgendeines Buchstabens, unter dem eine fast atonale Synthielinie und ein trappender Beat sitzen: „Er hat Fashion-Advisor, holt sich Klamotten-Packs / Wollte sich gesund stoßen mit Coronahilfen / Sehnsucht nach einer Zeit / Herr des Hauses / Hochgezüchtete Männerversteher*innen sind verunsichert“ - ein Pop-Proton weniger, und wir hätten es mit einem experimentellen Hörbuch zu tun, und das Hören dieser Musik ist weniger ein Hörerlebnis als vielmehr ein Endlos-Scrollen durch Zeitgeist spiegelnde Floskeln und Floskeln des verworrenen Zeitgeistes - gut, könnte man nun sagen: Das sind Sätze zur Rettung des Popfeuilletons, Du Spex-Blogger Du; aber man kann es auch einfacher sagen: Deichkind spielen spätestens mit „Neues vom Dauerzustand“ in der eigenen Liga.

Das Erstaunliche an der Stabilität des Signature-Sounds von Deichkind ist, dass die Geschichte dieser Formation derart von Personalwechseln geprägt ist, dass man in der Hinsicht schon von den Fleetwood Max des Deutschrap sprechen könnte - von den anfänglichen drei Rappern ist nur noch Philipp Grütering (alias Kryptik Joe) übrig - Malte Pittner und Buddy Buxbaum verliessen die Formation 2006 bzw. 2008, weil ihnen der neue Elektro-Sound missfiel, und der, der diesen Sound erfunden hatte, Sebastian Hackert, starb 2009. Live-Aushilfe Ferris Hilton wiederum wurde 2008 vollständiges Mitglied und schied 2018 dann wieder aus. Die nominellen drei festen Mitglieder sind heute neben Kryptik Joe, der wohl das kreative Zentrum ist, Sebastian „Porky“ Dürre und Henning Besser aka Dj Phono.

Ein anderes Lied auf dem neuen Album ist eine Aufzählung moderner Absurditäten, die stets mit dem aus Socialmedia-Forums stammenden irony-speech „merkste selber“ kommentiert werden: „Boomer haten, aber Bierschinken auf das Brot / Selbsthilfegruppen / Merkste selber, ne? / Datenschutz Setting bei WhatsApp einstellen / Cringe / Merkste selber!“ - da wird man gewahr, dass man es eben manchmal selber nicht merkt, sondern dass Deichkind es für einen merken müssen. Dann hören wir es und denken, wir hätten es selber gemerkt - die allmähliche Verfertigung des Gedankens beim Pop-Hören also.


Garage-Dancehall-Sturz

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Ohren auf Deutschpop werfen, Folge 24

/// Wenn man auf Garage-Band versucht, zu klingen wie eine Band, klingt man am Ende des Tages vielleicht wie die neue Single „In mir ist was kaputt gegangen“ von Finder - und also, ich meine das nicht negativ; jedenfalls nicht nur. Man könnte schon sagen, dass, dafür, dass was in ihm kaputt gegangen ist, der Sound dieses Liedes ein wenig glatt wirkt, es ein wenig wütender zugehen könnte, aber auf der anderen Seite strahlt etwas einsam Euphorisches aus dem Song, was wiederum ziemlich gut passt: „Ich brauche einen Kompass. / Ich brauche wen, der mir die Richtung zeigt / weil sich alles nur im Kreis dreht / und dann jeder einfach drüber steigt.“ - komischer Weise klingt dieses Lied auch ein wenig nach Heinz-Rudolf Kunze, und obgleich dieser sich kürzlich sprachlich missbräuchlicher über das Gendern aufregte, als das Gendern es jemals sein könnte, meine ich auch das nicht negativ: „In mir ist was kaputt gegangen“ sucht musikalisch und lyrisch Wege aus der Einsamkeit, die in der Summe berühren. Bildschirmfoto 2023-02-24 um 10.35.46/// Filigraner geht es bei Ketzberg zu, von dem hier schon vor Kurzem die Rede war, als „Wenn ich ich seh“ heraus kam. Diese und andere Singles hat der Songwriter nun zu der EP „immer“ gebündelt, die einerseits zeigt, dass der jazzige Popsoul Potential hat, aber vielleicht noch nicht austariert und variiert genug daher kommt, um für die Dauer eines Albums zu funktionieren. Andererseits: EPs boomen eben genau deswegen, weil Künstler:innen im Streamingzeitalter austarieren, wo für längere Strecken nachhaltige Popentwürfe stecken, und so wie und wo Ketzberg seinen trocken Bildschirmfoto 2023-02-24 um 10.11.12Sound sucht, irgendwo zwischen Justin Timberlake und Roger Cicero, denen er gesanglich in nichts nachsteht, wird er ihn auch finden. /// Nina Chuba  hat ihn schon gefunden: Ihr TikTok-Teenie-Dancehall rund um den Konsum-Fetisch-Hit „Wildberry Lillet“ hätte mir persönlich auch als EP gereicht, aber wer spricht schon von mir, wenn es um TikTok-Teenie-Dancehall geht? Weder bin ich Teen, noch nutze ich TikTok oder höre Dancehall. Dennoch erstaunlich, dass man TikTok-Teenie-Dancehall überhaupt auf ein Album ausbreitet, denn die Währungseinheiten hier sind Playlisten und Follower (von denen Nina Chuba auf TikTok eine halbe Millionen hat). Dieser Pop auf diesem Album „Glas“ macht jedenfalls Spass, und was sind das für irre Texte, die Pops Versprechen Freiheitsdrang par excellence zelebrieren: „Mexico-City, Mangos mit Chili / Palm-Trees sind groß und die Röcke sind mini / Es hat sich gelohnt, hab' keinen Job im Büro / Meine Sterne stehen gut zwischen Dreck und Graffiti / Ich nehm' alle mit, schreibe auf Inseln / Tour’ durch die Charts, wenn ich da grade hinwill / Und falls ich ma' für ein paar Tage verschwinde / Komm’ ich zurück mit einem strahlenden Grinsen.“ /// Man sollte „Amor & Psyche“, das Debüt-Album der Augsburger Elektro-Popper Bildschirmfoto 2023-02-24 um 10.11.42„Fliegende Haie“, auf keinen Fall unmittelbar nach Nina Chuba hören, denn was bei Chuba unverblümt und jugendlich daher kommt, ist bei den fliegenden Haien Attitüde. Nun ist Attitüde seit je her ein Baustein von Pop, aber wenn es angestrengt fresh ist, wirkt es eben kalkuliert. Wenn man es aber nicht mit der Wildberry-Lillet-Nonchalance von Chuba vergleicht, hat man größere Chancen, weitestgehend genre-befreite Elektro-Club-Musik mit Störgeräuschen und Originalitätsboni zu hören, und hinter dem trashigen NDW-Anleihen finden sich urplötzlich verstörendere Zeilen - wie in dem Song „Venus“, in dem es Sexualisierung und Sichtbarkeiten geht: „Je mehr sie von dir haben / desto weniger hast du dich.“ - in dieser Musik steckt vielleicht mehr Tiefe, als ich darin erhören kann, aber das liegt wohl eher an mir, als an der Musik. /// Vor ziemlich genau einem Jahr hat der Songwriter „Janner“ ein Album Bildschirmfoto 2023-02-24 um 10.35.28veröffentlicht, das „Vor dem Hörsturz“ hieß, und heute nun erscheint seine neue LP „Nach dem Hörsturz“; und den Hörsturz hatte der Musiker tatsächlich, und so kann man den neuen Songs mit bestem Grund eine Art Musiker-Wiedergeburt als Thematik attestieren: „Was wir geschafft haben, hat uns geschafft / es gibt keine Schuld / Atme durch.“, heißt es in „Atme durch“, ein anderes Lied heißt „Aufwachraum“ - vielleicht der stärkste Song auf dieser Platte: Flächige Synthies, auf denen sich eine Gitarre ausbreiten kann, während darunter Bass pulsiert und Beats tropfen. Irgendwo zwischen Singer- und Songwriting-Pop, der die Fühler in Rap und Soul ausstreckt, findet das Album keine rechte Mitte oder ist für sich genommen zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass man die Mitte erkennt. Dennoch macht es Spass, hier einem Musiker beim Sich-Wieder-Finden zuzuhören. ///

 

Links

Video-Premiere < Finder / in mir ist was kaputt gegangen >  am 24.02.23 um 17 Uhr ///

Website < Ketzberg > /// Video < Nina Chuba / Mangos mit Chilly > ///

Website < fliegende Haie > /// YouTube-Kanal von < Janner > 


Post-Atemlos

Wo steht Deutschpop? Eine Fragestellung anhand 5 heute erschienener Singles

Wenn man sich erinnert, wie sich die Neue Deutsche Welle in den 80ern selber zu Grabe trug, indem der Markt vollkommen Kometübersättigt wurde und man sich zudem dem Schlager anbiederte, kann man sich heute fragen, ob Deutschpop gerade an selbiger Schwelle steht - kurz davor im eigenen Hype zu ersticken; oder aber: Sich am erweiterten Schlagerentwurf im Post-Helene-Fischer-Atemlos-Zustand gesund zu stossen. Schaut man zum Beispiel auf die heutigen Charts, sieht man auf Platz 02 einen Song von Udo Lindenberg und Apache 207. Der Rocknroller und der Trap-Beat-Rapper finden für „Der Komet“ in der Schlager-Referenz einen gemeinsamen Nenner - auch wenn mich wahrscheinlich beide für diese Analyse erschiessen würden. Aber man kann das Ganze ja auch positiv sehen: Seit Helene Fischer Schlager zu Pop gemacht und Deutschpop sich in Silbereisen-Sphären entgrenzt hat, seit sogar Gangster-Rapper über psychische Gesundheiten sprechsingen, scheinen alle Genregrenzen Makulatur. LeyaUnd der leicht verschleppte Trap-Beat, der sogar Udo und Apache zusammen bringt, ist ein Kleister, der verschiedenste Einflüsse zusammen halten kann.

So auch die neue Single „neu verliebt“ der Newcomerin Leya Valentina (Videopremiere 20.01.23 um 19 Uhr < Hier >) - hier dient der dem Hip-Hop entlehnte Trap als flächiges Fundament für eine Ballade, auf der Valentina einerseits mit tremolofreier, breiter Stimme singt, als ginge es um Soul, während sie anderseits kurze Sprecheinwürfe dazwischen zieht („ist ja völlig klar“) - Aylivaheraus kommt ein Genrehybrid, der sowohl TikTok-affin als auch schlagerparadentauglich ist; und ich meine das durchaus positiv. Auf ähnliche Weise sucht Sängerin oder Rapperin AYLIVA die Schnittstelle zwischen Deutschpop in Schlagernähe und Trap-Rap von ums Eck - ihr Song „Sie weiß“ handelt von einer möglichen Trennung und streckt textlich auch die Hände in Richtung deutschsprachigem Soul. In Letzterem ist die Band „Ketzberg“ zuhause, deren Sänger Paul Köninger beim leider verstorbenen Roger Cicero in die Schule gegangen sein könnte - seine Intonation zumal auf der neuen Single Ketz„wenn ich sie seh“ - findet fast schon Jazz-Anleihen. Auch wenn das Songwriting vielleicht nicht ganz hinterher kommt, ist das ein Popentwurf, den ich sehr spannend finde. Deutlich rockiger geht es bei der Band „KICKER DIBS“ zu, deren Sound nun Dibstatsächlich nicht dem Schlager zuzuordnen ist - da bekomme ich nun selbst mit ganz viele Heribert-Faßbender-Vibes keine Überleitung hin; aber egal: Bei der Single "Son Gefühl" ist Sebastian Madsen zu Gast, und zusammen kommt dabei ein Song irgendwo zwischen Kraftclub und Mark Forster. Er handelt von einer gewissen Reizüberflutung in Zeitalter der sozialen Medien: „Ich hab da keine Meinung, ich bitte um Entschuldigung.“ - Videopremiere 20.01.23 um 18 Uhr < Hier >.

Was ich mit diesem Schnelldurchlauf durch diese samt und sonders heute erschienenen Lieder erzählen will, ist, dass der Deutschpop tatsächlich einerseits einheitlicher, gleicher wird und sich andererseits schon sehr breit aufstellt - an den Rändern passt so einiges noch rein. Und man weiß tatsächlich nicht, ob diese Verbreiterung der Ausweg aus einer Deutschpopkrise ist - oder wir erst an der Schwelle zu dieser stehen, weil der Markt implodieren könnte. Letzteres glaube ich eigentlich nicht, da, um einen Markt zum Implodieren zu bringen, erst einmal ein Markt da sein müsste, aber das ist ja fast nicht der Fall: Nie war es schwerer, als Musiker:in Geld zu verdienen, als heute - zumal wenn man neu hinzukommt. Das ist anders als bei der NDW, da konnte man mit paar Singles reich und berühmt werden.

 


Die zwei Zeitbegriffe des Pop

Song-Jubiläen und ihre Schockmomente

Hitme01Lieder, die wir lieben, erinnern uns an die Zeit, zu der wir sie lieben gelernt haben - als hätten sie das Gefühl und die Umstände, zu denen wir sie das erste mal gehört hatten in sich eingeschlossen. Auch ganze Alben können uns in der Zeit zurück transportieren, wir kennen die Kratzer und Sprünge unserer alten Vinyl-Version, und manchmal braucht es für diese Zeitreisen nicht einmal eine hohe emotionale Bindung an Song oder Album - Radiohits zum Beispiel, die wir, ganz gleich, ob wir sie gut finden, zu einer bestimmten Zeit oft gehört haben, transportieren die Erinnerungen an diese Radiozeit.

Gleichzeitig zu dieser Stetigkeit transformieren sich Lieder, und wie wir sie hören, in der Popgeschichte, und sie altern, werden von denen, die sie heraus gebracht haben, anders gespielt, sie werden gecovert oder gesampelt, sie laden sich mit neuer Erinnerung auf, weil zum Beispiel unsere Kinder sie plötzlich hören, und man hört ihnen also ihr Alter an.

Zwei Zeitbegriffe schlagen ach in Pop-Songs Brust - einerseits die lineare Zeit, die, wenn auch subjektiv, voran schreitet, andererseits die stehende Zeit, die ein Gefühl pur und wie wir es vor 10, 20, 30 Jahren hatten, unveränderlich konservieren kann, und die scheinbar endlos dieses Gefühl wieder und wieder vermitteln kann. Aus diesem Grund der zwei Zeitbegriffe, die in der Popmusik wohnen, schockieren uns Jubiläen von Liedern und Alben: Plötzlich wird uns bewusst, dass zwischen der gealterten Rezeption und der frisch gehaltenen Erinnerung eine Differenz von 20 Jahren klafft, und diese Differenz, fällt auf uns zurück - wir sehen unser Alter im Spiegel eines Songs oder einer ganzen Langspielplatte: Was? Vor 20 Jahren lief „smells like teen spirit“ auf MTV?

Hitme02Nun haben wir wieder so ein Jubiläum, das schockieren könnte: 20 Jahre „(Hit me) … Baby one more time“ - und wir so: Whaaaaat? Mir ging es jedenfalls so. Der Hit von Britney Spears steht aber auch ikonografisch für Britney einerseits und für eine MTV-Dominanz im Pop im Allgemeinen andererseits, weil sich Britney und ihr Schuluniform-Look bis hin zur anfänglichen Pausenglocke in dem Video in unser Hirn gebrannt haben, ganz gleich, ob wir den Song mögen oder nicht. Er transportiert gleichzeitig seine Zeitlosigkeit und seine bewegte Geschichte bis hin zum einstigen öffentlich-psychischen Kollaps von Britney. Wir sehen uns im Spiegel dieses Hits, ohne den es im Übrigen diesen Blog auch nicht geben würde: Happy Birthday also!