Pop mit Konzept

Kollektive Gefühls-Felder

"Man votet nicht politisch.", sagt der ehemalige Popbeautragte der Bundesregierung, Dietmar Poppeling über den ESC 2022 - unser alljährlicher Eurovision-Talk diesmal mit hübschen Fotos von tollen Verpackungsmaschinen 67611ea3.600x400

POPTICKER Herr Poppeling, wie hat Ihnen der ESC vorgestern gefallen?

POPPELING Gut.

Prima. Dann bis nächstes Jahr.

Musikalisch gut. Vom Visuellen her, nun ja, ein gewisser Overkill, und die Show mitsamt den Moderator:innen so mittel.

Der Mythos, der ESC sei unpolitisch ist, so die allgemeine Einschätzung, ziemlich ins Wanken geraten.

Das ist auch sicherlich nicht völlig verkehrt, aber man muss trotzdem differenzieren, denn die Menschen voten nicht politisch - sie voten in allererster Linie emotional. Dass aus der Entscheidung dann als eine politische Botschaft gelesen wird, wie jetzt mit dem Sieg der Ukraine, ist natürlich dennoch nicht totaler Blödsinn. Der ukrainische Beitrag aber hat es vermocht, die emotionale Konstellation der Solidarität mit einem angegriffenen, im Krieg befindlichen Land aufzunehmen und zu bündeln. Das kann Musik eben. Insofern ist der Sieg des „Kalush Orchestra“ durchaus mit musikalischen Mittel erreicht worden. Das darf man auf keinen Fall klein reden.

Wie gefällt Ihnen der Song „Stefania“ denn persönlich?

Ich kann damit ehrlicher Weise nicht so viel anfangen. Die Hook, die der Chor singt, ist enorm catchy, und  vermag wie gesagt in wenigen Zeilen und Tönen die Geschundenheit aber auch den Stolz des ganzen Landes einzufangen, der Rap ist toll, die Flöte erinnert man auch sofort, und allein dass ein Beitrag ohne eine einzige englische Zeile den ESC gewinnt, finde ich erst einmal prima. Aber persönlich, nein, gefällt mir der Song nicht. Aber ich sehe sofort ein, dass Millionen von Zuschauerinnen das anders sehen.

Mit ihrer These der emotionalen Entscheidung von eben diesen Millionen, die den Sing gewählt haben, lässt sich auch erklären, warum die Jurys der Ukraine deutlich weniger Punkte gegeben haben. Weil die Jurys eben NICHT emotional wählen?

89-1000-1Diese These, werter Herr Gieselmann, ist natürlich Unfug.

Und warum, Herr Poppeling?

Die Jurys voten nicht unemotional - sondern in anderer emotionaler Konstellation; und kommen daher zu anderen Entscheidungen. Allein schon, weil sie nicht die Show sehen - sondern ihre Entscheidung nach einer Probe fällen, wirft sie eher auf sich zurück, als auf bestimmte kollektive Gefühls-Felder -

Oho!

- Gefühls-Felder von Mehrheiten. Der Effekt, das sich ein Raum auf etwas einigt, allein WEIL man in einem Raum ist, und wenn ebendies sich aus der ESC-Halle  mitsendet und dann viele für die Ukraine anrufen, davon ist die Jury, davon sind die Jurys nicht beeinflusst. Aber sie gehen vielleicht schlecht gelaunt in den Tag, und dann erreicht sie ein fröhlicher Titel mehr als eine Liebes-Ballade. Daher sind die Jury-Votes mitnichten professioneller als die der Publika - im Gegenteil, sie sind um Weiten privater.

Nicht zum ersten Mal wurde Kritik laut, nachdem aus jedem Land egal ob von Jury oder TV-Publikum Punkte nur an zehn Länder gehen. Platz 11 bis Platz 25 aus jedem Land bekommen die gleiche Punktzahl - nämlich Null. Auch Peter Urban hat in dieses Horn gestossen; nicht zuletzt, weil Deutschland wieder mal Letzter wurde: „Du kannst 40 Mal im guten Mittelfeld landen und hast immer noch keine Punkte. Insofern ist dieses System ungerecht, das prangern wir schon länger an.“

Holz-verpackung-posch-packfix-967x725Urban sagt auch (Link < HIER >), dass jeder Beitrag Punkte bekommen sollte, und ja, ich finde schon, dass das dann gerechter würde, da hat er Recht. Aber man müsste sich dann eben davon verabschieden, dass die Höchstpunktzahl 12 ist. Mit dem „Our twelve points go to … SWEDEN“ wäre es dann vorbei. Und diese 12-Punkte-Tradition abzuschaffen, das wäre ein Tabubruch. Ich fände das auch grauenhaft, aber es wäre vermutlich eine Punktereform, die den Wettbewerb gerechter und als besser machen würde, und spätestens im dritten Jahr davon, dass jeder Beitrag sagen wir 2 bis 50 Punkte bekäme, hätte man die 12 Points vergessen.

Dann hätte Deutschland auch ein paar Punkte mehr.

Gewiss, aber darum sollte es nun nicht gehen - wenngleich auch ich finde, dass unser Beitrag in diesem Jahr besser war als sein Ruf; aber was willste machen.

Welcher Beitrag hat Ihnen denn am Besten gefallen?

Ganz klar „De Diepte“ aus Holland, eine klassische, unheimlich tolle ESC-Ballade, die sehr clever gebaut ist - ein Harmoniedurchgang für je Strophe, Bridge oder Refrain dauert genau 10 Sekunden, und diese 10-Sekunden-Module sind dramaturgisch toll arrangiert - mit seichter Steigerung zunächst und abklingendem Bombast und großer Bremse hinten raus. So muss man das machen. Toll. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich mochte die gelben Wölfe aus Norwegen, die dem Wolf eine Banane geben wollen, bevor er die Großmutter frisst. Das war herrlicher Quatsch.

Aber Sie waren das nicht? In einer finnischen Zeitung wurde gemutmasst (< HIER > der Link), Sie steckten unter einer der gelben Wolfsmasken.

Doch doch, das war ich.

Wußte ich es doch. Und wen, so frage ich jedes Jahr wieder, sollte Deutschland im nächsten Jahr zum ESC schicken?

Wilhelmine.

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Dietmar Poppeling ist Poppproduzent und -theoretiker. Er war Popbeauftragter der Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Er lebt in Nürnberg und ist eigentlich sonst nur < HIER > im Popticker zu finden. Und auf Facebook < HIER > - dort auch seine Disko- und Biografie.


Vom Dirigat zur LED-Wand

Die Geschichte der Song-Inszenierung beim ESC

Esc-look-11Der Eurovision Song Contest ist ja, wie immer wieder erinnert wird, an und für sich ein Wettbewerb von Kompositionen gewesen - die Interpret:innen waren sozusagen Teilnehmende in der zweiten Reihe. Sicher wurde dies in der Praxis auch zu Zeiten nicht so wahr genommen, als noch die Song-Komponist:innen ein Orchester dirigierten - Pop, ob man es will oder nicht, steht und fällt mit denen, die singen. Das Orchester ist folglich dem Playback gewichen, live performt nun Frontfrau oder -mann, und diejenigen, die den Song komponiert haben, werden in eingeblendeten Credits erwähnt oder aber mit etwas Glück von den jeweils Kommentierenden erwähnt. Meist sind es heute auch wie im internationalen Popgeschäft üblich ganze Teams von Menschen, die die Songs zusammen geschraubt haben - ich kann die Quelle leider nicht mehr nennen, aber ich habe irgendwo gelesen, dass zum Beispiel im letzten Jahr durchschnittlich 3,75 Komponisten an den Song-Beiträgen gearbeitet haben.

Seit also das Orchester nicht mehr spielt und dirigiert werden muss, zeigt die Kamera nichts anderes mehr, als diejenigen, die den Song performen, oder eben so tun, als ob sie ihn performen. Naturgemäss wuchs der Anspruch daran, wie man eben dies tut, und also begann man die Auftritte zu inszenieren. Diese Inszenierungen haben, wie wir wissen, einige absurde Stilmittel hervor gebracht - Trickleider, Stabhochwackel-Choreographien, hüpfende Delfine, Schlittschuhe auf Kunsteis-Platten und so weiter; und diese Kuriositäten sind vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es für das Live-Inszenieren von einzelnen Songs keine historischen Beispiele gibt. Sicher, es gab in der TV-Geschichte Sendungen wie „Top Of The Pops“, aber hier genügte für den Inszenierungsfaktor der Glamour-Faktor etlich anwesender Stars, beim Songcontest kann sich nicht auf Star-Power verlassen werden, der Song ist es, der inszeniert werden soll. Und mit eben der Inszenierung, spätestens, ist der ESC kein Kompositionswettstreit mehr, sondern ein Popwettbewerb, weil in der Popmusik, wie Dietrich Diederichsen so treffend definiert, Akustisches wie Visuelles „zusammen fällt“.

Bildschirmfoto 2022-05-13 um 22.21.17Das Inszenieren von drei Minuten Musik ist inzwischen völlig entgrenzt - die LED-Leinwände, Feuerkanonen, Nebelmaschinen und Bühnen-Requisiten werden immer raffinierter, mit planbaren Kameraperspektiven lassen sich virtuelle Treppen, Mondlandungen und surreale Landschaften in Echtzeit herauf beschwören. Wer in diesem Jahr das erste Halbfinale geschaut hat, und vermutlich lässt sich das auch über das Zweite sagen, musste allerdings das Gefühl bekommen, dass die technische Entgrenzung an ihrem Zenith angekommen ist - wer wenig inszenierte hatte quasi sein Ticket ins Finale gebucht, und mit wenig ist hier ein Ausmass gemeint, dass noch vor zehn Jahren als Overkill wahrgenommen worden wäre. Ich habe allerdings den Eindruck, dass dies nicht nur daran liegt, dass man diese Sendung inzwischen mit dem Gefühl sieht, meine Augen rebellieren gleich gegen alle Effekte, es hat auch was damit zu tun, dass all der Feuerfontänen-Bombast die Skepsis provoziert, hier wird kein Song mehr inszeniert, hier wird eher vom Song abgelenkt. Es ist halt so: Irgendwas muss man schon meinen, wenn man auftritt. Sicher, ein gewisses Mass an Ironie ist sicher auch nicht hinderlich, aber man muss den ESC vor allem Ernst nehmen, sonst ist man verloren und wird verlieren, das wird auch an diesem Samstag so sein.


ikonisch ironisch

Warum distanzierter Schlager überhaupt möglich ist

Commissario Brunetti ermittelt ja mitten in Venedig auf Deutsch - dieses ZDF-Konzept in Popschlager zu übersetzen, auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Ob dieser Popentwurf aus der Brainstormhölle, in der Redaktion von Jan Böhmermann oder bei einer schwer durchzechten Nacht entstanden ist, wir wissen es nicht. Was wir indes wissen, ist dass dieser Entwurf in die Tat umgesetzt wurde und derzeit sogar auf der Spitze der deutschen Albumcharts steht: Auftritt „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ - für diese Formation hat man sich eine fiktive Bandgeschichte erdacht und diese mit reichlich blödsinnigen Daten angereichert - frühen Erfolgen bei einem brasilianischem Schlager-Festival etwa, oder einem Debüt-Album namens „Greatest Hits“, dem Bandzerwürfnis und schliesslich dem Comeback mit dem derzeitigen Album „Mille Grazie“. 

Original

Man muss den deutschsprachigen Italoschlager dieses Longplayers nicht gehört haben, um erkennen zu können, dass wir es hier mit einem ironischen Popkonzept zu tun haben. Um so erstaunlicher ist aber, dass die Kernbotschaft dieser Musik, eine sich hingebende Leidenschaft für Italien, die Liebe und das Leben dennoch ungefiltert durch das ironische Breitband-Antibiotikum der unsinnigen Formation hindurch kommt. Und das bei einem derart antiseptisch unironischen Kern-Genre, dem Schlager. Wie ist das überhaupt möglich? 

Dazu muss man vielleicht erst einmal ein wenig ausholen.

In der Rhetorik ist Ironie bekanntermassen die erkennbare Diskrepanz zwischen Gesagtem und tatsächlicher Intention des Geäusserten. Die Erkennbarkeit erzielt man dabei mit Signalen der Distanzierung - zum Beispiel dadurch, dass man Gesagtes gestisch oder stimmlich markiert. Wenn zwei Menschen sich gut kennen, und unter ihnen die Ironie als Code anerkannt ist, muss Gesagtes nicht kenntlich gemacht werden. In der Kunst wiederum, in der sich Sender und Empfänger von Botschaften nicht unbedingt kennen, kann man sich auf ironische Effekte erst dann verlassen, 0602445062171wenn sie als künstlerisches Stilmittel etabliert sind - das muss man aber eben für jedes Werk, jeden Roman, jedes Skulptur neu tun. Das heißt praktisch nichts Anderes, als dass ich bestimmte Stilmittel bewusst übertreibe oder anderweitig abhebe, so dass sie augenscheinlich werden. In der Popmusik wiederum, bei der das bewusste Übertreiben, Zitieren, Markieren und kenntlich Machen ohnehin zu den konstatierenden Stilmitteln gehört, ist die Ironie also präsent, auch wenn sie als distanzierendes Mittel gar nicht gewollt ist - sie ist jenseits von Inhalten Resultat der Form und bezieht sich auch auf diese.

Diese Art der Formenironie wiederum erzeigt das große Referenz-Potential von Pop. Man kann sich der Inhalte bestimmter Genres nämlich zu eigen machen, in dem man deren Stilmittel übertreibt und anderweitig kenntlich macht. Wenn ich zum Beispiel in einem Folksong Flamenco zitiere, distanziere ich mich nicht von dessen potentiellen Inhalten, sondern lasse diese im Gegenteil bewusst mitschwingen. Womit wir bei der Antwort auf die Frage angekommen wären, warum es ironischen Schlager überhaupt geben kann - im Übrigen sind  „Roy Bianco & die Abbruzanti Boys“ natürlich nicht die Ersten, die das versuchen. Dagbobert beispielsweise, der große schweizer Liebes-Skeptiker mit dem tiefen Glauben an das Lied, hat den Schlager bereits philosophisch mit Indiepop unterwandert; Alexander Marcus hat einen Soundtrack für die Fusion von Schlager-Move und Loveparade erfunden, der Musiker Drangsal hat kürzlich erst Postpunk in die Schlagernachhilfe geschickt und dafür sogar vom Feuilleton gute Noten bekommen, und die „Crucci Gang“ hat Klassiker des Deutschpop durch eine italienische Espressomaschine gejagt - schade übrigens, dass es die Spex nicht mehr gibt.

Doch zurück zum Italo-Schlager: Auf Deutschlandfunk wurden die beiden Kernmitglieder von  „Roy Bianco“ & die Abbruzanti Boys“ gerade interviewt (namentlich Herr Roy Bianco und Herr Abbruzanti Boys), und in der Ankündigung zu diesem Beitrag wurde deren Presse-Info zitiert, nach der sie das fiktive Narrativ dieser Band niemals verlassen würden. Leider erwiesen sich die beiden Interviewten dann eher als mittelmässige Darsteller ihrer selbst erschaffenen Kunstfiguren: Ihrem feinsinnig ironisiertem Italo-Pop-Schlager sind sie sozusagen schauspielerisch nicht gewachsen. Dennoch eine bemerkenswerte Veröffentlichung, in der die Kulturgeschichte der Ironie skizziert ist - Konzeptpop von hoher und gleichzeitig unfassbar blödsinniger Schule.


Schönheit und Anmut

Tears For Fears mit neuem Album nach 18 Jahren Pause

Wenn man sich die Geschichte der Popmusik anschaut, so könnte man als eine ihrer Mechaniken die Sehnsucht vieler Genres nach ihrer eigenen Entgrenzung betrachten - als wären also Genres und Sub-Genres, Kategorien und Schubladen der Popmusik Organismen, die aus sich selber treten möchten, durch Zellteilung, um Bild zu bleiben. Und es braucht gleichermassen Bands und Interpret:innen, die ihr jeweiliges Genre am Leben halten, ausdifferenzieren und es hegen und pflegen, als auch solche, die dem natürlichen Instinkt nach Erneuerung und Entgrenzung nachspüren. 

Wenden wir nun diese Sichtweise auf den Synthiepop der 80er an, so fallen einem sofort für beide Vorgehensweisen Beispiele eine - Bands also, die dem Synthiepop treu blieben und teils bis heute sind - wie a-ha, Depeche Mode, Eurythmics oder die Pet Shop Boys; genauso wie Formationen, die Auswege aus den doch recht starren Popentwürfen des New Wave suchten. Hier wären Talk Talk zu nennen, die zwar schon ihrem eigentlichen Genre  ein paar der elegantesten, und verschachtelsten Hits der 80er überhaupt abrangen, sich aber dann auf den Weg machten, orchestrale und jazzige Elemente in ihre Musik zu ziehen und einen Artpop kreierten, der in seiner düsteren Spleenigkeit bis heute seinesgleichen sucht; oder Spandau Ballet, die den reinen Synthiepop tatsächlich als eine der Ersten ad acta legten, nämlich als dieser noch gar nicht richtig boomte: Ihr 1984 erschienenes, drittes Album “true“ definierte ihren Signature-Sound: Loungepop mit Spuren von Rock, unfassbar weissem Soul und einer gehörigen Prise Barjazz. Oder aber, um die solle es heute gehen, Tears For Fears. Das Duo hatte mit „shout“, „mad world“ oder „everybody wants to rule the world“ veritable Hits und hätte es sich damit bequem machen können. Stattdessen nahmen sie ein riesiges Budget in die Hand, engagierten das Who is Who der damaligen Popmusik als Gaststars und nutzten Beatles’ „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ als Blaupause für eine Flucht aus dem Synthiepop: Drei Jahre Arbeit mündeten 1989 in dem Album „seeds of love“, eine virtuose Melange aus Artpop, Jazz, Blues, Folk und ihrer musikalischen Heimat, dem New Wave. Auf dem Weg zu dem Album feuerten Curt Smith und Roland Orzabal die eigentlich angedachten Produzenten Clive Langer und Alan Winstanley, und Orzabal übernahm den Job dann selbst.

Cover-tippingpoint

Und auch für ihr diesjähriges Comeback feuerten sie Soundtüfteler: Ihr eigentliches Label verordnete ihnen die Hipster-Produzenten Florian Reutter und Sacha Skarbek, aber das hat wohl nicht funktioniert. Wie dem auch sei: 18 Jahre nach ihrer letzten Platte ist im Februar nun „the tipping point“ erschienen, eine erratisches, philosophisches, nachdenkliches Werk, auf dem nicht die Machart, der Stilmix und der Bombast im Vordergrund stehen - sondern Songwriting. Die Lieder handeln vom Alter, vom Tod, von der Welt und der Eigenwahrnehmung, und Tears For Fears ziehen die Register ihrer Soundmittel behutsam und virtuos, um diese ihre Lieder emotional nahe zu bringen - der Opener "no Small thing" klingt nach Folk und 70er, der Titelsong zieht breite Flächen mit dem dem Synthesizer, "my demons" ist stampfender Rock, um nur drei Beispiele zu nennen. Und wie sie sich gesanglich einbringen, paritätisch, ergänzend, chorisch, abwechselnd, widersprechend oder zustimmend, das beherrschen sie nach 30 Jahren Bandgeschichte mittlerweile perfekt - man macht schon gar keine einzelnen Stimmen mehr aus, sondern man verortet den Gesang ganz einfach bei Tears For Fears. Das Duo schöpft aus der eigenen Geschichte und steht sowohl zu seinen 80er-Wurzeln als auch zu den Eskapaden ihrer Befreiung aus den 80ern, und ebendiese Versöhnung mit allen Phasen der Bandgeschichte macht "the tipping point" zu einem Alterswerk und befreit quasi "the seeds of love" von der Last, ein Wendepunkt zu sein. Schönheit und Anmut dieser Musik sind wohl das Ergebnis einer langjährigen Frage, wie Popmusik sein kann.


Posthyperpop

CRASH - das neue Manifest von Charli XCX

Mutmasslich das erste Sub-Genre der Popmusik, welches massgeblich durch TikTok geprägt wurde, dürfte der Hyperpop sein - ein, wie der Name schon sagt, Konzentrat von Pop, Pop also auf die Spitze getrieben, zentrifugiert, eingekocht und emulgiert. Hyperpop ist für normalen Pop das, was Tomatenmark für frische Tomaten ist. Dieser Vergleich ist übrigens vielleicht auch Unsinn - klingt aber gut. Dem Hyperpop voraus ging die von Katy Perry eingeleitete Hookokratie, die Dominanz also des Refrains, der Hook über das gesamte andere Song-Geschehen: I kissed a girl. Dieser Pre-Hyperpophit war nach strengsten 15-Sekunden-Baustein-Prinzipien konstruiert: Strophe, Bridge, Refrain und B-Teil - alles dauert bei diesem Song exakt 15 Sekunden, und in diesem Sinne ist „I kissed a girl“ mit seiner auf die 100-stel Sekunde stoppbaren Dauer von 3 Minuten auch der Prototyp des ESC-Songs als solchem.

Aber der Hyperpop eben machte aus den 15-sekündigen Bauteilen 5-Sekünder, aus der Hookokratie einen Partikelpop, bei der letztlich jedes freie Radikal eine Hook ist - kurz: Hyperpop klebte Hyper an Pop. Mit ihrer frei-radikalisierten Partikel-Single „… ready for it“ nahm Taylor Swift schon 2017 einige Hyper-Ideen vorweg, während letztes Jahr Olivia Rodrigo dem ultra-beschleunigten Bildschirmfoto 2022-03-23 um 15.33.35Hyperpop mit „drivers license“ eine Ballade abrang, aus der weltweite Songwriting-Camps wiederum den Versuch ableiteten, Lieder zu schreiben, die jenseits vom Strophe-Refrain-Prinzip seicht-stetes Crescendo suchen - vielleicht ist die Musik von Rodrigo also im gewissen Sinne Posthyperpop. 

Selbiges (Posthyperpop sei hiermit konstatiert) könnte man über das neue Album von Charli XCX sagen. Die Engländerin ist eigentlich bislang ein Hyperpopstar, aber mit dem Tracks auf „CRASH“ übt sie sich nun in Retrotechniken: Sie klingen nach Kylie in den Nullern, Technopop der 90er und Eurodance der 80er. Wer als Boomer diese Musik hört, würde erst einmal denken, alles sei hier beschleunigt und übertrieben, aber wer frühere Tracks von Charli XCX kennt, muss aus dieser Perspektive wohl eingestehen, dass ihre neue Platte eher eine Entschlackung darstellt. Summa Summarum leidet dieses Album aber letztlich doch noch an einer Kinderkrankheit des Hyperpop: Das Konzept ist stärker als das Ergebnis. Man merkt dieser Musik immer die Idee an, bevor die Effekte dieser Idee zünden. Das Ganze ist also nicht nur Posthyperpop - sondern erzählt auch von einem Posthyperpophype. Und insofern ist dieser Text hier ein Posthyperpophypepost.


Zeitgeistige Verhaltenstherapie in Eierkarton-gedämmten Probenkellern

Drei Bands mit deutschen Texten in den Pop-Startblöcken

Bildschirmfoto 2022-03-04 um 11.47.38Bei der Band „Verhaltenstherapie“ weiß man erst mal nicht so recht, wozu man geladen ist. Bei dem Namen erwartet man eine Indie-Band mit Postpunk, wenn nicht gar ohne die Vorsilbe Post, aber das stimmt dann so gar nicht. „Verhaltenstherapie“ machen elektrischen Indiepop, und dahinter steckt ganz offensichtlich auch keine Band - sondern eine Einzelperson, der Schauspieler, Regisseur und eben Musiker Gordon Kämmerer. Sein Popentwurf schwirrt irgendwo in der Nähe von NDW mit absichtlich billigen Hip-Hop-Beats, spleenigen Texten und in seinen Videos auch einigen visuellen 80er-Remiszenzen - wenngleich mir Kämmerer, kaum 30 Jahre alt, jetzt natürlich hinterher rufen könnte: „He? Achtziger? Ok Boomer.“ Sein neuer, erst zweiter Song jedenfalls heißt „alte Liebe“ und wirft mal wieder die gute alte Frage auf, die Pop an sich immer gut tut: Wie zur Hölle ist das gemeint? „Wo mein Herz mal war, ist nun ein schwarzes Loch. Alles zieht hinein, Leere herrscht im Kopf. Still liegt die Luft und eisern dröhnt die Zeit. Kein Licht mehr da. Für gar nichts mehr bereit.“  - diesen Refrain könnte man fast in Duktus eines Schlagers singen, aber das Soundbett und die Art und Weise, wie das bei „Verhaltenstherapie“ gesungen wird, hat so gar nichts Inbrünstiges - eher schon eine provokative Beiläufigkeit, mit der die milleniale psychische Rückbesinnung konterkariert wird. Man weiß also nicht, wohin man geladen ist, aber freut sich durchaus, zur „Verhaltenstherapie“ eingeladen zu sein. 

Bildschirmfoto 2022-03-04 um 12.04.02„Florian Paul & Die Kapelle der letzten Hoffnung“ ist Deutschpop mit  bratzigen Bläsern - diese Band ist wunderbar und klingt nach „Element Of Crime“, aber jünger, nach Max Raabe vielleicht, nur rockiger, nach „Faber“ nur ohne Wien - die kürzlich erschienene Single „Zeitgeist“ mit der Bildschirmfoto 2022-03-04 um 12.20.43Eröffnungszeile „Warum bauen die ihr scheiss Parkhaus direkt vor meinem Fenster“, dem Refrain „Mach’s gut lieber Zeitgeist, du hast mich enttäuscht“ und einem mitreissendem Trompeten-Solo ist herrlich - die würde man gerne mal live sehen. Aber auch zum Kochen taugt das gut. Und meine Tochter kann es auch schon mitsingen - was will man mehr?

Die Formation „4 Stock“ ist ein wenig klassischer in ihrem Popentwurf - aber nicht minder sympathisch. In den drei Liedern ihrer aktuellen EP „höhere Gewalt“ verquirlen sich Gitarrenpop, Reggae-Rhytmen, fluffiger Rock, Ska-Bläser aus der Ferne, WahWah-Riffs, Funk-Prisen und zeitlos sozialkritische Texte alter Schule zu einem OK-boomigen, sorry Wortspiel, Rocktail - oh Gott, noch eines. Wobei hier eine Band am Werk zu sein scheint, die diesen Namen noch verdient: "4. Stock" klingen, als hätten sie den klassischen Band-Keller mit Bierkästen und Eierkartons in den Knochen, als hätten sie sich in unzähligen Kneipen, Sälen und Festivals die Finger wund gespielt, wie immer man das nach zwei Jahren Pandemie hinbekommt - um so schöner also, dass es noch solche Bands gibt: „Die Propheten haben gelogen, und jetzt irren wir durch Zeit und Raum. Die Propheten haben gelogen, der Trip ist aus, aus ist der Traum.“ 

Links:

< bandcamp Verhaltenstherapie > / < Website Florian Paul > / < Website 4. Stock >


Pop in den Startblöcken meets Songs zum Sonntag

Bildschirmfoto 2022-02-13 um 12.06.38/// Der Song, der wie ein Bond-Song klingt, ist ja im Grunde eine Genre für sich, da der Bond-Song als solcher ja nur James-Bond-Songs vorenthalten ist. Die neue Single der Sängerin, Songschreiberin und Produzentin Carla Lina, „higher“, ist nicht ganz, ein Song, der wie ein Bond-Song klingt, der aber wie ein Bond-Song beginnt: Klavier-Akkorde, tiefe Stimme, Harmonie-Anlage - aber dann hebt das Ganze ab und flaniert in einen Eurodance-Snythiepop-Hit, öffnet sich und fliegt weg. Das ist versiert gemacht: Als Produzentin kennt Carla Lina die effektive Dramaturgie der Pop-Euphorie und als Sängerin setzt sie diese auch um - mit tiefem Soul-Timbre, das sie ansatzlos auch in Höhen schrauben kann. Lina versteht ihr Handwerk. Das Songwriting ist vielleicht noch nicht der Weisheit letzter Schluss, „you make feel higher“ ist eine Hook-Line aus dem Werkzeugkasten der Popgeschichte, aber Carla Lina sucht nach einem originären Popentwurf, und Suchen bringt mit sich, dass nicht jedes Element der Weisheit letzter Schluss ist. Bildschirmfoto 2022-02-13 um 12.08.40/// Mit Referenzen ist das ja so eine Sache - manches Mal können Sätze wie „diese Band klingt wie…“ an ebendiesen Bands kleben bleiben, und daher sollte man nicht leichtfertig irgendwas in der Richtung in den Raum werfen. Die Promotion für die Band „Jacob Fortyhands“ nennt als Referenzbands „The 1975“ und „Coldplay“, und das muss man nicht eigentlich fast nicht nennen, weil es schon sehr stimmt: Die wie Carla Simons oben erwähntes Lied ebenfalls vorgestern, am 11.02. erschienene, neue Single der Band, „feels like forever“, hat den Breiwand-Gestus einer Coldplay-Single, der entsteht, wenn eine nominelle Rockband Pop spielt: Keyboard und Gitarre legen ein Bett, auf dem es sich der Sänger Lukas Heitmann mit schönster Melodie bequem macht, untendrunter tummelt sich ein angenehmer Uptempo-Beat, und für Bridge und Refrain macht sich der Himmel auf. Diese Band ist nahezu erschreckend versiert in dem was sie tut, und als dritten Referenzpunkt würde ich der Promotion noch „Vampire Weekend“ hinterher rufen - der Drummer versteckt Afrobeat-Anleihen ähnlich geschickt wie die artpoppigen Wochenend-Vampire. „Jacob Fortyhands“ ist eine echte Entdeckung. /// Links: der YouTube-Kanal von Carla Lina und Die Website von Jacob Fortyhands ///


Kräuter der Provence

Sound und Parolen sind heute narrativer: Die neue Platte von Tocotronic

Drei Menschen wünschen sich „nie wieder Krieg“ in dem Lied „nie wieder Krieg“ von Tocotronic: Ein Mann auf einer Raststätte, eine Frau auf einem Balkon und ein vom Mond und von Dir beobachtetes Kind. Wie diese spezifischen Skizzen von Situationen, in denen die geschrieene, auf behauchtes Fenster und an eine Wand geschriebene, jeweils sehr subjektive Sehnsucht, es möge nie wieder Krieg geben, eine klassische Tocotronic-Parole in eine Geschichte dreht, steht ein wenig für die Dramaturgie der Band Tocotronic im Allgemeinen: Ihre Anti-Floskeln sind heute Narrative.

Bildschirmfoto 2022-02-03 um 09.15.09Daran kann man wiederum auch, noch allgemeiner dann eigentlich, ablesen, wie schwer es ist, den Kern von so etwas wie einer Band, immer wieder funkeln zu lassen: Popmusik ist so sehr in der Zeit verwurzelt und somit auch in der Alters-DNA der Mitglieder einer Band eingeschrieben, dass der Weg dahin, so zu klingen, wie man eben klingt, immer völlig anders sein kann, auch wenn man dann im Ergebnis hört: Ah, klassisches Tocotronic-Album. Bei „nie wieder Krieg“ wird dennoch deutlich, dass sich nicht nur die Floskeln zu Narrativen gemausert haben, auch der Klang der Band ist sozusagen in den Lücken fülliger geworden, der Sound ist auch narrativer, wenn man so will: Streicher, Gitarren-Arpeggi oder die Sängerin Soap & Sink ziehen die klassischen Toco-Riffs in die Breite, in dem sie sich in die Lücken setzen. Einmal singt Dirk, der noch immer nicht in Seattle ist, fas t schon über diese Vorgehensweise, wenn er eine Pizza aufpeppen will: „Mit Kräutern der Provence / hab’ ich keine Chance“.

Gleichzeitig wird auch die alte Technik, mit einer Zeile der Lyrics die vorangehende in einen anderen Bedeutungszusammenhang zu drehen, perfektioniert: „Ich geh unter / ferner liefen / in die Geschichte ein /das muss dir klar sein / wenn du dich mit mir triffst / die Welt verändert sich / ohne mich“, singt Dirk von Lowtzow in dem Lied „Ich geh unter“, und damit nicht genug, treiben Tocotronic die Sinndrehung über das Zeilenende hinaus auch über Liedergrenzen hinweg, wenn auf der Platte diesem Song „Ich geh unter“ das Stück „Ich tauche auf“ folgt, obgleich, wie wir eben gehört haben, das Untertauchen gar nicht vom Wasser handelt. Und auch der schon erwähnte Titelsong „nie wieder Krieg“ dreht die Parole auf der Rückseite seines Narrativs wieder in die Parole, indem Song und Album mit dem Refrain beginnen.

Vielleicht ist diese Sprachkunst auch überwundener Naivitätsverlust von von Lowtzow, der früher Zeilen schrieb, die partout in kein Lied passten und gerade dadurch ihre Reize entfalteten. Will sagen: Die Nerdigkeit und Weigerung ist dem Formwillen gewichen, und dies stellt sich als sehr würdevolle Art der Alterung einer Band heraus. Ich habe allerdings nie viel Tocotronic gehört, aber dieses Album ist wirklich großartig.


Emotions-Anleihen

Instant-FOMO: Der Helene Fischer-Ticket-Pre-Sale-Wahnsinn

Der Vorverkauf hat begonnen - wenn der Freedom Day abgefeiert, unsere halbjährliche Impfung Alltag geworden und die Ampel-Koalition 16 Monate im Amt gewesen ist, geht Helene Fischer auf große Tournee - 60 Konzerte plant die Eurodance-Sängerin ab Frühjahr 2023 zu ihrem gerade erschienenen Album „Rausch“; und ein Rausch soll auch das Konzerterlebnis werden. Die Show wird ihr auf den Leib geplant - und zwar von niemand Geringerem als dem Cirque Du Soleil. Auf einem Schwan zur Bühne fliegen, inszeniert von DJ Bobo, war gestern. Der Promotext verspricht, dass "Die Erfolgskünstlerin mit ihrer Vielseitigkeit, Wandlungsfähigkeit und ihrem Wagemut einmal mehr Gesang, Tanz und Artistik zu einem Gesamtkunstwerk von ungeheurer Grandezza und Intensität verbindet.“ - klingt als habe die Sache schon statt gefunden. Hier finden also zwei Phänomene zueinander, die immer wieder mal miteinander flirten: Pop und Zirkus. Was sie verbindet ist die zunächst sinn-entkoppelte Hingabe, die auf anderer Ebene wieder mit Inhalt und Emotion aufgeladen werden kann, eine hingebungsvolle Leerstelle, die leuchtet, weil sich ihr hingegeben wird. Wenn Fischer ihre Entgrenzungslyrik in der Melodie eine Quart höher schraubt, werden Trapezkünstler:innen an Schaukeln über die Köpfe des Publikums schweben. Die Menschen werden mit offenen Mündern in den Veltins- und Mastercard-Hallen stehen, denn das wird alles ganz sicher ziemlich erstaunlich.

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Die volle Live-Überwältigung ist dabei eigentlich die visuelle und logische Konsequenz aus dem antiseptischen Entgrenzungs-Pop von Helene Fischer. Als ich von der kommenden Tour las, war ich allein schon von der Ankündigung so eingenommen, dass ich dachte: Da muss selbst ich hin. Obwohl das Ganze erst in eineinhalb Jahren losgeht, setzte bei mir eine Instant-Fear-Of-Missing-Out ein. Himmel! Selbst die Pre-Sale-Paket-Namen sind von lyrischer Promo-Schönheit. Wer sich jetzt schon ein Ticket sichert, der hat die Wahl zwischen dem „Blitz! Early-Entry-Paket“ (ab 249 Euro), dem „Jetzt-Oder-Nie-Hot-Ticket“ (ab 279 Euro) oder dem „Wir werden Eins - Golden-Circle-Paket“ (ab 299 Euro). Egal für welches Package man sich entscheidet, dazu buchen kann man dann noch das „Helene Fischer Collector Ticket im Design der "Rausch - Live" Tour 2023“ - eine Plastik-Karte mit gestanztem Baumwoll-Band, das sicher auch noch mal 30 Euro oder so kostet. Man hat das Gefühl, hier werden nicht Eintrittskarten verkauft - sondern Emotions-Anleihen auf die Zukunft.

Wer das von aussen betrachtet, der findet das sicher befremdlich, aber man hat auch den Eindruck, dass hier ein Scheitern ausgeschlossen wird - wer heute schon so viel Geld für eine Ereignis ausgibt, dass im März 2023 stattfindet, der wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch begeistert sein, im März 2023. Es ist dies ein Termingeschäft mit Überwältigung, das man mit der Ticketfirma eingeht, und Helene Fischer ist die Erfolgsgarantin für diesen Kaufvertrag. Man wünscht sich fast, dass man dazu gehört und das auch irre finden und über ein Jahr Vorfreude haben könnte.


Der Schalk im Nacken des Vergessens

Neue Platten von Maite und Michael-Patrick Kelly

Die Geschwister Maite und Michael-Patrick, einst Mitglied der in den 90ern absurd erfolgreichen Kelly-Family, veröffentlichen heute beide neue Alben. Zwischen diesen Platten zieht sich ein Panoptikum auf, das auf eine gewisse Weise exemplarisch für die deutsche Poplandschaft als solche angesehen werden kann.  Während Michael-Patrick Kelly auf seiner Platte „B.O.A.T.S“ einen sphärischen Folk-Rock sucht und ihn in Form eines kitschigen Well-Made-Pops findet, Maitehat Maite Kelly das Identitäts-Angebot des Schlagers angenommen und präsentiert auf ihrem Album „Hello“ klassischen Helene-Fischer-Franchise. Zwar sind die beiden Kelly-Platten vom Stil also höchst unterschiedlich, dennoch stehen beide für eine Pop-Spielart, die so nur in Deutschland möglich beziehungsweise erfolgreich ist: Beide segeln im Schlager-Fahrwasser, weil sie Hedonismus mit äusserst unhedonistischen Mitteln predigen.

Das ist per se natürlich nicht verwerflich sondern ein völlig legitimes Mittel, um sich der heutigen, mehr als unübersichtlichen Welt zu nähern, beziehungsweise um akustische Angebote der Ablenkung anzubieten. Was beiden Platten aber abgeht, ist das Augenzwinkern hinter den Popentwürfen, der Schalk im Nacken des Vergessens aller Schwierigkeiten. (Wie das funktioniert, dazu muss man sich unter den heutigen Neuerscheinungen nur einmal eine Platte weiter klicken - in die Guest-Edition von Kylie Minogues letzter Platte „DISCO“: Der hier zelebrierte Sound wird mit derartig ironischer Leidenschaft am Rande der Perfektion vorgetragen, dass es eine Freude ist.) Aber offenbar möchten anders als ich die meisten Pophörer:innen diese campe Durchlässigkeit nicht hören, sondern statt dessen eben die Illusion authentischer Emotion.

Irgendwie kommt mir das abwegig vor, aber dann hört man Maite Kelly diese Strophe des Songs „So lange Sehnsucht in mir lebt“ singen: „Ich leb’ im Schatten der Routine, und man sieht es mir nicht an. Ich lenk’ mich nur ab, Paddykämpf mich durch den Tag, denn irgendwann komme ich an.“ - und dann denkt man: Vielleicht ist das tatsächlich ihre Lebenssicht, vielleicht zeigt sich in solchen Zeilen der Versuch einer tiefschürfenden Klarheit und echten Authentizität. „Für Gefühle kann man nichts, zwischen Wahrheit oder Pflicht“, singt Maite an anderer Stelle, und das lässt mich dann denken, dass ironische Brechung hier einerseits völlig fehl am Platz wäre, andererseits aber vielleicht durchaus Teil dieser Popmusik ist, und ich sie nur nicht höre, weil sie anders verbaut wird, als Kylie Minogue das macht. Auch Zeilen wie „You tell me you're okay / But your voice don't match the words you said“ aus Patrick Kellys Song „blurred eyes“ hat nicht die Doppelbödigkeit, die ich an Popsongs liebe, aber was für mich versatzstückhaft klingt, kann man durchaus auch als gradlinige Ehrlichkeit lesen.

Man kann es nicht aufklären, denn es geht hier um Geschmack, klar. Aber man kann durchaus mit offenen Ohren zur Kenntnis nehmen, dass die beiläufige Relativierung des eigenen Popentwurfs nicht das Mass aller Dinge sein muss. In dem Schlager einer Maite Kelly oder dem Folk Pop ihres Bruders steck irrsinnig viel Pathos und Kitsch. Aber irgendwo kommt der her. Und hat seine Berechtigung, auch wenn das nicht gefällt.

nota bene: Maite Kellys Platte ist schon im März erschienen. Heute neu ist eine Bonus-Edition dieses Albums.